Die gesundheitliche Versorgung kranker oder behinderter Menschen in vorgeschichtlicher Zeit: Ein Indikator für altruistisches Verhalten? (Teil 2)

Wie in Teil 1 des Textes über die gesundheitliche Versorgung kranker oder behinderter Menschen in vorgeschichtlicher Zeit deutlich geworden ist, sind entsprechende Behauptungen, wie sie in der Presse und leider auch von Archäologen selbst, wenn sie in Interviews um eine Interpretation ihrer Funde gebeten werden, (aber interessanterweise nur sehr selten in Beiträgen in Fachzeitschriften,) zu finden sind, mit Vorsicht zu genießen, denn oft wird von einzelnen Funden oder gar einem einzelnen Fund allzu stark generalisiert, und oft wird der Phantasie bei der Interpretation der Funde/des Fundes freier Lauf gelassen.

Der unzulässigen Generalisierungen und Übertreibungen ungeachtet existieren Funde aus vorgeschichtlicher Zeit, die schwerlich einen anderen Schluss zulassen als den, dass das Individuum, zu dem die Knochen gehörten, aufgrund starker Behinderung langfristige Pflege oder Hilfe von Anderen erhalten haben muss, weil es sonst nicht so lange hätte überleben können, wie es – gemäß der Datierung mit Bezug auf das Sterbealter, die die Knochenfunde ergaben, überlebt hat.

Im ersten Teil es Textes wurde schon über „M9“, den Fund der Überreste eines jungen Mannes aus einer neolithischen [jungsteinzeitlichen] Gemeinschaft im heutigen Vietnam berichtet. Er starb im Alter von 20 bis 30 Jahren, und er litt an einer angeborenen Fusion der Wirbelsäule, die zu einer in der Kindheit einsetzenden Lähmung mindestens des unteren Körpers, aber möglicherweise einer Lähmung oder Teillähmung beider Arme und beider Beine, führte. „M9“ muss für mindestens ein Jahrzehnt vor seinem Tod schwerstbehindert gewesen sein, so dass er während dieser Zeit einer dauerhaften und aufwändigen Pflege und Versorgung durch Andere bedurfte; sein Überleben bis ins Alter von 20 bis 30 Jahren ist nicht anders erklärbar.

Man Bac, Quelle: Tilley & Oxenham, 2011

„M9“ ist – wie einer entsprechenden Aufstellung in der Doktorarbeit von Lorna Tilley (2013: Table 2.1, 13-16) zu entnehmen ist – aber keineswegs das einzige, das erste oder das früheste Beispiel für Versorgung und Pflege von Kranken und Behinderten in vorgeschichtlicher Zeit.

Da ist z.B. das von Paolo Graziosi in den 1960er-Jahren bei Grabungen in der Romito-Höhle in Calabrien, Italien, entdeckte (Teil-)Skelett, das als „Romito 2“ bekannt geworden ist. Es handelt sich dabei um gut 11.000 Jahre alte Knochen – mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit – eines jungen Mannes, der im Alter von 16 bis 18 Jahren gestorben ist. Er war nur zwischen einem Meter und 1,3 Meter groß, was wahrscheinlich eine Folge einer akromesomelen Dysplasie (Frayer et al. 1988; Mallegni & Fabbri 1995; oder einer sehr ähnlichen Folge einer genetischen Mutation; Tilley 2015: 69) war. Dabei handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung des Skelettes.

Radius und Ulna – die beiden Knochen im Unterarm – waren deformiert und nur etwa halb so lang wie das normalerweise der Fall ist. „Romito 2“ muss aufgrund der Fehlbildung des Skelettes einen abnormalen Gang gehabt haben. Aufgrund von Ellenbogengelenkanomalien konnte „Romito 2“ seinen Unterarm nur eingeschränkt strecken, nämlich bis auf 130 Grad (Tilley 2015: 69). Deformierte oder unverhältnismäßig stark verkürzte Handknochen sind ein charakteristisches Merkmal von akromesomeler Dysplasie, und dies dürfte die Griffstärke und Beweglichkeit der Hände von „Romito 2“ stark eingeschränkt haben (Tilley 2015: 69). Darüber hinaus war sein Schädel deformiert: die Schädelbasis war komprimiert, was wahrscheinlich zu einer Beeinträchtigung der Muskelkontrolle in den Gliedmaßen beigetragen hat und außerdem schmerzhaft gewesen sein dürfte. Er hatte eine ungewöhnlich ausladende Stirn, einen hervorstehenden Unterkiefer, und ein sehr flaches Gesicht mit kaum vorstehender Nase (Frayer et al. 1988). Seine motorische Entwicklung während der Kindheit dürfte verzögert gewesen sein; Kontrolle über Kopfbewegungen und die Fähigkeit, ohne Hilfe zu sitzen, dürfte er mit bis zu 6 Monaten Verspätung erworben, und die Fähigkeit, zu gehen, mit bis zu 12-24 Monaten Verzögerung.

Dies muss den anderen Menschen in der Gruppe aufgefallen sein, ebenso wie die (weitere) Verkürzung der Knochen von Armen und Beinen und der Handknochen mit dem Eintritt von „Romito 2“ ins Kleinkindalter, während andere Symptome wie die eingeschränkte Unterarmverlängerung erst im weiteren Verlauf der Kindheit oder gar in der Jugend von „Romito 2“ erkennbar geworden sein können (Langer & Garrett 1980; Olney 2014).

„If ‘feared’, Romito 2 would likely not have survived to adulthood; neglect in infancy would have been an easy option“ (Tilley 2015: 70),

d.h.

„[w]enn ‚befürchtet‘ worden ware, dass Romito 2 wahrscheinlich nicht bis ins Erwachsenenalter überleben würde, wäre seine Vernachlässigung während der Kindheit eine einfache Option gewesen“ (Tilley 2015: 70).

Aber offenbar wurde den Defiziten von „Romito 2“ mit Bezug auf seine Entwicklung und seine körperliche Leistungsfähigkeit Rechnung getragen, ebenso wie sein ungewöhnliches Aussehen als eben anders akzeptiert worden sein muss.

Quelle: Frayer et al. 1988: 551 (Figure 1)

Inwieweit „Romito 2“ dauerhafte Hilfe bei der Nahrungsaufnahme und der persönlichen Hygiene gebraucht hat, ist unklar, aber sicher ist, dass er mit Bezug auf das, was Tilley und Cameron (2014) „instrumental activities“ (im Gegensatz zu den oben genannten „essential activities“) nennen, stark eingeschränkt war: Weil er eine stark eingeschränkte Mobilität gehabt haben muss, kann er die Strecken über unebenes Gelände in einer bergigen Umgebung (wie sie anhand der Knochen der die Menschen in der Jungsteinzeit rekonstruiert werden kann), die seine Gruppe saisonal bedingt regelmäßig zurückgelegt haben muss, sehr wahrscheinlich nicht ohne Hilfe oder nur sehr viel langsamer als die anderen Menschen in seiner Gruppe bewältigt haben.

Und

„… the reduced stature and shortened limbs, along with other skeletal complications such as limited elbow extension, certainly impinged on this individual’s ability to participate effectively in typical male hunting activities“ (Frayer et al. 1988: 564),

d.h.

„… die verringerte Statur und die verkürzten Gliedmaßen, zusammen mit anderen skelettalen Komplikationen wie begrenzte Ellbogenverlängerung, hat die Fähigkeit dieses Individuums, effektiv an den typischen männlichen Jagdtätigkeiten teilzunehmen, sicher beeinträchtigt“ (Frayer et al. 1988: 564),

um nicht zu sagen: sehr weitgehend unmöglich gemacht. Dennoch scheinen bei der Ernährung von „Romito 2“ keine Abstriche gemacht worden zu sein:

„While quite possibly receiving special consideration in a number of areas (such as in relationship to mobility constraints), the most costly part of Romito 2’s care was undoubtedly provisioning; Romito 2 ate the same meat-rich diet as other group members  …, but had no way of directly contributing to this. Accommodation may not be as labour-intensive as ‘direct care’ …, but in Romito 2’s case the need for this care continued from infancy till death. In a small, often stressed, subsistence group, meeting Romito 2’s needs would require the cooperation of all economically productive members; this suggests a cohesive community with the willingness, intellectual flexibility and organisational skills necessary for managing a constant demand on scarce resources“ (Tilley 2015: 70).

D.h.

„Während er in einer Reihe von Bereichen (z. B. im Zusammenhang mit Mobilitätsbeschränkungen) möglicherweise besondere Rücksicht genoß, war der aufwändigste Teil der Pflege von Romito 2 zweifellos seine Versorgung [mit Nahrung]; Romito 2 aß dieselbe fleischreiche Ernährung wie andere Gruppenmitglieder  …, aber hatte keine Möglichkeit, direkt dazu beizutragen. Anpassung [an bestehende Defizite] ist vielleicht nicht so arbeitsintensiv wie ‚direkte Betreuung‘ …, aber im Fall von Romito 2 war diese Betreuung vom Säuglingsalter bis zum Tod notwendig. In einer kleinen, oft unter Druck stehenden Subsistenzgruppe wird die Erfüllung der Bedürfnisse von Romito 2 die Zusammenarbeit aller wirtschaftlich produktiven Mitglieder erfordert haben; dies deutet auf eine kohärente Gemeinschaft hin mit der Bereitschaft, der intellektuellen Flexibilität und den organisatorische Fähigkeiten, die notwendig sind, um eine konstante Nachfrage nach knappen Ressourcen zu bewältigen“ (Tilley 2015: 70).

Zwar hat Dettwyler (1991) bestritten, dass von den Überresten von „Romito 2“ auf besondere Rücksichten oder Gewährung von Hilfe zu seinen Lebzeiten durch Andere geschlossen werden könne, indem sie auf Menschen mit akromesomeler Dysplasie in der modernen Gesellschaft verwies, die als Zeichner beschäftigt waren, und indem sie darauf hinwies, dass Kinder bei den !Kung-Buschleuten lange Strecken durch die Kalahari zurücklegen können, aber diese Einwände sind nicht belastbar insofern „Romito 2“ eben nicht in einer modernen Gesellschaft und daher nicht mit den Beschäftigungsmöglichkeiten, die sie bietet, gelebt hat, und auch nicht durch eine Savanne über Sandböden wandern musste, sondern über deutlich schwierigeres Gelände – und dies mit den Skelett-Anomalien, die „Romito 2“ nachweislich gehabt hat (sofern man überhaupt meint, Überrtagungen von neuzeitlichen Jäger-und-Sammler-Gruppen auf vorgeschichtliche Jäger-und-Sammler-Gruppen vornehmen zu können).

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Ein weiteres Beispiel für einen prähistorischen Menschen, der trotz schwerer Behinderung bis zu einem Alter von etwa 30 Jahren überlebt hat (Trinkaus et al. 2001:1293), bietet das trotz seines Alters – es wird aufgrund einer Radiokarbondatierung auf ein Alter von 26.000 Jahren geschätzt – ungewöhnlich gut erhaltene Skelett „DV15“ aus dem im Jahr 1986 entdeckten Dreier-Grab aus der Grabungsstätte Dolní Vĕstonice II, benannt nach dem Fundort nahe des Dorfes Dolní Vĕstonice in der südmährischen Region der heutigen Tschechien Republik (Klima 1987).

Ob es sich bei „DV15“ um einen Mann oder eine Frau gehandelt hat, war jahrzehntelang umstritten – mit der Mehrheit der Wissenschaftler auf seiten einer Einschätzung des Skelettes als weiblich –, und die Anordnung von „DV15“ zwischen zwei Skeletten von ebenfalls im jungen Erwachsenenalter verstorbenen Männern war Anlass für phantasievolle Interpretationen, so z.B., dass es sich bei dem Dreier-Grab um das einer „Königin“ („queen“) und zwei ihrer Gemahle („consorts“) handle (wenn „DV15“ weiblich war), oder dass es sich hier um einen Beleg dafür handle, dass es gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen in den alten Cro-Magnon-Völker gegeben habe (wenn „DV15“ männlich war) (s. http://www.connellodonovan.com/dolni.html).

Alissa Mittnik, Chuan-Chao Wang, Jiří Svoboda, Johannes Krause, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Inzwischen ist geklärt, dass „DV15“ ein Mann war und dass er mit einem der beiden Männer, deren Skelette neben ihm lagen, mütterlicherseits eng verwandt war, wahrscheinlich sein Bruder war, während der andere der beiden Männer keine Verwandtschaftsbeziehung mütterlicherseits zu „DV15“ hatte, aber möglicherweise sein Halbbruder väterlicherseits war (Alt et al. 1997; Mittnik 2016). Es ist möglich, dass die Bestimmung des Geschlechtes von „DV15“ dadurch erschwert wurde, dass der Körper von „DV15“ schwere pathologische Veränderungen aufwies, die sich in seinem Skelett wiederspiegeln:

„Main pathological changes of the DV 15 skeleton include: asymmetric shortening of the right femur and of left forearm bones, bowing of the right femur, right humerus, and left radius, elongation of fibulae, dysplasias of the vertebral column, and very marked enamel hypoplasias“ (Formicola et al. 2001: 372),

d.h.

„[z]u den wichtigsten pathologischen Veränderungen des DV 15-Skeletts gehören: asymmetrische Verkürzung des rechten Femurs [Oberschenkelknochens] und der linken Unterarmknochen, Krümmung des rechten Oberschenkels, des rechten Humerus [Oberarmknochen] und des linken Radius [Speiche, ein Röhrenknochen im Unterarm], Dehnung der Fibulae [Wadenbeine], Dysplasien [Fehlbildung] der Wirbelsäule und sehr ausgeprägte Zahnschmelzhypoplasie [d.h. eine Störung der Zahnschmelzbildung]“ (Formicola et al. 2001: 372).

Hinzu kommen (u.a.) „… an unusual pattern of anomalies of tooth position and number …“, d.h. „… ein ungewöhnliches Muster von Anomalien der Zahnposition und –anzahl“ sowie starke Arthrose im rechten Schultergelenk und Gelenken zwischen den Knochen der Fingerglieder in der rechten Hand (Trinkaus et al. 2001: 1291). Die zuletzt genannten Befunde sind nach Trinkaus et al. 2001 (1291) Folgen des dauerhaften Tragens oder Ziehens schwerer Lasten:

„Although a variety of tasks might produce such a loading pattern, the ones that appear most likely are the carrying of heavy bags with a handle or strap across the hand or dragging objects behind oneself with a strap across the digits“ (Trinkaus et al. 2001: 1305),

d.h.

„[o]bwohl eine Vielzahl von Aufgaben ein solches Belastungsmuster erzeugen könnte, sind die wahrscheinlichsten das Tragen von schweren Taschen mit einem Griff oder Gurt über der Hand oder das Hinter-Sich-Herziehen von Gegenständen mit einem Gurt über den Fingern“ (Trinkaus et al. 2001: 1305).

Zusammen mit den anderen Behinderungen, die „DV15“ aufweist, illustrieren sie für Trinkaus et al.

„… the ability of the population to keep a severely affected individual alive through development, yet they also emphasize the necessity for all individuals to participate actively in the elevated mobility and overall activity levels of these earlier Upper Palaeolithic human populations“ (Trinkaus et al. 2001: 1291),

d.h.

„die Fähigkeit der Bevölkerung [der „DV15″ angehörte], ein schwer betroffenes Individuum während seiner Entwicklung [von Säugling bis ins junge Erwachsenenalter] am Leben zu erhalten; aber sie [die Arthrosen in Schultergelenk und rechter Hand] zeigen auch die Notwendigkeit für alle Individuen, aktiv an der erhöhten Mobilität und den allgemeinen Aktivitätsniveaus dieser frühen menschlichen Populationen des Oberen Paläolithikums teilzunehmen“ (Trinkaus et al. 2001: 1291).

Es scheint, dass die Fehlformungen des Skelettes von „DV15“ mehrhheitlich auf eine Variante von Chondrodystrophie (einer Erbkrankheit, unter der auch „Romito 2“ – in einer schwereren Form –  gelitten hat) zurückgehen und/oder auf Traumata, die „DV15“ bereits früh in der Kindheit erlitten hat (s. hierzu Formicola et al. 2001: 377). In jedem Fall muss „DV15“, auch, wenn er so gut wie möglich am normalen Leben seiner Gruppe teilgenommen hat, dauerhaft Hilfe durch Andere in seiner Gruppe erhalten haben und durch sie versorgt worden sein.

Noch bekannter als „Romito 2“ und „DV15“ und insofern bemerkenswerter als es sich um die Überreste eines Neanderthalers, der vor etwa 45.000 Jahren gelebt hat (Trinkaus 1982: 198), handelt, dürfte „Shanidar I“ sein. Der im Jahr 2019 im Alter von 101 Jahren verstorbene Ralph S. Solecki hat während der 1950er-Jahre in der Shanidar-Höhle in den Zagros-Bergen im Nordirak Grabungen durchgeführt und dabei Knochenfunde gemacht, die zu den Skeletten von zehn Neanderthalern gehörten, acht Erwachsenen und zwei Kindern. Es konnte kein vollständiges Skelett gefunden oder aus den Knochen rekonstruiert werden, aber das Skelett des männlichen Neanderthalers, der „Shanidar I“ genannt wurde, war das am besten erhaltene.

CC.4.0
Quelle: Pomeroy et al. (2020)

Es zeigte eine ganze Reihe von Traumata und degenerativen Erkrankungen, die zu Lebzeiten des Mannes vorhanden waren, die ihrerseits biomechanische Asymmetrien hervorgebracht haben. Lietava fasst die körperlichen Probleme, die der Mann im Leben gehabt haben muss, wie folgt zusammen:

„This is a case of an individual which is severely handicapped by polytraumatism and degenerative alterations of the articular system. The most severe affection was the right arm deformity, with which the man had lived long enough to develop reparation processes. The developed muscular attachments on the left upper limb bones and the pronouced trabecular architecture of the humerus … prove a left-sided compensation of the right-sided manual insufficiency. The unusually abraded teeth support the idea of further compensation of the defect by teeth use … The fracture of the left orbit’s lateral wall and the orbit’s narrowing justify the assumption that the man should have been blind in his left eye … A doubtless effect of the defective lower limb biomechanics was limping … (Lietava 1988: 187).

D.h.:

„Dies ist ein Fall einer Person, die durch Polytraumatismus und degenerative Veränderungen des Gelenksystems schwer behindert ist. Die schwerste Erkrankung war die Missbildung des rechten Arms, mit der der Mann lange genug gelebt hatte, um Reparationsprozesse zu entwickeln. Die entwickelten Muskelansätze an den linken oberen Extremitätenknochen und die ausgeprägte Trabekelarchitektur [Trabekel sind Strukturen aus Knochengewebe] des Humerus [d.h. des Oberarmknochens] … zeigen eine linksseitige Kompensation der rechtsseitigen manuellen Insuffizienz. Die ungewöhnlich stark abgeriebenen Zähne unterstützen die Vorstellung, dass der Defekt [des rechten Armes] durch Zahnnutzung kompensiert wurde … Die Bruchstelle an der Seitenwand des linken Orbits [d.h. der linken Augenhöhle] und die Verengung des Orbits rechtfertigen die Annahme, dass der Mann in seinem linken Auge blind gewesen ist. Zweifelsfrei war ein Effekt der defekten unteren Gliedbiomechanik, ein Hinken … (Lietava 1988: 187).

Quelle: Lietava, 1988: 184, Figure 1

„Shanidar I“ war also auf einem Auge wahrscheinlich blind, zumindest aber sehbehindert, sein rechter Schultergürtel war deformiert, sein rechter Unterarm amputiert, wobei der Grund für die Amputation wahrscheinlich ein verminderter Blutfluss im rechten Unterarm in der Folge eines doppelten Bruchs des Oberarmknochens war. Er hatte einen Gelenkschaden im rechten Knie, den er durch stärkere Belastung des linken Beines als des rechten auszugleichen versuchte, was zu einer Veränderung des linken Schienbeines und einem hinkenden Gang führte.

„Shanidar I“ war also auf einem Auge wahrscheinlich blind, zumindest aber sehbehindert, sein rechter Schultergürtel war deformiert, sein rechter Unterarm amputiert, wobei der Grund für die Amputation wahrscheinlich ein verminderter Blutfluss im rechten Unterarm in der Folge eines doppelten Bruchs des Oberarmknochens war. Er hatte einen Gelenkschaden im rechten Knie, den er durch stärkere Belastung des linken Beines als des rechten auszugleichen versuchte, was zu einer Veränderung des linken Schienbeines und einem hinkenden Gang führte. Darüber hinaus hatte er – gemäß einer späteren Studie von Trinkaus & Villotte (2017) ein „Surfer’s Ear“, d.h, eine Gehörgangsexostose, bei der ein gutartiges Wachstum von Knochengewebe im äußeren Gehörgang staffindet, das anfänglich kaum zu bemerken ist, aber mit der Zeit dazu führt, dass der Gehörgang immer kleiner und unregelmäßiger wird, man ständig das Gefühl hat, Wasser im Ohr zu haben, und dazu, dass man anfälliger für Entzündungen des Außenohres wird. gehörgangsexostose kann zu einer Einschränkung der Hörfähigkeit führen. Verursacht oder ausgelöst wird Gehörgangsexostose durch/von häufigen/m Aufenthalt in kaltem Wasser und Wind (Vallée 2024). Mit Bezug auf „Shanidar I“ kommen Trinkaus und Villotte (2017: 1 von 11) zum folgenden Ergebnis:

„He also exhibits advanced external auditory exostoses in his left auditory meatus and larger ones with complete bridging across the porus in the right meatus (both Grade 3). These growths indicate at least unilateral conductive hearing (CHL) loss, a serious sensory deprivation for a Pleistocene hunter-gatherer“,

d.h.

„Er zeigt auch fortgeschrittene äußere Gehörexostosen im linken Gehörgang und größere mit vollständiger Überbrückung des Porus im rechten Gehörgang (beide Grad 3). Diese Wucherungen deuten zumindest auf einen einseitigen Verlust des Schallleitungshörens (CHL) hin, eine schwerwiegende sensorische Deprivation für einen pleistozänen Jäger und Sammler“.

Der Schädel von „Shanidar I“ weist nicht nur die oben erwähnte Bruchstelle an der linken Augenhöhle, sondern auch Vernarbungen am rechten Stirnbein auf, so dass man davon ausgehen muss, dass er (auch) ein Trauma erlitten hat, das zur Schädigung des Frontallappens und des Motorkortex geführt haben kann (Trinkaus & Zimmerman 1982). Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Shanidar I eine Verletzung des präfrontalen Kortex davongetragen hat, die seine Persönlichkeit verändert, sein Urteilsvermögen eingeschränkt oder seine Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, beeinträchtigt haben kann. Dies wiederum könnte es erforderlich gemacht haben, dass sein Verhalten zu seinem eigenen Schutz – z.B., um ihn vor Stürzen zu bewahren oder davor, aufgrund eines beeinträchtigten Urteilsvermögens unnötige und ggf. zu große Risiken einzugehen – von Anderen beaufsichtigt werden musste.

Trotz all dieser körperlichen Beeinträchtigungen, die sukzessive im Verlauf seines Lebens eingetreten sind und ihm immer wieder zu bestimmten Zeiten in seinem Leben für eine bestimmte Zeit oder dauerhaft die Erledigung normaler, täglicher Arbeiten verunmöglicht haben und sich über seine Lebenszeit hinweg zumindest teilweise akkumuliert haben, ist „Shanidar I“ mindestens 30 und wahrscheinlich 40 bis 45 Jahre alt geworden (Trinkaus 1983: 39; Trinkaus & Villotte 2017: 2 von 11). Dies wäre ihm ohne Hilfe durch andere Gruppenmitglieder unmöglich gewesen.

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Diese Beispiele (es gibt weitere; das m.W. neueste ist das des Neanderthaler-Kindes aus der Cova Negra-Höhle in Spanien; Conde-Valverde et al. 2024) mögen als Belege dafür ausreichen, dass Menschen – homo neanderthalensis ebenso wie homo sapiens – in vorgeschichtlicher Zeit ihre Mitmenschen in der Gruppe, die mittel- oder langfristige Unterstützung, Pflege, Fürsorge benötigten und eine große Belastung für die Gruppe waren oder zu einer solchen werden konnten, während sie zum Wohlergehen der Gruppe kaum oder vergleichsweise wenig beitragen konnten, nicht einfach sich selbst bzw. ihrem Schicksal überlassen haben oder ihren Tod durch systematische Vernachlässigung beschleunigt oder herbeigeführt haben.

Dies wird in der Fachliteratur inzwischen sehr weitgehend akzeptiert, unabhängig davon, dass es Unstimmigkeiten mit Bezug auf einzelne Fälle von Knochenfunden gibt, die dies belegen oder eben nicht belegen mögen (s. hierzu Teil 1). Die Frage, die in der Fachliteratur diskutiert wird, ist also kaum mehr, ob Menschen vorgeschichtlicher Zeit (auch) schwer kranke oder behinderte Mitmenschen dauerhaft versorgt und unterstützt haben, sondern vielmehr die Frage nach den Gründen hierfür. Geschah dies aus Selbstlosigkeit bzw. Mitleid? Oder vielleicht aus Angst vor übernatürlicher Strafe bei Vernachlässigung Kranker oder Behinderter? Lag dem ein Verpflichtung auf Gegenseitigkeit zugrunde?

Diese Fragen werden Thema des 3. Teils dieser Reihe über die gesundheitliche Versorgung kranker oder behinderter Menschen in vorgeschichtlicher Zeit sein.


Literatur

Alt, Kurt W., Pichler, Sandra, Vach, Werner, et al., 1997: Twenty-five thousand-year-old Triple Burial from Dolní Věstonice: An Ice-age Family? American Journal of Biological Anthropology [ehemals: American Journal of Physical Anthropology] 102(1): 123-131

Conde-Valverde, Mercedes, Quirós-Sánchez, Amara, Diez-Valero, Julia, et al., 2024: The Child Who Lived: Down Syndrome among Neanderthals? Science Advances 10(26): eadn9310(2024).DOI: 10.1126/sciadv.adn9310.

Dettwyler, Katherine A., 1991: Can Paleopathology Provide Evidence for ‚Compassion‘? American Journal of Physical Anthropology 84(4): 375-384

Formicola, Vincenzo, Pontrandolfi, Antonella, & Svoboda, Jiři, 2001: The Upper Paleolithic Triple Burial of Dolní Vĕstonice: Pathology and Funerary Behavior. American Journal of Physical Anthropology 115(4): 372-379

Frayer, David W., Macchiarelli, Roberto, & Mussi, Margherita, 1988: A Case of Chondrodystrophic Dwarfism in the Italian Late Upper Paleolithic. American Journal of Physical Anthropology 75(4): 549-565

Klima, Bohuslav, 1987: A Triple Burial from the Upper Paleolithic of Dolní Vĕstonice, Czechoslovakia. Journal of Human Evolution 16(7-8): 831-835

Langer, L.O., Garrett, R.T., 1980. Acromesomelic Dysplasia. Radiology 137 (2): 349–355.

Lietava, Ján, 1988: A Differential Diagnostics of the Right Shoulder Girdle Deformity in the Shanidar I Neanderthal. Anthropologie XXVI(3): 183-195

Mallegni, Francesco, & Fabbri, Pier F., 1995: The Human Skeletal Remains from the Upper Palaeolithic Burials Found in Romito Cave (Papasidero, Cosenza, Italy). Bulletins et Mémoires de la Société d’Anthropologie de Paris 7 (3-4): 99–137.

Mittnik, Alissa, Wang, Chuan-Chao, Svoboda, Jiři, & Krause, Johannes, 2016: A Molecular Approach to the Sexing of the Triple Burial at the Upper Paleolithic Site of Dolní Věstonice. PLoS ONE 11(10): e0163019. doi:10.1371/journal.pone.0163019

Olney, Robert C., & Bober, Michael B., 2013: Skeletal Dysplasias, S. 55-72 in: Radovick, Sally, & MacGillivray, Margaret H. (Hrsg.): Pediatric Endocrinology: A Practical Clinical Guide. New York: Springer.

Pomeroy, Emma, Bennett, Paul, Hunt, Chris O., et al., 2020: New Neanderthal Remains Associated with the ‘Flower Burial’ at Shanidar Cave. Antiquity 94(373): 11-26.

Tilley, Lorna, 2015: Accomodating Difference in the Prehistoric Past: Revisiting the Case of Romito 2 from a Bioarchaeology of Care Perspective. International Journal of Paleopathology 8: 64-74

Tilley, Lorna, 2013: Toward a Bioarchaeology of Care: A Contextualised Approach of Identifying and Interpreting Health-related Care Provision in Prehistory. February, 2013. A thesis submitted for the degree of Doctor of Philosophy of The Australian National University. https://openresearch-repository.anu.edu.au/items/46ca0970-f6e6-4130-b3a1-b79c66ea6fa1/full

Tilley, Lorna, & Cameron, Tony, 2014: Introducing the Index of Care: A web-based Application Supporting Archaeological Research into Health-related Care. International Journal of Paleopathology 6: 5-9

Trinkaus, Erik, 1983: The Shanidar Neanderthals. New York: The Academic Press.

Trinkaus, Erik, 1982: Artificial Cranial Deformation in the Shanidar 1 and 5 Neanderthals. Current Anthropology 23(2): 198-199

Trinkaus, Erik, Formicola, Vincenzo, Svoboda, Jiří, et al., 2001: Dolní Vĕstonice 15: Pathology and Persistence in the Pavlovian. Journal of Archaeological Science 28(12): 1291-1308

Trinkaus Erik, & Villotte, Sébastien, 2017: External Auditory Exostoses and Hearing Loss in the Shanidar 1 Neandertal. PLoS ONE 12(10): e0186684. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0186684

Trinkaus, Erik, & Zimmermann, M. R., 1982: Trauma among the Shanidar Neanderthals. American Journal of Biological Anthropology [ehemals: American Journal of Physical Anthropology] 57(1): 61-76

Vallée, Andre, 2024: External Auditory Exostosis among Surfers: a Comprehensive and Systematic review. European Archives of Oto-rhino-laryngology 281(2): 573-578

 

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7Comments

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  1. 2
    oprantl

    Ich bin überzeugt, daß dieses altruistische Verhalten damals gegeben war.
    Allgemein gesagt, besteht der Gruppennutzen darin, daß solches die Gruppe stärkt. Auch wichtig, weil diese Gruppen offensichtlich klein waren.Das im Stich lassen Hilfsbedürftiger kann für eine kleine Gruppe tödlich sein.
    Weiterhin habe ich es bei unseren Katzen erlebt, daß einzelne Tiere sehr wohl altruistisches Verhalten gezeigt haben. In diesem Fall war es ein Kater, der sich sehr intensiv und aufwendig um einen neu dazu gekommenen, stark behinderten Jungkater längere Zeit gekümmert hat.
    Der behinderte Kater ist von einem Jäger mit zwei Hetzhunden ums Leben gebracht worden.
    Der Ältere Kater ist am nächsten Tag auf der Suche nach dem Jungen vom selben Jäger dann erschossen worden.Dieses schreibe ich, um zu zeigen, wie minderwertig Menschen und wie hochwertig Tiere im Anblick unserer Moral sein können.
    Deshalb meine Annahme, die Menschen der Vorzeit waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wesentlich weiter entwickelt und intelligenter, als Wissenschaftler (zumindest in der Vergangenheit) bisher angenommen haben.

    • 3
      Dr. habil. Heike Diefenbach

      Ich möchte dem 3. Teil eigentlich nichts vorwegnehmen, aber Sie deuten schon an, dass man nicht unbedingt von einem „reinen“ Motiv ausgehen muss und auch nicht davon, dass alle Menschen überall – von den Neanderthalern bis zum homo sapiens in der Jungsteinzeit oder gar noch später, in der Bronzezeit etc. – für gleiches oder vergleichbares Verhalten dasselbe Motiv gehabt haben müssen.

      Was Sie von den Katzen berichten, kann ich persönlich nachvollziehen bzw. bestätigen. Und unsere Erfahrungen werden auch von der Forschung gedeckt, wobei ich entsprechende Forschung über Primaten, über Affen und über Vögel recht gut kenne; aber vermutlich gibt es auch welche über andere Tiere, vielleicht sogar über Katzen?! (Aber da bin ich nicht sicher; ich neige dazu zu vermuten, dass sie mir als „cat lady“ schon einmal über den Wege gelaufen wäre, aber wer weiß …) Wie schade, dass Hetzhunde und Jäger altruistische Motive zumindest nicht mit Bezug auf Katzen bzw. die Katzen, die sie ermorden, nicht haben/ im von Ihnen geschilderten Fall: nicht gehabt haben! (Ich muss fairerweise dazusagen, dass ich meinerseits nicht weiß, wozu ich fähig wäre, wenn Hund oder Mensch eine meiner Katzen ermorden würde …)

      Vermutlich ist es aber bei allen Tieren, inkl. dem Menschen-Tier so, dass Mitleid und Altruismus gefühlt und gezeigt werden können – und werden -, aber nur in bestimmten Beziehungen, während andere Beziehungen eben einfach anders gerahmt werden, aus der Möglichkeit des Mitleids, geschweige denn: Altruismus, (weitgehend) herausgenommen sind. Nicht umsonst ist sehr weitgehender, (nahezu) bedingungsloser Altruismus in der Regel etwas, was Heilige (jedweder Religion) auszeichnet.

  2. 4
    ERINNERUNG

    Man kann nur das vermissen, was man kennt.
    Bei künftigen Forschungen unserer gegenwärtigen „Kultur“ wird wohl die ausgegrabene bunte Vielfalt der Funde als mühsam errungener Fortschritt einer verdämlichten „KI“-Gesellschaft eingeschätzt werden.
    Ich warte auf den Moment, daß „KI“ etwas Substanzielles zur Erweiterung menschichen Wissens oder der Lebensverbesserung beiträgt – vermutlich vergebens, woher soll’s denn auch kommen.

    • 5
      Dr. habil. Heike Diefenbach

      Ja, man kann die Hypothese aufstellen, dass die Institutionalisierung von Hilfe oder Betreuung – sei es durch Altenheime, das System der Gesundheitsversorgung inklusive Ärzten und Therapeuten, durch Betreuungsstätten für geistig Behinderte oder autistische Kinder …. – zumindest ein Stück weit (und die Frage ist für mich persönlich nicht so sehr ob, sondern inwieweit) vom Handeln (oder sogar Fühlen?) individueller Anteilnahme, individuellen Mitleids, individueller Hilfe entbindet.

      So ist es z.B. normal, dass Leute eine Prügelei, einen Überfall …. auf ihrem Telefon filmen (und das kann für spätere Ermittlungen, sofern sie stattfinden, ja auch nützlich sein) und vielleicht die Polizei, den Notdienst u.ä. rufen, aber nicht einschreiten, um zu helfen. Der normale Bürger wird ja auch von direkter Hilfe abgeschreckt, z.B. dadurch, dass er rechtliche Konsequenzen befürchten muss, wenn er zu helfen versucht, aber die Hilfe (vermeintlich oder tatsächlich) zum Tod dessen führt, dem er helfen wollte.

      Und es ist natürlich einfacher, es als die ultimative Hilfe aufzufassen, wenn man Hilfsbedürftige von ihrer Bedürftigkeit „befreit“ wie neuerdings durch aktive Sterbehilfe. Wer will dann wie Hilfe am Mitmenschen von Sozialdarwinismus unterscheiden? Hehere Motive behaupten kann jeder (und ich bestreite nicht, dass manche Leute auch mit Bezug auf Sterbehilfe solche Motive haben können, nur, dass man am Verhalten nicht erkennen kann, welches Motive demselben zugrunde lag).

      Wie würde KI zwischen Hilfeleistung/Pflege/Versorgung und der ultimativen Form derselben durch Befreiung von Hilfs-/Pflege-/Versogungsbedürftigkeit unterscheiden? Gar nicht? Wie auch immer – sie würde so entscheiden wie sie programmiert wurde zu entscheiden (auch die „lernende“ KI „lernt“ in Pfadabhängigkeit und das heißt – ausgehend von dem, was in sie eingespeist wurde) – von unseren jetzt lebenden Mitmenschen. Wie sich die KI entwickeln wird, sagt dann wenig bis nichts über die KI und sehr viel über uns heute lebende Menschen aus.

  3. 6
    Freiberufler

    Es heißt, dass Jäger und Sammler erheblich weniger „arbeiten“ müssen als Ackerbauern. Daraus ergäbe sich dann, dass die Ressourcen nicht so knapp sind, wie man vielleicht annimmt, und die Opportunitätskosten für die Versorgung Invalider fielen entsprechend geringer aus.

    • 7
      Dr. habil. Heike Diefenbach

      Guter Punkt! Ja, es gibt Zeit-Budget-Studien, die zeigen, dass die Menschen in zeitgenössischen Jäger und Sammler-Gesellschaften vergleichsweise viel „Freizeit“ haben, die sie z.B. in der Hängematte liegend verbringen (so z.B. die Aka-Pygämen). Nur: die untersuchten Gesellschaften sind eben keine prähistorischen (vielleicht benutzen zeitgenössische Jäger und Sammler keine modernen Technologien im eigentlichen Sinn, aber unter ihnen werden durchaus Leute in T-Shirts und Plastik-Badeschlappen angetroffen ….) und leben weit überwiegend in deutlich stabileren und deutlich wärmeren Klimata (und sind auf der Nordhalbkugel teilweise halb-sesshaft, d.h. leben während der Wintermonate in kleinen „modernen“ Siedlungen), so dass sie im Hinblick auf die Härte des Lebens, das sie leben, eher nicht vergleichbar sind mit prähistorischen Jägern und Sammlern. Also: empirisch trägt Ihr Punkt eher nicht, aber von der Sache her ist der Punkt natürlich relevant.

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