Vor einigen Tagen haben wir davon berichtet, dass unter den Campi Flegrei (Phlegräischen Feldern), westlich von Neapel gelegen, erhöhte seismische und hydrothermische Aktivität zu beobachten ist, die zwar schon seit dem Jahr 2005 beobachtet wurde, aber in den letzten drei Jahren im Vergleich zu den Vorjahren stark zugenommen hat:
„Die neueste und anhaltende Phase der [vulkanischen] Unruhe [unter den Campi Flegrei] begann im Jahr 2005 und ist gekennzeichnet durch eine fortschreitende Zunahme der Bodenhebung, eine steigende Anzahl von Erdbeben mit zunehmender maximaler Stärke und eine Eskalation der freigesetzten seismischen Energie sowie geochemische Anomalien…
In den Jahren 2023 und 2024 sowie im [bisherigen] Verlauf von 2025 ist die Anzahl der Erdbeben, die von der Bevölkerung gespürt wurden, kontinuierlich gestiegen mit einer maximalen Dauer und Stärke von Md = 4,6, die am 13. März 2025 registriert wurde; sie war die größte, die registriert wurde, seit das seismische Überwachungsnetz [im Jahr] 1970 in Campi Flegrei installiert wurde … Die Bodenhebung weist insgesamt eine symmetrische Glockenform auf und hat im Mai 2025 seit Beginn dieser jüngsten [vulkanischen] Unruhe im Jahr 2005 ein Gesamtmaximum von mehr als 1,46 m im Zentrum der Caldera erreicht“ (Giordano et al. 2025: 1).
Im Original
„The most recent and ongoing period of unrest started in 2005, and it is characterized by a progressive increase in ground uplift, a rising number of earthquakes with growing maximum magnitude, and an escalation of the seismic energy released, as well as geochemical anomalies … During 2023 and 2024, and through 2025, the number of earthquakes felt by the population has progressively increased, with a maximum duration-magnitude, Md = 4.6, recorded on March 13, 2025, the largest on record since the existence of a seismic monitoring network installed at Campi Flegrei in 1970 … The ground uplift shows an overall symmetric bell-shape and has reaches in May 2025 a total maximum of more then 1.46m at the center of the caldera since the beginning of this last unrest in 2005“ (Giordano et al. 2025: 1).
Von diesen (und anderen) Beobachtungen ausgehend hat eine Gruppe von Geologen und Vulkanologen von der Universität RomaTre und dem Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie u.a. die Verteilung der Erdbeben genauer untersucht, um eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Mechanismen den zunehmend häufigen Erdbeben unter den Campi Flegrei zugrundeliegen (Giordano et al. 2025). In ihrem vor wenigen Tagen – genau: am 31. Oktober 2025 – veröffentlichten Text (Giordano et al. 2025) in der Fachzeitschrift „communcations earth & environment“ berichten sie über ihre Studie und die Ergebnisse, die sie erbracht hat.
Die Autoren stellten fest, dass sich die Erdbeben, die ehemals als Mikroseismizität in der gesamten Caldera verbreitet waren, seit 2023 in einem bestimmten Bereich der Erdkruste konzentriert haben, entlang einer Ebene, die den Autoren als eine neue (neu entstehende oder eine reaktivierte) Verwerfungszone, d.h. eine Bruchstelle im Gestein, gilt:
„… wir stellen fest, dass die Ereignisverteilung [der Erdbeben] entlang der Clusterebene eher stochastisch ist, was darauf hindeutet, dass diese Ebene durch die fortschreitende Verbindung von Mikroversetzungsflächen gebildet wird“ (Giordano et al. 2025: 6).
Im Original:
„… we note that the event distribution along the clustering plane is rather stochastic, suggesting that this plane is formed by the progressive linkage of micro-dislocation surfaces“ (Giordano et al. 2025: 6)“.
Die Erdbeben haben sich zwar auf diese Ebene konzentriert, sind aber nicht auf sie beschränkt,
„… was darauf hindeutet, dass Schäden und Energieverlust nicht auf den Bereich beschränkt sind, in dem die Verbindung von Mikrorissen auftritt, sondern möglicherweise auch sekundäre Ebenen betreffen“ (Giordano et al. 2025: 6-7).
Im Original:
„… suggesting that damage and energy dissipation are not confined to the region where the linkage of micro-fractures is occurring, possibly also involving secondary planes“ (Giordano et al. 2025: 6-7).
Die Autoren betonen, dass die von ihnen entdeckte Verwerfung aus den zur Verfügung stehenden Daten erschlossen ist, dass
„wir […] bisher eine statistische, keine physikalische, Verwerfungsfläche identifiziert [haben]… [und] dass wir […] noch keine vollständig entwickelte klassische seismische Verwerfung [beschreiben], sondern den begonnenen und andauernden Prozess der Selbstorganisation der Mikrofrakturierung, der im Begriff ist, eine Verwerfungsfläche zu definieren. Dies ist wichtig, da die Verschmelzung kleiner Verwerfungsflächen zu einer größeren zu einer starken Zunahme der Spannung entlang ihrer Spitzen führt, wodurch ihre Ausbreitung und schließlich die vollständige Entwicklung einer Verwerfung hervorgerufen wird, deren Ausmaße die maximal zu erwartende Stärke [von Erdbeben] auf dieser Fläche bestimmen“ (Giordano et al. 2025: 9).
Im Original
„we have so far identified a statistical, not a physical, fault plane … [and] that we are not describing yet a fully developed classic seismic fault, but rather the initiated and ongoing process of self-organization of the micro-fracturing, which is in the course of defining a fault plane. This is important as the merging of small dislocation planes into a larger one results in a large increase in stress along its tips, thus producing their propagation and eventually the full development of a fault, whose dimensions control the maximum expected magnitude on that plane“ (Giordano et al. 2025: 9).
Die Autoren sprechen dementsprechend von einem „… potential incipient fault (PIF)“, d.h. von einer „potenziellen sich entwickelnden Verwerfung“ (Giordano et al. 2025: 8). Wie genau sich die „potenzielle“ Verwerfung weiterentwickeln wird, ist (auch) für die Autoren nicht vorherzusehen. Sie erwarten nicht unbedingt
„eine „… signifikante Zunahme der Ausdehnung der Verwerfungsfläche und künftiger seismischer Ereignisse“ (a significant increase in the dimensions of the fault plane and of the magnitude of the future seismic events“ (Giordano et al. 2025: 9).
Aber sie halten fest, dass sich die Verwerfungsfläche wahrscheinlich weiter verschieben wird, was möglicherweise zu einer fortschreitenden Beschleunigung ihrer Hebung führt (Giordano et al. 2025).
In jedem Fall zeigt die von Giordano et al. (2025) beobachtete Entwicklung von über die gesamte Caldera verstreuten Erdbeben zu einer lokal konzentrierteren Erdbebenaktivität, dass das Gestein, das die Caldera formt, „… conditions of critical failure“ (Giordano et al. 2025: 1), d.h. „Bedingungen kritischen Versagens“, erfährt und ihm keine weitere elastische Verformung in Reaktion auf neue mechanische Belastungen möglich ist.
In der Folge entsteht eine Verwerfungsfläche, die „… preferential pathways for uprising hydrothermal and volcanic fluids“ (Giodano et al. 2025: 9), d.h. „… bevorzugte Wege für aufsteigende hydrothermale und vulkanische Flüssigkeiten“ bereitstellen kann.
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