Es gibt derzeit schätzungsweise 110.000 Personen in Deutschland, die einen akademischen Abschluss bzw. Titel im Fach Soziologie führen. Zu dieser Schätzung kommt man auf der Basis der Daten über Personen, die im Zeitraum von 1950-2025 in jedem Jahr einen BA- oder MA-Titel mit dem Hauptfach Soziologie erworben haben; nimmt man Universitätsabsolventen mit Soziologie als Nebenfach und solche, die ein interdisziplinäres Studium der Sozialwissenschaften absolviert haben, hinzu, erhöht sich der Schätzwert auf mindestens 130.000, möglicherweise 160.000 Personen.
Unabhängig davon, ob oder wo all diese Leute beschäftigt sind, muss man ihnen eine sehr weitgehende allgemeine Schweigsamkeit angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte konstatieren, unter denen die zunehmende Vereinnahmung der Bürger durch Regierung und Verwaltungen und die anhaltende ungeregelte Masseneinwanderung diejenigen sein dürften, die die am weitesten reichenden gesellschaftlichen Folgen haben.
Beide werden von Soziologen weitgehend ignoriert, besonders die erste der beiden Entwicklungen, die soweit ich sehe, von deutschen Soziologen gänzlich ignoriert wird. Die zweite, die anhaltende ungeregelte Masseneinwanderung, wird, wenn sie von Soziologen behandelt wird, in aller Regel nicht soziologisch behandelt, sondern ideologisch, d.h. die Behandlung erschöpft sich in Anbiederungstexten an in linken bis linksextremem Kreisen gepflegte Weltentwürfe, die den jeweiligen angeblich soziologischen Betrachtungen als Prämissen zugrundegelegt werden.
Und so kommt es, dass sehr häufig gar nicht die Entwicklung selbst oder ihre Folgen thematisiert werden, sondern statt dessen all diejenigen, die die Entwicklung mit Sorge betrachten. Sie werden kurzerhand zu „Rassisten“, „Rechten“, „Diskriminierungsbereiten“ usw. stilisiert und für problematisch erklärt, so, als müssten nur alle eine positive Einstellung gegenüber Masseneinwanderung haben, und schon seien alle ihre gesellschaftlichen Folgen nicht existent oder schon bewältigt. Eine soziologisch (und übrigens auch psychologisch) uninformiertere Sichtweise ist schwerlich vorstellbar.
Und dies, obwohl die Soziologie selbst mit Lewis A. Coser einen bekannten und einflussreichen Vertreter zu bieten hat, dessen Arbeit für die Beschäftigung mit beiden Entwicklungen – und sogar für ihren Zusammenhang miteinander – als Ansatzpunkt dienen könnte.
Lewis A. Coser war ein als Ludwig Cohen in Berlin geborener exil-amerikanischer Soziologe (mit Zwischenstation in Paris, wo er an der Sorbonne studierte), der von 1913 bis 2003 gelebt hat. Seine soziologische Ausbildung erhielt er hauptsächlich an der Universität von Chicago, und seinen Doktortitel erwarb er an der Universität von Columbia mit einer Arbeit über die Funktionen sozialen Konfliktes. Er gilt (auch, aber nicht nur deshalb) als ein Begründer und wichtiger Vertreter der Konflikttheorie bzw. – und treffender – der Soziologie sozialer Konflikte. Er hat während seiner akademischen Karriere um die zwanzig Bücher verfasst oder herausgegeben und ist Autor einer Vielzahl von Aufsätzen, die in fachwissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden. (Mehr zu seiner Biographie kann man hier erfahren.)
Als gierige Institutionen bezeichnete Coser
„… Organisationen und Gruppen …, die … totale Ansprüche an ihre Mitglieder stellen und innerhalb ihres Kreises versuchen, die gesamte Persönlichkeit zu vereinnahmen. Sie könnten gierige Institutionen genannt werden[…] insofern sie auf das exklusive und ungeteilte Engagement aus sind, und sie versuchen, die Anforderungen konkurrierender Rollen und Statuspositionen an jene, die sie sich einverleiben wollen, zu verringern. Ihre Ansprüche an die Person sind allumfassend“ (Coser 2013: 14; Kursivsetzung im Original).
Wie schon angedeutet, ist der Begriff „Engagement“ in diesem Zusammenhang m.E. mißverständlich, aber zumindest zu wenig präzis, denn mit „undivided commitment“ meinte Coser die Selbstverpflichtung, die Verpflichtung der eigenen Person allein oder zu allererst auf die jeweilige Institution, ohne die die Vereinnahmung der Person durch die Institution nicht möglich wäre. Zwar
„[sind] [g]ierige Institutionen […] durch den Umstand gekennzeichnet, dass sie Druck auf ihre Mitglieder ausüben, ihre Bindungen zu anderen Institutionen und Personen zu schwächen oder gar keine solchen Bindungen einzugehen, die Anforderungen stellen, die den Forderungen der gierigen Institution im Wege stehen“ (Coser 2015: 16),
aber idealerweise die Ausübung von Druck gar nicht (mehr) notwendig, weil Selbstverpflichtung auf die gierige Institution ihn überflüssig gemacht hat. Dementsprechend hält Coser fest:
„Gierige Institutionen werden typischerweise auch nicht durch äußere Zwänge zusammengehalten. Ganz im Gegenteil beruhen sie vielmehr auf freiwilliger Fügsamkeit und entwickeln Maßnahmen zur Aktivierung von Engagement und Gehorsam“ (Coser 2015: 16).
Und weiter schreibt Coser:
„Diese Institutionen konzentrieren das Engagment aller ihrer Mitglieder – oder ausgewählter Mitglieder – in einem umfassenden Status und den damit verbundenen zentralen Rollenbeziehungen. Isoliert von konkurrierenden Beziehungen und von konkurrierenden Fixpunkten ihrer sozialen Identität, finden diese ausgewählten Statusinhaber ihre Identität im symbolischen Universum des eingeschränkten Rollen-Sets der giereigen Institution verankert. Mitglieder gieriger Institutionen müssen sich diesen so vollständig und total widmen, dass sie für alternative Handlungslinien unerreichbar werden“ (Coser 2015: 17).
„Der Mönche, der Bolschewik, der Jesuit oder das Sektenmitglied haben sich für ein Leben entschieden, in dem sie sich vollkommen engagieren, auch wenn sie strengen Kontrollen unterworfen sein mögen …“,
so schreibt Coser (2015: 16), und fügt an:
„Gierige Institutionen wollen die Zustimmung zu ihren Lebensstilen maximieren, indem sie für ihre Gefolgschaft hoch attraktiv erscheinen“ (Coser 2015: 16),
und für Personen, deren Lebensstil ganz und gar in der jeweiligen Institution aufgegangen ist, sind „… für alternative Handlungslinien unerreichbar …“ (Coser 2015: 17).
„Der gute Liberale … bezieht seine Stärke aus der Vielfalt der Beziehungen, die er zu seiner Gemeinde herstellen und aufrechterhalten kann. Er verbindet sich auf vielen Ebenen mit Menschen verschiedenster Statuspositionen und Rollen; der gute Radikale blüht auf in der selbst auferlegten Isolation von Kontakten mit der Gemeinschaft. Das ‚Wir‘ der radikalen Gruppe bedingt die möglichst trennscharfe Unterscheidung von ‚den Anderen‘, während das liberale ‚Wir‘ mit dem Facettenreichtum der Engagements und Bindungen zur größtmöglichen Zahl signifikanter Anderer floriert. Gierige Institutionen sind immer exklusiv“ (Coser 2015: 18).
Oder anders gesagt: „Gierige Institutionen“ sind letztlich immer von Radikalen bestückt. Ihre Identität ist vollumfänglich durch das „symbolische Universum“ bestimmt, das die (jeweilige) „gierige Institution“ bereitstellt; Coser spricht in diesem Zusammenhang von „totale[r] Gefolgschaft“ (Coser 2015: 40).
Ein auf Anhieb nachvollziehbares aktuelles Beispiele für eine „gierige Institution“ in Cosers Sinn dürfte die Antifa sein, aber auch politische Parteien sind als „gierige Institutionen“ in Cosers Sinn aufzufassen, wenn es sich bei ihnen nicht um liberale Parteien handelt. Auch im Bildungssystem gibt es zunehmend Bestrebungen, es zu einer „gierigen Institution“ umzufunktionieren, insofern es eben nicht mehr „Facettenreichtum der Engagements und Bindungen zur größtmöglichen Zahl signifikanter Anderer“ ermöglicht und befördert und indem außerdem erfolgreiche Mitgliedschaft zunehmend abhängig wird von Gehorsam gegenüber einem als verbindlich hingestelltem symbolischem Universum von Inhalten, die man wohl am besten als diejenigen zusammenfasst, die in linken Kreisen als „politisch korrekt“ gelten.
Wenn staatliche Einrichtungen zu „gierigen Institutionen“ werden, sich gar in einer einzigen übergreifenden „gierigen Institution“ wie sie ein totalitäerer Staat darstellt, zusammenfinden, dann birgt dies ungleich größere Gefahren als eine religiöse Sekte oder die Antifa. Und an diesem Punkt kommt die Bedeutung von Einwanderung ins Spiel bzw. der Import von kulturell und sozial Fremden. Coser identifiziert nämlich „Fremde als Herrschaftsinstrumente“ (Coser 2015: 18) in den Händen derer, die er als „gierige Herrscher“ (Coser 2015: 18) bezeichnet, bzw. beschreibt die „…. Verwendung von Fremden als Diener der Machthaber“ (Coser 2015: 19) in einem „gierigen“, d.h. per definitionem durch Coser: nicht-liberalen, politischen System.
Coser beschreibt eine Reihe historischer Beispiel für die Verwendung von Fremden im Rahmen „gieriger Institutionen“ bzw. „gierige Herrscher“. U.a. behandelt er „Die politischen Funktionen des Eununchentums“, bei dem
„… die totale Treue zum Herrscher durch den effektiven Ausschluss des Eununchen von Verwandtschaftsbeziehungen und sexuellen Bindungen sichergestellt wurde“ (Coser 2015: 18),
womit er auf einen wichtigen Mechanismus verweist, durch den „gierige Institutionen“ oder Herrscher die Monopolisierung aller „Energien und Interessen“ derer, die der „gierigen Institution“ angehören oder zugerechnet werden, bewerkstelligen, nämlich durch die „…Regulierung sexueller Bindungen …“ (Coser 2015: 24). Er hält fest, dass „gierige Institutionen“
„… sehr skeptisch gegenüber dyadischen Beziehungen ihrer Mitglieder zu Angehörigen des anderen Geschchts sind“ (Coser 2015: 24),
weil solche Beziehungen „.. das Potenzial haben, Energie und Affekt von der Gemeinschaft [in der ‚gierigen Institution‘] abzuziehen“, und um ggf. „den Sog familiärer Verpflichtungen zu minimieren“ (Coser 2015: 14), also in affektive und praktische Konkurrenz zur „gierigen Institution“ treten. Dies gilt nach Coser besonders für „utopische Gemeinschaften“:
„Hier droht jede Form dauernder gegengeschlechtlicher Verbindungen durch das Entstehen von ‚partilularisierenden‘ Emotionen die Gefühle von der Gemeinschaft abzuziehen …entweder regulierte Promiskuität oder Zölibat werden verlangt oder zumindest favorisiert. Beide minimieren die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen exklusiver sexueller Bindungem“ (Coser 2015: 25).
Aber
„[s]elbst wenn ihnen sexuelle und familiäre Bedingungen gestattet werden, können sozial entwurzelte Menschen dem Mächtigen oder Machthungrigen in ganz ähnlicher Weise dienen. Als Außenseiter, die von der Masse der Bevölkerung entfremdet sind und daher keine dauerhauften Bindungen zu ihr aufzubauen vermögen, können sie ideale Diener ihrer Herrscher sein“ (Coser 2015: 18).
Coser macht dies anhand eines Zitates von Robert C. Binkley mit Bezug auf den Einsatz deutschstämmiger Beamter im ungarischen Teil des Habsburger Reiches deutlich. Das (längere) Zitat schließt mit den folgenden Sätzen:
„Dieser Typus [der deutschstämmigen Bezirksbeamten im ungarischen Teil des Habsburger Reiches] war nicht auf das Habsburger Reich beschränkt: es handelte sich um den Typus von Diener, auf den sich der moderne Staat zwangsläufig verließ, wenn er die lokale Regierung nicht den Bewohnern des Bezirkes anvertrauen konnte. Überall dort, wo sich eine Sprachbarriere zwischen die Beamten und das Volk stellte, ob in Schleswig, wo die Dänen die Deutschen beherrschten, oder in Ungarn, wo die Deutschen die Magyaren regierten, zeigt sich der harte mechanische Charakter des Systems in seiner schlimmsten Form“ (Binkley 1963: 147, zitiert nach Coser 2015: 19),
denn der Durchsetzung der Regelungen und Ansprüche der „gierigen Herrscher“ standen auf Seiten der Fremden in ihrem jeweiligen Einsatzgebiet keine konkurrierenden und damit mäßigenden Bindungen oder Verpflichtungen gegenüber.
Das wiederum ist im Interesse des „gierigen Herrschers“:
„Groups, and especially minorities, which live in conflict and persecution, often reject approaches or tolerance from the other side. The closed nature of their opposition without which they cannot fight on would be blurred …“ (Coser 1964: 104),
d.h.
„Gruppen und insbesondere Minderheiten, die in Konflikten und Verfolgung leben, lehnen Annäherungsversuche oder Toleranz von der anderen Seite oft ab. Der geschlossene Charakter ihrer Opposition, ohne den sie nicht weiterkämpfen können, würde verschwimmen …“,
so schreibt Coser in einem anderen seiner Bücher. Und der „geschlossene Charakter“ von Opposition verhindert die Möglichkeit, dass soziale Gruppen aufeinander bezogen handeln, statt bezogen auf den „gierigen Herrscher“.
Gerade weil sie das zeigen könnte, ist vermutlich nicht mit einer solchen Analyse zu rechnen, ist zumindest die institutionalisierte Soziologie doch selbst den Ansprüchen „gieriger Institutionen“ (wie Universitäten im Rahmen eines zunehmend „gieriger“ werdenden Bildungssystem) unterworfen und verpflichten sich Soziologen doch allzu häufig selbst auf „gierige Institutionen“, sei es im Sinne der Selbstbindung an eine lebenslange universitäre Anstellung oder im Sinne der Selbst-Verpflichtung auf eine politisch-ideologische Heilslehre. Statt diese gesellschaftliche Entwicklung zu beschreiben und zu analysieren, sind sie integraler Bestandteil derselben.
Literatur:
Coser, Lewis A., 2015: Gierige Institutionen: Soziologische Schriften über totales Engagement. Berlin: Suhrkamp
Im englischen Original:
Coser 1974: Greedy Institutions: Patterns of Undivided Commitment. New York: The Free Press
Coser, Lewis, 1964: The Functions of Social Conflict: An Examination of the Concept of Social Conflict and Its Use in Empirical Sociological Research. New York: The Free Press.
