Sekten in der Wissenschaft: für eine wehrhafte Wissenschaft!

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Ähnlich wie die Demokratie muss Wissenschaft sich gegenüber Angriffen und Missbrauchsversuchen als wehrhaft erweisen, wenn sie mehr als bloß verbalen Bestand haben bzw. sich selbst als Idee treu bleiben will. D.h. sie muss im Stande sein, zurückzuweisen, was ihren logischen und ideellen Grundlagen widerspricht und daher nicht integrierbar ist. In diesem Sinn kann man von der Erfordernis einer wehrhaften Wissenschaft sprechen, ganz so, wie man von einer wehrhaften Demokratie spricht.

Wenn es um den Schutz der Demokratie vor nicht näher definierten Rechten geht, eignen sich Linke und Linksextreme derzeit gerne – und missbräuchlich, weil in stark verkürzender und verfälschender Weise – den Wissenschaftsphilosophen Karl R. Popper an. Popper hat vom Paradoxon der Toleranz gesprochen, das darin besteht, dass uneingeschränkte Toleranz notwendigerweise zum Verschwinden der Toleranz führt, weshalb Intoleranz gegenüber denjenigen angebracht sei, die „… nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene der rationalen Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen [und ggf.] … ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und […] ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten“ (Popper 1992[1957]: 333).

Wenn eine wehrhafte Demokratie Intoleranz gegenüber denjenigen erfordert, die sich der vernünftigen Diskussion, die im Austausch von Argumenten besteht, verschließen oder zur Gewalt gegen Andersmeinende aufrufen, dann gilt dies nicht minder für die Wissenschaft, denn für sie sind Argumente und der Austausch von Argumenten in vernünftiger Weise konstituierend gewesen und bis heute das, was allein wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt ermöglicht.

Aber in den Institutionen, die vom Steuerzahler finanziert werden, damit sie Wissenschaft betreiben, gibt es eine ganze Reihe von Personen, die Fakten ignorieren, sich Argumenten verschließen, sie ignorieren oder ihre Relevanz im Zuge eines extremen Relativismus dem Subjektivismus, um nicht zu sagen: der Willkür, negieren, wenn sie nicht sogar Vortragende, deren Hypothesen oder Argumente ihren Geschmack nicht treffen, mundtot zu machen versuchen, indem sie sie aus Veranstaltungen fernzuhalten versuchen oder, wenn dies nicht gelingt, niederbrüllen.

Es sollte leicht erkennbar sein, dass dies alles in Einrichtungen, die der Wissenschaft dienen sollen, nichts zu suchen hat – für Demokraten und Wissenschaftler jedenfalls. Es stellt sich dann die Frage, um wen es sich bei den Intoleranten handelt, die Wissenschaft zu boykottieren, zu pervertieren oder zu diskreditieren versuchen. Das Phänomen der Wissenschaftspervertierung ist nicht neu, und die Antworten darauf, wer es ist, der sie betreibt, ebenfalls nicht.

So hat der deutschstämmige U.S.-amerikanische Soziologe Lewis A. Coser für den Niedergang der Soziologie, den er in den 1960er- und 1970er-Jahren beobachtet und in verschiedenen Publikationen angesprochen hat (die interessanterweise in seinem Wikipedia-Eintrag – außer, und dies nur auch nur teilweise, in der Literaturliste – keine Erwähnung finden), (u.a.) die Sektiererei bzw. Sekten in der Wissenschaft verantwortlich gemacht.

Dabei definiert Coser „Sekte“ allgemein als

„… a group that has separated in protest from a larger body and emphasizes an esoteric and ‚pure‘ doctrine that is said to have been abandoned or ignored by the wider body” (Coser 1975: 697).

Interessant ist für uns weniger, wen oder welche „Schulen“ genau er damals als Sekten in der Soziologie identifiziert hat (da ich zuletzt über Harold Garfinkels Ethnomethodologie geschrieben habe, sei aber am Rande vermerkt, dass Coser die Ethnomethodologie als eine Sekte in der Wissenschaft eingeordnet hat; s. Coser 1975: 696-698). Interessant sind heute vielmehr die Kriterien, die er bei seiner Beurteilung verwendet hat.

Zentral ist für Coser das Kriterium der

„… exclusive insistence on one particular dimension of reality and one particular mode of analysis by cliques or sects who fail to communicate with the larger body, or with one another“ (Coser 1975: 695).

Das Bestehen auf der Relevanz einer einzigen zentralen Dimension der Realität kann man gut bei denjenigen beobachten, die sich als Klimaforscher bezeichnen, aber de facto ihre „Forschung“ auf die ständige Wiederholung der Behauptung der Relevanz von durch menschliche Tätigkeit verursachtem CO2-Ausstoß (unter Ausblendung oder Negierung der Relevanz anderer Faktoren) beschränken. Auch die sogenannten „Gender Studies“, die die Beschränkung auf eine nahezu allein für alles relevante Größe schon in der Bezeichnung tragen, liefern diesbezüglich Anschauungsmaterial. Hier wird die Variable „Geschlecht“ (oder angeblich die Konstruktion von „Geschlecht“) als die zentrale Größe behauptet, die sozusagen die gesamte soziale Ordnung aufzuschlüsseln im Stande sein soll, von der Sozialstruktur über die Arbeitsteilung in der Gesellschaft bis hin zur Sozialisation, und von der Menschheitsgeschichte zum menschlichen Erkenntnisapparat. (Sofern man sich dazu gezwungen sieht, eine zweite Variable zur Kenntnis zu nehmen, wird dies mit dem auf das gute, alte Latein zurückgreifenden Neologismus der „Intersektionalität“ abgedeckt.)


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Und die sogenannten „Gender Studies“ illustrieren eine andere Beobachtung von Coser mit Bezug auf Sekten in der Wissenschaft, nämlich der, dass Sektenmitglieder der Überzeugung sind,

„… that they alone possess the keys to the kingdom, while others are not just in error, but in sin” (Coser 1975: 696),

d.h. Personen, die nicht der Sekte angehören, sind aus Sicht der Sektenmitglieder nicht einfach anderer Meinung und auch nicht bloß im Irrtum, sondern Sünder oder schlechte Menschen oder – wie man heute allgemein für „böse“ oder „schlecht“ sagt: „rechts“.

„Die Sekte erschafft durch ihre exklusive Struktur eine Moral, die jener des Rests der Gesellschaft widerspricht. Da die Sekte den Außenseiter als nicht begnadet betrachtet, nicht zu den Auserwählten gehörend, noch nicht über die Stärke oder Fähigkeiten verfügend, um die revolutionären Prinzipien einzuhalten, sieht sie ihn als Exponenten einer niedrigeren Moral … Der Sektierer ist aufrichtig überrascht, wenn der Außenseiter ihn mit gewöhnlichen Maßstäben misst … Es kann keinen gemeinsamen Maßstab ‚ihrer und unserer Moral geben‘, denkt er, da sie die Vergangenheit verkörpern und wir die Zukunft, die sie die Kinder der Finsternis sind und wir die Kinder des Lichts“ (Coser 2015: 110).

Dies gilt insbesondere für Kritiker der Sekte, und der Dialog mit ihnen droht die Sektenmitglieder sozusagen zu verunreinigen, weshalb er auf keinen Fall stattfinden darf, oder wie Coser sagt: es ist ein „…. dialogue of the deaf“ (Coser 19975: 696), denn „[d]ie Sekte muss dem Axiom folgen, ‚wer nicht für mich ist, ist gegen mich‘“ (Coser 2015: 111).

Daher gelten den jeweiligen Sektenmitgliedern Kritiker der sogenannten „Gender Studies“ als anti-feministisch, rechts-extrem, patriarchalisch oder sonst irgendetwas, was negativ konnotiert ist, aber wissenschaftlich von keinerlei Relevanz ist, und Kritiker des menschengemachten Klimawandels bzw. der damit beschäftigten Klima“forscher“ gelten Letzeren als Inkarnationen des Bösen, die mutwillig oder aus Egoismus die Zukunft „unserer“ Kinder bzw. nachwachsender Generation oder gleich die gesamte Existenz von Flora und Fauna auf der Erde, wie wir sie kennen, aufs Spiel setzen.

Ein Dialog ist auch deshalb nicht möglich, weil Mitglieder von Sekten einen eigenen Sprach-Code entwickelt haben, anhand dessen erkennbar ist, wer Sünder ist und wer zu den gereinigten oder erleuchteten Sektenmitgliedern gehört. Dieser Code ist für diejenigen, die nicht zur Sekte gehören, albern oder schlichtweg unverständlich, aber die Sektenmitglieder bestehen darauf, dass seine Einhaltung Vorbedingung für irgendeine Art von Dialog ist, denn nur, wer überhaupt bereit ist, von seinen Sünden abzulassen und dies durch Übernahme des Sprach-Codes signalisiert, dem ist sozusagen noch zu helfen, der hat noch eine Chance auf Reinigung oder Erleuchtung, nur dem kann die Lehre der Sekte überhaupt sinnvoll mitgeteilt werden, ganz so, wie es einen Glaubensakt voraussetzt, um einen religiösen Text ernstnehmen zu können. Wer z.B. nicht bereit ist, an alles und jeden, und bedeute es Gewalt an grammatikalischen Regeln, eine Sternchen oder ein „-Innen“ oder sonstige Zeichen anzuhängen, der ist für die Sektenmitglieder der „Gender Studies“ von vornherein suspekt, wenn nicht „Sünder“.


Sekten in der Wissenschaft erkennt man also an der

„… esoteric and particularistic nature of the pronouncements of its practitioners“ (Coser 1975: 696).

Das bedeutet nicht, dass Wissenschaft keine Fachsprache entwickeln oder haben darf:

„Each field, to be sure, must construct its own defined terms, but what is developed here is a restricted code of communications rather than open scientific vocabulary …“ (Coser 1975: 696).

Wenn Begriffe nicht definiert werden, um eine Verständigung zu ermöglichen oder wenn die Verwendung bestimmter Begriffe verpönt ist, diejenige anderer Begriffe verpflichtend gemacht werden soll, dann geht es also darum, das durchzusetzen, was Basil Bernstein (1971) einen restringierten Code genannt hat, d.h. einen Sprachgebrauch, der sozusagen verstümmelt ist und die Kenntnis und Akzeptanz von Ungesagtem voraussetzt, um überhaupt verständlich zu sein – von einem stark kondensierten Code zu sprechen, wäre vielleicht besser gewesen als von einem restringierten. Dem setzt Bernstein den elaborierten Code entgegen, der enthält, also selbst mitteilt, was bekannt sein muss, damit Sätze verständlich sind. Man könnte vielleicht sagen, dass der restringierte Code der Sprache entspricht, die den Bildern in einem Comic beigegeben wird, um Gefühle auszudrücken, während der elaborierte Code der Sprache einem Text entspricht, der ohne Bebilderung und ohne Erläuterung, z.B. in einem Vorwort oder in Fußnoten, verständlich ist, gewöhnlich, weil in ihm auf verbale Art Zusammenhänge hergestellt werden, man könnte sagen: argumentiert wird.

Wenn die sogenannten „Gender Studies“ es gemeinhin ablehnen, für sie zentrale Begriffe zu definieren (weil das eine irgendwie männliche Tätigkeit ist), und wenn sie einen restringierten Code pflegen, der nur entschlüsselbar ist, wenn man das Ungesagt-Bleibende, das einfach Vorausgesetzte kennt und akzeptiert, dann erfüllen sie also (auch) in dieser Hinsicht Cosers Kriterien für eine Sekte.

Coser begründet, warum die Entwicklung eines spezifischen (restringierten) Sprach-Codes für Sekten (nicht nur in der Wissenschaft) sachdienlich ist:

„But the fact is that such language diseases have sociological significance in the development of particularistic communities of True Believers. To begin with, esoteric language erects barriers against outsiders and confirms to the insiders that they have indeed a hold on some special truth. But there is more, such jargon, as the philosopher Susanne Langer puts it, ‘is language which is more technical than the ideas it serves to express’ …, so that it can successfully camouflage relatively trivial ideas” (Coser 1975: 696-697),

z.B. wenn von “Intersektionalität” gesprochen wird, wenn man meint, dass man nicht nur eine Größe, sondern die Schnittmengen von zwei oder drei Größen betrachtet.

Der spezifische (restringierte) Sprach-Code dient aber auch dazu, Sektenmitglieder sozusagen bei der Stange zu halten:

„People tend to value highly those activities in which they have invested a great deal. Having invested considerable time and energy in mastering an esoteric vocabulary, people are loath, even when some disillusionment has already set in, to admit to themselves that what has cost them so much, might, after all be devoid of genuine value. Hence the particularistic vocabulary is not due to happenstance; it serves significant functions in marking boundaries and holding members” (Coser 1975: 697).

Speziell mit Bezug auf Sekten in der Soziologie (bzw. Wissenschaft) ist für Coser ein weiteres Kriterium, dass sie sich in ihren ggf. vorhandenen Erzeugnissen (Schriften, Projektberichten, Vorträgen …) nur auf andere Sekten-Mitglieder oder auf Nicht-Soziologen beziehen, aber nicht auf Repräsentanten der Soziologie außerhalb der Sekte, oder wenn sie es tun, dann

„… mainly in order to show the errors of their way. There is, in addition, a peculiar propensity to refer to as yet unpublished [vielleicht weil sie ‘unpublishable’ sind] manuscripts, to lecture notes and research notebooks” (Coser 1975: 697).

Und dies ist ein weiterer Grund dafür, dass ein professionsweiter Dialog nicht stattfinden kann, denn Vorlesungsnotizen, Vortragsentwürfe und sonstwie „graue“ Literatur sind für die Profession nicht hinreichend zugänglich, und vielleicht sind sie auch nicht von hinreichender Qualität, um eine Rolle in einer professionsweiten Diskussion spielen zu können.

Dass ein Dialog mit Sektierern nicht möglich ist, liegt aber auch und vielleicht vor allem im Sektierertum selbst begründet:

„Der wahre Gläubige ist nicht in der Lage, aus Erfahrungen zu lernen und seine Sichtweise vor dem Hintergrund neuer Beweise zu korrigieren. Tatsächlich kümmern ihn Belege überhaupt nicht. Daher ist es im Allgemeinen auch völlig sinnlos, mit einem Sektierer zu diskutieren, da der Zweck einer Diskussion schließlich darin besteht, Überzeugungen im Licht neuer Fakten zu überprüfen. Der Sektierer weiß, und aufgrund dieses Wissens erscheinen jegliche neuen Fakten einfach irrelevant“ (Coser 2015: 118).

Nun könnte man Sekten Sekten sein lassen und sie seinerseits einfach ignorieren, aber wie Coser festgehalten hat sind sie

„… dysfunctional for those who are not among the elect” (Coser 19975: 697),

sofern die Nicht-Auserwählten Wissenschaftler sind oder es mit der Wissenschaft ernst meinen, denn:

“Blockage of the flow of communication is among the most serious impediments of scientific developments. A science is utterly dependent on the free exchange of information between its practitioners. Preciseness and economy in information flow makes for growth, and blockages lead to decline” (Coser 1975: 697),

Kommunikationsblockade ist kaum insofern beklagenswert als das, was in Sekten kultiviert wird, vielleicht doch von wissenschaftlichem Wert sei, sondern deshalb, weil Zeit und Güter in wissenschaftlichen Einrichtungen fehlinvestiert sind, wenn sie für Sekten aufgewendet werden, insbesondere, was diejenige Zeit und diejenigen Güter betrifft, die für die Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs notwendig sind, also für die Kommunikation zwischen verschiedenen Generationen von Wissenschaftlern.

Aber Sekten an wissenschaftlichen Einrichtungen sind auch in tiefergehender Weise dysfunktional, indem sie – insbesondere Nachwuchswissenschaftlern und Studenten – suggerieren, es sei mit der Idee der Wissenschaft vereinbar, Kritiker oder Ketzer mit allen Mitteln mundtot bzw. unhörbar zu machen, z.B. durch Ausschluss anderer Thesen zu bestimmten Themen in Vortragsreihen oder durch organisierte Niederbrüll-Aktivitäten. Auch mit internen „Säuberungen“ ist die Sekte beschäftigt (wie z.B. die sogenannten „Gender Studies“ mit Bezug auf Stefan Hirschauer):

„Für die Sekte sind Schmähung, Rufmord, und Verfolgung gegenüber Ketzern immer gerechtfertigt. Wie der heilige Augustinus es mit klassischer Kürze ausdrückte: ‚Nicht wir haben euch verfolgt, sondern eure eigenen Werke … Sollen sie erst beweisen, dass sie keine Ketzer und Schismatiker sind, und sich dann beklagen“ (Coser 2015: 115).

Und Sektierertum ist – auch in der Wissenschaft – dysfunktional, weil es dazu neigt, sich selbst zu verstärken:

„Der ursprüngliche Radikalismus führte zur Zurückweisung durch die Außenwelt, doch diese Zurückweisung führte umgekehrt wieder zu einer Verstärkung der Sektencharakteristika, die eine Rückkehr in die Welt unmöglich machen“ (Coser 2015: 121).

Deshalb muss die „alte Ordnung“ – in den so genannten „Gender Studies“ eine vorgestellte patriarchalische Clique alter, weiße Männer mit oder ohne Walle-Bart, bei den sogenannten Klima“forschern“ ebenfalls alte, weiße Männer, die die Welt mit Kapitalismus und damit mit zuverlässiger Bedürfnisbefriedigung und Massenwohlstand korrumpiert haben (schlechte Zeiten für alte, weiße Männer, so scheint es) – weichen, d.h. die gesamte Idee der Wissenschaft, aufgrund derer Sekten in der Wissenschaft kein wissenschaftlicher Status zugeschrieben werden kann, eben weil sie Sekten sind, muss weichen:

„Die Gruppe der wahren Gläubigen strebt nach politischem oder religiösem oder ideologischem Wiederaufbau. Sie ist die Vorhut der Angriffe gegen die alte Ordnung, und sie gewinnt durch die Einigkeit der gleichgesinnten Brüder [oder im Fall der sogenannten „Gender Studies“ eher: Schwestern] und ihre Isolierung von den Versuchungen der Außenwelt an Stärke, um sich mit so ‚empörenden‘ Aktivitäten zu befassen. Die Sekte gibt ihren Mitgliedern die Sicherheit, die diese brauchen, nachdem sie mit den traditionellen Normen und Strukturen der sozialen Ordnung [hier: des wissenschaftlichen Arbeitens] gebrochen haben“ (Coser 2015: 121-122).

An diesem Punkt im sich selbst verstärkenden Prozess der Ablehnung und Radikalisierung kann die „revolutionäre“ Sekte an wissenschaftlichen Einrichtungen nur überleben, wenn sie mit „revolutionärer“ Politik kollaborieren kann bzw. unter politischem Schutz steht, z.B. unter den dem der wissenschaftsfremden Einrichtung der Frauenbeauftragten an Hochschulen oder im Rahmen des Pofessorinnen-Programms, bei dem Stellen für Professorinnen, nach denen keine Nachfrage an Hochschulen besteht, aus Bundesmitteln eingerichtet und finanziert werden, oder durch staatliche Förderung von Forschung über so genannte alternative Energien. Just die Existenz solcher Anbindungen und differenzielle Förderungen gemäß politischem Willen kann als weiteres Kriterium dafür dienen, dass es sich beim Beförderten nicht um Wissenschaft handelt, sondern um Sektierertum.

Und die Sekte in der Wissenschaft muss spätestens an diesem Punkt den Schritt in die vollständige Negation der Wissenschaft tun, indem sie sich auf „Freiheit der Wissenschaft“ beruht, die – in pervertierender Weise – als so umfassend ausgelegt werden soll, dass sie sogar das Gegenteil von Wissenschaft umfasst, nämlich Sektiererei. D.h. Freiheit der Wissenschaft soll bedeuten, dass auch Nicht-Wissenschaften als Wissenschaften gelten und dementsprechend vom Steuerzahler finanziert werden sollen, oder anders ausgedrückt: Freiheit der Wissenschaft soll bedeuten, dass auch von Wissenschaft Freies, das nach keinerlei Dialog mit den Vertretern der Profession sucht, sondern ihn – im Gegenteil – systematisch zu verhindern versucht, (vermutlich im Zuge sozialpolitisch motivierter Zwangs-Gleichstellung von Ungleichem) so behandelt wird, als handle es sich dabei um Wissenschaft.

Und hierin liegt letztlich die Dysfunktionalität von Sekten in der Wissenschaft: sie zerstören die ideellen Grundlagen von Wissenschaft, versuchen, sie sozusagen von innen auszuhöhlen, bis nur eine Fassade zurückbleibt, die die Aufschrift „Wissenschaft“ trägt, aber in der keine Wissenschaft (mehr) zu finden ist:

“Behauptet der säkulare Sektierer …, dass seine Überzeugungen von der ‚Wissenschaft‘ gestützt werden, und weist er zugleich den kontinuierlichen Prozess der Selbstverbesserung zurück, der doch gerade das Wesen der wissenschaftlichen Methode ausmacht, ist man geneigt, etwas irritiert zu sein. Doch man muss verstehen, dass ‚Wissenschaft‘ im System dieser Sektierer eine völlig andere Bedeutung als in der Außenwelt hat – sie ist ein Symbol des Glaubens und keine Methode“ (Coser 2015: 118).

Eine wehrhafte Wissenschaft ist eine, die sich selbst als solche behaupten kann, und das kann sie nur, wenn Versuche, sie zu pervertieren, eindeutig sowohl von und in der Profession als auch von der Gesamtbevölkerung, die Wissenschaft finanziert und ein Recht darauf hat, dass dort, wo „Wissenschaft“ drauf steht, auch Wissenschaft drin ist, zurückgewiesen werden.


Literatur:

Bernstein, Basil, 1971: Class, Codes and Control: Theoretical Studies towards a Sociology of Language. London: Routledge & Kegan Paul.

Coser, Lewis A., 2015: Gierige Institutionen: Soziologische Studien über totales Engagement. Berlin: Suhrkamp.

Coser, Lewis A., 1975: Presidential Address: Two Methods in Search of a Substance. American Sociological Review 40(6): 691-700.

Popper, Karl R., 1992[1957]: Die offene Gesellschaft und ihre Freinde, Band I: Der Zauber Platons. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).


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