Minderjährige Verfassungsschutz-Spitzel: Merzens-Regierung in den Fussstapfen von Stasi und Gestapo
Michael Klein
Wolfgang Kubicki hat sich im Cicero ausführlich mit dem Angriff auf demokratische Grundrechte, den Merz, Klingbeil und Konsorten als „REFORMPAKET“ verkaufen, auseinandergesetzt. In seinem Beitrag findet sich die folgende Passage, die – wäre in Deutschland noch irgendetwas normal – von allen Medien aufgenommen und verbreitet werden müsste:
„Der Verfassungsschutz soll künftig auch Minderjährige ab 16 Jahren als V-Leute anwerben können. Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Staat, der Minderjährige für zu unmündig hält, Social Media zu benutzen, will 16- und 17-Jährige zu bezahlten Spitzeln machen können.
Unsere Rechtsordnung hält diese Gruppe nicht für voll geschäftsfähig, weswegen man jetzt süffisant fragen könnte, ob die neuen V-Leute dem Verfassungsschutz künftig einen Elternbrief vorlegen müssen, der die geheimdienstliche Tätigkeit genehmigt. Aber dafür ist die Sache zu ernst. Hier werden moralische und ethische Grenzen überschritten, auch weil eine Tätigkeit für den Verfassungsschutz die Informanten in erhebliche Gefahr bringen kann.“
Nun ist der zuletzt genannte Einwand, den Kubicki hier bringt, etwas neben dem Punkt, selbst dann, wenn er zutreffen sollte, denn die Frage, die sich eigentlich stellt:
Wie will der Verfassungsschutz an die Minderjährigen herankommen?
Es wird kaum so sein, dass Werbekolonnen durch Wohngebiete ziehen, um in Jugendzentren unter 16jährigen die Frage zu stellen: „Ey, willste mal Deine Alten oder Deine Freunde bespitzeln?“
Die Selektion „geeigneter Spitzel“ ist das eigentliche Problem. So ist ein Bewerbungsportal Marke Bundeswehr: „Mach‘ was aus Dir, werde Spitzel für Merz und Klingbeil“ vermutlich eher nicht den Weg, um in diesem Fall durch Selbstrekrutierung zu minderjährigen Spitzeln zu kommen. Bleibt ein frühzeitiges Grooming, wie es in der DDR der Fall war. Das Grooming von Kindern und Jugendlichen zum Stasi-Spitzel begann bereits mit der Selektion geeigneter Kandidaten bei den Pionieren und nahm in der FDJ Gestalt an. Es müsse bereits unter 14–15-Jährigen operativ gearbeitet, ausgewählt und gewonnen werden, damit IMs später (z. B. 16–20) eindringen können, so hat das Erich Mielke bereits 1971 formuliert. Die Groomings zielten auf den Aufbau von Vertrauen, das sich dann instrumentalisieren lässt.
Offenkundig kann ein solches Vorhaben nur gelingen, wenn Lehrer und andere, mit der Erziehung von Kindern und Jugendlichen Beauftragte gemeinsame Sache mit der – in diesem Fall: Stasi machen, was die Frage aufwirft, wie viele Mitarbeiter des Verfassungsschutz sich bereits heute einen Anschein als Lehrer geben, um dabei mitzuhelfen, Spitzel wie IM-Shenja oder IM-Schwalbe, zwei 15jährige Mädchen, die ihre Eltern ausgespitzelt haben und im weiteren Verlauf ihrer Stasi-Karriere Informationen über Mitschüler und Kommilitonen beigetragen haben, zu rekrutieren. Wenn es darum geht, die eigene Bevölkerung zu kontrollieren und auszuhorchen, dann ist offenkundig auch der pseudeo-demokratischen neuen deutschen Republik jedes Mittel recht.
Falls es jemanden gibt, der die Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen durch die Stasi nachlesen will, um die Fussstapfen zu rekonstruieren, in die der Verfassungsschutz treten soll, hier ein wenig Literatur zum Thema:
Behnke, Klaus & Wolf, Jürgen (1998)(Hrsg.). Stasi auf dem Schulhof: der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch das Ministerium für Staatssicherheit. Berlin: Bundeszentrale für politische Bildung.
Bundesarchiv (2022). Jugendliche Inoffizielle Mitarbeiter (IM) – IM „Shenja“ – Auszug aus den Stasi-Akten. Berlin: Bundesarchiv.
Rieker, Peter (2022). Junge Menschen im Fokus des Staatssicherheitsdienstes der DDR: Stasi-Kontakte aus der Sicht von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. BIOS–Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 33(1): 70-88.
Rieker, Peter (1998). (Un-) Heimliche Jugend, Eine sozialisationstheoretische Skizze zu jugendlichen Informanten der Stasi. In: Benhke, Klaus & Wol, Jürgen (Hrsg.). Stasi auf dem Schulhof, Der Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen durch das Ministerium für Staatssicherheit, Berlin Bundeszentrale für politische Bildung, 305-324.
Die Stasi hat gezielt Kinder und Jugendliche gegroomt, um sie als Inoffizielle Mitarbeiter einsetzen zu können. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 1.300 der im Jahre 1989 aktiven IMs Minderjährige waren (rund 0,8% der Spitzelmasse). Offenkundig kann man Minderjährige mangels sozialer Kontakte nur gegen zwei „operative Ziele“ einsetzen: Eltern/Lehrer/Ausbilder und Peers, also Freunde und Bekannte im selben Alter. Damit bewegen wir uns in dem Fahrwasser, in dem Faschisten aller Art so gerne schwimmen: Die Zerstörung der Familie, denn Familien, als interpersonale Gruppe, die auf Vertrauen gebaut ist, sind das größte Hindernis für faschistische Staaten auf dem Weg zur totalen Kontrolle. Aus diesem Grund haben sich Faschisten von Mussolini bis Hitler und von Stalin bis Ulbricht und Honecker immer auf Familien gestürzt, versucht, die Erziehungsmacht von Eltern zu brechen und Kinder und Jugendliche zu ihren Verbündeten zu machen, die man gegen ihre eigene Familie instrumentalisieren kann.
Merz, Klingbeil und Konsorten scheinen in Familien denselben Feind zu erblicken.
Die Stasi – Ein Vobild für Merzens Regierung und den Verfassungsschutz.
Aber nicht das einzige Vorbild.
Die Hitler Jugend (HJ, für Jungen ab ca. 10 bis 14 Jahre) und der Bund Deutscher Mädel (BDM, selbe Altersgruppe wie Jungen in der HJ) sowie die jüngeren Gruppen (Jungvolk, Jungmädel) dienten nicht nur der ideologischen Erziehung, sondern auch der Entfremdung von der Familie.
Wie in der DDR, so wurden Kinder auch im Dritten Reich sehr früh gelehrt, dass Führer, Volk und Partei absolute Priorität vor Eltern und Familie hatten. Sie wurden ermutigt (teilweise mit Belohnungen oder sozialem Druck), „staatsfeindliches“ Verhalten zu melden – z. B. kritische Äußerungen über das Regime, das Hören ausländischer Sender (wie BBC), religiöse Aktivitäten oder „defätistische“ Gespräche zu Hause.
Historiker wie Michael H. Kater (in seinem Buch Hitler Youth, 2004) und Institutionen wie das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) dokumentieren, wie HJ-Mitglieder explizit dazu angehalten wurden, über das Geschehen in Schule, Kirche und Familie zu berichten. Die Partei nutzte die Jugendorganisationen, um elterlichen Einfluss zu untergraben und Kinder zu verlängerten Armen und Spitzeln des Regimes zu machen. Fälle wie der von Walter Hess, ein Mitglied in der HJ, der seinen Vater bei der Gestapo denunziert hat, weil er, sein Vater, im Schlaf Hitler als verrückten Idioten bezeichnet haben soll, zeugen vom Erfolg dieser Versuche. Der Vater von Hess wurde von der Gestapo eingesammelt, verhört und verbrachte einige Zeit im Gefängnis.
Walter Hess war kein Einzelfall, wie die Arbeiten von Michael H. Kater, der Gestapo-Archive systematisch ausgewertet hat, zeigen.
Kater, Michael H. (2004) Hitler youth. Cambridge: Harvard University Press.
Kater, Michael. H. (1979). Hitlerjugend und Schule im Dritten Reich. Historische Zeitschrift, 228(1): 572-623.
Rempel, Gerhard (2015). Hitler’s children: the Hitler Youth and the SS. UNC Press Books.
Der deutsche Verfassungsschutz wird im Auftrag von Merz und Klingbeil zur Grooming Gang umfunktioniert, um in die Fussstapfen von Stasi und Gestapo zu treten und einmal mehr Minderjährige zu instrumentalisieren. Ein durch und durch anti-demokratisches und moralisch verwerfliches Vorgehen, nichtzuletzt deshalb, weil die Rekrutierung von Jugendlichen ein vorausgehendes jahrelanges Grooming voraussetzt.
Einfach nur widerlich, aber in seiner Struktur schon lange bekannt.
George Orwell hat sie in 1984 als Entwicklung beschrieben:
Der „Held“ der Geschichte „Winston Smith“ besucht die Wohnung seiner Nachbarn, der Parsons. Die beiden Kinder (ein etwa 9-jähriger Junge und ein etwa 7-jähriges Mädchen) tragen die Uniform der „Spies[Spitzel]“ (Junior Spies), der Kinderorganisation der Partei. Sie spielen aggressiv „Kriegsspiele“, in denen sie Menschen als „Verräter“, „Gedankenverbrecher“ oder „eurasische Spione“ beschimpfen, mit Spielzeugpistolen bedrohen und „vaporisieren“ wollen. Der Junge schießt Winston mit einer Steinschleuder in den Nacken.
Mutter Parsons ist sichtlich verängstigt und kann ihre Kinder nicht kontrollieren. Winston reflektiert, dass die Partei die Kinder zu kleinen „Wilden“ gemacht habe, deren Loyalität allein der Partei gelte – und dass sie eines Tages ihre eigenen Eltern denunzieren werden.
Später, im Gefängnis des Ministeriums für Liebe, trifft Winston auf Tom Parsons (den Vater aus der früheren Szene). Parsons wurde verhaftet, weil seine 7-jährige Tochter ihn denunziert hat: Sie hatte ihn im Schlaf „Down with Big Brother“ murmeln hören, lauschte am Schlüsselloch und meldete ihn am nächsten Tag den Patrouillen.
Parsons ist stolz auf seine Tochter und sieht die Denunziation als Beweis dafür, dass er sie „im richtigen Geist“ erzogen hat. Er trägt ihr keinen Groll nach.
Was Orwell beschreibt, ist keine Fiktion.
Es war Realität im Dritten Reich, in der DDR und soll neue gelebte Realität in Deutschland werden. Wie schnell ein Land im Sumpf von Faschismus und Totalitarismus versinken kann, wird schon daran deutlich, dass solche Meldungen aus einem Beitrag von Wolfgang Kubicki regelrecht extrahiert werden müssen, keinerlei Niederschlag in Shitstream-Medien finden und zu keinerlei Empörung unter denen führen, die letztlich zur Zielscheibe ihrer eigenen Kinder gemacht werden sollen.
Was ist nur aus westlichen Demokratien geworden?
Etwas, dessen Anfängen man nicht mehr wehren kann. Es ist so weit fortgeschritten, dass nur noch rustikale Mittel helfen.