Wissenschaftlicher Artikel über Ethik ist ein Plagiat

Eine unserer Lieblingsseiten ist die Seite von Retraction Watch. Die Betreiber stecken viel Zeit und Liebe (und Funding, das man in den USA für solche Seiten erhält) in die Erfassung von wissenschaftlichen Beiträgen, die zunächst veröffentlicht und dann zurückgezogen werden, weil sie sich bei genauer Betrachtung als Plagiat herausstellen, weil sie auf Daten beruhen, die es nicht gibt, auf einer Interpretation von Ergebnissen, die die Daten nicht hergeben oder aus einer Reihe anderer Gründe.

Heute findet sich auf Retraction Watch ein Beitrag über einen Artikel, den das Scottish Medical Journal nunmehr zurückgezogen hat. Nach 10 Jahren ist den Herausgebern aufgefallen, dass ein Text mit dem Titel „Bioethics and Medical Education“, der im Heft 2 des Jahres 2008 erschienen ist und ganze zwei Seiten umfasst, weitgehend identisch ist mit einem Text, der den Titel „Bioethics and Medical Education“ trägt, aber schon 2003 in Heft 6 des Journals of the Pakistan Medical Association erschienen ist.

Die Überlappungen sind in der Abbildung, die wir von Retraction Watch übernommen haben, markiert. Wer sich für die Originale interessiert: Wir haben sie besorgt und hier und hier verlinkt.

Müßig darauf hinzuweisen, dass die Autoren der beiden Texte nicht identisch sind, was die Annahme sehr wahrscheinlich macht, dass der Autor, der seinen Text fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Textes des anderen Autoren veröffentlicht hat, dessen Text einfach übernommen hat.

Das Pikante an dieser Angelegenheit ist nicht so sehr, dass hier plagiiert wird, pikant ist, was plagiiert wird, fragt sich doch der plagiierende Autor wie der, von dem das Original stammt, die folgenden Fragen:

Why is there a need for ethics education to medical students and graduates? Inculcation of moral values in an individual starts from the cradle. By the time an individual starts medical schooling, basic values are assumed to be firmly and unshakably entrenched. But is this really the case?

Die Antwort auf die letzte Frage ist zumindest für den Plagiator klar: Dass grundlegende Werte von Ehrlichkeit, Lauterkeit oder Respekt von Individuen verinnerlicht wurden, wenn sie aus der Schule kommen, kann (für ihn) nicht angenommen werden….

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Schweizer Professor beklaut den Papst – posthum

Nicht einmal als Papst ist man noch davor sicher, bestohlen zu werden.

Für das Portal „Retraction Watch“ ist Peter J. Schulz, der an der Universität von Lugano eine Professur innehat, kein Unbekannter. Drei Fälle hat das Portal bereits dokumentiert, in denen Schulz die Äußerungen anderer als die eigenen ausgegeben, in denen er plagiiert hat oder in politisch korrekt: in denen er nicht kenntlich gemacht hat, dass das, was er schreibt, nicht von ihm stammt.

Der neueste Vorwurf, den man wohl angesichts der Beweislage als erwiesen ansehen kann, lautet einmal mehr auf Plagiarismus. Dieses Mal hat Schulz u.a. eine Publikation von Karel Wojtyla, Papst Johannes Paul dem II ausgewertet und für seine Zwecke benutzt. Unter anderem die folgende Passage hat Schulz für sich reklamiert, tatsächlich stammt sie von Karel Woityla, der sie unter dem Titel „On Person and Subjectivity“ veröffentlicht hat.

“The passage of the “Ego” seems to be important since it could be understood as an indicator of the primordial uniqueness of the human being, and thus for the basic irreducibility of the human being to the natural world. This assumption forms the basis of understanding the human being as a person. Traditional Aristotelian anthropology was based on the definition anthropos zoon noetikon (homo est animal rationale). This definition fulfills Aristotle’s requirements for defining the species (human being) through its proximate genus (living being) and the feature that distinguishes the given species in that genus (endowed with reason). At the same time, however, the definition is constructed in such a way that it excludes – at least at first glance – the possibility of accentuating the irreducible in the human being. In this definition the human being is mainly an object, one of the objects in the world to which the human being visibly and physically belongs. In this perspective, objectivity was connected with the general assumption of the reducibility of the human being. The term subjectivity, on the other hand, proclaims that the human being’s proper essence cannot be reduced and explained by the proximate genus and specific difference. In other words: Subjectivity is a synonym for the irreducible in the human being.”

Bei Peter J. Schulz ist die zitierte Passage komplett in seinem Beitrag „Subjectivity From a Semiotic Point of View“ übernommen und als Eigenleistung ausgegeben.

Peter Schulz, “Subjectivity from a Semiotic Point of View,” in Nordic-Baltic Summer Institute for Semiotic and Structural Studies, Part IV. Ecosemiotics: Studies in Environmental Semiosis, Semiotics of the Biocybernetic Bodies, Human / Too Human / Post Human, edited by Eero Tarasti, Richard Littlefield, Lotta Rossi, Maija Rossi (International Semiotics Institute, 2001): 149-159.

Herausgefunden hat dies Michael V. Dougherty von der Ohio Dominican University und mit Bezug auf den oben zitierten Beitrag von Schulz wie folgt zusammengefasst:

“The chapter appears to consist substantively of texts pieced together from various authors without quotation marks, either with inadequate attribution or no attribution at all.

The document accompanying this letter highlights select passages from the article that are taken verbatim or near verbatim from works by other authors. As the document makes evident, the fundamental problem is that readers of the chapter have no way of knowing that sentences and paragraphs that appear to be written by Prof. Schulz are in fact verbatim and near verbatim extracts from other authors. A range of citation problems appear to plague the chapter; even when at times the original sources are listed in the bibliography and referenced with an in-text citation, in the absence of quotation marks the reader has no way of knowing that the sentences are verbatim the work of authors other than Prof. Schulz.

For significant portions of the article, the writings of Pope John Paul II, Anthony Kenny, and Calvin Schrag appear in the article, and no reference to their work is given anywhere in the chapter. We believe that these three undocumented sources in particular constitute the core of the article.”

Retraction Watch hat einen Brief von Dougherty und 13 anderen Unterzeichnern dokumentiert, in dem der Beitrag von Schulz mit den unzitierten Originalen verglichen werden. Wörtliche Übereinstimmungen sind mit gelbem Textmarker kenntlich gemacht. Der Text von Schulz ist nach dieser Überarbeitung nahezu vollständig gelb. Besonders perfide ist eine lange Textstelle, die Schulz komplett von Anthony Kenny übernommen hat, nicht ohne eine Eigenleistung zu erbringen. Kenny nennt seinen eigenen Namen im Rahmen eines Beispiels. Schulz hat den Namen Anthony Kenny mit Peter Schulz ersetzt. Das ist die Eigenleistung.

Wie man sieht, ist im universitären Kontext nichts mehr heilig, was einst heilig galt. Selbst ein Papst wird der neuen Profanität geopfert, die dem eigenen Fortkommen keinerlei moralische Bedenken oder gar Erwägungen wissenschaftlicher Lauterkeit oder von Anstand in den Weg legen will.

Mehr dazu auf Retraction Watch.

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Wissenschaftliche Revolution abgesagt: Daten falsch!

Gerade haben Catherine Gunzenhauser, Henrik Saalbach und Antje von Suchodoletz eine kleine wissenschaftliche Revolution verkündet. In der März-Ausgabe von PsyCh, der ersten psychologischen Zeitung Chinas, die von Wiley verlegt wird, haben sie gerade erst die Revolution verkündet, und nun haben sie sie wieder abgesagt.

Datenfehler.

Studien, die die Fähigkeit von Kindern im Grundschulalter, ihr Verhalten selbst zu regulieren, die Leistung von deren Arbeitsgedächtnis oder deren kognitive Flexibilität untersuchen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass Mädchen weiter entwickelt sind als Jungen, dass Mädchen in den entsprechenden Tests bessere Leistungen erbringen als Jungen. Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz von der Universität Leipzig sind zum gegenteiligen Ergebnis gelangt.

“With respect to the second goal, our results indicate that boys might outperform girls with regard to inhibitory control/cognitive flexibility and behavioral self-regulation at both time-points.”

Dieses Ergebnis, wie gesagt, ist überraschend, steht es doch im Widerspruch zu bisheriger Forschung. Entsprechend sind auch Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz zunächst überrascht.

„The results were somewhat surprising given that prior studies with preschool and adolescent samples have suggested advantages for girls (Duckworth & Seligman, 2006; Matthews et al., 2009; Ponitz et al., 2009). The similar pattern of results across measures (computer-based tasks versus caregiver rating) indicates that our findings are not a result of methodological particularities of the measures.”

Manche Forscher zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst überraschende Ergebnisse so interpretieren können, dass sie am Ende denken, es habe für die ursprüngliche Überraschung gar keinen Anlass gegeben, ja die Ergebnisse seien eigentlich gar nicht überraschend, wenn man nur lange genug daran heruminterpretiert. Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz gehören zu diesen Forschern:

“Indeed, recent findings suggest that the sex gap in self-regulation decreases among elementary school children. The longitudinal study of children in Germany aged 5–6 years (Gunzenhauser & von Suchodoletz, 2015) documented that girls outperform boys with regard to self-regulation at age 4 years, but that boys catch up during the following year and the previously observed sex difference no longer existed at age 6 years. While this study did not follow children into elementary school, it seems plausible to assume that boys maintain a faster growth rate in self-regulation. Thus, at some point during the early elementary school years, the advantage for girls might turn into an advantage for boys. Further support for this assumption comes from the PIRLS Study (Bos et al., 2012). Specifically, results document a significant decrease in female students’ advantage in literacy skills from the beginning of the PIRLS in Germany (Bos et al., 2012). Notably, we did not find any influences of child sex on growth in self-regulation over the course of the third school year. This finding might indicate that the male advantage in self-regulation growth (that might have enabled boys to catch up on and even exceed the self-regulation skills of their female counterparts over the course of the preschool and early elementary school period) vanishes towards the end of elementary school. Consistently, evidence from the United States among middle-school students (Duckworth & Seligman, 2006) indicates better self-regulation in girls than in boys. It is up to further research to investigate sex differences over a longer period of time to improve understanding of variability in the timing and strength of sex differences in various self-regulation components and across sociocultural contexts. As a preliminary conclusion, the findings from various countries and different age groups suggest that boys’ disadvantages in self-regulation may neither be a universal nor an unchangeable phenomenon. Reflecting on practical implications, self-regulation skills are an important resource for optimal cognitive and social-emotional functioning at all stages of life and should be supported in girls and boys alike to promote their healthy development.”

Man kann in diesen Zeilen den Prozess, in dessen Verlauf die drei Autoren sich selbst davon überzeugen, dass ihre überraschenden Ergebnisse gar nicht überraschend sind, sehr gut nachvollziehen.

Nun gibt es auch andere Forscher, Wissenschaftler, die überraschende Ergebnisse zunächst einmal zum Anlass nehmen, die Daten und vor allem deren Kodierung zu prüfen. Hätten Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz das getan, viel Peinlichkeit wäre ihnen erspart geblieben, denn sie hätten bemerkt, dass das überraschende Ergebnis dadurch zustande gekommen ist, dass die Kodierung von Jungen und Mädchen vertauscht wurde. Entsprechend haben die Autoren die Ergebnisse für Mädchen als die Ergebnisse von Jungen interpretiert und umgekehrt.

Nichts ist es, mit der schönen Interpretation und auch die kleine Revolution musste abgesagt werden: Jungen bleiben mit Blick auf ihre Selbstbeherrschung, kognitive Fähigkeiten und Gedächtnisleistung im Grundschulalter hinter Mädchen zurück. Die bisherige Forschung ist bestätigt.

Manchmal besteht der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg nur aus einem binären Zeichen … Die Binarität des wissenschaftlichen Erfolgs, wenn man so will. Zur Ehrrettung der drei Leipziger Autoren muss man noch anführen, dass sie selbst nach Monaten den Fehler entdeckt und veranlasst haben, dass ihr zu diesem Zeitpunkt längst veröffentlichter Text zurückgezogen und durch eine richtige Version ersetzt wurde.

Gunzenhauser, Catherine, Saalbach, Henrik & von Suchodoletz, Antje (2017). Boys have caught up, family influences still continue: Influences on executive functioning and behavioral self-regulation in elementary students in Germany. PsyCh 6(1): 29-42.

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