Wissenschaftliche Revolution abgesagt: Daten falsch!

Gerade haben Catherine Gunzenhauser, Henrik Saalbach und Antje von Suchodoletz eine kleine wissenschaftliche Revolution verkündet. In der März-Ausgabe von PsyCh, der ersten psychologischen Zeitung Chinas, die von Wiley verlegt wird, haben sie gerade erst die Revolution verkündet, und nun haben sie sie wieder abgesagt.

Datenfehler.

Studien, die die Fähigkeit von Kindern im Grundschulalter, ihr Verhalten selbst zu regulieren, die Leistung von deren Arbeitsgedächtnis oder deren kognitive Flexibilität untersuchen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass Mädchen weiter entwickelt sind als Jungen, dass Mädchen in den entsprechenden Tests bessere Leistungen erbringen als Jungen. Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz von der Universität Leipzig sind zum gegenteiligen Ergebnis gelangt.

“With respect to the second goal, our results indicate that boys might outperform girls with regard to inhibitory control/cognitive flexibility and behavioral self-regulation at both time-points.”

Dieses Ergebnis, wie gesagt, ist überraschend, steht es doch im Widerspruch zu bisheriger Forschung. Entsprechend sind auch Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz zunächst überrascht.

„The results were somewhat surprising given that prior studies with preschool and adolescent samples have suggested advantages for girls (Duckworth & Seligman, 2006; Matthews et al., 2009; Ponitz et al., 2009). The similar pattern of results across measures (computer-based tasks versus caregiver rating) indicates that our findings are not a result of methodological particularities of the measures.”

Manche Forscher zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbst überraschende Ergebnisse so interpretieren können, dass sie am Ende denken, es habe für die ursprüngliche Überraschung gar keinen Anlass gegeben, ja die Ergebnisse seien eigentlich gar nicht überraschend, wenn man nur lange genug daran heruminterpretiert. Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz gehören zu diesen Forschern:

“Indeed, recent findings suggest that the sex gap in self-regulation decreases among elementary school children. The longitudinal study of children in Germany aged 5–6 years (Gunzenhauser & von Suchodoletz, 2015) documented that girls outperform boys with regard to self-regulation at age 4 years, but that boys catch up during the following year and the previously observed sex difference no longer existed at age 6 years. While this study did not follow children into elementary school, it seems plausible to assume that boys maintain a faster growth rate in self-regulation. Thus, at some point during the early elementary school years, the advantage for girls might turn into an advantage for boys. Further support for this assumption comes from the PIRLS Study (Bos et al., 2012). Specifically, results document a significant decrease in female students’ advantage in literacy skills from the beginning of the PIRLS in Germany (Bos et al., 2012). Notably, we did not find any influences of child sex on growth in self-regulation over the course of the third school year. This finding might indicate that the male advantage in self-regulation growth (that might have enabled boys to catch up on and even exceed the self-regulation skills of their female counterparts over the course of the preschool and early elementary school period) vanishes towards the end of elementary school. Consistently, evidence from the United States among middle-school students (Duckworth & Seligman, 2006) indicates better self-regulation in girls than in boys. It is up to further research to investigate sex differences over a longer period of time to improve understanding of variability in the timing and strength of sex differences in various self-regulation components and across sociocultural contexts. As a preliminary conclusion, the findings from various countries and different age groups suggest that boys’ disadvantages in self-regulation may neither be a universal nor an unchangeable phenomenon. Reflecting on practical implications, self-regulation skills are an important resource for optimal cognitive and social-emotional functioning at all stages of life and should be supported in girls and boys alike to promote their healthy development.”

Man kann in diesen Zeilen den Prozess, in dessen Verlauf die drei Autoren sich selbst davon überzeugen, dass ihre überraschenden Ergebnisse gar nicht überraschend sind, sehr gut nachvollziehen.

Nun gibt es auch andere Forscher, Wissenschaftler, die überraschende Ergebnisse zunächst einmal zum Anlass nehmen, die Daten und vor allem deren Kodierung zu prüfen. Hätten Gunzenhauser, Saalbach und von Suchodoletz das getan, viel Peinlichkeit wäre ihnen erspart geblieben, denn sie hätten bemerkt, dass das überraschende Ergebnis dadurch zustande gekommen ist, dass die Kodierung von Jungen und Mädchen vertauscht wurde. Entsprechend haben die Autoren die Ergebnisse für Mädchen als die Ergebnisse von Jungen interpretiert und umgekehrt.

Nichts ist es, mit der schönen Interpretation und auch die kleine Revolution musste abgesagt werden: Jungen bleiben mit Blick auf ihre Selbstbeherrschung, kognitive Fähigkeiten und Gedächtnisleistung im Grundschulalter hinter Mädchen zurück. Die bisherige Forschung ist bestätigt.

Manchmal besteht der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg nur aus einem binären Zeichen … Die Binarität des wissenschaftlichen Erfolgs, wenn man so will. Zur Ehrrettung der drei Leipziger Autoren muss man noch anführen, dass sie selbst nach Monaten den Fehler entdeckt und veranlasst haben, dass ihr zu diesem Zeitpunkt längst veröffentlichter Text zurückgezogen und durch eine richtige Version ersetzt wurde.

Gunzenhauser, Catherine, Saalbach, Henrik & von Suchodoletz, Antje (2017). Boys have caught up, family influences still continue: Influences on executive functioning and behavioral self-regulation in elementary students in Germany. PsyCh 6(1): 29-42.

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