Vorsicht: Heute ist Tag der Organspende

Heute ist Tag der Organspende.

Das klingt wie: Heute ist Zahltag – also besser Sie sind vorsichtig.

“Organspenden retten Leben”, so schreibt die Bundesregierung anlässlich des Tages der Organspende. “Organspende ist gelebte Solidarität”, so steht einige Zeilen weiter zu lesen, obwohl es sich wohl eher um posthume Solidarität, denn gelebte Solidarität handelt. Das ist etwas sarkastisch von der Bundesregierung und dem Ernst der Lage nicht ganz angemessen, denn die Spende eines Organs, das Ausschlachten toter Körper zum Zwecke der Zweitverwertung, es ist eine Sache von Altruismus, eine Sache zum Wohlfühlen, eine Sache, die den guten Menschen erhebt und adelt: Wer würde nicht Leben retten, wenn er es könnte und im Tod kann man Leben retten, durch die Spende seiner Organe.Bundesregierung

In einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sagen dann auch 90% der 28%, die sich bereit erklärt haben, ein Organ zu spenden, sie “möchten anderen helfen” und “wären selbst auch froh, ein Organ zu erhalten, wenn sie eins brauchen würden”, um ihre Spende-Bereitschaft zu erklären. 78% der Befragten stehen einer Organspende “eher positiv” gegenüber, 68% wären grundsätzlich einverstanden, wenn man Ihnen nach ihrem Tod Organe und Gewebe entnimmt, und dennoch sagen 47%, dass sie kein Organ oder Gewebe spenden wollen.

mind the gapZwischen dem “eher positiv” Gegenüberstehen , dem grundsätzlich Einverstanden-Sein und der Verhaltensabsicht, ganz zu schweigen vom Verhalten besteht eine erhebliche Lücke, eine Lücke, die Einstellungsforscher täglich vor Augen haben. Es ist, trotz aller Modelle des geplanten Handelns bislang nicht gelungen, Einstellungen und Verhalten miteinander in Einklang zu bringen.

Das heißt: Wenn man Personen nach ihren Einstellungen fragt, z.B. danach, ob sie grundsätzlich bereit wären, ein Organ zu spenden, oder danach, ob sie der Organspende generell eher positiv gegenüberstehen, dann fallen die Zustimmungserwerte immer höher aus als die Zahlen derjenigen, die sich auch entsprechend verhalten, die ein Organ spenden.

So zeigen die Daten der Deutschen Stiftung Organtransplantation, dass die posthumen Organspenden seit Jahren rückläufig sind. 2014 wurden deutschlandweit 2.989 Organe gespendet, im Jahr davor waren es noch 3.035 – ein Rückgang von 0,5%, der fortführt was 2012 mit einem Rückgang von 13,8% und 2013 mit einem Rückgang von 27,2% begonnen hat und als erheblich nachlassende Spendebereitschaft bezeichnet werden muss.

… jedenfalls dann, wenn man sich in der realen Welt bewegt.

Dort scheint die Bundesregierung sich jedoch nicht zu bewegen.

“Die Bereitschaft zur Organspende hat zugenommen”, so verkündet der Schreiber der Bundesregierung direkt nach der emphatischen Überschrift: “Organspenden retten Leben”. Weiter unten wird als Beleg für die Zunahme der Spendenbereitschaft, die sich in einer Abnahme der gespendeten Organe dokumentiert, eine neue “repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung” zitiert. Im Vergleich zur entsprechenden Umfrage im Vorjahr sind nunmehr nicht mehr 68%, sondern 71% der Befragten grundsätzlich bereit, ein Organ zu spenden.

Damit wären wir wieder bei dem Problem angekommen, dass eine Spendenbereitschaft keine Spende darstellt, dem Problem, dass aus einer positiven Einstellung nur in wenigen Fällen auch ein entsprechendes Verhalten wird. Deshalb sind Umfragen wie die repräsentative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung so wertlos. Sie messen Einstellungen und interessieren sich überhaupt nicht dafür, ob die Einstellung in irgendeiner Weise ein entsprechendes Verhalten nach sich zieht.

Um sich dafür zu interessieren, müsste man nicht nur die entsprechenden wissenschaftlichen Kenntnisse, Kenntnisse z.B. der theoretischen Modelle, die Icek Ajzen und Martin Fishbein entwickelt haben, besitzen, man müsste sich auch für das Thema, das man bearbeitet, interessieren.

human organ tradeWie die Dinge liegen, geht es aber nicht darum, die Einstellung der Deutschen zur Organspende zu untersuchen und zu analyisieren, warum sich positive Einstellungen nicht in tatsächliche Spenden umsetzen, es geht einzig darum, eine Datengrundlage zu schaffen, die in einem Pressebericht bejubelt werden kann: “Die Bereitschaft zur Organspende hat zugenommen” und “Hauptmotiv für die Bereitschaft zur Organspende ist der Wille anderen Menschen zu helfen. Denn Organspende ist gelebte Solidarität”, so liest sich das dann bei der Bundesregierung.

Und wer wollte da nein sagen und darauf bestehen, komplett eingeäschert zu werden oder komplett im Boden zu versinken? Ziemlich viele, wenn man die rückläufigen Zahlen der tatsächlichen Organspenden betrachtet. Offensichtlich wirkt affektiver Druck auf die Bevölkerung nicht im gewünschten Sinne. Offensichtlich ist die Ablehnung der Organspende größer als der Bundesregierung lieb ist, für die man sich fragen muss, wo die Versessenheit auf Organspende herkommt?

Sicher nicht von Menschenliebe, auch wenn die Tränendrüse bei Organspende heftig bemüht wird: “Alle acht Stunden stirbt ein Mensch, weil kein passendes Organ zur Verfügung steht”. Schon eher aus Sorge um die Klientel derer, die mit Organspende ihr Geld verdienen, denn die Menschenliebe führt nicht soweit, dass der Handel mit Organen, die Transplantation derselben gratis wäre, vielmehr ist er ein großes Geschäft mit gezinkten Karten:

“Organspenden retten Leben”, wird großgedruckt verkündet. Das Kleingedruckte fehlt: In vielen Fällen kann es zu einer Abstoßung des Organs kommen. In den Fällen, in denen ein Organ nicht sofort abgestoßen wird, ist die Einnahme von Medikamenten zur Unterdrückung des Immunsystems dauerhaft notwendig. Die Unterdrückung des Immunsystems kann zu Krankheit führen. Eine Abstoßung des transplantierten Organs kann auch nach Jahren noch erfolgen.

Die Bereitschaft, ein bestimmtes, gewünschtes Verhalten zu zeigen, ist bei vielen Menschen Ergebnis des Glaubens, fair und umfassend informiert worden zu sein. Organhandel wird umgeben von einer Wolke der Undurchsichtigkeit, sowohl was die Summen angeht, die mit der Transplantation verdient werden können als auch was die Probleme angeht, die sich mit einer Transplantation verbinden, davon, dass mehr Menschen sterben, weil sie nicht auf eine Warteliste aufgenommen werden (weil sie zu krank, zu dick oder zu verraucht sind) als auf der Warteliste sterben, ganz zu schweigen.

Zeit für eine Ehrlichkeits-Offensive? Immerhin ist Tag der Organspende.

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  2. Organspende in der Schule macht Schule
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Kuddel-Muddel-Forschung: Viel ist wenig und alles kein Grund zur Sorge

Gleich vorweg: “Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die Gesamtheit der deutschen Aus- und Rückwanderer” (4).

Das hilft.

UNi duiDie Ergebnisse, das sind die Ergebnisse der Studie “International Mobil. Motive, Rahmenbedingungen und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger”. Durchgeführt wurde die Studie an der Universität Duisburg-Essen, sie wissen schon, das ist die Universität, die von sich sagt, sie sei offen im Denken, was auch immer das bedeuten mag – vielleicht für jeden Unsinn offen oder für stringentes Denken geschlossen … wie auch immer.

Bezahlt wurde die Studie vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Wer was finanziert, das ist heutzutage eine wichtige Information, die man nutzen kann, um einen Teil der Widersprüche, die sich in manchen Studien und gehäuft in Studien, die von Bundesministerien oder Bundesinstituten finanziert werden, finden, aufzuklären – Widersprüche wie der folgende:

“Bei der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit hingegen ist der Migrationssaldo seit Jahren im Minus: Zwischen 2009 und 2013 wurden rund 710.000 Fortzüge registriert; dem standen nur etwa 580.000 Zuzüge gegenüber. Dies bedeutet einen moderaten Abfluss von 25.000 Personen pro Jahr. (Ob die jährliche Entleerung einer Kleinstadt wie dem pfälzischen Bad Dürkheim einen moderaten Abfluss bedeutet, ist ebenso eine offene Frage, wie die, was die Wertung “moderat” an dieser Stelle soll…)” (4).

Aber:

“Die Analyse des Datensatzes der Studie international Mobil ergibt keine Anzeichen für einen dauerhaften Abfluss hochqualifizierter Personen aus Deutschland ins Ausland” (26).

Was jetzt?

Verliert Deutschland nun jedes Jahr 25.000 Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, von denen mehr als 70%, wie die Analysen auf Grundlage des Datensatzes der Studie International Mobil zeigen, über einen akademischen Abschluss verfügen, oder nicht? Oder ist es etwa so, dass die Autoren der Studie herausgefunden haben, dass alle Akademiker reumütig zurückkehren, während alle Nichtakademiker im Ausland verbleiben – oder, was geht hier überhaupt vor?

Zunächst werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Einerseits werden Auswanderer befragt, 776 um genau zu sein, andererseits Rückwanderer, 895 an der Zahl. Während die Auswanderer im Ausland sind und man nicht weiß, was sie in Zukunft machen, ob sie dort bleiben, und zwar alle oder zurückkehren, weiß man von den Rückkehrern, dass sie zurückgekommen sind, obwohl sie im Ausland waren, und man weiß nicht ob sie wieder auswanderen werden.

Wir haben es also mit zwei grundverschiedenen Populationen zu tun. Im Hinblick auf beide gibt es Informationslücken, die bestimmte Interpretationen verbieten, wenn man sich nicht als methodisch Unversierter outen will, Interpretationen wie die folgende:

International Mobil“Bei den Auswanderern liegt der Anteil der Hochqualifizierten (tertiäre Bildung mit Fachhochschul- bzw. Hochschulabschluss) bei 70,0 Prozent. Vergleicht man zunächst nur diesen Wert mit dem entsprechenden Anteil in der nicht mobilen Vergleichspopulation (ca. 22%), scheint sich die Braindrain-These [These, dass aus Deutschland vor allem Hochqualifizierte abwandern und Funktionäre, Politiker und andere gering Qualifizierte zurücklassen] zu bestätigen, derzufolge besser Qualifizierte aus Deutschland abwandern. Dieser Befund relativiert sich jedoch, wenn man das Bildungsniveau der Rückwanderer betrachtet: Auch hier liegt der Anteil der Hochgebildeten mit 64 Prozent weit über dem in der nicht mobilen deutschen Wohnbevölkerung” (21)

Schmerzverzerrt, so muss man sich unsere Gesichter vorstellen.
Wo fangen wir an?

Vielleicht beim Kollektivismus: Wenn 20 Spezialisten für IT mit einem Hochschulstudium auswandern und 20 Gender Studierte nach erfolglosem Versuch, die Frauen in Benin davon zu überzeugen, dass Männer ihre Feinde sind, nach Deutschland zurückkehren, dann ist der Saldo zwar quantitativ ausgeglichen, aber qualitativ gibt es eine erhebliche Schieflage. Deshalb kann man Auswanderer nicht im Kollektiv mit Rückwanderern vergleich.

Zudem macht das Beispiel deutlich, die, die weggehen, sind nicht die, die zurückkommen. Die Rückwanderer sind eine selegierte Untergruppe der Auswanderer, und solange man nicht weiß, wie selegiert die Gruppe der Rückwanderer ist, kann man auch beide Gruppen, die der Auswanderer und die der Rückkehrer nicht sinnvoll miteinander ins Verhältnis setzen bzw. gegeneinander aufrechnen. Was die Wissenschaftler der für offenes Denken bekannten Universität Duisburg-Essen hier tun ist einer Gruppe, die sie beschreiben können, das Verhalten einer anderen Gruppe zu unterstellen, die sie ebenfalls beschreiben können, was in etwa dem Versuch gleichkommt, die Anzahl der Rückfalltäter als Maß für die Anzahl der Straffälligen zu benutzen.

Warum man das machen sollte? Vermutlich ist das eine Frage, die der Auftraggeber beantworten kann. Und bei der Gelegenheit kann er vielleicht auch erklären, was aus dem negativen Saldo von 25.000 mehr Auswanderern als Rückwanderern pro Jahr geworden ist, die noch auf Seite 4 des Berichts bekannt, mit jeder weiteren Seite weiter dem Vergessen anheim gefallen sind.

Wie wenig sinnvoll die ganze Studie ist, zeigt sich schon nach wenigen Seiten anhand der völlig diffusen Zusammensetzung der Stichprobe. Da gibt es Studenten und Schüler, die mehrheitlich vermutlich an einem Austauschprogramm teilnehmen. Es wird nicht unterschieden, ob ein Fortzug ins Ausland stattfindet, weil Kurt X von seinem Unternehmen als Expatriate und für die Dauer von zwei Jahren nach China geschickt wird, und es wird nicht einmal ansatzweise der Versuch unternommen, die wirklichen Auswanderer von den temporären Auswanderern zu trennen, um zumindest einen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, wie viele Deutsche Deutschland pro Jahr und für immer den Rücken kehren.

Zumindest ansatzweise wäre dies möglich gewesen, findet sich auf Seite 42 doch die folgende Aussage:

“Etwa 41 Prozent der im Ausland lebenden deutschen Auswanderer geben an, dass sie relativ sicher nach Deutschland zurückkehren werden, während rund ein Drittel eher im Zielland bleiben will. Weitere 26,0 Prozent wissen (noch) nicht, ob sie bleiben oder wieder zurückkehren wollen.”

Was liegt näher als anzunehmen, dass die sicheren Rückkehrer die Expatriates, die Austauschstudenten und -schüler und diejenigen sind, deren Hoffnungen, die sie mit der Auswanderung verbunden haben, sich nicht erfüllt haben? Entsprechend hätte man, wenn man dies gewollt hätte, tatsächlich untersuchen können, wie sich das Drittel derer, die im “Zielland bleiben wollen”, von denjenigen mit Rückkehrabsicht unterscheidet. Aber dann hätte man natürlich ein Ergebnis erhalten, und wir wollen ja nicht zu offen sein, für das Denken, auch in Duisburg-Essen nicht.

Bleibt anzumerken, dass die Rückkehrer finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, um wieder in den von ihnen geschätzten Freundes- und Bekanntenkreis aufgenommen zu werden, quasi die deutsche Form des verlorenen Sohnes, während die Auswanderer durch ihre Auswanderung finanziell besser gestellt werden, wofür sie auf soziale Kontakte zu Familie und Freunden verzichten. Recht so!

Int mobil frageLeider zeichnet sich die Studie auch durch den üblichen Mangel an Vorstellungsvermögen aus, der quantitative Sozialforschung nur allzu oft plagt und zu Items führt wie: “Es gibt viele mögliche Gründe dafür, aus Deutschland wegzuziehen. Bitte nennen Sie uns alle Gründe / Lebensbereiche, die dabei für Sie von Bedeutung waren: …Eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland hat eine Rolle gespielt ((F05_6))”. So genau wollen die offenen Forscher die Auswanderungsgründe dann doch nicht erfahren. Es reicht, die “gewisse Unzufriedenheit”. Womit die gewissen Unzufriedenen denn konkret unzufrieden sind, das will man besser nicht so genau wissen, es könnten Anworten wie “die hohen Steuern”, “ich bin politischer Flüchtling”, “ich bin vor dem Sozialismus geflohen” dabei herauskommen. Aber wie es nun einmal so ist, fragt man im denkoffenen Duisburg lieber nach dem Wetter (siehe Abbildung).

Und um die Besprechung dieser Kuddel-Muddel-Forschung mit der Darstellung eines letzten Widerspruchs abzuschließen: Die Autoren, die sich über Seiten mühen, die Bedeutung der Abwanderung von Hochgebildeten herunter zu spielen und Formeln der Beschwichtigung auf Basis des oben dargestellten Vergleichs zwischen Äpfeln und Birnen zu intonieren, machen mit ihren Empfehlungen nur zu deutlich, wie groß das Problem, das es nach ihrer Einschätzung gar nicht gibt, tatsächlich ist, empfehlen sie doch: attraktive öffentliche Güter und Leistungen, die Hochqualifizierte zur Rückkehr nach Deutschland bewegen können, zu schaffen und Rückkehrinitiativen zu starten, um die Auswanderer zurück in die Heimat zu bringen.

Und wozu sollte man das fordern, wenn es eigentlich gar kein Problem gibt?

Und überhaupt, warum wurden wir wieder nicht befragt?

Wer hat Angst vorm MuselMann?

Bertelsmann StiftungMehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“, so eine Überschrift im ARD Onlineangebot heute. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die von Mitarbeitern des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie der Universitäten Erfurt und Frankfurt erstellt wurde, hat für diese Überschrift Pate gestanden, wobei es sich bei der Studie wohl eher um eine schlichte Befragung handelt. Genaues weiß man wie so oft bei der Bertelsmann-Stiftung erst dann, wenn man die Studien-Katze im Sack und vom Bertelsmann-Verlag gekauft hat. (Wo der Kommerz anfängt. hört bekanntlich die Stiftung auf…). Entsprechend muss man derzeit glauben, dass die Ergebnisse auf einer “repräsentativen” und “international vergleichenden” Untersuchung basieren.

Wie auch immer die Ergebnisse zu Stande gekommen sein mögen, 61% der Befragten in der Bertelsmann-Studie sind der Ansicht, “der Islam passe nicht in die westliche Welt”, und von den “54-Jährigen fühlen sich 61 Prozent durch den Islam bedroht, von den unter 25-Jährigen hingegen nur 39 Prozent. Die Angst vor dem Islam ist am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben”, so die Bertelsmann-Stiftung, für die offensichtlich klar ist, dass eine Verbindung zwischen Islam und Muslimen bestehen muss.

world muslim populationFür eben diese Muslime zeigt die selbe Studie, wie die ARD zitiert, dass sie “mehrheitlich fromm und liberal zugleich” sind. Aber ganz offensichtlich hat die Angst vor “dem Islam” nichts mit Muslimen  zu tun, bestenfalls mit Muslimen, die medial als Islamisten oder Vertreter mit Alleingeltung für eine Religion aufgebaut werden, die weltweit 1,57 Milliarden Gläubige unter ihrem Dach versammelt.

Es ist sicher nicht falsch, wenn man feststellt, dass es die Mehrheit der 1,57 Milliarden Muslime nicht in die Nachrichten schafft. Die Tariqs und Ahmeds, die in Kairo versuchen, ihren Lebensunterhalt zu bestrieten, bleiben unerwähnt. Muslime haben als Person keine Existenz, sie kommen in deutschen Medien entweder als Attentäter oder Gotteskrieger oder religiöse Fanatiker vor, die man instrumentalisieren kann, um sie zum Gegenstand von Angst und in einem klassischen Fehlschluss zu einer repräsentativen Auswahl des Islams zu machen.

Der Islam, vor dem Deutsche Angst haben. Was ist dieser Islam eigentlich?

Zunächst einmal ist eine Frage wie die, die in der Studie der Bertelsmann-Stiftung offensichtlich gestellt wurde: “Fühlen Sie sich durch den Islam bedroht”, eine sozialforscherische Katastrophe, denn wer weiß schon, was sich ein beliebiger Befragter unter “dem Islam” vorstellt? Wie viele Befragte kennen wohl “den Islam”? Wie viele Befragte haben auch nur eine blasse Ahnung davon, was im Koran steht? Wie viele Befragte haben schon einmal davon gehört, dass Jesus ein von Muslimen anerkannter Prophet ist, den sie verehren, dass, mit anderen Worten, Muslime und Christen wenn es um die religiösen Inhalte geht, nicht allzuviel trennt?

Anders formuliert: Was fragt man eigentlich, wenn man Befragte fragt, ob sie sich von “dem Islam” bedroht fühlen?

Niemand kann sich von etwas Abstraktem bedroht fühlen, auch wenn die Bundesregierung sich das einbildet. Bedrohung geht nicht von der Mafia aus, nicht von der Bundesregierung, nicht von der Wehrmacht und auch nicht von der Sportgemeinde Edesheim. Bedroht kann man sich nur von konkreten Personen fühlen, von Al Capone, post-hum, von den Häschern des Finanzamts, die im Auftrag des Finanzmininsters Jagd auf ihren Souverän machen, von Major Trapp oder von Peter Ludwig.

Muslime

Public Viewing I

Bislang ist kein Fall bekannt, in dem “der Islam” jemanden erschossen hätte. Es ist kein Fall bekannt, indem “das Christentum” gemordet hätte, es ist nicht einmal ein Fall bekannt, in dem der Kommunismus Konzentrationslager eingerichtet hat. In jedem Fall waren es konkrete Individuen, die gehandelt haben. Stalin hat den Gulag in Sibirien einrichten lassen und Willige gefunden, die das für ihn tun. Attentäter, die von sich behaupten, sie wollten, was auch immer für den Islam erreichen, verdingen sich als Mörder und es war Bernhard von Clairvaux, der Brandreden gehalten hat, um Kreuzzüge vorzubereiten.

Warum fragen dann angebliche Forscher nach dem Bedrohungspotential “des Islam” und warum titeln Journalisten “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht”?

Zwei Ursachen: Dummheit oder Brandstiftung.

Dummheit bei den angeblichen Forschern drückt sich in einer vollkommenen Unkenntnis der Methoden der empirischen Sozialforschung im Allgemeinen und der Befragung im Besonderen aus, Methoden, die Kurt Holm bereits im Jahre 1975 und im Hinblick auf stereotype Formulierungen wie folgt dargelegt hat:

“Stereotype Formulierungen lassen sich im hier erörterten Zusammenhang als eine besondere Art suggestiver Formulierung begreifen. Es handelt sich dabei um Worte oder Wortkombinationen (Floskeln), deren positive oder negative Wertbesetzung für bestimmte Befragte so hoch ist, dass ihre inhaltliche Bedeutung dahinter zurücktritt, und der Befragte statt auf den gemeinten Inhalt nur noch auf den Reiz des bloßen Wortes reagiert, und zwar nahezu mechanisch und auf voraussagbare Weise. Beispiele hierfür sind die Worte ‘Kapitalismus’, ‘die Kommunisten'” (Holm, 1975: 60) oder heute “der Islam”.

Christen

Public Viewing II

Stereotype Formulierungen, also krude Verallgemeinerungen, sind nicht nur in vielen Fällen suggestiv, und deshalb werden sie von gewissenhaften Sozialforschern vermieden, sie sind auch so unbestimmt, dass es keinen Zweck hat, nach ihnen zu fragen, denn man hat nicht die Spur einer Chance herauszufinden, woran die Befragten gerade gedacht haben, als sie “den Islam” als Bedrohung eingeordnet haben. Die Bertelsmann-Forscher sind entsprechend keine gewissenhaften Forscher, sondern von Unkenntnis Getriebene oder, – sofern sie wissen, was sie tun: Brandstifter, die versuchen, Ergebnisse in ihrem Sinne herbei zu manipulieren.

Und was ist von Journalisten zu halten, die titeln “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“?

Alternative 1:

Nichts – einfach nur nichts. Sie sind fehl am Platze. Ihnen fehlt jegliche Befähigung zum kritischen Denken und damit jegliches Urteilsvermögen. Letzteres ist jedoch für Journalisten zwingend erforderlich, schließlich setzen sie die Ergebnisse ihres vermeintlichen Denkprozesses vielen Lesern vor.

Alternative 2:

Nichts – denn sie wissen was sie tun und verwischen mit Bedacht und Bösartigkeit den Unterschied, der zwischen einem allgemeinen Begriff wie “Islam” und 1,57 Milliarden Muslimen besteht. Letztere sind Muslime und nicht der Islam (immer vorausgesetzt, man kann überhaupt des Islams im Gewirr der unzähligen Schulen habhaft werden), und der Islam ist etwas anderes als die 1,57 Milliarden Muslime. Wenn zwei Attentäter ein Büro eines islamkritischen Satirejournals überfallen, dann hat das ebenso wenig mit “dem Islam” zu tun, wie es mit dem Christentum zu tun hat, dass katholische Priester sich in doch recht großer Zahl an Jungen vergangen haben.

Die Gleichsetzung von Individuen mit einem abstrakten Begriff dient enstprechend dazu, eine Menschengruppe in Bausch und Bogen zu verteufeln und als unwert zu deklarieren, und sie passt in eine Zeit, in der eine Horde von Verrückten der Ansicht ist, es gäbe “die Männer” und “die Frauen” und alle unter dem Begriff “die Männer” oder “die Frauen” Eingeordneten seien sich so furchtbar ähnlich, während zwischen Männern und Frauen ein so großer Unterschied bestehe, dass man keine Gemeinsamkeit mehr finden könne.

Wer nicht mehr in der Lage ist, den Unterschied zwischen Peter Schmidt und Männer oder den Unterschied zwischen Ahmed Saad al-Din und Islam zu erkennen, der kann im normalen Leben nicht mehr funktionieren und sollte sich schnellstens in eine geschlossene Anstalt einliefern lassen.

Unsinn der Woche: Bochumer Stadtverordnete sind inkompetent

“Großen Anklang”, so heißt es in einer Pressemeldung der Ruhruniversität Bochum (RUB), finde “ein soeben abgeschlossenes Forschungsprojekt der RUB mit dem Frauenbeirat der Stadt Bochum”. Wir wollen einmal dahin gestellt lassen, ob der große Anklang ein positives oder ein negatives Zeichen ist, und uns diesem Forschungsprojekt der RUB widmen, für das der Juniorprofessor Dr. Katja Sabisch, an der RUB für Gender Studies angestellt, verantwortlich zeichnet.

RUBDas groß anklingende Forschungsprojekt ist aus zwei Gründen der Erwähnung wert. Zum einen ist es wohl nicht so häufig, dass Mitarbeiter der RUB Stadtverordneten in Bochum Inkompetenz attestieren, zum anderen bietet das Forschungsprojekt einen Einblick in das, was im Rahmen von Genderstudies gelehrt wird und somit einen Einblick in einen Bereich, den Genderisten gewöhnlich vor der Öffentlichkeit verbergen.

Die Stadtverordneten in Bochum sind inkompetent,

denn sie hängen zwischen “Wissen und Willen”. Sie sind so etwas wie gutmütige Trottel, die zwar wollen, aber nicht können, denn es herrscht “Mangel an Wissen und Umsetzungsideen”. Genauer: “… die Bereitschaft, Geschlechtergerechtigkeit umzusetzen, ist zwar vorhanden, doch es fehlt das nötige Geschlechterwissen”. Bochumer, es ist an der Zeit, bei Kommunalwahlen andere Maßstäbe anzulegen. Es geht nicht an, dass Stadtverordnete gewählt werden, die Männlein nicht von Weiblein unterscheiden können. Bei der nächsten Wahl also auf das Geschlechterwissen achten, fragen, welche Erfahrungen in Geschlechterfragen die Kandidaten auf den Posten eines Stadtverordneten haben!

Einblicke in die Lee/hrwelt der Genderforschung

Die Inkompetenz der Stadtverordneten ist das Ergebnis des oben angesprochenen Kooperationsprojekts, an dem Studenten von Juniorprofessor Sabisch beteiligt waren. Entsprechend kann man aus den Ergebnissen auf das schließen, was den Studenten von ihrem Juniorprofessor vermittelt wird.

Die erste entsprechende Erkenntnis ist besser als gedacht: Genderisten kennen zumindest qualitative Formen der Sozialforschung, d.h. sie haben davon gehört, denn auf den zweiten Blick zeigt sich, die Methoden zu den qualitativen Formen der Sozialforschung sind unbekannt.

Glaser grounded theorySo haben “[f]ünf Leitfaden gestützte Interviews mit jungen Eltern, die in der Bochumer Kommunalpolitik aktiv sind”, zu der Erkenntnis geführt, dass “Probleme mit der Vereinbarkeit von Familile und Beruf immer im Vordergrund stehen”, schlimmer noch: Die “Herausforderung ‘Ehrenamt'” gerate bei allen Interviewten in den Hintergrund: “Erwerbsarbeit ist damit das Definitivum, von dem aus politisches Engagement … gedacht wird” (Definitivum meint übrigens endgültiger Zustand, aber das nur nebenbei).

Fünf Leitfadeninterviews haben also zu dem Ergebnis geführt, dass es Menschen gibt, die arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, selbst unter kommunalpolitisch Aktiven. Anstatt diese seltene Spezies von politisch Engagierten, also von politisch Engagierten, die arbeiten und selbst Steuern zahlen, statt Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen, zu thematisieren, wird lamentiert, dass man als arbeitender Mensch andere Prioritäten setzen muss als als Berufspolitiker, insbesondere wenn man sich zudem zur Fortpflanzung entschieden hat.

Bemerkenswert sind auch drei Interviews zum Gender Mainstreaming, die gezeigt haben, dass vor allem oder nur die “städtische Bauplanung” der Bereich ist, in dem Gender Mainstreaming eine Bedeutung hat. Leider wird hier nicht vertieft, also am Beispiel die Bedeutung von gendergerechter Stadtplanung deutlich gemacht. Das wäre interessant gewesen, denn wir wissen zwar um die Rampen für Rollstuhlfahrer, die in den 1980er Jahren in Mode waren und öffentlich gefördert behindertengerechte Gebäude erschaffen sollten, was allerdings gendergerechtes Bauen darstellt, we hestitate to speculate… Na ja, vielleicht große Küchen anstelle von Küchenzeilen? Ah, das hat jetzt gerade Diskussionen in der Redaktion ausgelöst. Vielleicht besser: Doppeltoiletten falls die Freundin zu Besuch kommt … Ok. Besser wir hören damit auf. Vielleicht haben ja manche unserer Leser eine (bessere) Idee von gendergerechter städtischer Bauplanung.

BlumerDie Erfolgsmeldung aus der “städtischen Bauplanung” ist leider nicht uneingeschränkt gültig. Hier der Wermutstropfen: Die städtischen Bauplaner machen Gender Mainstreaming wegen einer entsprechenden “Anordnung”, sie fügen sich in Vorgaben eines “Top-Down-Prozesses”, “ein wirkliches Umdenken in den Köpfen der Beteiligten” hat nicht stattgefunden. Trotz aller Versuche der Indoktrination, so muss man ergänzen, hat auch das Gender Mainstreaming bislang keinen Weg gefunden, die Gedanken der Menschen unfrei zu machen. Ja, Bochumer, es ist noch Hoffnung, selbst wenn es um “städtische Bauplanung” geht, scheinen manche Stadtverodneten noch selbst zu denken.

Über weitere bahnbrechende Erkenntnisse wie z.B. die Feststellung, dass “gleichstellungspolitische Themen … in der Arbeit des Ausschusses für Migration und Integreation” keine “übergeordnete Rolle spielen” (am Ende stehen hier die Menschen im Vordergrund?) und der bereits gemachten Feststellung, dass Stadtverordnete inkompetent sind und mehr wollen als sie können, gelangen wir zum Höhepunkt der Forschung zum “Doing Gender”.

Die Erkenntnisse zu “Doing Gender” basieren auf “teilnehmenden Beobachtungen von zwei Ausschusssitzungen”. Aus diesen beiden teilnehmenden Beobachtungen resultiert die Erkenntnis, dass “das Dasein für Frauen in der Politik durchaus kein leichtes ist. Frauen sind nicht nur zahlenmäßig unterpräsentiert, sondern erfahren auch … an anderer Stelle Diskriminierung”. Das ist der bisherige Höhepunkt (aber es wird noch beser): Wo immer Frauen in der Minderheit sind, liegt also Diskriminierung vor, bei der Müllabfuhr werden Frauen vom Mülllehren ausgeschlossen, die große Mehrheit männlicher Müllfahrer zeigt: Frauen werden diskriminiert. Im Zweiten Weltkrieg blieb ihnen das letzte Opfer für ihr Land versagt. Die Mehrheit  männlicher Weltkriegstoter zeigt: Frauen werden diskriminiert. Und durch Frauenhäuser wird Frauen die Möglichkeit genommen, obdachlos zu werden. Ergebnis: Sie sind unter Obdachlosen unterrepräsentiert, werden diskriminiert und nicht in gleicher Zahl zu Obdachlosigkeit zugelassen.

Wir haben versprochen, dass es noch besser wird, und es wird noch besser. Die Diskriminierung an “anderer Stelle”, die die Studenten in teilnehmender Beobachtung dingfest gemacht haben, ist der “Umgang mit dem Mikrofon”, der wohl nicht meint, dass Frauen, die es in Bochum unter Stadtverordnete geschafft haben, zu dumm sind, ein Mikrofon zu bedienen, sondern der impliziten Prämisse huldigt, dass Frauen der Zugang zu Mikrofonen absichtlich von männlichen Patriachen verstellt wird: Ergebnis, den Ohren Gewalt antuendes Gekreische oder in den Worten der Studenten: “Oftmals waren es Frauen, die sich ohne jede teschnische Unterstützung äußerten, was klar zu ihrem Nachteil geschah”.

Einer geht noch!

Hier nun wirklich der Höhepunkt der studentischen Forschung unter Anleitung von Juniorprofessor Sabisch:

“Traditionelle Rollenzuweisungen waren nicht erkennbar. Für die Forschung bedeutet dies, dass weibliche Unterrepräsentanz in der Politik nicht auf der praktischen Ebene der Politikgestaltung stattfindet, sondern im Vorfeld eine Vielzahl von Schließungsmechanismen greifen, die dazu führen, dass Frauen gar nicht erst in politische Führungspositionen gelangen können. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber, dass Frauen, die bereits in der Politik beispielsweise als Ratsfrauen angenommen sind, auch denselben Status genießen, wie ihre männlichen Ratskollegen”.

Ein wirklich bemerkenswertes Dokument geistiger Verwirrung. Man weiss gar nicht, wo man anfangen soll:

  • Logik f dummiesWenn etwas nicht erkennbar ist, aber Frauen dennoch seltener vorkommen als Männer, dann ist das ein Indiz für Schließungsmechanismen, die verhindern, dass Frauen in einer bestimmten Position, z.B. als Maat auf einem Walfänger, ankommen. Die logische Konsequenz aus diesem Unsinn lautet: Wann immer etwas nicht vorhanden ist, muss geschlossen weden, dass eine Vielzahl von Schließungsmechanismen für das Nichtvorhandensein verantwortlich sind.
  • Aufgabe für die Studenten von Juniorprofessor Salisch: Einen Tag lang sammeln, was alles nicht vorhanden ist und dann die Schließungsprozesse benennen.
  • Verlassen wir dieses hervoragende Beispiel des Fehlschlusses der Verneinung des Antecedens, denn die Prämisse ist auch lohnend: Wie uns die Studenten von Juniorprofessor Sabisch unter ihrer fachkundigen Anleitung zeigen, sind Frauen keine Wesen mit Willenskraft, und sie sind in keiner Weise dazu in der Lage von Männern abweichende Entscheidungen zu treffen. Männer sind das non plus ultra, an dem die weiblichen Lemminge gemessen werden müssen, und wenn relativ zu Männern nicht genug weibliche Lemminge in Positionen gekommen sind, dann sind sie auf dem Weg dahin wohl von bösen Mächten ins Meer umgeleitet worden.
  • Obwohl im Satz vorher behauptet wurde, dass “eine Vielzahl an Schließungsmechanismen” dafür sorgt, dass “Frauen gar nicht erst in Führungspositionen gelangen können” gibt es dennoch Frauen, “die bereits in der Politik beispielsweise als Ratsfrauen angenommen sind” – ein klassischer Widerspruch, der zum Umkehrschluss überleitet, der keiner ist. (Das Verb “angenommen” offenbart eine erschreckende Prämisse. Wer hätte das von Genderisten gedacht, dass sie danach streben, in angeblich männlichen Domänen angenommen zu werden?)
  • Umkehrschlüsse werden vornehmlich von Juristen bedient, was bereits einen Hinweis auf ihre Korrektheit gibt. Ein Umkehrschluss läge z.B. vor, wenn ein Gesetz X aussagen würde, dass nur verheiratete Frauen Ratsmitglied sein können und daraus, im Umkehrschluss geschlossen würde, dass unverheiratete Frauen nicht im Rat sitzen können, was letztlich auf dem Satz des ausgeschlossenen Dritten basiert, der hier davon ausgeht, dass es keine Frauen gibt, die zugleich verheiratet und unverheiratet sind.
  • Aufgabe für die Studenten von Juniorprofessor Sabisch: Herausfinden, warum der behauptete Umkehrschluss kein Umkehrschluss ist.

Wenn man den vierseitigen Unsinn aus dem Forschungsprojekt der “RUB mit dem Frauenbeirat der Stadt Bochum” an sich vorbeiziehen lässt, dann kann man nicht anders, als Mitleid mit den Studenten zu haben, die so völlig bar wissenschaftlicher Methoden durch die Welt der qualitativen Sozialforschung wanken. Deshalb abschließend, der konstruktive Teil:

  • Es gibt Methoden der qualitativen Sozialforschung.
  • Qualitative Sozialforschung ist nicht Willkür Marke: Wir gehen ins Feld und lassen uns etwas erzählen , oder wir setzen und in eine Ratssitzung, mal sehen, was uns auffällt.
  • Philip Mayring, Barney G. Glaser und Anselm Strauss oder Uwe Flick, sie alle haben Methoden der qualitativen Sozialforschung begründet und gezeigt, wie man versucht, sinnvoll qualitative Forschung zu betreiben.
  • Bei Mayring finden sich sogar Reliabilitäts- und Validitätskriterien, die es erlauben, die Relevanz der eigenen qualiativen Forschung zu bewerten.
  • Ganze Zweige der Soziologie, die u.a. von Herbert Blumer und Harold Garfinkel begründet wurden, haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, worin sich qualitative Sozialforschung auszeichnet. und z.B. ein monumentales Werk von Aaron V. Cicoural hat die entsprechenden Anstrengungen in eine Methode gegossen.

Die Lektüre der entsprechenden Arbeiten sei den Studenten von Junoiorprofessor Sabisch dringend empfohlen:

Cicoural, Aaron V. (1964). Method and Measurement. New York: Free Press.

Flick, Uwe (2007). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: Rowohlt.

Glaser, Barney G. & Strauss, Anselm L. (2006). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. New Brunswick: Aldine Transaction.

Mayring, Philipp (2008). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.

Mayring, Philipp (1990). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München: Psychologie Verlags Union.

Das WZB macht jetzt in auftragskonformer Einzelfallgeneralisierung

Erinnern Sie sich noch an die Kindheitstraumata, die Erwachsene in den USA und nicht nur dort, bei sich entdeckt haben? Kindheitstraumata zumeist aus Vergewaltigung, zum Teil auch aus Alien Abductions resultierend, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, die sich als Eingabe der behandelnden Psychiater entpuppt haben? Michael Schermer hat sie detailgetreu zerlegt und analysiert, in seinem empfehlenswerten Buch “Why People Believe Weird Things” – ein Klassiker der ScienceFiles-Bibliothek.

Michael SchermerMan sollte denken, retrospektive Befragungen, die auf Einzelfällen basieren oder die auf den Erinnerungen von Menschen basieren, würden aufgrund dieser schlechten Erfahrung mit Vorsicht behandelt, wenn sie überhaupt behandelt werden. Man sollte denken, dass qualitative Forscher immer dann, wenn Sie Befragten nach Ihrer Erinnerung fragen, das beherzigen, was u.a. Elizabeth Loftus über das “False Memory Syndrom” geschrieben hat, und sie wären entsprechen vorsichtig mit dem, was Ihnen erzählt wird.

Und man sollte denken, qualitative Sozialforscher, die sich mit mehr als 70 Befragten überfordert sehen, wären besonders geübt darin, die Irrungen und Wirrungen des Alltagsverstand, den zu rekonstruieren sie doch angetreten sind, zu erkennen und als solche zu gewichten.

Loftus Repressed MemoryAll das sollte man annehmen und sich darüber so sicher sein, wie man sich darüber sicher sein kann, dass wir bei ScienceFiles Probleme mit qualitativer Sozialforschung haben, wenn sie als Verfahren genutzt wird, das Ergebnisse produziert, die dann ungeprüft als korrekt verkauft oder – schlimmer noch – die dann in einer Weise generalisiert werden, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und alle Hoffnung, die man für die qualitative Sozialforschung vielleicht noch hatte, aufgibt.

Stellen Sie sich vor, Sie beobachten die ScienceFiles-Redakteure dabei, wie sie die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und wenn Sie nach der Ursache dieser Reaktion fragen, hier ist sie: “Erfolgskarrieren beginnen früh”, so ist ein WZBrief Bildung überschrieben und dann geht es weiter: “Wer mehr Frauen an der Spitze will, sollte Mädchen fördern”

Nein, es geht hier nicht um Bergsteigerkurse für Mädchen, es geht um eine qualitative Befragung, um so genannte biographisch-narrative Interviews, also nette Gespräche auf dem Plüsch-Sofa, die auf Tonband aufgenommen werden, um dann vom Forscher nach Herzenslust und zumeist ohne methodologische Fundierung interepretiert werden zu können. Genauer geht es um 62 solcher netten Gespräche, die Hildgard Matthies verarbeitet hat, um jenen WZBrief zu erstellen, der offensichtlich von einer Lobby bestellt wurde, die sich darum sorgt, dass die Geldhähne für die schulische Förderung von Mädchen versiegen könnten.

Manche Leser werden es wissen: Im deutschen Schulsystem haben Jungen Nachteile. Sie werden später eingeschult, bleiben häufiger sitzen, müssen bessere Leistungen erbringen, um dieselben Grundschulempfehlung zu erhalten wie Mädchen, sie werden häufiger auf Sonderschulen abgeschoben, landen häufiger auf der Hauptschule und deutlich seltener auf dem Gymansium, bleiben aber häufiger ohne Schulabschluss und erreichen deutlich seltener ein Abitur als Mädchen.

Hurrelmann Bildungsverlierer

siehe u.a. den Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach: S.245-272.

Wenn es im Schulsystem einen Missstand gibt, den man verändern müsste und wenn es eine Aufgabe gibt, die die Bildungsforschung und die aus Steuermitteln zur Bildungsforschung finanzierten Institutionen wie das WZB in Berlin lösen müssen, dann hat sie Jungen, nicht Mädchen zum Gegenstand.

Aber, es ist 2014, und was schert uns die Realität, wir wollen Mädchen fördern, und warum? Weil 62 nette Gespräche, die Frau Matthies verarbeitet hat, Folgendes erbracht haben:

“Dass Frauen geringere Chancen auf eine gesellschaftliche Führungsposition haben, ist bekannt.”

Das ist der erste Satz und der ist gleich Unsinn, denn sie haben dieselbe Chance wie Männer. Es gibt keinen Gott der Stochastik, der sich gegen Frauen verschworen hat. Wir haben ein deskriptives Ergebnis, nach dem weniger Frauen als Männer in Führungspositionen zu finden sind, und wir haben eine Erklärung dafür, die von Catherine Hakim vorgebracht und belegt wurde, und die besagt: Viele Frauen wählen Karrieren ab und sitzen lieber zu hause oder halbtags im Büro.

Und nun im Zeitraffer, zu dem, was Frau Matthies sonst noch herausgefunden hat:

  1. Loftus_eyewitness testimonyWer in höhere Positionen aufsteigt, hat Förderer, und zwar unabhängig vom Geschlecht.
  2. Die Untersuchung von Frau Matthies wurde aus Mitteln des BMBF und des ESF gefördert. Heureka!
  3. Führungskräfte zeichnen sich durch ein profundes Selbstvertrauen aus, abermals unabhängig vom Geschlecht.
  4. Führungskräfte aus “materiell, kulturell und sozial gut ausgestatteten Milieus” denken schon als Kind von sich, dass sie fähig sind, gestaltend auf die Welt einzuwirken und wollen das “kulturelle Erbe der Familie” weitergeben. Wieder spielt Geschlecht keine Rolle.
  5. Führungskräfte werden von ihren Eltern gefördert, durch Teilnahme am Leistungssport, Sommerurlaube im Ausland und philosophische Gespräche darüber, was “die Welt im Innersten zusammenhält” (in einem Fall) – abermals unabhängig vom Geschlecht.
  6. Wer nicht aus einem “materiell, kulturell und sozial gut ausgestatten Milieu” kommt, braucht einen Paten, um voranzukommen, nein keinen Verwandten in Sizilien, oder vielleicht doch?, in jedem Fall einen “sozialen Paten”, ungeachtet seines Geschlechts.
  7. Der soziale Pate vermittelt den Habitus des Siegers, der einem, egal ob man männlich oder weiblich ist, in das Management von z.B. Solar Millenium hievt.
  8. Wer aus einem “Deprivationsmilieu” kommt (wir nähern uns dem Höhepunkt langsam an), der braucht Hilfe bereits in der Schule (Das gilt für Jungen wie für Mädchen).
  9. Und wer bislang die staatsfeministischen Floskeln vermisst hat: “In unserer Studie ist es insbesondere die Rolle der Mutter, welche von den Frauen mit Blick auf ihren Werdegang als zu überwindende Bezugsfigur konstruiert wird” (4). Und was macht die Bundesregierung: Prämiert das Mutterwerden!
  10. Schließlich kommt, worum es wirklich geht: “Um mehr Frauen aus diesen sozialen Milieus [denen, die nicht so gut materiell, kulturell und sozial ausgestattet sind] für Führungspositionen zu interessieren und zu befähigen, müssten Maßnahmen institutionalisiert werden, die biografisch früher ansetzen. Patenschaftsmodelle für Kinder oder Mentoring-Programme für Schüler/-innen wie sie derzeit ehrenamtlich angeboten … werden.” (4)

Diese Erkenntnisse in zehn Punkten haben sich BMBF und ESF vermutlich mehrere 10000 Euro aus Steuergeldern kosten lassen. Die Erkenntnisse stammen aus Gesprächen mit Führungspersonen, die sich vermutlich gerne an ihren Werdegang erinnern und so manches ausschmücken, aber vielleicht auch nicht, wer weiß, denn geprüft hat es Frau Matthies nicht. In jedem Fall lassen die Gespräche mit Führungspersonen keine derat weitreichenden Schlüsse zu, wie sie hier getroffen werden.

Daraus, dass jemand eine Grundschullehrerin hatte, die ihn dazu bewogen hat, auf ein Gymnasium zu gehen, zu schließen, man müsse Kinder aus deprivierten Milieus in der Schule besonders fördern, nein Mädchen aus deprivierten Milieus müsse man besonders fördern, wie es Matthies tut, entspricht dem in der Logik bekannten Fehlschluss der vorschnellen Generalisierung (hasty generalization) und es gleicht dem Schluss von der Mücke im Garten auf den Elefanten im Glashaus.

hasty generalizationDerartige weitreichende Schlüsse, ergeben sich regelmäßig dann, wenn Forscher schon mit einer Agenda an Befragungsmaterial herantreten, wenn sie nach dem suchen, was sie gerne herauslesen wollen. Nun ist Frau Matthies nicht gerade fündig geworden, in den Biographien der Führungskräfte. Die Belege dafür, dass man Mädchen besonders fördern muss, halten sich doch arg in Grenzen, um nicht zu sagen, es gibt sie schlicht nicht. Dennoch fordert Frau Matthies was sie fordert, auch wenn ihr dabei ein “/innen” in die Quere kommt, und das kann man dann wohl nur mit einem entsprechenden Auftrag begründen, immerhin handelt es sich ja um Auftragsforschung aus dem Hause BMBF und da steht offensichtlich vorne schon fest, was hinten herauskommen muss.

P.S.

Welche Methode zur Gewinnung dieser weitreichenden Schlüsse angewendet wurde, behält Frau Matthies ebenso für sich, und das obwohl es einen Kasten, der mit “Zur Methodik” überschrieben ist, gibt (was Schlimmes befürchten lässt), wie sie es für sich behält, auf welcher Grundlage sie schließt, dass Mädchen früh für Führungspositionen interessiert werden müssen. Immerhin aber gibt sie zu, dass es notwendig ist, Interesse erst zu wecken, was bedeutet, dass es nicht vorhanden ist.

Auch die Formulierungen, mit denen die Ober-, Mittel- und Unterschicht umschrieben werden, sind putzig. Die Oberschicht ist demnach der Strahlemann-Ort, an dem es hochkulturell zugeht. Vermutlich läuft morgens schon Wagner im Ipod. Es ist der Ort, an dem Überfluss herrscht und jeder Wunsch, von “Papa ist will Fussballprofi werden” bis, “Mama ich will in den Club Med nach Tunesien” erfüllt wird, und es ist der Ort, an dem man sozial ist, was auch immer das ist. Die Unterschicht, die ist da, wo man schlicht “depriviert” ist. Das ist weich genug um Hilfe in allen erdenklichen Formen zu erfordern und perfekt, um sich und Legionen sonstiger ungebetener Unterschichts-Deprivations-Überwindungshelfer (deren Ziel doch ausschließlich darin besteht, die Deprivation auch festzuschreiben) über Jahre hinaus ein Auskommen aus den Steuermitteln, die über das BMBF und den ESF verschleudert werden, zu verschaffen.

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