Kuddel-Muddel-Forschung: Viel ist wenig und alles kein Grund zur Sorge

Gleich vorweg: “Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die Gesamtheit der deutschen Aus- und Rückwanderer” (4).

Das hilft.

UNi duiDie Ergebnisse, das sind die Ergebnisse der Studie “International Mobil. Motive, Rahmenbedingungen und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger”. Durchgeführt wurde die Studie an der Universität Duisburg-Essen, sie wissen schon, das ist die Universität, die von sich sagt, sie sei offen im Denken, was auch immer das bedeuten mag – vielleicht für jeden Unsinn offen oder für stringentes Denken geschlossen … wie auch immer.

Bezahlt wurde die Studie vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Wer was finanziert, das ist heutzutage eine wichtige Information, die man nutzen kann, um einen Teil der Widersprüche, die sich in manchen Studien und gehäuft in Studien, die von Bundesministerien oder Bundesinstituten finanziert werden, finden, aufzuklären – Widersprüche wie der folgende:

“Bei der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit hingegen ist der Migrationssaldo seit Jahren im Minus: Zwischen 2009 und 2013 wurden rund 710.000 Fortzüge registriert; dem standen nur etwa 580.000 Zuzüge gegenüber. Dies bedeutet einen moderaten Abfluss von 25.000 Personen pro Jahr. (Ob die jährliche Entleerung einer Kleinstadt wie dem pfälzischen Bad Dürkheim einen moderaten Abfluss bedeutet, ist ebenso eine offene Frage, wie die, was die Wertung “moderat” an dieser Stelle soll…)” (4).

Aber:

“Die Analyse des Datensatzes der Studie international Mobil ergibt keine Anzeichen für einen dauerhaften Abfluss hochqualifizierter Personen aus Deutschland ins Ausland” (26).

Was jetzt?

Verliert Deutschland nun jedes Jahr 25.000 Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, von denen mehr als 70%, wie die Analysen auf Grundlage des Datensatzes der Studie International Mobil zeigen, über einen akademischen Abschluss verfügen, oder nicht? Oder ist es etwa so, dass die Autoren der Studie herausgefunden haben, dass alle Akademiker reumütig zurückkehren, während alle Nichtakademiker im Ausland verbleiben – oder, was geht hier überhaupt vor?

Zunächst werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Einerseits werden Auswanderer befragt, 776 um genau zu sein, andererseits Rückwanderer, 895 an der Zahl. Während die Auswanderer im Ausland sind und man nicht weiß, was sie in Zukunft machen, ob sie dort bleiben, und zwar alle oder zurückkehren, weiß man von den Rückkehrern, dass sie zurückgekommen sind, obwohl sie im Ausland waren, und man weiß nicht ob sie wieder auswanderen werden.

Wir haben es also mit zwei grundverschiedenen Populationen zu tun. Im Hinblick auf beide gibt es Informationslücken, die bestimmte Interpretationen verbieten, wenn man sich nicht als methodisch Unversierter outen will, Interpretationen wie die folgende:

International Mobil“Bei den Auswanderern liegt der Anteil der Hochqualifizierten (tertiäre Bildung mit Fachhochschul- bzw. Hochschulabschluss) bei 70,0 Prozent. Vergleicht man zunächst nur diesen Wert mit dem entsprechenden Anteil in der nicht mobilen Vergleichspopulation (ca. 22%), scheint sich die Braindrain-These [These, dass aus Deutschland vor allem Hochqualifizierte abwandern und Funktionäre, Politiker und andere gering Qualifizierte zurücklassen] zu bestätigen, derzufolge besser Qualifizierte aus Deutschland abwandern. Dieser Befund relativiert sich jedoch, wenn man das Bildungsniveau der Rückwanderer betrachtet: Auch hier liegt der Anteil der Hochgebildeten mit 64 Prozent weit über dem in der nicht mobilen deutschen Wohnbevölkerung” (21)

Schmerzverzerrt, so muss man sich unsere Gesichter vorstellen.
Wo fangen wir an?

Vielleicht beim Kollektivismus: Wenn 20 Spezialisten für IT mit einem Hochschulstudium auswandern und 20 Gender Studierte nach erfolglosem Versuch, die Frauen in Benin davon zu überzeugen, dass Männer ihre Feinde sind, nach Deutschland zurückkehren, dann ist der Saldo zwar quantitativ ausgeglichen, aber qualitativ gibt es eine erhebliche Schieflage. Deshalb kann man Auswanderer nicht im Kollektiv mit Rückwanderern vergleich.

Zudem macht das Beispiel deutlich, die, die weggehen, sind nicht die, die zurückkommen. Die Rückwanderer sind eine selegierte Untergruppe der Auswanderer, und solange man nicht weiß, wie selegiert die Gruppe der Rückwanderer ist, kann man auch beide Gruppen, die der Auswanderer und die der Rückkehrer nicht sinnvoll miteinander ins Verhältnis setzen bzw. gegeneinander aufrechnen. Was die Wissenschaftler der für offenes Denken bekannten Universität Duisburg-Essen hier tun ist einer Gruppe, die sie beschreiben können, das Verhalten einer anderen Gruppe zu unterstellen, die sie ebenfalls beschreiben können, was in etwa dem Versuch gleichkommt, die Anzahl der Rückfalltäter als Maß für die Anzahl der Straffälligen zu benutzen.

Warum man das machen sollte? Vermutlich ist das eine Frage, die der Auftraggeber beantworten kann. Und bei der Gelegenheit kann er vielleicht auch erklären, was aus dem negativen Saldo von 25.000 mehr Auswanderern als Rückwanderern pro Jahr geworden ist, die noch auf Seite 4 des Berichts bekannt, mit jeder weiteren Seite weiter dem Vergessen anheim gefallen sind.

Wie wenig sinnvoll die ganze Studie ist, zeigt sich schon nach wenigen Seiten anhand der völlig diffusen Zusammensetzung der Stichprobe. Da gibt es Studenten und Schüler, die mehrheitlich vermutlich an einem Austauschprogramm teilnehmen. Es wird nicht unterschieden, ob ein Fortzug ins Ausland stattfindet, weil Kurt X von seinem Unternehmen als Expatriate und für die Dauer von zwei Jahren nach China geschickt wird, und es wird nicht einmal ansatzweise der Versuch unternommen, die wirklichen Auswanderer von den temporären Auswanderern zu trennen, um zumindest einen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, wie viele Deutsche Deutschland pro Jahr und für immer den Rücken kehren.

Zumindest ansatzweise wäre dies möglich gewesen, findet sich auf Seite 42 doch die folgende Aussage:

“Etwa 41 Prozent der im Ausland lebenden deutschen Auswanderer geben an, dass sie relativ sicher nach Deutschland zurückkehren werden, während rund ein Drittel eher im Zielland bleiben will. Weitere 26,0 Prozent wissen (noch) nicht, ob sie bleiben oder wieder zurückkehren wollen.”

Was liegt näher als anzunehmen, dass die sicheren Rückkehrer die Expatriates, die Austauschstudenten und -schüler und diejenigen sind, deren Hoffnungen, die sie mit der Auswanderung verbunden haben, sich nicht erfüllt haben? Entsprechend hätte man, wenn man dies gewollt hätte, tatsächlich untersuchen können, wie sich das Drittel derer, die im “Zielland bleiben wollen”, von denjenigen mit Rückkehrabsicht unterscheidet. Aber dann hätte man natürlich ein Ergebnis erhalten, und wir wollen ja nicht zu offen sein, für das Denken, auch in Duisburg-Essen nicht.

Bleibt anzumerken, dass die Rückkehrer finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, um wieder in den von ihnen geschätzten Freundes- und Bekanntenkreis aufgenommen zu werden, quasi die deutsche Form des verlorenen Sohnes, während die Auswanderer durch ihre Auswanderung finanziell besser gestellt werden, wofür sie auf soziale Kontakte zu Familie und Freunden verzichten. Recht so!

Int mobil frageLeider zeichnet sich die Studie auch durch den üblichen Mangel an Vorstellungsvermögen aus, der quantitative Sozialforschung nur allzu oft plagt und zu Items führt wie: “Es gibt viele mögliche Gründe dafür, aus Deutschland wegzuziehen. Bitte nennen Sie uns alle Gründe / Lebensbereiche, die dabei für Sie von Bedeutung waren: …Eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland hat eine Rolle gespielt ((F05_6))”. So genau wollen die offenen Forscher die Auswanderungsgründe dann doch nicht erfahren. Es reicht, die “gewisse Unzufriedenheit”. Womit die gewissen Unzufriedenen denn konkret unzufrieden sind, das will man besser nicht so genau wissen, es könnten Anworten wie “die hohen Steuern”, “ich bin politischer Flüchtling”, “ich bin vor dem Sozialismus geflohen” dabei herauskommen. Aber wie es nun einmal so ist, fragt man im denkoffenen Duisburg lieber nach dem Wetter (siehe Abbildung).

Und um die Besprechung dieser Kuddel-Muddel-Forschung mit der Darstellung eines letzten Widerspruchs abzuschließen: Die Autoren, die sich über Seiten mühen, die Bedeutung der Abwanderung von Hochgebildeten herunter zu spielen und Formeln der Beschwichtigung auf Basis des oben dargestellten Vergleichs zwischen Äpfeln und Birnen zu intonieren, machen mit ihren Empfehlungen nur zu deutlich, wie groß das Problem, das es nach ihrer Einschätzung gar nicht gibt, tatsächlich ist, empfehlen sie doch: attraktive öffentliche Güter und Leistungen, die Hochqualifizierte zur Rückkehr nach Deutschland bewegen können, zu schaffen und Rückkehrinitiativen zu starten, um die Auswanderer zurück in die Heimat zu bringen.

Und wozu sollte man das fordern, wenn es eigentlich gar kein Problem gibt?

Und überhaupt, warum wurden wir wieder nicht befragt?

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About Michael Klein

… concerned with and about science

8 Responses to Kuddel-Muddel-Forschung: Viel ist wenig und alles kein Grund zur Sorge

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  2. dentix07 says:

    Habe den Post noch nicht vollständig gelesen, aber das fiel mir auf: “die Braindrain-These [These, dass aus Deutschland vor allem Hochqualifizierte abwandern und Funktionäre, Politiker und andere gering Qualifizierte zurücklassen]

    Entweder verfügen die Autoren über Humor oder doch noch über etwas Realitätssinn!
    Hochqualifizierte wandern ab und lassen Funktionäre, Politiker und andere gering Qualifizierte zurück!!!!
    Funktionäre und Politiker gehören zu den gering Qualifizierten! QED!
    LOL!

    • Dieter says:

      Das ist ein Brueller. Ist mir gar nicht aufgefallen.

    • heter says:

      Ich verstehe nicht warum Sie das jetzt wudert. Wenn ich die Klammern richtig interpretiere, bedeutet dies ein erklärender Einschub von Herr Klein und nicht den Autoren des Originals. Und ihm würde ich nicht gerade Humor absprechen oder wollten sie das?

  3. SH001 says:

    “Bei den Auswanderern liegt der Anteil der Hochqualifizierten (tertiäre Bildung mit Fachhochschul- bzw. Hochschulabschluss) bei 70,0 Prozent. Vergleicht man zunächst nur diesen Wert mit dem entsprechenden Anteil in der nicht mobilen Vergleichspopulation (ca. 22%), scheint sich die Braindrain-These [These, dass aus Deutschland vor allem Hochqualifizierte abwandern und Funktionäre, Politiker und andere gering Qualifizierte zurücklassen] zu bestätigen, derzufolge besser Qualifizierte aus Deutschland abwandern. Dieser Befund relativiert sich jedoch, wenn man das Bildungsniveau der Rückwanderer betrachtet: Auch hier liegt der Anteil der Hochgebildeten mit 64 Prozent weit über dem in der nicht mobilen deutschen Wohnbevölkerung”

    ARGH! wenn ich so etwas im ersten Semester als Hausarbeit abgegeben hätte, hätte mich mein Professor als abschreckendes Beispiel an die Wand der Mensa genagelt.

    • Ralle says:

      … wir sind hier aber nicht in der Mensa, sondern in einem Teil des realen Lebens – und da geht es etwas anders zu ! ;-() vG Ralf

  4. hgb says:

    “Und wozu sollte man das fordern, wenn es eigentlich gar kein Problem gibt?”

    “Und wozu sollte man das fordern, wenn es eigentlich gar kein Problem gibt?”

    Nun, das steht an anderer Stelle: Vereinfacht: Mehr Geld für mehr Studien (deshalb darf auch nur soviel an Ergebnis geliefert werden, wie zur Beantragung der Folgestudie notwendig ist)

    (Aus Mediendienst Integration zur gleichen Studie):

    “Weitere Handlungsempfehlungen

    ◾Die Forscher empfehlen, bei Demografiestrategien und Fachkräftekonzepten nicht nur Einwanderung als Faktor zu berücksichtigen, sondern auch Auswanderung und Rückkehr. Wichtig sei es, das Migrationsverhalten als Ganzes im Blick zu haben und Fachkräfte auch langfristig an Deutschland zu binden.

    ◾Auf Bundesbene gebe es bislang kein Programm, das eine Rückkehrförderung für Deutsche im Ausland betreibt und koordiniert. Hier sei eine “Diaspora-Engagement-Politik” denkbar, die von den Erfahrungen anderer Länder profitiert.

    ◾Die Auswanderungsmotive und die Folgen müssten genauer untersucht werden, als es bislang der Fall ist. “Es braucht weitere Befragungen über mehrere Jahre hinweg”, sagt Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.”

    Eine Überschlagsrechnung unter obigen Angaben ergibt, daß in 754 Jahren alle Hochgebildeten aus Deutschland weg sind. Hierbei ist keinerlei Dynamik berücksichtigt. Das Problem wird sich dadurch erledigen, daß es bis dahin schon lange kein Deutschland mehr gibt.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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