Sinnstiftung für Ideologen: verbale Aufstände fragiler Persönlichkeiten

Die Frage, warum sich Menschen wie verhalten, hat Philosophen und Sozialpsychologen seit Jahrhunderten fasziniert. Unter den Antworten stechen nach meiner Ansicht insbesondere die von Leon Festinger und Stanley Milgram hervor. Milgram hat mit seinen Experimenten gezeigt, dass sich manche Menschen lieber einer Autorität unterordnen, für die sie dann alles zu tun bereit sind (die Betonung liegt auf alles, denn die Testpersonen von Milgram waren sogar bereit, im Dienste einer höheren Macht zu töten). Man könnte zugespitzt sagen, dass Milgram die Disposition mancher Menschen, ihrem Leben durch Gehorsam und Unterordnung unter eine Autorität erst einen Sinn zu geben, offengelegt hat. Leon Festinger hat gezeigt, dass es bei manchen Personen eine Prädisposition dahingehend gibt, die Realität dann, wenn sie nicht zur eigenen Vorstellung passt, zu verbiegen, um die notwendig mit einer richtigen Realitätswahrnehmung verbundenen kognitiven Dissonanzen wirkungsvoll auszuschließen beziehungsweise zu bekämpfen. Nimmt man beider Ergebnisse zusammen, dann hat man, wie ich finde, eine perfekte Beschreibung von Ideologen. Ideologen lieben die Autorität ihrer eigenen Ideologie, unter die sie sich bereitwillig ordnen, und die sie als Legitimation für das eigene “Tun” anführen. Nun ist es heutzutage nicht mehr “In”, sich bedingungslos einem Herrn und Meister, einer Ideologie zu verschreiben. Von “modernen” Menschen verlangt die offizielle Verlautbarung, dass sie eigenständig und verantwortungsbewusst sind. Diese Forderungen sind mit einer Ideologie gar nicht in Einklang zu bringen. Ideologen sind deshalb Ideologen, weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Sie sind Ideologen, weil sie Angst davor haben, für sich selbst zu stehen. Sie sind ideologische aktiv, weil es für sie die einzige Form von sinnstiftender Handlung ist. Die ideologische Agitation gegen andere, erlaubt es, ihre inhaltliche Leere und die Tatsache, dass sie keinerlei Verantwortung übernehmen wollen, hinter dem Banner der Ideologie, der sie sich verschrieben haben, zu verstecken, und die Not, die ihr Handeln antreibt, erlaubt es ihnen, sich als Handelnder zu begreifen, obwohl sie bestenfalls ein von den eigenen Gefühlen Vertriebener sind. Mit anderen Worten: Ideologie ist eine Form der Sinnstiftung für fragile Persönlichkeiten, eine Form geliehener oder Surrogat-Existenz für Lebewesen, die sich aus eigener Kraft nicht als Person verstehen können. Ideologie ist ein großes Problem für Wikipedia, denn Wikipedia ist ein Tummelplatz für Ideologen geworden. Das haben Arne Hoffmann und ich bereits in einem offenen Brief an Jimmy Wales, der bislang ohne Reaktion von “Jimbo” Wales geblieben ist, beklagt. Mehr noch: Wir haben die Mechanismen beschrieben, die Wikipedia zum El-Dorado für Ideologen machen, der wichtigste darunter: Anonymität. Anonymität ist das, was Ideologen suchen, denn sie wollen bestenfalls in Massenaufläufen gesehen werden, ansonsten scheuen sie sich, persönlich für ihre Ideologie einzustehen, denn sie haben sich die Ideologie ja zu eigen gemacht, um der Verantwortung zu entgehen. Das Wirken und Brüten im Verborgenen ist gerade die Voraussetzung, die sie benötigen, um ihre Illusion aufrecht zu erhalten, nach der sie wichtige Persönlichkeiten im Kampf gegen den einen politischen Gegner sind, den sie sich selbst herbeiphantasieren. Demgemäß sammeln sich bei Wikipedia Ideologen hinter den Pseudonymen ihrer virtuellen Existenz, die es ihnen erlaubt, Personen und Organisationen, die ihnen nicht passen, zu diskreditieren. Ich habe die Strktur der ideologischen Agitation bei Wikipedia bereits an anderer Stelle analysiert und damals gehofft, dass Jimmy Wales die strukturellen Probleme, die das deutschsprachige Unterfangen von Wikipedia langsam aber sicher scheitern lassen werden, ernst nimmt und etwas dagegen tut. Aber entweder habe ich ihn oder seinen Einfluss überschätzt. Jedenfalls hat er sich nicht gerührt, und die deutsche Wikimedia sieht offensichtlich keinen Anlass, etwas gegen den ideologischen Befall der deutschsprachigen Wikipedia zu unternehmen. Das neueste Tummelfeld der Pseudonym-Ideologen von Wikipedia scheinen die Artikel über eigentümlich frei und André Lichtschlag zu sein. Allein der Beitrag zu eigentümlich frei wurde am 23. Oktober mehr als 100 Mal verändert. Ich will dieses neueste Zeugnis ideologischen Wirkens bei Wikipedia zum Anlass nehmen, um den offensichtlich überforderten Wikipedia-Kämpen drei Regeln zur Vermeidung von Ideologie und zur Vermeidung der Diskreditierung von Personen zu geben.

  • Regel 1: Gleiche Behandlung aller Personen und Organisationen, die auf Wikipedia besprochen werden. Diese Regel dient dem Schutz von Persönlichkeitsrechten und ist insbesondere wirksam, weil Ideologen natürlich die eigenen Helden nicht beleidigen wollen, was sie müssten, würden auf Wikipedia alle gleichbehandelt
  • Regel 2: Keine wertenden Adjektive und Begriffe in den Beiträgen auf Wikipedia und vor allem: keine Formulierungen, die es dem Schreiber erlauben, sich von etwas zu distanzieren, ohne dabei die Verwantwortung für die getroffene Distanzierung übernehmen zu müssen.
  • Regel 3: Keine willkürliche Auswahl von Autoren als Beleg für die eigene Meinung. Vielmehr ist nach Autoren zu suchen, die der eigenen Meinung widersprechen. Diese Regel schützt davor, dass Ideologen andere Ideologen oder willkürlich zusammengeklaubtes Material nutzen, um Dritte zu diskreditieren.

Eigentlich sind die drei Regeln ganz einfach und leicht umsetzbar. Aber die Erfahrung lehrt, dass Ideologen und solche, die sich bei Wikipedia tummeln im Besonderen, begriffsstutzig sind oder doch zumindest gerne so erscheinen. Daher hier die Anwendung der entsprechenden Regeln.

Regel 1

Gleiche Behandlung von Personen und Organisationen auf Wikipedia kann man am besten dadurch sichern, dass man den Aufbau der Artikel standardisiert. Z.B. bestehen die Artikel über Karin Priester und Albrecht von Lucke neben “Weblinks”, “Einzelnachweisen” oder “Schriften” aus den Punkten “Werke (Auswahl)” bei Priester und “Leben” (diesmal keine Auswahl) bei von Lucke. Dagegen umfasst der Beitrag über André F. Lichtschlag, die Punkte, “Leben”, “Wirken” und “politische Einordnung”, neben “Auszeichnungen”, “Veröffentlichungen” und “Einzelnachweisen”. Warum ist es notwendig, André F. Lichtschlag politisch einzuordnen? Warum werden Karin Priester, emeritierte Professorin für Soziologie, und Albrecht von Lucke, Redakteur der Gewerkschaftszeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” nicht politische eingeordnet? Auf welcher Wissensgrundlage maßen sich anonyme Autoren von Wikipedia überhaupt an, eine politische Einordnung vorzunehmen, eine Aufgabe, die viele Biographen scheuen, die bei weitem besser informiert über die Personen sind, über die sie schreiben, als die Hobbytexter von Wikipedia? Wieso denken Wikipedia-Autoren, eine politische Einordnung sie für irgendjemand anderes als für sie selsbt interessant und relevant? Die einzige Antwort, die mir auf diese Fragen einfällt, lautet: es handelt sich bei den entsprechenden Wikipedia-Autoren um Ideologen, die die Wikipedia zur Agitation missbrauchen, in diesem Fall zur Diskreditierung Andersdenkener. Es ist ganz einfach, diesen Missbrauch abzustellen, in dem man die “politische Einordnung”, die sowieso nichts in einer Enzyklopädie zu suchen hat, ersatzlos streicht.

Regel 2

Wenn die “politische Einordnung” gestrichen wird, muss man natürlich dafür Sorge tragen, dass die Ideologie nicht an anderer Stelle ins Spiel kommt. Dies kann in einem ersten Schritt dadurch gewährleistet werden, dass wertende Adjektive durch beschreibende Adjektive ersetzt werden und dass zudem die Praxis, die Wertung, die man gerne treffen würde, anderen Autoren zu überlassen, die man zitieren kann, unterbunden wird. Also, Wikipedia-Autoren und im Klartext: Nemmt Euch den Text über “eigentümlich frei” zur Hand: “Eigendarstellung”, gleich der erste Satz und hier die Formulierung “nach eigenen Angaben”. Zum einen müssen Tatsachenbehauptungen in Wikipedia belegt werden, insofern kann jeder, der wissen will, woher Angaben sind, dies nachprüfen. Zum anderen legt die Formulierung gleich nahe, dass die Angaben mit Vorsicht zu genießen sind, und diese Wertung wollen wir doch nicht. Kurz: Streichen! Gleiches gilt für die Nominalisierung “Eigenangaben”. Wer wissen will, woher die Angaben stammen, kann dies nachprüfen und sich ein eigenes Bild von der Zuverlässigkeit der Angaben machen. Hilfestellung von anonymen Aktivisten ist nicht notwendig. Nun zum mit “Rezeption” überschriebenen Absatz: Wenn Karen Horn (Wer ist das überhaupt, und wieso hat Karen Horn hier etwas zu sagen?) von “radikalliberal” schreibt, dann ist das eine Wertung, die dadurch, dass Karen Horn sie von sich gegeben hat, nichts anderes wird und bestenfalls Aufschluss auf die politische Gesinnung von Karen Horn zu geben vermag, die wiederum nicht Gegenstand des Artikels ist. Und ob Karen Horn denkt, dass “seriöse Leserkreise” eigentümlich frei lesen oder nicht, interessiert wirklich niemanden außer vielleicht Karen Horn. Also: ebenfalls streichen. Wenn Wertungen weder durch Wikipedia-Autoren noch durch von ihnen zitierte Autoren vorgenommen werden dürfen, dann ergänzt sich Regel 2 in diesem Punkt hervorragend mit der folgenden Regel 3.

Regel 3

Im Artikel über eigentümlich frei werden unter “Rezeption” sechs Personen zitiert: Karen Horn, Heribert Seifert, Karin Priester, Angelika Strubbe, Thomas Gesterkamp und Albrecht von Lucke. Warum gerade diese sechs? Und wie erklärt es sich, dass die meisten dieser sechs Autoren (bei der einen Ausnahme kann man sich darüber streiten, ob sie eine Ausnahme ist) ausschließlich Negatives über eigentümlich frei zu sagen haben? Ist hier gezielt nach Negativem gesucht worden? Ganz offensichtlich, denn anders ist dieses Patchwork weitgehend unbekannter Autoren und Redakteure kaum zu erklären. Also: In Zukunft wird es in Wikipedia unterlassen, Dritte heranzuziehen, um die Arbeit der Organisationen oder der Personen, die gerade Gegenstand des Artikels sind, zu bewerten. Und schon ist die Wikipedia um einiges sauberer, und außerdem gelingt es auf diese Weise, die peinlichsten Fehler, die andere machen, nicht auf Wikipedia zu verbreiten. Wenn jemand, der in einer Zeitschrift schreibt, die von einem Autoren als z.B. “rechts” angesehen wird, in einer anderen Zeitschrift schreibt, die nicht als “rechts” angesehen wird, dann ist dem nichts anderes zu entnehmen, als dass beide Zeitschriften das, was dieser jemand zu schreiben weiß, abgedruckt haben. Daraus den Schluss zu ziehen, die nicht rechte Zeitung sei eigentlich auch rechts, denn sonst hätte sie den jemand nicht abgedruckt, wie es im Artikel über eigentümlich frei geschieht, ist nicht nur ein logischer Fehler (argumentum ad hominem), es ist absoluter Unsinn und trägt alle Indizien des Faschismus in sich, eines Faschismus, der Gedankenkontrolle betreiben will und der kontrollieren will, wer wo was druckt. Aber das ist nicht verwunderlich, denn bislang sind noch alle Ideologien in Faschismus geendet.

Diese drei Regeln sind einfach anzuwenden und mit ihnen ist es in relativ kurzer Zeit möglich, Wikipedia vom Spielball für Ideologen zu einer anähernd als Informationsquelle tauglichen Plattform zu gestalten. Wer also etwas ändern will, der kann das tun, wer aber nichts ändert, der stellt sich damit auf die Seite von Ideologen und zeigt, dass es ihm nicht um Information, sondern um Desinformation, nicht um das Projekt Wikipedia, sondern bestenfalls um die damit zu erzielenden Spendeneinnahmen geht. Ganz davon abgesehen, ist es ein Bestandteil kritischen Denkens, wie wir in unserem Grundsatzprogramm zeigen, denjenigen, den man kritisieren will, fair zu behandeln. Wer andere nicht in der Weise behandeln will, wie er bereit ist, sich selbst behandeln zu lassen, sollte seine Finger von Kritik lassen. Entsprechend sollte es in Wikipedia Personen, die anonym bleiben wollen, um andere öffentlich zu kritisieren, generell und aus Gründen der Fairness untersagt sein, Kritik zu üben.

Post Scriptum

Ich habe keine Lust mich unnötig zu wiederholen, daher noch einmal der Hinweis mit Link zum Nachlesen: Thomas Gesterkamp und Hinrich Rosenbrock (als Beleg im Artikel über eigentümlich frei angeführt) haben keine Arbeiten verfasst, die man als tauglich zum Beleg von was auch immer ansehen kann. Wenn man schon jemanden negativ kritisieren will oder eine Kritik seiner Arbeit vornehmen will, dann muss man sich auf Personen beziehen, die in ihrem Gebiet eine Kapazität darstellen, die auf Wissen und Kenntnissen zurückgreifen können, die sie dokumentiert haben und für die sie von anderen Mitgliedern ihres Gebietes anerkannt und geschätzt werden. Personen, die sich von politischen Organisationen als Auftragsschreiber instrumentalisieren lassen, scheiden hier automatisch aus: weder die Friedrich-Ebert Stiftung noch die Heinrich-Böll Stiftung verfügen über irgend eine andere Reputation als die politischer Agitation und das ist nun einmal das Gegenteil einer Reputation, die man für Fähigkeiten, Kenntnisse, Wissen oder Leistungen in einem Feld erzielen kann.

PPS

Meine Darstellung basiert auf einer Wikipedia-Version, die zwischenzeitlich im Zuge des stattfindenden Edit-Wars verändert, wiederhergestellt, wieder verändert und so weiter wurde. Daher verweise ich die Leser auf die Diskussion des Beitrags, um sich ein Bild von der Version zu machen.

Unsinn der Woche: Barbara Muracas Wortemissionen

Bereits Karl Raimund Popper hat sich über vermeintliche Wissenschaftler geärgert, die nichts zu sagen haben, das “Nichts”, aber kunstvoll in einem Berg unsinniger und meist selbstgeschaffener Worte verstecken, so dass man den Eindruck von etwas ganz Gewichtigem im Kopf dessen, der die Wortemissionen verbreitet, haben könnte. Die Auseinandersetzung Poppers mit Jürgen Habermas und dessen Varianten, das Nichts in kunstvoller Verpackung an seine Leserschaft zu übermitteln, ist legendär, meine beiden Lieblingsbeispiele aus Poppers entsprechendem Beitrag sind die folgenden:

Habermas im Original: Poppers Übersetzung:
Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.
Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft.
Popper (1990), S.110

Derartige Sprachakrobatik hat schon immer auf diejenigen, die nichts zu sagen haben, aber gerne etwas Gewichtiges in die Welt posaunen würden, einen starken Anreiz ausgeübt, und entsprechend ist die Reihe der mehr oder weniger guten Nachahmer lang. Dabei haben vor allem Ideologen entdeckt, dass die beschriebene Form der Sprachemission ein geeignetes Mittel darstellt, um zu verschleiern, dass man außer ideologisch aufgeladenen Worten nichts zu bieten hat. Die Schematik der Vorgehensweise ist dabei immer die selbe:

  1. Beschreibe einen trivialen Gegenstand auf möglichst komplizierte Weise.
  2. Füge der Beschreibung ein paar affektiv konnotierte Begriffe hinzu, die dem Leser die richtige Lesart, also deine eigene Ideologie unterschieben.
  3. Würze die Darstellung durch das Einbringen “geheimer Mächte”.
  4. Ergänze noch ein paar unsinnige Adjektive und Nominalkonstruktionen, um die ganze Darstellung “wissenschaftliche” aussehen zu lassen.

Das war die Theorie, jetzt kommt die Praxis:

Trivialität Trivialität aufgemotzt:
1: In vielen Haushalten gibt es einen Computer Der Siegeszug der Informationstechnologien hat die Privatsphäre erreicht. In vielen Haushalten findet kommunikative Interaktion nur mehr per Keyboard statt.
2: plus Ideologie In der globalen Welt des Kapitalismus weckt das Marketing Konsumbegehrnisse, die das Individuum in die Abhängigkeit der neuen Medien bringen, so dass bereits in Kinderzimmern die Vereinzelung ein Ausmaß angenommen hat, das bedenklich ist.
3: plus geheime Mächte Die Wirkkräfte des globalen Kapitalismus transzendieren über die alles durchdringende Persuasion eines allumfassenden Marketings, sie generieren fiktive Wünsche in gesellschaftlicher Durchdringung und führen zu Vereinzelung und Atomisierung bereits im Kinderzimmer.
4: plus “fancy” Adjektive Globable und in entropischer Gesamtheit wirkende Kräfte des Kapitalismus verwerfen und transformieren die indivdiuelle Herrschaftshoheit über kognitive und affektive Bedürfnisse und münden in konsumeristisch, segmentierte und nicht zu letzt sedimentierte Vereinzelung bereits im Kinderzimmer

Versuche, Trivialitäten auf die beschriebene Art und Weise “aufzumotzen”, finden sich täglich und in großer Zahl, und sie sind auch, oder gerade in universitären Bereichen zu finden, in denen sich “Wissenschaftler” tummeln, für die Wissenschaft ein Sprachakt ist, ein Akt, in dessen Verlauf sie Realität durch Sprache schaffen wollen, und ein Akt, in dessen Verlauf sie sich recht häufig in den sprachlichen Konstrukten verheddern, die sie zu weben versucht haben. Ein gutes Beispiel für Letzteres ist ein Beitrag von Barabara Muraca mit dem Titel “Gutes Leben ohne Wachstum?”.

Ein Titel in Frageform impliziert, dass die entsprechende Frage im Artikel beantwortet wird. Ob die Frage im Artikel aber tatsächlich beantwortet wird, kann ich nicht sagen, ich tendiere zu einem “nein”, denn die Wortemissionen, die sich an den Titel anschließen, sind derart wirr, dass ich außer Stande war,  einen roten Faden in der Wortansammlung zu finden bzw. überhaupt nachvollziehen zu können, was  Barbara Murca eigentlich sagen will. Das Ganze wirkt mehr wie das Gebrabbel eines kleinen Kindes, das noch nicht firm in der Verwendung von Worten ist, was vor allem deutlich wird, wenn man damit beginnt, den Sinn mancher der Sätze, die in den Wortansammlungen lokalisiert werden können, zu entmystifizieren. Ich habe mir zwei besonders herausragende Stellen ausgesucht, um das, was man auf Grundlage der Bedeutung der verwendeten Worte als den Sinn der Aneinanderreihung von Worten ansehen könnte, zu erschließen.

Sprachrätsel 1: “Dynamische Ungleichheit durch Wachstum führt zu einer strukturellen Verschiebung des Standards für das gute Leben. Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl können außerdem substantielle Freiheiten enorm einschränken.”

Meine Auflösung: Dynamische Ungleichheit scheint schlecht zu sein. Wachstum verschiebt einen Standard für gutes Leben, der sich in einer Struktur befindet. Aus dieser Verschiebung scheint Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl zu reultieren und irgendwie schränkt das substantielle Freiheiten ein. Gut. Dynamische Ungleichheiten sind Ungleichheiten, die sich verändern. Also heute bin ich unten, morgen bin ich oben oder fast oben in der gesellschaftlichen Hierarchie. Diese Dynamik ist schlecht, woraus man den Schluss ziehen muss, dass Muraca einer stabilen sozialen Struktur das Wort redet, in der unten bleibt, wer unten ist, und oben bleibt, wer oben ist. Es ist dies die Idee des Volkskörpers, in der jeder den Platz einnimmt und behält, der ihm per Geburt zugewiesen wurde. Dies hat den Vorteil, dass die Standards für das gute Leben nicht verschoben werden, denn da unten bleibt, wer unten ist, kann sich an der Gesellschaftsstruktur nichts ändern. Und da jeder nach Geburt den Platz  bekommt, der ihm von, sagen wir, Gott zugewiesen wurde, gibt es für den gesellschaftlichen Bodensatz auch keinen Grund sich zu schämen oder gar nach sozialer Anerkennung zu dürsten, und folgerichtig wird auch keine substantielle Freiheit eingeschränkt, denn alles, was ist, ist Gott gegeben und gerecht. Einfache Welt! Erinnert ziemlich an Spenglers Untergang des Abendlandes, wobei es etwas überraschend ist, dergleichen in Publikationen des DGB zu lesen. Sind die Linken die neuen Rechten?

Sprachrätsel 2: “Das zeigt sich auch für die Länder des globalen Südens, in denen traditionelle Formen des Zugangs zu wesentlichen Faktoren für ein gutes Leben vor der Einführung westlicher Entwicklungs- und Wachstumsmuster nicht monetär vermittelt waren. Im Zuge zahlreicher Maßnahmen der Bekämpfung von Armut mag zwar das pro-Kopf-Einkommen gestiegen sein; dies führte aber in vielen Fällen langfristig zu einer Zerstörung von ursprünglichen Kompetenzen, Fähigkeiten, lokalem Wissen und sozialen Netzwerken, die eben jenen Zugang ermöglichten”

Meine Übersetzung: Um die Leser nicht zu langweilen, mache ich es dieses Mal kurz. Die Art und Weise, in der man dem vorliegenden Absatz seine Bedeutung entringen kann, ist oben dargestellt. Wer lustig ist, kann das Prinzip hier anwenden und kommt dann zu der folgenden Exegese, die auf der Annahme beruht, dass der “globale Süden” z.B. in der Sahelzone oder in Afrika (Südafrika als Brutstätte des Kapitalismus ausgelassen) zu finden ist. Im globalen Süden also haben kapitalistische Investitionen und wirtschaftliche Förderprogramme z.B. dazu geführt, dass Wasserleitungen gelegt oder Brunnen gebohrt wurden, die die lokale Wasserversorgung sichergestellt haben. Dies mag dazu geführt haben, dass die Bewohner kleiner Dörfer nunmehr in der Lage waren, ihren Ackerbau zu intensivieren und auf diese Weise der Armut zu entrinnen und in gewisser Weise als Produzent von z.B. Schnittlauch für Tesco unabhängig zu werden. Dies hat ihr Einkommen erhöht und sie aus der absoluten Armut gehoben. Dafür haben sie aber einen Preis bezahlt. Die Frauen, die für die Wasserversorgung zuständig waren, dürfen nun nicht mehr über Kilometer hinweg laufen, um das Wasser aus dem einzig zugänglichen Brunnen zu holen. Sie können nicht mehr am Brunnen stehen und, während sie ihre Krüge füllen, mit ihren Nachbarn Neuigkeiten austauschen. Entsprechend werden die sozialen Netzwerke schwächer und, weil den Frauen nunmehr die tägliche Aktivität (20 Kilometer bis zum Brunnen und zurück) fehlt, werden sie körperlich schwächer, verlieren an Kondition (Fähigkeit), gehen ursprünglicher Kompetenzen verlustig, und nicht zu letzt geht ihnen das (lokale) Wissen darüber, wie man sich durch den täglichen Weg zum Brunnen fithält, verloren.

Ich weiß nicht, ob diese kumulierte Wortbedeutung, dieser Inhalt, das ist, was Barbara Muraca Ihren Lesern vermitteln wollte. Wenn es der Inhalt ist, dann wäre es für alle Beteiligten einfacher gewesen, sie hätte geschrieben, dass sie sich ein Leben ohne wirtschaftlichen Fortschritt wünscht, das zwar in Teilen der Erde elendig sein wird, aber aufgrund des emotionalen Gewinns und der sozialen Kompetenzen dem entspricht, was sie unter einem guten Leben versteht. Wenn es jedoch nicht der beabsichtigte Sinn sein sollte, dann empfehle ich Frau Muraca beim nächsten Text zu schreiben, was sie tatsächlich schreiben will und nicht so viel Zeit in die Verquasung der Sprache zu investieren. Dann müsste sie natürlich wissen, was sie sagen will, dann müsste sie Sachinhalte und nicht Emotionen transportieren wollen und, dann müsste sie natürlich etwas zu sagen haben – und das scheint mir das Hauptproblem zu sein, etwas zu sagen haben…

Popper, Karl Raimund (1990). Gegen die großen Worte. In: Popper, Karl Raimund. Auf der Suche nach einer besseren Welt. München: Piper, S.99-113.

Bildnachweis:
Rawa
Rawarrior

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