Unsinn der Woche: Barbara Muracas Wortemissionen

Bereits Karl Raimund Popper hat sich über vermeintliche Wissenschaftler geärgert, die nichts zu sagen haben, das “Nichts”, aber kunstvoll in einem Berg unsinniger und meist selbstgeschaffener Worte verstecken, so dass man den Eindruck von etwas ganz Gewichtigem im Kopf dessen, der die Wortemissionen verbreitet, haben könnte. Die Auseinandersetzung Poppers mit Jürgen Habermas und dessen Varianten, das Nichts in kunstvoller Verpackung an seine Leserschaft zu übermitteln, ist legendär, meine beiden Lieblingsbeispiele aus Poppers entsprechendem Beitrag sind die folgenden:

Habermas im Original: Poppers Übersetzung:
Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.
Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft.
Popper (1990), S.110

Derartige Sprachakrobatik hat schon immer auf diejenigen, die nichts zu sagen haben, aber gerne etwas Gewichtiges in die Welt posaunen würden, einen starken Anreiz ausgeübt, und entsprechend ist die Reihe der mehr oder weniger guten Nachahmer lang. Dabei haben vor allem Ideologen entdeckt, dass die beschriebene Form der Sprachemission ein geeignetes Mittel darstellt, um zu verschleiern, dass man außer ideologisch aufgeladenen Worten nichts zu bieten hat. Die Schematik der Vorgehensweise ist dabei immer die selbe:

  1. Beschreibe einen trivialen Gegenstand auf möglichst komplizierte Weise.
  2. Füge der Beschreibung ein paar affektiv konnotierte Begriffe hinzu, die dem Leser die richtige Lesart, also deine eigene Ideologie unterschieben.
  3. Würze die Darstellung durch das Einbringen “geheimer Mächte”.
  4. Ergänze noch ein paar unsinnige Adjektive und Nominalkonstruktionen, um die ganze Darstellung “wissenschaftliche” aussehen zu lassen.

Das war die Theorie, jetzt kommt die Praxis:

Trivialität Trivialität aufgemotzt:
1: In vielen Haushalten gibt es einen Computer Der Siegeszug der Informationstechnologien hat die Privatsphäre erreicht. In vielen Haushalten findet kommunikative Interaktion nur mehr per Keyboard statt.
2: plus Ideologie In der globalen Welt des Kapitalismus weckt das Marketing Konsumbegehrnisse, die das Individuum in die Abhängigkeit der neuen Medien bringen, so dass bereits in Kinderzimmern die Vereinzelung ein Ausmaß angenommen hat, das bedenklich ist.
3: plus geheime Mächte Die Wirkkräfte des globalen Kapitalismus transzendieren über die alles durchdringende Persuasion eines allumfassenden Marketings, sie generieren fiktive Wünsche in gesellschaftlicher Durchdringung und führen zu Vereinzelung und Atomisierung bereits im Kinderzimmer.
4: plus “fancy” Adjektive Globable und in entropischer Gesamtheit wirkende Kräfte des Kapitalismus verwerfen und transformieren die indivdiuelle Herrschaftshoheit über kognitive und affektive Bedürfnisse und münden in konsumeristisch, segmentierte und nicht zu letzt sedimentierte Vereinzelung bereits im Kinderzimmer

Versuche, Trivialitäten auf die beschriebene Art und Weise “aufzumotzen”, finden sich täglich und in großer Zahl, und sie sind auch, oder gerade in universitären Bereichen zu finden, in denen sich “Wissenschaftler” tummeln, für die Wissenschaft ein Sprachakt ist, ein Akt, in dessen Verlauf sie Realität durch Sprache schaffen wollen, und ein Akt, in dessen Verlauf sie sich recht häufig in den sprachlichen Konstrukten verheddern, die sie zu weben versucht haben. Ein gutes Beispiel für Letzteres ist ein Beitrag von Barabara Muraca mit dem Titel “Gutes Leben ohne Wachstum?”.

Ein Titel in Frageform impliziert, dass die entsprechende Frage im Artikel beantwortet wird. Ob die Frage im Artikel aber tatsächlich beantwortet wird, kann ich nicht sagen, ich tendiere zu einem “nein”, denn die Wortemissionen, die sich an den Titel anschließen, sind derart wirr, dass ich außer Stande war,  einen roten Faden in der Wortansammlung zu finden bzw. überhaupt nachvollziehen zu können, was  Barbara Murca eigentlich sagen will. Das Ganze wirkt mehr wie das Gebrabbel eines kleinen Kindes, das noch nicht firm in der Verwendung von Worten ist, was vor allem deutlich wird, wenn man damit beginnt, den Sinn mancher der Sätze, die in den Wortansammlungen lokalisiert werden können, zu entmystifizieren. Ich habe mir zwei besonders herausragende Stellen ausgesucht, um das, was man auf Grundlage der Bedeutung der verwendeten Worte als den Sinn der Aneinanderreihung von Worten ansehen könnte, zu erschließen.

Sprachrätsel 1: “Dynamische Ungleichheit durch Wachstum führt zu einer strukturellen Verschiebung des Standards für das gute Leben. Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl können außerdem substantielle Freiheiten enorm einschränken.”

Meine Auflösung: Dynamische Ungleichheit scheint schlecht zu sein. Wachstum verschiebt einen Standard für gutes Leben, der sich in einer Struktur befindet. Aus dieser Verschiebung scheint Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl zu reultieren und irgendwie schränkt das substantielle Freiheiten ein. Gut. Dynamische Ungleichheiten sind Ungleichheiten, die sich verändern. Also heute bin ich unten, morgen bin ich oben oder fast oben in der gesellschaftlichen Hierarchie. Diese Dynamik ist schlecht, woraus man den Schluss ziehen muss, dass Muraca einer stabilen sozialen Struktur das Wort redet, in der unten bleibt, wer unten ist, und oben bleibt, wer oben ist. Es ist dies die Idee des Volkskörpers, in der jeder den Platz einnimmt und behält, der ihm per Geburt zugewiesen wurde. Dies hat den Vorteil, dass die Standards für das gute Leben nicht verschoben werden, denn da unten bleibt, wer unten ist, kann sich an der Gesellschaftsstruktur nichts ändern. Und da jeder nach Geburt den Platz  bekommt, der ihm von, sagen wir, Gott zugewiesen wurde, gibt es für den gesellschaftlichen Bodensatz auch keinen Grund sich zu schämen oder gar nach sozialer Anerkennung zu dürsten, und folgerichtig wird auch keine substantielle Freiheit eingeschränkt, denn alles, was ist, ist Gott gegeben und gerecht. Einfache Welt! Erinnert ziemlich an Spenglers Untergang des Abendlandes, wobei es etwas überraschend ist, dergleichen in Publikationen des DGB zu lesen. Sind die Linken die neuen Rechten?

Sprachrätsel 2: “Das zeigt sich auch für die Länder des globalen Südens, in denen traditionelle Formen des Zugangs zu wesentlichen Faktoren für ein gutes Leben vor der Einführung westlicher Entwicklungs- und Wachstumsmuster nicht monetär vermittelt waren. Im Zuge zahlreicher Maßnahmen der Bekämpfung von Armut mag zwar das pro-Kopf-Einkommen gestiegen sein; dies führte aber in vielen Fällen langfristig zu einer Zerstörung von ursprünglichen Kompetenzen, Fähigkeiten, lokalem Wissen und sozialen Netzwerken, die eben jenen Zugang ermöglichten”

Meine Übersetzung: Um die Leser nicht zu langweilen, mache ich es dieses Mal kurz. Die Art und Weise, in der man dem vorliegenden Absatz seine Bedeutung entringen kann, ist oben dargestellt. Wer lustig ist, kann das Prinzip hier anwenden und kommt dann zu der folgenden Exegese, die auf der Annahme beruht, dass der “globale Süden” z.B. in der Sahelzone oder in Afrika (Südafrika als Brutstätte des Kapitalismus ausgelassen) zu finden ist. Im globalen Süden also haben kapitalistische Investitionen und wirtschaftliche Förderprogramme z.B. dazu geführt, dass Wasserleitungen gelegt oder Brunnen gebohrt wurden, die die lokale Wasserversorgung sichergestellt haben. Dies mag dazu geführt haben, dass die Bewohner kleiner Dörfer nunmehr in der Lage waren, ihren Ackerbau zu intensivieren und auf diese Weise der Armut zu entrinnen und in gewisser Weise als Produzent von z.B. Schnittlauch für Tesco unabhängig zu werden. Dies hat ihr Einkommen erhöht und sie aus der absoluten Armut gehoben. Dafür haben sie aber einen Preis bezahlt. Die Frauen, die für die Wasserversorgung zuständig waren, dürfen nun nicht mehr über Kilometer hinweg laufen, um das Wasser aus dem einzig zugänglichen Brunnen zu holen. Sie können nicht mehr am Brunnen stehen und, während sie ihre Krüge füllen, mit ihren Nachbarn Neuigkeiten austauschen. Entsprechend werden die sozialen Netzwerke schwächer und, weil den Frauen nunmehr die tägliche Aktivität (20 Kilometer bis zum Brunnen und zurück) fehlt, werden sie körperlich schwächer, verlieren an Kondition (Fähigkeit), gehen ursprünglicher Kompetenzen verlustig, und nicht zu letzt geht ihnen das (lokale) Wissen darüber, wie man sich durch den täglichen Weg zum Brunnen fithält, verloren.

Ich weiß nicht, ob diese kumulierte Wortbedeutung, dieser Inhalt, das ist, was Barbara Muraca Ihren Lesern vermitteln wollte. Wenn es der Inhalt ist, dann wäre es für alle Beteiligten einfacher gewesen, sie hätte geschrieben, dass sie sich ein Leben ohne wirtschaftlichen Fortschritt wünscht, das zwar in Teilen der Erde elendig sein wird, aber aufgrund des emotionalen Gewinns und der sozialen Kompetenzen dem entspricht, was sie unter einem guten Leben versteht. Wenn es jedoch nicht der beabsichtigte Sinn sein sollte, dann empfehle ich Frau Muraca beim nächsten Text zu schreiben, was sie tatsächlich schreiben will und nicht so viel Zeit in die Verquasung der Sprache zu investieren. Dann müsste sie natürlich wissen, was sie sagen will, dann müsste sie Sachinhalte und nicht Emotionen transportieren wollen und, dann müsste sie natürlich etwas zu sagen haben – und das scheint mir das Hauptproblem zu sein, etwas zu sagen haben…

Popper, Karl Raimund (1990). Gegen die großen Worte. In: Popper, Karl Raimund. Auf der Suche nach einer besseren Welt. München: Piper, S.99-113.

Bildnachweis:
Rawa
Rawarrior

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