Sinnstiftung für Ideologen: verbale Aufstände fragiler Persönlichkeiten

Die Frage, warum sich Menschen wie verhalten, hat Philosophen und Sozialpsychologen seit Jahrhunderten fasziniert. Unter den Antworten stechen nach meiner Ansicht insbesondere die von Leon Festinger und Stanley Milgram hervor. Milgram hat mit seinen Experimenten gezeigt, dass sich manche Menschen lieber einer Autorität unterordnen, für die sie dann alles zu tun bereit sind (die Betonung liegt auf alles, denn die Testpersonen von Milgram waren sogar bereit, im Dienste einer höheren Macht zu töten). Man könnte zugespitzt sagen, dass Milgram die Disposition mancher Menschen, ihrem Leben durch Gehorsam und Unterordnung unter eine Autorität erst einen Sinn zu geben, offengelegt hat. Leon Festinger hat gezeigt, dass es bei manchen Personen eine Prädisposition dahingehend gibt, die Realität dann, wenn sie nicht zur eigenen Vorstellung passt, zu verbiegen, um die notwendig mit einer richtigen Realitätswahrnehmung verbundenen kognitiven Dissonanzen wirkungsvoll auszuschließen beziehungsweise zu bekämpfen. Nimmt man beider Ergebnisse zusammen, dann hat man, wie ich finde, eine perfekte Beschreibung von Ideologen. Ideologen lieben die Autorität ihrer eigenen Ideologie, unter die sie sich bereitwillig ordnen, und die sie als Legitimation für das eigene “Tun” anführen. Nun ist es heutzutage nicht mehr “In”, sich bedingungslos einem Herrn und Meister, einer Ideologie zu verschreiben. Von “modernen” Menschen verlangt die offizielle Verlautbarung, dass sie eigenständig und verantwortungsbewusst sind. Diese Forderungen sind mit einer Ideologie gar nicht in Einklang zu bringen. Ideologen sind deshalb Ideologen, weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Sie sind Ideologen, weil sie Angst davor haben, für sich selbst zu stehen. Sie sind ideologische aktiv, weil es für sie die einzige Form von sinnstiftender Handlung ist. Die ideologische Agitation gegen andere, erlaubt es, ihre inhaltliche Leere und die Tatsache, dass sie keinerlei Verantwortung übernehmen wollen, hinter dem Banner der Ideologie, der sie sich verschrieben haben, zu verstecken, und die Not, die ihr Handeln antreibt, erlaubt es ihnen, sich als Handelnder zu begreifen, obwohl sie bestenfalls ein von den eigenen Gefühlen Vertriebener sind. Mit anderen Worten: Ideologie ist eine Form der Sinnstiftung für fragile Persönlichkeiten, eine Form geliehener oder Surrogat-Existenz für Lebewesen, die sich aus eigener Kraft nicht als Person verstehen können. Ideologie ist ein großes Problem für Wikipedia, denn Wikipedia ist ein Tummelplatz für Ideologen geworden. Das haben Arne Hoffmann und ich bereits in einem offenen Brief an Jimmy Wales, der bislang ohne Reaktion von “Jimbo” Wales geblieben ist, beklagt. Mehr noch: Wir haben die Mechanismen beschrieben, die Wikipedia zum El-Dorado für Ideologen machen, der wichtigste darunter: Anonymität. Anonymität ist das, was Ideologen suchen, denn sie wollen bestenfalls in Massenaufläufen gesehen werden, ansonsten scheuen sie sich, persönlich für ihre Ideologie einzustehen, denn sie haben sich die Ideologie ja zu eigen gemacht, um der Verantwortung zu entgehen. Das Wirken und Brüten im Verborgenen ist gerade die Voraussetzung, die sie benötigen, um ihre Illusion aufrecht zu erhalten, nach der sie wichtige Persönlichkeiten im Kampf gegen den einen politischen Gegner sind, den sie sich selbst herbeiphantasieren. Demgemäß sammeln sich bei Wikipedia Ideologen hinter den Pseudonymen ihrer virtuellen Existenz, die es ihnen erlaubt, Personen und Organisationen, die ihnen nicht passen, zu diskreditieren. Ich habe die Strktur der ideologischen Agitation bei Wikipedia bereits an anderer Stelle analysiert und damals gehofft, dass Jimmy Wales die strukturellen Probleme, die das deutschsprachige Unterfangen von Wikipedia langsam aber sicher scheitern lassen werden, ernst nimmt und etwas dagegen tut. Aber entweder habe ich ihn oder seinen Einfluss überschätzt. Jedenfalls hat er sich nicht gerührt, und die deutsche Wikimedia sieht offensichtlich keinen Anlass, etwas gegen den ideologischen Befall der deutschsprachigen Wikipedia zu unternehmen. Das neueste Tummelfeld der Pseudonym-Ideologen von Wikipedia scheinen die Artikel über eigentümlich frei und André Lichtschlag zu sein. Allein der Beitrag zu eigentümlich frei wurde am 23. Oktober mehr als 100 Mal verändert. Ich will dieses neueste Zeugnis ideologischen Wirkens bei Wikipedia zum Anlass nehmen, um den offensichtlich überforderten Wikipedia-Kämpen drei Regeln zur Vermeidung von Ideologie und zur Vermeidung der Diskreditierung von Personen zu geben.

  • Regel 1: Gleiche Behandlung aller Personen und Organisationen, die auf Wikipedia besprochen werden. Diese Regel dient dem Schutz von Persönlichkeitsrechten und ist insbesondere wirksam, weil Ideologen natürlich die eigenen Helden nicht beleidigen wollen, was sie müssten, würden auf Wikipedia alle gleichbehandelt
  • Regel 2: Keine wertenden Adjektive und Begriffe in den Beiträgen auf Wikipedia und vor allem: keine Formulierungen, die es dem Schreiber erlauben, sich von etwas zu distanzieren, ohne dabei die Verwantwortung für die getroffene Distanzierung übernehmen zu müssen.
  • Regel 3: Keine willkürliche Auswahl von Autoren als Beleg für die eigene Meinung. Vielmehr ist nach Autoren zu suchen, die der eigenen Meinung widersprechen. Diese Regel schützt davor, dass Ideologen andere Ideologen oder willkürlich zusammengeklaubtes Material nutzen, um Dritte zu diskreditieren.

Eigentlich sind die drei Regeln ganz einfach und leicht umsetzbar. Aber die Erfahrung lehrt, dass Ideologen und solche, die sich bei Wikipedia tummeln im Besonderen, begriffsstutzig sind oder doch zumindest gerne so erscheinen. Daher hier die Anwendung der entsprechenden Regeln.

Regel 1

Gleiche Behandlung von Personen und Organisationen auf Wikipedia kann man am besten dadurch sichern, dass man den Aufbau der Artikel standardisiert. Z.B. bestehen die Artikel über Karin Priester und Albrecht von Lucke neben “Weblinks”, “Einzelnachweisen” oder “Schriften” aus den Punkten “Werke (Auswahl)” bei Priester und “Leben” (diesmal keine Auswahl) bei von Lucke. Dagegen umfasst der Beitrag über André F. Lichtschlag, die Punkte, “Leben”, “Wirken” und “politische Einordnung”, neben “Auszeichnungen”, “Veröffentlichungen” und “Einzelnachweisen”. Warum ist es notwendig, André F. Lichtschlag politisch einzuordnen? Warum werden Karin Priester, emeritierte Professorin für Soziologie, und Albrecht von Lucke, Redakteur der Gewerkschaftszeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” nicht politische eingeordnet? Auf welcher Wissensgrundlage maßen sich anonyme Autoren von Wikipedia überhaupt an, eine politische Einordnung vorzunehmen, eine Aufgabe, die viele Biographen scheuen, die bei weitem besser informiert über die Personen sind, über die sie schreiben, als die Hobbytexter von Wikipedia? Wieso denken Wikipedia-Autoren, eine politische Einordnung sie für irgendjemand anderes als für sie selsbt interessant und relevant? Die einzige Antwort, die mir auf diese Fragen einfällt, lautet: es handelt sich bei den entsprechenden Wikipedia-Autoren um Ideologen, die die Wikipedia zur Agitation missbrauchen, in diesem Fall zur Diskreditierung Andersdenkener. Es ist ganz einfach, diesen Missbrauch abzustellen, in dem man die “politische Einordnung”, die sowieso nichts in einer Enzyklopädie zu suchen hat, ersatzlos streicht.

Regel 2

Wenn die “politische Einordnung” gestrichen wird, muss man natürlich dafür Sorge tragen, dass die Ideologie nicht an anderer Stelle ins Spiel kommt. Dies kann in einem ersten Schritt dadurch gewährleistet werden, dass wertende Adjektive durch beschreibende Adjektive ersetzt werden und dass zudem die Praxis, die Wertung, die man gerne treffen würde, anderen Autoren zu überlassen, die man zitieren kann, unterbunden wird. Also, Wikipedia-Autoren und im Klartext: Nemmt Euch den Text über “eigentümlich frei” zur Hand: “Eigendarstellung”, gleich der erste Satz und hier die Formulierung “nach eigenen Angaben”. Zum einen müssen Tatsachenbehauptungen in Wikipedia belegt werden, insofern kann jeder, der wissen will, woher Angaben sind, dies nachprüfen. Zum anderen legt die Formulierung gleich nahe, dass die Angaben mit Vorsicht zu genießen sind, und diese Wertung wollen wir doch nicht. Kurz: Streichen! Gleiches gilt für die Nominalisierung “Eigenangaben”. Wer wissen will, woher die Angaben stammen, kann dies nachprüfen und sich ein eigenes Bild von der Zuverlässigkeit der Angaben machen. Hilfestellung von anonymen Aktivisten ist nicht notwendig. Nun zum mit “Rezeption” überschriebenen Absatz: Wenn Karen Horn (Wer ist das überhaupt, und wieso hat Karen Horn hier etwas zu sagen?) von “radikalliberal” schreibt, dann ist das eine Wertung, die dadurch, dass Karen Horn sie von sich gegeben hat, nichts anderes wird und bestenfalls Aufschluss auf die politische Gesinnung von Karen Horn zu geben vermag, die wiederum nicht Gegenstand des Artikels ist. Und ob Karen Horn denkt, dass “seriöse Leserkreise” eigentümlich frei lesen oder nicht, interessiert wirklich niemanden außer vielleicht Karen Horn. Also: ebenfalls streichen. Wenn Wertungen weder durch Wikipedia-Autoren noch durch von ihnen zitierte Autoren vorgenommen werden dürfen, dann ergänzt sich Regel 2 in diesem Punkt hervorragend mit der folgenden Regel 3.

Regel 3

Im Artikel über eigentümlich frei werden unter “Rezeption” sechs Personen zitiert: Karen Horn, Heribert Seifert, Karin Priester, Angelika Strubbe, Thomas Gesterkamp und Albrecht von Lucke. Warum gerade diese sechs? Und wie erklärt es sich, dass die meisten dieser sechs Autoren (bei der einen Ausnahme kann man sich darüber streiten, ob sie eine Ausnahme ist) ausschließlich Negatives über eigentümlich frei zu sagen haben? Ist hier gezielt nach Negativem gesucht worden? Ganz offensichtlich, denn anders ist dieses Patchwork weitgehend unbekannter Autoren und Redakteure kaum zu erklären. Also: In Zukunft wird es in Wikipedia unterlassen, Dritte heranzuziehen, um die Arbeit der Organisationen oder der Personen, die gerade Gegenstand des Artikels sind, zu bewerten. Und schon ist die Wikipedia um einiges sauberer, und außerdem gelingt es auf diese Weise, die peinlichsten Fehler, die andere machen, nicht auf Wikipedia zu verbreiten. Wenn jemand, der in einer Zeitschrift schreibt, die von einem Autoren als z.B. “rechts” angesehen wird, in einer anderen Zeitschrift schreibt, die nicht als “rechts” angesehen wird, dann ist dem nichts anderes zu entnehmen, als dass beide Zeitschriften das, was dieser jemand zu schreiben weiß, abgedruckt haben. Daraus den Schluss zu ziehen, die nicht rechte Zeitung sei eigentlich auch rechts, denn sonst hätte sie den jemand nicht abgedruckt, wie es im Artikel über eigentümlich frei geschieht, ist nicht nur ein logischer Fehler (argumentum ad hominem), es ist absoluter Unsinn und trägt alle Indizien des Faschismus in sich, eines Faschismus, der Gedankenkontrolle betreiben will und der kontrollieren will, wer wo was druckt. Aber das ist nicht verwunderlich, denn bislang sind noch alle Ideologien in Faschismus geendet.

Diese drei Regeln sind einfach anzuwenden und mit ihnen ist es in relativ kurzer Zeit möglich, Wikipedia vom Spielball für Ideologen zu einer anähernd als Informationsquelle tauglichen Plattform zu gestalten. Wer also etwas ändern will, der kann das tun, wer aber nichts ändert, der stellt sich damit auf die Seite von Ideologen und zeigt, dass es ihm nicht um Information, sondern um Desinformation, nicht um das Projekt Wikipedia, sondern bestenfalls um die damit zu erzielenden Spendeneinnahmen geht. Ganz davon abgesehen, ist es ein Bestandteil kritischen Denkens, wie wir in unserem Grundsatzprogramm zeigen, denjenigen, den man kritisieren will, fair zu behandeln. Wer andere nicht in der Weise behandeln will, wie er bereit ist, sich selbst behandeln zu lassen, sollte seine Finger von Kritik lassen. Entsprechend sollte es in Wikipedia Personen, die anonym bleiben wollen, um andere öffentlich zu kritisieren, generell und aus Gründen der Fairness untersagt sein, Kritik zu üben.

Post Scriptum

Ich habe keine Lust mich unnötig zu wiederholen, daher noch einmal der Hinweis mit Link zum Nachlesen: Thomas Gesterkamp und Hinrich Rosenbrock (als Beleg im Artikel über eigentümlich frei angeführt) haben keine Arbeiten verfasst, die man als tauglich zum Beleg von was auch immer ansehen kann. Wenn man schon jemanden negativ kritisieren will oder eine Kritik seiner Arbeit vornehmen will, dann muss man sich auf Personen beziehen, die in ihrem Gebiet eine Kapazität darstellen, die auf Wissen und Kenntnissen zurückgreifen können, die sie dokumentiert haben und für die sie von anderen Mitgliedern ihres Gebietes anerkannt und geschätzt werden. Personen, die sich von politischen Organisationen als Auftragsschreiber instrumentalisieren lassen, scheiden hier automatisch aus: weder die Friedrich-Ebert Stiftung noch die Heinrich-Böll Stiftung verfügen über irgend eine andere Reputation als die politischer Agitation und das ist nun einmal das Gegenteil einer Reputation, die man für Fähigkeiten, Kenntnisse, Wissen oder Leistungen in einem Feld erzielen kann.

PPS

Meine Darstellung basiert auf einer Wikipedia-Version, die zwischenzeitlich im Zuge des stattfindenden Edit-Wars verändert, wiederhergestellt, wieder verändert und so weiter wurde. Daher verweise ich die Leser auf die Diskussion des Beitrags, um sich ein Bild von der Version zu machen.

Telefondiagnose “Internetsucht”: how to make a living

Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, wie man aus Nichts Geld machen kann, sich ein Auskommen schaffen kann? Da der Verkauf von Wunderelixieren derzeit nicht gut im Kurs steht und auch die heilenden Steine nicht mehr das Einkommen garantieren, das sie einmal garantiert haben, und auch Feng shui sich langsam totläuft, muss man Neues erfinden, um die entstehenden Einkommens-Lücken zu füllen. Es gilt, ein hinlänglich allgemeines Konstrukt zu erfinden, das man nicht auf den ersten Blick als in der Realität nicht auffindbar identifizieren kann. Hier bieten sich schwer diagnostizierbare Zustände an wie zum Beispiel die Internetsucht. Niemand weiß, ob es Internetsucht gibt. Niemand weiß, was Internetsucht sein soll. Niemand weiß, wie sich Internetsucht äußert. Niemand weiß, welche Folgen Internetsucht hat. Trefflich!

Um aus der Internetsucht ein einträgliches Auskommen zu extrahieren, benötigt man einen Sponsor. Besonders geeignet sind Institutionen oder Personen, von denen “Gutes” erwartet wird, die also einen gewissen Zwang verspüren, sich mit “ich tue Gutes” zu profilieren und die zudem über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um Ihnen dafür ein Auskommen zu verschaffen, dass sie das Profilierungsmaterial bereitstellen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat die Internetsucht entdeckt. 560.000 Menschen sind süchtig, weitere 2.5 Millionen sind problematische Internetnutzer. Das lässt die Dollarzeichen in die Augen derer steigen, deren Geschäft darin besteht, andere von Leiden zu therapieren, von denen diese in der Regel nicht einmal wussten, dass sie sie haben (im Jargon: die nicht einsehen wollen, dass sie krank sind). Und die Drogenbeauftragte sorgt für die kundenhungrigen Therapieanbieter: “Wir brauchen zielgenaue Präventionsarbeit und gute und effektive Beratung- und Behandlungsangebote besonders für die junge Altersgruppe”. Das ist Lobbyarbeit vom Feinsten. Bis eben wussten wir noch gar nicht, dass es Internetsucht gibt. Ab sofort gilt das als sicheres Wissen. Und da Sucht schlecht ist, muss man etwas dagegen tun, und etwas dagegen tun heißt häufig wenn nicht immer, Gelder bereitstellen, damit therapiert werden kann.

Therapiert werden müssen Sucht und Suchtfolgen, die darin bestehen dass Internetsüchtige Entzugserscheinungen wie “Missstimmung, Angst, Reizbarkeit oder Langeweile” zeigen. Schlimmer noch: Internetsüchtige nehmen für ihre Sucht negative Konsequenzen in Kauf: “Sie gehen nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, vernachlässigen soziale Kontakte und verwahrlosen teilweise sogar körperlich”. Diese Behauptungen sind erstaunlich, zeigen sie doch ein verblüffend konkretes Wissen über ein Gebiet, das es bis vor kurzem in der Forschung gar nicht gab. Wo kommt dieses Wissen her? Aus einer Studie, einer Studie durchgeführt von Hans-Jürgen Rumpf, Christian Meyer, Anja Kreuzer und Ulrich John von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität in Lübeck.

Mit 14.580 Euro Fördersumme ist es den vier Autoren gelungen, einen immerhin 19seitigen Bericht zu erstellen, in dessen Zentrum eine empirische Studie steht, von der die Autoren behaupten, dass sie “Internetsucht” gemessen habe. Dies klingt beeindruckend, und es wird noch beeindruckender: ein proportionaler Zufallsstichprobensatz und eine “umfangreiche Gewichtung” stelle die Repräsentativität der Ergebnisse sicher, heißt es gleich auf der dritten Seite. Dieses Fachlatein bedeutet, dass derjenige, der die Befragung durchgeführt hat, behauptet, er habe einen Querschnitt der deutschen Bevölkerung befragt, der als kleines Abbild der Bevölkerung gelten kann. Nachdem er die Daten gesammelt hat, hat er bemerkt, dass diese Behauptung nicht zutrifft, weil z.B. der Anteil der Arbeiter und Männer im Datensatz geringer ist als in der Bevölkerung und deshalb hat er gewichtet. Gewichtet heißt, wenn der Anteil der Arbeiter im Datensatz 15% beträgt, in der Bevölkerung aber 30%, dann werden die Arbeiter im Datensatz einfach mit dem Faktor 2 multipliziert. Das ist die mathematische Trivialität, die sich hinter dem gewichtigen Wort der Gewichtung verbirgt.

Derart gewichtige Daten haben die Autoren dann ausgewertet und behaupten nun auf Basis ihrer Auswertung, dass 1.3% der Frauen und 1.7% der Männer internetsüchtig sind, unter den 14-24jährigen gelten 2.5% beider Geschlecht als internetsüchtig. Die Prozentzahlen beziehen sich auf die gesamte Bevölkerung, denn gewichtete Datensätze erlauben, so jedenfalls die Meinung der Autoren, einen Schluß auf die Gesamtbevölkerung, und zwar selbst dann, wenn der gewichtete Datensatz gerade einmal auf 15.024 Befragten basiert. Die entscheidende Frage, die über die Internetsucht entscheidet, ist indes die Frage nach der Messung der Internetsucht. Hier erfährt der Leser, dass CIUS-Items verwendet wurden und dass der “cut-off” bei 28 gesetzt wurde. Die Kryptik kann wie folgt entschlüsselt werden:

CIUS = Compulsive Internet Use Scale; CIUS besteht aus den folgenden 14 Items:

Stellen Sie sich vor, Sie erhalten einen Anruf. Ein Student, der sich nebenbei bei infas das Studium finanziert, ist am Telefon und bittet Sie, die 14 items mit den in der Kopfzeile angegebenen Antwortkategorien von “nie” bis “sehr häufig” zu beantworten. Der junge Mensch liest Ihnen die Items vor, Sie antworten aus dem Bauch heraus und dabei kommt die mit den xen dargestellte Verteilung heraus. Nun kommen die Autoren der Studie mit ihrem “cut-off” von 28, was einfach nur sagt, dass die Antworten, die Sie gegeben haben, mit dem Wert in Klammern (also “1” für selten, “2” für manchmal) ersetzt und die Werte für alle Items addiert werden. Wer mehr als 28 Punkte hat, ist internetsüchtig. So einfach ist das. Und es ist in der Tat einfach, wie sich zeigt, internetsüchtig zu sein. Selbst wenn man die “härtesten” Items mit nie beantwortet, hat man eine gute Chance, die erforderliche Punktzahl zu erreichen, um als internetsüchtig zu gelten. Um so erstaunlicher ist es, dass die Autoren so wenige Internetsüchtige ausmachen, was sich vermutlich darüber erklärt, dass viele Befragte nicht alle Items beantwortet haben oder generell “nie” gesagt haben, weil ihnen die suggestive Form der items auf die Nerven gegangen ist.

Dessen ungeachtet und schlicht der Tatsache geschuldet, dass man bei der Datenschutzbeauftragten keine Ahnung hat, wie die Ergebnisse zu Stande kommen, das auch gar nicht wissen will und braucht, um Gelder für Präventionsmaßnahmen verschleudern und die Existenz der eigenen Behörde rechtfertigen zu können, leiten die Items, die oben dargestellt wurden, ministeriale Phantasien an: Internetsüchtige hätten Entzugserscheinungen, wie Missstimmung, Angst usw., sie vernachlässigten soziale Kontakte und verwahrlosten teilweise sogar körperlich. Es gibt absolut nichts, das diese Aussagen belegen könnte, weder wurde gemessen, ob es einen Zusammenhang zwischen Internetsucht und Missstimmung gibt noch wurde gemessen, ob Menschen, die lange vor dem Computer sitzen, verwahrlosen. Die entsprechenden Konstruktionen sind Hirngespinste aus der Behörde der Datenschutzbeauftragten, die lediglich zeigen, was man dort mit Internetsucht assoziiert und da sich – wie viele Philosophen, am überzeugendsten David Hume argumentiert haben -, Assoziationen im eigenen Kopf bilden und aus der eigenen Erfahrung speisen, möchte ich lieber nicht in die Verlegenheit kommen, das Gebäude der Datenschutzbeauftragten von innen zu sehen, denn die teilweise Verwahrlosung von Menschen, die lange Zeit vor einem Computer sitzen, ist dort anscheinend so präsent, dass sie sogar Eingang in Pressemeldungen findet.

Der ganze Hokuspokus der Internetsucht zeigt nur, wie leicht es in Deutschland ist, ein Hirngespinst zu einer sozialen Tatsache zu stilisieren und Forschungsgelder damit loszueisen. Vielleicht haben Sie ja auch eine entsprechende Idee. Wenn Sie täglich mit der Bahn zur Arbeit fahren, liegt es nahe, ein Forschungsvorhaben zur S-Bahn Sucht in Angriff zu nehmen. Oder sie hören täglich Radio und putzen sich täglich dabei die Zähne, das sind erste Anzeichen einer radiophobischen Zahnputzsucht, die unbedingt weiter erforscht werden müssen. Ein lohnendes Unterfangen wäre auch die Erforschung der Phobie mancher Forscher und Politiker, im alltäglichen Handeln anderer Menschen ein phobisches Verhalten zu erblicken oder anderen Menschen in manischer Weise die eigene Normalität aufzwingen zu wollen. Welche Phobie Sie auch immer interessiert, wenden Sie sich an die Datenschutzbeauftrage. Die hat ein Ohr für so ziemlich alles, was bei anderen zur Sucht (stilisiert) werden kann.

Zwischenzeitlich gibt es auch erste Outings uneinsichtiger Internetsüchtiger, wie z.B. Jan Filter, der wohl als nicht therapierbar zu gelten hat.

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