Wenn es um Dummheit geht, dann spielt Tilo Jung, Betreiber von “Jung und Naiv”, in einer eigenen Klasse [Wenn Sie unser Konzept der Dummheit erster, zweiter und dritter Ordnung nicht kennen, dann können Sie es hier nachlesen]:
“Ist Ihr Land einfach schon immer gemacht für historische Aufgaben wie Sie sich das vorstellen“?”, so fragt Tilo Jung, in der für Linke so typischen hinterlistigen Art, Ulrich Siegmund, und Jung stellt diese Frage nach kurzen Ausführungen darüber, dass im Jahre 1932 mit Alfred Freyberg der erste Ministerpräsident der NSDAP im Freistaat Anhalt gewählt wurde.
Auf diese “historische Parallele”, darauf, zwei Ereignisse, die nichts miteinander zu tun haben, in Verbindung zu bringen, muss man erst einmal kommen, und dazu gehört ein gezieltes Suchen und entsprechendes bösartiges Potential, zumal man am 6. September auch an die Schlacht von Dennewitz, nicht weit von Dessau entfernt, denken könnte. Dort haben Friedrich Wilhelm von Bülow und Bogislav von Tanentzian am 6. September 1813 mit vereinten Preußischen Kräften die französisch-sächsische Armee unter Marschall Ney geschlagen und ein Vorrücken der Napoleonischen Truppen auf Berlin verhindert, den Berlinern den Arsch gerettet, wie man salopp formulieren könnte.
Man könnte auch an die Gründung der Flensburger Brauerei am 6. September 1888 denken und eine historische Parallele ziehen oder an den Beginn der Offensive deutscher Truppen im Ersten Weltkrieg, die in die Schlacht an den Masurischen Seen ein ziemliches Gemetzel mit russischen Truppen geführt hat.
Wenn man friedlich und nicht bösartig veranlagt ist, hätte man auch eine Parallele zur Zweiten Wahl eines Deutschen Bundestages am 6. September 1953 ziehen können. Der Tag, der Adenauer mit 45,2% der abgegebenen Zweitstimmen, also etwas besser als das Ergebnis, das Ulrich Siegmund erreicht hat, eine absolute Mehrheit an Sitzen im Bundestag beschert hat.
Aber, wenn man so eindimensional, um nicht zu sagen, einfältig, eine nicht ganz unberechtigte Wertung bei jemandem, der sich als “jung und naiv” bezeichnet, veranlagt ist, wie Jung und das Ganze noch mit einem ordentlichen Schuss Bösartigkeit würzt, dann kommt dabei die Frage und “historische Parallele” heraus, die Jung gestellt hat.
Tatsächlich wurde am 24. April des Jahres 1932 mit Alfred Freyberg, dem späteren Oberbürgermeister von Leipzig, ein NSDAP-Mitglied zum Regierungsschef in Anhalt gewählt. Der Freistaat Anhalt umfasste übrigens nur einen Bruchteil der Fläche des heutigen SACHSEN-Anhalt, im Wesentlichen Dessau und Bitterfeld und Umgebung. Freyberg ein überzeugter Sozialist der umgehend die Juncker-Werke verstaatlicht hat und ein Feind all dessen, was man als Woke-Kultur der damaligen Zeit ansehen kann, weshalb er das Bauhaus geschlossen hat, beerbte den Sozialdemokraten Heinrich Deist, der von November 1924 bis Mai 1932 mit einer kurzen Unterbrechung dem Freistaat vorgestanden hat.
Die Wahl im April 1932 sah eine umfrangreiche Desintegration des bürgerlichen Lagers und einen Nationalsozialistischen Shooting-Star, der seinen Stimmenanteil von 2% bei der letzten Landtagswahl im Jahre 1928 auf 40,9% erhöht hat. Die SPD bis dato in einer Minderheitsregierung mit der DDP, musste Federn lassen, verlor gut 8% ihres Stimmenanteils (von 42,5% (1928) auf 34,3% (1932)) und mit den Prozenten auch die Regierung, schon weil die DDP, die sich durch eine Umbenennung in Staatspartei vor dem elektroalen Niedergang zu bewahren suchte, selbigen nicht abwenden und mit 1,47% einen nochmaligen Absturt, von zuvor mageren 4,2% hinnehmen musste.
Insgesamt sind die Wahlen im Freistaat Anhalt durch eine Wanderbewegung der bürgerlichen, vor allem der evangelischen Mittelschicht zur NSDAP gekennzeichnet, ein Ergebnis, das nicht zuletzt durch die evangelische Landeskirche, die mehr oder minder offen die Wahl der NSDAP beförderte, bewerkstelligt wurde.
Was Leute wie Jung, in ihrer grenzenlosen Einfalt nicht in Rechnung stellen: Der historische Kontext. Und der historische Kontext im Freistaat Anhalt war spätestens seit Mitte der 1920er Jahre von einem “Kulturkampf” den die evangelische Landeskirche gegen “anti-evangelische Mächte” und vor allem gegen den “geistigen Bolschewismus” geführt hat. Es handelt sich im Wesentlichen um den Versuch, Christentum und Moral vor einem Ansturm säkularer und vor allem unsittlicher Legionen zu schützen. Der Hofprediger “Richard Bindemann” stand dabei in erster Linie, ein Mann, dessen Wirken Bernd G. Ulbricht später als “Frontalangriff auf die Moderne” werten wird, eine Wertung, die man genau dann vornimmt, wenn man die Moderne und alles, wofür sie steht, höher bewertet als das, wofür Bindemann und die Seinen, die nach seinem Tod 1929 seine Arbeit fortgeführt haben, gestritten haben.
Worum es dabei im Wesentlichen ging, das belegt eine Episode, die 1932 als “Skandal im Tivoli Dessau” durch die konservative Presse ging, ein Skandal, der wiederholt aufgenommen wurde und der in der Berliner Börsenzeitung folgenden Niederschlag gefunden hat:
Wir zitieren in Folge aus der deutschen Ausgabe des 2023 beim Cambridge University Press erschienen Buches von Todd H. Weir “Red Secularization”, deutscher Titel: “Roter Säkularismus: Sozialismus und freigeistige Kultur in Deutschland 1890 bis 1933”, erschienen bei deGruyter in Berlin:
“Besonders anstößig für den Reporter der Börsenzeitung war der Auftritt der Agitprop-Gruppe “Rote Fanfaren”, die größtenteils aus Migliedern der Sozialistsichen Arbeiterjugend bestand. Ihre satirische Darstellung der “Religion, des Gottesbegriffs, der Geistlichkeit, der Autoritäten und des Sittlichen […] übersteigt jede Vorstellung:
Dem zwangszigjährigen Konferenzier (…) flossen Worte wie Abtreibung, widernatürliche Unzucht, Geilheit der Pfassen usw. nur so von den Lippen. Gott war als nackter chinesischer Kuli dargestellt, ‘welchem Popanz der Sprechchor die Maske vom Gesicht riss‘. Im Anschluss sangen zwei ‘katholische Priester’ ein Kuplet, das auch in einer Matrosenkneipe von Wirkung gewesen wäre und dessen Refrain, von entsprechenden Handbewegungen begleitet, lautete:
Wir beten, wie’s uns frommt;
Bis nachher der Andre kommt;
Juppheidi und Juppheida;
Wozu ist denn die Liebe da?”
Der Beitrag zog Kreise und wurde zum Fanal für die sittliche Verlotterung der LINKEN. Und in der Tat muss man feststellen, dass die Verbindung zwischen Perversion und linker Agitation offenkundig etwas ist, das auf eine Jahrhunderte lange Geschichte zurückblicken kann.
Der Fall war für den Ministerpräsidenten des Freistaates Anhalt, für Heinrich Deist von der SPD gleich doppelt peinlich, denn er war führend an der Gründung des Tivoli in Dessau als Form der Arbeiterbegegnungsstätte beteiligt, hatte als dessen Direktor gewirkt, und es war seine Jugendorganisation, die nicht nur die evangelische Landeskirche auf die Palme gebracht hat, sondern einen Schulterschluss zwischen Landeskirche und NSDAP in Anhalt bewerkstelligt hat.
Es ist nachträglich immer schwierig, Einfluss zu messen. Aber der Skandal im Dessauer Tivoli dürfte das Seine dazu beigetragen haben, die NSDAP – vor allem, nachdem die Partei von der Führung der evangelischen Kirche quasi mit dem Unbedenklichkeitsstempel versehen worden war, in die Wahlhöhen zu treiben, in der sich die NSDAP zum 6. September 1932 dann eingefunden hat.
Aber das ist – wie so oft – nur ein Teil der Wahrheit. Anders als die dauerhafte Regierung aus SPD und DDP nahezulegen scheint, war der Freistaat kein Arbeiterstaat, in dem SPD und der KPD die Stimmen von Arbeitern einsammeln konnten. Anhalt war mehr durch kleine Gewerbetreibende, ein Bürgertum und Landwirtschaft geprägt und somit quasi optimiert für das, was Rudolf Heberle, Eike Hennig und Thomas Childers als beste Bedingungen dafür, dass Wähler von bürgerlichen und konservativen Parteien zur NSDAP massenwandern, beschrieben haben:
Childers, Thomas (2010). The Nazi voter: The social foundations of fascism in Germany, 1919-1933. Raleigh: University of North Carolina Press.
Heberle, Rudolf (1962). Landbevölkerung und Nationalsozialismus: eine soziologische Untersuchung der politischen Willensbildung in Schleswig-Holstein 1918-1932. Berlin: Walter de Gruyter.
Hennig, Eike (1983). Hessen unterm Hakenkreuz: Studien zur Durchsetzung der NSDAP in Hessen. Frankfurt am Main: Insel.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie von Boshaftigkeit getriebene Zeitgenossen jede Form des kognitiven Investments, jeden Versuch, ihrer Einfalt durch Wissen zu entgehen, abwählen, um sich öffentlich als jemand inszenieren zu können, der mit Wissensfragmenten einen Zusammenhang behauptet, den es außerhalb entsprechend eingeschränkt funktionaler Gehirne nicht gibt.
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Nur weniger Bemittelte sind Einfältig. Die Ignoranz der Intelligenten ist Dummheit.
Den Titel des Buches weiß ich nicht mehr, nur den Satz: „Nur die katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei und die Kommunisten verloren bei der Reichstagswahl keine Stimmen.“
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Nur weniger Bemittelte sind Einfältig. Die Ignoranz der Intelligenten ist Dummheit.
Den Titel des Buches weiß ich nicht mehr, nur den Satz: „Nur die katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei und die Kommunisten verloren bei der Reichstagswahl keine Stimmen.“