Oh je: Göttinger Rechts-Forscher sind Opfer (einer Verschwörung), nicht Täter!

Vor einigen Tagen hat Franz Walter, der Chef des Göttinger Instituts für Demokratieforschung Folgendes geschrieben:

„„Doch ist „die Wirklichkeit“ natürlich eine höchst ambivalente Sache. Die Realität der einen entspricht keineswegs der Realität der anderen. Natürlich leben wir nicht in einer sozial und normativ unstrittigen „Realität“.“

Goettingen Stellungnahme 1Seltsamerweise beharrt er, der in diesem Zitat der Ambivalenz und Uneindeutigkeit der Realität das Wort geredet hat, nun, da in der WELT Vorwürfe gegen die von ihm (mit) zu verantwortende Studie „Rechtextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ erhoben werden, Vorwürfe, die auf Merkwürdigkeiten zurückgehen, die wir berichtet haben, nun darauf, dass es genau eine Realität gibt, nämlich die seine und die der Autoren der genannten Studie, die keine Studie, sondern Junk ist, wie wir bereits ausgeführt haben. Wenn Leute, die die Eindeutigkeit der Realität in Frage stellen, die keinerlei Wahrheitstheorie dem zugrunde legen, was sie tun, nun plötzlich der Ansicht sind, die Realität sei doch ganz eindeutig und gar nicht mehr konstruiert, dann hat dies ein, wie soll man sagen, ein bigottes Bouquet. 

„Natürlich ist nichts von diesen Unterstellungen richtig“, so lautet die Verteidigung gegen Ungereimtheiten wie diejenigen, dass die – wie in der Stellungnahme des Göttinger Instituts für Demokratieforschung geschrieben – „gängige Praxis qualitativer Forschung die Klarnamen unserer Interviewpartner mehrheitlich verfremdet bzw. anonymisiert“ zu haben, in einer Weise praktiziert ist, die man entweder einem Täuschungsversuch oder methodischer Ahnungslosigkeit zuschreiben muss.

Zunächst ist es in Experteninterviews gerade NICHT üblich, die Klarnamen zu anonymisieren, denn das Gewicht dessen, was im Interview geäußert wird, lebt vom Status des Experten, so dass es für andere Forscher wichtig ist, den Expertenstatus nachvollziehen zu können. Aber mit dem Nachvollziehen haben es die vermeintlichen Forscher in Göttingen nicht so. Deshalb haben sie keinerlei Kriterien offengelegt und den Lesern schlicht verheimlicht, wer warum und auf Grundlage welcher Auswahl interviewt wurde. Und nun wundern sich die Autoren der Junk-Studie, sind gar entrüstet darüber, dass die Frage auftaucht, warum die Göttinger so methodisch unbedarft an eine Studie herangehen, aus der sie so weitreichende Schlüsse ziehen wollen wie den folgenden:

„Dies nicht zuletzt deshalb, weil insbesondere in Sachsen eine spezifische, von der CDU dominierte politische Kultur wirkt, die das Eigene überhöht und Abwehrreflexe gegen das Fremde, Andere, Äußere kultiviert.“ (192)

„Dies“ bezieht sich übrigens auf Antipathien, die es bei den in Heidenau und Freital vermeintlich Befragten gegenüber der Antifa gibt.

Goettingen Stellungnahme 2Sie wollen also auf der eine Seite weitreichende Aussagen über Ursachen und Konsequenzen von Rechtsextremismus aus ihren Ergebnissen ableiten, sind auf der anderen Seite aber weder bereit, die Auswahlkriterien zu benennen, die zur Auswahl z.B. der Experten für die entsprechenden Interviews oder der Teilnehmer in den Fokusgruppen geführt haben. Statt die für wissenschaftliche Studien normale Transparenz, die eine Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse zur Folge hätte, an den Tag zu legen, vernebeln die Göttinger noch mehr und anonymisieren alles, was ihnen in den Weg kommt. Das ist, wenn es um Experteninterviews geht, eben nicht üblich.

Wenn es so sein sollte, wie die Göttinger behaupten, dass Interviewpartner nur bereit waren, unter dem Deckmantel der Anonymität ihr vermeintliches Expertenwissen preiszugeben, dann sind die entsprechenden Interviews sowieso wertlos, denn Experten, die im Dunkeln wirken, sind per se keine Experten. Sie sind durch eine Mischung aus Feigheit und Angst gekennzeichnet, die wohl kaum Garant dafür sein wird, dass von solchen Experten eine rationale und normale Einschätzung der Umstände erfolgen kann, die sie umgibt.

Ein weiteres Problem verbindet sich mit dem prätentiösen Bombast, den die Göttinger Unkundigen der empirischen Sozialforschung ausgerechnet aus rund 35 Interviews und 3 Fokusgruppen in drei ostdeutschen Städten ableiten: Konsequenzen und Ursachen für ganz Ostdeutschland, ja selbst Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschlang meinen die Göttinger auf Grundlage ihrer – wie sie nun schreiben in „sehr kleinräumlichen Orten durchgeführten Forschung“ ziehen zu können.

Das passt nicht, nicht hinten und nicht vorne.

Wer seine Forschung derart vernebelt, wie die Göttinger dies getan haben und sich anmaßt, weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, die man auf Grundlage der Daten nur ziehen kann, wenn man einen gehörigen Schuss Ideologie und Phantasie hinzugibt, der muss damit rechnen, dass ganz genau hingesehen wird und z.B. die Frage gestellt wird, was eine Anonymisierung von Herrn Menke als „Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital und Mitglied der Fraktion der SPD/Grüne im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge“ soll, wenn man mit wenig Aufwand herausfinden kann, dass es sich bei Herrn Menke entweder um Harry Retz oder um Klaus Wolframm handeln muss. Keiner von beiden war gegenüber ScienceFiles bereit, eine Teilnahme an der Befragung der Göttinger zu bestätigen.

Das ist schlicht Humbug, und wie gesagt: Es ist unüblich. Es ist gerade die Grundlage von Experteninterviews, die Namen der Experten zu nennen. Wer es nicht tut, hat entweder keine Ahnung von den Gepflogenheiten empirischer Sozialforschung, ein Schluss, der Anbetracht der entsprechenden Ahnungslosigkeit der Göttinger, die wir in einem früheren Beitrag gezeigt haben, naheliegt, oder er hat etwas zu verbergen, ein Schluss, der sich fast noch mehr aufdrängt, wenn man die Tatsache in Rechnung stellt, dass es keinerlei Angaben dazu gibt, welche Experten aus welchen Gründen und nach welchen Kriterien wie ausgewählt wurden, um an dieser Pseudo-Studie teilzunehmen.

Derart konspirativ arbeitet nur jemand, der nicht will, dass seine Ergebnisse nachvollzogen werden können. Jemand, der etwas zu verheimlichen hat. Jemand, der Wissenschaft als Feigenblatt zur Verbreitung seiner politischen Ideologie missbraucht.

Logik der ForschungAber die Wissenschaft hat ja Regulative entwickelt, um Fälschungen und Täuschungsversuche aufzudecken. Diese scheinen den Göttingern nicht bekannt zu sein, denn sie sind der Ansicht: pikierte Hysterie und der Versuch, Kritik zur Gotteslästerung zu erklären, sei genug, um sich der Kritik zu entledigen, vor allem wenn man den entsprechenden Versuch, wie die Göttinger, noch mit ein wenig mitleidheischender Heuchelei verbindet und sich gleichzeitig zum Opfer einer „Kampagne“ (aus einem Zeitungsartikel) und zum Schutzpatron der ängstlichen Interviewpartner der eigenen Pseudo-Studie erklärt, die „nun aufgrund dieser Kampagne verunsichert sein könnten“, warum, weil sie wegen ihres Interviews einer „potenziellen Gefährdung … und künftigen Belastung in der politischen Auseinandersetzung“ ausgesetzt sein könnten.

Noch einmal: Wenn Experten zu feige sind, zu ihrem Expertenwissen zu stehen, dann sind sie als Experten nichts wert. Insofern ist die völlig unübliche Anonymisierung der Namen von Experten Grund genug, ihre Interviews zu vernichten. Und die Gefährdung, von der hier phantasiert wird, es gibt sie nur in der Phantasie der Göttinger. Sie sind von der Annahme, dass in Freital und Heidenau ein rechter Mob die rechtschaffenden Bürger, die sich vornehmlich in den Fraktionen von SPD, Grünen und LINKE finden, „natürlich“ nicht von der Antifa, ausgegangen, sie haben diese Phantasie in keiner Weise geprüft, sie statt dessen an ihre eigene Forschung herangetragen und selbst Interviewpartner anonymisiert, die das gar nicht wollten, wie Marcel Leubecher in der WELT schreibt. Wer derart voreingenommen, ja hysterisch an seine Forschung herangeht und im Verlauf dieser Forschung zeigt, dass er von Methoden der empirischen Sozialforschung so wenig weiß wie von den Gepflogenheiten derselben, der darf sich nicht wundern, wenn ihm genau auf die Finger geschaut wird.

Und damit sind wir wieder beim Thema Nachprüfbarkeit angelangt. Wissenschaft lebt davon, dass andere Forscher nachvollziehen können, was Primärforscher, die die Göttinger ja sein wollen, geforscht und als Ergebnisse gewonnen haben wollen. Deshalb ist es üblich, die Daten, auf deren Basis Ergebnisse gewonnen wurden, zu veröffentlichen. Beim Zentralarchiv in Köln kann man das z.B. tun, damit andere Forscher mit diesen Daten prüfen können, ob die Ergebnisse der Göttinger valide und reliabel sind.

  • Daher lautet die erste Forderung an die Göttinger das Daten-Material, auf dessen Grundlage sie ihre weitreichenden und himmelschreiend falschen Interpretationen „sehr kleinräumlicher“ Ereignisse und Erfahrungen getroffen haben, zu veröffentlichen und anderen Wissenschaftler zur Prüfung zugänglich zu machen.
  • Da die Zweifel daran, dass die Göttinger die Interviews, die sie behaupten, geführt zu haben, auch wirklich geführt haben, nicht dadurch ausgeräumt werden können, dass man sich aufplustert und die entsprechende Frage nach Ungereimtheiten als Gotteslästerung abtut, lautet die zweite Forderung an die Adresse der Göttinger die Aufzeichnungen aus den Interviews und aus den Fokus-Gruppen, nicht nur freizugeben, sondern mit den methodischen Erwägungen zu versehen, die in der Wissenschaft üblich sind: Wer wurde warum interviewt? Handelt es sich um den Teilnehmer an einer Fokusgruppe: Wie wurde der Teilnehmer ausgewählt – schließlich leben in Heidenau, Freital oder Erfurt jeweils mehr als 8 Personen. Handelt es sich um vermeintliche Experten, die interviewt wurden, dann sind zudem die Kriterien zu nennen, aus denen hervorgeht, welche Überlegungen dazu geführt haben, den entsprechenden Interviewpartner als Experten einzustufen und auszuwählen und welche Qualifikationen (politische Ideologie ist keine Qualifikation) der vermeintliche Experte mitbringt, um seinen Expertenstatus zu rechtfertigen.

Wenn die Göttinger diese Voraussetzungen dafür, dass ein normaler Wissenschaftsprozess begonnen werden kann, erfüllt haben, dann kann auf prüfbarer Basis darüber entschieden werden, ob die Vorwürfe, dass Interviews nicht geführt worden sind, zurückgenommen werden müssen.

Ach ja, zuvor müssen die Göttinger natürlich noch erklären, was ein Vertreter der Landeszentrale für Politische Bildung gegenüber Marcel Leubecher von der WELT gesagt hat:

„Unser angeblicher leitender Angestellter Reese wird an fünf Stellen zitiert, mit Positionen, die Sie niemals aus unserem Haus hören würden.“ Der erfundene Demokratievermittler stellt etwa die schützende Wirkung der Mauer heraus. Auch lobt er: „Die Monarchiezeiten waren nicht die schlechtesten.“ Die Landeszentrale habe erfolglos versucht zu rekonstruieren, wer „Herr Reese“ sein könnte, und nun bei den Göttinger Forschern um Transparenz gebeten. Bisher ohne Antwort.”

Wenn Herr Leubecher von der WELT, diesen Text als Argumentationshilfe nutzen will, dann dieses Mal bitte nur mit Quellenangabe!

Befragte erfunden: Bezahlt Bundesbeauftragte Fake-Rechtsextremismusforschung?

Gestern wurden die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die am Göttinger Institut für Demokratieforschung erstellt wurde und deren selbsterklärtes Ziel darin besteht, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland zu erklären und Ursachen zu benennen. Wir haben schon gestern darüber berichtet, dass es auf Grundlage von knapp 40 Interviews, die mit Personen in Freital, Heidenau und Erfurt geführt wurden, nicht möglich ist, Aussagen über Sachsen, Thüringen oder gar Ostdeutschland zu machen und dargelegt, dass die Studie aus Göttingen Junk Science in Vollendung darstellt.

Nun hat uns ein Leser darauf hingewiesen, dass alles noch viel schlimmer sein könnte als gedacht: Auf der Liste der Personen, die vom Göttinger Institut für Demokratieforschung interviewt worden sein sollen, tauchen Namen von Personen in bestimmten Positionen auf, die es nicht gibt.

Hier die Liste der Personen, die die Göttinger befragt haben wollen:

Goettinger faelschung

Nun gibt es im Stadtrat von Freital keine Frau Laski, wie im Abschlussbericht der Göttinger behauptet und einen Herrn Menke, mit dem die Göttinger ein Interview geführt haben wollen, den gibt es im Stadtrat auch nicht. Von einem Herrn Dreier, der Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital sein soll, ist im Stadtrat Freital auch keine Spur zu finden. Dasselbe gilt für Herrn Thiele, der Mitglied der Fraktion „Bürger für Freital“ im Freitaler Stadtrat sein soll. D.h. alle Mitglieder des Stadtrats, mit denen angeblich Interviews geführt worden sein sollen, sind im Stadtrat Freital nicht Mitglied. Ob die entsprechenden Interviews erfunden wurden oder die Mitgliedschaft im Stadtrat, warum auch immer nur behauptet wurde, ist uns derzeit nicht bekannt.

Eine Erklärung dafür, dass sich Frau Laski, Herr Menke, Herr Dreier oder Herr Thiele nicht im aktuellen Stadtrat von Freital finden, könnte darin bestehen, dass die genannten nach Neuwahlen ausgeschieden sind. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Laufzeit des Projekts, dessen Abschlussbericht u.a. auf den Interviews mit den behaupteten Mitgliedern des Stadtrats Freital beruht, war von 2016 bis 2017. Der derzeitige Stadtrat Freital ist seit 2014 im Amt. Insofern haben die Göttinger offensichtlich Interviews mit nicht existenten Stadträten geführt oder erfunden oder gefälscht.

junk scienceDass Interviews gefälscht wurden, dafür spricht die Tatsache, dass es in der Sächischen Landeszentrale für Politische Bildung keinen Herrn Reese als Mitarbeiter gibt, wie von den Göttingern behauptet. Wie sie also ein Interview mit dem führenden Mitarbeiter Reese geführt haben wollen, ist eine derzeit offene Frage. Angesichts der Tatsache, dass Interviews mit Personen geführt worden sein sollen, die es auf den angegebenen Positionen nicht gibt, stellt sich die Frage, ob die Interviewpartner, die anonym bleiben wollen, überhaupt vorhanden sind.

Ob hier Interviews erfunden wurden oder Interviewpartner aufgewertet werden sollen oder schlicht eine neue Variante der Fälschung wissenschaftlicher Arbeiten vorliegt, ist eine Frage, die die Göttinger beantworten müssen. Wenn wir für die Junk Science wie die Bundesbeauftragte 500.000 Steuereuro aus dem Fenster geworfen hätten, wir würden sie als eine der ersten Fragen stellen.


Weitere Recherchen unseres Lesers „Herr Ernst“ weisen darauf hin, dass die Interviews schlicht erfunden sind:

Es gibt auch keine Frau Fröhlich im Stadtrat Heidenau. Auf der Homepage kann man rechts oben die zwei vorhergehenden Stadträte anschauen. Seit 2004 war niemand mit Namen Fröhlich Mitglied des Stadtrates.

Ebenfalls gibt es keine Frau Ackermann, die Mitglied des sächsischen Landtags wäre, egal bei welcher Fraktion.

Ob die Lokalredaktion Freital der Sächsischen Zeitung wirklich eine Frau Decker beschäftigt hat, konnte ich bisher nicht herausfinden.

 


Hinweise für ScienceFiles?
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Der rechtsextrem fremdenfeindliche Ossi: Junk Science trifft journalistische Ahnungslosigkeit

Wenn es um Sozialwissenschaften geht, dann scheint jeder Fuzzi zu denken, er könne mitreden.

Das ist ein Problem.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass unter Journalisten Sachverstand und Urteilsvermögen so rar sind. Vor allem dann, wenn es um sozialwissenschaftliche Themen geht, fehlen beide in schöner Regelmäßigkeit, tritt die eigene ideologische Überzeugung an die Stelle von Ratio und Vernunft.

Und deshalb berichten heute die staatstragenden Medien unisono von einer Studie, die die auch im Jahre 27 nach der Vereinigung noch vorhandene Bundesbeauftrage für die neuen Bundesländer in Auftrag gegeben und teuer bezahlt hat. Dass es richtig teuer wird, dafür wollen wir nun sorgen.

Weil Journalisten so wenig Sachverstand und Urteilsvermögen haben, deshalb werden sie zum Durchlauferhitzer dessen, was angebliche Wissenschaftler von sich geben, die sich verstärkt an Instituten zu finden scheinen, die am Tropf von Ministerien oder ihren Ablegern hängen, die sie mit Auftragsforschung mästen. Das dem so ist, das hat noch keinen Journalisten auch nur verwundert. Journalisten zeichnen sich weitgehend durch eine treudoofe Berichterstattung aus, die verbreitet, was in der Pressemeldung steht, die weder in Frage stellt noch hinterfragt.

Und deshalb lesen deutsche Leser in jedem Medium denselben Unsinn:

  • junk_scienceZEIT: Rechtsextremismus: Wo sich Fremdenfeindlichkeit breit macht;
  • ZEIT: Studie der Bundesregierung: Ostdeutschland ist anfälliger für Rechtsextremismus
  • Frankfurter Rundschau: Diagnose einer ostdeutschen Spezifität;
  • Tagesschau.de: Studie: Warum häuft sich rechte Gewalt im Osten;
  • Göttinger Tageblatt: Osten hat Problem mit Rechtsextremismus;
  • Tagesspiegel: Rechtsextremismus in Ostdeutschland: Und immer wieder Sachsen;
  • RP Online: Studie – Was den Osten so anfällig für Rechtsextremismus macht;
  • Derwesten.de: Rechtsextremismus ist ein ostdeutsches Problem;
  • Heute.de: DDR-Wurzeln machen Osten rechtsextremer;
  • RBB24: Studie: Ostdeutsche anfälliger für Rechtsextremismus;
  • N-TV.de: Studie – Osten anfälliger für Rechtsextremismus;

Ausgangspunkt für diesen gesammelten Unsinn ist eine angebliche Studie, die das Göttinger Institut für Demokratieforschung erstellt hat; im Auftrag der Bundesbeauftragten für die Ossis und für viel Geld. Wir schätzen, dass die Bundesbeauftragte für diese Junk-Studie mindestens 500.000 Steuereuro aus dem Fenster geworfen hat und fragen uns, ob man politische Darsteller, deren Darstellung vornehmlich darin besteht, Steuergelder zu verprassen, nicht wegen Veruntreuung anzeigen sollte.

Denn um Veruntreuung handelt es sich bei dieser Studie, dieser prätentiösen Studie, die viel vorgibt und methodisch in einer Weise von der Ahnungslosigkeit der angeblichen Forscher kündet, die uns sprachlos macht (Und wir haben schon einiges an Unsinn gelesen im Laufe unserer Gutachter-Karriere…).

Fangen wir zunächst mit dem an, was man aufgrund des methodischen Designs der Junk-Studie nicht machen kann:

Man kann keine Aussagen darüber machen, wie die Ostdeutschen sind. Die Datengrundlage lässt derartige Aussagen nicht zu.

Man kann keine Aussagen darüber machen, was die Ostdeutschen im Vergleich zu den Westdeutschen mehr oder eher oder besonders sind. In der Studie werden keinerlei Westdeutsche befragt oder untersucht. Entsprechend können auch keine Vergleiche zwischen Ost- und Westdeutschen auf Grundlage dessen vorgenommen werden, was die Göttinger da zusammengebastelt haben.

Man kann auf Grundlage der Daten der Göttinger keine Aussagen über Besonderheiten von Sachsen oder Thüringer machen. Die wenigen Daten, die noch dazu keinerlei regionale Variation aufweisen, lassen das nicht zu.

Ja man kann auf der Datenbasis, die die Göttinger sich teuer haben bezahlen lassen, nicht einmal Aussagen darüber machen, was Freital, Heidenau oder Erfurt, die drei Orte, in denen die Göttinger gewirkt haben, auszeichnet.

Damit sind alle Überschriften und Aussagen, die mit einem umfassenden Anspruch für alle Ostdeutschen oder für Ostdeutsche im Vergleich zu Westdeutschen oder für Sachsen oder Thüringer oder Heidenauer oder Freitaler oder Erfurter gemacht werden, wilde Spekulation und können keinerlei Anspruch darauf erheben, etwas zu verdeutlichen oder gar zu erklären.

Alle Titel und Beiträge in den oben zitierten Medien sind FakeNews, denn sie behaupten etwas, was schlicht nicht behauptet werden kann. Warum nicht?

Deshalb:

Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“, so lautet der Titel der Göttinger Studie. Tatsächlich haben die Göttinger nicht Ostdeutschland, sondern nur Erfurt, Heidenau und Freital untersucht. Selbst Journalisten sollten verstehen, dass drei Orte nicht Ostdeutschland sind.

Der Titel geht noch weiter: „Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe in Ostdeutschland sowie die Ballung in einzelnen ostdeutschen Regionen“.

Wenn angebliche Wissenschaftler von Ursachen sprechen und behaupten, sie hätten Kausalitäten entdeckt, dann ist Vorsicht angezeigt; Wenn die entsprechenden Wissenschaftler ihre Kausalitäten auf Basis von qualitativen Methoden gefunden haben wollen, dann ist neben Heiterkeit noch mehr Vorsicht angezeigt, dann liegt der Verdacht nahe, dass hier ein Versuch unternommen werden soll, Sozialwissenschaften zum Zwecke ideologischer Manipulation derer, die sich so gerne und einfach manipulieren lassen, also der Journalisten, zu missbrauchen.

Goettingen Junk ScienceUm diesen Verdacht zu untersuchen, benötigt man Kenntnisse der Methoden der empirischen Sozialforschung und man muss in der Lage sein, das Methodenkapitel der Göttinger Ideologen zu lesen. Dasselbe nimmt gerade einmal drei dreiviertel Seiten ein und rapportiert im Wesentlichen nur, was gemacht wurde:

Es wurden qualitative Interviews mit Experten geführt, also mit Personen, die die Göttinger für Experten halten. Warum sie die entsprechenden Personen für Experten halten, warum und wie sie die entsprechenden Personen ausgewählt haben, grundlegende Fragen, an denen der Wert einer Studie und ihre Reichweite bewertet wird, sie werden nicht beantwortet. Das ist ein Verstoß gegen wissenschaftliche Lauterkeit und ein eindrücklicher Beleg für methodische Unkenntnis.

Dann wurden Fokusgruppen-Interviews in Freital und Heidenau und Erfurt geführt, mit jeweils 6 bis 8 Personen. Wer aus welchem Grund als Teilnehmer in die Fokusgruppen gelangt ist, darüber schweigen sich die Göttinger ebenfalls aus. Abermals ein Verstoß gegen wissenschaftliche Lauterkeit, den man einem Studenten im ersten Semester nicht durchgehen lässt.

Weil niemand weiß, wer warum in die Fokusgruppen oder als Experte zum Experteninterviews geladen wurde, deshalb ist das Material das aus den Interviews resultiert schlicht wertlos. Möglicherweise haben die Göttinger Forscher ja ausschließlich Mitglieder der LINKE zu ihrer Meinung über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit befragt. Ein Verdacht, der nicht so fern liegt, wie man denken würde. Aber dazu kommen wir noch.

Dann haben die Göttinger noch „teilnehmende Beobachtungen“ durchgeführt, sie haben an Stadratsitzungen teilgenommen, sind zu einem oder mehreren Fussballspielen gegangen und waren bei Stadt- oder Grillfesten zugegen. Grundsätzlich ist die teilnehmende Beobachtung eine wissenschaftliche Methode, aber nur dann, wenn die Beobachtungssituationen und die, die beobachtet werden, nach festen Kriterien bestimmt und kontrolliert werden. Die Göttinger haben nichts davon getan. Entsprechend sind ihre Ergebnisse auch hier wertlos.

Schließlich haben sie Wahlergebnisse ausgewertet. Ein löbliches Unterfangen, das man normalerweise von Studenten im Grundstudium vornehmen lässt.

Das, was der ahnungslosen Bundesbeauftragten hier mit Sicherheit als „Methoden-Mix“ verkauft wurde, sehr teuer verkauft wurde, wir gehen von Kosten in Höhe von mindesten einer halben Million Euro für ein solches Design aus, ist eine Sammlung methodischer Kunstfehler, die letztlich keinerlei Aussagen darüber zulassen, welche lokale Strukturen oder gar Ursachen von Rechtsextremismus in Freital, Heidenau oder Erfurt für zu finden sind, geschweige denn, dass sich Aussagen für Sachsen, Thüringen oder Ostdeutschland als Ganzes machen ließen.

Dass dem so ist, das müssen auch die Göttinger irgendwie gedacht haben. Nur so ist es zu erklären, dass sie einen der dümmsten Sätze, die je aus einem angeblichen Wissenschaftlerkopf gefallen sind, zu Papier gebracht haben, um zu suggerieren, ihre Ergebnisse wären irgendwie repräsentativ, würden irgendwie Schlüsse über die Personen, von denen die Ergebnisse generiert wurden, hinaus zulassen:

Prof Facepalm„Die jeweiligen Fokusgruppen hatten eine Größe von sechs bis acht TeilnehmerInnen, wobei versucht wurde – und auch weitgehend gelang -, sowohl nach Alters- als auch nach den Geschlechterdurchschnitt sowie die Verteilung nach Berufstätigkeit/Ausbildung/Arbeitslosigkeit/Rente der jeweiligen Untersuchungsorte einigermaßen repräsentativ abzubilden.“ (12)

Damit ist es den Göttingern gelungen, die Vielfalt von Heidenau, Erfurt und Freital in sechs bis acht Personen repräsentativ zu erfassen, und zwar mit Blick auf das Alter, das Geschlecht, den Beruf, und den Erwerbsstatus. Daraus muss man schließen, dass es in Erfurt und Freital und Heidenau jeweils maximal 6 bis 8 Personen unterschiedlichen Alters gibt, die nicht mehr als 6 bis 8 unterschiedliche Berufe ausüben und noch in der Lage sind, die Verschiedenheit von Erwerbsstatussen (Vollzeit, Teilzeit, stundenweise Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, in Lehrausbildung, bei der Bundeswehr, im Studium, in Elternzeit, beurlaubt, krankgeschrieben usw.) abzubilden.

Das ist mit Verlaub der größte Schwachsinn, den wir je gelesen haben. Wer behauptet, er können auf Basis von 6 bis 8 Personen die „jeweiligen Untersuchungsorte einigermaßen repräsentativ“ abbilden, wie dies die Göttinger tun, der hat entweder (1) nicht mehr alle Tassen im Schrank, (2) keine Ahnung von Methoden, (3) will bewusst seinen Auftraggeber täuschen oder macht (4) sich einen Spaß mit seinem Auftraggeber, dem er entsprechende Attribute von Dummheit und Naivität zuweisen muss.

methoden_der_empirischen_sozialforschungWas zutrifft, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass die Behauptung, die Ergebnisse seien in irgendeiner Weise aussagekräftig, nicht nur methodisch unhaltbar ist, sie sind eine schlichte Lüge. Das ganze Brimborium, das die Göttinger veranstalten, dient einzig dazu, die Kosten für diese Studie in die Höhe zu treiben, ohne auch nur einen Deut Erkenntnis als Gegenleistung zu liefern und dazu, am Ende die eigenen Vorurteile, die man zu Anfang in die Studie gepackt hat, damit rechtfertigen zu können, dass man sie nun als Ergebnisse präsentiert.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Auf Grundlage dessen, was die Göttinger geforscht haben wollen, kann man KEINERLEI Aussage über Erfurter, Heidenauer, Freitaler, Sachsen, Thüringer oder Ostdeutsche machen.

Fehlt noch der Beleg dafür, dass die Göttinger gefunden haben, wonach sie manisch auf der Suche waren.

Wenn man belegen will, dass X ein Rechtsextremist ist, was macht man dann? Man befragt Y, der schon mehrfach öffentlich seine Meinung bekundet hat, dass X ein Rechtsextremist ist. Das beschreibt die Anlage der Studie, deren Ergebnisse, die Journalisten so treudoof herbeten und die auf den Angaben der folgenden Personen beruhen:

  1. Sebastian Reißig, Geschäftsführer von Aktion Zivilcourage e.V., Pirna
  2. Herr Dreier, Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital und
  3. Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
  4. Herr Menke, Mitglied der Fraktion DIE LINKE im Stadtrat Freital und im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
  5. Frau Laski, Mitglied des Freitaler Stadtrates
  6. Jürgen Opitz, Bürgermeister der Stadt Heidenau
  7. Frau Ackermann, Mitglied des sächsischen Landtages (Fraktion DIE LINKE)
  8. Herr Reese, führender Mitarbeiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung
  9. Frau Decker, Lokalredakteurin der Sächsischen Zeitung in Freital
  10. MitarbeiterInnen des Kinder- und Jugendhilfeverbundes Freital
  11. Herr Thiele, Mitglied der Fraktion „Bürger für Freital“ im Freitaler Stadtrat
  12. Herr Tharandt, Lehrer am Weißeritzgymnasium Freital
  13. Frau Fröhlich, Mitglied der Fraktion DIE LINKE/Grüne im Stadtrat Heidenau
  14. Dr. Enrico Schwarz, Geschäftsführer von Biotec e.V., Freital
  15. Herr Lehmann, Fußballtrainer in Freital mit Migrationshintergrund
  16. MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung Heidenau
  17. KommunalpolitikerInnen aus Heidenau
  18. Mitarbeiterinnen von Zusammenleben e.V., Freital
  19. Zwei Beamte des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen (Leiter der
  20. Stabsstelle und Leiter des Fachreferates Rechtsextremismus)
  21. Frau Preuss, Bewohnerin des Stadtteils Heidenau-Süd
  22. BewohnerInnen des Herrenbergs, die anonym bleiben wollen, 27.10.2016
  23. Mitarbeiter der Partei DIE LINKE mit Schwerpunkt auf Rechtsextremismus, 01.08.2016
  24. Lokaler politischer Akteur, 27.10.2016
  25. Fanprojekt Erfurt e.V., 30.07.2016
  26. Fokusgruppe Erfurt, 16.11.2016
  27. Mitglied des Stadtrates für die SPD, 07.06.2016
  28. Journalist des MDR, 22.08.2016
  29. Politischer Akteur aus dem grünen Spektrum A, 17.05.2016
  30. Vertreter des Gemeindevorstands Ahmadiyya, 28.11.2017
  31. Mitglied des Stadtrates für die CDU, 07.06.2016
  32. Mobit e.V., 18.05.2016
  33. Bodo Ramelow, Ministerpräsident Thüringens, 07.09.2016
  34. Person aus der Bildungspolitik, 25.05.2016
  35. Politischer Akteur aus dem grünen Spektrum B, 22.08.2016
  36. Lokale zivilgesellschaftliche AkteurInnen, 15.11.2016
  37. Zwei Personen aus der Zivilgesellschaft, die anonym bleiben wollen, 27.09.2016

Alle Aussagen über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit der Sachsen, Thüringer oder Ostdeutschen basieren auf den Angaben der hier zusammengestellten Interviewpartner. Man muss nicht in empirischer Sozialforschung ausgebildet sein, um zu erkennen, dass auf Basis der Interviews mit den genannten Personen keinerlei verallgemeinernde Aussagen möglich sind, die auf alle Sachsen oder Ostdeutschen übertragen werden. Alltagsverstand reicht. Alltagsverstand, den wohl die meisten Journalisten nicht haben. Man muss, am Rande bemerkt, selten dämlich sein, wenn man für einen derartigen Junk, mehrere 100.000 Euro Steuergelder aus dem Fenster wirft.

Aber: Nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas gut ist. Wenn man aus der Liste der Interviewten etwas entnehmen kann, dann die Angst der angeblichen Sozialforscher vor ihrem Studienobjekt. Es findet sich kein Rechter, kein bekennender Rechstextremist, nicht einmal ein Rechtsextremist-light in Form eines NPD-Funktionärs. Die Göttinger haben offensichtlich die Hosen voll und eine Heidenangst davor, mit denen konfrontiert zu werden, über die sie angeblich forschen. Das ist noch armseliger als diese Junk-Studie.


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Wie wirklich ist Verstand? Am Göttinger Institut für Demokratieforschung blüht die Esoterik

Franz Walter, Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, hat einen skurrilen Text veröffentlicht, den man nicht unkommentiert stehen lassen kann, wirft er die Sozialwissenschaft doch weit hinter die Scholastik zurück in die Zeit als noch der religiöse Glaube an das, was sein soll, das, was wirklich ist, überlagert hat.

Der Text stellt in weiten Teilen eine Verschwörungstheorie vor, die so simpel ist, dass man sie in zwei Sätzen zusammenfassen kann: Finstere globale Finanzmächte haben die Interpretation der Wirklichkeit gekapert, um den harmlos dummen anderen Mitglieder der Gesellschaft eine falsche Wirklichkeit vorzugaukeln. Denn: Wirklichkeit gibt es nicht an sich, es gibt nur Interpretationen der Wirklichkeit.

Ob Franz Walter sein Gehalt für eine Interpretation von Wirklichkeit hält oder es ausgibt, ganz so als wäre es Wirklichkeit, ist eine Frage, die sein Vermieter beantworten muss.

Der Kern des Walterschen Unsinns ist in der folgenden Passage zu finden:

Franz Walter Goettingen Demokratieforschung„Doch ist „die Wirklichkeit“ natürlich eine höchst ambivalente Sache. Die Realität der einen entspricht keineswegs der Realität der anderen. Natürlich leben wir nicht in einer sozial und normativ unstrittigen „Realität“. Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Lebensgeschichten nehmen Wirklichkeit anders wahr. Wirklichkeit, auch Fakten werden durch Kommunikation und Normen konstruiert, dann subjektiv interpretiert und durch die Filter handfester Interessen zu einem Machtfaktor gerade in demokratischen Gesellschaften. Wer die Hegemonie über die Interpretation von „Wirklichkeit“ und der „Faktenlage“ innehat, besitzt einen Vorsprung in der geistig-politischen Auseinandersetzung.“

Die Erkenntnistheorie, die sich über nunmehr 200 Jahre entwickelt hat, hat Menschen wie Walter einfach nicht verdient; Jene Erkenntnistheorie, die z.B. in die Korrespondenztheorie der Wahrheit gemündet ist, die wiederum den Test an der Wirklichkeit als Kriterium ansieht, an dem die Korrektheit von Sätzen abgelesen werden kann. Ob der Satz: „Es regnet in Göttingen“ ein wahrer Satz ist, einer, der mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ist insofern keine Frage normativer Interpretation oder von „hegemonialer Interpretation“. Er ist entscheidbar, der Satz. So wie die Wirklichkeit entscheidbar ist.

Weil sie das ist, haben sich Wissenschaftler vor langer Zeit darauf geeinigt, die Wirklichkeit als Maßstab dafür zu Rate zu ziehen, ob ihre Theorien über die Wirklichkeit zutreffen. Wohlgemerkt ihre Theorien, nicht ihre Interpretationen. Denn im Gegensatz zu Interpretationen enthält der Begriff „Theorie“ kein Element der Willkür. Theorie ist Ordnung und Methode und nur dann etwas wert, wenn feststellbar ist, ob eine Theorie zutrifft, sich bewähren kann oder nicht. Interpretationen haben es da leichter. Sie wollen nur subjektiv sein und reklamieren keinerlei Bedeutung im täglichen Leben. Interpretationen sind u.a. der Zeitvertreib dessen, der es auf wissenschaftliche Positionen geschafft hat ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was Wissenschaft bedeutet, was Wissenschaft „wirklich“ ist.

Und weil sie es nicht wissen, deshalb interpretieren sie Wirklichkeit, nein, deshalb interpretieren sie eine der vielen Wirklichkeiten, die sie behaupten zu sehen. Globale, neoliberale und andere Wirklichkeiten. Es gibt sie zuhauf für Menschen wie Walter, der nie auf die Idee gekommen ist, das naheliegende zu tun: Wirklichkeit als Regulativ einzuführen, an dem man die eigenen Aussagen überprüfen kann. Er ist schon deshalb nicht auf die Idee gekommen, weil es das Ende seiner Interpretationen wäre. Derzeit kann er noch wild fabulieren, interpretieren, behaupten, insinuieren und verkünden. Missbrauchte er Wirklichkeit nicht als Interpretationsobjekt sondern benutze Wirklichkeit als Regulativ, er könnte nur noch behaupten, was er auch belegen kann. Herzlich wenig wäre das. Entsprechend interpretiert er lieber, der Herr Walter, und behauptet, es gäbe mehr als eine Wirklichkeit und vor allem sei die Wirklichkeit ambivalent.

Sie ist es nicht, Herr Walter. Die Wirklichkeit ist erschreckend eindeutig. Interpretieren Sie Kartoffeln als Zahlungsmittel und gehen Sie in den nächsten Supermarkt. Die Wirklichkeit wird sie belehren. Interpretieren sie das Eigentum anderer als das ihre und bedienen sie sich. Auch hier wird Sie die Wirklichkeit schnell davon überzeugen, dass ihre Interpretation falsch ist.

farsideislandAber das weiß auch Herr Walter. Deshalb geht er nicht mit Kartoffeln in den Supermarkt und klaut nicht wie ein Rabe. Deshalb kassiert er sein Gehalt auf Euro und Cent genau und lässt keinerlei Zweifel an der Höhe der Wirklichkeit seines Gehaltes zu. Dass er dennoch die Wirklichkeit bezweifel und behauptet, es gebe derer viele, je nach Erfahrung oder normativer Bewertung durch den Interpretatoren, hat einen einfachen Grund: Gelderwerb. Die Apologeten der subjektiv konstruierten Wirklichkeiten haben keinerlei Nutzen, den sie für sich ins Feld führen könnten, keinerlei Beitrag zu leisten, der gesellschaftlicher Mehrwert wäre. Aber bevor jemand feststellt, dass Interpretationen Marke Walter, dass seine Verschwörungstheorien nichts sind, was einen wissenschaftlichen oder praktischen Wert hätte, einen Wert, der über die subjektive Deutung eines Herrn Walter hinausweist, bevor ihm solches entgegengehalten wird, behauptet er lieber, die Wirklichkeit und mit ihr jede Kritik sei subjektiv und normativ und an Erfahrung gebunden und könne der Komplexität seiner Gedanken entsprechend nicht gerecht werden.

Hans Albert spricht hier von Kritikimmunisierung und wundert sich vermutlich bis heute, dass es funktioniert. Es ist in Deutschland möglich, zu behaupten, die Wirklichkeit sei nichts, was fassbar sei, ihre Beschaffenheit sei vielmehr von subjektiver Interpretation, normativer Vorliebe und individueller Erfahrung abhängig. Und es ist möglich, mit solchen Behauptungen, die zur Konsequenz haben, dass alles, was der Behauptende von sich gibt, subjektiv, von seinen normativen Vorlieben und seiner Erfahrung geprägt ist und so einzigartig, dass es Dritten nicht mitteilbar und verständlich ist, Geld zu verdienen und bei besonders einfachen Gemütern als gelehrt zu erscheinen.

Uns scheint, Herr Walter hat es geschafft, seine subjektiven Interpretationen und Deutungen der Wirklichkeit in hegemonialer und egoistischer Weise zu kapitalisieren und am Markt für Subjektives und gesellschaftlich Nutzloses zu verkaufen.

Die Frage, ob Wirklichkeit wirklich ist, ist natürlich eine metaphysische Frage, über die es sich nur bedingt diskutieren lässt, etwa so bedingt, wie es sinnvoll ist, dauerhaft mit einer Mauer darüber zu diskutieren, ob die Mauer oder der eigene Kopf den längeren Atem hat.

Karl Raimund Popper, der zeitlebens an der Dummheit jener Zeitgenossen gelitten hat, die die Wirklichkeit der Wirklichkeit in Zweifel ziehen und Deutung an die Stelle von Messung, Interpretation an die Stelle von Methode setzen wollen, gleichzeitig ihre Deutungen aber für so relevant halten, dass sie sie anderen mitteilen zu müssen glauben, hat in seinem Plädoyer für den Realismus des Alltagsverstandes und gegen die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes ein Beispiel zitiert, das Winston Churchills Antwort auf diejenigen darstellt, die die Eindeutigkeit von Wirklichkeit anzweifeln, sie deuten und interpretieren wollen:

Popper objektive Erkenntnis„Winston Churchills Ansichten sind sehr ausgeprägt und ich halte sie für einen sehr gerechten Kommentar zu einer Philosophie, die sich seitdem vielleicht vom Idealismus zum Realismus gewandelt hat, aber immer noch gleich nichtssagend ist: ‚Einige meiner Vettern, die den großen Vorzug einer Universitätsausbildung genossen‘, schreibt Churchill, ‚zogen mich gern mit Argumenten auf, die beweisen sollten, dass nichts existiert außer in Form unserer Gedanken …‘. Er fährt fort: ‚Ich berief mich immer auf folgendes Argument, das ich mir selbst viele Jahre früher einmal klargemacht hatte … [Da] ist die riesige Sonne, die augenscheinlich auf keiner festeren Grundlage steht als unseren Sinneswahrnehmungen. Doch glücklicherweise gibt es eine Methode zur Nachprüfung der Wirklichkeit der Sonne, die überhaupt nichts mit unseren Sinnen zu tun hat. … Die Astronomen sagen mittels [der Mathematik und] des reinen Verstandes voraus, dass an einem bestimmten Tag ein dunkler Fleck vor der Sonne vorüberziehen wird. Man … schaut nach, und der Gesichtssinn sagt dir unmittelbar, dass die Berechnung richtig war. … Wir haben etwas gemacht, was in der militärischen Kartographie Kontrollpeilung heißt. Wir haben uns ein unabhängiges Zeugnis für die Wirklichkeit der Sonne erschaffen. Wenn mir meine metaphysischen Freunde sagen, die Daten, die in die Berechnungen der Astronomie eingingen, beruhten notwendigerweise ursprünglich auf Sinneswahrnehmungen, so sage ich ‚nein‘. Sie könnten, jedenfalls theoretisch, aus automatischen Rechenmaschinen stammen, die vom drauffallenden Licht in Gang gesetzt werden, ohne dass die menschliche Sinneswahrnehmung irgendwo eingeschaltet wäre. … Ich … sage noch einmal mit allem Nachdruck … die Sonne ist wirklich, auch heiß, heiß wie die Hölle, und wenn die Metaphysiker das anzweifeln, sollten sie hingehen und sich überzeugen“ (Popper 1973: 58-59).