Alternative Sprache: Lieferservice für politisch-korrekten Sprachwahn

Alle Jahre wieder … haben wir denselben Unmut, einfach keine Lust, einen richtigen Widerwillen… Aber es hilft nichts. Auch dieses Jahr wird das, was sechs – soll oder muss man sagen: Linksextreme, in jedem Fall aber linkspopulistische Mitglieder einer Unwort-Jury, die sich zum Teil sogar für Sprachwissenschaftler halten, aus ihrer ideologischen Sicht auf die Welt für sprachlich nicht angemessen halten, durch die Mainstream-Medien geprügelt. Es ist, wie jedes Jahr, ein kurzer Aufschrei, gefolgt von einer langen Phase der Leere, die letztlich ins Vergessen mündet. Wer denkt am 18. Januar noch an das Unwort des Jahres? Wer kann am 2. Februar noch das Unwort des Jahres benennen? Wen interessiert am 3. März, dass es sechs Gestalten gibt, die sich jedes Jahr aufschwingen, die Wortbenutzung anderer, die ihnen ideologisch nicht in den Kram passt, zu tadeln?

Vermutlich ist es der letzte Punkt, der uns regelmäßig dazu veranlasst, wieder über diesen Langweiler des Jahres zu schreiben: Es bringt uns immer auf die Palme, wenn paternalistisch veranlagte Intellektuelle per Einbildung sich anmaßen, die Handlungen anderer zu bewerten und was uns bis zur Spitze der Palme bringt, ist die Tatsache, dass die alternativen Sprecher, von diesem Lieferservice für politisch-korrekten Sprachwahn, den niemand in Auftrag gegeben hat und außer den Mainstream-Schreiern niemand nachfragt, behaupten, sie hätten ein wissenschaftliches Gewand um ihre Schultern, obwohl sie, im wissenschaftlichen Sinne als Metapher und nicht als alternativer Fakt gemeint, nackt dastehen.

Um die Wissenschaftslosigkeit der Unwortverkünder zu belegen, reicht es, deren angebliche Begründungen für die übrigens drei Unwörter des Jahres zu betrachten. Die diesjährigen Unwörter lauten: „alternative Fakten“, „Shuttle-Service“ und „Genderwahn“. Die Jury besteht aus vier Gestalten, die sich auf Professuren unterschiedlicher Universitäten herumdrücken, die etwas mit Sprachwissenschaft zu tun haben sollen, einem Autoren und freien Journalisten und einer Street-Art-Künstlerin, die anonym bleiben will.

Keinem kommt der Gedanke, dass man vielleicht wissenschaftliche Kriterien heranziehen sollte, wenn man sich schon zum einen anmaßt, Wissenschaftler zu sein, und zum anderen, den Sprachgebrauch von anderen zu tadeln. Doch sucht man die wissenschaftlichen Kriterien, die schon bei dem sprachlichen Unsinn „alternative Fakten“ nahegelegen hätten, umsonst. An ihre Stelle treten ideologische Zeitgeistüberlegungen von Links, die das ganze so ermüdend machen.

Frage: Was hat Linke 2017 besonders aufgeregt.
Donald Trump – richtig.
Die Flüchtlinge im Mittelmeer bzw. die Diskussion darüber – richtig.
Das, was Linke immer aufregt, Gender und die Kritik daran.

Die schwere Langeweile, die uns erfasst, wenn wir vom Unwort des Jahres hören, sie geht u.a. darauf zurück, dass die angebliche Wahl so vorhersagbar ist. Aus Gründen des Virtue Signalling – seht her, wir sind besonders gute Menschen, – aus Gründen der politischen Anbiederung – sehr her, wenn ihr uns fördert, dann bekommt ihr politisch korrekten Brei … Es ist einfach nur erschütternd.

Und um es zu wiederholen: Es gibt das alles ohne den Hauch einer wissenschaftlichen Begründung.

Alternative Fakten, so schreibt die Jury, sei zwar ein Begriff, für den es nur eine einzige belegte Verwendung durch eine „Trump-Beraterin“ gebe, aber das reicht, um den Floh zu einem Dinosaurier aufzupumpen. Es muss für Linke lebenswichtig sein, sich aufzuregen, excitaro ergo sum. Nur so kann man die Verzweiflung erklären, mit der sie aus Flöhen Saurier herbeikonstruieren und aus einem Begriff, der genau einmal genannt wurde, ein Ungeheuer zimmern, an dem sie sich emotional abarbeiten können, bis sie im Aufschrei enden.

Alternative Fakten sei ein Begriff, der in Deutschland „Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch [Sprachwissenschaftler wollen das sein: vor allem auch !] in den sozialen Medien, geworden: ‚Alternative Fakten‘ steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten durch Behauptungen zu ersetzen“.

[20 Minuten später]

Okay, wir haben uns mittlerweile wieder beruhigt und können, zwar mit Gesichtskrampf vom Lachen aber doch einigermaßen ernsthaft, den Post fortsetzen. Aber der Witz war gut. Die lange Begründung der Jury des Unwortes des Jahres enthält kein einziges Argument, sondern ausschließlich Behauptungen und muss somit als „alternatives Faktum“ nach der Art der Benutzung dieses „Unwortes“ angesehen werden. It comes to bite you in the arse – Wenn man andere belehren will, dass sie Begriffe benutzen, um Behauptungen an die Stelle von Argumenten zu setzen und diese Belehrung auf Behauptungen baut, die man an die Stelle von Argumenten setzt, dann muss man sich nicht wundern, wenn man zum Gespött derer wird, die noch normal denken können.

Und wo wir so über die Unwort-Jury, den jährlichen Lieferservice für politisch-korrekten Sprachwahn schreiben, müssen wir zugeben, es hat einen gewissen Unterhaltungswert.

Aber jetzt wieder ernsthaft.

Werden wir dem ernsthaften Anliegen, das die ernsthaften Menschen, die sich in Darmstadt die Räumlichkeiten der TU ausleihen, um dort ihr wichtiges sprachreinigendes Werk zu vollbringen, gerecht und besprechen Unwort II „Shuttle-Service“, jenen Begriff, mit dem „Menschen, die in Schlauchboten flüchten“ und die, „die ihnen humanitäre Hilfe leisten“ diffamiert werden und mit dem behauptet werde, dass die guten Rettungsmenschen im Mittelmeer „die Flüchtlinge erst zur lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer“ ermuntern würden. Das, so ereifern sich die Sprachwahn-Dienstleister ganz ernsthaft und um das Wohl der deutschen Sprache besorgt, sei menschenverachtend, polemisch und zynisch.

Man merkt eben in jeder Zeile der Begründung dieser „Jury“, wes‘ Geistes Kind sie sind. Jetzt haben die fünf bekannten und das anonyme Jurymitglied gerade alternative Fakten gebrandmarkt, da liefern sie selbst welche. Natürlich ist es so, dass die Aussicht, kurz hinter der Grenze lybischer Hoheitsgewässer von wohlmeinenden Menschen auf ein großes Schiff gerettet und nach Italien geshuttled zu werden, die Entscheidung von Flüchtlingen, sich in ein seeuntaugliches Schlauchboot zu begeben, das zudem mit zu vielen Flüchtlingen beladen ist, beeinflusst. Die Juryisten glauben doch nicht im Ernst, dass ein Mensch, der noch bei normalen Verstand ist, sich auf eine Seereise von mehreren hundert Seemeilen in einem Schlauchboot begibt. Eine derartige Ansicht kann man nur vertreten, wenn man Flüchtlinge für debile, irrationale und vollkommen uninformierte, um nicht zu sagen, dumme Menschen hält. Das wäre jedoch eine sehr menschenverachtende und zynische Sichtweise, die Flüchtlinge zu dummen Menschen stilisiert, um sie für die eigene moralische Erhöhung und ideologische Purifikation missbrauchen zu können.

Glauben Sie, dass die Jurymitglieder, die vermeintlichen Sprachwissenschaftler, die anonyme Künstlerin, die vermutlich ihre angeblichen Kunstwerke mit einem X signiert und der freie Journalist zynisch und menschenverachtend sind? Wenn nicht, dann bleibt nur noch dumm oder, wem das besser gefällt: ideologisch verblendet – oder?

Uns bleibt nur noch der Genderwahn als Begriff, den die sechs dem Sprachwahn frönenden deshalb beanstandenswert finden, weil er in „undifferenzieter Weise“ die Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit diffamiere, etwa so, wie die Sprachwahn-Jury diejenigen, den Begriff Genderwahn benutzen, in vollkommen undifferenzierter Weise als „rechtspopulistisch“ diffamiert und jede Kritik an dem, was die Jury für Geschlechtergerechtigkeit hält, gleichermaßen undifferenziert, abbügelt.

Auch hier verbreitet die Jury „alternative Fakten“, um in der Sprache zu bleiben, die die sechs Sprachwahn-Vertreter vielleicht verstehen. Das Ziel von Genderisten ist nicht Geschlechtergerechtigkeit. Gerechtigkeit liegt dann vor, wenn eine Person für eine Leistung, die im Vergleich zu einer anderen Person besser war, auch mehr Auszahlung, z.B. in Form von Entgelt erhält. Was Genderisten aber wollen, ist nicht eine der Leistung entsprechende Behandlung, sie wollen eine gerade von der Leistung unabhängige Behandlung, eine bestimmte Quote in Vorständen, dieselben Rechte für homosexuelle Paare, die auch heterosexuelle Paare haben (bis hin zum Ehegattensplitting). Das hat mit Geschlechtergerechtigkeit nichts zu tun. Es handelt sich um die künstliche Herstellung von ErgebnisGLEICHHEIT. Ergebnisgleichheit ist das Gegenteil von Verteilungsgerechtigkeit. Eine gleiche Verteilung benutzt die Gießkanne und gießt über alle Pflanzen, ersäuft diejenigen, die nicht viel Wasser wollen, lässt diejenigen verkümmern, die mehr Wasser benötigen. Eine gerechte Verteilung, die keine Ergebnisgleichheit herstellen will, stellt die Bedürfnisse und Leistungen in Rechnung. Genderista wollen gerade keine Leistungen und auch keine Bedürfnisse und vor allem keine Unterschiede in Rechnung stellen. Deshalb sprechen manche von einem Genderwahn.

So, genug der Aufmerksamkeit für den Sprachwahn aus Darmstadt. 

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Die Gutmenschen des Jahres 2015

Kennen Sie:

Prof. Dr. Nina Janich (Sprecherin); Stephan Hebel, Dr. Kersten Sven Roth, Prof. Dr. Jürgen Schiewe und Prof. Dr. Martin Wengeler?

Nein?

Dann wird es Zeit, denn die fünf Mitglieder der Unwort-Jury wurden von den Jurymitgliedern der eigens ins Leben gerufenen ScienceFiles “Gutmensch-des-Jahres-Jury” zu Gutmenschen des Jahres 2015 gewählt.

Die fünf Mitglieder der Jury “Unwort des Jahres”, so lautet es in der Begründung der ScienceFiles-Jury, setzen sich seit Jahren und vollkommen wirkungslos dafür ein, Sprachhygiene zu betreiben und Worte, die der Jury nicht gefallen, zu ächten und aus dem Wortschatz des guten, braven und politisch-korrekten Deutschen zu streichen.

So hat sich die Unwort-Jury bereits im Jahre 2011 bemüht, das Wort “Gutmensch” aus dem deutschen Sprachschatz zu tilgen, damals mit der folgenden Begründung:

darwin-great“Mit dem Ausdruck Gutmensch wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des “guten Menschen” in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren. Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationale Diskussionen gehören. Der Ausdruck wird zwar schon seit 20 Jahren in der hier gerügten Weise benutzt. Im Jahr 2011 ist er aber in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Kontexten einflussreich geworden und hat somit sein Diffamierungspotential als Kampfbegriff gegen Andersdenkende verstärkt entfaltet.”

Die gerügte Weise der deskriptiven Beschreibung einer bestimmten Gattung Mensch, nämlich solcher, die andere mit ihrem guten Tunwollen verfolgen und zum richtigen politisch-korrekten Dasein reformieren oder missionieren wollen, hat natürlich nichts mit einer Abqualifizierung zu tun, denn der deskriptive Gebrauch des Begriffs “Gutmensch” zur Bezeichnung derer, die sich im warm glow ihrer eigenen Gutheit sonnen wollen, hat mit Bewertung nichts zu tun.

Vielmehr werden Bewertungen wie “in hämischer Weise”, “abzuqualifizieren” oder “in diffamierender Absicht” von der Unwort-Juri in hämischer Weise an die Benutzer des Begriffs “Gutmensch” herangetragen, um diese in diffamierender Absicht abzuqualifizieren. Hätte die Unwort-Jury nicht diese Absicht, sie hätte die Definitionen, die dem Begriff “Gutmensch” und damit auch seinem Gebrauch zu Grunde liegen, sicher gewürdigt und nicht in Bausch und Bogen alle, die den Begriff benutzen, über den ihr genehmen Kamm geschoren.

Entsprechend ist sich die ScienceFiles-Jury darin einig, dass dem Gutmenschentum der Unwort-Jury in all seiner Selbstprofilierung und Selbstbeweihräucherung Rechnung getragen werden muss, wenngleich wir erst durch die neuerliche Unwort-Wahl der Unwort-Jury zu dem Schluss gekommen sind, dass die Unwort-Jury nun den Titel Gutmenschen des Jahres 2015 redlich verdient hat, denn: Die Unwort-Jury hat sich nicht vom vollkommenen Misserfolg des Jahres 2011 entmutigen lassen und ist weiter den Weg der Sprachmissionierung sprachlicher Unwort-Verwender geschritten.

Gutmensch des JahresNun im Jahr 2015 hat die Jury die einmalige Möglichkeit, den Begriff “Gutmensch” abermals zum Unwort zu erklären und ihn nunmehr mit Flüchtlingen in Verbindung zu bringen und ihn auf die Unterstellung, er sei nur dazu da, “Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd” zu “beschimpfen”, reduziert, und zwar ohne sich mit den Argumenten derer, die von Gutmenschen sprechen, auseinanderzusetzen. Diese Form der Pauschalisierung einer Begriffsverwendung, die einerseits im Widerspruch zur Pauschalisierung des Wortes durch die Unwort-Jury aus dem Jahre 2011 steht, anderseits zeigt, dass die Unwort-Jury es wirklich mit ihrem Missionarstum ernst meint und, wenn der Begriff “Gutmenschen” nun nach dem neuerlichen Unwort-Angriff weiterhin Verwendung findet, vermutlich im Jahre 2019 abermals auf das Wort “Gutmensch” zugreifen wird, um abermals mit neuer und widersprüchlicher Begründung ihr immerselbes Anliegen durchzusetzen.

Warum ist die Unwort-Jury so akribisch damit beschäftigt, eine Diskussion über den Begriff “Gutmensch”, seine Definition und Verwendung zu verhindern und will ihn statt dessen aus dem Sprachgebrauch tilgen?

Wir wissen es nicht. Es sind halt Gutmenschen, die gutes tun wollen, wenn sie auch nicht wissen, warum und wozu. Und deshalb gebührt ihnen der Titel:

Gutmenschen des Jahres 2015!

Denn nur an solchen Gutmenschen wie der Unwort-Jury kann eine Demokratie wirkungsvoll (und natürlich nachhaltig) zu Grunde gehen.

 

Forschung zu Gutmenschen:

 

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Unsinn der Woche: Wiederholungstäter aus Darmstadt

scully facepalmAlle Jahre wieder trifft sich ein kleines Häuflein von Leutchen, nennt sich selbst “Jury” und rügt Worte oder deren Verwender oder deren Verwendung, so richtig weiß das niemand. Dieses kleine Häuflein, das da Worte rügt und von dem niemand weiß, woher es die Berechtigung nimmt, diese Worte zu rügen, hat eine unglaubliche Wirkung in den deutschen Qualitätsmedien. Im Verlauf eines Jahres findet sich in den beitragsfinanzierten Medien zwar so gut wie kein Bericht über eine wissenschaftliche Untersuchungen, die dem Bereich der Sozialwissenschaften zuzurechnen ist – ich rede von ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen, nicht von Professoren, deren Mid-Life-Crisis sich darin niederschlägt, dass sie ihre Liebe zu armen Menschen entdeckt haben und jetzt lautstark und medienwirksam für alleinerziehende Mütter zumindest verbal dasein wollen, ich rede also von Untersuchungen, die zu Ergebnissen kommen wie: Es gibt keine gläserne Decke, Staatsbedienstete sind fauler als Arbeiter in der freien Wirtschaft, viele Deutschen haben nicht einmal rudimentäre Kenntnisse über ökonomische Zusammenhänge usw. Und dennoch findet das Häuflein von sechs Männlein aus Darmstadt willige und aufnahmebereite Ohren in den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, wenn sie jährlich ihren gemeinsamen Geschmack verkünden und ein Unwort des Jahres kühren.

Warum ist das so? Das ist eine leicht zu beantwortende Frage: Die sechs selbsternannten Juroren kühren jährlich den Begriff, der der politischen Korrektheit, deren Fahne sie zu tragen scheinbar geschworen haben, am meisten Probleme verursacht. Schon im letzten Jahr hatten die Darmstädter Wortwächter Worte wie Gutmensch auf ihre Agenda gesetzt und sich über deren Verwendung beklagt. Vielleicht aus eigener Betroffenheit? Wer weiß. Dieses Jahr haben die Wortwächter in die Justiz eingegriffen und haben sich in besonderer Weise und sehr direkt über Jörg Kachelmann, also jemanden, den man mit Fug und Recht als Justizopfer bezeichnen kann, jemanden, der wegen einer falschen Beschuldigung im Gefängnis saß, beschwert. Damit hier Chancengleichheit hergestellt wird, will ich die Akteure aus Darmstadt, die in der folgenden Groteske die Hauptrolle spielen, vorstellen:

  1. Prof. Dr. Nina Janich (Sprecherin) besetzt den Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der TU-Darmstadt;
  2. Stephan Hebel, ist (war?) politischer Autor bei der Frankfurter Rundschau;
  3. Dr. Kersten Sven Roth ist Assisstent am Deutschen Seminar der Universität Zürich;
  4. Prof. Dr. Jürgen Schiewe sitzt auf dem Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft an der Ernst-Moritz-Arndt Universität in Greifswald;
  5. Prof. Dr. Martin Wengeler hat sich den Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der Universität Trier erobert;
  6. Ralph Caspers, Moderator beim WDR (“Wissen macht Ah!”);

Logo TU DarmstadtDamit ist die Liste der Darsteller benannt. Und der erste und einzige Akt des Trauerspiels, nein, der Groteske, sieht die Sechs das Unwort des Jahres bestimmen. Stellen Sie sich also sechs Gestalten in einem verrauchten, nein, das ist politisch nicht korrekt, in einem luftdurchfluteten Raum an der Universität Darmstadt vor (die normalen baulichen Mängel, die an deutschen Universitäten vorhanden sind, lassen wir unberücksichtigt). Stellen Sie sich die Sechs also dabei vor, wie sie beim Kräutertee sitzen und dazu selbstgebackene Keckse knabbern, die das ökologische Reinheitssiegel besitzen, den grauen Star oder blauen Engel oder so, stellen Sie sich also die Sechs vor, wie sie über einer fast endlos langen Liste voller politisch unkorrekter Worte brüten und fast schon am verzweifeln sind. Da plötzlich kommt einem die rettende Idee, nein, das rettende Wort vor die Nase: Opfer-Abo! Und stundenlanges Bleistiftkauen und stundenlanges Haareraufen ob der vielen Worte, die die Stirn der sechs Wortwächter in tiefe Falten gelegt haben, hat endlich ein Ende: Opfer-Abo ist es, das Unwort des Jahres 2012.

So muss man sich die Auswahl wohl vorstellen, die selbst den Direktor des Instituts für Deutsche Sprache überrascht hat. Ja, Direktor, die Sechs aus Darmstadt sind halt immer für eine Überraschung gut, sie finden selbst Unworte des Jahres, die kaum jemand gehört hat und an deren Brandmarkung nur wenige ein Interesse haben. Und um der Wahl nunmehr einen offiziellen Anspruch zu geben, wird die Wahl begründet, und zwar so:

“Im Herbst 2012 sprach Jörg Kachelmann in mehreren Interviews (z.B. im Spiegel vom 8.10.2012) davon, dass Frauen in unserer Gesellschaft ein “Opfer-Abo” hätten. Mit ihm könnten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltiguung – gegenüber Männern durchsetzen. Das Wort “Opfer-Abo” stellt in diesem Zusammenhang Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.”

Logo Uni GreifswaldNiemand hat gesagt, dass Germanisten und Lehrstuhlbesetzer eine Idee davon haben müssten, was Logik ist – oder? Sicher, es hilft bei der Verwendung von Sprachen weiter, wenn man eine Idee davon hat, wie die Struktur einer Sprache, wie ihr logischer Aufbau ist, aber in Zeiten des Konstruktivismus kann man das getrost beiseite lassen. Schnee von Gestern ist das, heute sprechen wir unlogisch und machen den Irrsinn hoffähig.

Fangen wir zunächst mit dem Faktischen an. Was hat Jörg Kachelmann in dem Gespräch mit dem Spiegel gesagt:

SPIEGEL: Es ist doch sinnvoll, sich und sein Tun mitunter zu hinterfragen.
… Jörg Kachelmann: Das ist das Opfer-Abo, das Frauen haben. Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind.

Man muss diese Passage wirklich genau suchen. Und wenn man sie dann gefunden hat, dann muss man sich fragen, was da eigentlich gesagt wird. Offensichtlich gibt Jörg Kachelmann hier seine Einschätzung ab, nach der Frauen sich leichter zu Opfern erklären können als Männer. Nichts Neues, also, sondern eine uralte Weisheit ungleicher Rollenzuschreibungen, die sich im “Frauen und Kinder zuerst” ebenso findet, wie im von vielen Frauen so gerne in Anspruch genommenen Kavalier, der ihnen die Tür aufhält. Nun muss man in Rechnung stellen, dass Herr Kachelmann im Gefängnis saß, weil eine Frau sich zu seinem Opfer erklärt hat und weil ein Staatsanwalt und ein Ermittlungsrichter eher bereit waren, der Frau als dem Kachelmann zu glauben, obwohl Aussage gegen Aussage stand. Na wenn das kein Beleg für ein Opfer-Abo ist.

Logo-Uni-TrierInteressant ist indes, was die Darmstädter Germanisten daraus machen, dass hier jemand seine eigene Erfahrung generalisiert und nicht nur die Frau, die ihn zum Opfer gemacht hat, sondern Frauen als solchen bei Institutionen einen Glaubwürdigkeitsbonus bekundet (Merkt ihr was, ihr Darmstädter Wortkünstler, die Kritik richtet sich nicht gegen Frauen, sondern gegen Vertreter von Institutionen, die Glaubwürdigkeit nach Geschlecht verteilen, also wer weiblich ist, ist glaubwürdiger. Das ist eine strukturelle Diskriminierung!). Bei den Darmstädtern wird daraus die Behauptung, Kachelmann habe generell allen Frauen unterstellt, sie seien fies und würden Straftaten erfinden, und er habe generell allen Frauen unterstellt, dass sie ihre Interessen mit fiesen Mitteln durchsetzen würden.

Dies ist jedoch allein und ausschließlich die fiese Phantasie von sechs Personen, die für sich in Anspruch nehmen, sie könnten Deutsch nicht nur verstehen, sondern auch schreiben, ja, schlimmer noch: lehren. Welch Graus! Professoren, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Assoziationen von Inhalten fernzuhalten, die sie lesen, werden in Darmstadt, Greifswald und Trier auf arglose Studenten losgelassen. Mehr noch, Lehrstuhlinhaber, die nicht in der Lage sind, Konzepte und Strukturen zu erfassen, wie sie z.B. darin zum Ausdruck kommen, dass man, in diesem Fall Herr Kachelmann, eine Kritik an Institutionen richtet und sagt, die Instititionen, in diesem Fall die Strafverfolgungs-Institutionen würden Strukturen schaffen, die es fiesen Frauen erlauben, ihre fiesen Pläne mit Leichtigkeit umzusetzen. Damit ist weder gesagt, dass alle Frauen fies sind, noch ist damit gesagt, dass es keine fiesen Männer gäbe, noch ist damit bestritten, dass es durchaus Frauen und Männer gibt, die Opfer von Gewalttaten werden. (In der Logik ist dieser Unterschied in der Unterscheidung zwischen “alle” und “manche” ausgedrückt. Und das, was die Germanisten hier begehen, ist ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens. Aber, wie gesagt, Logik muss man als Germanist ja nicht kennen oder beherrschen.)

Wer dies dennoch in die Aussagen hineinlesen will, ist entweder krank oder er verfolgt eine Agenda, die er offiziell, aus welchen Gründen auch immer, nicht offenlegen will, in jedem Fall ist er nicht geeignet, einen Lehrstuhl zu besetzen, und deshalb sollten die Universitäten Darmstadt, Greifswald und Trier die entsprechenden Inhaber vor die Tür setzen, schon um Schaden von sich abzuwenden, denn die drei Lehrstuhlbesetzer treffen die Wahl zum Unwort des Jahres ganz offen als Professoren ihrer jeweiligen Universität und somit als Angestellte einer öffentlichen Institution, die weitgehend aus Steuermitteln finanziert wird.

Und noch ein Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach:

Bereits die Wahl von “Opfer-Abo” zum Unwort des Jahres, zeigt, dass das Wort kein Unwort ist, sondern einen korrekten Tatbestand wiedergibt, wäre dem nämlich nicht so, die Germanisten-Jury hätte vermutlich daran gedacht, dass es nicht nur weibliche, sondern auch männliche Opfer gibt und entsprechend davon abgesehen, in der Begründung zu versuchen, Frauen als alleinige Opfer zu präsentieren und Männer generell zu diskreditieren. Wer davon ausgeht, dass Dominanzstreben, wie es in Gewalt zum Ausdruck kommt, vornehmlich Frauen trifft, der ist der beste Beleg dafür, dass man auch ohne rudimentäre Kenntnisse sozialer Zusammenhänge Professor an einer deutschen Universität werden kann und dafür, dass das Opfer-Abo, also die Behauptung einer strukturellen Bevorzugung von Frauen und Diskriminierung von Männern, zutrifft.

P.S.
Wer bis hierhin noch Zweifel daran hat, dass die Germanisten Professoren ungeeignet sind, ihre Lehrposition auszufüllen, dem will ich noch ein weiteres Schmankerl präsentieren, dieses Mal stammt es aus der Begründung für die Aufnahme von “Pleite-Griechen” als weiteres Unwort des Jahres 2012:

“Der im Kontext der Euro-Stabilitäts-Debatte von der Springer-Presse in den vergangenen Jahren geprägte Ausdruck “Pleite-Griechen” wurde 2012 weiterhin und unreflektiert verwendet. Er diffamiert ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung …”

Nun, was lernen wir daraus: Erstens, dass die Germanisten Essentialisten sind, die denken, einmal Grieche immer Grieche, also ihr Griechen, die ihr in fünfter Generation in Deutschland lebt, bildet Euch nicht ein, ihr würdet jemals “deutsch”. Zweitens lernen wir daraus, dass die sechs Wortwächter nicht besonders intelligent sein können, denn wie sonst ist es zu erklären, dass sie “Pleite-Griechen” als Form der “Diffamierung eines ganzes Volkes” anprangern können und im gleichen Satz “Springer-Presse” als Form der Diffamierung der gesamten Arbeiterschaft, die sich unter dem Dach des Springerverlags eingefunden hat, benutzen? Und solche Personen besetzen Lehrstühle! Es ist wirklich unterirdisch.

Wettbewerb: Wer schreibt den Unsatz des Jahres?

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