Der rechtsextrem fremdenfeindliche Ossi: Junk Science trifft journalistische Ahnungslosigkeit

Wenn es um Sozialwissenschaften geht, dann scheint jeder Fuzzi zu denken, er könne mitreden.

Das ist ein Problem.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass unter Journalisten Sachverstand und Urteilsvermögen so rar sind. Vor allem dann, wenn es um sozialwissenschaftliche Themen geht, fehlen beide in schöner Regelmäßigkeit, tritt die eigene ideologische Überzeugung an die Stelle von Ratio und Vernunft.

Und deshalb berichten heute die staatstragenden Medien unisono von einer Studie, die die auch im Jahre 27 nach der Vereinigung noch vorhandene Bundesbeauftrage für die neuen Bundesländer in Auftrag gegeben und teuer bezahlt hat. Dass es richtig teuer wird, dafür wollen wir nun sorgen.

Weil Journalisten so wenig Sachverstand und Urteilsvermögen haben, deshalb werden sie zum Durchlauferhitzer dessen, was angebliche Wissenschaftler von sich geben, die sich verstärkt an Instituten zu finden scheinen, die am Tropf von Ministerien oder ihren Ablegern hängen, die sie mit Auftragsforschung mästen. Das dem so ist, das hat noch keinen Journalisten auch nur verwundert. Journalisten zeichnen sich weitgehend durch eine treudoofe Berichterstattung aus, die verbreitet, was in der Pressemeldung steht, die weder in Frage stellt noch hinterfragt.

Und deshalb lesen deutsche Leser in jedem Medium denselben Unsinn:

  • junk_scienceZEIT: Rechtsextremismus: Wo sich Fremdenfeindlichkeit breit macht;
  • ZEIT: Studie der Bundesregierung: Ostdeutschland ist anfälliger für Rechtsextremismus
  • Frankfurter Rundschau: Diagnose einer ostdeutschen Spezifität;
  • Tagesschau.de: Studie: Warum häuft sich rechte Gewalt im Osten;
  • Göttinger Tageblatt: Osten hat Problem mit Rechtsextremismus;
  • Tagesspiegel: Rechtsextremismus in Ostdeutschland: Und immer wieder Sachsen;
  • RP Online: Studie – Was den Osten so anfällig für Rechtsextremismus macht;
  • Derwesten.de: Rechtsextremismus ist ein ostdeutsches Problem;
  • Heute.de: DDR-Wurzeln machen Osten rechtsextremer;
  • RBB24: Studie: Ostdeutsche anfälliger für Rechtsextremismus;
  • N-TV.de: Studie – Osten anfälliger für Rechtsextremismus;

Ausgangspunkt für diesen gesammelten Unsinn ist eine angebliche Studie, die das Göttinger Institut für Demokratieforschung erstellt hat; im Auftrag der Bundesbeauftragten für die Ossis und für viel Geld. Wir schätzen, dass die Bundesbeauftragte für diese Junk-Studie mindestens 500.000 Steuereuro aus dem Fenster geworfen hat und fragen uns, ob man politische Darsteller, deren Darstellung vornehmlich darin besteht, Steuergelder zu verprassen, nicht wegen Veruntreuung anzeigen sollte.

Denn um Veruntreuung handelt es sich bei dieser Studie, dieser prätentiösen Studie, die viel vorgibt und methodisch in einer Weise von der Ahnungslosigkeit der angeblichen Forscher kündet, die uns sprachlos macht (Und wir haben schon einiges an Unsinn gelesen im Laufe unserer Gutachter-Karriere…).

Fangen wir zunächst mit dem an, was man aufgrund des methodischen Designs der Junk-Studie nicht machen kann:

Man kann keine Aussagen darüber machen, wie die Ostdeutschen sind. Die Datengrundlage lässt derartige Aussagen nicht zu.

Man kann keine Aussagen darüber machen, was die Ostdeutschen im Vergleich zu den Westdeutschen mehr oder eher oder besonders sind. In der Studie werden keinerlei Westdeutsche befragt oder untersucht. Entsprechend können auch keine Vergleiche zwischen Ost- und Westdeutschen auf Grundlage dessen vorgenommen werden, was die Göttinger da zusammengebastelt haben.

Man kann auf Grundlage der Daten der Göttinger keine Aussagen über Besonderheiten von Sachsen oder Thüringer machen. Die wenigen Daten, die noch dazu keinerlei regionale Variation aufweisen, lassen das nicht zu.

Ja man kann auf der Datenbasis, die die Göttinger sich teuer haben bezahlen lassen, nicht einmal Aussagen darüber machen, was Freital, Heidenau oder Erfurt, die drei Orte, in denen die Göttinger gewirkt haben, auszeichnet.

Damit sind alle Überschriften und Aussagen, die mit einem umfassenden Anspruch für alle Ostdeutschen oder für Ostdeutsche im Vergleich zu Westdeutschen oder für Sachsen oder Thüringer oder Heidenauer oder Freitaler oder Erfurter gemacht werden, wilde Spekulation und können keinerlei Anspruch darauf erheben, etwas zu verdeutlichen oder gar zu erklären.

Alle Titel und Beiträge in den oben zitierten Medien sind FakeNews, denn sie behaupten etwas, was schlicht nicht behauptet werden kann. Warum nicht?

Deshalb:

Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“, so lautet der Titel der Göttinger Studie. Tatsächlich haben die Göttinger nicht Ostdeutschland, sondern nur Erfurt, Heidenau und Freital untersucht. Selbst Journalisten sollten verstehen, dass drei Orte nicht Ostdeutschland sind.

Der Titel geht noch weiter: „Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe in Ostdeutschland sowie die Ballung in einzelnen ostdeutschen Regionen“.

Wenn angebliche Wissenschaftler von Ursachen sprechen und behaupten, sie hätten Kausalitäten entdeckt, dann ist Vorsicht angezeigt; Wenn die entsprechenden Wissenschaftler ihre Kausalitäten auf Basis von qualitativen Methoden gefunden haben wollen, dann ist neben Heiterkeit noch mehr Vorsicht angezeigt, dann liegt der Verdacht nahe, dass hier ein Versuch unternommen werden soll, Sozialwissenschaften zum Zwecke ideologischer Manipulation derer, die sich so gerne und einfach manipulieren lassen, also der Journalisten, zu missbrauchen.

Goettingen Junk ScienceUm diesen Verdacht zu untersuchen, benötigt man Kenntnisse der Methoden der empirischen Sozialforschung und man muss in der Lage sein, das Methodenkapitel der Göttinger Ideologen zu lesen. Dasselbe nimmt gerade einmal drei dreiviertel Seiten ein und rapportiert im Wesentlichen nur, was gemacht wurde:

Es wurden qualitative Interviews mit Experten geführt, also mit Personen, die die Göttinger für Experten halten. Warum sie die entsprechenden Personen für Experten halten, warum und wie sie die entsprechenden Personen ausgewählt haben, grundlegende Fragen, an denen der Wert einer Studie und ihre Reichweite bewertet wird, sie werden nicht beantwortet. Das ist ein Verstoß gegen wissenschaftliche Lauterkeit und ein eindrücklicher Beleg für methodische Unkenntnis.

Dann wurden Fokusgruppen-Interviews in Freital und Heidenau und Erfurt geführt, mit jeweils 6 bis 8 Personen. Wer aus welchem Grund als Teilnehmer in die Fokusgruppen gelangt ist, darüber schweigen sich die Göttinger ebenfalls aus. Abermals ein Verstoß gegen wissenschaftliche Lauterkeit, den man einem Studenten im ersten Semester nicht durchgehen lässt.

Weil niemand weiß, wer warum in die Fokusgruppen oder als Experte zum Experteninterviews geladen wurde, deshalb ist das Material das aus den Interviews resultiert schlicht wertlos. Möglicherweise haben die Göttinger Forscher ja ausschließlich Mitglieder der LINKE zu ihrer Meinung über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit befragt. Ein Verdacht, der nicht so fern liegt, wie man denken würde. Aber dazu kommen wir noch.

Dann haben die Göttinger noch „teilnehmende Beobachtungen“ durchgeführt, sie haben an Stadratsitzungen teilgenommen, sind zu einem oder mehreren Fussballspielen gegangen und waren bei Stadt- oder Grillfesten zugegen. Grundsätzlich ist die teilnehmende Beobachtung eine wissenschaftliche Methode, aber nur dann, wenn die Beobachtungssituationen und die, die beobachtet werden, nach festen Kriterien bestimmt und kontrolliert werden. Die Göttinger haben nichts davon getan. Entsprechend sind ihre Ergebnisse auch hier wertlos.

Schließlich haben sie Wahlergebnisse ausgewertet. Ein löbliches Unterfangen, das man normalerweise von Studenten im Grundstudium vornehmen lässt.

Das, was der ahnungslosen Bundesbeauftragten hier mit Sicherheit als „Methoden-Mix“ verkauft wurde, sehr teuer verkauft wurde, wir gehen von Kosten in Höhe von mindesten einer halben Million Euro für ein solches Design aus, ist eine Sammlung methodischer Kunstfehler, die letztlich keinerlei Aussagen darüber zulassen, welche lokale Strukturen oder gar Ursachen von Rechtsextremismus in Freital, Heidenau oder Erfurt für zu finden sind, geschweige denn, dass sich Aussagen für Sachsen, Thüringen oder Ostdeutschland als Ganzes machen ließen.

Dass dem so ist, das müssen auch die Göttinger irgendwie gedacht haben. Nur so ist es zu erklären, dass sie einen der dümmsten Sätze, die je aus einem angeblichen Wissenschaftlerkopf gefallen sind, zu Papier gebracht haben, um zu suggerieren, ihre Ergebnisse wären irgendwie repräsentativ, würden irgendwie Schlüsse über die Personen, von denen die Ergebnisse generiert wurden, hinaus zulassen:

Prof Facepalm„Die jeweiligen Fokusgruppen hatten eine Größe von sechs bis acht TeilnehmerInnen, wobei versucht wurde – und auch weitgehend gelang -, sowohl nach Alters- als auch nach den Geschlechterdurchschnitt sowie die Verteilung nach Berufstätigkeit/Ausbildung/Arbeitslosigkeit/Rente der jeweiligen Untersuchungsorte einigermaßen repräsentativ abzubilden.“ (12)

Damit ist es den Göttingern gelungen, die Vielfalt von Heidenau, Erfurt und Freital in sechs bis acht Personen repräsentativ zu erfassen, und zwar mit Blick auf das Alter, das Geschlecht, den Beruf, und den Erwerbsstatus. Daraus muss man schließen, dass es in Erfurt und Freital und Heidenau jeweils maximal 6 bis 8 Personen unterschiedlichen Alters gibt, die nicht mehr als 6 bis 8 unterschiedliche Berufe ausüben und noch in der Lage sind, die Verschiedenheit von Erwerbsstatussen (Vollzeit, Teilzeit, stundenweise Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, in Lehrausbildung, bei der Bundeswehr, im Studium, in Elternzeit, beurlaubt, krankgeschrieben usw.) abzubilden.

Das ist mit Verlaub der größte Schwachsinn, den wir je gelesen haben. Wer behauptet, er können auf Basis von 6 bis 8 Personen die „jeweiligen Untersuchungsorte einigermaßen repräsentativ“ abbilden, wie dies die Göttinger tun, der hat entweder (1) nicht mehr alle Tassen im Schrank, (2) keine Ahnung von Methoden, (3) will bewusst seinen Auftraggeber täuschen oder macht (4) sich einen Spaß mit seinem Auftraggeber, dem er entsprechende Attribute von Dummheit und Naivität zuweisen muss.

methoden_der_empirischen_sozialforschungWas zutrifft, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass die Behauptung, die Ergebnisse seien in irgendeiner Weise aussagekräftig, nicht nur methodisch unhaltbar ist, sie sind eine schlichte Lüge. Das ganze Brimborium, das die Göttinger veranstalten, dient einzig dazu, die Kosten für diese Studie in die Höhe zu treiben, ohne auch nur einen Deut Erkenntnis als Gegenleistung zu liefern und dazu, am Ende die eigenen Vorurteile, die man zu Anfang in die Studie gepackt hat, damit rechtfertigen zu können, dass man sie nun als Ergebnisse präsentiert.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Auf Grundlage dessen, was die Göttinger geforscht haben wollen, kann man KEINERLEI Aussage über Erfurter, Heidenauer, Freitaler, Sachsen, Thüringer oder Ostdeutsche machen.

Fehlt noch der Beleg dafür, dass die Göttinger gefunden haben, wonach sie manisch auf der Suche waren.

Wenn man belegen will, dass X ein Rechtsextremist ist, was macht man dann? Man befragt Y, der schon mehrfach öffentlich seine Meinung bekundet hat, dass X ein Rechtsextremist ist. Das beschreibt die Anlage der Studie, deren Ergebnisse, die Journalisten so treudoof herbeten und die auf den Angaben der folgenden Personen beruhen:

  1. Sebastian Reißig, Geschäftsführer von Aktion Zivilcourage e.V., Pirna
  2. Herr Dreier, Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital und
  3. Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
  4. Herr Menke, Mitglied der Fraktion DIE LINKE im Stadtrat Freital und im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge
  5. Frau Laski, Mitglied des Freitaler Stadtrates
  6. Jürgen Opitz, Bürgermeister der Stadt Heidenau
  7. Frau Ackermann, Mitglied des sächsischen Landtages (Fraktion DIE LINKE)
  8. Herr Reese, führender Mitarbeiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung
  9. Frau Decker, Lokalredakteurin der Sächsischen Zeitung in Freital
  10. MitarbeiterInnen des Kinder- und Jugendhilfeverbundes Freital
  11. Herr Thiele, Mitglied der Fraktion „Bürger für Freital“ im Freitaler Stadtrat
  12. Herr Tharandt, Lehrer am Weißeritzgymnasium Freital
  13. Frau Fröhlich, Mitglied der Fraktion DIE LINKE/Grüne im Stadtrat Heidenau
  14. Dr. Enrico Schwarz, Geschäftsführer von Biotec e.V., Freital
  15. Herr Lehmann, Fußballtrainer in Freital mit Migrationshintergrund
  16. MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung Heidenau
  17. KommunalpolitikerInnen aus Heidenau
  18. Mitarbeiterinnen von Zusammenleben e.V., Freital
  19. Zwei Beamte des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen (Leiter der
  20. Stabsstelle und Leiter des Fachreferates Rechtsextremismus)
  21. Frau Preuss, Bewohnerin des Stadtteils Heidenau-Süd
  22. BewohnerInnen des Herrenbergs, die anonym bleiben wollen, 27.10.2016
  23. Mitarbeiter der Partei DIE LINKE mit Schwerpunkt auf Rechtsextremismus, 01.08.2016
  24. Lokaler politischer Akteur, 27.10.2016
  25. Fanprojekt Erfurt e.V., 30.07.2016
  26. Fokusgruppe Erfurt, 16.11.2016
  27. Mitglied des Stadtrates für die SPD, 07.06.2016
  28. Journalist des MDR, 22.08.2016
  29. Politischer Akteur aus dem grünen Spektrum A, 17.05.2016
  30. Vertreter des Gemeindevorstands Ahmadiyya, 28.11.2017
  31. Mitglied des Stadtrates für die CDU, 07.06.2016
  32. Mobit e.V., 18.05.2016
  33. Bodo Ramelow, Ministerpräsident Thüringens, 07.09.2016
  34. Person aus der Bildungspolitik, 25.05.2016
  35. Politischer Akteur aus dem grünen Spektrum B, 22.08.2016
  36. Lokale zivilgesellschaftliche AkteurInnen, 15.11.2016
  37. Zwei Personen aus der Zivilgesellschaft, die anonym bleiben wollen, 27.09.2016

Alle Aussagen über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit der Sachsen, Thüringer oder Ostdeutschen basieren auf den Angaben der hier zusammengestellten Interviewpartner. Man muss nicht in empirischer Sozialforschung ausgebildet sein, um zu erkennen, dass auf Basis der Interviews mit den genannten Personen keinerlei verallgemeinernde Aussagen möglich sind, die auf alle Sachsen oder Ostdeutschen übertragen werden. Alltagsverstand reicht. Alltagsverstand, den wohl die meisten Journalisten nicht haben. Man muss, am Rande bemerkt, selten dämlich sein, wenn man für einen derartigen Junk, mehrere 100.000 Euro Steuergelder aus dem Fenster wirft.

Aber: Nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas gut ist. Wenn man aus der Liste der Interviewten etwas entnehmen kann, dann die Angst der angeblichen Sozialforscher vor ihrem Studienobjekt. Es findet sich kein Rechter, kein bekennender Rechstextremist, nicht einmal ein Rechtsextremist-light in Form eines NPD-Funktionärs. Die Göttinger haben offensichtlich die Hosen voll und eine Heidenangst davor, mit denen konfrontiert zu werden, über die sie angeblich forschen. Das ist noch armseliger als diese Junk-Studie.


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Angeblicher Parteienforscher: Nur Rassisten wählen AfD!

Es ist schon erstaunlich, wie leicht man in öffentlich-rechtlichen Medien zu einem Wissenschaftler, einem Parteienforscher werden kann. Nehmen wir z.B. Michael Lühmann, den die ARD gerade als „Parteienforscher Lühmann“ verkauft hat. Lühmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung bietet eine Lehrveranstaltung zur „Stadt in der Spätmoderne“ an, hat im Deutschlandarchiv, einer historisch-ausgerichteten Zeitschrift über die SED publiziert und sich ansonsten mit den Grünen beschäftigt – nicht nur in den Frankfurter Heften der Gewerkschaft, sondern auch für die Böll-Stiftung, auf deren Seiten er ebenso, wie im Cicero, im Freitag oder im Offenburger Tageblatt mit Beiträgen wie „[AfD] Demaskiert zur Kenntlichkeit“, „Zur AfD und zu rechten Positionen in der Gesellschaft“, „[AfD] Achtung!“ oder „[AfD] Vom Rand in die Mitte“ präsent ist.

Ein Parteienforscher offensichtlich, der seine wissenschaftliche Meriten im Feld weitgehend als Journalist verdient, was bei der ARD niemanden daran hindert, ihn als Parteienforscher verkaufen zu wollen. Das ist auch gefahrlos möglich. Parteienforscher ist kein geschützter Begriff. Jeder kann zu einem Parteienforscher werden, jeder Hempel …

WerturteilsstreitAlbert WerturteilsstreitAber zum Wissenschaftler kann nicht jeder werden, denn Wissenschaftler zeichnen sich u.a. durch die Einhaltung eines methodischen Kanons aus, der z.B. Werturteile als Gegenstand aus der Wissenschaft ausgliedert. Darüber, ob Wissenschaft Werturteile umfassen kann, hat es einen heftigen Streit gegeben, der als Werturteilsstreit in die Geschichte eingegangen ist und Hans Albert, Ernst Troitzsch, Karl Acham und viele andere als Sieger hat vom Platz gehen sehen: Und mit ihnen war ab Beginn der 1960er Jahre klar: Werturteile haben in der Wissenschaft nichts zu suchen, denn sie stehen der Erkenntnis im Weg. Allein, dass man eine solche Auseinandersetzung innerhalb der Sozialwissenschaften führen musste und heute wieder führen muss, zeigt, wie leicht es für Scharlatane war und immer noch ist, sich in die Sozialwissenschaften einzuschleichen und sie mit ihrem wertenden Unsinn zu diskreditieren.

Man stelle sich dasselbe in der Chemie vor: Ein Forscher der Digitalis sehr angenehm im Geschmack findet oder ein Biologe, der es liebt, die Blüte des blauen Eisenhuts auf seiner Haut zu zerreiben. Niemand käme auf die Idee, die beiden vermeintlichen Forscher, die ihre affektive Hingabe an ihr Forschungsobjekt mit dem Leben bezahlt haben, wären auch nur ansatzweise ernst zu nehmen oder gar als intelligente Menschen verkaufbar, deren Erkenntnisse man Dritten zumuten kann.

In den Sozialwissenschaften ist das leider immer noch anders und leider hat die Klärung der Verhältnisse, die nach dem Werturteilsstreit eingetreten ist, nur für kurze Zeit angehalten. Heute sind wir wieder da, wo wir nach dem Zweiten Weltkrieg waren: Jeder darf seine Meinung, seine Bewertungen als angebliche Wissenschaft verkaufen und mit der entsprechenden Adelung Dritten auf Plattformen öffentlich-rechtlicher Medien zumuten. So auch Michael Lühmann, „Parteienforscher Lühmann“.

„Parteienforscher Lühmann“ hat erstaunliche Erkenntnisse im Verlauf seines Forschungsprozesses gewonnen, die etwas daran kranken, dass er offensichtlich und ideologisch den Grünen und der Linken nahesteht und das gar nicht verbergen kann. Schuld sind seine Werturteile, die ihn das, „was links und rechts passiert .. .stark differenzieren lassen“, denn die Linkspartei ist normal, macht Sachpolitik und „Rechts findet Protest statt“, also keine Sachpolitik, sondern Emotion.

Wäre Lühmann ein Wissenschaftler oder hätte auch nur eine entfernte Vorstellung davon, was Wissenschaft bedeutet, er würde sein Werturteil zumindest begründen, deskriptive Daten angeben, belegen, wie er zu seinem Urteil kommt, Fakten berichten. Aber hier scheint sein Problem zu liegen, denn die Linkspartei, die nach seiner Ansicht mit den Gewinnen bei der letzten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus wieder zur „alten Stärke zurück[findet]“, sie hat noch nie zuvor 15,6% der Stimmen erreicht. Die Partei, die in den Jahren 2001 22,6% und 1999 17,7% bei Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus erreicht hat, nannte sich PDS und war die Nachfolgepartei der SED. Da Lühmann über die SED im Deutschlandarchiv geschrieben hat, sollte er das eigentlich wissen [Die alte Stärke der SED lag übrigens bei 100%, die Blockflöten eingerechnet].

Und weiter geht es mit den Werturteilen: „15 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland [haben] nach Erkenntnissen von Michael Lühmann ein „rechtes, fremdenfeindliches Weltbild“ und die AfD sammelt diese 15% bis 20% komplett ein, so behauptet Lühmann mit der Konsequenz, dass aus seiner Sicht, die Wähler der AfD zu 100% als Rassisten anzusehen sind, die die „rassistischen Positionen“ der AfD von „der Couch“ geholt haben.

luehmannDie Dummheit dieser Aussage liegt in der impliziten Kausalkette, denn die 15% bis 20% deutsche Rassisten, die die AfD wählen, müssen in Berlin ebenfalls in gleicher Stärke vorhanden sein, damit man die Rechnung machen kann. Aber selbst wenn man die Annahme teilt, so ist sie doch so lange ein ökologischer Fehlschluss, ach was, eine Behauptung, die an Dummheit nicht zu überbieten ist, so lange der angebliche Parteienforscher nicht seine Daten präsentiert, aus denen hervorgeht, dass alle Wähler der AfD auf einer Skala für Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit top sind, währen die Wähler der reinen linken Parteien, die Sachpolitik machen, bar jeglicher rassistischer Anwandlungen sind. In etwa so bar, wie Michael Lühmann, der eine Gruppe von Menschen [AfD-Wähler], aufgrund eines einzigen Merkmals [Wahl der AfD] zu Rassisten erklärt, mit denen man nicht reden und für die man auch nicht Verständnis haben darf, wie er sagt. Man dürfe, so belehrt er in einem weiterem Werturteil, nicht „den falschen Leuten Dialogangebote machen und man muss auch nicht für alle Verständnis haben“.

Lühmann lehnt also AfD-Wähler ab, hat für sie kein Verständnis, will nicht einmal mit ihnen reden (immer vorausgesetzt, ein AfD- Wähler wollte mit „Parteienforscher Lühmann“ reden), er deklariert sie zu Rassisten, und zwar aufgrund der Tatsache, dass sie AfD gewählt haben. Dieses eine Merkmal reicht ihm, um mit der Rassistenkeule zu kommen. Und deshalb ist Lühmann auch ein Rassist: Er klassifiziert eine Gruppe von Menschen auf Grundlage von einem einzigen Merkmal und wertet die entsprechende Gruppe ab. Vielleicht sollte Lühmann zum Rassismusforscher umsatteln und sich selbst zum ersten Gegenstand seiner Forschung machen – schlechter als seine Parteiforscher-Kompetenten können seine Rassismusforscher- Kompetenzen auch nicht sein (das war ein Werturteil von uns und die letzten Absätze sind die Begründung dafür).

Und natürlich lässt der „Parteienforscher Lühmann“ kein Klischee über die Wähler der AfD aus. Sie sind nicht nur fremdenfeindliche rechte Rassisten, sie sind Neidhammel, Modernisierungsverlieren, die nach dem „jahrelangen Frust … meinen, frohlocken zu können“. Wie der angebliche Parteienforscher Lühmann dieses Werturteil begründet, ist sein Geheimnis, denn die Quelle seiner Erkenntnis gibt er nicht an. Vermutlich weil man Hirngespinste in der Realität so schlecht belegen kann. Wäre Lühmann ein Parteienforscher, wie er von sich behaupten lässt, er wüsste, dass die AfD-Wähler sich durch überdurchschnittliche Bildung auszeichnen, dass sie häufig selbständig, wirtschaftlich erfolgreich und das sind, was man wohl Besserverdiener nennt. Wir treffen diese Aussage auf Basis von Daten über mehr als 7.500 AfD-Wähler. Das macht unser Werturteil, dass Lühmann keine Ahnung hat, worüber er doziert, zu einem begründeten Urteil.

Es ist eine alte Weisheit, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Man könnte die Weisheit dahingehend modifizieren, dass man sagt: wer seiner sich selbst zugeschriebenen kognitiven Überlegenheit zu selbstsicher frönt, ist dann, wenn die tatsächlich vorhandenen kognitiven Fähigkeiten eher eine Unter- denn eine Überlegenheit, gemessen an der Normalverteilung kognitiver Fähigkeiten, nahelegen, schlecht beraten, denn er wird nicht nur Unsinn erzählen, er wird sich auch als das outen, was er ist:

“Lühmann: ‚… denn die SPD hat die Wahl gewonnen. Über das Ergebnis spricht in drei Tagen niemand mehr.‘“

Folgt man der Lex Lühmann, dann sind Wahlen die Vergnügung für das Volk, die von den Herrschenden, zu denen sich Lühmann wohl gerne zählen würde, bei denen er sich in jedem Fall anschleimt, also bei denen, die er für die Herrschenden hält, veranstaltet werden, um dem Volk die Illusion zu vermitteln, was es zu sagen habe, sei relevant. Tatsächlich ist es irrelevant, denn alles was zählt, ist nicht das Wahlergebnis, sondern die Symbolik der Wahl und die durchgesetzte Interpretation der Wahl und ihres Ergebnisses. Die Interpretation, die Lühmann durchsetzen will, nämlich dass die SPD die Wahl gewonnen hat, was bei Verlusten von 6,7% eine gewagte Interpretation ist, ist, wie so oft, das Ergebnis reiner ideologischer Deutung, lediglich auf den Anteil der Stimmen gestützt

Wir erinnern uns an die Wahl in Baden-Württemberg, vielleicht erinnert sich auch Michael Lühmann, immerhin hat er für die Heinrich-Böll-Stiftung eine Auftragsarbeit erstellt, in der untersucht wurde, ob der „Wahlsieg der Grünen“ in Baden-Württemberg bei der Landtageswahl 2011, ein einmaliges oder dauerhaftes Phänomen darstellt. Damals war ein Gewinn von etwas mehr als 12 Prozent ein Wahlsieg für Michael Lühmann und ein Anteil von 39%, den die CDU bei der Landtagswahl als stärkste Partei erzielt hat, nicht.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Fünf Jahre später und dieses Mal mit dem Ergebnis von Berlin konfrontiert, macht Lühmann die SPD mit ihren 21.7 Popelprozent zum Wahlsieger und die AfD, die aus dem Stand auf 14,7% gekommen ist, läuft unter ferner liefen. Das Problem mit Ideologen besteht darin, dass sie regelmäßig die Realität ihren ideologischen Vorstellungen entsprechend zurechtbiegen. Das Problem mit angeblichen Parteienforschern wie Michael Lühmann besteht darin, dass sie die Sozialwissenschaften in Misskredit bringen und zu einer Veranstaltung degradieren, in der armselige Ideologen versuchen, ihre Werturteile als Wissenschaft zu verkaufen.


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