Schleimen in der Schule lohnt sich – zumindest in Bremen

Reduzieren wir die 20 Seiten des Beitrags mit dem Titel „Sozialverhalten und Schulleistungen“ aus der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft doch auf den wesentlichen Inhalt:

Wenn Mitschüler über einen Schüler sagen, dass er ihnen hilft, nicht aggressiv ist und „unsere Arbeit“ nicht häufig stört, dann schätzen Lehrer die Beliebtheit der entsprechenden Schüler höher ein und die entsprechenden Schüler erhalten bessere Noten als Schüler, auf die das alles nicht zutrifft.

Das teilen uns Julia Becherer, Olaf Köller und Friederike Zimmermann mit. Ein Strukturgleichungsmodell hat diese Kausalitäten entdeckt. Natürlich liest es sich, wenn Becherer, Köller und Zimmermann dieses Ergebnis beschreiben, ganz anders: „… Schüler, die von ihren Peers als prosozial eingeschätzt wurden, wurden von den Lehrkräften auch als beliebter eingeschätzt und erreichten auch später bessere Schulnoten. Als beliebt eingeschätzte … Schüler erreichten ebenfalls bessere Noten und auch der indirekte Zusammenhang des prosozialen Verhaltens mit den Noten, vermittelt über die Beliebtheit in der Klasse, war substanziell“.

Wer heutzutage empirische Texte liest, der braucht ein dickes Fell. Max Kaase hat Studien wie die von Becherer, Köller und Zimmermann als „Data speek to me“ Studien bezeichnet, aber das setzt voraus, dass das, was die Daten sagen, verstanden wird – eine Annahme, die man nicht mehr unbegrenzt aufrechterhalten kann.

So hat sich die Kenntnis darüber, wozu Strukturgleichungsmodelle eigentlich einmal entwickelt wurden und welche Probleme sich mit den entsprechenden Modellen, die früher unter dem Stichwort „LISREL“ behandelt wurden, weitgehend verflüchtigt. Dass man der Software durch die Spezifikation von Pfaden vorgibt, in welche Richtung Zusammenhänge weisen und damit klare Annahmen über Kausalitäten macht, das ist zumindest bei den drei Autoren, die diesen Text verbrochen haben, nicht angekommen. Für sie wurden irgendwelche Assoziationen oder Zusammenhänge gemessen, die mit ihren Annahmen und Spezifikationen natürlich nichts zu tun haben.

What if data will speak, but nobody is listening?

Daten zu 2.387 Schülern aus Bremen haben die drei Autoren verarbeitet. Schüler aus 113 Klassen in 10 Regelschulen, alle in der Gegend von 15 Jahren alt und entsprechend in einer neunten Klasse. Daten aus einem Projekt, das mehrere Erhebungswellen umfasst. Längsschnittdaten: Eine Seltenheit für Deutschland. Daten, anhand derer man relevante Fragestellungen nach Lernfortschritt, Einfluss von Lehrern auf schulische Leistungen, nach der Benachteiligung von Jungen und den Faktoren, die die Motivation von Schülern beeinflussen, beantworten könnte. Fragen, die für die individuelle Schul-Biographie von Schülern von Bedeutung sind und Auskunft über institutionelle Mängel geben könnten. Und was untersuchen die Autoren?

Ob prosoziales Verhalten vermittelt über die Beliebtheit eines Schülers dessen Noten beeinflusst. Und sie untersuchen es mit dem aufgerichteten Zeigefinger: Seht her liebe Kindlein, wer sich nicht einfügt, wer nicht prosozial ist, also seinen Mitschülern nicht hilft, der bekommt auch schlechtere Noten. Besser ihr werdet zu Duckmäusern und …kriechern, die frühzeitig das Geheimnis des Erfolgs, wie es in Deutschland gehütet wird, erkennen.

Wenn dieser Forschung irgend ein Verdienst zukommt, dann das, gezeigt zu haben, dass leistungsirrelevante Fragen sozialer Einordnung in Bremen die Noten zu beeinflussen scheinen. Das ist erschreckend. Scheinbar geben Lehrer in Bremen Schülern, die sie für beliebter halten, bessere Noten. Scheinbar wollen sich Lehrer bei der Mehrheit der Schüler einer Klasse einschleimen.

Wetten, dieses Ergebnis hätte man auch erhalten können. Strukturgleichungsmodelle sind geduldig. Man spezifiziert, die Software rechnet und heraus kommt ein Ergebnis. Dass Linear Structural Relations (LISREL) (fast) immer gefunden werden können, weshalb es unabdingbar ist, dass die Richtung der Beziehung entweder vorgegeben oder offen gehalten wird, ist dabei sicher. Offensichtlich haben Becherer et al. von vornherein angenommen oder die Voreinstellung des statistischen Pakets, das sie verwendet haben, hat ihnen diese Entscheidung abgenommen, dass prosoziales Verhalten auf Beliebtheit und Noten wirkt und nicht etwa, dass die Notengebung von Lehrern durch deren Einschätzung deren Beliebtheit eines Schülers bei seinen Peers beeinflusst wird. Auch die Idee, dass Schüler aggressiv sein könnten, weil sie von Peers aus der Klassengemeinschaft ausgegrenzt werden, Letztere also die Ursache für ersteres ist, ist unseren Autoren der unimaginativen Forschung nicht gekommen. Für sie ist klar, prosozial ist gut, dissozial ist schlecht.

Sie sind Ideologen, keine Wissenschaftler, Ideologen, die am derzeit häufig angestimmten Lied, nachdem Menschen so furchtbar sozial zueinander sind, ein Faktum, das man immer wieder sehen kann, wenn Antifas den Lebensunterhalt von Menschen zerstören, die sie gar nicht kennen oder Terroristen willkürlich in Menschenmengen fahren, mitsingen. Nein, natürlich sind nicht Menschen, sondern nur richtige Menschen prosozial. Deshalb muss prosoziales Verhalten schon in der Schule gelernt und durchgesetzt werden, müssen Schüler erkennen, wenn sie dissozial sind, dann gibt es schlechte Noten, schlechte Noten als Bestrafung für Schüler: Noch ein Pfad, der im Strukturgleichungsmodell nicht spezifiziert wurde.

Statistik leidet eben an der geistigen Beschränkung ihrer Anwender. Prosozial ist, so lernen wir von Becherer et al., wenn ein Schüler von einem anderen Schüler sagt, dass er ihm hilft. Wobei ist egal. Hauptsache er hilft: beim Schummel während der Klassenarbeit, beim Mobben anderer Mitschüler, wobei auch immer. Hauptsache, er hilft. Helfen ist nämlich gut. Dagegen ist Aggression schlecht. Wer aggressiv ist, ist dissozial, nicht etwa mit einem Instinkt ausgerüstet, der der Menschheit ihr Überleben gesichert hat und der auch heute noch wichtig ist, wenn man z.B. seine Haut gegen Übergriffe verteidigen muss. Und dissozial ist, wer „uns bei unserer Arbeit stört“. Bei „unserer Arbeit“ werden wir nur durch Außenseiter gestört, so dass alle, die nicht zu einer Gruppe gehören, potentiell dissozial sein müssen, zwangsläufig. Was hier gefeiert wird, ist nichts anderes als die Stiftung einer sozialen Identität durch Ausgrenzung von anderen. Andere Forscher beforschen das unter dem Stichwort Mobbing und halten die Ausgrenzten für Opfer. Becherer et al. sehen in der Ausgrenzung eine Reaktion auf das dissoziale Verhalten der Ausgegrenzten. Wenn man sich im theoretischen Niemandsland befindet, dann kann man sich nur an der eigenen Ideologie festhalten. Noch ein Grund, warum Artikel wie der von Becherer, Köller und Zimmermann der empirische Ausdruck der latenten Variable „Junk Science“ sind, die wiederum im Strukturgleichungsmodell direkt von methodischer und statistischer Unkenntnis sowie von theoretischer Unbedarftheit beeinflusst wird.

Becherer, Julia, Köller, Olaf & Zimmermann, Friederike (2017). Sozialverhalten und Schulleistungen. Spielt die Beliebtheit in der Klasse eine Rolle? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (online first).

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Nur niemandem wehtun: kultusministerkonforme Bildungsforschung

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Gerade ist der IQB-Ländervergleich 2011 erschienen, dessen Ziel darin besteht: Ländern eine “auf den Output bezogene Rückmeldung über Stärken und Schwächen ihres Bildungssystems im Primarbereich” (292) zu verschaffen. Die Rückmeldung basiert auf einer “Überprüfung von Erträgen schulischer Lehr-Lern-Prozesse im Primarbereich” (291). Oder, etwas realitätsnäher formuliert: Das an der Humboldt-Universität Berlin angesiedelte Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat im Auftrag der Kultusministerkonferenz die Kompetenzen von Grundschülern in den verschiedenen Bundesländern im Hinblick auf ihre Fähigkeiten in Lesen (und Zuhören) und Mathematik und zum Ende der vierten Klasse untersucht und die Ergebnisse brav an die Kultusminister gemeldet. An der Erstellung der Ergebnisse waren, wenn man die abschließende Veröffentlichung zu Grunde legt, 19 Personen beteiligt. Das ist sehr viel Manpower, um doch recht dürftige Ergebnisse und vor allem Ergebnisse zu produzieren, die niemandem wehtun.

Was man den 300 Seiten des Abschlussberichtes entnehmen kann, ist im Wesentlichen Folgendes:

  • In Baden-Württemberg, Sachsen und Bayern, erreichen die Schüler deutlich höhere Kompetenzniveaus in Deutsch und in Mathematik als in Hamburg, Berlin oder Bremen. (Wir haben die Abbildung (rechts) auf der Grundlage der Daten in Stanat et al. (2012) selbst berechnet. Es handelt sich dabei um gemittelte Werte über die jeweiligen aggregierten Kompetenzen in Deutsch und Mathematik. Der Abstand zwischen Bremen (461) und Baden-Württemberg (516), der in der Abbildung dargestellt ist, beträgt 55 Kompetenzpunkte, d.h. im Durchschnitt erreichen Bremer Grundschüler nur rund 89% der durchschnittlichen Kompetenz baden-württembergischer Grundschüler.
  • Die Höhe der Kompetenzen variiert mit der sozialen Herkunft und dem Migrationstatus. Kinder aus unterer sozialer Schicht und mit Migrationshintergrund erreichen geringere Kompetenzwerte in der Grundschule als Kinder aus höheren sozialen Schichte oder ohne Migrationshintergrund.
  • Jungen erreichen in Mathematik durchschnittlich höhere Kompetenzwerte als Mädchen, Mädchen erreichen in Deutsch durchschnittlich höhere Kompetenzwerte als Jungen.
  • Und: “Die Analysen der Zusammensetzung der Lehrerschaft in der Primarstufe zeigten, dass in allen Ländern die Lehrkräfte überwiegend weiblich sind und deutschlandweit etwa die Hälfte der Lehrkräfte 50 Jahre und älter sind” (295). (Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass Grundschullehrer in Deutschland zu 87% weiblich sind. Die Werte variieren von rund 73% weiblicher Grundschullehrer in Baden-Württemberg bis zu 95% weiblicher Grundschullehrer in Mecklenburg-Vorpommern. Die euphemistische Aussage im IQB-Bericht heißt zu Deutsch: Grundschullehrer sind überwiegend alt und fast ausschließlich weiblich und kaum jemand, vor allem keine Männer, wollen mehr Grundschullehrer werden.)

Alle diese Erkenntnisse sind nicht neu, um nicht zu sagen, diese Erkenntnisse sind nunmehr vermutlich und alle IGLU, PISA, TIMMS und sonstigen -E-Studien eingerechnet zum xten Mal reproduziert worden. Das einzig interessante Ergebnis, das der IQB-Bericht enthält, findet sich auf den Seiten 295 und 296: “Ein substantieller Anteil der Lehrkräfte, die in der Primarstufe die Fächer Deutsch und Mathematik unterrichten, hat kein entsprechendes Fachstudium absolviert. Ein Vergleich der durchschnittlich erreichten Kompetenzen zwischen Klassen mit und Klassen ohne Fachkraft ergab im Fach Mathematik einen deutlichen Unterschied. In Klassen, in denen Lehrkräfte mit einem mathematischen Fachstudium unterrichten, lagen die im Mittel erreichten Kompetenzen 18 Punkte höher als in den Klassen mit einer Lehrkraft ohne ein entsprechendes Fachstudium”. Diese Aussage ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Zum einen vervollständigt sie das oben gezeichnete Bild des Mangels an deutschen Grundschulen, denn nicht nur, scheint kaum jemand Grundschullehrer werden zu wollen, auch ist es so, dass diejenigen, die Grundschullehrer sind, offensichtlich nicht alle die erforderlichen Kompetenzen mitbringen. Zum anderen ist die Aussage bemerkenswert, weil es einer der seltenen Fälle ist, in denen in eine offizielle Publikation ein Satz rutscht, der den Verdacht nähren könnte, die Leistung von Schülern habe etwas mit der Kompetenz der Lehrer zu tun. Perish the thought!

Aber, die Kultusminister können beruhigt durchatmen, denn dieser Ausreißer ist der einzige seiner Art. Und er geht in einem Berichts unter, der alle Fragen, die wehtun könnten, interessant oder brisant sein könnten oder sind und die zeigen, dass das deutsche Bildungssystem alles andere als ein meritokratisches Bildungssystem ist, auslässt. Die 19 Forscher, die an diesem Bericht mitgeschrieben haben, sind für Inhaber von administrativen und politischen Positionen sehr umgängliche Forscher. Sie berichten, sie zeigen manches, aber sie tun eines nicht, sie kritisieren nicht, und sie stellen vor allem keine Fragen. Wo kämen wir auch hin, wenn Forscher Fragen stellen würden? Am Ende zu Theorien?; zu Bildungstheorien? Undenkbar? Am Ende stellt noch ein deutscher Forscher in einem Bericht für eine offizielle Stelle z.B. die Frage, wieso es eigentlich so ist, dass Jungen obwohl sie in Kompetenzwerten in der Grundschule kaum hinter Mädchen zurückliegen, doch deutlich seltener auf Gymnasien zu finden sind und deutlich seltener mit einem Abitur ihre Ausbildung beenden als Mädchen. Am Ende liest noch ein Forscher kritische Texte, Theorien von Bildungsforschern wie Basil Bernstein oder Howard Becker, die doch tatsächlich der Meinung waren, was in Schulen vermittelt werde im Allgemeinen und wem es mit welchem Erfolg vermittelt werde, im Besonderen sei eine institutionelle Frage und mithin eine Frage der Macht. Es sei eine Frage des “Bild vom guten Schülers”, eine Frage der Inhalte, die das Curriculum vorgibt und die vermittelt werden sollen, und es eine Frage der Erwartungen (und Vorurteile), die Lehrer gegenüber Schülern haben. Kurz: Ein solcher Forscher käme auf die Idee, dass das Abschneiden von Kindern in der Schule, ihre erreichten Kompetenzen etwas mit den Kompetenz-Vermittelnden und deren (z.B. curricularen) Vorgaben zu tun hat.

Aber derartig kritische und die Kultusminister in Aufruhr versetzende Ideen entwickeln die Autoren des IQB-Berichts nicht. Sie befinden sich im nicht-kritischen Mainstream und schreiben Sätze wie: “Als Grund für den größeren Erfolg der Mädchen im Hinblick auf die Bildungsbeteiligung und den Erwerb von Bildungsabschlüssen wird diskutiert, dass Mädchen eher als Jungen solche Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen zeigen, die im schulischen Kontext als angemessen und besser angepasst wahrgenommen werden. Beispielsweise konnten … empirisch belegen, dass Lehrkräfte Mädchen im Hinblick auf ihr Sozialverhalten sowie ihre Motivation und Lerntugenden positiver einschätzen als Jungen” (176). Das berichtete Ergebnis steht im IQB-Bericht einfach so im Raum. Die  Forscher vom IQB berichten für die Kultusministerkonferenz, und das tun sie in der Weise, in der es erwartet wird, unkritisch und ohne eine Bewertung der Forschungsergebnisse. Aber: Was zeigt das diskutierte Ergebnis? Ist das Mädchen von Lehrern zugeschriebene Sozialverhalten und die zugeschriebene Motivation tatsächlich gegeben oder nur in der Phantasie der Lehrer vorhanden. Wie wirken sich die Zuschreibungen auf die Bewertungen der Schüler, also deren Noten und somit auf eine Größe aus, die auf den 300 Seiten IQB-Bericht nur im Zusammenhang  mit der Feststellung eines Sprachförderungsbedarfs vorhanden ist? Und: Wenn ein Schulsystem Persönlichkeitseigenschaften bewertet, dann ist etwas hochgradig nicht in Ordnung, denn in Schulen geht es eigentlich um die Vermittlung von Inhalten, um Rechnen und Schreiben, nicht darum, die Angepasstheit von Schülern zu bewerten. Dies ist den IQB-Forschern entfallen und deshalb kommen sie auch nicht auf die Idee zu untersuchen, ob diese Erwartung von Angepasstheit, die Lehrer an Schüler richten (wie die IQB-Forscher berichten), nicht für die Unterschiede zwischen Migranten und Nichtmigranten und zwischen Jungen und Mädchen verantwortlich sind.

Nein, die IQB-Forscher gehen davon aus, dass das deutsche Bildungssystem ein statisches und gerechtes Bildungssystem ist. In ihrem Bildungssystem arbeiten eine Vielzahl hochmotivierter und austauschbarer Lehrer, die vermitteln, was ihnen gesagt wird (der oben zitierte Ausreißer-Satz ist längst vergessen), und das einzige Problem, vor das Kultusminister gestellt sind, ist das Problem von Nachschub, denn, wie gesagt, die Grundschullehrer werden immer älter, und es kommen kaum neue Grundschullehrer nach. Auf diese fähige Front von Lehrern treffen nun eine Reihe von unfähigen Schülern, die das Bild vom schönen und gerechten Bildungssystem durch ihre Inkompetenz, die sie aus ihren Familien oder kraft ihres Geschlechts mitbringen, beschädigen. Entsprechend richtet sich alles Tun der angeblichen Bildungsforscher darauf, die Probleme der Kinder, die sich nicht in die so schön für sie angerichteten Bahnen setzen lassen, zu explifizieren, breit zu treten und Nachhilfe in Deutsch als Lösung zu propagieren. Es hat sich uns nie erschlossen, warum Deutschkenntnisse etwas mit den Leistungen in Mathematik zu tun haben sollen, aber vielleicht können uns das die Bildungsforscher vom IQB demnächst erklären. Dazu ist es allerdings notwendig, sich auf eine Bildungstheorie zu beziehen, und deshalb wird aus dem demnächst vermutlich nichts.

Trotz konsequenter Vermeidung  kritischer Fragen und der stricken Trennung zwischen den Kapiteln im IQB-Bericht, die es nicht einmal erlaubt, die Ergebnisse in Kapitel 10, in dem es um Lehrkräfte geht, mit den Ergebnissen der Kapitel 3, 7 oder 8, in denen es um die Länderunterschiede in Kompetenzen, die entsprechenden Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und die Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft geht, in Verbindung zu setzen,  können dem Bericht eine Reihe von Daten entnommen werden, die sich für kritische Bestandsaufnahme zur Verfasstheit der Meritokratie im deutschen Bildungssystem nutzen lassen.

Die folgenden Abbildungen zeigen den Zusammenhang zwischen den Kompetenzen, die Schüler in Bundesländern erreichen, mit der Anzahl von Gymnasiasten bzw. Abiturienten in den entsprechenden Bundesländern. Beide Abbildungen sind das Ergebnis von Aggregatdaten, d.h. sie beschreiben einen Zusammenhang auf der Aggregatebene, nicht auf der Individualebene. Wir müssen hierauf explizit hinweisen, da es in Deutschland sogenannte Wissenschaftler gibt, die dann, wenn sie Aggregatdaten höhren, reflexhaft ökologischer Fehlschluss sagen. Die Zusammenhänge in den folgenden Abbildungen sind wie folgt:

  • Es besteht ein schwacher negativer Zusammenhang zwischen der Kompetenz von Grundschülern und der Anzahl der Gymnasiasten, d.h. je geringer die Kompetenz von Grundschülern, desto höher der Anteil von Gymnasiasten in den entsprechenden Bundsesländern (Ja, Sie haben richtig gelesen). Der Zusammenhang ist, wie gesagt, sehr schwach ausgeprägt und nur im Trend (Gerade) erkennbar, was angesichts der unterschiedlichen Politiken der einzelnen Bundesländer, also den vielfältigen Wegen, die zum Abitur führen, Gymnasium, Gesamtschule usw. nicht weiter verwunderlich ist.
  • Deshalb zeigt die nächste Abbildung den Zusammenhang zwischen dem Kompetenzniveau von Grundschülern und der Anzahl der Abiturienten für die einzelnen Bundesländer. Der Zusammenhang ist deutlich und negativ, d.h. je schlechter die Kompetenzen von Grundschülern in einem Bundesland ausgeprägt sind, desto mehr Abiturienten produziert das Bundesland.

Die berichteten Ergebnisse finden sich nicht im IQB-Bericht. Entsprechend können die Kultusminister in Deutschland weiterhin die Ilussion des meritokratischen Schulsystems aufrecht erhalten, während in Baden-Württemberg Grundschüler auf Hauptschulen verfrachtet werden, die in Bremen problemlos ein Abitur erhalten würden. Aber vielleicht hegen die Kultusminister die Vorstellung, das deutsche Bildungsystem sei meritikratisch, ja nur, weil diejenigen, die mit der Erstellung von Berichten beauftragt sind, damit die Kultusminister sich einen Eindruck vom Zustand des Bildungssystems machen können, in ihren Berichten über das Bildungssystem brisante Ergebnisse auslassen und kritische Fragen nicht stellen. Mit der “Rückmeldung über Stärken und Schwächen ihres Bildungssystems” (292) ist es also nicht weit her.

Stanat, Petra, Pant, Hans Anand, Böhme, Katrin & Richter, Dirk (2012). Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern am Ende der vierten Jahrgangsstufe in den Fächern Deutsch und Mathematik. Ergebnisse des IQB-Ländervergleichs 2011. Münster. Waxmann.

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