Das große Nachsehen: Ein Nachruf auf Annette Schavan

Ein Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Nun ist die ent-titelte Annette Schavan doch tatsächlich zurückgetreten – nicht, weil sie eingesehen hat, dass es auch vor 30 Jahren schon Zitierregeln gab, die lautere Wissenschaftler von Plagiateuren unterschieden haben. Nicht weil Sie eingesehen hat, dass der Versuch, sich mit fremder Autoren Text zu schmücken, zu offensichtlich war und deshalb scheitern musste. Nein, Annette Schavan sieht sich als Opfer und will Schaden vom “Amt” abwenden. Wie soll man diese Haltung bezeichnen? Starrsinnig? Uneinsichtig? Frech?

Es ist an dieser Stelle sinnvoll, den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf, Prof. Dr. Bruno Bleckmann und seine Begründung für den Entzug des Doktortitels im Wortlaut zu zitieren (schon damit Herr Bleckmann seine Presseerklärung nicht völlig umsonst so ausführlich gestaltet hat, wie er sie gestaltet hat):

Bleckmann

Quelle: HHU-Video

“Der Fakultätsrat hat sich nach dieser grundsätzlichen Klärung in seinen Betrachtungen nach gründlicher Prüfung und Diskussion abschließend die Bewertung des Promotionsausschusses zu eigen gemacht, dass in der Dissertation von Frau Schavan in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind. Die Häufung und Konstruktion dieser wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte.” [Hervorhebungen von uns]

Der Diebstahl geistigen Eigentums, den Annette Schavan in ihrer Dissertation betrieben zu haben scheint, ist demnach und nach Einschätzung des Promotionsausschusses der Universität Düsseldorf systematisch erfolgt. Im Gegensatz dazu hat Frau Schavan immer von Flüchtigkeitsfehlern gesprochen. Kann man systematisch Flüchtigkeitsfehler machen?

Wer jemals wissenschaftlich gearbeitet hat, der weiß, dass er dann, wenn er seine Arbeit letztendlich schreibt, mit einer Vielzahl von Exzerpten, ausgedruckten Texten und Büchern konfrontiert ist, die für sein Thema relevant sind. Er bearbeitet in seiner Dissertation eine Fragestellung, die neu und seine eigene Idee ist. Schon deshalb benutzt er die Texte anderer ausschließlich um einen Überblick über den Forschungsstand zu seinem Thema zu geben oder um Argumente, die er machen will und die andere auch schon gemacht haben, mit diesen anderen zu belegen. Andere Gründe für die Berücksichtigung fremder Texte in eigenen Arbeiten gibt es nicht.

schavanStellt man sich nun einen Wissenschaftler vor, der am Computer oder wie Frau Schavan vor der Schreibmaschine sitzt und an seiner Arbeit schreibt, dann muss man sich jemanden vorstellen, der entlang seiner eigenen Fragestellung schreibt und an bestimmten Punkten seines Gedankengangs Texte zitiert, die von anderen stammen. Dazu nimmt er seine Exzerpte zur Hand. Er nimmt Texte zur Hand oder Monographien und überträgt den Text des anderen in den eigenen Text. Weil es kein eigener Text ist, fängt der Fremdtext mit Anführungszeichen an und endet mit denselben. Weil es kein eigener Text ist, wird der Fremdtext nach den Anführungszeichen mit einer Fußnote oder einem Beleg in z.B. Harvard-Zitierweise versehen. Dies alles geht in einem Guss, und jeder, der jemals wissenschaftliche gearbeitet hat, weiß, dass es gerade dieser eine Guss ist, der in den ersten Semestern eingeübt wird, an dem wissenschaftliche Arbeiten vom ersten Tag eines Studentenlebens an gemessen werden. Wer nicht zitieren kann, der hat im Wissenschaftsbetrieb keine Zukunft, und deshalb können es die meisten Studenten früher oder später im Schlaf. Textübernahme: Anführungszeichen, Text, Anführungszeichen, Beleg.

Frau Schavan will diese Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens nicht im Schlaf beherrschen. Sie will Flüchtigkeitsfehler gemacht haben. Systematisch vergessen haben, den Autor, von dem Sie gerade Text abgeschrieben hat, zu zitieren. Wer den Ablauf wissenschaftlichen Arbeitens kennt, weiß, dass das nicht möglich ist. Wer einen Fremdtext übernimmt, ohne ihn zu belegen, handelt nicht flüchtig, sondern weiß genau was er tut oder er hat überhaupt keine Ahnung vom wissenschaftlichen Arbeiten. Egal, welche Alternative zutrifft, derjenige hat sich als unfähig erwiesen, einen Doktortitel zu erwerben, geschweige denn zu führen.

Letztlich ist die Diskussion darüber, ob Frau Schavan absichtlich getäuscht hat oder weil sie es nicht besser wusste, müsig. Einen Doktortitel verdient sie in keinem Fall, entweder weil sie wissenschaftliche Kollegen um deren geistiges Eigentum bestohlen hat oder weil sie keine Idee davon hat, worin wissenschaftliches Arbeiten eigentlich besteht.

Der von uns beschriebene Ablauf des wissenschaftlichen Arbeitens sollte all denen, die ein Studium hinter sich gebracht haben, bekannt sein. Sie alle sollten wissen, dass es nicht möglich ist, systematisch den Beleg zu vergessen, der offenlegt, von wem der gerade abgeschriebene Text abgeschrieben wurde. Um so erstaunlicher ist die Form der Solidarität, die Frau Schavan derzeit genießt. Politiker aller Couleur finden sich hinter Frau Schavan ein, um ihr “Respekt [zu] zollen” oder “mit großem Bedauern und Respekt” ihren Rücktritt zu kommentieren. Und so tut es z.B. Sigmar Gabriel “außerordentlich leid”, eine “hoch anständige und kompetente Kollegin” zu verlieren und selbst Jürgen Trittin ist der Ansicht, Frau Schavan habe “Respekt vor dem Amt” bewiesen. Diese Form der Solidarität unter Politiker, ist nur insofern verwunderlich, als es weitgehend dieselben Politiker sind, die auf die Notwendigkeit von Rollen-Vorbildern, hinweisen, wenn sie es z.B. unerträglich finden, dass ein Trainer wie Christoph Daum, der eingestanden hat, Kokain konsumiert zu haben, Bundestrainer werden soll. Aber Heuchelei gehört zum Amt des Politikers wie Parmesan zu Spaghetti, und folglich ist es nicht weiter bemerkenswert.

BNN-PlagiatBemerkenswert ist indes die devote Form, in der Journalisten, von denen die Mehrzahl eine Universität besucht haben sollte, Verständnis für die Vergehen der jungen Annette Schavan, die mehr als 30 Jahre zurückliegen, haben. Da meint Roland Nelles im Spiegel, Frau Schavan sei halt etwas lax beim Zitieren vorgegangen und wenn Schavan “nur” Umweltminister wäre, wäre das verzeihlich. Ob Roland Nelles auch so verständig reagieren würde, fände er seine Texte unter fremdem Namen in, sagen wir, der Freien Welt? Katrin Brand überlegt öffentlich, ob man nicht eine Verjährungsregel für Plagiate in Doktorarbeiten einführen sollte, so vielleicht nach 33 Jahren und 2 Monaten, nicht für das Plagiat an sich, wie sie meint, “wohl aber für den Entzug des Doktortitels”. Man könnte, so unser Vorschlag, den Doktortitel ja in “Dr. fraude mala” oder abgekürzt “Dr. fraus.” (fraus = Lateinisch für Betrug) umwandeln. Und Roland Preuß von der Süddeutschen Zeitung ist gar der Ansicht, der Entzug des Doktortitels an sich sei nach mehr als 30 Jahren nicht mehr notwendig, denn die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Man muss, so kann man diese Haltung zusammenfassen, halt nur lange genug aushalten, um die Früchte vergangener Betrüge voll auskosten zu können. Eine seltsame Moral ist das, die sich unter Journalisten findet.

Ist es nicht erstaunlich, wie bereitwillig Journalisten verzeihen, wenn es um den Diebstahl geistigen Eigentums geht. Was lässt sich aus dieser “laxen” Haltung gegenüber fremden Texten wohl für die eigene journalistische Praxis ableiten? Was sagt dies für die eigenen wissenschatflichen Anstrengungen während eines Studiums aus? Die können nicht besonders intensiv gewesen sein, denn wer ein Studium intensiv betrieben hat, für den ist es nicht hinnehmbar, dass ein Doktortitel für das Übernehmen der Arbeit anderer vergeben wird. Aber an diese Promovierten, deren Titel durch Personen wie Frau Schavan zur Lachplatte werden, denken die Kommentierenden öffentlicher Medien entweder nicht oder sie haben damit einfach kein Problem, so wenig wie sie ein Problem damit zu haben scheinen, dass Studenten bereits im ersten Semester ihre Hausarbeiten mit mangelhaft bewertet zurück erhalten, wenn sie denselben Stand an Unkenntnis im Hinblick auf wissenschaftliches und lauteres Arbeiten zeigen, für den Frau Schavan einst einen Doktortitel erhalten hat.

Über Michael Klein
... concerned with and about science

11 Responses to Das große Nachsehen: Ein Nachruf auf Annette Schavan

  1. Alexander Roslin sagt:

    Auch hier stellt sich die Frage, ob ein männlicher “Dr.fraus” mit ebensoviel Milde und Nachsicht der schreibenden Zunft rechnen könnte wie sie Frau Dr. fraus Schavan entgegenschlägt, VON ALLEN SEITEN!

    Nicht nur von den üblichen Verdächtigen des eigenen Lagers.

    Gut, dass der Begriff “Opfer-Abo” zum Unwort erklärt wurde von den aufmerksamen Bewachern von Sprache, Gesittung, Meinung, Denken.

    Er könnte einem sonst einfallen.

    Auch bei dem häufig zu lesenden Hinweis, dass Frau Schavan erst 24 Jahre alt war, als sie ihre Arbeit zusammenkopierte.

    Ist eine JUNGE FRAU, also eine 24-jährige noch nicht volljährig?

    Soll dieser Hinweis Milde generieren?

    Verständnis wecken?

    “Erst mit 30 wissen Frauen, was sie tun. Vorher muss man Verständnis haben!”

    Ist das die versteckte Botschaft?

    Dann sollte man aber auch die Volljährigkeitsregeln und das Wahlrecht anpassen.

    • Hallo Alexander,
      dem kann ich nur voll zustimmen und meinerseits noch ergänzen, dass die Geschwindigkeit, mit der Maßstäbe von Moral und Lauterkeit vergessen werden, wenn es sich um weibliche Opfer-Abonnenten handelt, einem den Atem raubt.

    • @Alexander

      Auch ich kann nur uneingeschränkt zustimmen. Ein Punkt, der mich persönlich massiv ärgert, wenn ich lese, die arme Täuscherin sei ja erst 24 Jahre alt gewesen, als sie täuschte, ist, dass dieselben Leute, die zu solchen “großzügigen” Gesten fähig sind, die ersten sind, die es inakzeptabel finden, wenn Studenten im selben Alter (oder noch jünger) dasselbe tun. Da wird bei Politikern wie Journalisten dann ganz schnell der Ruf nach Zwangsexmatrikulation laut, und niemandem fällt ein, dass diese Leute ja noch so jung seien, geschweige denn, dass etwas mit der Art der Ausbildung nicht stimmen kann, wenn von Studenten Fähigkeiten erwartet werden, die ihnen anscheinend niemand systematisch vermittelt. An wie vielen Universitäten gibt es denn Grundstudiums-Pflichtveranstaltungen, in denen die Studenten Zitieren und allgemein wissenschaftliches Arbeiten und nur das und intensiv und um seiner selbst willen lernen, weil Wissenschaft eben nichts ist, was den “höheren Geist” auszeichnet, sondern ein Arbeit, die von bestimmten Arbeitstechniken und -verfahren lebt?

      Anscheinend gibt es keinerlei Empfinden mehr dafür, dass Maßstäbe an alle gleichermaßen angelegt werden sollten – und das in Zeiten, in denen die “Gleichstellung” von allem und jedem mit allem und jedem angestrebt wird. Wie wär’s, wenn wir die Unter-25-Jährigen mit den Über-25-Jährigen insofern gleichstellen würden als wir dieselben Anteile in beiden Altersgruppen nach einer Zufallsauswahl mit Doktortiteln ausstatten? Aber das passt dann doch nicht so ins Progeamm, nach dem gilt: Maßstäben müssen nur Leute gerecht werden, an die ich sie nun eben mal gerade anlegen möchte, und bei anderen, an die ich sie aus höchst persönlichen Gründen nicht anlegen möchte, ist eben alles anders – irgendwie.

      Anyway – die Zeit, zu der Frau Schavan 24 Jahre alt war, ist ja nun schon lange vergangen, und sie hatte inzwischen hinreichend Zeit, einen regulären Doktortitel (samt regulären vorhergehenden Studiums) zu erwerben. Wenn ihr Bildung und Wissenschaft so am Herzen liegen, sollte man meinen, sie würde ganz gerne einmal selbst erfahren haben wie das ist, wenn man wissenschaftlich arbeitet und eine Leistung erbringt, auf die man selbst stolz ist. Ein Bildungsminister, der solches erlebt hat, würde sich vielleicht tatsächlich einmal auf das meritokratische Prinzip zurückbesinnen und dafür sorgen, dass es an deutschen Schulen wie Universitäten wieder zum für ALLE verbindlichen Maßstab wird.

  2. Man gibt sich die Klinke in die Hand – wobei mir ein guter Beitrag im Blog the hobo and the gypsy einfällt, in dem die lautstärksten der Unterstützer von Annette Schavan aufgelistet und analysiert werden, darunter Margret Wintermantel Präsident des DAAD… siehe auch unten:

    Allianz der Wissenschaftsorganisationen würdigt Verdienste von Ministerin Schavan
    Susanne Schilden Pressestelle
    Hochschulrektorenkonferenz (HRK)
    10.02.2013 12:36
    Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen reagiert mit großem Respekt und mit Bedauern auf den Rücktritt von Annette Schavan als Bundesministerin für Bildung und Forschung.

    In den vergangenen sieben Jahren hat Frau Schavan sehr wichtige und deutliche Akzente für die Stärkung von Wissenschaft und Forschung in Deutschland und für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft und Hochschulen gesetzt, die fortwirken werden. Mit ihrer Amtszeit verbinden sich so wichtige Initiativen wie die Fortsetzung und Weiterentwicklung der Exzellenzinitiative, der Pakt für Forschung und Innovation und der Hochschulpakt 2020. Die außerordentliche Sachkunde und Argumentationskraft von Frau Schavan prägten die Wissenschaftspolitik. Mit ihrem hohen persönlichen Engagement und ihrem unermüdlichen Einsatz für die Belange der Wissenschaft in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur hat Frau Schavan sich große Anerkennung in der Wissenschaft und bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland erworben. Ihre Verdienste werden Ihre Amtszeit überdauern.

    Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen dankt Frau Schavan für die verlässliche und konstruktive Zusammenarbeit im Interesse von Wissenschaft und Forschung in Deutschland. Die Allianz ist zuversichtlich, dass sich die hervorragende Zusammenarbeit mit Johanna Wanka als neuer Bundesministerin für Bildung und Forschung fortsetzen wird.

    Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen ist ein Zusammenschluss der bedeutendsten Wissenschafts- und Forschungsorganisationen in Deutschland. Sie nimmt regelmäßig zu Fragen der Wissenschaftspolitik, Forschungsförderung und strukturellen Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems Stellung. Mitglieder der Allianz sind die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsrat. Für das Jahr 2013 hat die Hochschulrektorenkonferenz turnusgemäß die Federführung in der Allianz übernommen.

    Die Pressemeldung stammt von hier

  3. Ein weiteres Epitaph auf die deutsche Wissenschaft kommt – wie könnte es anders sein – von der Humboldt-Universität in Berlin. An alle Studenten: Wer studieren und dabei nicht nur seinen Hintern in Hörsälen plattsitzen will, wer etwas lernen will und nicht zum Spielball politischer Ideologen und Interessen werden will, sollte die Humboldt-Universität in jedem Fall meiden Falls es einen Wissenschaftler an der Humboldt-Universität gibt, entschuldige ich mich für dieses übergeneralisierte Verdikt, weise aber gleichzeitig darauf hin, dass er nichts getan hat, um sich der Öffentlichkeit erkennbar zu machen.

    Nun zum Epitaph von Jan-Hendrik Olbertz, der auch nachdem ihm eine andere als Bildungsminister vorgezogen wurde, loyaler Soldat seiner ehemaligen Herrin ist.

    Jan-Hendrik Olbertz zum Rücktritt von Bundesministerin Prof. Dr. Annette Schavan
    Constanze Haase Pressestelle
    Humboldt-Universität zu Berlin
    09.02.2013 17:28
    Die Erklärung des HU-Präsidenten im Wortlaut:
    Ich habe allergrößten Respekt vor Annette Schavan. Bis zuletzt, auch in den Worten ihrer Rücktrittserklärung, hat sie Würde und Format bewiesen. Wir verdanken ihr eine über Jahrzehnte hinweg entscheidungs- und gestaltungsfreudige Wissenschafts- und Bildungspolitik, für die sie mit Leidenschaft und großer Verlässlichkeit einstand.

    Persönlich bin ich der Ansicht, dass auf der gegenwärtigen Verfahrensgrundlage die Aberkennung des Doktortitels nicht gerechtfertigt ist. Annette Schavans Rücktritt ist gerade im Angesicht ihrer außerordentlichen Leistungen für die deutsche Wissenschaft damit nicht folgerichtig. Aber die Politik hat, zumal im Zeichen des nahenden Bundestagswahlkampfes, ihre eigene Logik, die zu akzeptieren ist.

    Die Bundespolitik verliert mit Annette Schavan eine großartige, versierte und sehr engagierte Wissenschaftsministerin, die in Deutschland und auf internationalem Podium höchste Anerkennung genießt.

    Meine Kritik an der Vorgehensweise der Universität Düsseldorf halte ich aufrecht. Es mangelt an der nötigen Tiefe, wenn isolierte Textmodule verglichen werden, ohne sie in den Gesamttext und die übergreifende Gedankenführung der Arbeit einzuordnen. Geisteswissenschaftliche Texte sind immer mehr als die Summe ihrer einzelnen Textbausteine. Außerdem fehlt eine kritische Selbstthematisierung der Fakultät, denn sie hat seinerzeit die Arbeit von Frau Schavan angenommen und für gut befunden. Wenn dies ein Fehler war, ist nur schwer einzusehen, dass er jetzt nach über 30 Jahren allein auf den Schultern der inzwischen renommierten Wissenschaftsministerin ausgetragen wird. So hätten mindestens zwei externe Gutachten eingeholt werden müssen, die fachwissenschaftlich und textanalytisch vorgehen und dann bewerten, ob bzw. in welchem Umfang die erhobenen Vorwürfe mit der eingetretenen Konsequenz berechtigt sind. Hierzu wären auch Textvergleiche zu anderen wissenschaftlichen Abhandlungen mit ähnlicher Thematik aus der fraglichen Zeit notwendig gewesen.

    Das Mindeste, was jetzt aus dem Geschehen für die deutsche Wissenschaft zu lernen ist, wäre eine kritische Auseinandersetzung mit den Formen der Sicherung und Überprüfung guter wissenschaftlicher Praxis. Gerade die Universitäten sind gefordert, entsprechende Standards zu formulieren. Wie sehr hier übergreifende Verfahrensregeln fehlen, zeigt schon der Umstand, dass die Meinungen über den Fall und das Überprüfungsverfahren – selbst unter Plagiatejägern – weit auseinandergehen. Anonyme Überprüfungen von Doktorarbeiten widersprechen schon selbst den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, denn gerade in der Wissenschaft müssen Kontroversen offen und transparent ausgetragen werden.

    Kontakt
    Elmar Kramer
    Leiter Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Humboldt-Universität zu Berlin
    Tel.: 030 2093-2332/-2345
    elmar.kramer@hu-berlin.de

  4. basti sagt:

    Sie hat aber auch schlechte LehrerInnen gehabt.

    Und dem Doktorvater sollte man auch eine vor den Latz knallen.

    Es ist nicht alleine ihre Schuld.

    • @basti

      Was den Doktorvater betrifft kann ich mich nur anschliessen. Es geht einfach nicht an, dass die subjektive Auslegung von “Qualität” oder auch nur der persönliche Geschmack hinsichtlich des Inhalts einer wissenschaftlichen Arbeit statt klarer nachvollziehbarer Kriterien dafür ausschlaggebend ist, ob jemand einen akademischen Titel zugesprochen bekommt oder nicht. Ein Doktorvater, der nicht (rechtzeitig) einschreitet, wenn er sieht, dass eine Arbeit den wissenschaftlichen Standards nicht entspricht, demonstriert, dass er nicht nur ungeeignet ist, Doktoranden zu betreuen, sondern überhaupt ungeeignet dazu, Wissenschaft zu repräsentieren oder an Studenten vermitteln zu wollen.

      Wenn man das zugesteht, muss man aber auch danach fragen, wie es sich mit dem Zweitgutachter verhält. Es ist eine sehr häufige Praxis, sich als Zweitgutachter einfach dem Erstgutachten anzuschliessen in einer Art von Friedenspakt: “Ich äußere mich nicht negativ über Deine Doktoranden, und Du nicht über meine.” Und Doktortitel werden von Fakultäten vergeben, nicht von einzelnen Instituten oder Fächern oder Fachvertretern. Insofern muss man in die Kritik nicht nur den Doktorvater einbeziehen, sondern eine ganze Reihe seiner Kollegen.

      Nicht anschliessen kann ich mich Ihrer Vorstellung, dass die Tatsache, dass andere Leute ihrer Verantwortung auch nicht gerecht geworden sind, irgendwie die “Schuld” von Frau Schavan verringern würde, denn wenn ich meine Quellen nicht korrekt angebe, Texte nicht zitiere, obwohl ich aus ihnen Ideen oder gar wörtliche Zitate übernehmen, dann tue ICH das und niemand anders. Ich entscheide mich dazu, offenbar in der Erwartung, dass ich damit durchkomme, also jemanden täuschen kann oder er mit mir bei der Täuschung kooperiert. Ich könnte mich auch anders entscheiden. Wenn ich mich zur Täuschung entschliesse und dazu, anderen ihr geistiges Eigentum zu stehlen, dann bin ich dafür auch vollumfänglich verantwortlich.

      Und was die Lehrkräfte betrifft, so vermute ich, Sie meinen die Dozenten an der Uni. Zum einen wissen Sie aber nicht, ob Frau Schavan schlechte Dozenten hatte. Aber selbst, wenn das so war (und es wäre natürlich alles andere als toll), erwartet man von Studierenden ganz selbstverständlich und von Doktoranden noch viel mehr, dass sie fähig und willens sind, zwei, drei Büchlein zum wissenschaftlichen Arbeiten einzusehen und sich über die Standards kundig zu machen. Studenten sollten lernen, dass sie nicht ihren Dozenten zu gefallen haben, sondern an der Uni sind, um wissenschaftliches Arbeiten zu lernen und “ihre” Wissenschaft nach dem Abschluss angemessen repräsentieren zu können. Die Universität ist eben KEINE HochSCHULE bzw. Wissenschaft kann nicht an HochSCHULEN vermittelt oder eingeübt werden. Das Bildungssystem hat genug Schulen. Wissenschaft muss schon von ihrer grundlegenden Idee her mehr als eine Schule sein, denn Wissenschaftler sollen nicht nacherzählen lernen, was andere vor ihnen erzählt haben, sondern auf der Grundlage dessen, was andere vor ihnen gemacht haben, zu eigenen Fragen, Themen und Antworten auf Fragen finden, kurz: einen eigenständigen und möglichst weiterführenden Beitrag bringen. Und deshalb müssen Dozenten ihren Studenten zwar die Möglichkeit bieten, von ihnen lernen zu können, aber letztlich kann man auch vom negativen Beispiel lernen, wenn man die Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernimmt – und Wissenschaft ist ohne diese Verantwortung für den eigenen Lernprozess und die eigene Urteilsfähigkeit nicht denkbar.

  5. derautor sagt:

    Es ist wirklich erstaunlich, dass ausgerechnet jene, die von Texten leben, das geringste Problem mit Urheberrechtsverletzungen haben sollten. Journalisten werden einsehen müssen, dass sie ihre Texte nicht mehr frei ins Netz stellen und trotzdem erwarten können, damit Geld zu verdienen.

  6. Sepp sagt:

    Nanu, das kommt mir irgendwie bekannt vor: “Geisteswissenschaftliche Texte sind immer mehr als die Summe ihrer einzelnen Textbausteine”. (Jan-Hendrik Olbertz)
    “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile” stammt von Aristoteles, habe ich mal gehört.
    Sollte man das irgendwie als Zitat kennzeichnen?

    • Dr. habil. Heike Diefenbach sagt:

      @Sepp

      Man soll nicht alles glauben, was im focus (oder anderen so genannten ppoulären Medien) verbreitet wird :-) wie der neueste Beitrag von Michael Klein auf sciencefiles über Karl-Dieter Opps Arbeit zur Richtigstellung bestimmter historischer „Fakten“ hinreichend deutlich illustriert.

      Also: Der Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ stammt anscheinend („anscheinend, weil ich dem vertrauen muss, was Leute sagen, die Altgriechisch und Lateinisch hinreichend gut lesen können und sich außerdem mit der Rezeptionsgeschichte des Satzes beschäftigt haben,) nicht von Aristoteles. Anscheinend liegt der Überzeugung, der Satz stamme von Aristoteles, ein ähnlicher Satz von ihm zugrunde, in dem er allerdings nicht von „mehr“, sondern von „früher“ spricht, so dass der Satz nicht Aristoteles zugeschrieben werden kann und im Übrigen eine völlig andere Bedeutung hat als der, den Aristoteles geäußert hat.

      Die erste Aussage, die dem in Frage stehenden Satz nahekommt, stammt anscheinend (ich kann kein Alt-Chinesisch) von Lao-Tse und im Westen von Euklid, wo er anscheinend (ich kann nach wie vor kein Altgriechisch) im 5. Grundsatz in Euklids „Elementen“, im Buch 1 geschrieben steht. Man kann einige der Schwierigkeiten der korrekten Zuschreibung und Interpretation des Satzes, den Sie Aristoteles zuschreiben, nachlesen in der Dissertation von:

      Von Gyldenfeldt, Christian Schesed, 2002: Von Alfred Vierkandt zu Carl v. Clauswitz. Walther Malmsten Schering und die Quellen gemeinschaftlichen Handelns in Frieden und Krieg. Münster: LIT.

      Die „Rückseite“ des Weglassens von Autoren, von denen man Gedanken oder Sätze übernommen hat, ist das unkorrekte Zuschreiben von Sätzen an bestimmte Autoren. In beiden Fällen tut man ihnen Unrecht. Wenn die Rezeptionsgeschichte eines Satzes dermaßen schwierig ist wie im Fall des in Frage stehenden Satzes und der Satz außerdem inzwischen von vielen verschiedenen Leuten aus vielen verschiedenen Disziplinen und Jahrhunderten selbständig oder unselbständig (das lässt sich nur in Ausnahmefällen rekonstruieren) wiederformuliert wurde, so dass er so stark zur „stehenden Weisheit“ geworden ist, dass man ihn sogar in Blättern wie dem focus findet, dann ist es der anständigere Weg, den Satz unbelegt zu lassen statt ihn quasi probeweise einem Autoren zuzuschreiben.

      Man könnte mit viel gutem Willen dem HU-Präsidenten zugute halten, dass dies der Grund war, warum er sich ohne weitere Zitation oder Erläuterung – in Abwandlung des Satzes – auf den Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ bezogen hat. Ich persönlich glaube dies aufgrund all dessen, was ich von der HU und den Werken, die aus ihr kommen, weiß, allerdings nicht.

      Ich persönlich glaube auch nicht, dass Aristoteles oder sonst ein vernunftbegabter Mensch (ohne triftigen Grund in Form von Abhängigkeiten und nepotistischen Verschränkungen) dem Satz zustimmen würde: „Es mangelt an der nötigen Tiefe, wenn isolierte Textmodule verglichen werden, ohne sie in den Gesamttext und die übergreifende Gedankenführung der Arbeit einzuordnen. Geisteswissenschaftliche Texte sind immer mehr als die Summe ihrer einzelnen Textbausteine“. Das kann ja wohl nur heißen, dass der „Tiefe“ und dem „Ganzen“, also irgendeinem mehrdimensionalen Raum des Esoterischen, der reine GEIST hervortritt, um jemanden in Zungen sprechen zu lassen, und der so „Erleuchtete“ sich mit niedrigen Dingen wie den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens, zu denen das korrekte Zitieren nun einmal grundlegend gehört, abzugeben.

      Man könnte das auch anders ausdrücken, was der Lebenswelt vieler Menschen, mit der sich Geisteswissenschaftler ja eigentlich beschäftigen (sollten), näher wäre: aus SCH….. kann man keine Butter machen!

      Wer meint, das ginge doch, mag dazu geeignet sein, eine esoterische Sekte zu begründen, aber sicherlich nicht dazu, die Wissenschaft – auch nicht die Geisteswissenschaft – zu repräsentieren.

  7. Pingback: Das große Reinwaschen hat begonnen – Plagiate bald normal | Kritische Wissenschaft - critical science

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