Selbst- und Fehleinschätzung: Warum Worte keine Handlungen sind

Besonders in Deutschland gefällt sich ein Teil der politischen Klasse und derjenigen, die sich für politische Vordenker halten, darin, die eigene Wirkung massiv zu überschätzen. Diese Aussage ist eine Ableitung aus der Diskussion der letzten Wochen, die insbesondere in Deutschland geführt wird. Das Ziel dieser Diskussion besteht weigehend darin, die Schuldigen (und nicht etwa die Ursache) für die “killing spree” des Anders Behring Breivig dingfest zu machen. Die Schuldigen sind demnach diejenigen, die “den Nährboden” bereiten, auf dem ein Breivig gedeihen konnte. Die Schuldigen sind diejenigen, die nach Manier von Mephisto, anfälligen Gemütern die Handlungsgrundlagen verschaffen, auf die die vermeintlich anfälligen Gemüter nicht von selbst gekommen wären.

Dass das Gebrabbel eines Intellektuellen, geäußert in einem oder mehreren Medien, eine Reaktion wie die des Anders Breivig verursachen könne, ist die Überzeugung derer, die in Medien sitzen, sich der Medien bedienen und dies tun, weil sie nicht nur die Beeinflussbarkeit von Medienrezipienten voraussetzen, sondern sich der intendierten und zielgerichteten Wirkung von Medien gewiss sind. Und hier irren sie gewaltig.

Wenn es in der Medienwirkungsforschung überhaupt ein Ergebnis gibt, das weitgehend unbestritten ist, dann dass Stimulus-Response-Modelle die Medienwirkung nicht zu beschreiben vermögen. Die Annahme, dass ein im Fernsehen oder in welchem Medium auch immer dargebotener Reiz eine und zwar genau die mit ihm beabsichtigte Wirkung erzielt, hat sich sehr schnell als falsch erwiesen. Das hat Bernard Berelson bereits im Jahre 1960 festgestellt: “Some kinds of communication on some kinds of issues, brought to the attention of people under some kind of conditions, have some kinds of effects” (Berelson, 1960, S.531). Oder wie Dr. habil. Heike Diefenbach es in diesem blog auf den Punkt gebracht hat: “ausgeschlossen ist nicht, dass Propaganda oder irgendeine andere Botschaft EINEN Einfluss hat, sondern ausgeschlossen ist, dass ihr Einfluss EINDEUTIG BESTIMMBAR sei. Es gilt also nicht z.B: Ein gewalthaltiger Stimulus wird eine gewalthaltige Reaktion, ein humorvoller Stimulus wird Heiterkeit … auslösen etc.”

Wenn Zuschauer, Leser oder formaler: die Empfänger einer Nachricht nicht die passiven Rezipienten sind, wie sie das Stimulus-Response-Modell annimmt,  dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der von Gene Roddenberry so trefflich auf den Punkt gebrachten Einsicht: “There is an intelligent life form out on the other side of that television too”.

Die intelligente Lebensform hat bereits vor Jahrzehnten Eingang in wissenschaftliche Modelle gefunden: Fernseh-, Nachrichten oder Informationskonsumenten werden nunmehr als aktive Konsumenten angesehen. Konsumenten wählen, welche Informationen oder Nachrichten sie konsumieren. Nach welchen Kriterien sie dabei wählen, ist weitgehend offen. Es ist lediglich sicher, dass Gratifikationen, wie Merton (1968, S.461-462) sie genannt hat, also Nutzen, wie auch immer geartet, dabei eine Rolle spielen. Wenn Konsumenten die konsumierten Medieninhalte nach eigenen Vorlieben, Einstellungen, Überzeugungen, Werten, ihrer sozialen Schichtzugehörígkeit, ihrem Geschlecht, ihrem Beruf, ihrer Laune, vielleicht ihrer Augenfarbe und nach vielen anderen differenzierenden Merkmalen, die das konstituieren, was man dann das Individuum nennt, auswählen, dann wird die Unsinnigkeit der Diskussion um die Wirkung von “rechtspopulistischen Medien” auf die Handlungen des Anders Behring Breivig deutlich: Ebenso wie man annehmen kann, dass seine Handlungen ihre Ursache in rechtspopulistischen blogs und anderen Quellen entsprechenden Inhalts haben, so kann man annehmen, dass seine Handlungen ihre Ursache in linkspopulistischen blogs und anderen Quellen entsprechenden Inhalts haben, über die er sich besonders heftig geärgert hat.

Will man also nicht wie ein Relikt erscheinen, das dem überholten Stimulus-Response-Modell (in welcher Form auch immer) anhängt; will man nicht als jemand erscheinen, der beim Auftauchen konditionierter Reize wie sie z.B. durch die gemeinsame Darbietung von “grauen erregender Tat” und “Rechtspopulismus” gegeben sind, reflexhaft mit dem Ruf nach dem Verbot von rechtspopulistischen Äußerungen reagiert, dann sollte man die unsinnige Suche nach den sonst noch Schuldigen aufgeben. Auch wenn es in Deutschland beliebt ist, die eigenen Handlungen durch Verweis auf Sachzwänge oder sonstige legitimierende Umfeldbedingungen zu rechtfertigen, verantwortlich für Handlungen ist letztlich immer derjenige, der sie ausführt – niemand sonst.

Literatur

Berelson, Bernard (1960). Communications and Public Opinion. In: Schramm, Wilbur (ed.): Mass Communications. Urbana: University of Illinois Press, pp. 527-543.

Merton, Robert K. (1968). Social Theory and Social Structure. Glencoe: Free Press.

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