Wenn Politiker Briefe schreiben, dann kann man meist nur hoffen, dass der Inhalt der Briefe keinem Dritten bekannt wird. Aber, wie auf geheime Absprache, gehen immer mehr Politiker dazu über, ihre privaten Briefe zu veröffentlichen. So reicht es Ilse Aigner offensichtlich nicht, dass sie sich nach eigenen Worten in bereichernden sozialen Netzwerken mit ihren privaten Meinung verbreiten kann, nein, sie muss auch auf den Seiten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ihre privaten Ansichten in Briefen posten und offenbart auf diese Weise vieles, was besser privat geblieben wäre.
Zum Beispiel scheint Aigner ihre privaten Briefe mit dem Zusatz „Bundesverbraucherschutzministerin“ zu unterzeichnen. Das ist nicht nur bedenklich nahe, nein das ist zu nah an der Profilneurose. Es ist ein beeindruckendes und bedrückendes Dokument für den Aufbau einer geliehenen oder Surrogat-Identität, für das, was Henri Tajfel in seiner Social Identity Theory beschrieben hat. Menschen, die nicht in der Lage sind, eine persönliche Identität aufzubauen, versuchen über Zugehörigkeit zu einer Gruppe, im Fall von Aigner zu einem Ministerium, eine soziale Identität aufbauen: Bundesverbraucherschutzministerin. Aber man soll ja nicht alles so verbissen sehen, denn derartige Profilneurosen haben auch ihre lustigen Seiten, zum Beispiel wenn Aigner, Bundesverbraucherschutzministerin, die sie nun einmal völlig, ausschließlich und umfassend ist, schreibt: „Wie Sie wissen, setze ich mich als Bundesverbraucherministerin mit Nachdruck dafür ein, dass der Schutz personenbezogener Daten im Internet gewährleistet ist“.
Aigner schmückt sich offensichtlich nicht nur mit einer geliehenen Identität, sie ist sich über die Identität auch nicht ganz im klaren, weiss nicht, ob sie nun Bundesverbraucherschutzministerin ist oder Bundesverbraucherministerin. Aber eines weiß Sie ganz genau, nämlich dass der Addressat ihres Briefes, ein gewisser Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, natürlich von morgens bis abends an nichts anderes denkt als den Aignerschen Einsatz für den Schutz personenbezogener Daten. Und weil er an nichts anderes denkt und vermutlich unter Pseudonym ein Follower der Bundesverbraucher(Schutz?)ministerin ist, wird es ihn auch furchtbar treffen, wenn Aigner ihre Drohung am Ende des Briefes in die Tat umsetzt: „Sollte Facebook nicht bereit sein, seine Firmenpolitik zu ändern und die eklatanten Missstände zu beheben, sehe ich mich gezwungen, meine Mitgliedschaft zu beenden“.
Facebook, Frau Bundesverbraucher(schutz)ministerin, also das Unternehmen, das für eines der sozialen Netzwerke verantwortlich ist, die Sie so bereichernd finden und so selbstverständlich umsonst nutzen, ist ein Unternehmen, dem für die Bereitstellung seiner Dienste Unkosten entstehen. Die Unkosten sollen u.a. durch Werbung gedeckt werden. Zudem will Facebook wie jedes Unternehmen Gewinn machen. Deshalb werden von Facebook Nutzerdaten an Partnerunternehmen weitergegeben. Wer das nicht will, kann der Weitergabe seiner Daten widersprechen oder er kann davon absehen, Mitglied bei Facebook zu werden oder zu sein. So einfach ist das. Niemand wird gezwungen, einen Dienst zu nutzen, der zwar „bereichernd“ ist, aber nicht mit seinen Vorstellungen von Datenschutz übereinstimmt, auch eine Bundesverbraucher(schutz)ministerin nicht. Entsprechend würde ich an Zuckermanns Stelle ihnen einen Einzeiler spendieren: You’re free to go! Ansonsten weiß jeder, worauf er sich mit einer freiwilligen Mitgliedschaft bei Facebook einlässt, und deshalb muss auch niemand in paternalistischer Weise von der Bundesverbraucher(schutz)ministerin behütet werden.
Im übrigen ist es nicht schön, Leser öffentlich ausgelebter Profilneurosen zu sein, weshalb es besonders der Bundesverbraucher(schutz)ministerin anzuraten wäre, ihr eigenes Motto zu beherzigen: „Privates muss privat bleiben“. Aigners Brief macht deutlich, wie normal es für Politiker ist, ihre höchst privaten Interessen zu öffentlichen Interessen zu deklarieren und privaten Briefen z.B. durch den Zusatz „Bundesverbraucherschutzministerin“ vermeintlich mehr Nachdruck zu verleihen. Früher, als Politiker noch ernstzunehmen waren, wäre das vermutlich als Amtsmissbrauch verfolgt worden, aber heute, da Politiker vornehmlich von ihrem Unterhaltungswert leben, führt es lediglich dazu, dass man sich überlegt, wie private Briefe an das Finanzamt, den Klempner, die Leiterin der Frauenlesegruppe der Landfrauen, die Schwiegermutter oder den Gemeindepfarrer von Aigner wohl unterzeichnet werden.
Mehr zu Aigners Profilneurose gibt es im Blog von Gideon Böss, durch den ich auf den Brief von Aigner erst aufmerksam geworden bin.
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