
Diese esoterische Überhöhung von unschuldigen Begriffen nimmt Florian Leclerc in der Frankfurter Rundschau vor, nachdem er aus dem Duden zitiert hat, denn dem Duden scheint er überhaupt erst die Bedeutung von „Gutmensch“ entnommen zu haben: Ein Gutmensch ist laut Duden ein“[naive] Mensch[en], der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o.ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt“. Interessanter Weise passt diese Definition auf Leclerc, so dass man nicht anders kann als ihn als Gutmensch anzusehen, setzt er sich doch in einer übertriebenen und unkritischen Weise dafür ein, den Begriff Gutmensch zu meiden, wie der Teufel das Weihwasser.
Aber aufrechte Gutmenschen wie Leclerc, die sich weigern, Worte wie Gutmensch zu benutzen, weil damit aus ihrer Sicht eine rechte Ideologie transportiert wird, haben überhaupt kein Problem damit, Nutzer des Wortes „Gutmensch“ in die ideologisch rechte Ecke zu stellen und dies unter Verwendung von Vokabular zu tun, das man, wäre man veranlagt wir Leclerc wohl als „linkes Vokabular“ bezeichnen würde. Linksextremisten benutzen Begriffe wie „Neue Rechte“ Herr Leclerc, der Begriff ist besudelt, wollen Sie nicht vom Gebrauch zurückschrecken?
Wäre Leclerc durch seine Suche eventuell darauf aufmerksam geworden, dass die als Gutmensch beschriebene Sorte Mensch nicht nur in Deutschland nervt, sondern auch in anderen Ländern, er wäre vielleicht zu dem Begriff „Do-Gooder“ vorgestoßen und hätte staunend einen Text aus der New York Times des Jahres 2004 gefunden: „Asking Do-Gooders to Prove they Do Good“ oder ein Buch aus dem Jahre 1973 mit dem Titel, Drinks, Drugs, and Do-Gooders, in dem Charles E. Goshem sich mit den Folgen guter Menschen auseinandersetzt, die andere vom Trinken und Drogenkonsum abhalten wollen. Und für den Fall, dass er weiter gesucht hätte, wäre er vielleicht noch bei „Bleak House“ angekommen, einer Erzählung von Charles Dickens aus dem Jahre 1852/53, in der Dickens mit Mrs Jellyby einen Charakter einführt, der vor lauter Sorge um das Wohlergehen eines (fiktiven) afrikanischen Stamms die Wohlfahrt seiner näheren Umgebung vergisst. Einschlägigen Definitionen entsprechend hat Dickens hier einen Do-Gooder oder Gutmenschen eingeführt, und dies lange bevor es in Deutschland die von Leclerc so argwöhnisch betrachteten Rechten gab, die u.a. den Begriff „Gutmensch“ benutzten. Folglich ist es nicht nur Unsinn, sondern grober Unsinn, den Begriff „Gutmensch“ als einen Begriff zu bezeichnen, den nur Rechte benutzen, Unsinn, wie er nur einem Gutmenschen wie Leclerc einfallen kann.
Dörner, Dietrich (1994). Die Logik des Misslingens: strategisches Denken in komplexen Situationen. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.
