Grenzen der Volkserzieher: Freie Märkte sind unvereinbar mit Totalitarismus


Der neue Mensch ist nicht dick. Sicher nicht. Er ist auch nicht unsportlich. Das schon gar nicht. Er raucht nicht. Himmel hilf. Seine Kritikfähigkeit reduziert sich auf Aussagen wie „Du Nazi“ oder „Das ist ja anti […. beliebiges Gutwort einsetzen]“. Der neue Mensch, wie er den Do-Goodern und Regierungen in dem, was sich moderne Staaten nennt, vorschwebt, ist bereit, einen kleinen Selbstbehalt zu akzeptieren und den größten Teil seines Einkommens als Steuer zu entrichten. Er zahlt gerne mehr für den Strom, weil er Öko-Strom unterstützen will. Er zahlt gerne mehr für soziale Ausgaben, weil 1.000.000 Flüchtlinge den moralischen Wert von Deutschland steigern. Er geht zwanzig, oder dreißig oder fünfzigmal zum Arzt, zur Vorsorgeuntersuchung gegen X, Y und Z, weil er ein guter Bürger ist, der seine Ansprüche gegenüber der Krankenkasse nicht verlieren will. Der neue Mensch und gute Bürger murrt nicht einmal, wenn er im Alter feststellt, dass trotz der horrenden Abzüge für die Rentenversicherung nicht genug Geld vorhanden ist, um ein Alter in Würde zu führen. Es macht dem guten Bürger schlicht nichts aus. Er geht dann zur Tafel oder wühlt sich durch öffentliche Mülleimer. Der neue Bürger ist auch sehr darauf bedacht, die Hygiene der öffentlichen Meinung zu wahren. Deshalb sagt er nichts, was anstößig ist, bringt zur Anzeige, was er anstößig findet und tut alles, damit es anderen nicht besser geht als ihm selbst.

Der neue Bürger ist leicht zu schaffen, wenn totalitäre Strukturen es befördern. Wer keine Alternative hat, weil sein Staat Alternativen mit hohen Kosten versehen hat, der lässt sich leicht in eine Richtung schieben oder nudgen, wie es heute heißt. Wer sich vor sozialen Kosten fürchtet, weil jeder, der seine Organe der wichtigen Nachwelt nicht übergeben will, auf dass Ärzte und Händler sich eine goldene Nase an dem unentgeltlich überlassenen Gut verdienen, dem kann man gut die Option, die Spende zu verweigern, lassen. Er wird sie nicht nutzen. Wer fürchten muss, durch ein falsches Wort, eine unangepasste Äußerung von der Horde der Gutmenschen verfolgt und verbal gekreuzigt zu werden, in der Folge seinen Job zu verlieren und Gefahr zu laufen, in Obdachlosigkeit zu enden, der ist leicht gefügig zu machen, leicht zum Verstummen zu bringen, leicht einzunorden. Nun ergänzen wir noch Kinder und die Verhaltenspflichten, die als staatliche Forderung an die richtige Aufzucht gestellt werden und fertig ist das totalitäre Umfeld, in dem kaum mehr jemand den Mund aufmacht.

In einem freien Markt ist das anders.

Ein Markt ist im Wesentlichen ein Ort der Optionen. Es gibt viele unterschiedliche Angebote und Nachfrager. Jeder findet etwas, was zu ihm passt.

Ein Markt als solcher ist zu groß, als dass man ihn kontrollieren und beherrschen könnte. Freiheit hat den großen Nachteil, mit Phantasie verbunden und genutzt zu werden.

Deshalb schränken Staaten Märkte ein.
Deshalb verknappen sie das Angebot.

Denn mit jeder Regulation, die den Markt wieder ein Stück beseitigt, geht auch ein Stückchen Freiheit verloren.

Und mit jedem Stückchen Freiheit, das beseitigt wird, werden Bürger gefügiger, so die Rechnung. Mit jedem Stückchen Gefügigkeit, das Staaten gewinnen, verschwindet ein Stückchen Widerstand.

Deshalb ist es oberste Priorität totalitärer Staaten, Märkte, seien es Märkte, auf denen Produkte, Waren, Dienstleistungen getauscht werden, seien es Märkte, auf denen Meinungen oder Informationen getauscht werden, zu beschränken, zu regulieren, zu kontrollieren.

Was passiert, wenn Staaten oder staatliche Organe keine Kontrolle über Märkte haben, zeigt ein Beispiel aus Seattle. Dort haben Do-Gooders beschlossen, dass sie die Adipositas vieler US-Amerikaner nicht mehr mitansehen wollen und deshalb den Preis von Coca Cola, Dr. Pepper und den anderen Softdrinks, die viel Zucker für wenig Geschmack anbieten, verdoppelt.

Das geschieht natürlich nur zum Besten der Bürger. Immer wenn Freiheiten von Bürgern eingeschränkt werden, haben die staatlichen Gefängniswärter nur das Beste der Bürger im Sinn, deren Sicherheit, deren Gesundheit, deren Lebensfreude … Und Lebensfreude gewinnt man bekanntlich nicht dadurch, dass man Coca Cola trinkt …

Man stelle sich ein entsprechendes Gesetz in Deutschland vor. Die Bundesregierung beschließt, dass alle Softdrinks, die Zucker enthalten, mit einer hohen Steuer belegt werden und nunmehr das Doppelte des vorherigen Preises kosten. Der Beschluss ist flächendeckend. Von Rewe in Kiel bis Aldi in Berchtesgaden gelten die erhöhten Preise. Die Gängelung der Verbraucher ist umfassend. Es gibt kein Schlupfloch außerhalb von Schmugglerringen. Die Beschränkung der Freiheit zu trinken, was man trinken will, ist uneingeschränkt.

Nicht so in den USA.
Hier scheitern die Versuche, bürgerliche Freiheiten zu beschränken, regelmäßig am Pluralismus der US-Kultur, der sich u.a. darin äußert, dass Persönlichkeitsrechte weitgehend unantastbar sind und keine Regelung so umfassend oder durchsetzbar ist, als dass man sie nicht unterlaufen könnte. Dass dem so ist, hat die Stadt Seattle bzw. die Do-Gooders, die dort die Stadt-Regierung bilden, gerade erfahren. Sie wollen das Verhalten ihrer Bürger so steuern, dass Letztere weniger Softdrinks trinken. Steuern ist hier wörtlich zu nehmen, denn ausgeheckt wurde eine Steuer auf Softdrinks, die eine fast Verdoppelung des Preises zum Ergebnis hat. In einem totalitären Staat ohne Alternative, in dem der Markt reglementiert und unfrei ist, käme eine solche Regelung dem Zwang für Bürger gleich, ihre Präferenzen nunmehr mit dem doppelten Einsatz von finanziellen Ressourcen zu verfolgen. Nicht so in den USA. Dort gibt es nicht nur einen Markt. Dort gibt es auch selbstbewusste Marktakteure. Mehr noch: Die selbstbewussten Marktakteure betreiben Supermärkte.

Und so hat Costco, ein großer Einzelhändler, nicht nur seine Preisschilder dahingehend geändert, dass die Kunden über die Höhe der Steuer, die in einen Preis eingeht, unterrichtet werden, Costco informiert seine Kunden auch darüber, dass die selben Produkte außerhalb von Seattle deutlich billiger sind, ergänzt durch die Adresse des nächsten Supermarkts außerhalb der Jurisdiktion von Seattle. Als Ergebnis haben sich die Absätze von Softdrinks in Seattle erheblich reduziert und sind im Umland fast explodiert.

Sozialwissenschaftler sprechen hier von Renitenz. Renitenz setzt immer dann ein, wenn ein Akteur von einem anderen zu etwas gezwungen werden soll, das er nicht tun will. Höhere Preise für etwas bezahlen zu müssen, weil ein Gutmensch meint, es sei der Gesundheit eines anderen schädlich, zu viel davon zu trinken, weshalb er Einfluss auf dessen Trinkmenge nehmen will, ist ein Zwang, der mit Sicherheit Renitenz nach sich zieht. Wie gesagt, in totalitären Systemen haben diejenigen, die Zwang ausüben, gleich welche Form der Zwang annimmt, leichtes Spiel mit ihren Opfern. Wer sich nicht fügt, wird in den Untergrund gezwungen und bezahlt sein Beharren auf Handlungsfreiheit damit, kriminalisiert zu werden. In einem freien Markt ist das nicht möglich. Dort kann ein Gezwungener den Anbieter wechseln und seine Bedürfnisse woanders befriedigen. Dort haben diejenigen, die Zwang ausüben, nicht so leichtes Spiel mit denen, die sie zwingen wollen.

Deshalb ist bei denen, die gerne Zwang auf andere ausüben wollen, die deren Handlungen, Entscheidungen und Gewohnheiten durch Zwang verändern wollen, der Markt so verhasst. Deshalb wollen sie Märkte, gleich welcher Art, dadurch zerstören, dass sie sie reglementieren. Denn Märkte sind die Feinde des Totalitarismus.

Eine gute Zusammenfassung der Bauchlandung, die die Gutmenschen in Seattle erlitten haben, findet sich hier.

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Friedensnobelpreis für Gefährder des Friedens?

Ein Stammleser hat uns geschrieben und von einem Fehler, den er am 10. Dezember begangen hat, berichtet. Er hat Nachrichten im Fernsehen angesehen. Bei RTL, bei der ARD. Breit hätten beide über die Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo berichtet. Am Rande hätten beide Sender erwähnt, dass in Stockholm am selben Tag die Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Ökonomie verliehen wurden (der zuletzt genannte Preis geht nicht auf Alfred Nobel, sondern auf die Schwedische Reichsbank zurück, die ihn 1968 durch eine große Spende an den Fund, aus dem die Nobelpreise finanziert werden, ermöglich hat). Keiner der Preisträger sei namentlich erwähnt worden.

Eine klare Prioritätensetzung durch die Mainstream-Medien, die in eine Zeit passt, in der man mehr Eindruck durch Destruktion und Appell an Gefühle zu machen können glaubt, als durch Wissenschaft.

Alle wissenschaftlichen Preisträger, denen der Nobelpreis verliehen wurde, haben einen Beitrag zum Wissensgewinn geleistet und die Menschheit vorangebracht. Sie haben neue Methoden gefunden, Grundlagen geschaffen, Gravitationswellen (mit)entdeckt, ein cryo-Elektronen-Mikroskop entwickelt oder ein Protein isoliert, dass die innere Uhr in Zellen betreibt, die es Organismen ermöglicht, sich an die Drehung der Erde anzupassen. Sie alle haben etwas Produktives geleistet. Etwas, das der ARD und RTL keine namentliche Erwähnung wert ist.

Namentlich erwähnt und breitgetreten wird dagegen der Friedensnobelpreis, der an die in Australien gegründete Organisation ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) verliehen wird, mithin eine Organisation, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, eine Technologie zu beseitigen, die Destruktives will.

ICAN ist eine Meta-NGO, die Organisationen aus rund 100 Ländern bündelt, deren Ziel darin besteht, Atomwaffen abzuschaffen. Ein nobles Ziel. Ein Ziel, das wohl niemand in Frage stellen wird? Wer könnte die Existenz von Atomwaffen verteidigen wollen?

Wir.

Und zwar aus zwei Gründen.

1)
Dass nicht nur Europa seit 1945 eine lange Phase des Friedens und der Prosperität erleben konnte, hat nicht zuletzt seine Ursache in der Existenz von Atomwaffen. Die gegenseitige nukleare Drohung hat den Frieden in Europa gesichert. Davon zeugen die vielen Stellvertreterkriege, die in Ländern geführt wurden, die über keine nuklearen Waffen verfügen. Davon zeugen eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten, die u.a. auf der Spieltheorie und insbesondere dem Chicken-Game basieren. Dafür spricht auch der Ausgang der Kuba-Krise. Ohne nukleare Drohung wäre es sicher zu einer konventionellen Konfrontation zwischen den beiden damaligen Großmächten USA und Sowjetunion gekommen. Wer die Erde von Atomwaffen befreien will, macht sie entsprechend zu einem unsicheren Platz.

Dass dem so ist, ist leicht zu zeigen. Wer wäre nicht gerne Mäuschen, wenn die Herrschaften von ICAN versuchen, Kim jong-un dazu zu überreden, seine Atomwaffen zu verschrotten? Oder man stelle sich die Überzeugungsmission von ICAN vor, wie sie bei Benjamin Netanyahu vorstellig wird oder bei Donald Trump oder Xi Jinping. Der Friedensnobelpreis wurde somit an eine Organisation vergeben, die keinerlei Effekt auf den Gang der Dinge haben wird. Bezeichnend für eine Zeit, in der die Symbolik mehr wiegt als die Realität.

Hey, wir sind gut, naiv und gefährlich, denn hätte ICAN Erfolg, die Erde wäre ein unsicherer Platz, schon weil Menschen nicht gut sind bzw. das sind, was man bei ICAN für gut hält..

2)
Im Zusammenhang mit dem Umweltschutz wird ständig argumentiert, dass wir den Planeten den nachfolgenden Generationen in gutem Zustand übergeben müssten. Diese Form ethischer Argumente zu machen ist immer gefährlich, denn Ethik ist etwas, was nicht auf Inhalte beschränkt ist. So kann man im Hinblick auf die nachfolgende Generation argumentieren, dass jeder Mensch seinem Leben verpflichtet ist und nicht dem Leben anderer. Selbsterhalt war für alle Philosophen die erste Menschenpflicht und das erste Menschenrecht. Warum sollte man am Erhalt des Selbst Abstriche machen, um zukünftigen Generationen vielleicht, vielleicht auch nicht einen besseren Start in ihr Leben zu ermöglichen?

Weil Menschen sozial und nächstenlieb und sorgend sind, so lautet die Antwort.

Wenn Sie das aber sind und diese Argumentation zutrifft, dann haben Menschen, die heute leben keinerlei Recht, zukünftigen Generationen Technologien vorzuenthalten, von denen niemand weiß, ob sie nicht morgen von immenser Bedeutung sein werden. Menschen haben, obschon sie eine benachteiligte Spezies sind, wie jeder schnell merkt, der nur mit dem, was ihm die Natur an Waffen mitgegeben hat, gegen einen Grizzly kämpft, überlebt. Ein Grund dafür ist ihr Gehirn, ein anderer die Tatsache, dass sie es benutzen. Und so wie es für einen Atheisten rational ist, auf dem Sterbebett nach einem Priester zu rufen, für den Fall, dass er, der Atheist, sich geirrt hat, so ist es rational für Menschen, alle Technologien, die sie entwickelt haben, zu nutzen und in ihrer Anwendung zu perfektionieren. Wer weiß, welche Probleme zukünftige Generationen zu bewältigen haben, schon weil z.B. nicht jeder Asteroid knapp an der Erde vorbeifliegen wird, so wie dies 2017 VL2 am 9. November in einer Entfernung von ungemütlichen 75000 Meilen und vollkommen unbemerkt von der NASA und allen anderen Weltraumagenturen getan hat. Manche der Asteroiden, die sich in der 1862 Apollo Gruppe befinden, 8000 insgesamt, 1500 davon mit einer Flugbahn, die der Erde sehr nahe kommt, werden Letztere in den nächsten Jahrzehnten passieren oder auch nicht. Vielleicht sind nachfolgende Generationen noch froh, um die Atomwaffen, die sie von früheren Generationen geerbt haben.

Die 1862 Apollo Gruppe wurde übrigens von Karl Wilhelm Reinmuth entdeckt, einem Heidelberger Astronom, der von 1914 bis in die 1950er Jahre 395 sogenannte kleinere Planeten, die weder Planet noch Komet sind und sich auf einer Umlaufbahn um die Sonne befinden, entdeckt hat. Reinmuth hat keinen Nobelpreis für Physik erhalten. Er ist ohne Nobelpreis weitgehend dem Vergessen anheim gefallen. Kein Unterschied also, zu den Nobelpreisträgern, die der ARD oder RTL keine Namensnennung wert sind.

Holen wir das nach:

Nobelpreis für Physik
Rainer Weiss, geboren 1932 in Berlin, arbeitet am MIT;
Gary C. Barish, geboren 1936 in Omaha, arbeitet am CalTech
Kip S. Thorne, geboren 1940 in Logan, arbeitet am CalTech

Nobelpreis für Medizin
Jeffrey C. Hall, geboren 1945 in New York, University of Maine
Michael Rosbash, geboren 1944 in Kansas City, Brandeis University
Michael W. Young, geboren 1949 in Miami, Rockefeller University

Nobelpreis für Chemie
Jacques Dubochet, geboren 1942 in Aigle (CH), University of Lausanne
Joachim Frank, geboren 1940 in Siegen, Columbia University New York
Richard Henderson, 1945, Edinburgh, Laboratory of Molecular Biology, Cambridge

Sie alle haben die Menschheit vorangebracht. Bleibt zu hoffen, dass nicht zukünftige Generationen Gefallen daran finden werden, technologische Entwicklungen zu verteufeln und dem Irrglauben zu opfern, Menschen wären durchweg gut und sozial und würden keiner Fliege etwas zu leide tun und sich dann, wenn etwas verboten wäre, z.B. Atomwaffen, dieselben nicht verschaffen.

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Ibn Rushd (Averroes): Einer der ersten Schubser/Nudger

Die Welt ist voller guter Menschen. Die guten Menschen, von denen wir sprechen, Gutmenschen, wissen immer ganz genau, was für andere gut ist. Sie haben keinen Zweifel daran, dass sie das wissen. Sie wissen, dass alle Menschen ganz alt werden wollen, gesund bleiben wollen, koste es, was es wolle, dass alle Menschen fit sein wollen, sich im Fancy-Fahrraddress lächerlich machen wollen, dass alle Menschen gleichwertig sind, der Schmarotzer so sehr wie derjenige, der ihn durchfüttert, ein Mörder so sehr wie ein Notarztwagenfahrer. Gutmenschen wissen, dass es gut ist, Organe zu spenden, gut für die, die die Spenderorgane entnehmen, sie verdienen daran. Gut für die, die die Spenderorgane transportieren. Sie verdienen daran. Gut für die, die die Spenderorgane einsetzen. Sie verdienen daran. Und gut für die, die sie erhalten, sofern ihr Körper das Spenderorgan auch annimmt.

Gutmenschen kennen keine Zweifel, und sie dulden keinen Widerspruch. Aus reiner Toleranz werden angeblich Rechte mundtot gemacht, Rauchern werden ihre Sargnägel madig gemacht, Kinderfreie müssen zusätzlich in die Pflegeversicherung berappen, weil Kinder natürlich gut sind, alle und überall, aber nicht gut genug, um selbst ihren Zuckerkonsum verantworten zu können, deshalb muss auch der Zuckerkonsum geregelt werden, wie der Arzt- und Zahnarztbesuch, der Besuch beim Einwohnermeldeamt, die Freude an Flüchtlingen und die Lust, öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finanzieren, denn: falls Sie es nicht wissen, der öffentliche Rundfunk ist gut, hat eine Bildungsauftrag. Deshalb zahlen sie dafür, nicht wegen der Soaps…

Aber Gutmenschen haben es auch schwer. Der herkömmliche Mensch will nicht einsehen, was gut für ihn ist. Er will sein Trinken nicht auf den vorgesehenen Alkoholkonsum beschränken, nicht täglich durch die Gegend hüpfen, um fit zu bleiben, keine Organe spenden, mag keine Flüchtlinge, hat ein Herz für Tradition und Konservative, zuweilen Verständnis für Rechte, isst Marsriegel in unverantwortlicher Menge und will seit neuestem nicht einmal mehr die von „Experten“ vorgeschriebene Menge Schlaf zu sich nehmen.

Man muss Menschen zu ihrem Glück zwingen.

Deshalb haben findige Ökonomen das Nudgen erfunden, Schubsen zu Deutsch. Eine Methode, Menschen so zu manipulieren, ohne dass sie es nicht merken sollen. Zu ihrem Besten manipulieren natürlich, denn, Gutmenschen wissen, was für die anderen, also für Sie und uns gut, ja das Beste ist. Sie würden, könnten sie unser Leben leben, unser Leben natürlich besser und effizienter Leben als wir das tun. Der Kern des Nudgens besteht darin, der dummen Masse aus Trinkern, Rauchern, Nicht-Organspendern, Rechten, Schlafverweigerern und Nicht-Radfahrern die Vorteile der entsprechenden Tätigkeiten so aufzuzwingen, dass sie denken, es sei ihre Wahl gewesen.

Die formale Struktur des Nudging benötigt demnach einen Experten, der die Wahrheit weltlichen Tuns erblickt hat und nun genau weiß, was andere zu tun haben und sie benötigt eine dumme Masse, die von Experten geleitet werden will oder muss, je nach Perspektive.

Derartiges Nudging ist jedoch nicht neu.

Tatsächlich ist es uralt.

Schon Ibn Rushd, Averroes für seine europäischen Zeitgenossen bzw. Anhänger, war ein Nudger, ein Schubser. Die Welt des Ibn Rushd bestand aus drei Arten von Menschen, Mitgliedern der Masse, Theologen und Philosophen. Mitglieder der Masse, so Ibn Rushd, sind bestenfalls zu deskriptiver Einsicht fähig, wissen, wenn sie ein Pferd sehen, dass sie ein Pferd sehen, kennen, besser: erkennen jedoch nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält und das Pferd zum Pferd macht. Derart dialektische Einsicht ist den Philosophen vorbehalten. Sie sind in der Lage, die Wahrheit des Universums anzuzapfen und sich per Konsens auf die korrekte Wahrheit festzulegen, wobei die Wahrheit für Ibn Rushd im Koran zu finden war, die Auslegung des Koran somit zur Quelle der Wahrheit wurde. Diese Wahrheit, von den Philosophen in dialektischer Einsicht erblickt, sollte von den Theologen aufgenommen und der Masse vermittelt werden. Theologen verfügen bei Ibn Rushd über rhetorische Einsicht, sie sind die Marketingabteilung der Philosophen, die der Masse die Welt erklären und sagen, was gut für sie ist.

So wie das heute Gutmenschen tun, die heute natürlich nicht mehr die Marketingabteilung der Philosophen sind. Sie sind die Marketingabteilung von Ideologen, die gerade ein Interesse daran finden, anderen den Zuckerkonsum zu vergällen oder das Rauchen abzugewöhnen, deren Freude es ist, die eigene Wahrheit dazu zu benutzen, die Mitglieder der dummen Masse zu erziehen, zu gängeln und zu malträtieren. Ideologen haben Philosophen ersetzt, Gutmenschen sind zur Marketingabteilung der Ideologen geworden, die ebenso wie letztere über keinerlei Skrupel und keinen Zweifel verfügen und genau wissen, was für die Mitglieder der dummen Masse richtig und vor allem gut ist. Also verkünden sie ihre Wahrheit, dulden keine Abweichung von der Wahrheit (wenn es doch Abweichung gibt, drohen finanzielle Sanktionen) und erwarten absoluten Gehorsam.

So war dies auch zu Ibn Ruschds Zeiten. Abweichung von der damaligen Heilslehre, die es u.a. in der muslimischen und christlichen Variante gab, wurden als Häresie angesehen und bestraft, so wie heute Kritik und Abweichung bestraft wird. Damals, das war im 12. Jahrhundert. Man sieht, 800 Jahre haben nicht wirklich etwas verändert…

Und warum sollte es? Menschliche Gesellschaften haben immer Trittbrettfahrer hervorgebracht, solche, die auf Kosten von anderen leben wollen. Es entspricht einfach der menschlichen Natur, genauer: der Trägheit von Menschen, die lieber andere machen lassen als selbst zu tun, die lieber anderen sagen, was gut für sie ist als selbst die eigene bittere Pille zu schlucken.

Der eindimensionale Mensch: Invasion linker Zombies

Als Herbert Marcuse 1964 sein Buch „Der eindimensionale Mensch“ [One Dimensional Man] veröffentlicht hat, war das Buch zunächst ein eindrückliches Zeugnis von Marcuses Fehlrezeption dessen, was er als Positivismus erkannt zu haben glaubte. Davon ausgehend bestand Marcuses Hauptanliegen darin, die Beschreibung oder Analyse empirischer Fakten mit der Bewertung der Fakten oder Analyse der Fakten zu verbinden. Viele, Wissenschaftler vor allem, so Marcuse, würden sich auf die Beschreibung und Analyse von Fakten beschränken und sich vor deren Bewertung drücken. Die vermeintlichen Drückeberger galten ihm als „eindimensional“ – wie gesagt, Marcuse hat einen imaginierten Gegner bekämpft, denn das, was er als Positivismus bezeichnet hat, gab es in der von ihm bezeichneten Weise nie.

Mehr als 50 Jahre nach Marcuse gibt es nun tatsächlich eine Eindimensionalität zu bewundern. Witziger Weise unter denen, die man als Jünger Marcuses ansehen kann, unter den Linken, die sich für intellektuell halten – warum? Das weiß außer ihnen zumeist niemand.

Die neue Eindimensionalität beschränkt sich auf die Bewertung. Die Verbindung von Fakten, Analyse der Fakten und deren Bewertung, sie ist nun wirklich abhanden gekommen. Das neue eindimensionale Denken zeichnet sich durch eine vollkommene Ignoranz gegenüber oder Ablehnung von Tatsachen aus. Entstanden ist eine Klasse linker Zombies, die ihre Bewertung von Dingen zum alleinigen und empirischen Fakten nicht zugänglichen Maßstab erhoben hat.

Die Invasion dieser neuen linken Zombies, sie hätte Marcuse entnervt, soviel steht fest, denn obwohl er nicht unbedingt ein Philosoph mit besonderem Hang zur Empirie war, so war ihm doch der Wert, die Bedeutung der Empirie, der Tatsachen, die uns umgeben, sehr wohl bekannt.

Die neuen linken Zombies gibt es auf allen Ebenen der Gesellschaft. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie gegen alle Realität anzuleben versuchen, keinerlei empirischen Fakten zugänglich sind, Entscheidungen nur auf Grundlage ihrer persönlichen Bewertung treffen, ohne dabei die Handlungsfolgen in Rechnung zu stellen. Sie sind, um einmal Leon Festinger zu bemühen, fleischgewordene kognitive Dissonanzen, deren ganzes Leben davon bestimmt wird, die Realität zu verleugnen.

Zum Beispiel die Realität von Handlungsfolgen:

Bernhard Rotheberger, der Wirt von Auerbachs Keller in Leipzig, gibt auf. Er hat keine Lust mehr. Das Arbeitsgesetz, das von linken Zombies gerade (2015) verschärft wurde, damit sie von sich behaupten können, sie hätten etwas für Arbeiter getan, ist die Ursache dafür. Wegen dieser Verschärfung muss Rothenberger Auerbachs Keller bereits um 22 Uhr (statt um 24 Uhr) schließen, denn seine Arbeitnehmer dürfen maximal 10 Stunden am Tag und 48 Stunden in der Woche arbeiten und maximal an 15 Sonntagen im Jahr. Ob die Arbeitnehmer diese gesetzliche Wohltat wollen, das hat niemanden der gesetzlichen Wohl-Täter interessiert. Deshalb ist Rothenberger seinen Barkeeper los. Der ging lieber in den Vorruhestand, weil er keine Dauerdienste mehr schieben kann, um dann mehrere Wochen am Stück Urlaub nehmen zu können. Sein Koch hat einen Nebenjob angenommen. Er zahl die Hypothek seines Hauses ab und würde liebend gerne 12 Stunden an 7 Tagen arbeiten. Er darf es nicht. Die linken Zombies in der Politik, denen die Behauptung, man habe anderen Gutes getan, wichtiger ist als die Realität, die sie mit ihren Entscheidungen geschaffen haben, sie haben es ihm verboten. Die Lebensplanung von Individuen muss zurückstehen, wenn linke Zombies sich als Wohl-Täter aufspielen wollen.

Die Liste der Entscheidungen, die ohne Rücksicht auf die Folgen getroffen wird, sie lässt sich unendlich fortsetzen. Mehr als 1.000.000 Flüchtlinge nach Deutschland zu lassen, ist eine Entscheidung, die man nur treffen kann, wenn man keinerlei Wert auf die Folgen dieser Entscheidung legt, wenn es egal ist, ob man den Flüchtlingen, den Opfern der Wohl-Täter einen Gefallen damit tut, sie in ihrer Mehrzahl zur Existenz eines Hartz-IV-Empfängers zu verdammen. Ob man denen, die die neuen Hartz-IV-Empfänger finanzieren müssen, durch die neuerliche Steuerlast, die sie zu schultern haben, gerecht wird, war auch keine Frage, die im Vorfeld erörtert wurde. Persönliche Eitelkeiten und eine robuste Verantwortungslosigkeit gegenüber den Folgen der eigenen Entscheidung und vielleicht die zwischenzeitlich enttäuschte Hoffnung auf den Friedensnobelpreis, sie waren wichtiger als die Realität derer, die nun keinen Fuß auf den deutschen Arbeitsmarkt bringen.

Die grüne Forderung, beim Zuzug von Flüchtlingen keine Obergrenze festzulegen, ist ein weiteres Stück linker Verantwortungslosigkeit, mit dem affektive Zombies die Realität verleugnen. Was wäre wohl, wenn aufgrund einer fehlenden Obergrenze Jahr für Jahr 1.000.000 Flüchtlinge nach Deutschland kämen und deshalb die Finanzierung grüner Stiftungen und grüner Parteimitglieder und grüner Mitarbeiter von grünen Parteimitgliedern aus öffentlichen Kassen gestrichen werden würde? Ob dieser Einfall der Realität die Zombies dazu bewegen würde, ihre Eindimensionalität zu überwinden und neben den eigenen Bewertungen auch noch Fakten zu berücksichtigen? Wir haben unsere Zweifel. Wahrscheinlicher erscheint es uns, dass diese linken Zombies mit Molotowcocktails auf Polizeibeamte losgehen, die sie daran hindern wollen, LIDL und ALDI, die Speerspitzen des Kapitalismus, zu plündern und in Brand zu stecken.

Schließlich finden sich die linken Zombies im Alltag und in schöner Regelmäßigkeit da ein, wo sie Daten wittern, die sie in ihrer Eindimensionalität nicht verarbeiten können. Die Funktionslosigkeit der kognitiven Teile der Gehirne dieser Zombies kann man dann in verschiedenen Arten und Weise durch einen aversen Stimulus darstellen.

Man schreibt etwas, was eine Aussage, die linke Zombies für gut halten, in Frage stellt.

Als Reaktion wird man entweder zum Nazi erklärt oder man wird zum Rechtsextremen gemacht oder beleidigt, besonders hilflose Exemplare unter den linken Zombies wiederholen, was gesagt wurde, vermutlich in der irren Hoffnung, dass man auch schriftlich einen anklagenden Tonfall transportieren könne und ergänzen als einzige Eigenleistung ein Emoticon, dem es überlassen bleibt, die Ablehnung des Wiederholten deutlich zu machen. Nicht zuletzt wegen dieser Hilflosigkeit sprechen wir von Zombies. Letztere zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass sie der Fähigkeit zum Denken, verlustig gegangen sind, und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie, einmal in die Spur gesetzt, nur noch in die vorgegebene Richtung laufen können. Immerhin, so muss man anerkennen, sind manche von ihnen noch dazu in der Lage, aus dem Repertoire der Emoticons, die Ablehnung ausdrücken, eines auszuwählen. Aber das macht es auch nicht wirklich besser.

Als Konsequenz des Zombiedaseins ist den Zombies alles verhasst, was eine Verbindung mit der Realität herstellt oder auf Rationalität hinweist. Ein besonders bedauernswerter Lukas hat Realitäten, die Hadmut Danisch berichtet hat, dadurch aus seiner guten Welt zu entfernen versucht, dass er die „selektive Anwendung von Logik“ als „boshaft“ bezeichnet hat. Wenn man eine Aussage als Widerspruch zu einer anderen Aussage aufzeigt, was zwangsläufig eine selektive Anwendung von Logik ist, schon weil jede Anwendung auf ein konkretes Beispiel selektiv sein muss, dann ist das für Lukas boshaft, denn Lukas lebt lieber mit Widerspruch als mit Logik.

Mehr Zombie geht nicht.
Tolstoi soll einmal gesagt haben, dass im Widerspruch zur eigenen Vernunft zu leben, der unerträglichste aller Zustände sei. Und so wie sich Marcuse nicht vorstellen konnte, dass ihm nachfolgende Linke, Eindimensionalität neu definieren und mit Freude, dieses Mal unter Ausschluss der Realität leben, so konnte sich Tolstoi wohl nicht vorstellen, dass es einmal Menschen geben würde, die den von ihm aufgezeigten unhaltbaren Zustand dadurch lösen, dass sie ihre Vernunft abschaffen.

Er kannte die linken Zombies eben nicht, die Teile Deutschlands bevölkern.

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Vögel und Schmetterlinge: Artenverlust durch Umwelt- und Naturschutz

Ein Leser hat uns auf einen Artikel hingewiesen, den Werner Kunz, Professor für Biologie an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf in der Zeitschrift “Entomologie heute” veröffentlicht hat. Es ist u.a. deshalb ein bemerkenswerter Artikel, weil hier gegen den Mainstream gedacht wird, den Mainstream, der behauptet, wenn man die Natur und die Umwelt in eine natürliche Form bringe, wenn man aufforste, wenn man Kohle-Tagebaue schließe und re-naturiere, wenn man Naturschutzgebiete ausweise, die der Natur überlassen blieben, dann diene dies nicht zu letzt dem Tier-, dem Artenschutz, dann würden sich viele Schmetterlinge, Vögel und andere Tiere wieder ansiedeln, Bestände von Arten wieder wachsen, die zur Zeit auf roten Listen geführt werden.

Das Gegenteil ist der Fall, wie Kunz argumentiert und am Beispiel von Vögeln und Schmetterlingen zeigt.

Dazu trennt er zunächst zwischen Arten, die das offene Land als Lebensraum benötigen und solchen, die in Wäldern leben. Alle in Deutschland vom Aussterben bedrohten Schmetterlings- und Vogelarten, alle Schmetterlings- und Vogelarten, die bereits ausgestorben sind, finden sich unter Ersteren, keine unter Letzteren.

Im nächsten Schritt führt Kunz, der mit dem Begriff der „Art“ nicht glücklich ist, ihn aber wegen seiner Verbreitung beibehält, eine Trennung ein: Umweltschutz ist nicht gleich Artenschutz und Naturschutz ist schon gar nicht gleich Artenschutz.

Kunz (2013: 175)

Umweltschutz, wie er z.B. in erneuerbaren Energien seinen Niederschlag findet, hat mit Artenschutz nichts zu tun, wie die vielen Vögel und Fledermäuse, die Opfer von Windrädern werden, belegen. Gleichwohl, so Kunz, sei Umweltschutz erfolgreich. Die Luft sei sauberer als noch vor 50 Jahren, die Flüsse seien sauberer als vor 50 Jahren, Ortschaften und Straßen seien viel sauberer als noch vor 50 Jahren, dennoch sei die Artenvielfalt von Vögeln und Schmetterlingen in den letzten 50 Jahren zurückgegangen. Umweltschutz wirke sich offensichtlich nicht positiv auf die Artenvielfalt aus: „Viele Watvogelarten (Limicolae) finden mehr Nahrung in organisch ungereinigten Gewässern als in geklärten Gewässern“ (Kunz 2013: 168). Die Vorstellung von Umweltschutz, die Menschen haben, entspricht somit nicht den Bedürfnissen, die viele Vögel oder Schmetterlinge an ihre Umwelt stellen: 

“Viele artenreiche Biotope aber sind weder Natur noch sind sie besonders ästhetisch. Dazu gehören Müllplätze, Rieselfelder, Abgrabungsflächen und Truppenübungsplätze, die oft besonders reich an gefährdeten Arten sind” (Kunz 2013: 169)

Noch schädlicher als der Umweltschutz wirkt sich der Naturschutz auf die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen aus. Naturschutz frönt in Deutschland immer noch der romantischen Vorstellung, nach der die Natur und vor allem der Wald das organische Gegenstück zu einer Industrialisierung und anorganischen Zivilisation des Menschen ist. Die Vorstellung, dass Wald der Inbegriff organischer Freiheit sei und das Gegenstück zu künstlichen Eingriffen des Menschen in seine Umwelt, ist das Ergebnis dieser romantischen Schwärmerei, die in der Forderung nach Aufforstung vom stillgelegten Tagebau oder vom Kieswerk gipfelt. Aufforstung führt jedoch zur Verdrängung der Schmetterlings- und Vogelarten, die offenes Land benötigen, die an Abbruchkanten oder Abgrabungsflächen siedeln. Auch die romantische Vorstellung, dass Naturschutz darin bestehe, Flächen sich selbst zu überlassen, hat erhebliche Folgen gerade für die Schmetterlings- und Vogelarten, die auf roten Listen zu finden sind. Sie benötigen in der Regel den kargen Boden und die offene Fläche. Beides wird in Naturschutzgebieten, die sich selbst überlassen bleiben, schnell von der Natur zurückerobert, mit dem Ergebnis, dass Schmetterlinge und Vögel verdrängt werden: „Ebenso sind viele Schmetterlingsarten der mitteleuropäischen Wälder auf forstliche Eingriffe angewiesen. Sie können nicht in einem dichten, dunklen Wald leben. Die meisten Tagfalter Mitteleuropas sind Lichtwaldarten, die warme, offene Lebensräume im Wald besiedeln“ (Kunz 2013: 169).

Natur- und Umweltschutz verbindet sich in unheilvoller Weise mit Stickstoff, dem Element, das über Kunstdünger auf Äcker und über Abgasrohre in die Luft abgegeben wird. Als Ergebnis hat sich im Verlauf von 50 Jahren der Stickstoffeintrag durch Regen ver25facht. Staat 1-2 kg Stickstoff pro Jahr regnen nun mehr als 40 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr auf Böden. Als Konsequenz sind karge Flächen fast vollständig verschwunden und mit ihnen die Schmetterlinge und Vögel, die auf sie angewiesen sind: „Flächen mit kargem Bewuchs sind heute selten geworden. Durch die Düngung aus der Luft wurde eine Katastrophe eingeleitet, die nach Auffassung einiger Autoren mehr Pflanzenarten verdrängt hat und damit Insekten beseitigt hat als alle Insektizide“ (Kunz 2013: 179).

Die Vorstellung, dass die Ausweisung von Naturschutzgebieten, der Schutz der Umwelt, die Klärung von Abwässern oder die Aufforstung von Tagebau und Abraumhalden auch Tieren, der Artenvielfalt von Tieren zu Gute kommt, ist somit ein Mythos, der auf die romantische Verklärung vieler Natur- und Umweltschützer zurückzuführen ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Truppenübungsplatz, der mit Bombentrichtern übersät und von Panzerspuren durchwühlt ist, ist der Artenvielfalt förderlicher als die meisten Naturschutzgebiete.

Kiunz (2013: 185)

Folglich schreibt Kunz: „Um den gegenwärtigen Artenschwund in Mitteleuropa zu verstehen, bedarf es der Einsicht, dass der Artenreichtum der Offenlandarten früherer Jahrhunderte nicht auf einem intakten Naturhaushalt beruht hat, sondern im Gegenteil auf dessen Zerstörung […] Die frühere Entwicklung der Kulturlandschaft war nicht dadurch bestimmt, dass der Mensch die Natur fördern wollte, sondern jeder Eingriff in die Landschaftsgestaltung erfolgte aus Eigeninteresse der Bewirtschafter. Trotzdem [besser: gerade deswegen] entstanden durch diese Eingriffe viele artenreiche Habitate, jedoch nicht als Ergebnis einer naturschützerischen Zielsetzung, sondern als unbeabsichtigtes Nebenprodukt wirtschaftlicher und verkehrspolitischer Zielsetzung. […] Keines dieser Habitate wurde mit dem Ziel geschaffen, den Artenreichtum in diesen Gebieten zu erhöhen. Aber alle diese artenreichen Biotope hatten eines gemeinsam: Es handelt sich um vom Menschen gemachte Habitate, nicht um Naturgebiete“ (Kunz 2013: .

Deshalb stehen am Ende des Beitrags von Kunz die folgenden Erkenntnis:

Wenn man Tieren, Schmetterlingen, Vögel, die vom Aussterben bedroht sind, helfen will, dann ist es zunächst notwendig Artenschutz von Natur- und Umweltschutz zu trennen. Da die beiden Letzteren Ersteren verunmöglichen, das Artensterben beschleunigen. Auf dieser Grundlage können dann der Natur Habitate abgerungen werden, die die bedrohten Arten zum Leben brauchen: „Aus der Perspektive des Schutzes gefährdeter Arten können die Tagebauabgrabungen im Köln-Jülicher Raum und der Kiesabbau am Niederrhein nicht als Zerstörung eingestuft werden, wie das heute noch von den Naturschutzverbänden getan wird, die dem Schutz der Umwelt und der Natur höhere Priorität einräumen, als dem Schutz der Arten“ (Kunz 2013: 189) – woran sich die Frage anschließt, für wen die entsprechenden Verbände Naturschutz betreiben wollen.

Fazit:
Natur- und Umweltschutz sind verantwortlicher für den Rückgang der Schmetterlings- und Vogelarten als der Einsatz von Insektiziden oder dergleichen. Der Eintrag von Stickstoff in die Böden tut ein übriges, und die Unfähigkeit von Naturschützern einzusehen, dass für manche Arten von Schmetterlinge und Vögeln genau die Art von „Natur“ überlebenswichtig ist, die sie als künstlich und unerträglich ansehen, hat zu einer Vernichtung von Lebensraum geführt, und Schmetterlings- und Vogelarten auf rote Listen befördert.

Einmal mehr zeigt sich, dass Gutmenschen eine Spur der Zerstörung hinter sich herziehen und die beste Absicht nichts nutzt, wenn es am notwendigen Wissen und an der notwendigen Einsicht fehlt.

Kunz, Werner (2013). Artenförderung durch technische Gestaltung der Habitate – Neue Wege für den Artenschutz. Entomologie heute 25: 161-192.

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