
Die erheblichen Unterschiede im Leistungsniveau der bundesländlichen Bildungsinstitutionen führen zu einer Vierteilung der deutschen Bildungslandschaft: Spitzenreiter sind Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen, das Verfolgerfeld besteht aus Thüringen und Rheinland-Pfalz, Hessen, das Saarland, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen bilden ein Mittelfeld, das den Anschluss an die Schlusslichter, Brandenburg, Bremen, Berlin und Hamburg hält (Kraus, 2012, S.31-32). Folge dieses Süd-Nord-Gefälles der Schulleistungen ist, dass Schüler in den südlichen Bundesländern mehr Leistung erbringen müssen, um einen Abschluss zu erreichen, den Schüler in nördlichen Bundesländern mit deutlich weniger Anstrengung erreichen können. Folge dieses Süd-Nord-Gefälles ist überdies, dass in nördlichen Bundesländern anteilig mehr Schüler mit einer billiger zu erreichenden Hochschulreife ausgestattet werden, als in südlichen Bundesländern. Angesichts der Bedeutung, die Bildungszertifikaten zukommt, ist es erstaunlich, dass Deutschland sich diese Form der föderalen Herstellung sozialer Ungleichheit leistet.
- Der Differenzierungsgrad des Schulsystems im Bundesland (u.a. ob ein dreigliedriges Schulsystem vorhanden ist oder die politische Stimmung eher Gesamtschulen favorisiert);
- Die Anzahl der Unterrichtsstunden;
- Der Anteil privater Schulen;
- Der Anteil der Schüler, die sich an einer Ganztagsschule befinden;
- Die politische Couleur der Landesregierung;
Für all die beschriebenen Variablen und noch einige mehr untersucht Kraus im Wesentlichen, ob sie sich in eine Rangfolge bringen lassen, die der Rangfolge der Pisa-Ergebnisse entspricht, d.h. die Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen jeweils oben erscheinen lässt. Interessanter Weise bewertet Kraus seine so erhaltenen Ergebnisse als „Korrelationen“, obwohl er keinerlei Anstrengung unternimmt, Korrelationen zwischen den beiden Variablen, die ihn interessieren, herzustellen. Auf diese eher hausbackende Art der statistischen Analyse kommt Kraus zu dem Ergebnis, dass Bundesländer besser abschneiden, die mehr Unterrichtsstunden anbieten, von der CDU (CSU) regiert werden/wurden und die ein dreigliedriges Schulsystem aufweisen. Ganztagsschulen wirken sich nach den Ergebnissen von Kraus ebensowenig auf die schulische Leistung von Schülern aus, wie der Anteil von Privatschulen.
Wie gesagt, die „Berechnungsmethode“ von Kraus ist etwas altertümlich, weshalb ich die Korrelationen für einige der Variablen, die Kraus benutzt, auf der Grundlage seiner Daten ausgerechnet habe. Dabei zeigt sich, dass die Anzahl der Unterrichtsstunden sehr hoch (r = .787) mit einem guten Abschneiden des entsprechenden Bundeslandes im Pisa-Test korreliert, der Anteil von Schülern an integrierten Gesamtschulen sich (r = -.755) negativ auf das Abschneiden des Bundeslandes im Pisa-Test auswirkt, Ganztagsschulen in der Tat keinen positiven oder negativen Effekt auf das Abschneiden ausüben (r = .155),von privaten Schulen jedoch, entgegen der Annahme und Mutmaßung von Kraus durchaus ein positiver Effekt auf das Abschneiden im Pisa-Test ausgeht (r = .618). Für Kraus steht, nachdem er Teile dessen produziert habe, was ich als Ergebnisse meiner Korrelationsanalyse erhalten habe, fest, wo die Ursachen für das schlechte Abschneiden der nördlichen Bundesländer und vor allem der Stadtstaaten zu suchen sind: zu wenig Unterricht, Gesamtschule und SPD-geführt (Kraus, 2012, S.10-11).
Unterrichtsstunden, die mit der Einübung gendergerechter Sprachstörungen vergeudet werden, haben ebenso wenig einen positiven Einfluss auch die Rechenleistung von Schülern wie dies für den Aktionstag gegen „Rechts“ bzw. den Informationstag zu sexuellem Missbrauch der Fall ist. Kurz: Es ist plausibel anzunehmen, dass die Inhalte, die in den Schulstunden vermittelt werden, einen Effekt auf die Leistung der Schüler haben. Und wenn Josef Kraus nicht der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes wäre, dann wäre ihm vielleicht auch eingefallen, dass nicht nur die Inhalte, die in Schulen vermittelt werden, einen Effekt auf die Leistung von Schülern haben können, sondern auch die Art in der sie vermittelt werden und die Kompetenz und Motivation, mit der sie vermittelt werden. Dies führt unweigerlich zur black box der deutschen Schulforschung, zum größten Tabu der deutschen Schulforschung überhaupt, zu den Lehrern und ihrer Lehrkompetenz und Lehrmotivation.
Hat man sich nunmehr zu der Hypothese vorgewagt, dass die oben gefundenen Randbedingungen, einen Rahmen stecken, innerhalb dessen Lehrer agieren, dann stellen sich so interessante Frage wie: Warum können manche Lehrer in weniger Unterrichtsstunden mehr vermitteln als andere in vielen Unterrichtsstunden? Warum führt die Bezeichnung eines Gebäudes als Gesamtschule dazu, dass die schulische Leistung von Schülern sinkt? Welche Rolle spielen Lehrer, ihre Kompetenzen und Motivation dabei, dass Gebäude, die als Gesamtschule bezeichnet werden, die Leistungsstärke von Schülern senken? Und welchen Effekt hat der Missbrauch des schulischen Curriculums zur Vermittlung ideologischer und politisch-korrekter Inhalte auf die Leistung von Schülern? Und wenn wir schon dabei sind, welchen Effekt haben politisch überladene und umgestaltete Curricula auf die Motivation von Lehrern und die Chance, kompetente und motivierte Lehrer überhaupt für den Schuldienst zu gewinnen?
All dies sind Fragen, die sich auch ein Präsident des Deutschen Lehrerverbandes stellen darf, aber vielleicht arbeitet Josef Kraus ja bereits an einer Expertise für die Konrad-Adenauer-Stifung, in der er die gestellten Fragen und noch viele mehr beantwortet.
Kraus, Josef (2012). Das Schulleistungsgefälle in Deutschland – Fakten, Diagnosen, Hintergründe.
