Wie oft waren Sie in den vergangenen vier Wochen ärgerlich?
- Sehr selten?
- Selten?
- Manchmal?
- Oft?
- Sehr oft?
Katja Rackow, Jürgen Schupp und Christian von Scheve von der Freien Universität Berlin und vom DIW-Berlin gehören zu den wenigen Sozialforschern, die behaupten und vielleicht auch von sich denken, sie könnten mit Fragen, wie der oben gestellten, etwas anfangen, die denken, sie könnten Erkenntnisse über ärgerliche Menschen gewinnen, Erkenntnisse wie die folgenden:
- Die Häufigkeit von Ärger sinkt mit steigendem Einkommen.
- In mittleren und höheren Schichten der Sozialstruktur ist man ärgerlicher als in der Unterschicht.
- „In mittleren und hohen Bildungsschichten zeigt sich eine deutlich höhere Frequenz des Erlebens von Ärger als in bildungsfernen Schichten“ (405-406) (Ja, da sind sie wieder, meine besonderen Freunde, die bildungsfernen Schichten!).
- Und das Schmankerl: „Unter der erwerbstätigen Bevölkerung empfinden vor allem die höheren beruflichen Statusgruppen vergleichsweise häufig Ärger. Dass insbesondere Angehörige der oberen Dienstklasse sowie Selbständige mit Mitarbeitern häufiger Ärger verspüren, deutet darauf hin, dass die Arbeitsbedingungen etwa von leitenden Angestellten, Managern oder Akademikern mit Leitungsfunktionen trotz hohem Prestige, Autonomie und Verantwortung offenbar auch dem Erleben von Ärger Vorschub leisten“ (406) (Astreine Tautologie – fast ein Aspirant für die Kategorie „Unsinn der Woche“).
Aber ich kann zumindest damit aufwarten, dass ich sage, was die Autoren denken, gemessen zu haben: „Ärger wird als … Reaktion auf unerwünschte Ereignisse verstanden, verweist … auf die Blockierung eigener Ziele und Wünsche … und geht in der Regel mit Feindseligkeit und einem Handlungsimpuls zur Beseitigung des Ärgerobjekts einher“ (394). Dies ist ein sehr psychologisches Verständnis von Ärger, das man Befragten, die man fragt, wie oft sie in den letzten vier Wochen ärgerlich gewesen sind, vielleicht besser mitgeteilt hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der Befragten, die Frage danach, wie oft sie in den letzten vier Wochen ärgerlich gewesen sind, auf Basis ihres Alltagsverständnisses beantwortet hat und nicht auf Basis dieser ausgesprochen künstlichen Bestimmung von „ärgerlich“. Die häufige Ärgerlichkeit kann sich entsprechend auf die Mängel in der Gebrauchsanweisung einer Kaffeemaschine beziehen, auf die als ärgerlich empfundene Regelmäßigkeit, mit der einem die EU-Kommissarin für u.a. Justiz mit ihrem Pet-Projekt „Frauenquote“ in den Ohren liegt oder darauf, dass die Post ein Paket ins Off geliefert hat, jedenfalls nicht dahin, wo es hin geliefert werden sollte. All diese alltäglichen Ärgernisse haben Befragte im Hinterkopf, wenn sie die Frage beantworten, die von unseren Berliner Soziologen so gänzlich anders interpretiert wird. Für die drei Autoren ist Ärger nämlich eine negative Emotion, die es zu vermeiden gilt: Der distinguierte Mensch Berliner Prägung ist nicht ärgerlich, er erduldet treu und brav alle Verletzungen seiner Prinzipien und Standards, was – wie böse Zungen behaupten – einfach nur der Ausdruck seiner eigenen Feigheit ist – aber das sei hier nur in den Raum gestellt.
Nun, um diese Frage zu beantworten, muss man wohl wild assoziieren wie Rackow, Schupp und von Scheve das tun. Denn da gibt es eine Reihe von Studien, die Einkommen und Zufriedenheit mit Gesundheit oder Leben oder was auch immer, korrelieren, warum, das wissen die Autoren dieser Studien so wenig wie die Autoren der vorliegenden Studie wissen, warum sie Sozialstruktur, Einkommen und Ärger miteinander in Verbindung bringen, aber wenn man diese Studien, von denen wir alle nicht wissen, was sie besagen, was der Zusammenhang, den sie berichten, nun bedeutet, miteinander kombiniert, dann sieht man, dass die Bezieher geringer Einkommen unzufriedener sind als die Bezieher hoher Einkommen und dass die Bezieher hoher Einkommen weniger ärgerlich sind als die Bezieher geringer Einkommen. Wir wissen zwar nicht, warum das so ist, aber wenn man Ergebnisse, von denen wir nicht wissen, was sie bedeuten, miteinander kombiniert, dann ist das doch auch etwas – oder?
Wie ich gerade von links und ägerlicher Weise, da ich mit dem post fertig war, zu hören bekomme, ist die Zeitschrift (für Soziologie), die diesen groben Unsinn gedruckt hat, sind die Gutachter (anonym versteht sich), die diesen groben Unsinn als druckwürdig eingestuft haben, zu gut weg gekommen. Dieser ärgerlichen Kritik an einem, wie ich finde, gelungenen post, habe ich hiermit den Boden entzogen. Zudem hat mich die Kritik veranlasst, noch einmal den Text zur Hand zu nehmen und, ich weiß nicht, wie mir das entgehen konnte (ärgerlich ist das): Der Text stammt aus dem „Exzellenzcluster „Languages and Emotion““ an der Freien Universität Berlin. Noch ein Grund, ärgerlich zu sein, und ich hätte ihn fast übersehen: grober Unsinn aus dem Exzellenzcluster – aber stimmt, es hat ja niemand gesagt, wofür das Cluster exzellent ist.
Rackow, Katja, Schupp, Jürgen & von Scheve, Christian (2012). Angst und Ärger: Zur Relevanz emotionaler Dimensionen sozialer Ungleichheit. Zeitschrift für Soziologie 41(5): 392-409.
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Paneer & Pulao
