Spielverderber von Beruf: Was den Soziologen nach Pierre Bourdieu ausmacht

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Der Name des im Jahr 2002 im Alter von 71 Jahren verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu dürfte vielen von unseren Lesern schon einmal begegnet sein. In Deutschland bekannt geworden ist er vor allem durch sein Buch „La Distinction“ aus dem Jahr 1979, das als „Die feinen Unterschiede“ ins Deutsche übersetzt wurde. In diesem Buch arbeitet Bourdieu mit seinem eigenen Begriff von „Kapital“ bzw. verschiedenen Kapitalarten (besonders mit „sozialem Kapital“ und „kulturellem Kapital“), um zu beschreiben, wie sich Weltanschauung und Lebensstile sozialer Klassen voneinander unterscheiden und wie diesbezügliche Klassenunterschiede von Generation zu Generation weiter“vererbt“ werden.

Das Buch fand (nicht nur) in Deutschland großen Anklang, schien es doch zu „erklären“, wenn nicht in gewisser Weise zu rechtfertigen, wie oder warum sich soziale Ungleichheit über Generationen hinweg reproduziert. Weltanschaulich eher „Rechte“ konnten darin erkennen, dass Ungleichheit ein Ergebnis des Verhaltens der Menschen selbst und deshalb vielleicht weitgehend hinzunehmen sei, und weltanschaulich eher „Linke“ hatten die Wahl, entweder den reproduktiven Charakter der Ungleichheit zu beklagen oder durch die Forderung staatlicher Intervention abbauen zu wollen oder sich in ihrem Elitismus bestätigt zu sehen, einem Elitismus, wie er noch Jahrzehnte später von der politischen Linken gepflegt wird und zum Ausdruck kommt, wenn z.B. Hillary Clinton im Jahr 2016 im Präsidentschaftswahlkampf meint, (wenigstens) die Hälfte der Trump-Anhänger gehöre in einen „basket of deplorables“, d.h. etwa „einen Korb voller Erbärmlicher/Elendiger“, oder wenn Menschen mit allerhand abwertenden Substantiven oder Adjektiven belegt werden, weil sie nicht politisch-ideologischen Vorgaben der politischen Linken folgen wollen und sie z.B. mehrheitlich für einen Brexit stimmen oder meinen, es gäbe keinen nennenswerten menschgemachten Klimawandel (sie sind „Klimaleugner“) oder meinen, die Maßnahmen im Zuge der Bekämpfung von Covid-19 seien überzogen (sie sind „Covidioten“, wenn nicht Schlimmeres ….).

Bourdieu hat sowohl vor der Veröffentlichung von „La Distinction“ als auch (und besonders) danach eine ganze Reihe anderer Schriften verfasst und veröffentlicht, aber das Interesse an seinen weiteren Schriften ist in Deutschland (mit wenigen Ausnahmen und je nach Inhalt bzw. Bezug bei verschiedenen Gruppen von Lesern) auffällig geringer. Ich vermute, dass das (s/)einen Grund darin hat, dass, um so deutlicher wird, dass er sich der Instrumentalisierung für jeweilige fachliche, politische oder ideologische Zwecke regelmäßig entzieht, je mehr Schriften von Bourdieu man liest oder je mehr seiner Interviews man gehört hat.

So enttarnt er „Eliten“ regelmäßig als „Kaiser ohne Kleider“, vergleicht den „amusnaw“, den weisen Mann der Kabylen, einer Gruppe von Berbern im Norden Algeriens, mit Juristen (besonders in gesetzgebender Funktion, wie z.B. beim Bundesverfassungsgericht in Deutschland) in modernen westlichen Gesellschaften – und bescheinigt beiden gleichermaßen eine „pious hypocrisy“ („fromme Heuchelei“). Er argumentiert dafür, dass Kommissionen dazu da sind, eine öffentliche Meinung sozusagen in Konkurrenz zu der tatsächlich in der Öffentlichkeit bestehenden Meinung zu schaffen. Er beschreibt rhetorische Tricks, die „officials“, also Regierungsvertreter und andere, die im gesellschaftlichen Leben öffentlich wirksame Positionen inne haben, anwenden, um die Verletzung von Normen als geradezu erforderlich darzustellen, um (angeblich oder tatsächlich) just dieselben Normen zu erhalten oder zu verteidigen. Und dies alles tut er auf nur 21 Seiten im Rahmen einer (inzwischen übersetzten und abgedruckten) Vorlesung, die er am 1. Februar 1990 am Collège de France gehalten hat (Bourdieu 2020: 44-65). Man kann sich vorstellen, was das für Bourdieus Gesamtwerk bedeutet.

Gleichzeitig macht sich Bourdieu bei der eigenen Profession unbeliebt: Nicht nur, dass er im Interview feststellt: „Ich möchte dazu nur sagen, dass es viele gibt, die sich Soziologen nennen und sich auch für solche halten, bei denen ich Mühe habe, sie als solche anzuerkennen“ (Bourdieu 1993: 19). Er trägt den durchschnittlichen Soziologen mit seinen häufigen (und in „Entwurf einer Theorie der Praxis“ durchgängigen) Bezügen zur ethnologischen Theorie und Forschung in für Ersteren normalerweise unbekannte Gewässer. Gleichzeitig meint er, dass das „[w]as man Theorie nennt, […] meist Lehrbuchgerede [ist]“ (Bourdieu 1993: 49). Er wendet sich gegen eine ökonomisch orientierte Soziologie, die menschliches Verhalten mit Interessen und Nutzen erklären wolle (Bourdieu 1993: 33), meint aber auch, dass „… die Soziologie auf das Axiom des Interesses, verstanden als jene spezifische Investition in die Interessen[!]objekte … nicht verzichten [kann]“ (Bourdieu 1993: 113; Hervorhebung im Original). Ebenso wendet er sich gegen eine sozialaktivistische Soziologie, die meint, sie müsste statt über die soziale Welt, wie sie ist, über die soziale Welt, wie sie sein soll, sprechen (Bourdieu 1993: 39), oder eine „Personifizierung von Kollektiven“ (Bourdieu 1979: 163) vornehmen.

Kurz: Bourdieu ist sozusagen ein unsicherer Kantonist. Immer dann, wenn man meint, diese oder jene Stelle in seinem Werk könnte ihn als in dieses oder jenes – theoretische, weltanschauliche, politische – „Lager“ gehörig identifizieren, stößt man früher oder später auf eine andere Stelle, die diese Identifizierung fragwürdig, wenn nicht unmöglich, macht.

Obwohl es m.E. durchaus den ein oder anderen Widerspruch in den Arbeiten Bourdieus gibt – und welcher Zeitgenosse kann von sich behaupten, nicht nur ein über mehrere Jahrzehnte verfasstes so umfangreiches Werk wie Bourdieu vorzuweisen zu haben, sondern dabei auch vollkommen konsistent und stringent geblieben zu sein?! – ist die Tatsache, dass Bourdieu sich jeder Verortung in ein „Lager“ entzieht, vor allem dem geschuldet, was er unter Soziologie versteht, denn Bourdieu ist, wenn man so sagen will, Spielverderber von Beruf. Für Bourdieu ist es nämlich Aufgabe des Soziologen,

„… to see facts that are normally not seen“ (Bourdieu 2020: 56),

d.h. Fakten zu erkennen, die normalerweise nicht erkannt oder betrachtet werden.

Es ist nicht einfach so, dass sie übersehen werden, weil sie im täglichen Leben der meisten Menschen nicht wichtig sind. Vielmehr ist die Tatsache, dass sie normalerweise nicht erkannt oder betrachtet werden, Teil des sozialen Gefüges selbst. Oder anders ausgedrückt: Das soziale Leben ist einer Theateraufführung vergleichbar – hier schließt Bourdieu direkt an Erving Goffman an (s. Bourdieu 2020: 50) –, bei der jeder in der Öffentlichkeit gemäß der Erwartungen agiert, die andere an jemanden anderen – und normalerweise: an jemand anderen wie ihn, also an ihn gemäß seiner sozialen Rolle z.B. als Priester, als Politiker etc. – der in der Öffentlichkeit (und eben nicht allein zuhause) agiert, haben:

„One very important dimension of theatricalization is the theatricalization of interest in the general interest; … [e.g.] theatricalization of the priest’s belief, the politician’s conviction, his faith in what he is doing” (Bourdieu 2020: 64).

(Deshalb sind Insitutionen wie z.B. die christliche Kirche oder politische Ämter, als Insitutionen beschädigt und irgendwann gänzlich zerstört, wenn die Verfolgung privater oder positiions-/amtsfremder Interessen in der Darstellung des Positions- oder Amtsinhalbers bzw. Rollenspielers allzu sichtbar werden.)

Der Soziologe ist als Soziologe Teil dieser Aufführung; er ist vielleicht Hochschullehrer, Theoretiker, Forscher, Sachverständiger, Aktivist u.v.m. und wird als solcher jeweils an den Erwartungen seiner Studenten, Auftraggeber, Kollegen, der Öffentlichkeit, Mitaktivisten etc. gemessen. Gleichzeitig ist es aber nach Bourdieu seine Aufgabe, die Strukturen und Regeln zu betrachten, die den Rollen, die jeder im Theater der Gesellschaft spielt, zugrundeliegen, und zu betrachten, wie diese Rollen aufeinander bezogen sind. Er muss also sozusagen gleichzeitig ein Darsteller auf der Bühne der Gesellschaft und ein Zuschauer in den Rängen sein, der seine eigene Darstellung und die aller anderen Schauspieler, die am Gesellschafts-Spiel teilnehmen, beobachtet:

„The sociologist finds himself in a difficult position in this game. What is he doing? Is he not himself in an official position? Is he not speaking officially about the official? Is he not exposed to tacitly accepting the implications of the official? He places himself somewhat outside the frame; he is not … someone explicitly mandated by bureaucratic society. He is self-mandated by his specific competence, known and acknowledged, in saying things that are hard to think. The sociologist does something that is both disappointing and disturbing. Instead of doing his work with the official, he states what is involved in doing the official work – he is ‘meta-meta’ … the sociologist is always a step beyond. This means that he is very irritating … he doesn’t act the wise man, he says what those who do act the wise man are doing” (Bourdieu 2020: 54).

Soziologie zu betreiben, bedeutet also nicht, „sich selbst zu reflektieren“ im Sinn einer Nabelschau, bei der man überlegt, wie das eigene Geschlecht oder die eigene soziale Herkunft irgendein anderes der eigenen Merkmale beeinflusst oder nicht beeinflusst, wie das in gewissen Kreisen modern ist, die meinen, der Soziologie nahezustehen. Vielmehr bedeutet es etwas viel Grundsätzlicheres, nämlich dass man sich darüber im Klaren ist und bereit ist, in Kauf zu nehmen, dass man als Soziologe nirgendwo gänzlich dazugehören kann [im Sinn praktischer Unmöglichkeit, nicht im normativen Sinn] , denn wo und wann immer der Soziologe „dazugehört“, tut er es nicht in derselben Weise wie ein Nicht-Soziologe: Der Soziologe kann nicht anders, als die Regeln hinter der Darstellung jedes „Dazugehörens“ zu betrachten und zu betrachten, wie diese Regeln benutzt werden, um ein jeweiliges „Dazugehören“ zu inszenieren:

„If you remember what I was saying about the sociologist, who is meta-meta, stating the rule of the game that consists in observing the forms, you will understand why he is often perceived as a spoiler” (Bourdieu 2020: 58; Hervorhebung im Original).

Der Soziologe verdirbt sozusagen das Spiel, weil er, statt einfach zu spielen, immer hinzufügen muss, welcher Regel die Spieler bei jedem Spielzug folgen – und das schließt Regeln ein, deren Wirkung davon abhängt, dass sie unbeachtet bleiben oder als etwas anderes erscheinen als sie sind. Daher ist der Soziologe notwendigerweise suspekt bzw. ein Außenseiter.

Das ist kein Mangel, sondern – im Gegenteil – seine spezielle Qualifikation als Soziologe:

„Sociology is difficult because you have to have the eye. It is very hard to teach this”
(Bourdieu 2020: 56), und deshalb hält Bourdieu an anderer Stelle fest:

„Wenn man als Soziologe überhaupt etwas zu geben hat, dann sicher eher Rüstzeug als Lektionen“ (Bourdieu 1993: 91).

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Vielleicht erklärt dies zumindest zum Teil, warum Bourdieu (und ich mit ihm) Schwierigkeiten hat, viele, die sich Soziologen nennen und sich auch für solche halten, als solche anzuerkennen:

Kann jemand, der sich an der Beschimpfung von Menschen mit von geneigter Seite als „falsch“ deklarierten Meinung beteiligt oder der versucht, Menschen zu bestimmten, offiziell für „richtig“ erachteten Verhaltensweisen, zu bringen, neudeutsch: zu nudgen, ernsthaft ein Soziologe sein? Kann jemand, der die Kategorisierung von „rechtsextrem motivierten“ Straftaten und „linksextrem motivierten“ Straftaten einfach hinnimmt, ohne zu betrachten, wie was warum – und höchst ungleich – kategorisiert wird, ernsthaft ein Soziologe sein? Kann ein Soziologe „Rassismus“ oder „Sexismus“ beklagen, ohne darauf einzugehen, wer wie von der Inszenierung des so Bezeichneten profitiert?

Sicher nicht. Man hört auf, Soziologe zu sein, wenn man um einer persönlichen Neigung willen auf die Offenlegung der „Spielregeln“ auf einem bestimmten Gebiet verzichtet. Und man hat nie begonnen, Soziologe zu sein, wenn man auf die Offenlegung der „Spielregeln“ prinzipiell verzichtet. Deshalb sind Soziologen selten, Soziologen wie Pierre Bourdieu, der im Stande ist, Dinge zu sagen, die andere nicht einmal zu denken wagen oder nicht denken wollen.

Um dies zu illustrieren, wird in einem Folgetext dargestellt werden, was Bourdieu zur Inszenierung der „öffentlichen Meinung“ und zur Rolle der Umfrageforschung dabei zu sagen hat, was m.E. ein hochaktuelles Thema ist.


Literatur:

Bourdieu, Pierre, 2020: On the State: Lectures at the Collège de France, 1989-1992. (Translated by David Fernbach.) Cambridge: Polity Press.

Bourdieu, Pierre, 1993: Soziologische Fragen. (Aus dem Französischen von Hella Beister und Bernd Schwibs.) Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre, 1987: Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. (Übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer.) Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre, 1979: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. (Übersetzt von Cordula Pialoux und Bernd Schwibs.) Frankfurt/M.: Suhrkamp.


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