Bildungsferne, Bildungsnahe und Bildungseingebildete

Seit Jahren geistert der Begriff “bildungsfern” durch die Lande und Teile der Bildungsforschung. Bildungsferne, so besagt der Begriff, das sind Menschen, die der Bildung fern geblieben sind, und wenn Menschen der Bildung fern geblieben sind, dann sind sie ihr nicht nur fern, dann sind sie ohne Bildung geblieben, ungebildet, dumm, Idioten halt, kurz: Der Begriff “bildungsfern” ist die Standardvariante, mit der Personen, die sich für Bildungsforscher halten, Politiker oder andere Überhebliche, Dritte beleidigen wollen, sie als geistig minderwertig hinstellen wollen.

So heißt es in Wikipedia, die wir immer wieder gerne zitieren, wenn wir Beispiele für Halbwissen suchen:

BpB bildungsfern1“Bildungsferne in diesem Sinne bedeutet, dass die betreffende Person über keinen oder nur einen niederen Schulabschluss verfügt und folglich auch keine Kenntnis des Lehrstoffs besitzt, der an Hochschulen unterrichtet wird, in der Konsequenz also weder in der Lage ist, ihren Kindern das für das „höhere“ Bildungssystem nötige Wissen zu vermitteln, noch die dort herrschenden Möglichkeiten und Praktiken.”

Man fragt sich, wozu es überhaupt einer Schule oder einer Hochschule bedarf, wenn nicht-bildungsferne, also bildungsnahe Personen, schon den Lehrstoff kennen, der an Hochschulen unterrichtet wird und ihren Kindern das “nötige Wissen” vermitteln können?

Ist man bildungsfern, wenn man keinen Hochschulabschluss besitzt?“, so fragte schon im Jahre 2008 ein Blogger im Leserblog der Zeit. Nun, dem Blogger kann geantwortet werden, denn seit heute ist ganz klar, wer bildungsfern ist, DIW-klar:

“Für Kinder aus bildungsferneren Familien – das sind Familien, in denen weder Vater noch Mutter Abitur haben – verringert eine Trennung der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Gymnasium besuchen, um fast 15 Prozentpunkte.”

Also Ihr alle, die ihr einen Realschulabschluss, eine Meisterprüfung nach Hauptschulabschluss oder eine nur minderwertige Fachhochschulreife habt: Ihr seid bildungsfern! Ihr könnt Euren Kindern keine Bildung vermitteln, und wenn Ihr Euch scheiden lasst, dann könnt Ihr Euren Kindern noch weniger Bildung vermitteln als Ihr es sowieso schon nicht könnt.

Das ist jetzt wissenschaftlich, sozialwissenschaftlich, mit SOEP-Daten und somit “repräsentativ” belegt, wenn nicht bewiesen. So wie bewiesen ist, dass im DIW die Gralshüter einer in monolithischer Struktur vorhandenen Wahrheit sitzen, die doch tatsächlich der Meinung sind, ein formaler Bildungsabschluss gebe Auskunft über ausgerechnet Bildung.

Haben die Herrschaften, die alle ein Abitur und einen Hochschulabschluss erreicht haben, die sich deshalb einbilden dürfen, sie seien bildungsnah, keinen Spiegel zuhause, wollen sie nicht von der heimischen Couch aus Millionär werden und scheitern regelmäßig an den wenigen naturwissenschaftlichen Fragen?

BpB bildungsfern2In jedem Fall haben sie keinerlei Konzept von Bildung als dynamischem und damit veränderlichem Konzept und das im angeblichen Zeitalter des lebenslangen Lernens (der anderen offensichtlich). Vielmehr haften Sie dem Irrglauben, der von entsprechender Bildung unberührten Mythologie an, ein Bildungsabschluss, einmal erworben, sei für alle Ewigkeit ein Ausweis von Bildung. Bildung ende mit dem Abitur. Wer ein Abitur erreicht, der ist gebildet, der Bildung nahe, wer nicht, ist dumm, der Bildung fern.

Kann man so wenig über Bildung wissen? So wenig darüber, dass man täglich Neues erfährt, täglich dazu lernt, täglich Informationen verarbeitet und seine Überzeugungen modifiziert.

Man kann.

Dann nämlich, wenn man sich einbildet, gebildet zu sein, sich einbildet, weil man ein Abitur zertifiziert hat, sei man nicht bildungsfern, sondern wissend, kenntnisreich und deshalb brauche man nicht mehr zu lernen, nicht mehr Neues zu verarbeiten und vor allem keine Überzeugungen zu modifizieren, denn man weiß ja schon alles, man ist bildungsnah – jedenfalls bildet man sich ein, bildungsnah zu sein, man ist eben bildungseingebildet.

Wie steigert man Junk Science? Eine Frage an das DIW

Junk Science ist ein Begriff, der sich über die letzten Jahre vor allem in der englischsprachigen Blogosphere verbreitet hat. Konstituierend für die Kategorie “Junk Science” sind einige wegbereitende Arbeiten, wie z.B. Alain Sokal und Jean Bricmonts “Eleganter Unsinn”, in dem sie zeigen, wie postmoderne, vermeintliche Denker wie Jacques Lacan, Julia Kristeva, Bruno Latour oder Jean Baudrillard Wissenschaft missbrauchen oder mehr pointiert dargestellt, sich in ihrer aufgeblasenen Sprachwelt wissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen, die sie nicht einmal entfernt verstanden haben. Auch die Hexenmeister der Sozialwissenschaften, die Stanislav Andreski entzaubert hat, sind ein Meilenstein in der Verteidigung der Wissenschaft gegen ihren Missbrauch.

SokalJunk Science gibt es in vielen Variationen. Junk Science gibt es als prätentiös daherkommendes Unterfangen, bei dem wortreich in hermeneutischer Selbstbezüglichkeit, das Nichts beschrieben wird. Junk Science kommt, wie z.B. im Genderismus als Überraschungsfund daher, z.B. dann, wenn die Intersektionalität entdeckt wird und damit ein Konzept, das sich als Selbstverstänlichkeit über die Jahrtausende geschleppt hat, nur um dann von Genderisten entdeckt zu werden. Schließlich kommt Junk Science als Datenhuberei daher, die Korrelationen als Kausalitäten verkauft, Ergebnisse interpretiert, die auf 3% der Fälle im Datensatz zu- und auf 97% nicht zutreffen oder weitschweifende Forderungen auf Grundlage von dünnen bzw. oftmals falschen Berechnungen ableitet.

Das alles ist Junk Science.

Und dann gibt es noch den Beitrag von Carsten Schröder, C. Katharina Spieß und Johanna Storck, der gerade im Wochenbericht des DIW veröffentlicht wurde.

Dieser Beitrag schafft sich eine ganz eigene Kategorie, z.B. im Hinblick auf seine wichtigste Erkenntnis, die man wie folgt in Prosa fassen kann:

Wenn Klaus 10 Euro zur Verfügung hat und Peter 12 Euro und beide geben 2 Euro für ein Eis aus, wessen Ressourcen sind dann stärker belastet? Die von Klaus oder die von Peter? Die richtige Lösung dieser Mathematikaufgabe aus der dritten Klasse (?) haben Carsten Schröder, C. Katharina Spieß und Johanna Storck in mühseliger Kleinarbeit und auf Basis der Daten des SOEP nun gefunden: Es ist Klaus!

MathematikBevor wir nach Umverteilung der finanziellen Ressourcen von Peter zu Klaus rufen, muss angemerkt werden, dass Schröder, Spieß und Storck ihre Erkenntnis natürlich anders verpackt haben, schließlich sind sie ernsthafte Mitarbeiter des DIW. Deshalb haben sie die Ausgaben für Bildung und nicht die Ausgaben für Eis untersucht und dabei herausgefunden, dass Klaus, wenn er zwei Euro für Bildung ausgibt, relativ zu seinen 10 Euro finanzieller Ressourcen mehr ausgibt als Peter.

Neben dieser bahnbrechenden Erkenntnis, die dennoch vermutlich keinen Einfluss auf die Abfassung von Textaufgaben in Mathematikbüchern für die dritte Klasse haben wird, tuen sich die drei vom DIW durch eine neue Definition von Bildung hervor, eine “weite Auslegung des Bildungsbegriffes” wie sie sagen. Entsprechend beginnt die formale Bildung nicht etwa mit der Einschulung, nein, sie beginnt mit dem Besuch einer Kindertagesstätte und natürlich ist auch die Kindertagespflege Bestandteil der formalen Bildung.

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Wo es eine formale Bildung gibt, muss es auch eine nicht-formale Bildung geben. Die Nutzung von Sport- und Freizeitangeboten ist für Schröder, Spieß und Storck nicht formale Bildung, so dass man zu dem Schluss kommen muss, dass abgesehen von Schlaf, vermutlich von Frühstück, Mittag- und Abendessen (worüber allerdings zu diskutieren wäre) und vom Gang zur Toilette alle Aktivitäten, denen Kinder ab dem zweiten Lebensjahr ausgesetzt werden, als formale oder nicht-formale Bildung anzusehen sind. Dieses allumfassende Konzept von Bildung hat zur Konsequenz, dass nahezu alle Bereiche der kindlichen Erziehung der staatliche Förderung und Unterstützung zugänglich gemacht werden können.

Nun haben Schröder, Spieß und Storck auch Ergebnisse zu vermelden: 93 Euro gibt die durchschnittliche Familie in Deutschland pro Monat für Bildung aus und somit deutlich weniger als für Schuhe und Kleidung. Das macht 3.5% des monatlichen Einkommens, bei den Familien, die überhaupt etwas für die Bildung ihrer Kinder ausgeben, was rund 25% der Kinderbesitzer im Datensatz von Schröder, Spieß und Storck gar nicht tun, weil sie von den entsprechenden Kosten freigestellt sind, weil ihnen, um im Beispiel zu bleiben, der Eismann das Eis schenkt.

Wenn 25%, vermutlich die einkommensschwächsten Kinderbesitzer gar keine Ausgaben für Bildung haben, dann fragt man sich spätestens an dieser Stelle nach dem Sinn der Ergebnisse, die Schröder, Spieß und Storck unter der Überschrift “Private Bildungsausgaben für Kinder: Einkommensschwache Familien sind stärker belastet” verkünden. Einmal davon abgesehen, dass der Komparativ ohne Vergleichsgruppe bleibt, fragt man sich schon, wie einkommensschwache Familien, die für die entsprechenden Angebote, wie Schröder, Spieß und Storck ausdrücklich feststellen, nicht zahlen müssen, die also keine Bildungsausgaben haben, dennoch stärker belastet sein können als nicht einkommensschwache Familien.

DIW private BildungsausgabenAber: zuviel Nachdenken schadet der Unbekümmertheit und steht auch im Widerspruch zu ideologischen Absichten, deshalb gehen wir direkt über, zum Forderungsteil, der neuerdings Arbeiten, die von sich behaupten, sie seien wissenschaftlich, abrundet. In diesem Teil finden wir einen Einbruch der Relationalität relationaler Relationen. 3% von 1000 Euro sind 30 Euro und 3% von 2000 Euro sind 60 Euro, oder: “Wer ein höheres Einkommen hat, gibt häufiger und mehr Geld für Bildung aus”.

Für Peter und Klaus bedeutet das, dass Peter mit seinen 12 Euro sechsmal Eis kaufen kann, während Klaus es schaffen muss, mit nur fünf Eis Bauchschmerzen zu bekommen. Oben haben wir die Forderung nach Umverteilung der finanziellen Ressourcen von Peter zu Klaus noch zurückgestellt, hier ist es nun Zeit, die Forderung in aller Klarheit zu stellen: Die Kosten für ein Eis sind progressiv zu staffeln. Wenn Klaus für 10 Euro 5 Mal Eis kaufen kann, dann müssen die Kosten für Peter pro Eis auf 2,40 Euro erhöht werden, damit er sich auch nur 5 Mal Eis kaufen kann – oder in den Worten von Schröder, Spieß und Storck:

“Für die Bildungspolitik, die alle Bildungspotentiale erschließen will, ist dies ein wichtiger Ansatzpunkt. Konkret könnte eine progressive Staffelung von Kita-Gebühren und Beiträgen in öffentlich geförderten Sportvereinen oder Musikschulen ein bildungspolitischer Ansatzpunkt sein, wenn einkommensschwache Haushalte im Hinblick auf ihre Bildungsausgaben [Zur Erinnerung: die 25% der einkommensschwächsten Haushalte haben gar keine Bildungsausgaben] stärker als bisher entlastet werden sollen.”

Wie gesagt, wir suchen noch nach einer Benennung für diese Steigerung von Junk Science.

Wer einen Vorschlag hat, möge ihn uns mitteilen.

Die Talpredigt aus Berlin

Wir haben das DIW vergessen!

Gestern, als wir uns überlegt haben, was wir tun würden, wären wir König von Deutschland, gestern haben wir das WZB geschlossen. Und wir haben das DIW vergessen. Man kann gar nicht so viel König sein, wie man pseudo-wissenschaftliche Schwatzbuden schließen will…

In Erinnerung gebracht hat sich das DIW bei uns mit einer Predigt. Gehalten hat sie der Laienpastor Stefan Bach. Mit seiner Predigt macht er deutlich, warum es vielleicht keine gute Idee ist, wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Abteilung “Staat” unbeaufsichtigt zu Wort kommen zu lassen.

Man mus den Anfang des kurzen Beitrags von Bach, der keinerlei empirische Grundlage hat, im Kontext des gesamten Beitrags würdigen, eines Beitrags, in dem von Steuerhinterziehern als Tätern die Rede ist und in dem für eine härtere Bestrafung von Steuerhinterziehern geworben wird, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft schädigen:

Stefan Bach

Gefunden unter: “Menschen am DIW”

“Deutschlands Eliten sind nervös. Seit die Steueroasen in der Nachbarschaft trocken gelegt werden und der Fiskus sich nicht zu fein ist, in Kopfgeldjägermanier Konteninformationen aufzukaufen, müssen Zehntausende um ihre Entdeckung fürchten. Die Selbstanzeige vermeidet zwar die Bestrafung. Dafür zerstört die moralische Entrüstung Karrieren, bürgerliche Existenzen und öffentliche Ansehen. Prominente werden in den Medien an den Pranger gestellt.

Es gab selbst in Deutschland einmal eine Zeit, da wäre ein solcher vor Boshaftigkeit und Häme triefender Text nicht möglich gewesen. Da hätte sich derjenige, der sich zu dieser üblen Persiflage auf die Einleitung zum Kommunistischen Manifest hinreißen ließ, geschämt. Aber Scham ist ein Gefühl, das man in Deutschland 2014 vergeblich sucht, und mit der Scham ist der Anstand gewichen, und zwar einer mit Wissenschaft unvereinbaren Staatsdienlichkeit, einer Anbiederung an den Staat, die nicht einmal Heinrich Mann, der Autor des Untertan für möglich gehalten hat.

Und auf welcher Grundlage diese Form der Anbiederung wächst, zeigt sich, wenn Stefan Bach, der Laienprediger aus Berlin, vom “Breitensport der besseren Stände” schreibt, die “ihr Geld vor dem Fiskus verbergen”. Aber nun werden sie ja in “Kopfgeldjägermanier” gejagt, nicht ganz so, wie die Demonstranten aus der Ukraine, aber dennoch von “ihrem Staat”, der “die moralischen Standards” verschärft hat.

im_here_to_helpOffensichtlich ist das Denken von Stefan Bach in der Ständegesellschaft des Mittelalters stehen geblieben, und offensichtlich stellt das DIW mittlerweile Personen ein, die nicht einmal durch das erste Semester in Sozialstrukturanalyse gekommen sind und von der sozialen Struktur der Gesellschaft, deren Bürger zu belehren sie sich anschicken, keine Ahnung haben, sonst wüsste er, dass es seit der Industrialisierung keine Ständegesellschaft mehr gibt. Und kann man trotz aller Ahnungslosigkeit über die Sozialstruktur Deutschlands so dumm oder ideologisch verblendet sein, dass man den Widerspruch zwischen den Bürgern, die “ihr Geld vor dem Fiskus verbergen” und seiner Prämisse, dass ein Staat ein quasi natürliches Anrecht auf das Geld seiner Bürger habe, es entsprechend kein Eigentum als individuelles Verfügungsrecht geben kann, nicht bemerkt? Wie verquer muss man eigentlich denken, wenn man den Staat zu einem kollektiven Akteur in eigenem Recht macht, der eigene Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg trifft. Wie religiös besessen muss man sein?

Der Staat ist ebenso wenig existent wie Gott, Herr Bach. Der Staat ist eine Denkfigur. Es gibt ihn nicht. Es gibt Individuen, die sich der Figur des Staates bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen. Und dann gibt es Gläubige, die entweder aus Schadenfreude oder aus Neid bereit sind, diejenigen, die sich als Staat gebähren, gewähren zu lassen, jedenfalls so lange sie in Kopfjägermanier andere verfolgen.

Oder wie es in der Talpredigt heißt:

“Niemand ist bekanntlich ohne Schuld. … In der Bibel heißt es: Im Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte. Das bedeutet für die Sünder konkret: Alles beichten, Demut und Reue zeigen, Buße tun und Besserung geloben. Dann kann verziehen werden, und die öffentliche Hysterie hat ein Ende”.

Logik f dummiesWenden wir die Logik von Herrn Bach einmal auf ihn selbst an und fragen: Was ist erst mit den Selbstgerechten dieser Welt, die aus vermeintlich wissenschaftlichen Anstalten heraus anderen den richtigen Weg zum Heil predigen? Wenn wir einen Beitrag wie den von Stefan Bach lesen, einen Beitrag aus einer wissenschaftlichen Institution, die aus Steuergeldern finanziert wird, dann können wir nur sagen: Uns sind 99 Steuervermeider lieber als ein opportunistischer Staatsanbiederer, der sich in vorauseilendem Gehorsam anschickt, seine wissenschaftliche Illiteralität über die Welt zu ergießen. “Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte”, hat Max Liebermann gesagt, als er die Nazis dabei beobachtet hat, wie sie 1933 die Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler mit einem Triumpfmarsch durch das Brandenburger Tor gefeiert haben. Wir können uns Max Liebermann 81 Jahre später nur anschließen.

Am schlimmsten ist es jedoch, wenn Prediger wie Stefan Bach, die wohl eher einem Bernhard von Clairveaux nacheifern wollen, wenn sie zum Kreuzzug, im Fall von Stefan Bach zu einer härteren Bestrafung von Steuervermeidern aufrufen, als dass sie die Botschaft z.B. der Bergpredigt (wie war das noch einmal mit der Nächstenliebe) verstanden hätten, am schlimmsten ist es, wenn derartige Laienprediger von Moral schwadronnieren und feststellen:

“Sicher ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass Klüngel, Korruption, Durchstecherei, Plagiate, Sexismus, Mobbing oder (Steuer-)Betrug nicht mehr toleriert werden. Die Skandalisierung der Medienöffentlichkeit schreckt die Täter ab und stabilisert den sozialen Zusammenhalt. Denn Schadenfreude ist die schönste Freude, besonders wenn sie den Mächtigen gilt.”

Die Passage zeigt, dass Stefan Bach seinen Katechismus der politischen Korrektheit gut auswendig gelernt hat. Sie zeigt aber auch, dass moralische Reife nicht durch das Herbeten von Begriffen erreicht werden kann. Moralische Reife, die sich z.B. auch in Anstand niederschlägt, ist das Ergebnis von Charakter-Arbeit, wie dies u.a. Kant beschrieben hat. Wer sagt, “Ich bin aber gegen Sexismus”, der zeigt damit die Reife eines dreijährigen Kindes, das sich nicht einmal traut, zu hinterfragen, was ihm vorgegeben wird.

Was entsprechende Kinder in der Wissenschaft zu suchen haben, deren Aufgabe darin besteht, Vorgegebenes zu hinterfragen, ist eine Frage, auf die wir derzeit keine Antwort haben. Aber natürlich sich Anbiederungskünstler für Staaten sehr nützlich, denn sie treiben einen Keil durch die Gesellschaft. Ganz im Gegenteil zu dem, was sie behaupten, von wegen sozialem Zusammenhalt.

Wie stabilisiert man einen sozialen Zusammenhalt, wenn man Kopfjagd auf Steuervermeider macht? Wie stabilisiert man sozialen Zusammenhalt, wenn man Begriffe wie Sexismus oder Mobbing einsetzt, um bestimmte Verhaltensweisen zu brandmarken und Diskussionen zu ersticken, Begriffe, die sich abermals eignen, um große Teile der Bevölkerung auszugrenzen?

headhunterDerartiger Unsinn kommt dabei heraus, wenn sich Prediger in die Wissenschaft einschleichen und dort ihr Unwesen treiben. Anstatt darauf hinzweisen, dass die Forschung, die zeigt, dass Steueroasen den Staaten, aus denen die meisten Steuervermeider stammen, einen wirtschaftlichen Nutzen bringen, stetig zunimmt, fordern die Prediger: “Steueroasen auszutrocknen” (Einen guten Einstieg bieten die Arbeiten von Desai et al.). Anstatt darauf hinzuweisen, dass es für Angestellte der Verwaltung, die sich im Dienste ihres imaginierten Staates als Diebe und Hehler verdingen, kaum möglich ist, eine moralische Überlegenheit über Diebe und Hehler einzuklagen, befürworten Prediger die Kopfjagd, und anstatt zu fragen, was los ist, wenn Menschen ihr Geld lieber vor der doch so großartigen “Gemeinschaft” in Sicherheit bringen, predigen sie die Schadenfreude über deren öffentliche Hinrichtung.

Wer wissen will, warum die Sozialwissenschaft in Deutschland immer weniger eine Wissenschaft und immer mehr eine Anstalt ist, in der sich Opportunisten nach oben dienen wollen, der muss nur den Beitrag von Stefan Bach im DIW-Wochenbericht lesen.

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Die Steuerzahler finanzieren Institutionen wie das DIW, an denen Laienprediger offenbar mit dem Segen der Leitung des DIW den Bürgern, die sie finanzieren, sagen, wie sie sich zu verhalten haben und eher die Seite derer ergreifen, sie sich als Staatsmacht gerieren, als dass sie sich an ihre eigentliche Aufgabe erinneren. Die eigentliche Aufgabe von steuerfinanzierten wissenschaftlichen Institutionen wie dem DIW besteht darin, zunächst wissenschaftliche Erkenntnis zu produzieren und diese Erkenntnis dann einzusetzen, um die Akteure auf der Basis der empirischen Erkenntnisse zu kontrollieren und wenn nötig zu kritisieren, die von sich behaupten, für den Staat (und damit für die Bürger) zu arbeiten.

Literatur

Desai, Mihir, Foley, C. Fritz & Hines, James R., 2006: Do Tax Havens Divert Economic Activity? Economics Letters 90: 219-224.

Desai, Mihir A., Foley, C. Fritz & Hines, James R., 2005: The Demand for Tax Havens. Journal of Public Economics 90 (3): 513-531.

Beim Lügen erwischt: DIW kritisiert Arbeits- und Sozialministerin Nahles

Was ist nur mit dem DIW los?

diw_logoLange Zeit hat sich das DIW in Berlin als Musterschüler der Bonner Regenten dargestellt. Selbst die Genderstudies hat das DIW für sich entdeckt und im eigenen Vorstandsbereich verankert. Entsprechend gab es bislang keinen Grund, dem DIW etwas anderes als Konformitäts-Fleißkärtchen zu verteilen.

Und jetzt das.

Im neuen DIW-Wochenbericht kommt es auf einer Seite knüppeldick. Auf dieser einen, bemerkenswerten Seite äußert sich Kornelia Hagen zur abschlagsfreien Rente mit 63, und zwar in einer für das DIW unglaublichen Weise: Sie kritisiert die Regierung, legt den Schluss nahe, dass die Arbeits- und Sozialministerin, Andrea Nahles, entweder nicht weiß, was sie daherredet oder bewusst lügt und macht ein Argument, das man in Deustchland gar nicht mehr erwartet, ein Equitäts-Argument: Sie wissen schon, eine der Leistung enstprechende Auszahlung.

Doch der Reihe nach und zum Genießen:

Government help“Die Leistungen, die es nach diesem Vorhaben geben soll, werden den Bürgern medienwirksam als Rentenpaket zugestellt, verpackt in rotem Papier. Dies suggeriert die Übergabe eines Geschenkes – und nicht eine Verteilung der durch die Versicherten selbst erworbenen Verdienste.”

Was haben sich viele Deutsche darüber aufgeregt, dass Banker die Finanzkrise herbeigeführt hätten und nunmehr die entstandene Finanzkrise mit Mitteln der Steuerzahler abgewendet werden soll. Darüber, dass die Bundesregierung seit Jahrzehnten Rentenbeiträge einsammelt und bei der Rentenauszahlung so tut, als wären es Almosen, die sie netterweise verteilt und nicht Ansprüche, die sich Rentenbeitragszahler über die Dauer ihres Arbeitslebens erworben haben, haben sich nur wenige aufgeregt. Bis jetzt. Und jetzt kommt die entsprechende Aufregungen ausgerechnet aus dem bisherigen Musterinstitut, dem DIW, und dann gleich geballt: den zitierten Absatz könnte man auf die Formel bringen: Regierungsheuchler schmücken sich mit fremden Geldern.

Doch damit nicht genug:

believe the lie“Und was die 63er-Stichtagsregelung betrifft, so tun sich Ungereimtheiten und viele Ungerechtigkeiten auf. Die Ministerin verteidigt gerade die abschlagsfreie Rente für Versicherte mit 45 und mehr Versicherungsjahren ab dem vollendeten 63. Lebensjahr als einen Verdienst, den sich die Zielgruppe durch eine langjährige Lebensleistung und entsprechende Beitragszahlungen in die Rentenkasse selbst erworben hätte. Im Gesetzentwurf steht es allerdings anders: Danach ist das alleinige Kriterium für die Gewährung der Leistung nur die Anzahl der im Lebensverlauf erzielten Versichertenjahre (Beitragsjahre inklusive Berücksichtigungszeiten). Dies kommt einer Aushöhlung des Prinzips der Beitragsäquivalenz in der GRV gleich, wonach sich Leistungen aus der Rentenkasse mit Ausnahme einiger weniger solidarischer Elemente – Reha, Erwerbsminderung, Hinterbliebenenversorgung – in Abhängigkeit von den Jahren der Erwerbstätigkeit und der Höhe des Einkommens im Lebensverlauf begründen.”

Bermerkenswert – oder? Im Hinblick auf die Ungereimtheiten lässt der Text aus dem DIW nur den Schluss zu, dass man dort der Überzeugung ist, die Arbeits- und Sozialministerin erzähle entweder Unsinn oder sie belüge die Öffentlichkeit. Was die Ungrechtigkeiten angeht, so ist dies der erste Text, der uns seit langem auf den Tisch gekommen ist, in dem sich jemand explizit gegen die Rentengeschenke wendet, die die Bundesregierung an vornehmlich Frauen macht und deren Ergebnis darin besteht, dass Rentengerechtigkeit beseitigt und durch Klientelpolitik ersetzt wird.

Grundlegend für die Rentenhöhe ist nicht mehr die Höhe der eingezahlten Beiträge, sondern die Konformität mit Vorgaben der Regierung, die fortpflanzungswütige und vor allem arbeitsscheue Frauen belohnt, während sie zu begrenzter Fortpflanzung bei fortgesetzter Beschäftigung bereite Frauen bestraft, ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Bekundungen (oder Lügen):

Rentenpacket

Timeo Danaos et dona ferentes

“Und ist es fair, wenn zwar eine Versicherte, die 40 Jahre sozialversicherungspflichtig beschäftigt war und dabei zwei Kinder erzogen hat, diese Leistung nicht erhalten soll, eine Versicherte aber mit 30 Jahren Beitragseinzahlungen und 15 Jahren Kinderberücksichtigungszeit Begünstigte ist?”

Die Frage, die Kornelia Hagen hier stellt, ist rhetorisch gemeint, denn natürlich ist es nicht fair, wenn man Menschen, die leisten, für ihre Leistung bestraft, um andere, die nicht leisten, dafür zu belohnen, dass sie nicht geleistet haben, denn Kinderberücksichtigungszeiten werden dann angerechnet, wenn nicht gearbeitet wird.

Doch damit sind die Gerechtigkeitsfragen noch lange nicht ausgefragt:

“Warum sollte ein Versicherter, der zwar nur 44 Jahre zusammenbringt,
aber mehr Beiträge eingezahlt hat, als einer, der 45 Jahre vorweist, schlechter gestellt werden als Letzterer? Und warum wird die Lebensleistung eines Versicherten, der zwar nur 43 Jahre, diese aber überwiegend Vollzeit gearbeitet hat, weniger hoch geschätzt als die Leistung einer Versicherten, die beispielsweise nur halbtags erwerbstätig war?”

Der Hintergrund dieser Fragen ist die neue gesetzliche Regelung, dass ein abschlagfreier Eintritt in die Rente mit 63 denen möglich ist, die 45 Beitragsjahre inklusive Berücksichtigungszeiten zusammengebracht haben. Die abschlagfreie Rente ist demnach unabhängig von der Höhe der gezahlten Beiträge und bestraft somit all diejenigen, die weniger als 45 Jahre zusammenbringen, aber hohe oder in jedem Fall fortlaufende Beiträge gezahlt haben. 44 Jahre Vollerwerbstätigkeit sind entsprechend weniger Wert als 45 Jahre Teilerwerbstätigkeit, eine Form der Gerechtigkeit, die einen vollständigen Bruch mit dem Grundsatz der Beitragsäquivalenz darstellt.

government-hates-competition-posterUnd das scheint dann auch das eigentliche Ziel des Gesetzentwurfes zu sein: Die Aushöhlung des Prinzips der Beitragsäquivalenz, das sicherstellen soll, dass die Rentenhöhe in einem entsprechenden Verhältnis zur Beitragszahlung steht. An die Stelle der Beitragsäquivalenz soll wohl der politische Opportunismus treten, der die Rentenkasse als Geldsammlung ansieht, die der Befriedigung der eigenen Klientel und der Finanzierung jener politischen Spleens dient, die gerade opportun sind.

Wie lange sich Beitragszahler zur Rentenversicherung wohl noch an der Nase herumführen lassen?

Das ist eine Frage.

Ob das DIW nun Sanktionen aus Berlin zu erwarten hat, wo man Wahrheiten danach beurteilt, ob sie gerade passen, ist eine andere Frage. Wie auch immer, unsere Hochachtung ist zumindest Kornelia Hagen für Ihren Mut sicher.

P.S.

Es ist sicher kein Zufall, dass die falsche Gerechtigkeit in einem roten Paket verpackt wird, der Farbe all derer, die Sozialismus auf ihre Fahnen geschrieben haben und denen wie den Schweinen in Orwells Farm der Tier, der eigene Nutzen und der Nutzen einiger weniger Günstlinge über den Nutzen der Allgemeinheit geht, der sie Gleichheit in Armut als neue Form der Gerechtigkeit verordnet haben. Insofern ist das rote Paket ein Blick in die sozialistische Zukunft, eine Ankündigung dessen, was kommt. Wer lieber in Freiheit als in Sozialismus leben will, sollte entsprechend anfangen, seine Pakete oder Koffer zu packen.

Zurück in die Vergangenheit: Der neue Konservatismus an Universitäten

Wer wie wir seine universitäre Sozialisation in den 1980er Jahren erfahren hat, hat dies in einer Zeit, als Universitäten voller (Trend aber abnehmend) neuer Ideen waren, in einer Zeit, in der sich noch Theorien und Ideen gefunden haben, die den Status Quo in Frage stellen und in einer Zeit als Wissenschaftler noch an Erkenntnisgewinn interessiert waren.

absolutely_nothing_road_signWer heute an deutsche Universitäten und die sozialwissenschaftlichen Fakultäten dort schaut, den erwartet ein weitgehend tristes Bild der Einfallslosigkeit, die sich nicht besser äußern könnte als in der Vielzahl der langweiligen und komplett erkenntnislosen Beiträge, die ein “Gender” im Titel tragen, in der Vielzahl der Beiträge, die sich mit Work-Life-Balance befassen oder in der Vielzahl der Beiträge, die aus sozialistischer Perspektive den angeblich herrschenden Neoliberalismus bejammern.

Da, wo früher Neues, Interessantes und Aufregendes zu finden war, hat man heute eine hohe Wahrscheinlichkeit traditionales Denken, das nicht einmal im 18. Jahrhundert neu war, zu finden, uninteressante Beiträge, die die heile Welt beschwören, von der man sich unwillkürlich fragt, wann es sie denn wo gegeben hat, und Beiträge, die so aufregend sind, wie ein Goldfisch im Aquarium.

Man findet Beiträge wie z.B. den von Timo Hener, Helmut Rainer und Thomas Siedler, der an Traditionalität kaum zu übertreffen ist, nein, den man als reaktionär bezeichnen muss. Man findet Beiträge wie den von Hener, Rainer und Siedler, die nicht kritisch mit politischen Institutionen ins Gericht gehen, sondern sich staatstragend andienen, um dem politischen System seine fehlende Legitimation dadurch zu geben, dass man die Ursache des Fehlens bei den Bürgern verortet. Man findet vermeintliche Wissenschaftler, die sich nicht vorstellen können, dass Erklärungen vor allem struktureller Variablen bedürfen, denn Akteure handeln nicht im luftleeren Raum, sondern unter Randbedingungen. Und man findet entsprechend Wissenschaftler, bei denen man die fehlende methodologische Ausbildung schon in der Fragestellung erkennen kann, denn wer methodologisch ausgebildet ist, der denkt vom allgemeinen Satz über die Randbedingung zum konkreten Explanandum und ist seinem Forschungsgegenstand entsprechend nicht derart ausgeliefert, wie dies regelmäßig der Fall ist.

SOEP#612Hener, Rainer und Siedler erforschen politisches oder wie sie meinen: ziviles Engagement. Letzteres ist zurückgegangen und das ist, wie die Autoren befinden, schlecht, denn eine funktionierende Demokratie, so erfährt der Leser, brauche engagierte Bürger. Ohne engagierte Bürger machen die angeblichen politischen Eliten nämlich, was sie wollen.

Ja.

Das politische oder zivile Engagement ist also über die letzten Jahrzehnte immer geringer geworden. Und weil das politische System, so wie es sich derzeit darstellt, der Stein der Weisen und in jedem Fall unverrückbar ist, desshalb darf man keine kritischen Fragen in Richtung politisches System richten und muss entsprechend die Kritik bei denen anbringen, die sich nicht wehren können. Nicht wehren können sich z.B. die Befragten des SOEP, die derzeit für allerlei Unfug herhalten müssen.

Bei Hener, Rainer und Siedler müssen sie als Schuldige für das von den Autoren als mangelhaft bewertete politische, nein, zivile Engagement der Deutschen herhalten. Nicht alle natürlich, nein, nur ein Teil der Befragten, diejenigen, die in einer “nicht intakten Familie” aufgewachsen sind. Ein nettes Konstrukt, eine “nicht intakte Familie”, macht die Bezeichnung doch unmissverständlich die Wertbasis der Autoren klar: Intakt kann eine Familie nur sein, wenn Papa, Mama und die Kinderlei sich über Jahrzehnte anöden, fies und hintenrum bekämpfen, aber in jedem Fall verheiratet sind und nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel machen (z.B. per beleuchtetem kletterndem Nikolaus an der Esse  – zur Erbauung des Nachbarn und Erhellung seines Schlafzimmers). Scheidung ist nämlich schlecht, vermutlich weil sie der katholischen Kirche nicht gefällt (einen anderen Grund weiß ich nicht, aber vielleicht ist ja einer der Autoren bereit zu erklären, warum Scheidung die Intaktheit einer Familie zerstört und vor allem wie und in welcher Hinsicht sie das tut: Was also hat verheiratet sein mit einer intakten Familie zu tun?).

Bislang ist der Beitrag nur traditional, nicht reaktionär. Reaktionär wird das Werk von Hener, Rainer und Siedler da, wo die nicht intakte Familie auf Familien erweitert wird, in denen die Kinder außerhalb einer  (auch später geschlossenen) Ehe geboren wurden. An dieser Stelle habe ich nicht zum ersten Mal gedacht, dass die Autoren ihre Berufung verfehlt haben. Sie wären in einem katholischen Kontext deutlich besser aufgehoben als an Universitäten oder im ifo-Institut.

Nachdem nun klar ist, dass nicht-intakte Familien, also Scheidungsfamilien und solche Familien, die aus nicht verheirateten oder “zu spät” verheirateten Eltern bestehen, anzusehen sind, muss noch gezeigt werden, warum die entsprechenden “nicht intakten Familien” schlecht sind. Deshalb:

Kinder aus dieser Art nicht intakter Familie:

  • unions-suckhaben ein geringeres Interesse in Politik als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • identifzieren sich seltener mit einer politischen Partei als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • sind seltener Mitglied in Gewerkschaften oder Parteien oder anderen gesellschaftlichen Organisationen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien;
  • engagieren sich seltener freiwillig in Vereinen oder sozialen Einrichtungen als Kinder aus vermeintlich intakten Familien

Kurz: Wer will, dass sich die Deutschen wieder stärker für Politik interessieren, den schrumpfenden Parteien wieder Mitgliederbeiträge bringen, sich mit Parteien und deren Ideologie wieder identifizieren und zum Parteiherdentier werden und wer will, dass Bürger sich wieder vermehrt sozial und in Vereinen engagieren, der muss die Scheidung verbieten und die Geburt von Kindern an die Voraussetzung einer geschlossenen Ehe koppeln. Ich habe selten einen reaktionäreren Text gelesen und im Jahre 37 nach Ronald Inglehart muss ich feststellen, dass sein Wertwandel gerade in die andere Richtung läuft und dieser “backlash” von Universitäten ausgeht.

Unsere drei Helden wollen zwar staatstragend sein, aber der Mut reicht doch nicht, um die Konsequenzen ihrer “Forschung” auch in der Weise zu formulieren, wie ich das oben getan habe. Sie verstecken sich, wie das für staatstreue Untertanen im Wissenschaftlerkostüm die Regel ist, hinter ihrem Staat und empfehlen: “that schools or community organizations, which reach children across socioeconomic strata, might need to offer more opportunities for civic and political learning to counteract some of the negative effects on civic engagement stemming from the break-up of families” (22). [Ganz nebenbei wird hier eine Kausalität behauptet, wo sie nur eine Korrelation gemessen haben.]

Wo Wissenschaftler sich früher gefragt hätten, was mit einem politischen System nicht in Ordnung ist, dem seine Bürger den Rücken kehren, fragen sich heutige “Wissenschaftler”, was mit den Bürgern nicht in Ordnung ist, dass sie dem politischen System den Rücken kehren. Wo früher die Frage gestellt worden wäre, wie man politische Systeme so verändern, so verbessern kann, dass sie für Bürger attraktiv werden, werden heute Manipulationsmethoden gesucht, um die Bürger so zu erziehen, dass sie ihr politisches System auch ganz toll finden und sich von morgens bis abends dafür engagieren.

Wissenschaftler, wie Hener, Rainer und Siedler machen sich zum willfährigen Helfer eines politischen Systems, sehen sich als staatstragend und ihre Aufgabe darin, die Defizite der Bevölkerung im Hinblick auf das politische System, das ihnen heilig ist, aufzuarbeiten und zu beseitigen. Warum Hener, Rainer und Siedler nicht in Kirchen predigen, ich weiß es nicht – aber vielleicht sind sie den dortigen Priestern ja auch zu reaktionär und nur noch für Universitäten geeignet?

Hener, Timo, Rainer, Helmut & Siedler, Thomas (2013). Political Socialization in Flux? Linking Family Non-Intactness During Childhood to Adult Civic Engagement. Berlin: DIW, SOEPpapers #612

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