Soziale Diskriminierung an Gymnasien und Grundschulen

Nicht alles, was aus dem DIW kommt, ist schlecht. Aber das meiste.

Dennoch berichten wir heute von einer Arbeit, die nicht schlecht ist, deren Autoren interessante Ergebnisse berichten, die Ergebnisse eher unbeholfen interpretieren (wenn überhaupt), die ihre Leser mit ihrem manischen Innen-I nerven und sich ansonsten durch einen gewissen und völlig unwissenschaftlichen Mystizismus, was die Datengrundlage angeht (so fehlt jeder Hinweis auf die Operationalisierung, Fallzahlen muss man erschließen, Methoden nach Plausibilität zuordnen), auszeichnen, aber wir wollen diese Unzulänglichkeiten, die die Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern häufig auszeichnen, nicht weiter ausbreiten, denn die Ergebnisse, die Sophie Horneber und Felix Weinhardt auf Grundlage des NEPS, des Nationalen Bildungspanels (NEPS = National Educational Panel Study) berichten, sind zu wichtig, als dass man sie durch Unzulänglichkeiten in der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse verwässern sollte.

Horneber und Weinhardt untersuchen für Grundschüler und Gymnasiasten, wie sich soziale Herkunft auf die Benotung auswirkt und sie machen etwas, was man in diesen Zeiten, in denen die methodischen Kenntnisse in quantitativer Sozialforschung weitgehend qualitativem Geschwätz aus der wie-es-mir-vorkommt-Schachtel gewichen sind, sehr sehr selten zu lesen bekommt, in deutscher Sprache jedenfalls. Sie benutzen einen Längsschnittdatensatz und werten diesen Längsschnittdatensatz auch als Längsschnitt- und nicht als Querschnittdatensatz aus.

Horneber & Weinhardt (2018: 482)

Längsschnittdatensätze (englisch: Panel) erheben zu unterschiedlichen Zeitpunkten Daten von denselben Befragten, so dass es möglich ist, einen Zeitverlauf, eine Entwicklung für diese Befragten zu beschreiben. Im NEPS sind die Befragten Schüler und der Panel-Charakter des Datensatzes erlaubt es, die schulische Entwicklung anhand von Noten in z.B. Mathematik und Deutsch für diese Schüler und über Zeit zu verfolgen. Und genau das tun Horneber und Weinhardt und kommen zu den folgenden Ergebnissen:

Schüler, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau aufweisen, werden seltener als Schüler, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau aufweisen, „viel besser als der Durchschnitt“ der Schüler bewertet, während sie häufiger „viel schlechter als der Durchschnitt“ bewertet werden. Im Verlauf der Grundschulzeit nehmen diese Unterschiede zu, d.h. Grundschüler, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau aufweisen, fallen relativ zu Schülern, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau aufweisen, weiter zurück, wenngleich der Anteil der Schüler, die als „viel besser als der Durchschnitt“ bewertet werden und deren Eltern ein geringes formales Bildungsniveau aufweisen, steigt (aber eben weniger als er bei Kindern, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau aufweisen tut).

Soweit, so gut und so bekannt.
Das Neue an der Arbeit von Horneber und Weinhardt ist nun, dass sie die Schüler durch fünf Klassen am Gymnasium verfolgen und feststellen, dass sich (1) nicht nur der Abstand zwischen Schüler, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau haben und denen, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau haben, sukzessive vergrößert, sie können (2) auch zeigen, dass die besten unter den Schülern, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau aufweisen, im Verlauf ihrer Schulzeit am Gymnasium am weitesten zurückfallen, dass sie am meisten an Boden verlieren.

Kurz: Wenn Kinder Eltern haben, die einen niedrigen formalen Bildungsabschluss oder weniger erreicht haben, dann zeigen sie seltener überdurchschnittlich gute Leistungen in der Grundschule als Kinder, deren Eltern einen hohen formalen Bildungsabschluss erreicht haben, und selbst wenn sie in der Grundschule zu den besten Schülern gezählt haben, fallen die entsprechenden Kinder mit Eltern niedriger formales Bildung im Verlauf ihrer Schulzeit am Gymnasium zurück.

Wie erklärt man ein solches Ergebnis?
Horneber und Weinhardt erklären es gar nicht. Ob sie sich drücken oder ob ihnen nichts einfällt, das sei einmal dahingestellt. Dass ihnen nichts einfällt, dafür spricht das, was ihnen einfällt, nämlich die Empfehlung, gute Schüler, deren Eltern mit niedrigen formalen Bildungsabschluss ausgestattet wurden, zu Beginn ihrer Schulzeit an Gymnasien zu fördern.

Das ist Standard-Empfehlung 25/1092.
Eine solche Empfehlung ist ungefährlich und sie schreibt fest, was in der deutschen Bildungsforschung von denen, deren Phantasie nicht über die eigene Schuhspitze hinausreicht, sowieso behauptet wird:

Kinder, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau erreicht haben, (nicht gleichbedeutend mit geringer Bildung), erhalten zuhause nicht die notwendige Unterstützung, bekommen nicht vorgelesen, ihre Eltern gehen nicht zum Elternabend (z.B. weil die Eltern“ABENDE“ um 16 Uhr stattfinden und sie da noch arbeiten müssen, im Gegensatz zu Mittelschichtseltern), bla bla bla.

Diesen Sermon predigen Bildungsforscher der phantasielosen Art seit Jahrzehnten. Und sie kommen sich nicht blöd vor, wenn sie nach der Predigt ins Feld gehen und dort dieselben Ergebnisse in ihren Daten finden, die sie vor der Predigt gefunden haben. Nein. Sie predigen dasselbe noch einmal. Horneber und Weinhardt reihen sich nahtlos in diesen Chor der Phantasielosen ein, die seit Jahren auf die eine Idee warten, die sich partout nicht einstellen will.

Sie kommen nicht einmal auf die Idee, Fragen wie die folgenden zu stellen:
Wieso sollten Eltern ihre Kinder überhaupt unterstützen? Ist die Schule nicht dazu da, Kindern das beizubringen, was Eltern ihnen (aus Zeitgründen) nicht beibringen können?

Ist, wenn Schulen angeblich auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen sind, um Schülern etwas beizubringen, dies nicht ein eklatanter Beleg für deren vollständiges Scheitern?

Wozu bezahlt man Lehrer, wenn Eltern nacharbeiten und lehren sollen?

Und bezogen auf die Ergebnisse von Horneber und Weinhardt:
Wie kann es sein, dass in der Grundschule überdurchschnittlich gute Schüler, deren Eltern einen formal niedrigen Bildungsabschluss erreicht haben, gegenüber überdurchschnittlichen Schülern, deren Eltern einen formal höheren Bildungsabschluss erreicht haben, zurückfallen, sobald sich die Tür des Gymnasiums hinter ihnen schließt?

Intelligenz, kognitive Leistungsfähigkeit oder sonstige Bestandteile dessen, was man heute „Kompetenz“ nennt, können es nicht sein. Die Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem formalen Bildungsniveau haben in der Grundschule bewiesen, dass sie zu überdurchschnittlichen Leistungen fähig sind.

Die Ursache dafür, dass sie zurückfallen, muss also woanders gesucht werden.

Schmökern wir doch einmal in Ergebnissen der Bildungsforschung, die Letztere in mehreren Dekaden angehäuft hat. Das hilft immer und ist allemal sinnvoller als sinnlose Standardempfehlungen zu geben, wie Horneber und Weinhardt das tun. Wenn man schmökert, wird man schnell fündig. Bei Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron, die schon vor vielen Jahren ein ähnliches Phänomen beschrieben haben, wie es Horneber und Weinhardt gemessen haben. An Universitäten verlieren Studenten, deren Eltern ein formal niedriges Bildungszertifikat vorzuweisen haben, schnell an Boden und geben oft auf. Nicht, weil sie die geforderten Leistungen nicht erbringen. Nicht weil sie intellektuell überfordert wären. Nicht weil ihnen das Verständnis für den Lehrstoff fehlt. Nein: Weil sie nicht die Sprache sprechen, die an Universitäten gepflegt wird: Die Sprache der Mittelschicht.

Diese Sprache ist eine symbolische Sprache.
Was eine symbolische Sprache ist, das haben wir im Dezember 2012 schon einmal deutlich zu machen versucht.

Wir wiederholen das kleine Experiment.
Betrachten Sie das folgende Bild.

Fat Battery 1963 by Joseph Beuys 1921-1986


….
…..

Sind Sie in der Lage, das Kunstwerk zu erkennen, es wortreich zu beschreiben, es zu bewerten, sich in eine Form der Ekstase zu sprechen, in der sie den künstlerischen Gehalt der außergewöhnlichen Schöpfung würdigen können?

Wenn ja, dann haben sie symbolisches Kapital. Symbolisches Kapital ist zwar ökonomisch wertlos, aber es lässt sich in anderer Weise tauschen: Als Erkennungszeichen. Es schafft Zugehörigkeit, schließt „Fremde“ aus.

Schulen sind eine Institution der Mittelschicht. Dort herrschen die Vorstellungen der Mittelschicht. Dort herrscht die Sprache der Mittelschicht. Dort wird über das symbolische Kapital der Mittelschicht selegiert. Wer es mitbringt und die zugehörige Sprache beherrscht, der hat eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Wer es nicht mitbringt, die Sprache nicht spricht, sie nicht beherrscht (oder nicht bereit ist, die Sprache zu sprechen), der hat eine geringere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.

Die Ergebnisse von Horneber und Weinhardt bestätigen die Ergebnisse, die Bourdieu und Passeron berichten. Betrachtet man den Erfolg einer Schulkarriere als Anpassungsleistung und Beleg dafür, dass ein Schüler gelernt hat, die Sprache der Mittelschicht zu emulieren, dann wird die soziale Selektion im deutschen Bildungssystem, die dazu dient, die Fremden aus niedrigen Bildungsschichten von den Töpfen der Mittelschicht fernzuhalten, sofort plausibel. Bereits in der Grundschule macht das entsprechende symbolische Kapital einen Unterschied. Es sorgt dafür, wie Horneber und Weinhardt zeigen, dass Kinder mit Eltern, die es mit mit einem niedrigen Bildungszertifikat haben bewenden lassen, viel seltener auf ein Gymnasium gehen als Kinder von Eltern, die sich für gebildet halten. Die erste Stufe der Selektion lautet: fernhalten. Nun schaffen es dennoch knapp ein Viertel der Kinder, deren Eltern nicht das haben, was in der Mittelschicht als hoher Bildungsabschluss angesehen wird, auf ein Gymnasium. Dort treffen sie nun auf die zweite Stufe der Selektion: Aussortieren. Das Mittel, um sie auszusortieren, ist die Sprache, die sie nicht oder nur unzureichend sprechen oder die sie nicht sprechen wollen, das symbolische Kapital, das sie nicht haben (wollen). Wer sich nicht vom Mitglied der Arbeiterschicht zum Surrogat der Mittelschicht entwickelt, hat an Gymnasien keinen Erfolg.

Man muss deutsche Schulen nur in ihrer Funktion als Gatekeeper für die Mittelschicht, deren Ziel darin besteht, Kinder aus der Arbeiterschicht von den Berufen und Töpfen der Mittelschicht fernzuhalten, sehen und schon hat man ein prüfbare Hypothese für die soziale Segregation im Bildungssystem.

Horneber, Sophie & Weinhardt, Felix (2018). Gymansiasten aus Elterhäusern mit niedrigem Bildungsniveau verlieren im Laufe der Schulzeit deutlich an Boden. DIW-Wochenbericht 23/2018.

Bourdieu, Pierre & Passeron, Jean-Claude (1996) Academic Discourse: Linguistic Misunderstanding and Professional Power.

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Erzeugergemeinschaften: DIW-Studie bereitet Entmündigung von Eltern vor

Wir beobachten schon seit längerer Zeit eine Form der Arbeitsteilung, von der selbstverständlich nur Verschwörungstheoretiker denken, dass sie abgesprochen ist.

Sie geht wie folgt.

Ein Minister wird vorgeschickt, um eine Gesetzesänderung anzuregen. Er verlautbart z.B., dass es sinnvoll wäre, Kinder bereits ab dem dritten Lebensjahr in staatliche Verwaltung zu überstellen, oder er merkt an, dass man der Hatespeech im Internet langsam begegnen müssen. Ein anderer ist der Überzeugung man müsse den Einsatz von Glyphosat nach mehreren erfolgreichen Jahrzehnten nunmehr überdenken.

Davon auf den ersten Blick unabhängig tauchen so genannte Studien auf, in denen z.B. gezeigt worden sein soll, dass Hatespeech in Ostdeutschland weit verbreitet ist. Wie es der Zufall so will, gibt es in Ostdeutschland auch viele Nazis, wie eine andere Studie herausgefunden haben will, die – wie eine weitere Studie zu zeigen versucht, organisiert und gefährlich sind… Sie kennen das. Oder es gibt, purer Zufall natürlich, eine Studie, in der Insektensterben hochgerechnet, im wahrsten und wissenschaftlich unlautersten Sinne des Wortes hochgerechnet wird, in der Glyphosat zwar nicht als Datum vorkommt, aber als Begriff erwähnt wird. Die Studie entwickelt ein Eigenleben im Imperium gerunzelter Stirne, hinter denen ein Katastrophenszenario das nächste jagt.

Und dann gibt es Zufälle wie den, dass in Frankreich gerade eine Pflicht für Eltern beschlossen wurde, ihre Kinder ab 3 Jahren in staatliche Verwaltung zu überstellen.

Und noch ein Zufall: Das DIW veröffentlicht eine, na? Richtig, eine Studie, in der gezeigt wird, wie die Autoren der Studie behaupten, dass Kinder, die mit drei Jahren bereits in Kindertagesstätten abgeschoben wurden, in der neunten, nicht in der achten, auch nicht in der zwölften, nein in der neunten Klasse „kommunikativer und durchsetzungsfähiger“ sind als Kinder, die das Los, eine Kita besuchen zu müssen, „ungefähr“ ein Jahr später getroffen hat.

Wer wettet mit uns, dass diese „Studie“, diese JUNK-Studie in Kleinen Anfragen, Redebeiträgen im Parlament und allerlei Materialien, in denen der Vorteil einer frühkindlichen Verwaltung mit einhergehender Entmündigung der Eltern beschri(eb)en wird, Eingang findet?

Eigentlich ist JUNK-Studie für das Machwerk von Maximilian Bach, Josefine Koebe und Frauke Peter, das im neuesten DIW-Wochenbericht mit dem Titel „Früher Kita-Besuch beeinflusst Persönlichkeitseigenschaften bis ins Jugendalter“ veröffentlicht wurde, ein Lob. Besser wäre Trash-Studie oder JUNK-Trash-Kollaboration…

Die Autoren gehören zu dem, was man früher Datenfuzzis genannt hat. In Mannheim gibt es einen Datenfuzzi, der vermutlich immer noch schmollt, weil er von einem ScienceFiles-Redaktionsmitglied einmal (vor 20 Jahren) so bezeichnet und damit in fortwährendes Schweigen versetzt wurde. Aber: Datenfuzzis von früher, die konnten noch rechnen und haben nicht jeden Unsinn korreliert. Das ist heute anders.

Wir leben im Zeitalter der Bachs, Koebes und Peters, in dem man schon einmal auf die Idee kommt, dass das Alter bei Eintritt in den Kindergarten, nein, die Kindertagesstätte, die „Kita“ und nur das Alter bei Eintritt (und gar nichts anderes) dafür verantwortlich ist, dass Schüler im Alter von 15 oder 16 Jahren auf einer Skala von 5 bis 1 (trifft voll und ganz zu bis trifft überhaupt nicht zu) von sich sagen, dass sie aus sich herausgehen, gesellig und nicht zurückhaltend sind.

Wenn moderne Datenfuzzis wie Bach, Koebe und Peters Aussagen wie diese beiden in die Finger bekommen, dann wird daraus… Achtung: EXTRAVERSION. Hat man Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren erst einmal von solchen, die von sich sagen, dass sie mehr oder weniger aus sich herausgehen bzw. gesellig sind und mehr oder weniger nicht zurückhaltend sind, zu EXTRAVERTIERTEN Jugendlichen konvertiert: all hell breaks loose.

Nun werden die Jugendlichen, die faktisch gesagt haben, und zwar auf einer Skala von 5 bis 1 (trifft voll und ganz bis überhaupt nicht zu) von sich gesagt haben, dass sie aus sich herausgehen und/oder gesellig sind bzw. nicht zurückhaltend sind: „kommunikativer“ und „durchsetzungsfähiger“ als andere Jugendliche. Wohlgemerkt, niemand hat das gemessen. Die Datenfuzzis bilden sich das ein.

Nun macht die unsinnige Behauptung, Schüler, die sagen, die Aussage, sie seien gesellig oder gingen aus sich heraus treffe voll und ganz zu, eher zu, weder noch, treffe eher nicht zu, treffe überhaupt nicht zu, mit einem Mittelwert bei 3,47 also bei trifft eher zu, seien kommunikativer und durchsetzungsfähiger als andere, nur dann Spaß, wenn man die unsinnige Behauptung mit einer wilden Assoziation verbinden kann. Jugendliche, die im Alter von drei Jahren in die Kita eingeliefert wurden, seien wenn sie in der neunten Klasse angekommen sind, kommunikativer und durchsetzungsfähiger als Jugendliche, die erst mit „ungefähr“ vier Jahren in die Kita überstellt wurden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Bach, Koebe und Peter behaupten hier nicht mehr und nicht weniger als eine Kausalität: Der frühere Kita-Eintritt sei ursächlich dafür, dass die dreijährigen Kita-Eintreter 12 oder 13 Jahre später durchsetzungsfähiger und kommunikativer sind als die „ungefähr“ vierjährigen Kita-Eintreter dies 12 oder 13 Jahre später sind, wobei – um es noch einmal zu wiederholen – die drei aus dem DIW keine Daten haben, die Aussagen über Durchsetzungsfähigkeit oder Kommunikationsfrequenz zulassen.

Das macht für manche unmittelbar Sinn. Was könnte zwischen dem Alter von 3 bzw. 4 und 15 bzw. 16 Jahren schon geschehen, das den (politisch gewünschten) Effekt eines früheren Eintritts in die Kindertagesstätte vergessen lässt? Jenen Effekt, den die drei vom DIW mit dem Instrumentalvariablenansatz gemessen haben, um damit den „längerfristigen kausalen Effekt des Kita-Besuchs ab dem dritten Geburtstag … zu identifizieren“? (Das war das Zitat für all diejenigen, die nicht glauben wollten, dass Bach, Koebe, und Peter tatsächlich denken, das Alter des Kita-Eintritts sei kausal für das, was man 12/13 Jahre später als Persönlichkeitsfaktor „Extraversion“ messen kann).

Nun wird der Instrumentalvariablenansatz nicht nur deshalb von richtigen Datenfuzzis mit Argwohn betrachtet, weil er recht große Standardfehler produziert, die das Ergebnis im besten Fall insignifikant im schlechtesten Fall zu Quatsch werden lassen, er ist auch ein sehr deterministisches Verfahren, das im Gegensatz zu anderen Varianten der Regressionsanalyse davon ausgeht, dass ein Modell alle exogenen Variablen beinhaltet. Das ist eine heftige Annahme, die nur Unbedarfte machen, die denken, man könne Persönlichkeitsmerkmale, die man im Alter von 15 oder 16 Jahren misst mit ausschließlich einer Variablen, nämlich dem Alter bei Überstellung in die Kita erklären.

Dagegen sind Forscher eher vorsichtig und immer der Ansicht, ihr Modell könnte nicht vollständig sein, es könnte noch andere Variablen als das Kita-Eintrittsalter geben, die einen Effekt auf die Persönlichkeit von Kindern haben, Eltern zum Beispiel, Erfolge in der Schule, im Sport, Hobbies, Peers, VNV-Nation, der 1. FC Kaiserslautern, Kartoffelpfannkuchen und Ritterfiguren, die in Rohren verloren wurden … Nein, die haben keinen Einfluss. Bach, Koebe und Peter haben es verkündet und mit dem Instrumentalvariablenansatz nachgewiesen, was kein Problem ist, da der IV-Ansatz, wie er bei Bach, Koebe und Peter kenntnisreich abgekürzt wird, keinen Fehlerterm in seinen Modellen duldet. Alles wird erklärt. Alles wird mit dem erklärt, was im Modell ist. Und wenn im Modell nur das Eintrittsalter in die Kita enthalten ist, um Persönlichkeitsmerkmale 12/13 Jahre später zu erklären, dann erklärt auch nur das Kita-Eintrittsalter.

Aber, man ist vor Irrem und Wahnsinnigem nicht gefeit, wenn moderne Datenfuzzis, also nicht die alten, die noch wussten, was sie tun, zumindest mathematisch, wüten: Bach, Koebe und Peter erklären in ihren Modellen nicht die Persönlichkeitsmerkmale von Jugendlichen im Alter von 15 oder 16 Jahren mit deren Eintrittsalter in die Kindertagesstätte, sondern das Eintrittsalter in die Kindertagesstätte im Alter von drei oder vier Jahren mit den Persönlichkeitsmerkmalen im Alter von 15 bzw. 16 Jahren, eben zum Zeitpunkt der Befragung. Moderne Datenfuzzis halten nichts mehr von Chronologie und einer konsequenten Trennung zwischen abhängigen und unabhängigen Variablen: anything goes, nothing works und alles wird interpretiert.

Und noch ein Lesebeispiel: „Jugendliche, die ungefähr ein Jahr früher als andere erstmals eine Kita besuchten, sind um 0,23 Punkte kommunikativer“.

Um 0,23 Punkte, das muss man sich einmal vorstellen.
Und alles, wegen eines um ein Jahr längeren Kita-Besuchs. 0,23 Punkte. Phänomenal. Zumal die Kommunikationsintensität gar nicht gemessen wurde. Eine wirkliche Eingebung dieses Ergebnis. 

Wenn es darum geht, politische Zuarbeit zu leisten, dann gibt es für JUNK/TRASH-Studien keinen Boden, dann ist der Boden mindestens 0,23 Punkte tiefer als beim letzten Mal, das DIW hat Junk/Trash-Studien auf ein um den Faktor 0,23 tieferes Niveau abgesenkt – oder so!


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Telekom für Schlafstörungen verantwortlich: Droht Klagewelle?

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass …

Unsere Lieblingsschlagzeile für heute:

Wer noch zu später Stunde vor dem Bildschirm sitzt, schläft weniger …

Monika Wimmer von der Pressestelle des Sozioökonomischen Panels ist für diese herausragende Leistung der tautologischen Sprachbenutzung verantwortlich. Wir ziehen unseren Hut.

Wir wären nicht auf die Idee gekommen, dass die Leute, die früh ins Bett gehen, mehr Schlaf abbekommen als die, die spät ins Bett gehen. Und was wir auch nie gedacht hätten ist: „Der Schlaf von Menschen, die morgens nicht früh aufstehen müssen, wird durch die Mediennutzung zu später Stunde nicht beeinträchtigt“.

Wer lange schläft, schläft eben länger.

Ohne diese Erkenntnis hätten wir heute Nacht nicht schlafen können.

Wir verdanken sie nicht nur Monika Wimmer, sondern auch Francesco Billari, Osea Giuntella und Luca Stella, die die Daten des SOEP benutzt haben.

Billari, Giuntella und Stella haben nicht nur das SOEP benutzt, sie haben auch TUS benutzt, den „German Time Use Survey“. Mauschelt man TUS und SOEP zusammen, dann kommen 24.680 Befragte und 43.162 Beobachtungen dabei heraus. Davon stammen 5.587 Befragte und 10.869 Beobachtungen aus dem TUS. Die Beobachtungen, aus dem TUS sind z.B.:

  • Ob ein Befragter den PC oder ein Smartphone zwischen 23.00 Uhr und 23.10 Uhr benutzt hat;
  • Ob ein Befragter ein Computerspiel zwischen 23.00 Uhr und 23.10 Uhr benutzt hat;
  • Ob ein Befragter zwischen 23.00 Uhr und 23.10 Uhr Fernsehen geschaut hat.
  • Wie viele Stunden ein Befragter pro Nacht schläft.

Wichtige Informationen!

Das glauben Sie nicht.

Warten Sie nur ab.

Aus dem SOEP kommen natürlich auch wichtige Informationen, nämlich:

  • Ob ein Befragter einen DSL-Anschluss zur Verfügung hat;
  • Wie viele Stunden er pro Nacht schläft.

Und dann gibt es noch weitere wichtige Informationen, damit die Regressionsgleichung schön lang wird und nicht nur aus Popel y = ax + b besteht:

  • Ob Glasfaser verlegt wurde;
  • Wie weit die DSL-Leitung vom nächsten Verteiler entfernt ist (das beeinflusse den Preis und die Geschwindigkeit, sagen die Autoren);

Und dann rechnen sie.

Hier die spärlichen Ergebnisse in unserer Sprache:

  • Aus dem TUS:
    • Wer um 23.10 Uhr noch Computerspiele spielt, Fernsehen schaut oder einen PC oder ein Smartphone benutzt, schläft tendenziell weniger als jemand, der das nicht tut.
  • Aus dem SOEP:
    • Wer eine DSL-Leitung hat, schläft tendenziell weniger;

Wir schreiben „tendenziell“ weil die ausgewiesenen Koeffizienten doch sehr popelig sind, so zwischen 0.01 und 0.042. Eher das, was man als nicht der Rede wert bezeichnen würde. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Autoren keine Angaben über die erklärte Varianz, also die Güte ihrer Modelle machen.

Nun fragt man sich, was hat das Ganze mit der DSL-Leitung zu tun. Die Antwort drängt sich auf. Wie, Ihnen nicht?

Wir zitieren:

“Taken together, our findings suggest that there may be substantial detrimental effects of broadband Internet on sleep duration and quality through its effects on technology use near bedtime.”

Oder noch etwas dramatisierter aus der Pressemeldung:

“Besonders der Schlaf junger Menschen unter 30 Jahren, die einen DSL-Anschluss nutzen, ist gefährdet”, sagt der Ökonom Luca Stella. Schuld sind natürlich PC, Smartphone und Computerspiele – wie könnte es anders sein. Fernsehen ist nicht der Rede wert, sorgt ja auch eher für Schlaf, als dass es Schlaflosigkeit zur Folge hätte.

Wenn also Personen aus einem Datensatz zwischen 23.00 Uhr und 23.10 Uhr einen Computer, Smartphone etc. benutzt haben, weniger Zeit angeben, die sie verschlafen als Personen, die zwischen 23.00 Uhr und 23.10 Uhr keinen Computer, kein Smartphone etc. benutzt haben und wenn in einem ganz anderen Datensatz, in dem ganz andere Befragte die Länge ihres durchschnittlichen Schlafes geschätzt haben und auf die Frage, ob sie denn einen DSL-Anschluss ins Internet haben, geantwortet haben und beides in der Weise zusammenhängt, dass die, die DSL haben, weniger schlafen als die, die kein DSL haben, dann folgt für die Autoren daraus, dass die Nutzung von Computer, Smartphone etc. zum einen schlafraubend ist und zum anderen auf den DSL-Anschluss zurückgeht.

Leute, baut eure DSL-Anschlüsse ab, verklagt die Telekom, denn der Schlafmangel wird von DSL-Anschlüssen verursacht.

Andererseits könnte es natürlich so sein, dass diejenigen, die zwischen 23.00 Uhr und 23.10 Uhr die Teufelswerkzeuge moderner Technologie benutzen, die über DSL noch teuflischer werden, das tun, weil sie nicht schlafen können. Ah, das ist nicht ideologiekonform und überhaupt: Experten, nein „ExpertInnen“ haben „eine Schlafdauer von 7 bis 9 Stunden“ als „gesund“ deklariert. Wer würde es da wagen, von dieser von Experten verordneten Schlafdauer abzuweichen?

Offensichtlich gibt es viele, die das tun, die weniger schlafen, dahingestellt, ob sie das tun, weil sie nicht schlafen können oder nicht schlafen wollen. Bislang ist es noch nicht strafbar, weniger als 6 Stunden zu schlafen, bislang gibt es noch keine Verordnung, die die allgemeine Schlafdauer auf mindestens 7 Stunden festlegt, und es gibt noch keine flankierenden Maßnahmen, also ab 23. Uhr keinen Strom mehr für Privathaushalte, um die minimale Schlafdauer von 7 Stunden auch durchzusetzen. Aber wir arbeiten dran.

Junk Science, produziert von besorgten „Ökonomen“, die ihre Freude daran, das von Expertenvorgaben abweichende Verhalten anderer zu maßregeln, entdeckt haben, bereiten gerade den Weg. Und wer partout nicht schlafen will, der bekommt eben eine Schlaftablette verordnet. Denn: 7 Stunden müssen es mindestens sein. 7 Stunden sind gesund. Experten haben es gesagt. Abweichungen vom Plansoll an Schlaf werden nicht toleriert.
gez. Der Staatsratsvorsitzende.

Der ScienceFiles-Medizinmann empfiehlt:

Wer Schlafmangel hat, der kann auch den Text von Billari, Giuntella und Stella lesen.

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DIW will Notenungleichheit abschaffen [Unsinn der Woche]

Kein Witz.
Keine Satire.
Kein Fake.

Abstrakt – ungekürzt:

„Prüfungsleistungen in vielen Hochschulfächern werden heutzutage fast ausschließlich mit den Noten „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Die Verbesserung der Prüfungsnoten wird als Noteninflation bezeichnet – ein Begriff, der in der Regel negativ konnotiert ist. Er kann aber auch als eine Entwicklung hin zu weniger ausdifferenzierten Benotungssystemen betrachtet werden. Die Ausgestaltung eines Benotungssystems beeinflusst Lernanreize von AbsolventInnen und legt fest, wie viele Informationen an Dritte, wie zum Beispiel ArbeitgeberInnen oder Hochschulen, weitergegeben werden. In der vorliegenden Modellstudie des DIW Berlin wird der Einfluss von Noten auf Lernanreize untersucht. Ein sehr fein ausgestaltetes Benotungssystem kann zu einem ineffizient hohen Lerneinsatz und in der Folge zu Frust und Krankheit führen, wenn Studierende bei ihrer Entscheidung, wie viel Lernaufwand zu leisten ist, einer weit verbreiteten Wahrnehmungsverzerrung, entsprechend der Theorie der auffälligen Auszahlungen, unterliegen. Obwohl die Weitergabe von Informationen wichtig ist, sollte bei der Ausgestaltung eines Benotungssystems auch das Wohlergehen der AbsolventInnen in Betracht gezogen werden, welches letztlich auch ArbeitgeberInnen zugutekommt. In diesem Sinne ist eine Noteninflation nicht notwendigerweise negativ zu bewerten.“

Dieser Unsinn stammt von Lilo Wagner, die wiederum am DIW ungehindert ihr Modell-Unwesen treibt. Wer dem Abstract nicht glaubt, dem können wir gerne noch die Schlussfolgerungen aus dem Artikel nachliefern:

„Wie die vorgestellte Modellstudie zeigt, kann sich ein wenig ausdifferenziertes Benotungssystem positiv auf das Wohlergehen von Studierenden auswirken. Gerade in Hinblick auf die Umstellungen im Rahmen des Bologna-Prozesses, der häufig mit einem erhöhten Leistungsdruck in Verbindung gebracht wird, hat die Noteninflation daher auch Vorteile. Diese Vorteile bieten sich nicht nur den Studierenden selbst, auch zukünftige ArbeitgeberInnen und Krankenkassen profitieren von deren Gesundheit und Motivation.“

Wir fassen die Rabulistik aus dem, was einst ein wissenschaftliches Institut in Berlin war, noch einmal zusammen:

Derzeit gibt es an deutschen Hochschulen eine Noteninflation.
• Es werden nur noch gute oder sehr gute Noten vergeben.
• Anders formuliert: Jeder Dödel erhält eine gute Note.
• Dadurch verlieren Noten ihren Aussagegehalt und ihren differenzierenden Charakter.
• Das, so Lilo Wagner, ist nicht schlecht, denn:
• Dadurch, dass Noten nicht mehr so differenziert sind und nur noch zwischen gut und sehr gut unterschieden wird, fühlen sich Studenten besser.
• Sie behaupten, gesünder zu sein.
• Sie behaupten, nicht so gestresst zu sein.
• Und das ist gut.
• Nein sehr gut.
• In jedem Fall nicht ausreichend oder gar befriedigend.

Es gibt keine Grenze des politisch-korrekten Wahnsinns mehr. Nun haben die Gutmenschen die Notenungleichheit entdeckt und in der Tat ist derjenige, der sein Studium nur mit einer vier bestanden hat, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, zumindest pro forma demjenigen gegenüber benachteiligt, der sein Studium mit einer eins abgeschlossen hat. Um diese Ungleichheit zu beseitigen, vergeben Hochschullehrer schon kaum mehr andere Noten als gut oder sehr gut, vermutlich auch, um nicht in den Ruch zu kommen, Studenten zu diskriminieren, mit Noten zu diskriminieren oder am Ende zu stigmatisieren, als dumm oder nicht in der Lage, ein Studium mit Erfolg zu absolvieren. Entsprechend herrscht die große Gleichmacherei: alle sind gut oder sehr gut. Und das findet Lilo Wagner gut bis sehr gut, weil die Studenten dadurch, dass sie gute Noten weitgehend unabhängig von Leistung erhalten, gesünder sind, sich besser fühlen, nicht so oft zum Psychiater laufen, nicht dahin schmelzen, wie es der Generation Schneeflocke eigentlich ansteht.

Also lassen wir die Differenzierung durch Noten doch weitgehend sein, so die Empfehlung aus dem DIW. Streichen wir die Notenungleichheit. Schaffen wir Ergebnisgleichheit: Jeder, vom dümmsten Hans bis zum Genie hat die gleiche Note. Dass durch die fehlende Differenzierung die Motivation von Hochleistern flöten geht, dass sie nun keinerlei Anlass mehr sehen, besser zu sein als der gute bis sehr gute Durchschnitt, dass ist der Kollateralschaden dieses gesellschaftlichen Wahnsinns, bei dem Mittelmäßige der Mittelmäßigkeit das Wort reden und das Feiern der Mittelmäßigkeit damit begründen, dass sich die Mittelmäßigen dann, wenn sie sich, obwohl sie weiterhin mittelmäßig sind, besser oder gar gut bis sehr gut wähnen, einfach besser fühlen, gesünder sind. Dass sich die Guten und sehr Guten dadurch, dass sie ins Mittelmaß gestülpt, mit dem Mittelmaß gleichgesetzt werden, entsprechend schlecht fühlen und vielleicht krank werden, dass kommt denen, die das Mittelmaß, zu dem sie selbst gehören, aufwerten wollen, nicht in den Sinn. Sie, die noch nie eine Idee, geschweige denn eine innovative Idee hatten, sie wissen einfach nicht, dass man diejenigen, die die entsprechenden Ideen haben, anreizen muss, sie mit den Mittelmäßigen zu teilen. Deshalb schaffen sie die Anreize ab und freuen sich schon auf das Race to the bottom, das immer da beginnt, wo eine Gesellschaft nicht mehr anerkennt, dass es Gesellschaftsmitglieder gibt, die (in bestimmten Bereichen) einfach besser, intelligenter, leistungsfähiger sind als andere.

Aber was soll‘s: Wir rauschen zwar in den Niedergang, aber wir fühlen uns wohl dabei, haben alle ein Studium mit gut oder sehr gut absolviert. Nach welchen Kriterien sucht man eigentlich beim DIW die Mitarbeiter aus?

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Qualitätspresse? Anbiederungspresse! Presse der Ahnungslosen! Untertanenpresse!

Der Begriff der Qualitätspresse taucht in der Regel im Zusammenhang mit FakeNews auf. Bei der Qualitätspresse, so heißt es, da sei man vor FakeNews sicher. Bei der Qualitätspresse, so wird gesagt, da gebe es ein Impressum und ausgebildete Journalisten. Beides gewährleiste Qualität. Bei der Qualitätspresse, da stehe der Versuch, objektiver Berichterstattung an erster Stelle… Und so weiter.

Das Ziel besteht natürlich darin, Qualitätspresse als eine Art „Gütesiegel“ zu vergeben, das die Konsumenten von vermeintlicher Qualitätspresse dazu veranlasst, weniger kritisch oder gar nicht kritisch dem gegenüber zu stehen, was ihnen von dieser Qualitätspresse aufgetischt wird. Ein anderes Ziel, z.B. Konsumenten als zu eigenständigen Gedanken und unabhängigem Urteil fähige Menschen zu akzeptieren, kann sich mit dem Begriff der „Qualitätspresse“ nicht verbinden, denn Menschen, die sich eigenständige Gedanken machen und ein unabhängiges Urteil bilden, tun dies unabhängig von der Behauptung, das, was sie gerade lesen, wäre ein Ergebnis von „Qualitätsjournalismus“.

Kurz: Wer den Begriff der Qualitätspresse oder des Qualitätsjournalismus benutzt, will in der Regel manipulieren, zeigt damit, das er auch nicht weiß, warum das, was er so bezeichnet, Qualität sein soll, hat also keine stützenden Argumente für seine Qualitätsbehauptung und zudem begeht er den logischen Fehler der voreiligen Verallgemeinerung und den des argumentum ad auctoritatem.

Gestern haben wir von einem Versuch aus dem Hause DIW berichtet, ein neues Pay Gap auf keinerlei vorhandener empirischer Basis in die Welt zu reden. Die Junk-Studie, die die Grundlage der Behauptung bildet, dass homosexuelle Männer schlechter bezahlt werden als heterosexuelle Männer, haben wir hier besprochen. Jeder, der auch nur ein wenig Ahnung von empirischer Sozialforschung hat, muss beim Lesen der Junk-Studie sofort merken, dass die Datenbasis keinerlei allgemeine Aussagen, wie sie ein Sexuality Pay Gap darstellt, zulässt. Und wer noch etwas mehr als wenig Ahnung hat, muss schnell merken, dass die Autoren aktiv versuchen, die Leser über die Anzahl der Schwulen, auf die sie ihre Behauptung gründen, zu täuschen.

Tatsächlich wäre diese Junk-Studie in jedem anderen Land der Gegenstand heftiger Kritik in Medien und von Kollegen, wäre die Junk Studie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen, sie wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückgezogen worden. Aber: In Deutschland gehen die Uhren anders. Hier verbreitet ein öffentlich finanziertes Institut wie das DIW munter Studien, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind und baut aktiv an einem neuen Mythos: Dem, dass homosexuelle Männer schlechter bezahlt werden als heterosexuelle Männer und vor allem soll suggeriert werden, sie würden schlechter bezahlt, WEIL sie homosexuell seien.

Kurz: Das DIW verbreitet Lügen, Lügen, die von der angeblichen Qualitätspresse nur zu willig aufgenommen werden.

Wir muten unseren Lesern nun einen repräsentativen Ausschnitt (jedes deutsche Printmedium hatte dieselbe Chance, in unserer Auswahl zu landen) der Realität deutscher Qualitätspresse zu.

Das Handelsblatt:

Quelle: https://giphy.com

„Schwule verdienen weniger Geld: Einen „Pay Gap“ gibt es nicht nur beim Thema Geschlecht…. Schwule ]verdienen] sogar 2,64 Euro weniger.”

Deutschlandfunk

„Schwule Männer verdienen weniger als heterosexuelle: Homosexuelle Männer werden in Deutschland schlechter bezahlt als heterosexuelle. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung beträgt die Differenz beim realen Stundenlohn etwa zwei Euro.“

Berliner Kurier

„Sexuality Pay Gap“ Schwule verdienen weniger, Lesben mehr als Heteros. Berlin Schwule Männer bekommen auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Schnitt einen geringeren Stundenlohn als heterosexuelle. Die Differenz beim realen Brutto-Stundenlohn betrage rund 2,14 Euro, heißt es in einer Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Donnerstag in Berlin vorstellt.”

Die ZEIT (wie immer mit dem dümmsten Titel:)

„Homosexuelle Männer werden beim Gehalt benachteiligt:
Ökonomen haben in einer Studie einen sogenannten Sexuality-Pay-Gap identifiziert: Schwule verdienen in Deutschland demnach weniger pro Stunde als heterosexuelle Männer.“

Die Welt

“Schwule Männer verdienen weniger als Heteros. Weniger Geld für die gleiche Leistung – das betrifft offenbar nicht nur Frauen, sondern auch schwule Männer. Sie entscheiden sich bei der Berufswahl zudem weit häufiger als Heteros für ganz bestimmte Branchen.”

Neues Deutschland

Quelle: https://giphy.com

“Schwule bekommen schmaleren Lohn:
Schwule erhalten im Mittel einen Stundenlohn von 16,40 Euro brutto, während ihre heterosexuellen Kollegen auf rund 18 Euro kommen, heißt es in der Studie, die DIW-Ökonomen am Donnerstag vorstellten. Berücksichtigt man, dass Schwule häufig eine höhere Schulbildung haben, dann beläuft sich die Differenz sogar auf über zwei Euro. Das DIW spricht deswegen von einem »Sexuality Pay Gap«, analog zum »Gender Pay Gap«, der Lohnkluft zwischen Frauen und Männern.”

Der Spiegel

“Schwule verdienen weniger als Heteros
Frauen verdienen weniger als Männer. So weit, so bekannt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet nun vor: Auch homosexuelle Männer werden benachteiligt.”

Der Tagesspiegel

“Weniger Gehalt trotz besserer Bildung: Von wegen konsumfreudig und hedonistisch – Lesben, Schwule und Bisexuelle verdienen in Deutschland deutlich weniger Geld als Heterosexuelle. Das hat ein Wissenschaftlerteam des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW in Berlin herausgefunden.”

FAZ

“Schwule haben geringeren Stundenlohn
Homosexuelle Männer verdienen laut einer neuen Studie schlechter als Heteros. Im Durchschnitt ist ihr Stundenlohn 2,14 Euro niedriger.”

Augsburger Allgemeine

“Studie: Homosexuelle Männer verdienen weniger als Heterosexuelle. Der Stundenlohn unterscheidet sich einer Studie zufolge brutto um etwa zwei Euro: Welche Rolle spielt die sexuelle Orientierung bei der Bezahlung?”

Und so weiter.

So entstehen Mythen.

So verbreiten sich FakeNews.
Es beginnt mit einer Pressemeldung eines Instituts, das am Tropf der Steuerzahler hängt und sich regelmäßig als politisch korrektes Institut bei Politikern andient. Darin wird behauptet, es gäbe ein Pay Gap zwischen homosexuellen Männern und heterosexuellen Männern.
Dass die Grundlage dieser Behauptung keine derartige Verallgemeinerung zulässt, dass in der angeblichen Studien die Fallzahl, auf der das behauptete Pay Gap basiert, absichtlich verheimlicht wird, das steht natürlich nicht in der Pressemeldung. Um dies auf einen Blick zu sehen, müsste man in die Studie schauen. Aber das macht natürlich keiner der angeblichen Qualitätsjournalisten. Ob bei Spiegel, ZEIT, FAZ, Welt oder Augsburger Allgemeine beschäftigt, sie kupfern nur das ab, was in der Pressemeldung des DIW verkündet wird.

Sie machen sich zum Mittäter bei der Verbreitung von FakeNews.

Warum kommt keiner der angeblichen Qualitätsjournalisten auf die Idee, die Aussagen in der Pressemeldung zu prüfen? Warum interpretieren die angeblichen Qualitätsjournalisten ihren Beruf dahingehend, Sprachrohr für institutionelle Pressemelder zu sein?

Quelle: https://giphy.com

Drei Antworten:
Die vermeintlichen Qualitätsjournalisten sind keine Qualitätsjournalisten, sondern ahnungslose Dilettanten, die verbreiten, was man ihnen auftischt, weil sie über keinerlei Urteilsvermögen verfügen, das es ihnen ermöglichen würde, zu beurteilen, was man ihnen auftischt.

Die vermeintlichen Qualitätsjournalisten sind autoritäre Persönlichkeiten, die nie auf die Idee kommen würden, die Pressemeldung einer Institution zu kritisieren, die sie – weil sie von Ministerien finanziert wird – der Obrigkeit zuordnen. Eher machen sie sich in die Hosen, als dass ihnen der Gedanke, man könne den Inhalt von Pressemeldungen prüfen, schlimmer noch: Der Beruf „Journalist“ verlange, dass man den Inhalt von Pressemeldungen prüft, um sich nicht zum Helfershelfer bei der Verbreitung von Mythen, Lügen und Falschmeldungen zu machen, in den Kopf käme.

Die vermeintlichen Qualitätsjournalisten sind Opportunisten, die jede Gelegenheit nutzen, um ihre Anpassung an den Mainstream und das, was als politisch-korrekt gilt, deutlich zu machen. Am liebsten signalisieren sie durch Meldungen, mit denen man sich nicht nur bei der Lobby der gesellschaftlichen Gruppen andienen kann, die gerade In sind, ihre Fähigkeit, zum Kriechen und produzieren sich im gleichen Moment, dadurch, dass sie auf eine vermeintliche Diskriminierung hinweisen, als ein Social Justice Warrior, der im Gegensatz zu Don Quichotte nicht einmal eine Windmühle benötigt, um seine Lanze der Gerechtigkeit gegen seine Einbildung zum Einsatz zu bringen.

Diese Schreiber von der traurigen Gestalt kann man kaum als Qualitätsjournalisten bezeichnen. Man kann sie entweder nur bemitleiden, weil sie das willige Werkzeug in der Hand geübter Manipulateure sind oder verachten, weil ihre Loyalität nicht mit bei ihren Lesern liegt, sondern bei denen, die sie als ihre Obrigkeit ansehen.

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles

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