Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum absurde und falsche Ideen, wie die der Existenz eines Gender Pay Gap in vielen Ländern der westlichen Welt fast simultan auftauchen, von einer neuen Klasse, die man als internationale Nutokratie bezeichnen könnte, transportiert werden?
Haben sich vor Ihrer Haustür schon einmal zwei Anhänger der Zeugen Jehovas eingefunden (Zeugen treten nur im Tandem auf), um sie von den Wohltaten ihrer Lehre zu überzeugen und mit ihnen über die Bibel, Gott und den Wachturm zu sprechen?
Und haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso es eine Horde von Gutmenschen gibt, die Gutes dabei findet, Rauchern ihr Hobby zu vergällen, Regelungen, die Raucher gängeln, zu fordern und darüber hinaus Schadenfreude empfindet, wenn Raucher für ihre Glimmstengel mehr Geld ausgeben müssen?
Nun, falls Sie sich das gefragt und keine Antwort gefunden haben, eine noch nicht publizierte, aber dem „early view“ zugängliche Untersuchung von Emma F. Thomas, Craig McGarty und Winnifred Louis gibt eine Antwort, die spannend, vielsagend und erhellend ist, zeigt sie doch, was Gutmenschen, Politiker, politische Aktivisten, politische Extremisten, politische Fundamentalisten und Sektenmitglieder eint, was sie gemeinsam haben.
Thomas, McGarty und Louis haben 72 Studenten und 50 nicht-Studenten einem Experiment unterzogen, dessen Ziel darin bestand, die psychologischen Prozesse und Strukturen nachzuzeichnen, die zu politischem Aktivismus und politischem Extremismus führen. Sie untersuchen also die Antwort auf die Fragen, die oben gestellt wurden: Warum empfindet jemand Schadenfreude, wenn er dafür sorgt oder denkt, einen Anteil daran zu haben, dass Dritte höher besteuert werden? Warum finden sich Personen in Gruppen zusammen und sabotieren Bahngleise? Warum sind Politiker bemüht, den von ihnen erfundenden unterdrückten Frauen „zu helfen“, indem sie sie erst einmal für unmündig erklären? All diese Fragen werden von Thomas, McGarty und Louis beantwortet.
Um diese Fragen zu beantworten, haben sie ihre 122 Probanden erst einmal in drei Gruppen aufgeteilt. Mitglieder der ersten Gruppe sollten ohne ihr Wissen zu politischen Aktivisten gemacht werden, Mitglieder der zweiten Gruppe zu politischen Extremisten und Mitglieder der dritten Gruppe, waren keine Gruppe, sondern eine Reihe von Individuen, die gleiche Aufgaben zu erledigen hatten, wie die Mitglieder der beiden zuerst genannten Gruppen, aber eben alleine blieben und als Kontrollgruppe fungierten.
Alle Gruppen wurden mit Material konfrontiert, das in Einzelheiten die Bedingungen beschrieben hat, unter denen Käfig-Hühner ihr Dasein fristen, das aus dem Legen von Eiern und wenig mehr besteht. Anschließend wurde die erste Gruppe dahingehend „gebrieft“, dass man das Leid der Hühner nur beseitigen könne, wenn man politisch initiativ werde und die legalen gesetzgeberischen Wege beschreite. Die zweite Gruppe wurde dahingehend unterrichtet, dass legale Wege keinen Erfolg erbracht hätten, weshalb es nunmehr notwendig sei, mit direkten Maßnahmen, wie Einbruch in entsprechenden Bauernhöfen und Befreiung der Hühner zu reagieren. Die Alleinarbeiter der dritten Gruppe erhielten weder das eine noch das andere Briefing.
Es ist an dieser Stelle wichtig darauf hinzuweisen, dass die Forschung eine strukturelle und keine inhaltliche Frage beantworten will. Es geht also nicht um den Missstand, den die Käfighaltung von Hühnern darstellt. Der Inhalt ist beliebig austauschbar, z.B. mit dem Leiden von Delphinen und Walen, mit Adipositas und Rauchen, mit politischen Ideologien und Überzeugungen und vielem mehr. Relevant ist der Prozess, der den Inhalt, von einer persönlichen Angelegenheit zu einer Angelegenheit transformiert, die Gegenstand politischen Aktivismuses und politischen Extremismuses wird.
Erschreckend an den Ergebnissen von Thomas, McGarty und Louis ist, wie einfach es war, die Gruppenmitglieder zu politischen Aktivisten zu machen, die ihr neues Sendungsbewusstsein durch eine Informationskampagne und politischen Lobbyismus in die Außenwelt tragen wollen, bzw. sie zu politischen Extremisten zu machen, die der Ansicht sind, man müsse die Verursacher des gemeinsamen Kummers dafür strafen und gegen sie vorgehen. Zwischen politischem Aktivismus und politischem Extremismus ist also nur ein Fingerbreit, ein unterschiedliches Briefing, ein anderer Führer, was auch immer den Ausschlag geben mag.
Und somit können die oben gestellten Fragen überzeugend beantwortet werden. Politiker, politische Aktivisten, politische Extremisten, politische Fundamentalisten, Gutmenschen und Sektenmitglieder eint ihre kollektive Sozialisation. Sie finden sich in Gruppen zusammen, als Partei, als NGO, als Bewegung, als Terrorist oder als Adipositas-Besorgte oder als Zeugen Jehovas. In ihren Gruppen bestätigen sie sich gegenseitig einen gemeinsamen Kummer, der sie bedrückt, aber und im Gegensatz zum Experiment von Thomas, McGarthy und Louis in der wirklichen Welt nicht vorhanden sein muss.
Haben sie erst einmal einen gemeinsamen Kummer etabliert, das Gender Pay Gap im Speziellen oder die angebliche Unterdrückung von Frauen im Allgemeinen, die ungesunde Lebensweise von nicht-Gruppenmitgliedern, die Meinungsfreiheit, die von politischen Gegnern ausgenutzt wird oder die Tatsache, dass nicht-Gruppenmitglieder noch nicht den richtigen Weg zu Gott gefunden haben, dann besteht der nächste Schritt darin, aus diesem gemeinsamen Kummer eine Aufgabe, eine gemeinesame Mission zu machen. Dazu bedarf es eines Führers, wie Thomas, McGarty und Louis zeigen konnten, denn die Überzeugung der Gruppenmitglieder erfolgte über einen „erfundenen Experten“. Ist die Mission erst formuliert, dann schwärmen die Überzeugungstäter aus, um den nicht-Gruppenmitgliedern das Heil zu bringen, entweder in Form von Gesetzen, die das Rauchen an bestimmten Orten verbieten, in Gesetzen, die die Schimäre der Unterdrückung von Frauen durch reale Diskriminierung von Männern beseitigen oder in Aktionen, die Bahngleise zum Transport von Castor-Behältern unbrauchbar macht oder politische Gegner ihrer Meinungsfreiheit beraubt. Die Notwendigkeit eines Führers verweist auf eine weitere Zutat, die das Experiment von Thomas, McGarty und Louis aufgezeigt hat: Die Gruppenmitglieder müssen bereit sein, die eigene personale Identität zu Gunsten einer sozialen Identität der Gruppengefolgschaft aufzugeben. Man kann also begründet vermuten, dass die entsprechenden Gruppenmitglieder durch eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur ausgezeichnet sind.
Thomas, Emma F., McGraty, Craig & Louis, Winnifred (2013). Social Interaction and Psychological Pathways to Political Engagement and Extremism. European Journal of Social Psychology (early view).
