Sozis als Gotteskrieger: Grenze zu religiösem Fundamentalismus bei SPD überschritten (in Frankfurt)

Gestern haben wir darüber berichtet, dass die Frankfurter SPD und ihr Stadtverordneter Thomas Bäppler Wolf auf Grundlage von Null-Information und – wie eine Pressemeldung der Universität Frankfurt nahelegt – ganz offensichtlich auf Basis von reinen Vermutungen, die in diskreditierender Absicht angestellt wurden, versucht, den wissenschaftlichen Kongress zum Thema „Partnerkonflikte gewaltfrei austragen“, der vom 13. bis zum 15. April in den Räumlichkeiten der Universität Frankfurt stattfinden soll, zu verhindern und Veranstalter und Teilnehmer gleich vorab als homophob zu diffamieren.

In einer Stellungnahme hat sich zwischenzeitlich die Universität Frankfurt von den wilden Spekulationen der SPD, in denen auch die Behauptung, der Veranstalter habe gegenüber der Universität Frankfurt falsche Angaben gemacht, erfunden wurde, distanziert und die folgende Pressemeldung veröffentlicht:

„Seit einigen Tagen wird im Hinblick auf den Kongress „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“, der vom 13. bis 15. April 2018 auf dem Campus Westend der Goethe-Universität stattfinden soll, eine kontroverse öffentliche Debatte geführt und scharfe Kritik geübt. Das Präsidium nimmt dies zum Anlass, über den gegenwärtigen Sachstand zu informieren: Die AG Familienkonflikt hat vertreten durch Prof. Dr. Gerhard Amendt Veranstaltungsräume bei der CampuService GmbH angemietet.

Als Vermieterin von Veranstaltungsräumlichkeiten nimmt die CampuService GmbH, eine Tochter der Goethe-Universität, weder Einfluss auf die inhaltlichen Planungen von Veranstaltungen, die auf dem Gelände der Goethe-Universität stattfinden, noch macht sich die CampuService GmbH oder die Goethe-Universität deren Inhalte zu eigen. Vor Vertragsabschluss prüft die CampuService GmbH die Angaben und Veranstaltungsinformationen potentieller Mieter. Abgelehnt werden z.B. Anfragen verfassungsfeindlicher Organisationen sowie von Organisationen und Personen, die extremistisches Gedankengut vertreten. Abgelehnt werden auch Veranstaltungen, bei denen absehbar ist, dass durch sie der Lehr- und Forschungsbetrieb spürbar gestört wird.

Die Prüfung der Veranstaltungsanfrage „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“ ergab im Vorfeld keine Hinweise, dass die beantragte Veranstaltung nicht den üblichen Grundsätzen der CampuService GmbH zur Raumvermietung entspricht. Derzeit ergibt sich keine juristische Begründung für eine außerordentliche Kündigung.

Im Sinne der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit versteht sich die Goethe-Universität als Ort, an dem kontroverse Themen und polarisierende Positionen offen geäußert werden können. Dies bedeutet natürlich immer auch, dass Kritik, Widerspruch und Gegenrede notwendig, ja willkommen sind. Die Goethe-Universität bietet Raum für einen offenen Diskurs und steht, wie in ihrem Leitbild formuliert, für die Werte einer offenen, vielfältigen und demokratischen Gesellschaft.”

Vor allem der letzte Absatz macht die Unterschiede deutlich zwischen einer liberalen und aufgeklärten Welt und der fundamentalen und faschistischen Welt, die wohl der (Frankfurter) SPD als Ideal vorschwebt. Dass man bei der Frankfurter SPD nicht davor zurückschreckt, pauschale Verdächtigungen und Diffamierungen auszusprechen, wie wir gestern dargestellt haben, dass diese Verdächtigungen ausschließlich auf Grundlage der eigenen Ideologie also auf Grundlage der Tatsache, dass es Menschen gibt, die anderer Meinung sind, getroffen werden und dass diese Verdächtigungen somit in keinem Verhältnis zur Realität stehen, zeigt, dass zumindest Teile der Frankfurter SPD den Weg in den politischen Fundamentalismus gegangen sind. Die Art und Weise, in der Teile der Frankfurter SPD in der Öffentlichkeit agieren, weist dabei alle Eigenschaften auf, die Douglas Pratt als Eigenschaften eines religiösen Fundamentalismus‘ herausgearbeitet hat:

„religious fundamentalism is a deeply rooted phenomenon that can, and does, give rise to political acts. Religious fundamentalism can imply a narrow, strict, and limited metaphysics and a set of doctrines, which to a greater or lesser degree hardly impinge on the wider life of society; it can also mean a worldview perspective that engenders, if not demands, the advocacy of a socio-political ordering and action to achieve an intended outcome” (Pratt 2010: 441).

Das Merkmal eines politischen oder religiösen Fundamentalismus ist demnach, das seine Ideologie (limited metaphysics oder worldview perspective) verabsolutiert und zur Wahrheit erklärt wird. Wenn eine Ideologie zur Wahrheit erklärt wird, muss keinerlei Test an der Realität mehr durchgeführt werden, denn die Ideologie ist wahr, weicht die Realität ab, müssen finstere Mächte dafür verantwortlich sein, finstere Mächte, die z.B. andere Meinungen als im Rahmen der Ideologie zugelassen, haben. Abweichende Meinungen werden von religiösen und politischen Fundamentalisten generell als böse und falsch bewertet, weil sie der Wahrheit, die in der eigenen Ideologie ausgedrückt sein soll, widersprechen. Menschen anderer Meinung werden zu Häretikern und als solche sind sie zum verbalen Abschuss freigegeben, d.h. es gibt keinerlei Moral und keinerlei Gewissen, das interveniert, wenn den Häretikern willkürlich und ohne Grundlage Eigenschaften wie Homophobie zugeschrieben werden.

Für Pratt besteht die Gefahr, die von einem religiösen oder politischen Fundamentalismus ausgeht, darin, dass ein passiver Fundamentalismus, der die Wahrheit der eigenen Ideologie nur im kleinen Kreis der eigenen Sekte zelebriert, zu einem – wie er es nennt – impositionalen Fundamentalismus wird. Ein impositionaler Fundamentalismus zeichnet sich dadurch aus, dass die Wahrheit der eigenen Ideologie, von den politischen Gotteskriegern nunmehr denen aufgezwungen werden soll, die eine abweichende Meinung haben bzw. dadurch, dass diejenigen, die eine abweichende Meinung haben mundtot gemacht oder physisch getötet werden sollen. Die letzte Unterscheidung beschreibt dann den Rubikon zwischen impositionalem politischen Fundamentalismus und politischem Terrorismus.

Drei Schritte machen für Pratt aus einem passiven Fundamentalismus, der zuhause im stillen Kämmerlein oder wie man heute sagen wird, in der Echokammer gepflegt wird, einen impositionalen politischen Fundamentalismus, der die Hegemonie im öffentlichen Diskurs beansprucht und Menschen abweichender Meinung verfolgt. Wir haben die drei Schritte, die Pratt für den religiösen Fundamentalismus ausgearbeitet hat, für den von uns beschriebenen politischen Fundamentalismus angepasst:

• Absolutheit des eigenen Glaubens: Politische und religiöse Fundamentalisten gehen davon aus, dass ihr Glauben einen Wahrheitsanspruch mit sich bringt. Dadurch ist es möglich, die eigene Lehre in Gänze zu erfassen, was z.B. durch emsiges Studium der Bibel oder des Koran, der Lehren von Karl Marx oder des Parteiprogramms der SPD zu leisten ist.

• Politische Fundamentalisten sind davon abhängig, dass ihre soziale Bezugsgruppe ihre Aussagen und Handlungen positiv bewertet. Ähnlich der Hierarchisierung von Jugendbanden, wie sie Trasher (1936) oder Whyte (1943) beschrieben haben, so herrscht auch in Gruppen politischer Fundamentalisten ein bestimmter Kodex, der es ermöglicht Innergruppen-Status dadurch zu erreichen, dass man Menschen mit abweichender Meinung bekämpft. Während in Jugendbanden die körperliche Auseinandersetzung Grundlage von Statusgewinn ist, wird in den meisten Gruppen politischer Fundamentalisten (noch) die verbale Auseinandersetzung praktiziert, die darin besteht, denjenigen mit abweichender Meinung, verbal zu diskreditieren und in der Öffentlichkeit schlecht zu machen. Menge und Reichweite der Diskreditierungen sind die Grundlage, auf der innergruppen-Status zugewiesen wird.

• Politische Fundamentalisten zeichnen sich durch ein „closed mind“ (Rokeach 1980) aus. Eine Diskussion mit ihnen ist nicht möglich. Sie sind keinen Argumenten zugänglich. Das ist eine zwangsläufige Folge ihrer Überzeugung, sich im Besitz der Wahrheit zu befinden. Ein Akteur, der meint, er wisse schon alles, worüber soll ein solcher Akteur diskutieren?

Urteilen Sie selbst, ob die SPD in Frankfurt (und anderswo), den Weg in den politischen Fundamentalismus gefunden hat, ein Weg übrigens, der dann, wenn man Positionen des Genderismus‘ übernimmt, unabdingbar ist (aber das nur nebenbei).

Auf Genderama finden sich weitere Hintergründe zu den Versuchen der Frankfurter SPD die reale Welt ihrer Ideologie anzupassen und Kritik und andere Meinungen zu unterdrücken. Das Irre an dieser Form des politischen Fundamentalismus ist nun, dass das, was unterdrückt werden soll, sowieso eine Erfindung der SPD ist, deren Stadtverordnete versuchen, durch Unterstellungen einen Strohmann aufzubauen, den man bekämpfen kann. Zur Erinnerung, bei der Tagung geht es um das gewaltfreie Austragen von Famlienkonflikten. Homophobie ist offenkundig etwas, das die SPD Stadtverordneten so beschäftigt, dass sie mit dem Begriff, den sie als Kampfbegriff ansehen, wild um sich werfen. Es ist immer wieder erschreckend, dass sich manche nicht vorstellen können, dass andere nicht wie sie selbst von genau einem Hassobjekt dominiert werden, einem Hassobjekt, das das, was ihnen wie denken vorkommt, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen durchzieht und an dem sie alles, was ihnen begegnet, in Verbindung bringen. Die Erklärung dieses Verhaltens über eine Projektion im Sinne von Freud liegt dabei nahe. Früher fand man solche psychisch Verstörten in spezialisierten Institutionen, heute sind sie scheinbar in der Politik tragbar.

Ebenfalls auf Genderama findet sich eine Stellungnahme der Veranstalter des Kongresses.

Literatur
Pratt, Douglas, 2014: From Religion to Terror: Christian Fundamentalism and Extremism. In: Payne, John David, Bowen, Donna Lee & Sherlock, Richard (eds.): Religion and Terrorism. Plymouth: Lexington Books, 119-152.

Pratt, Douglas, 2010: Religion and Terrorism: Christian Fundamentalism and Extremism. Terrorism and Political Violence 22, 3: 438-456.

Rokeach, Milton, 1980: The Open and the Closed Mind: Investigation into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Trasher, Frederic M. (1936). The Gang. Chicago: University of Chicago Press.

Whyte, William F. (1943). Street Corner Society. Chicago: University of Chicago Press.


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Heranwachsende Probleme: Muslimische (und christliche) Schüler in Düsseldorf und Wuppertal

Autoritäre Einstellungen bei Schülern“, so lautet die Überschrift eines Blogposts bei der Richard Dawkins Foundation. Der Post, ein Text von Felix Kruppa, behandelt im Wesentlichen die Ergebnisse, die Kruppa für die wichtigsten seiner Magisterarbeit hält, der Magisterarbeit, in der er nach seiner Ansicht autoritäre Einstellungen gemessen hat.

Was er in jedem Fall gemessen hat, sind in Teilen bedenkliche Einstellungen bei jungen Menschen, die im Durchschnitt noch nicht einmal das 18. Lebensjahr erreicht haben. Alle Befragten von Kruppa, 668 an der Zahl, sind Schüler an Schulen in Düsseldorf oder Wuppertal, etwas mehr als die Hälfte besuchen ein Berufskolleg, der Rest verteilt sich auf Gymnasien, Gesamt- und Hauptschulen.

Kruppa unterscheidet seine Befragten, die er konsequent und politisch-korrekt mit SuS abkürzt, also Schüler und Schülerinnen (dazu kommen wir noch), nach Religionszugehörigkeit: 296 Christen, 189 Muslime, 159 Atheisten und 24 Sonstige hat er in seinem Datensatz, einem Datensatz in dem auch die Antworten auf neun Aussagen enthalten sind, die Kruppa im Text darstellt.

Wir wollen das an dieser Stelle verkürzt und auf die Aussagen beschränkt tun, die man nicht als politisch-korrekte mit einer gewissen Anbiederungsaffinität versehene Aussagen ansehen muss.

„Ich kann mir eine Freundschaft mit einem homosexuellen Menschen gut vorstellen“
Ablehnung: 15% der christlichen, 48,1% der muslimischen und 12% der atheistischen Schüler.

“Ich kann mir eine Freundschaft mit einem Juden vorstellen.”
Ablehnung: 6,2% der christlichen, 17,3% der muslimischen und 8,2% der atheistischen Schüler.

“Religiöse Gesetze sind mir wichtiger als die Gesetze des Landes, in dem ich lebe.”
Zustimmung: 12,5% der christlichen, 52,3% der muslimischen Schüler;

Alle sonstigen Items, wie „Männer und Frauen sollten ihren traditionellen Rollen nachkommen“; „Meine eigene Weltanschauung hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben“ oder „In der Erziehung von Kindern sind Körperstrafen manchmal wichtig, um das Kind wieder auf den richtigen Weg zu bringen“, sind Zeitgeistfragen, deren Beantwortung wenig über die Einstellung der Befragten, aber viel über ihre Fähigkeit gesellschaftliche Vorgaben nachzuplappern aussagt, so wie die konsequente Genderschreibweise, die Kruppa nutzt, viel über dessen kritische Denkfähigkeit aussagt (auch dazu später).

Beschränkt man sich auf die relevanten Aussagen, die wir oben dargestellt haben, dann zeigt sich ein erstaunliches Scheitern schulischer und gesellschaftlicher Integration, und zwar nicht nur für Muslime. Schüler, die die Frage einer Freundschaft von einem vorausgehenden Passungstest dahingehend abhängig machen, ob der eventuelle Freund nicht zu einer Population gehört, die man aus welchen Gründen auch immer ablehnt, die also ihr eigenes Urteil unter die Herrschaft von Vorurteilen stellen, keinen Wert auf die Person des Gegenüber, und allen Wert auf deren Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung legen, sind das Paradebeispiel für autoritäre Persönlichkeiten, die nicht zur eigenen Urteilsbildung fähig sind.

Sie stellen in einer demokratischen Gesellschaft dann ein Problem dar, wenn sie zu häufig werden. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass die Argumente oder die Leistung oder die Verdienste eine Menschen, eines konkreten Menschen seine Beurteilung determinieren, und nicht seine Zugehörigkeit zur AfD, zur Jungen Union, zu Attac! oder sonstige Variablen, die keinen Aufschluss über die Qualität seiner Aussagen oder seiner Leistungen geben.

Noch beklemmender als die Tatsache, dass stattliche Anteile von Schülern, es nicht geschafft haben, eine unabhängige Persönlichkeit zu entwickeln, ist das Ausmaß einer fehlenden politischen Integration, das sich darin zeigt, dass 12,5% der christlichen und 52,3% der muslimischen Schüler religiöse Gesetze für wichtiger halten als die Gesetze des Landes in dem sie leben. Abermals ist dies per se kein Problem. Es wird dann zu einem Problem, wenn die Gesetze des Landes mit den religiösen Gesetzen in Widerspruch treten. Und es wird zum Problem, weil mit religiösen Doktrinen im Gegensatz zu politischen Gesetzen keinerlei Variabilität verbunden ist. Religiöse Doktrinen beanspruchen umfassende Geltung, während Gesetze eines Staates beanspruchen, die beste Lösung für bestimmte Probleme darzustellen, was es grundsätzlich mit sich bringt, dass Gesetze, die sich als kontraproduktiv oder schlicht unzulänglich erweisen, revidierbar sind. Ganz davon abgesehen kommen Gesetze in einem demokratischen Staat durch Diskussion und Abstimmung zustande (im Ideal), während eine religiöse Doktrin von einem, der für sich beansprucht, ihm habe sich die Wahrheit offenbart, verkündet wird.

Deshalb sind religiöse Doktrinen, und zwar egal, aus welchem Glaubenskontext sie stammen, nicht mit demokratischen Gesetzen vereinbar. Deshalb verlangt ein demokratisches Staatswesen die politische Integration seiner Bürger unter Zurücklassung ihrer religiösen Überzeugungen. Letztere sind Privatsache. In der Sphäre politischer Ordnung haben sie nichts zu suchen, weder in christlicher noch in muslimischer Variante, denn private Vorlieben können nicht der Maßstab für Regelungen des öffentlichen Lebens sein. Wenn 12,5% der christlichen und 52,3 der muslimischen Schüler dies anders sehen, dann ist das ein erhebliches Problem für eine demokratische Gesellschaft, denn hier wachsen Fundamentalisten heran, die unfähig zu Kompromissen und unfähig zur Toleranz sind, wenn es um das geht, was sie für eine religiöse Wahrheit halten.

Sollten die Ergebnisse von Kruppa, die an Schulen in Düsseldorf und Wuppertal gewonnen wurden, an anderen Schulen und in anderen Bundesländern repliziert werden können, dann müsste man daraus den Schluss ziehen, dass der demokratischen Gesellschaft Deutschlands ein erhebliches Problem ins Haus steht, erheblicher als es die derzeit dem Totalitarismus frönenden Gläubigen an das Heil des Marxismus oder Leninismus derzeit bereits darstellen.

Kruppa hat somit in einer Magisterarbeit anschlussfähiges Material geliefert, Forschungsergebnisse, die nach Replikation und Weiterverwendung geradezu rufen. Ob der Ruf von der institutionalisierten Wissenschaft gehört wird, wenn vorhersehbar unpopuläre Ergebnisse dabei herauskommen?

Wir werden es sehen.

Was weniger erfreulich ist, ist die fast schon autoritäre Anpassung an staatliche Vorgaben, die selbst bei Studenten, denen man ein gewisses Kritikpotential unterstellen kann, wie Kruppa, der Fall ist. Er schreibt durchgängig von SuS, „Schüler und Schülerninnen“, und stellt damit seine persönlichen Vorlieben über wissenschaftliche Standards. Dabei kommen Absurditäten wie „weibliche Schülerinnen“ heraus, von denen man normalerweise denken würde, ein kritischer Student sei in der Lage, sie zu erkennen und zu löschen, schon um sich nicht lächerlich zu machen.

Was jedoch verstörend wirken muss, ist wenn ein Student, der sich auf Popper beruft, und der über „autoritäre Persönlichkeiten“ schreibt, am Ende seines Textes einen apodiktischen Stil pflegt, den man einer autoritären Persönlichkeit zuschreiben würde und der sich dadurch auszeichnet, dass er in die offizielle Litanei der notwendigen Erziehung der Massen dieses Mal zur korrekten Verwendung demokratischer Floskeln und Leerformeln, einstimmt:

„Unabdingbar ist neben einer stärkeren Demokratieerziehung, die auch geschichtliches Wissen beinhalten müsste und die Diskussion über gelebte und konstituierende Werte miteinschließt, bei Lehrkräften auch ein Wissen über die Lebenswelt und Religion ihrer SuS. Vor allem, weil Autoritarismus nicht vereinbar ist mit der kritisch-historischen Auslegung religiöser Schriften auf Basis philosophischer Wertehaltungen (Quest-Orientierung) müssen grundlegende Kenntnisse über die jeweilige Religion schon in der Lehramtsausbildung vermittelt werden, um religiös begründeten autoritären Einstellungen sinnvoll begegnen zu können.
Gleichzeitig muss vor allem einer extrinsisch, durch sozialen Druck oder instrumentell motivierten Religionsoktroyierung entgegengewirkt werden, die mit autoritären Persönlichkeiten korreliert und gemäß des Islamwissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi in den deutschen Koranschulen vorherrschend ist.“

Einmal davon abgesehen, dass die Ergebnisse, die Kruppa berichtet, derart weitreichende Schlüsse nicht einmal im Entferntesten tragen, ist es geradezu autoritär-dogmatisch, dass Kruppa weiß, was „unabdingbar“ ist, was „nicht vereinbar“ ist, wie man etwas „sinnvoll begegnen“ kann und was „entgegenwirkt“ werden muss. Etwas Zurückhaltung ist zuweilen in wissenschaftlichen Arbeiten besser, schon weil diejenigen, die die bedenklichen Einstellung äußern, keine Erziehungsmasse, der man den Gütestempel „demokratisch unbedenklich“ auf den Hintern brennen kann, sind, sondern Menschen, die wie alle anderen Menschen auch, zunächst einmal Respekt verdient haben, und weil es bislang noch keine soziale Planung gegeben hat, die ohne Nebenfolgen, ohne unbeabsichtigte Folgen und ohne Reaktanz geblieben ist.

Derartige Zurückhaltung ist besonders dann erforderlich, wenn man Schlüsse aus Ergebnissen zieht, die auf heftig verzerrten Stichproben basieren, wie dies Kruppa tut.

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Normalisierung von Wahnsinn: In Deutschland werden logische Fehler zum Standard

Dass es mit einer Gesellschaft bergab geht, das merkt man auch daran, dass der öffentliche Diskurs zunehmend von den Ideologen übernommen wird, also von Dummen, die kein Interesse daran haben, Argumente zu tauschen und über die richtige Interpretation von Fakten zu streiten, sondern daran, das, was sie sich als ihre Wahrheit einbilden, allgemeinverbindlich zu machen. Einschüchterung von Kritikern, der Versuch, Kritik zu unterdrücken oder zu verunmöglichen, sie zum Sakrileg zu stigmatisieren, sind die Mittel, die die entsprechenden Ideologen in der Regel dann wählen, wenn sie noch nicht zu offener Gewalt übergegangen sind oder noch nicht zu offener Gewalt übergehen können.

Deutschland befindet sich noch im Vorstadium zur offenen Gewalt. Die Unterdrückung von Meinungen, die Hexenjagd auf Kritiker und diejenigen, die Kritik aufnehmen, die Verfolgung von ideologischen Gegnern, sie stehen derzeit hoch im Kurs.

Dabei zeigt sich die Dummheit der Ideologen daran, dass sie sich ohne mit der Wimper zu zucken, als denkunfähig ausweisen. In diesem Zusammenhang wird der Fehlschluss ad hominem, der Angriff auf die Person immer bedeutsamer.

Die ihn begehen, sind der irrigen Ansicht, die Richtigkeit einer Aussage hänge davon ab, wer sie macht. Dieser Fehlschluss kommt in zwei Varianten, jede davon ist auf ihre Weise Ausdruck geistiger Behinderung.

Variante 1 liegt vor, wenn nicht die Aussage, sondern der Aussagende abgelehnt wird. Wenn z.B. ein Mitglied der AfD sagt, dass die Sonne im Osten aufgeht, dann wird diese Aussage diskreditert, weil sie von einem AfD-Mitglied gesagt wurde.

In Variante 1 wird immerhin noch der Inhalt der Aussage berücksichtigt. Aber zwangsläufig machen sich diejenigen, die korrekte Aussagen nur deshalb ablehnen, weil sie von den aus ihrer Sicht Falschen gemacht wurden, über kurz oder lang lächerlich, da sie inhaltlich nichts zu sagen haben.

Deshalb wird in Variante 2 der Inhalt gleich ganz gestrichen.
Nun wird nur die Quelle betrachtet und deren Nutzung bekämpft. Variante 2 ist ein Mittel totalitärer Systeme, das sich Zensur nennt und heute ausgerechnet von denen, die sich für tolerant halten, angewendet wird, was sie wiederum als autoritäre Persönlichkeiten identifiziert.

So hat sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) einem Shitstorm durch autoritäre Persönlichkeiten ausgesetzt gesehen, weil er es gewagt hat, die Epoch Times zu verlinken bzw. einen Tweet der Epoch Times zu teilen. Der Inhalt dessen, was Haseloff geteilt hat, spielte dabei zu keinem Zeitpunkt eine Rolle. Der Mob der mental Retardierten und der Logik Unkundigen ist über Haseloff wegen Epoch Times, nicht wegen dem, was Epoch Times geschrieben haben, hergefallen. Haseloff hat sich schnell entschuldigt und Abstinenz von der Epoch Times für alle Zeiten gelobt.

 

Offensichtlich fehlt Herrn Haseloff die Courage, sich gegen den Ansturm der Dummen zu stellen und offensichtlich fehlt ihm das Rückgrat, um zu seiner Meinung und seinen Prinzipien zu stehen.

(Keine) Heimat: Die Sprachpolizei ist wieder aktiv

Fast hätten wir Anatol Stefanowitsch, den Professor für die “Struktur des heutigen Englisch” an der FU Berlin, der vornehmlich zu Fragen der „Struktur des heutigen Deutsch“ seinen Senf gibt, vergessen. Doch nun hat sich Stefonwitsch, bereits ein Vorkämpfer geschlechtergerechter deutscher Sprache, wieder in Erinnerung gebracht.

Der Begriff der Heimat, er passt ihm nicht.

Und weil ihm der Begriff nicht passt, weil er eine persönliche Abneigung gegen den Begriff hat, deshalb will er seine Benutzung im Politischen verbieten oder verhindern. Die Begründung dafür, warum er seine persönliche Vorliebe zur Pflicht für andere erklären will, kann man auf vier Sätze reduzieren.

  • Heimat sei ein Ort, mit dem sich positive affektive Konnotationen verbinden.
  • Heimat sei immer derselbe Ort.
  • Wer deshalb von einem Ort zum anderen wandere, sei nur Zuhause, aber nicht daheim.
  • Weil er nicht daheim sei, im Zuhause, deshalb sei er ausgeschlossen, diskriminiert, werde er zum Fremden und deshalb habe „Heimat in der Politik nichts zu suchen“, geht es doch, wie man folgern muss, für Stefanowitsch in der Politik darum, andere nicht zu Fremden zu machen, sie nicht auszuschließen.

Der alltägliche Totalitarismus, er hat Stefanowitsch in Beschlag genommen und davongetragen.

Um dies zu zeigen, muss man gar nicht darauf verweisen, dass manche Menschen ihre Heimat von Ort A nach Ort B verlagern, wir zum Beispiel, problemlos und falsifizierend für den Essentialismus, den Stefanowitsch mit dem Begriff verbindet. Es reicht, die unausgesprochenen Prämissen von Stefanowitsch ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Der Begriff „Heimat“, so lässt sich, was Stefanowitsch schreibt, verallgemeinern, beschreibt eine affektive Bindung an einen Ort.
Affektive Bindungen an z.B. die Heimat haben die Konsequenz, dass sie Dritte ausschließen, Dritte, die die affektive Bindung an, sagen wir: die Südpfalz, nicht teilen.
Sie, so folgert Stefanowitsch, werden ausgeschlossen, sie werden zu Fremden.
Die Politik müsse aber integrierend wirken und dürfe niemanden ausschließen (außer den AfD-Wählern und den AfD-Mitgliedern und den AfD-Sympathisanten und den AfD-Toleranten und den Rechten usw.), für den Stefanowitsch beschlossen hat, dass man ihn nicht ausschließen darf.

Ich Anatol, Professor und Gott …

Nähme man ernst, was Stefanowitsch allen Ernstes in die Tageszeitung geschrieben hat, dann wären die Folgen für die Politik unübersehbar.
Denn es ist nicht einzusehen, dass nur ein Stefanowitsch das Recht haben soll, seine persönlichen Vorlieben für andere zur Verbindlichkeit zu erklären.
Affektive Bindungen, die per definitionem diskriminierend sind, gibt es nicht nur mit Bezug auf Heimat. Es gibt sie in so vielen Formen, dass für die Politik kein Gegenstand mehr übrig bleibt.

Eine Beziehung ist eine affektive Bindung, die alle-1 ausschließt. Eine schlimmere Form der Diskriminierung und der Schaffung von Fremden kann man sich kaum vorstellen. Entsprechend hätte alles, was mit Beziehung und Familie zu tun hat, aus der Politik zu verschwinden, ginge es nach Stefanowitsch.

Affektive Bindungen kann man nicht nur zu Orten oder anderen Menschen aufbauen, man kann sie auch mit Bezug auf Ideen, Einstellungen, Überzeugungen etablieren. Manche sind z.B. in affektiver Bindung mit ihrer sexuellen Orientierung, sehen ihre LSBTusw. als Definiendum des eigenen Seins. Damit schließen sie alle Heterosexuellen aus, machen sie zu Fremden, spalten die Gesellschaft. Auch LSBTusw. haben, nähme man Stefanowitsch ernst, in der Politik nichts zu suchen.

Dasselbe gilt für Gender Mainstreaming, das für viele Feministen zum affektiven Lebensinhalt geworden ist. Es schließt Männer aus und hat nach Stefanowitsch in der Politik nichts zu suchen.

Die Liste der Gegenstände affektiver Bindung, die nach Stefanowitsch nichts in der Politik zu suchen haben, sie ist unüberschaubar:

  • Umwelt-/Klimaschutz;
  • Windräder und andere unzuverlässige Energieformen;
  • Kampf gegen Rechtsextremismus;
  • Anti-Kapitalismus;
  • Die Düngemittelverordnung;
  • Arbeitslosengeld;
  • Hilfe für Flüchtlinge;
  • Anti-Rassismus;
  • Frauenquote;
  • Soziale Dienste;
  • Caritas;
  • Das Jugendamt;
  • Geschlechtergerechte Toiletten;
  • Kindergeld;
  • Bundeswehr;
  • Demokratieerziehung;
  • Parteienfinanzierung;
  • Strafgesetze;

Es gibt kaum einen Gegenstand des Politischen, an dem keine affektiven Bindungen beteiligt sind und der nicht diskriminierend wirkt, der nicht die Gesellschaft in Befürworter und Gegner, in Begünstigte und Nettozahler usw. unterteilt. Das genau ist nämlich der Gegenstand des Politischen, Dinge, die diskriminieren auf dem freien Markt der Ideen und ohne totalitäre Eingriffe zu diskutieren und zu Entscheidungen darüber zu kommen, wer durch Entscheidungen besser, wer schlechter gestellt werden soll.

Das nennt man auch Demokratie. Zur Erinnerung: Eine Demokratie lebt davon, dass ein Wettbewerb zwischen Ideen stattfindet, ein Wettbewerb, der es den Marktteilnehmern ermöglich, sich für eine Idee zu entscheiden. Welche Idee letztlich das Rennen macht, ist eine Entscheidung der Mehrheit und eine Frage der Fähigkeit von Ideen, sich an die Bedingungen der Zeit anzupassen. Um einen Wettbewerb der Ideen gewährleisten zu können, muss der Zugang zum Markt der Demokratie unbeschränkt sein und jedem, sei seine Idee auch noch so schräg, offen stehen. Weil dem so ist, muss man Leute wie Stefanowitsch, den den Zugang zum Markt der Demokratie nach ihren eigenen Vorlieben gestalten und mit Schranken und Privilegien versehen wollen, als Feinde der Demokratie ansehen, die ihre totalitären Phantasien auszuleben versuchen.

Deshalb wäre es in einer demokratischen Gesellschaft so, dass es Anbieter im Markt des Politischen gibt, die mit Begriffen wie “Heimat” werben und den entsprechenden Nachfragern eine – wenn man so will: politische Heimat bieten. Andere, die mit Heimat eher nichts anfangen können, könnten ihre politische Heimat bei anderen politischen Anbietern suchen. And never the twain shall meet. Leute wie Stefanowitsch, die in einem Schwung Angebot und Nachfrage verbieten wollen, sind somit keine Demokraten. Sie sind totalitär, auf Kontrolle des Marktes und auf die Bevormundung derer ausgerichtet, die sie für Fremde halten, die ihnen Angst machen, die ihnen zeigen, dass es Gruppen gibt, zu denen sie nicht gehören. Und genau das, nicht dazu zu gehören, dass können die Stefanowitschs dieser Welt nicht aushalten. Deshalb wollen sie verbieten, was sie ausschließt und zeigen damit aller Welt, wie schwach, wie ängstlich sie sind oder, je nach Gewichtung, wie viele Sprünge sie in der Schüssel haben, wenn sie bereits mit Begriffen ins Bockshorn zu jagen sind. Sie sind offensichtlich nicht geeignet, um in einer Freien Gesellschaft, in einer Gesellschaft offener politischer Märkte zu leben. Nach dem Ende der Sowjetunion, dem Ruin des Arbeiter- und Bauernstaates bleiben fast nur Nordkorea und Venezuela als Zuflucht für diejenigen, die keine Freiheit, vor allem dann, wenn andere sie nutzen, ertragen können.

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Linke und Rechte vereint in Intoleranz und Angst voreinander

Aus unserer Reihe: “Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?”

Antworten aus neueren empirischen Studien – Teil 4

Im Teil 3 unserer Serie wurden die Befunde aus der auf Daten aus neunzehn europäischen Ländern basierenden Studie von Thorisdottir et al. (2007) besprochen, die gezeigt haben, dass sich Personen mit politisch rechter Orientierung und politisch linker Orientierung nicht auf systematische Weise mit Bezug auf Persönlichkeitsmerkmale, die normalerweise als Dimensionen der so genannten autoritären Persönlichkeit gelten, voneinander unterscheiden. In Teil 4 unserer Serie stellen wir eine Studie vor, die zeigt, dass sich Personen mit politisch rechter und Personen mit politisch linker Orientierung auch nicht mit Bezug auf ihre Intoleranz gegenüber dem politischen Gegner bzw. den typischerweise von ihm bevorzugten Politiken voneinander unterscheiden.

Diese Studie wurde im Jahr 2014 von Jarret T. Crawford und Jane M. Pilanski in der Fachzeitschrift „Political Psychology“ veröffentlicht, und der Ausgangspunkt der Studie ist eine andere Studie, über deren Ergebnisse Nicole M. Lindner und Brian A. Nosek in einem Text berichten, der im Jahr 2009 in der derselben Fachzeitschrift gedruckt wurde. Lindner und Nosek hatten anhand eines experimentellen Designs die Hypothese geprüft, dass Liberale eine größere Toleranz für freie Meinungsäußerung bzw. unzensierte Rede aufweisen als Konservative. Als diesbezügliche Stimuli benutzten die Autoren Poster mit den Aufschriften „Americans are the Problem“ und „Arabs are the Problem“, von denen sie vermuteten, dass Liberale und Konservative ihne mit unterschiedlicher Toleranz begegnen würden [Die Studie stammt aus den USA. In den USA sind “liberals” das, was in Deutschland von der SPD nach links außen zu finden ist.]

„The primary hypothesis was that liberals would be more willing to protect an extreme left-wing statement than an extreme right-wing statement, while conservatives would be more willing to protect an extreme right-wing statement than an extreme left-wing statement. Also, based on prior evidence …, we anticipated a main effect in which liberals would be more likely to protect controversial speech acts in general” (Lindner & Nosek 2009: 75).

Die Hypothese der Autoren wurde bestätigt:

„Political liberalism, whether measured implicitly or explicitly, predicted stronger speech protection overall. Being more politically liberal predicted stronger speech protection for the statement “Americans are the problem,” and both political liberals and conservatives expressed similar protection of the statement “Arabs are the problem” (Lindner & Nosek 2009: 86).

Lindner und Nosek wiesen jedoch darauf hin, dass dieses Ergebnis den Stimuli, die „racially charged“ (Lindner & Nosek 2009: 89; Hervorhebung im Original) gewesen sind, geschuldet sein könnte und sich bei der Verwendung anderer Stimuli andere Ergebnisse einstellen könnten.

Und hieran schließen Crawford und Pilanski an: Sie untersuchen die Frage nach der Toleranz oder Intoleranz von Personen mit rechter und Personen mit linker Orientierung anhand ihrer Zustimmung zu oder Ablehnung von acht Aussagen, die sich auf den Schutz der freien Rede oder auf Gruppenrechte bezogen, wobei die in diesen Aussagen angesprochenen Personen oder Gruppen jeweils unterschiedlich waren. Die Beschränkung auf ein bestimmtes gesellschaftliches Thema oder bestimmte Gruppen wie diejenige auf Amerikaner versus Araber in der Studie von Lindner und Nosek  wurde damit vermieden.

Die acht Aussagen lagen in zwei Varianten vor, in denen entweder die angesprochene soziale Gruppe oder Person variiert wurde oder positive Verben durch negative Verben ersetzt wurden. (Es wurden also tatsächlich sechzehn Aussagen, eben acht in jeweils zwei Varianten, formuliert.) Auf diese  Weise sollte sichergestellt werden, dass die Aussagen einmal auf „left-wing targets“ und einmal auf „right-wing targets“ (Crawford und Pilanski 2014: 843) abzielen. Beispielsweise lautete eine dieser Aussagen in ihren beiden Varianten:

„I think that the Democratic Party should not be allowed to visit college campuses in order to register potential voters”

und

„I think that the Republican Party should not be allowed to visit college campuses in order to register potential voters” (Crawford und Pilanski 2014: 851; Appendix).

Beide Aussagen sollen Intoleranz messen, aber in der ersten Formulierung soll Intoleranz gegenüber einem „left-wing target“ gemessen werden, in der zweiten Intoleranz gegenüber einem „right-wing target“.

Die Aussagen wurden insgesamt 160 Personen vorgelegt, wobei jede der beiden Varianten einer Aussage der Hälfte der Befragten vorgelegt wurde. Die Befragten wurden durch Amazon Mechanical Turk (MTurk) rekrutiert, einer Art Arbeitsplatzbörse, die von Amazon bereitgestellt wird (Crawford und Pilanski 2014: 843). Weil den Befragten nicht nur die acht Aussagen zur Beurteilung vorgelegt wurden, sondern sie auch nach ihrer politischen Orientierung (von 1 „extremely liberal“ bis 7 „extremely conservative“)[1] und ihrer Parteipräferenz gefragt wurden, konnten Crawford und Pilanski ihre Hypothese testen, nach der Personen mit linker politischer Orientierung und Personen mit rechter politischer Orientierung gleichermaßen Intoleranz gegenüber „targets“ des jeweiligen politischen Gegners aufweisen:

“From our perspective, those on the political right and left should be just as likely to express intolerance of targets with ideologically opposing positions“ (Crawford und Pilanski 2014: 842).

Darüber hinaus wurde von den Befragten

  • ihre Sympathie für die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken („warmth ratings“),
  • das Ausmaß der Internalisierung demokratischer Werte (anhand von sechs Items),
  • das Ausmaß, in dem sie die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken als Gefahr für das gesamte Land wahrnehmen, erfragt sowie
  • ihr politisches Wissen. Letzteres wurde erhoben, indem gefragt wurde, ob Liberale oder Konservative die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken unterstützen oder sie bekämpfen. Schließlich wurden die Befragten nach Angaben zu ihren
  • demographischen Merkmalen (Alter, Geschlecht und „race“/Ethnizität) gebeten.

Die Daten wurden von Crawford und Pilanski anhand zweistufiger hierarchischer Regressionen ausgewertet. In der unten abgebildeten Tabelle haben die Autoren die Ergebnisse für die Korrelationen zwischen den oben genannten Variablen zusammengestellt. Gleichzeitig kann man der Tabelle entnehmen, welche Gruppen und Politiken in den acht Aussagen angesprochen waren:

Wie man der Tabelle (genau: den t-Werten in den mit „Ideology x Condition“ betitelten Zeilen entnehmen kann, sind die Zusammenhänge zwischen der politischen Orientierung der Befragten („ideology“) und ihrer Zustimmung oder Ablehnung der acht Aussagen in einer der beiden Varianten (s.o.) („condition“) mit einer Ausnahme („Immigration“) statistisch signifikant. D.h. mit einer Ausnahme korreliert eine politisch linke Orientierung („liberalism“) statistisch signifikant mit Intoleranz gegenüber allen „right-wing targets“ und eine politisch rechte Orientierung („conservatism“) mit Intoleranz gegen alle „left-wing targets“. Damit ist die Hypothese von Crawford und Pilanski bestätigt; Personen mit linker politischer Orientierung und Personen mit rechter politischer Orientierung sind gleichermaßen intolerant gegenüber „targets“ des jeweiligen politischen Gegners.

Von den weiteren Ergebnissen der statistischen Analysen ist das Ergebnis, das Crawford und Pilanski für die Bedeutung der Gefahrenwahrnehmung erzielten, sicherlich das wichtigste. Oben wurde bereits berichtet, dass die Befragten auch nach dem Ausmaß gefragt wurden, in dem sie die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken als Bedrohung für das gesamte Land wahrnehmen. Die Autoren bildeten für jeden Befragten einen Durchschnittswert für die wahrgenommene Bedrohung über die in den verschiedenen Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken hinweg, und die Analysen zeigten, dass es sowohl bei Personen mit linker politischer Orientierung als auch bei Personen mit rechter politischer Orientierung diese Größe, also das Ausmaß der  wahrgenommenen Bedrohung, ist, die die Intoleranz gegenüber Gruppen oder Politiken, die mit dem politischen Gegner assoziiert sind, erklären:

„As expected, the effect of conservatism on intolerance of leftwing targets was fully mediated by perceived threat from those targets, as the relationship between conservatism and intolerance of left-wing targets … was reduced to nonsignificance when controlling for perceived threat … Likewise, the effect of liberalism on intolerance of right-wing targets was fully mediated by perceived threat from those targets …” (Crawford & Pilanski 2014: 847).

Dieses Ergebnis ist deshalb wichtig, weil die wahrgenommene Bedrohung der Gesellschaft durch bestimmte soziale Gruppen oder (liberale oder progressive) Politiken in der Literatur häufig als zentrales Merkmal des intoleranten „Right-Wing Authoritarianism“ wie z.B. bei Dallago & Roccato (2010) angesehen wird. Wenn Bedrohungsgefühle durch bestimmte soziale Gruppen oder Politiken als eine, vielleicht zentrale, Dimension von Autoritarismus oder als eine Variable, die positiv mit Autoritarismus zusammenhängt, angesehen werden muss, muss man aufgrund der Befunde von Crawford und Pilanski davon ausgehen, dass Autoritarismus unter Personen mit linker politischer Orientierung ebenso verbreitet ist wie unter Personen mit rechter politischer Orientierung.

Wie in Teil 2 unserer Reihe mit Bezug auf die Studie von Van Hiel et al. (2006) gezeigt wurde, gibt es tatsächlich autoritäre Persönlichkeiten sowohl unter Personen mit rechter politischer Orientierung als auch unter Personen mit linker politischer Orientierung. Festhalten lässt sich jedenfalls, dass Personen mit linker politischer Orientierung nicht als „Komplementäre“ zu Personen mit rechter politischer Orientierung gelten können, sondern sich die Forschungslage dahingehend verdichtet, dass sich die Persönlichkeiten von Personen mit linker und rechter Orientierung weit weniger stark voneinander unterscheiden als die insbesondere Personen mit linker Orientierung gerne behaupten.

Literatur:

Crawford, Jarret T. & Pilanski, Jane M., 2014: Political Intolerance, Right and Left. Political Psychology 35(6): 841-851.

Dallago, Francesca & Roccato, Michele, 2010: Right-Wing Authoritarianism, Big Five, and Perceived Threat to Savety. European Journal of Personality  24(2): 106-122.

Lindner, Nicole M. & Nosek, Brian A., 2009: Alienable Speech: Ideological Variations in the Application of Free-Speech Principles. Political Psychology 30(1): 67-92.

Thorisdottir, Hulda, Jost, John T., Liviatan, Ido & Shrout, Patrick E., 2007: Psychological Needs and Values Underlying Left-Right Political Orientation: Cross-National Evidence from Eastern and Western Europe. The Public Opinion Quarterly 71(2): 175-203.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.


[1] 55% der Befragten gaben an, „Extremely liberal, Liberal, or Somewhat liberal“ zu sein, 24% identifizierten sich als „Moderate/middle of the road“, und 21% gaben an, „Extremely Conservative, Conservative or Somewhat conservative“ zu sein (Crawford & Pilanski 2014: 843; Kursivsetzungen im Original), so dass eine Verteilung der Daten auf der Variable „politische Orientierung“ bzw. „Ideology“ vorlag, die für statistische Analysen geeignet ist.

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