Wollt Ihr den Totalen Grünen Staat?: Grüne verbreiten Lügen in Bundestags-Drucksache 18/12644

Theodor Adorno, dessen Name aufgrund historischer Zufälle ausgerechnet mit einer quantitativen Studie, deren Ziel die Erklärung der Unterstützung, wie sie extremistische Organisationen wie die NSDAP darstellen, verbunden ist, wird deshalb unweigerlich genannt, wenn es um die Autoritäre Persönlichkeit geht.

Studien AdornoDie Autoritäre Persönlichkeit, das ist eine defizitäre Persönlichkeit, deren Versuch, eine soziale Bindung zu finden und nach außen als Persönlichkeit zu erscheinen, regelmäßig in den Armen der Anbieter von Extremismus endet. Für Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson und Sanford waren diese Anbieter vornehmlich auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden.

Eine falsche Überzeugung, wie sich in der Folge gezeigt hat (nicht nur durch die Untersuchungen von Milton Rokeach). Extremismus finden sich auf der linken Seite des politischen Spektrums mindestens so häufig wie auf der rechten Seite des politischen Spektrums, vermutlich findet er sich häufiger und daher kann man begründet annehmen, dass die Anzahl autoritärer Persönlichkeiten auf der linken Seite größer ist, als auf der rechten Seite.

Ein Aspekt, der autoritären Persönlichkeiten besonders auszeichnet, ist eine kognitive Störung, die man unter Rückgriff auf Festinger als Ausschlussverfahren für Informationen, die der eigenen Überzeugung widersprechen, bezeichnen kann. Das Alleinstellungsmerkmal, das nach unserer Ansicht in diesem Punkt Linke von Rechten trennt, besteht darin, dass Rechte Informationen passiv konsumieren und Informationen, die von ihrer Überzeugung abweichen, schlicht ignorieren, während Linke, ihrem intellektuellen Anspruch entsprechend, versuchen, abweichende Informationen zu beseitigen, entweder dadurch, dass sie die Verbreiter abweichender Informationen mundtot oder anderweitig sozial tot machen oder dadurch, dass sie ein gesellschaftliches Klima zu etablieren versuchen, in dem abweichende Informationen gar nicht erst auftauchen können.

Die Mittel der rekonstruktiven Sozialforschung, die Ralf Bohnsack in seinem kleinen Bändchen mit eben diesem Titel beschreibt, insbesondere seine dokumentarische Methode, sind geeignen, um darzustellen, wie die Grünen die Wahrheit unterdrücken, wie sie lügen, um ihre Überzeugung als einzig richtige Überzeugung hinstellen zu können.

logo_bundestagDie entsprechende Methode der grün autoritären Persönlichkeiten, wie man wohl feststellen muss, sind in der „Kleinen Anfrage der Abgeordneten Monika Lazar, Özcan Mutlu, Luise Amtsberg, Volker Beck (Köln), Katja Keul, Renate Künast, Irene Mihalic, Dr. Konstantin von Notz, Tabea Rößner, Elisabeth Scharfenberg, Ulle [kein Tippfehler] Schauws, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN“ verewigt.

Die Anfrage ist ein Paradebeispiel dafür, wie linke autoritäre Persönlichkeiten versuchen, Informationen und Handlungen, die ihnen nicht gefallen, auszuschalten, um sich ihre eigene kleine faschistische Welt zu bauen, in der sich nur Klone von ihnen finden.

Die Anfrage hat „Mixed-Martial-Arts (MMA)“, also Kampfsport zum Gegenstand und somit etwas, was Grünen nicht passt. Wer sich die Grünen Abgeordneten zu Gemüt führt, hat sicher keine Probleme festzustellen, warum die entsprechenden Abgeordneten an dem Ausdruck, den Maskulinität und Körperbeherrschung in Mixed-Martial-Arts finden, keinen Gefallen finden können.

Nun belassen es linke autoritäre Persönlichkeiten nicht dabei festzustellen, dass Mixed-Martial-Arts eben nicht ihr Ding sind. Nein, linke autoritäre Persönlichkeiten wollen nicht, dass es etwas, was nicht ihr Ding ist, gibt. Entsprechend versuchen sie, die Mixed-Martial-Arts zu diskreditieren.

Wie tut man das heute?

ultimate fighting

Mixed-Martial Arts

Indem man behauptet oder besser: insinuiert, denn zu mehr reicht gewöhnlich der Mut nicht, dass Mixed-Martial-Arts vornehmlich, ausschließlich oder doch in weiten Teilen von Rechtsextremen betrieben werden.

Warum sollen ausgerechnet Rechtsextreme sich mit Kampfsport beschäftigen, der im fernen Asien entwickelt wurde, also durch und durch „undeutsch“ ist?

Die Antwort, abermals insinuiert, findet sich im Kleinen Antrag der Grünen in der Aussage, dass das „Ziel bei MMA ‚anders als in allen anderen Kampfsportarten, offen und ausschließlich die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ sei.

Können Sie das autoritäre Gehirn bei der Arbeit sehen? Es darauf anzulegen, andere zu verletzten, Kampfsport, Ziel: Den Gegner zu schädigen. Das kann nur rechts sein. Denn Rechtsextreme wollen vor allem Menschen körperlich verletzten. Das ist das Narrativ, das Grüne gerne durchsetzen würden:

Mixed-Martial-Arts-Sportler sind Rechtsextreme, die ihren Kampfsport erlernen, um im Straßenkampf die Grünen und die anderen Linken zu verprügeln und an der Gesundheit zu schädigen. Und auch wenn ein einfacher Blick auf Grüne den Schluss zur Folge hat, dass man kaum Martial-Arts kundig sein muss, um Grüne zu verprügeln, hat dieses Narrativ, dass Rechte extra Kampfsport lernen, um Linke und Grüne zu verprügeln, etwas, was das Ego von Grünen Anfrageschreibern scheinbar wachsen lässt.

Wir halten fest: Die Kleine Anfrage beginnt damit, dass Grüne, wie sie die Welt so durchwühlen, auf etwas treffen, was ihnen nicht gefällt: Mix-Martial-Arts. Weil ihnen Mixed-Martial-Arts nicht gefallen (Stimulus), folgt die Feststellung (Reflex) auf dem Fuße, dass es sich bei Mixed-Martial-Arts um eine rechtsextreme Betätigung handeln müsse, insbesondere, weil Mixed-Martial Arts „anders als“ alle „anderen Kampfsportarten … offen und ausschließlich auf die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ ausgerichtet seien.

Offensichtlich hängt das Grüne Weltbild daran, dass man Mixed-Martial-Arts Kämpfer als Rechtsextreme disqualifizieren kann. Und diese Disqualifikation bedarf der Feststellung, dass Mix-Martial-Arts „ausschließlich auf die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ ausgerichtet sind, eine Behauptung, die die Grünen im Bundestag der Bundesärztekammer zuschreiben. 2010, so schreiben die Grünen, hätte die Bundesärztekammer diese Aussage getätigt, diese Aussage, die so gut zu den Vorurteilen passt, die die Grünen gerne in Mixed-Martial-Arts objektivieren würden.

Und so liest sich die Grüne Behauptung im Original:

„MMA ist umstritten. 2010 forderte die Bundesärztekammer ein Verbot aller „Ultimate Fighting“-Events (Kampfserie eines US-MMA-Verbandes) in Deutschland, da das Ziel bei MMA „anders als in allen anderen Kampfsportarten, offen und ausschließlich die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben“ sei (vgl. http://www.welt.de/sport/article145458446/Nichts-fuer-Assis-die-Rentnerins-Koma-pruegeln.html). Die bayerische Landeszentrale für neue Medien verbot 2010 eine Übertragung im deutschen Fernsehen. Dieses Verbot wurde 2014 gerichtlich gekippt.”

Alles Lüge; wie ein wenig Recherche zu Tage fördert, denn die Bundesärztekammer war genötigt, die entsprechende Aussage zu widerrufen, öffentlich und mit der folgenden Stellungnahme:

Baerztekammer Unterlassungserklaerung„Auf den Internetseiten der Bundesärztekammer (www.bundesaerztekammer.de) unter der Rubrik „113. Deutscher Ärztetag“, im Beschlussprotokoll zum 113. Deutschen Ärztetag sowie im Rahmen einer Pressemitteilung vom 14. Mai 2010 fordert die Bundesärztekammer gestützt auf eine Entschließung des Deutschen Ärztetags im Rahmen des Antrags Drucksache V – 128 das „Verbot der „Ultimate Fighting“-Veranstaltungen und ihrer TV-Übertragung“.

In diesen Dokumenten sind die nachfolgenden Behauptungen enthalten, die hiermit als unwahr widerrufen werden. Zudem wird die Entschließung des 113. Deutschen Ärztetages zur Drucksache V 128 „Verbot der „Ultimate Fighting“-Veranstaltungen und ihrer TV-Übertragung“ insoweit aufgehoben.

Die unwahren Tatsachenbehauptungen sind im Einzelnen, dass:

• das Ziel von „Ultimate Fighting“ Veranstaltungen – anders als in allen Kampfsportarten – offen und ausschließlich die Verletzung des Gegners an Körper, Gesundheit und Leben ist;

• ein Kampf in der Regel solange weitergeführt wird, bis ein Kämpfer regungslos liegen bleibt;

• es sich bei UFC-Veranstaltungen um Kampfveranstaltungen handelt, bei denen es ausschließlich darum geht, dem Gegner Verletzungen an Körper, Gesundheit und Leben zuzufügen, bis er regungslos am Boden liegt;

• die Abgrenzung zu anderen Sportarten anhand der Frage, ob eine Betätigung auf die Körperverletzung abzielt, klar zu treffen ist;

• bei derartigen Veranstaltungen in der Regel schwere Verletzungen des Kopfes, innerer Organe und des Bewegungsapparates herbeigeführt werden;

• Todesfälle in der Folge derartiger Kämpfe vielfach aufgetreten sind;

• sich die Kämpfer in der Regel schwere Verletzungen des Kopfes, der inneren Organe und des Bewegungsapparates zufügen – oft auch bis zum Tod;

• es in Deutschland bislang nur vereinzelte Versuche, solche Veranstaltungen abzuhalten gegeben hat, die bis auf eine von den Ordnungsbehörden verhindert werden konnte;

• die Bayerische Landesmedienzentrale am 19.3.2010 dem Sender DSF die Genehmigung entzogen hat, weiter solche Veranstaltungen auszustrahlen;

• der Deutsche Ärztetag in derartigen Aufführungen die zielgerichtete und absichtliche Herbeiführung eines sog. Polytraumas sieht, die auch nicht durch eine zuvor erklärte Einwilligung des Verletzten in seine eventuelle Verletzung erlaubt sein kann; sowie

• gerade die in der Rechtssprechung zum ärztlichen Heileingriff entwickelten Anforderungen an die notwendige Aufklärung es ausschließen, dass den Kämpfern zuvor die möglichen Verletzungsfolgen (z. B. Blindheit, Querschnittslähmung) hinreichend deutlich gemacht worden sein können.“

Es ist schon erstaunlich, welche Lügenwerke auf Ärztetagen als Entschließung verabschiedet werden.

tennessee-williams-dramatist-the-only-thing-worse-than-a-liar-is-aWer die Unterlassungserklärung genau liest, stellt fest, dass alle zitierten Aussagen, die die oben genannten Grünen in der aktuellen Bundestagsdrucksache 18/12644 machen, falsch sind. Die Bundesärztekammer hat die von den Grünen als wahr zitierte Aussage öffentlich widerrufen und als unwahr gekennzeichnet und die Aussage, nach der die bayerische Landesmedienzentrale eine Übertragung von Mixed-Martial Arts im Deutschen Fernsehen verboten hat, ist ebenfalls eine Lüge.

Der Antrag der Grünen zum brennenden Thema der Mixed-Martial-Arts enthält somit zwei Lügen. Scheinbar heiligen Lügen als Mittel den Grünen Zweck.

Ganz nebenbei geben die Grünen noch einen tiefen Einblick, in ihren autoritär Persönlichkeitsabgrund. „Dieses Verbot wurde 2014 gerichtlich gekippt“, so lautet die verräterische Formulierung, in der alle grüne Verachtung für richterliche Entscheidungen, die den grünen Überzeugungen widersprechen, zum Ausdruck kommt.

Wer also bei der Bundestagswahl Grüne wählt, der kann sicher sein, dass kein Bereich seines Lebens mehr vor Grünen Übergriffen, die auch mit Lügen gerechtfertigt werden, sicher ist.

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Aggressiv und unterwürfig: Was Links- und Rechtsextremisten auszeichnet

Teil 2 der ScienceFiles-Serie:

Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?

Antworten aus neueren empirischen Studien

Systematische sozialwissenschaftliche Extremismusforschung gibt es seit den 1950er-Jahren und kann zu einem großen Teil als Reaktion auf das nationalsozialistische Regime in Deutschland bzw. den Zweiten Weltkrieg gelten. Sie war von Anfang an stark geprägt von der Beschreibung der sogenannten autoritären Persönichkeit, die Theodor W. Adorno et al. im Jahr 1950 vorgelegt hatten. Adorno hat über diese Studie später geschrieben:

Studien Adorno„Our intention, similar to that of psychoanalysis, was to determine present opinions and dispositions. We were interested in the fascist potential. In order to be able to work against that potential, we also incorporated into the investigation, as far as was possible, the genetic dimension, that is, the emerging of the authoritarian personality” (Adorno 1998: 235; Hervorhebungen im Original).

Die autoritäre bzw. faschistische Persönlichkeit wurde durch Adorno und Kollegen mit Hilfe der sogenannten F-Skala – das „F“ steht für „fascist“ oder „fascism“ bzw. „Faschismus“ – identifiziert, und sie zeichnet sich aus durch: Konventionalismus, Unterwerfung unter (idealisierte) Autoritäten, Aggression gegenüber Menschen, die konventionelle Normen überschreiten oder sich Autoritäten nicht unterwerfen (wollen), Anti-Intrazeption, soll heißen: die Abwehr alles Nach-Innen-Gewandten wie Sensibilität oder Phantasie, durch Aberglaube und stereotypes Denken, ein Denken in Dimensionen von Macht und Herrschaft und die Demonstration des Ichs als stark und robust, durch Destruktivität und Zynismus, durch Projektivität, d.h. die Projektion unbewusster, den Trieben entstammender Impulse auf die Außenwelt, und durch eine übertriebene Beschäftigung mit Sexualität (Adorno et al. 1950; eine kurze, aber informative, Zusammenfassung bietet Nelson 2007).

Obwohl es schon seit (und in) den 1950er-Jahren einzelne Forscher – allen voran Eysenck (1954) und Rokeach (1960) – gab, die darauf hinwiesen, dass es Extremisten auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums gab, die also eher „… ideological structure rather than content” (Rokeach 1960: 6) betonten, war die Extremismusforschung bis vor sehr kurzer Zeit in der Regel tatsächlich keine Extremismusforschung, sondern eine Forschung über Rechtsextremismus oder genauer: über rechtsextreme Einstellungen. Die Einstellungen, die als mit Rechtsextremismus verbunden betrachtet wurden, wurden gleichzeitig als Ausdruck problematischer Persönlichkeitsstrukturen oder als Ergebnisse mangelhafter oder problematischer psychologischer Prozesse angesehen, aber gewöhnlich wurde beides, politische Einstellungen oder Einstellungen zu gesellschaftspolitisch relevanten Fragen und Persönlichkeitsmerkmale, nicht unabhängig voneinander gemessen (ganz so, wie auch die F-Skala Adorno und Kollegen dazu diente, lediglich das „faschistische Potenzial“ zu messen, das sie aus dem Vorhandensein bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (eben der autoritören Persönlichkeit) ableiteten).

Bis heute ist diese Praxis weit verbreitet. Was sich verändert hat, ist, dass immer mehr Forscher die Vorstellungen von Eysenck und Rokeach & Hanley aufnehmen und sich dementsprechend für die Vorstellung öffnen, dass rechts- und linksextreme Persönlichkeitsmerkmale teilen, die sie von Nicht-Extremen Personen (gleich, welcher politischer Orientierung) unterscheiden.

Drei dieser Forscher sind Alain Van Hiel, Bart Duriez und Malgorzata Kossowska, die im Jahr 2006 einen Bericht veröffentlicht haben, in dem sie über ihre Studienergebnisse zu der Frage „[…] are [there] any „true left-wing authoritarians‘ among the adherents of the various ideological groups [?]“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785) und die Frage nach dem Verhältnis zwischen „left-wing authoritarianism (LWA)“ und „right-wing authoritarianism (RWA)“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 769) berichten.

Hitler in LandsbergZur Beantwortung dieser Fragen entwickelten die Autoren zunächst eine eigene Skala zur Messung von Linksextremismus mit insgesamt acht Aussagen, zu denen die Befragten auf einer Fünf-Punkte(-Likert-)Skala Stellung nehmen können. Vier der Aussagen sollten die Aggressionsdimension von (hier: Links-/)Extremismus messen, die anderen vier die Unterwerfungsdimension von (hier: Links-/)Extremismus. Zur Messung von Rechtsextemismus verwendeten die Autoren eine elf Aussagen umfassende Skala, der sie ihre Linksextremismus-Skala zugrundlegten, aber dort, wo sich Aussagen in der Linksextremismus-Skala auf „das Establishment“ bezogen, Substantive einsetzen, die für Rechtsextreme als typisch geltende Fremdgruppen bezeichnen, also „linke Revolutionäre“ oder „Anarchisten“. Auf diese Weise haben Van Hiel, Duriez und Kossowska eine für Links- und Rechtsextreme annähernd äquivalente Skala entworfen. Darüber hinaus haben die Autoren eine Skala zur Messung von „Right-wing Authoritarianism (RWA)” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 777) verwendet, die von Altemeyer (1981) formuliert wurde und elf Aussagen umfasst.

Die Qualität der von den Autoren selbst entwickelten Skalen wurden anhand einer flämischen Stichprobe von 208 „ordinary voters” getestet, die von Studenten der Politikwissenschaft rekrutiert wurden, indem die Studenten Erwachsene in ihrer Nachbarschaft um Teilnahme an der Studie baten. Diese Stichprobe diente also allein dazu, die Reliabilität der neu entwickelten Skalen zu testen, d.h. zu testen, inwieweit die Skalen zuverlässige Messungen erbringen (weshalb mit Bezug auf die Zusammensetzung der Stichprobe lediglich sicherzustellen war, dass sie heterogen ist). Mit Werten für Cronbachs alpha von .77 und .76 erwies sich die Zuverlässigkeit der Skalen zur Messung von Links- und für Rechtsextremismus als akzeptabel.

Weil bei der Befragung der „ordinary voters“ auch die neu geschaffene Skala zur Messung von Rechtsextremismus Skala zur Messung von „Right-wing Authoritarianism von Altemeyer vorgelegt wurde, war es möglich, den Zusammenhang zwischen dieser Skala und der neu geschaffenene Skala zur Messung von Rechtsextremismus zu überprüfen. Im Ergebnis zeigte sich, dass diese beiden Skalen statistisch stark miteinander korrelierten, was wiederum die Vermutung nahelegt, dass „… our LWA items sufficiently tap the authoritarianism concept“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 780)“, also „Autoritarismus“ durch die von den Autoren neu geschaffenenen Skalen zur Messung von Links- und Rechtsextremismus mit den beiden Dimensionen „Aggression“ und „Unterwerfung“ erfasst wird.

Weil in der Stichprobe der „ordinary voters“ keine Personen gefunden werden konnten, die auf der Linksextremismus-Skala (bei einem Mittelpunkt von 3.0) einen höheren Testscore als 3.38 aufwiesen, und weil diese Skala nur als Gesamtskala zuverlässige Messergebnisse erbrachte, aber nicht für die Dimensionen „Aggression“ und „Unterwerfung“ getrennt betrachtet, führten Van Hiel, Duriez und Kossowska eine zweite Untersuchung anhand einer anderen Stichprobe durch. Wieder wurden „ordinary voters“ auf die oben beschriebene Weise rekrutiert – diesmal waren es 264 –, aber zusätzlich wurden nun 69 politische Aktivisten rekrutiert. Sie waren „… militants of various political movements“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 782): 20 Kommunisten, von denen vierzehn der stalinistischen “Partij Van De Arbeid” (PVDA) angehörten und sechs der neo-marxistischen Kommunistischen Partei, 21 Anarchisten, die sich selbst als solche bezeichneten und in der anarchistischen Bewegung aktiv waren, elf Unterstützer des als rechtsextrem eingestuften „Vlaams Blok“ und 17 „Moderate“, die verschiedenen Parteien (den Christdemokraten, Sozialisten, Gründen …) angehörten.

Es zeigte sich, dass „… the total LWA scale is internally consistent. However, the aggression and submission facet scales can be used as valid indicators in the political activist sample, but not in the voter sample”. Während in der Stichprobe der “ordinary voters” wieder keine Linksextremen identifiziert werden konnten, war das in der Stichprobe der politischen Aktivisten der Fall: die Kommunisten hatten statistisch signifikant höhere Testwerte auf der Linksextremismus-Skala als Anarchisten, die ihrerseits statistisch signifikant höhere Testwerte auf dieser Skala erreichten als die anderen Gruppen politischer Aktivisten (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785). Bei getrennter Betrachtung der Dimensionen der Linksextremismus-Skala, „Aggression“ und „Unterwerfung“, zeigte sich, dass Kommunisten statistisch signifkant höhere Testwerte als Moderate und Rechtsextreme auf beiden Dimensionen erreichten.

Echte linksextreme Autoritäre konnten die Autoren unter den Kommunisten und den Anarchisten identifizieren: von den 20 Kommunisten waren es dreizehn, die Testwerte oberhalb des Mittelpunktes der Linksextremismus-Skala erreichten, von den 21 Anarchisten erreichten sechs Personen Testwerte oberhalb des Mittelpunktes der Linksextremismus-Skala. „In sharp contrast, not one single left-wing authoritarian was detected among the 16 moderates and the 11 right-wing extremists. However, rather surprisingly, six participants in these groups obtained a score equal to or higher than 3.00 for the submission facet scale” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785-786).

Die Frage“… are [there] any „true left-wing authoritarians‘ among the adherents of the various ideological groups [?]“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785) müssen die Autoren aufgrund ihrer Daten also positiv beantworten: „It has been shown that LWA does exist and should not be considered a myth, …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 789).

StalinZwar beeilen sich die Autoren zu betonen, dass „…these results also make it clear that the presence of LWA in Western societies seems to be limited to very specific political movements that do not elicit much support in the mass public. As such, LWA is a marginal phenomenon in political life that is not easily found in convenience samples. Moreover, some left-wing extremists (6 out of 20) did not obtain score higher than the neutral point indicating that even among left-wing extremists there are a number of nonauthoritarians” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 787), aber inwieweit sich dasselbe auf der Basis ihrer Daten mit Bezug auf Rechtsextemismus sagen lässt, berichten die Autoren nicht. Und weil – wie die Autoren selbst festhalten – gilt: “… almost by definition, “extremists” are not that numerous and they have also been reported to be unwilling to participate in empirical studies as well …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 791), müsste man es als methodischen Fehler werten, wenn Rechtsextreme in den Stichproben der Autoren oder anderen Stichproben nicht ebenso selten wären wie Linksextreme.

Was die zweite Frage nach dem Zusammenhang zwischen Links- und Rechtsextremismus betrifft, so halten die Autoren fest: „One of the most disturbing findings in the present voter samples as well as in Altemeyer (1996) is the positive correlation between LWA and RWA“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 790; Hervorhebung d.d.A.), die mit r = .22 (p ˂ .001) statistisch betrachtet zwar als nur schwache Korrelation gelten kann, aber für all diejenigen bestürzend sein muss, die meinten, Links- und Rechtsextermismus hätten nichts gemeinsam, oder sogar, dass es unter „ganz normalen Wählern“ schlicht keinen Linksextremismus geben könne, sondern nur Rechtsextremismus, der angeblich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei (und dann gar kein Extremismus im quantitativen Sinn wäre).

Die gleichzeitige Beobachtung der Autoren, nach der in der Stichprobe der politischen Aktivisten ein mittelstarker negativer Zusammenhang zwischen Links- und Rechtsextremismus (r = -.45, p ˂ .001) bestand, legt die Vermutung nahe, dass Links- wie Rechtsextremismus gleichermaßen auf eine autoritäre Persönlichkeit und auf vorhandene Aggressionsbereitschaft aufsetzen und erst in aktivistischen Netzwerken und durch entsprechende Schulung Inhaltlich (in mehr oder weniger entgegengesetzte Richtungen) geformt werden.

Dafür, dass diese Vermutung zutrifft, spricht auch, dass die Autoren feststellten, dass in der Aktivisten-Stichprobe eine starke Korrelation zwischen Linksextremismus und wirtschaftlicher Progressivität, die ebenfalls anhand einer Skala gemessen wurde, bestand, aber nicht in der Stichprobe der „ordinary voters“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 787).

Literatur:

Adorno, Theodor W., 1998: Critical Models: Interventions and Catchwords. New York: Columbia University Press.

Adorno, Theodor W., Frenkel-Brunswik, Else, Levinson, Daniel J. & Nevitt, Sanford, 1950: The Authoritarian Personality. New York: Harper & Brothers.

Altemeyer, Bob, 1981: Right-Wing Authoritarianism. Winnipeg: University of Manitoba Press.

Eysenck, Hans J., 1954: The Psychology of Politics. London: Routledge & Kegan Paul.

Nelson, Noelle M., 2007: Authoritarian Personality. In: Baumeister, Roy F. & Vohs, Kathleen D. (eds.): Encyclopedia of Social Psychology, Volume 1.Thousand Oaks: Sage, pp. 81-83.

Rokeach, Milton, 1960: The Open and Closed Mind: Investigations into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.

Teil 1 der Reihe: Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“

©Heike Diefenbach, 2017; ScienceFiles


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Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?

Antworten aus neueren empirischen Studien – Teil 1

Sowohl in den Medien als auch bei vielen Sozialwissenschaftlern ist es derzeit üblich, zwischen „Rechten“ und „Linken“ zu unterscheiden und ihnen jeweils unterschiedliche Einstellungen u.a. zur Zuwanderung, zur Demokratie und zur Gewalt zu unterstellen. Es gibt aber auch Menschen, die meinen, dass dann, wenn „Linke“ und „Rechte“ dieselbe Verhaltensweise zeigen, sie bei „Linken“ anders zu bewerten wäre als bei „Rechten“.

Blockupy1So hat sich beispielsweise Jan Rübel, der sich als Journalist geriert, im Juli 2016 auf dem HUFFPOST, dem blog der (deutschen Ausgabe der) Huffington Post, bei der denkenden Leserschaft mit der folgenden Aussage diskreditiert: „Natürlich müssen die Medien der rechten Gewalt mehr Raum einräumen – denn sie ist gefährlicher. Straf- und Gewalttaten von rechts haben für Deutschland eine größere Bedeutung als jene von links. Mit Relativierung und Verharmlosung hat das nichts zu tun”[1] – und dafür im Kommentarbereich beruhigenderweise verbale Prügel bezogen, wobei es allerdings der Erwähnung wert ist, dass bei einer Kommentatorin die Sinnentleerung der Begriffe „Linke“ und „Rechte“ soweit ging, dass sie „Linke“ mit „Guten“ gleichgesetzt hat (und anscheinend „Rechte“ mit „Schlechten“), denn sie meinte bemerken zu müssen, dass Stalin kein Linker gewesen sei, und dass dies „… schon lange als bewiesen [gelte]“, so dass der Betrieb der Gulags nicht als Beispiel stark ausgeprägter linker Gewalt gelten könne.

Während die Anti- bzw. Sympathien für „Rechte“ oder „Linke“ also je nach der eigenen Weltanschauung oder institutionellen Anbindung klar verteilt sind, ist die Frage, was „Rechte“ und „Linke“ denn nun tatsächlich voneinander unterscheidet, weitgehend ungeklärt, jedenfalls dann, wenn man diese Frage nicht als Frage nach den eigenen stereotypen Vorstellungen, den eigenen Assoziationen oder dem persönlichen Geschmack auffasst und sich nicht mit dementsprechenden Antworten begnügt, die lauten mögen: “Rechte“ haben Glatzen, tragen Springerstiefel und Bomberjacken und zünden Asylbewerberheime an“ oder „Linke tragen schwarz, hoodies und Turnschuhe, studieren irgendein Laberfach, schwätzen pseudointellektuell daher und zünden anderer Leute Autos an“.

Will man herausfinden, ob und inwieweit und wie sich „Rechte“ und „Linke“ tatsächlich voneinander unterscheiden, muss man die Frage als eine sozialwissenschaftliche Frage stellen, also danach fragen, ob und inwieweit und wie sich Personen, die aufgrund abgebbarer Kriterien als „Linke“ oder „Rechte“ bezeichnet werden, mit Bezug auf ihre Einstellungen, ihre Handlungsbereitschaften und ihre Persönlichkeiten voneinander unterscheiden, und diese Frage unter Verwendung eines methodisch „sauberen“ Forschungsdesigns empirisch untersuchen.

Entsprechende Forschung, die man meist im englischsprachigen Ausland und im Feld der Sozialpsychologie oder der Politikwissenschaft und unter dem Stichwort „political psychology“ bzw. politische Psychologie findet, gibt es, obwohl sie (noch) ziemlich selten ist. Zwar gibt es Legionen von Texten, in denen sich die Autoren zu Einstellungen, Handlungsbereitschaften und Persönlichkeiten von „Rechten“ äußern, aber diese zeichnen sich gewöhnlich durch grundlegende methodologische Fehler aus, allen voran der Abwesenheit einer Vergleichsgruppe von „Linken“ im Forschungsdesign, so dass über die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen „Rechten“ und „Linken“ keinerlei Aussagen gemacht werden können. (Wir ersparen uns an dieser Stelle ellenlange Zitationen; von der Richtigkeit der Aussagen kann sich jeder selbst überzeugen, wenn er eine entsprechende Recherche in Google oder in Google Scholar durchführt.)

Nationalsozialistischer_Untergrund_-_Explosion_in_Zwickau_2011_3_(aka)Studien, die tatsächlich „Linke“ und „Rechte“ in ihrem Forschungsdesign berücksichtigen und auf diese Weise einen Vergleich zwischen ihnen ermöglichen, kommen zu dem Ergebnis, dass sie sich durchaus nicht so stark oder in der Weise voneinander unterscheiden, wie viele Menschen – und Medien! – es gerne hätten oder darstellen würden.

Wir stellen heute die erste einer Reihe dieser Studien vor, und zwar die Studie von Arlin James Benjamin, Jr. Aus dem Jahr 2014. In dieser Studie wurde 220 Studenten im Alter zwischen 18 und 59 Jahren ein Fragebogen vorgelegt, der verschiedene Mess-Skalen enthielt. Diese Skalen waren entwickelt worden, um

  1. Einstellungen zu Gewalt zu messen,
  2. das Ausmaß, in dem Befragte die zukünftigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen,
  3. das Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken, und
  4. das Ausmaß des Autoritarismus in der Persönlichkeit der  Befragten,

wobei diese Skala aus zwei Subskalen bestand, eine zur Messung von Rechtsautoritarismus und eine zur Messung von Linksautoritarismus. Die erste enthielt u.a. die Items „Gehorsam und Respekt vor Autoritäten sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollten“ und „Gesetze müssen strikt befolgt werden, wenn wir unseren Lebensstil erhalten wollen“, die zweite u.a. die Items „Eine linke revolutionäre Bewegung darf das Establishment angreifen und Gehorsam und Konformität von ihren Mitgliedern einfordern“ und „Die Angehörigen des Establishments verdienen eine harte Behandlung ohne Gnade, nachdem das Establishment beseitigt ist“.

Die Befragten wurden anhand der Testscores, die sie auf den Autoritarismus-Subskalen erzielt hatten, in vier Gruppen unterteilt:

(A) Nicht-Autoritäre („non-authoritarians“), die auf beiden Subskalen niedrige Punktwerte erzielt hatten,

(B) „Linke“ („Left-wingers“), die niedrige Werte auf der Skala zur Messung von Rechtsautoritarismus, aber hohe Werte zur Messung von Linksautoritarismus erzielt hatten,

(C) „Rechte“ („Right-wingers“), die niedrige Werte auf der Skala zur Messung von Linksautoritarismus, aber hohe Werte zur Messung von Rechtsautoritarismus erzielt hatten, und

(D) Platzhalter-Autoritäre („wild-card authoritarians“), die auf beiden Subskalen zur Messung von Autoritarismus hohe Werte erzielt hatten.

Die Zugehörigkeit der Befragten zu einer dieser vier Gruppen wurde als unabhängige Variable zur Vorhersage/Erklärung der folgenden abhängigen Variablen benutzt:

(i)  Einstellungen zu Krieg,
(ii) Einstellungen zu durch das Strafgesetz legitimierter Gewalt,
(iii)Einstellungen zur körperlichen Züchtigung,
(iv) Gewalt in intimen Beziehungen und
(v) das Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken sowie das Ausmaß, in dem Befragte zukünftige Folgen des Handelns in Rechnung stellen.

Die Zusammenhänge zwischen der unabhängigen und den abhängigen Variablen wurden mittels Varianzanalysen geklärt. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Analysen waren mit Bezug auf den Vergleich zwischen „Rechten“ und „Linken“:

(I) Die Personen, die den „Rechten“ zugeordnet wurden, hatten auf der Skala zur Messung von Rechtsautoritarismus durchschnittlich höhere Punktzahlen erreicht als die Personen, die den „Linken“ zugeordnet wurden, auf der Skala zur Messung von Linksautoritarismus erreicht hatten.

(II) “Linke” hatten signifikant negativere Einstellungen zu Krieg als “Rechte.

(III) Platzhalter-Autoritäre und „Rechte“ hatten signifikant positivere Einstellungen zu körperlicher Züchtigung als Nicht-Autoritäre und „Linke“.

(IV) „Linke“ hatten signifikant positivere Einstellungen zu Gewalt in intimen Beziehungen als „Rechte“.

Wie der Autor selbst bemerkt stehen diese Ergebnisse – außer dem zuletzt genannten – im Einklang mit älterer Forschung, und der Autor schließt hieraus, dass „[i]n general, right-wingers and left-wingers may very well operate from different sets of cognitive schemas or frames … when it comes to their acceptance toward violence” (Benjamin 2014: 11). Er ist also der Auffassung, dass die Ergebnisse dafür sprächen, dass „linker“ und „rechter“ Autoritarismus unterschiedlichen „kognitiven Schemata oder Rahmen“ entstammen.

Wenn man bedenkt, dass der Autor diese Schlussfolgerung auf der Grundlage von nur wenigen Variablen trifft, von denen eine, die Einstellungen zu Gewalt in intimen Beziehungen, „Linke“ und „Rechte“ statistisch signifikant voneinander unterscheidet, scheint seine Schlussfolgerung eher zweifelhaft.

Benjamin TableZweifelhaft erscheint sie auch insofern als statistisch signifikante negative Zusammenhänge sowohl bei „Rechten“ als auch bei „Linken“ mit dem Ausmaß bestanden, in dem Befragte die zukünftigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen, und mit dem Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken (s. Table 1 in Benjamin 2014: 13). „Rechte“ und „Linke“ teilten in dieser Studie also Rigidität im Denken oder kognitive Geschlossenheit. Am Beginn seines Textes hatte Benjamin dieselbe allein mit „Rechten“ in Verbindung gebracht:

„Right-wing authoritarians are not known for their cognitive complexity. Rightwing
authoritarians, according to Altemeyer (1981, 1988, 1996) tend to see the world in black and white, in terms of absolutes. They are not generally interested in looking for the nuances in an argument, or for handling the ambiguities that characterize life in a diverse democratic republic” (Benjamin 2014: 8).

Darauf, dass seine Daten auch für „Linke“ kognitive Geschlossenheit gezeigt haben, und man aus dieser Gemeinsamkeit die Schlussfolgerung hätte ziehen können, dass trotz einiger Unterschiede bezüglich einzelner Felder oder Kontexte der Gewaltanwendung „rechter“ und „linker“ Autoritarismus durchaus dieselben Grundlagen hat, nämlich Rigidität im Denken oder kognitive Geschlossenheit, geht der Autor nicht ein.

Er geht auch nicht darauf ein, dass man über die Qualität der von ihm verwendeten Skalen zur Messung von Links- und Rechtsautoritarismus bzw. der in ihnen enthaltenen Items trefflich streiten könnte. So fällt auf, dass die Items zur Messung von Linksautoritarismus „härter“ sind als diejenigen zur Messung von Rechtsautoritarismus. Erstere stellen u.a. auf harte Bestrafung ganzer Bevölkerungsgruppen ab, während Letztere u.a. auf die Erziehung von Kindern zur Gehorsam und Respekt vor Autoritäten abstellen. Zweifellos ist es für einen Menschen mit Gewissen einfacher, den letzteren Items zuzustimmen als den ersteren. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die befragten Personen, die überhaupt als „Linke“ identifiziert wurden, auf der Skala zu Linksautoritarismus niedrigere Punktwerte erzielten als die Personen, die als „Rechte“ identizifiert wurden, auf der Skala zu Rechtsautoritarismus erzielten.

Die in mancher Hinsicht tendenziöse (Interpretation der) Studie verwundert denjenigen nicht, der die Veröffentlichungen von Benjamin kennt: Sie handeln fast alle von Gewalt, die mehr oder weniger deutlich mit „right-wing authoritarianism“ in Verbindung gebracht wird.[2] Es ist Benjamin gegenüber wohl keine Ungerechtigkeit, wenn man vermutet, dass er sich Links-Autoritarismus nur ausnahmsweise mit der Absicht oder Erwartung gewidmet hat, dass sich Links-Autoritarismus als nicht existent oder zumindest als gänzlich anderes Phänomen als Rechts-Autoritarismus erweisen würde. Aufgrund der Ergebnisse der Studie von Benjamin, die er wie gesagt nur teilweise in Worten berichtet, während andere nur als statistische Zusammenhangsmaße in Tabellen berichtet werden, muss man festhalten, dass diese Erwartung enttäuscht wurde.

Unabhängig von der inhaltlichen Fragestellung, die uns hier beschäftigt, kann auch das Folgende als Merksatz festgehalten werden:

Bei der Lektüre von Texten, die über empirische Forschungsergebnisse berichten, genügt es nicht die Darstellung in Worten zu lesen. Oft stehen die wichtigsten oder interessantesten Ergebnisse in den dem Text beigegebenen Tabellen!

Literatur:

Benjamin, Arlin James, Jr., 2014: Chasing the Elusive Left-wing Authoritarianism: An Examination of Altemeyer’s Right-Wing Authoritarianism and Left-Wing Authoritarianism Scales. National Social Science Journal 43(1): 7-13.

Endnotes:

[1] http://www.huffingtonpost.de/jan-ruebel/linke-gewalt-extremismus-_b_10988732.html

[2] Wer sich hiervon selbst überzeugen will, sei auf die folgende Liste der Publikationen von Benjamin verwiesen: https://scholar.google.com/citations?user=bNJlMYsAAAAJ


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Erst gehen Rechtsstaat und Glaubwürdigkeit, dann … Bürgerkrieg?

Politische Systeme versuchen, eine politische Ordnung mit mehr oder weniger Gewalt aufrecht zu erhalten. Entsprechend unterscheidet die Politikwissenschaft u.a. zwischen totalitären, autoritären und demokratischen Systemen. Während die beiden ersten mit mehr oder weniger offener und mit einem mehr oder weniger großen Ausmaß an Zwang und Gewalt agieren, um die politische Ordnung aufrecht zu erhalten, wird von einer Demokratie angenommen, dass Zwang und Gewalt von Seiten des Staates nur notwendig sind, um die politische Ordnung gegen Extremisten zu verteidigen.

Das ist dann auch die wichtigste und vielleicht die einzige Aufgabe, die man einem demokratischen Staat zuweisen kann: Die politische Ordnung, für die sich die Bürger, die sein Staatsgebiet umfasst, entschieden haben, zu verteidigen: Nach innen und nach außen. Da die politische Ordnung auf der Garantie einer Reihe von Rechten basiert: im Wesentlichen auf der Garantie von Freiheitsrechten, leitet sich aus dem Gesagten als weitere Aufgabe eines Staates noch die Garantie von Eigentum und von Sicherheit ab.

Mehr nicht. Dass moderne Staaten von einer Kaste bevölkert werden, deren Zeitvertreib darin besteht, immer neue Aufgaben für Staaten zu erfinden, damit zwangsläufig immer mehr Zwang einzuführen und immer mehr Freiheit zu beseitigen, ist insofern in diesem Post von Relevanz, als man vorhersagen kann, dass es einen Tipping Point gibt, ab dem aus dem demokratischen System entweder ein autokratisches oder ein totalitäres System wird oder ab dem es den Bürgern reicht.

Und wann reicht es Bürgern?

Ruhe und Ordnung in einem Land, sollen von den staatlichen Ordnungsmächten, hier im Wesentlichen von der Polizei und vielleicht vom Militär gesichert werden. In einem demokratischen System basiert Ruhe und Ordnung aber auf mehr: Auf einer Übereinkunft zwischen Bürgern und Staat, denn wenn letzterer Eigentum und Sicherheit garantiert, haben erstere kein Interesse daran, den Staat und die politischen Akteure, die sich in ihm eingenistet haben und denen die Arbeit am Staat ein Auskommen verschafft, zu vertreiben.

Dazu bedarf es jedoch dem Glauben an Rechtssicherheit, und es bedarf der Glaubwürdigkeit der Institutionen und Akteure des demokratischen Systems. Wenn beides nicht gegeben ist, hat ein demokratisches System keine Existenzgrundlage mehr, denn was wollen die wenigen Polizisten, was will die Bundeswehr gegen Bürger ausrichten, die den Staat, den Polizisten und Bundeswehr schützen sollen, nicht wollen? Wie wenig Polizisten einem Mob aus Linksextremen entgegen zu setzen wissen, wie anomisch das Rechtssystem in Berlin einem besetzten Haus gegenüber ist, gibt einen Vorgeschmack darauf, was passieren würde, wenn die Mehrheit, die derzeit so häufig geschmähte Mitte der Gesellschaft, entscheiden würde, diesen Staat in seiner derzeitigen Verfassung nicht mehr zu wollen.

Damit die Mehrheit der Gesellschaft weiterhin das politische System stützt, sich weiterhin an Wahlen und an der Legitimation des politischen Systems beteiligt, ist es eminent wichtig, dass die politischen Akteure einerseits zeigen, dass das Rechtssystem intakt ist und alle Angriffe auf bürgerliche Freiheiten entschieden abgewehrt werden, andererseits ist es notwendig, dass die politischen Akteure und die staatlichen Institutionen Glaubwürdigkeit besitzen, dass Bürger sie nicht für Spruchbeutel und Luftnummern halten.

Das es mit der Rechtssicherheit und der Glaubwürdigkeit in Deutschland im Argen liegt, zeigt der Umgang mit denen, deren Ziel darin besteht, die Grundlagen der demokratischen Ordnung, die oben genannten Freiheiten und Garantien zu beseitigen. Sie gibt es am rechten und am linken Rand des politischen Systems. Eine glaubwürdige Politik und eine funktionierende Rechtsordnung würde beide Seiten mit der gleichen Entschlossenheit bekämpfen.

Und gerade das ist nicht der Fall.

Ende der Diktaturen im ostenWährend ein riesen Tamtam um Rechtsextremisten gemacht wird, ein Häuflein von Stiefelträgern, das kaum mehr als 500 Personen auf die Straße bringt, während versucht wird, diesen Mangel an Personal dadurch zu beheben, dass man Bürger, die Kritik an Maßnahmen des Staates, den sie finanzieren, äußern, gleich auch zu Rechtsextremen erklärt und weil dies immer noch nicht reicht, die gesellschaftliche Mitte zu potentiellen Rechtsextremen macht, während gegen vermeintliche rechte Hassmails mit aller Staatsmacht vorgegangen wird, bis hin zu Razzien in Privatwohnungen, während kein Brand in einem Asylbewerberheim ungenutzt bleibt, um, egal, ob der Brand von Bewohnern oder von Rechten oder von Kriminellen gelegt wurde, die angeblich allgegenwärtigen Rechtsextremisten zu einem Monstrum aufzubauen, dem die wenigen Gesellen, die sich finden, wenn man im Verfassungsschutzbericht sucht, kaum gerecht werden können, führt die linke Seite des Extremismus zu einem erstaunlichen Schweigen. Selbst brennendes Privateigentum, zerstörte Privathäuser, die sonst den deutschen Justizministerdarsteller so in Wallung versetzen, wenn die Kriminellen der rechten Seite zugeordnet werden können, werden von ihm, der sich so gerne in der Öffentlichkeit inszeniert, nicht für einen Auftritt genutzt.

Kein Wort hat der deutsche Justizminister zu den Vorgängen in Berlin zu sagen. Kein Hinweis darauf, dass der Rechtsstaat mit allen Mitteln gegen die Linksextremen, die ihre Umgebung terrorisieren und nach eigenen Aussagen die Grundlagen der deutschen Demokratie beseitigen wollen, mit aller Härte und allen zur Verfügung stehenden Mitteln vorgehen wird.

Heiko Maas schweigt am ersten Tag nach dem Berliner Straßenterror.
Heiko Maas schweigt am zweiten Tag nach dem Berliner Straßenterror;
Heiko Maas hat am dritten Tag nach dem Berliner Straßenterror nichts dazu zu sagen.
Und am vierten Tag, am vierten Tag hat Heiko Maas etwas zu sagen.
Das hier:

 
Heiko the Great.jpgEs sind Laiendarsteller wie Heiko Maas, die einem politischen System, das ohnehin schon angeschlagen ist, den Rest geben. Mit seiner privaten Vendetta gegen Hasskommentare im Internet macht er den Rechtsstaat lächerlich (sich kann er nicht mehr lächerlich machen). Ein Rechtsstaat, der mit aller Gewalt, mit Razzien und Strafgesetzen gegen Leute vorgeht, die Sprache benutzen, um Hasskommentare zu verbreiten (gehen wir einmal davon aus, sie verbreiten tatsächlich Hasskommentare und nicht nur Kommentare, die ideologisch Andersgepolten nicht passen), während derselbe Rechtsstaat in keiner Weise, schon gar nicht mit Razzien oder Räumung gegen Leute vorgeht, die angekündigt haben, Berlin ins Chaos stürzen zu wollen, die mit Steinen und Flaschen auf Menschen werfen, die ihnen als Schweine gelten, die keinerlei Respekt vor Privateigentum oder der körperlichen Unversehrtheit anderer haben, ein solcher Rechtsstaat macht sich lächerlich, wird zunehmend unglaubwürdig, und entsprechend wird sich über kurz oder lang die Frage stellen, wie in Deutschland der wachsende Unmut bei Bürgern, ob der Heuchelei der politischen Akteure, ob der Einseitigkeit, mit der sie den Rechtsstaat in Bewegung setzen, kanalisiert werden wird. Es gibt zwei Möglichkeiten: Deutschland wird zum totalitären Staat, der den Unmut der Bürger über die Willkür der Anwendung staatlicher Rechtsordnung mit Zwang und Gewalt niederzuhalten versucht oder der Unmut der Bürger ist so groß, dass sie die politischen Akteure und die politischen Institutionen, die diese Akteure lächerlich gemacht haben, im Handstreich beseitigen.

Es ist erschreckend, dabei zusehen zu müssen, wie kleine Männer wie Heiko Maas mit der Sicherheit der Deutschen und dem öffentlichen Frieden spielen.

 


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Toleranz ist … andere Meinungen abzuschalten

Wir leben im Zeitalter der Toleranz, der Akzeptanz, der Vielfalt, im Zeitalter der offenen Gesellschaft, in der alles gesagt und gemeint werden darf, ungestraft und ohne Konsequenzen.

Es sei denn, Toleranz und Akzeptanz sind im Hinblick auf abweichende politische Meinungen gefordert.

Dann ist Schluss mit lustig.

zero toleranceDann ist Toleranz und Akzeptanz Schnee von gestern. Dann wird sich eingeigelt, im „echo chamber“ der eigenen Meinung und in der „Filterblase“ der eigenen Meinung. Vor allem die politische Meinung wird von einem politischen Reinheitsgebot bestimmt: Nie sollst Du Dich mit politisch Andersdenkenden umgeben, nie ihre Meinung tolerieren, akzeptieren, ja nicht einmal hören und zur Kenntnis nehmen sollst Du sie. Die unreine Meinung, sie könnte Deine ideologische Basis erschüttern, sie ins Schwanken bringen, darauf verweisen, dass Deine Meinung weder begründet noch begründbar ist, dass sie, mit anderen Worten, nicht adäquat ist, um einer kritischen und an Argumenten ausgerichteten Auseinandersetzung ausgesetzt zu werden.

Besser man lässt es nicht so weit kommen.

Besser man schaltet alle Meinungen, die politisch nicht passen, ab, umgibt sich mit Gleichmeinenden, mit der Harmonie, die nur die Langeweile des Immerselben herzustellen vermag.

Besser man sitzt in seinem „echo chamber“ und schreit sich gegenseitig zu, wie tolerant man ist, wie sehr man andere Meinungen akzeptiert, Meinungen, die aus der eigenen Welt ausgeblendet und verbannt werden.

„I don’t like you anymore“, so haben Nicholas A. John und Shira Dvir-Gvirsman ihren Beitrag überschrieben, der gerade im Journal of Communication erschienen ist.

1013 jüdisch-israelische Facebook-Nutzer haben die beiden Autoren darin untersucht, und zwar im Jahr 2014 und während des letzten Gaza-Konfliktes, der es in die westliche Presse geschafft hat. Dabei haben sich die Autoren besonders dafür interessiert, welche Facebook-Freundschaften in ihrem Beobachtungszeitraum gelöst wurden. 16% der Freundschaften wurden gelöst, so ihr Ergebnis, zumeist aus politischen Motiven.

Diejenigen, die eine Freundschaft auf Facebook durch den entsprechenden Klick beendet haben, waren eher (a) politisch aktiv, hatten eher (b) extreme Einstellungen, hatten (c) vergleichsweise viele Facebook-Freunde, waren (d) auf Facebook vergleichsweise aktiv und (e) vergleichsweise jung.
Rokeach omindDie Autoren werten ihre Ergebnisse als beängstigend, zeigen sie doch eine selbstgewählte Verengung der eigenen Perspektive, einen selbstgewählten Ausschluss von Meinungen, die der eigenen nicht entsprechen. Auf diese Weise bilden sich abgeschlossene Welten, die wir als Meinungsghettos  bezeichnen. In diesen Meinungsghettos leben Inhaber gleicher Meinungen, die abweichende Meinungen nicht nur nicht mehr zur Kenntnis nehmen, sondern über kurz oder lang alle Meinungen, die nicht ihrer Meinung entsprechen, als abweichende, ja illegale Meinung ansehen.

Die Ghettobewohner verlieren jede Fähigkeit, sich mit Inhabern abweichender Meinungen auszutauschen und entsprechend jede Tuchfühlung mit der Realität. Sie hausen im Meinungsghetto, fühlen sich darin wohl und sind allen Ernstes davon überzeugt, tolerant zu sein und abweichende Meinungen zu akzeptieren, bzw. sie sind davon überzeugt, dass sie abweichende Meinungen tolerieren und akzeptieren würden, wenn es sie denn gäbe.

Milton Rokeach hat in ähnlichem Zusammenhang von „the closing of the mind“ gesprochen und darin den Nährboden des Totalitarismus gesehen.

Nicholas, John A. & Dvir-Gvirsman, Shira (2015). ‚I don’t Like You Anymore‘: Facebook Unfriending by Israelis During the Israel-Gaza Conflict of 2014. Journal of Communication doi: 10.1111/jcom.12188

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Warum man mit vielen Deutschen alles machen kann

Gestern haben wir nach dem Punkt gefragt, ab dem sich bei manchen Deutschen oder den meisten Deutschen Leidensfähigkeit in Handlung übersetzt, d.h. ab wann sie denken, sie müssten etwas an einem Missstand ändern. Einige Reaktionen auf dieses Post haben einmal mehr gezeigt, warum man mit manchen Deutschen so ziemlich alles machen kann. Doch der Reihe nach.

Beispiel 1:

Vor 12 Jahren als die ersten Reaktionen auf unseren Beitrag „Bringing Boys Back In“ eingetroffen sind, haben wir uns zum ersten Mal verwundert angeschaut und versucht, eine groteske Situation zu verstehen. Die groteske Situation ist diese:

Wir berichten in einem wissenschaftlichen Beitrag davon, dass Jungen im deutschen Schulsystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben und dass diese Nachteile um so geringer ausfallen, je höher der Anteil männlicher Grundschullehrer und je geringer die Arbeitslosenquote ist.
Hurrelmann BildungsverliererNun sollte man denken, die Tatsache, dass Jungen in ihrem schulischen Erfolg hinter Mädchen zurückbleiben, sei ein Faktum, das zu intensiven Debatten darüber anreizt, wie man diese Nachteile beseitigen kann. Weit gefehlt. Statt über die Nachteile von Jungen zu diskutieren, haben es etliche Kommentatoren vorgezogen, von einer Feminisierung der Schule, die wir angeblich festgestellt hätten, zu fabulieren. Noch intensiver wurde darüber diskutiert, ob Lehrerinnen prinzipiell schuld sein können oder ob nicht Lehrerinnen als Vertreter des weiblichen Geschlechts bar jeglichen negativen Einflusses auf die sie umgebende Welt seien. Und während derart wichtige Fragen von Schuld und Intention diskutiert werden, leben die Fakten unbeeindruckt weiter: An der Situation von Jungen hat sich seit 2002 wenig bis nichts verändert. Noch immer haben sie erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen.

Beispiel 2:

Wir berichteten gestern und nicht zum ersten Mal darüber, dass Deutsche von ihrem Staat ausgenommen werden. Nicht alle Deutsche, nein, nur diejenigen, die erwerbstätig sind und bei denen etwas zu holen ist. Das Zauberwort hier heißt Umverteilung, gewöhnlich ergänzt durch die Phrase „soziale Gerechtigkeit“. Beide zusammen sind u.a. Begründung dafür, dass dem Durchschnittsarbeitnehmer rund 53% seines Bruttoverdienst weggesteuert wird (ohne Verbrauchsssteuern) und dafür, dass dem Durchschnittsrentenbeitragszahler nur rund 40% der Beiträge, die er abführt, zu Gute kommen.

Die Umverteilung, die z.B. im Rentensystem stattfindet, führt dazu, dass Männer im Durchschnitt nach Renteneintritt mit 39,7% des Einkommens rechnen können, das sie während ihrer Erwerbstätigkeit erwirtschaftet haben. während Frauen mit 42,8% ihres ehemaligen Einkommens (aus Transferzahlungen oder Arbeit) rechnen können (Metzger & Schoder, 2013: 268). Es führt weiter dazu, dass langjährige Versichterte, also solche, die 35 Wartejahre zusammenbekommen haben, diese auf Basis von 8 Ausbildungsjahren, 12 Jahren der Kindererziehung, die als Berücksichtigungszeiten gelten, ergänzt um 3 Jahre für Arbeitslosigkeit und 12 Wartejahre, die über eine Teilzeittätigkeit erwirtschaftet wurde, erreichen können und als Folge eine Rente beziehen, die der Rente entspricht, die ein Vollzeiterwerbstätiger, der nie mehr als den Bruttodurchschnittslohn verdient hat, erhält. Eine deratige Bevorzugung bestimmter Lebensweisen, noch dazu von Lebensweisen, die nur geringe Beiträge zur Rentenkasse bringen, ist ein Affront gegen jede Form von Gerechtigkeit und man sollte denken, dass darüber eine intensive Debatte entsteht.

Aber, Groteske Nr. 2, nein, wir diskutieren nicht darüber, ob die Verteilung von Rentenbeiträgen und Steuergeldern über den Bundeszuschuss zur Rente gerecht ist, sondern darüber, ob Mutter sein, eine erhabene Tätigkeit ist, die von Liebe und der Suche nach Wahrheit getragen wird.

Es ist zum Haare ausraufen. Wann immer in Deutschland ein Missstand aufgezeigt wird, der mit Fakten belegt ist und entsprechend nicht weggeredet werden kann, dauert es nicht lange, und die Diskussion wird über affektive geladene Inhalte geführt, die mit dem Missstand nur vermittelt, wenn überhaupt etwas zu tun haben.

black hole spiralWir haben schon mit unserer Theorie der Diffamierungs-Spirale gezeigt, wie einfach es in Deutschland ist, eine Diskussion von den Fakten, über die diskutiert werden muss, loszulösen und mit affektiven Inhalten zu füllen. Nun ist es an der Zeit, unsere Theorie der Diffamierungs-Spirale mit ein paar sozialpsychologischen Grundlagen zu unterfüttern.

Wir stellen die Hypothese auf, dass man mit vielen Deutschen deshalb alles machen kann, weil sie in einer Welt der affektiven Begriffe leben, die mit der faktischen Welt im besten Fall eine Schnittmenge gemein hat, im ungünstigsten Fall überhaupt nichts.

Für kaum einen Begriff, über den öffentlich diskutiert wird, gilt, dass über seinen Tatsachengehalt und nicht über seine affektive Ladung diskutiert wird.  Der Grundkonsens unter vielen Deutschen scheint darin zu bestehen, dass man die Welt in absolut gut und absolut böse einteilen müsse. Die entsprechende Einteilung ist von der jeweiligen Gesinnung abhängig und wird im Verlaufe der Sozialsation operand konditioniert, d.h. innerhalb seiner Bezugsgruppe lernt ein Deutscher, was er von bestimmten Begriffen zu halten hat, er lernt den richtigen emotionalen Reflex entsprechend seiner Gesinnung, was er nicht lernt, sind Bedeutung und Tatsachengehalt der Begriffe:

Homosexualität ist gut für Linke, böse für Rechte, Migranten sind gut für Linke, böse für Rechte. Feminismus ist gut und links, wer gegen Feminismus ist, muss entsprechend böse und rechts sein – oder umgekehrt. Europa ist gut und links, Europakritik böse und rechts – oder umgekehrt. Öffentliche Diskussionen sind Diskussionen über die richtige Gesinnung, und sie sind eines nicht: Diskussionen über Fakten. Fakten treten sofort in den Hintergrund, sofern sie überhaupt eine Rolle spielen. An ihre Stelle tritt die Zuordnung der eigenen Person zur richtigen Seite, denn diese Zuordnung ist es, die den Sinn im Leben ausmacht.

Carrot and stickAffektiv dominierte Deutsche, die viel Emotion haben und in Begriffshülsen predigen, weil sie keine Argumente haben, sind Deutsche, die es nicht geschafft haben, sich einen eigenen Lebensinn zu geben, weil sie entweder nicht über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, eine eigene Weltsicht zu entwickeln oder nicht über die Persönlichkeit, dies zu tun. Viel lieber ordnen sie sich zu, gewinnen sie ihren Selbstwert daraus, dass sie sich mit aus ihrer Sicht guten Begriffen schmücken. Dann werden sie zu etwas, zum Anitifaschisten (was auch immer das sein mag), zum Europäer (wodurch sich der Europäer auch immer auszeichnen mag), zum Deutschen (was auch immer den Deutschen charakterisieren mag).

Mit diesem Bedürfnis lässt sich prima arbeiten. Man wirft Begriffe in den Ring und kann darauf vertrauen, dass einem Horden von Sinnsuchern zulaufen, die nur darauf gewartet haben, für Homosexuelle einzutreten, obwohl sie keine Ahnung haben, was es bedeutet, homosexuell zu sein; die nur darauf gewartet haben, sich gegen Überfremdung zu wehren, obwohl es keinerlei empirische Hinweise auf eine solche gibt, eher spricht alles für eine Renaissance des kleinbürgerlich-linken Mief. Worin auch immer der Inhalt bestehen mag, affektiv Dominierte springen dann, wenn er zur eigenen Gesinnung passt auf ihn und gewinnen einen Lebenssinn, sie werden zu Kämpfern für die Sache der Entrechteten oder gegen schädliche Einflüsse.

Die entsprechenden Feindbilder sind Legion, sie reichen von der US-amerikanischen Hochfinanz über die mehr ordinären Banker, über Unternehmen, die vermeintlich Profit vor Umwelt stellen, über Hater und Antifeministen, bis hin zu Rechtsextremen, die besonders geeignet sind, um eine moralische Panik zu inszenieren. Bereits 15 versprengte Gestalten in Springerstiefeln reichen aus, um Meuten von Antifaschisten auf den Plan zu rufen und unbeteiligtes Eigentum im Kampf für das Gute zu zerstören.

Und ganz nebenbei wird jegliche Möglichkeit der Verständigung zerstört. Da irrationale Gefühle immer als reine Gefühle daherkommen, ist kein Platz für die Relativität der Welt, dafür, festzustellen, dass Homosexualität nicht nur gut ist, sondern Risiken wie AIDS umfasst, dafür, festzustellen, dass Migranten nicht nur gut oder nur böse sind, weil Migranten Menschen sind, mit allen ihren Vorzügen und Fehlern oder dafür, festzustellen, dass nichts getan werden kann, ohne damit unbeabsichtigte und unbedachte Nebenfolgen zu produzieren, Nebenfolgen, die man bedauern mag, oder Nebenfolgen, die positiv überraschen.

Kurz: Für das ganz normale Leben ist in der Sinnsuche affektiv Dominierter kein Platz, denn das Leben ist zu komplex, als dass es in ihre schale Welt, in der alles in zwei Schubladen eingeordnet werden muss, passen würde. Man könnte auch sagen, affektiv Dominierte haben es nicht aus dem Kindheitsstadium in ein Erwachsenenalter geschafft. Sie sind in der Infantilität verblieben und hadern damit, dass von ihnen verlangt wird, ein eigenverantwortliches Leben zu führen und eine entsprechende Urteilsfähigkeit, die auf der Wahrnehmung und Gewichtung von Fakten basiert, zu entwickeln.

Aber das ist eine Hypothese, die noch empirisch geprüft werden muss. Vielleich findet sich ja ein mutiger Sozialwissenschaftler.

Die kleine Welt der Genderisten – Netzwerkforschung auf ScienceFiles

von Dr. habil. Heike Diefenbach & Michael Klein

Six Degrees of Separation

Jeder Mensch hat Bekannte, Leute die er besser kennt und solche, die er vielleicht lieber nicht kennen würde. Sozialwissenschaftler nennen die Menge von Bekannten ein soziales Netzwerk. Wie groß ist ein soziales Netzwerk, und wie sehr ist es in sich geschlossen? Diese Fragen haben sich die amerikanischen Sozialpsychologen Jeffrey Travers und Stanley Milgram bereits in den 1960er Jahren  gestellt und beantwortet. Dazu benötigten sie einen Börsenmakler aus Boston und Personen, die diesen nicht kannten und so weit wie möglich von ihm entfernt waren, sozial wie räumlich. Travers und Milgram fanden diese Personen in Nebraska und gaben ihnen eine Aufgabe. Sie sollten einen Brief zum Bostoner Börsenmakler befördern. Allerdings nicht per Post, sondern durch ihre Bekannten: „Geben Sie den Brief an einen ihrer Bekannten, den sie mit dem Vornamen anreden und von dem sie glauben, er könne den Brief selbst oder über einen weiteren Bekannten dem Börsenmakler übergeben.“ Die Bedingung lautete auch hier: Derjenige, der letztlich den Brief übergibt, muss den Börsenmakler mit dem Vornamen anreden. Tatsächlich kam eine erkleckliche Anzahl von Briefen in Boston an. Erstaunlicher war jedoch, was Travers und Milgram in der Folge herausfanden: Im Durchschnitt ging ein Brief lediglich durch sechs Hände, ehe er am Ziel ankam. Ein erstaunliches Ergebnis angesichts von 250 Millionen US-Amerikanern.

Die Welt ist ein Dorf

WattsIm Jahr 1998 haben die Physiker Duncan Watts und Steven Strogatz eine Renaissance von Travers und Milgrams alter Forschung bewirkt und zu hektischer Betriebsamkeit unter Wissenschaftlern Anlaß gegeben. Die Betriebsamkeit, die bis heute anhält, hat den „small-world-effect“ zum Gegenstand. Ist dieser am Werk, dann wird aus einer unüberschaubaren Menge von Menschen, die nichts mit einander zu tun zu haben scheinen, eine kleine Welt, in der jeder mit jedem verbunden werden kann. So zeigten Watts und Strogatz, dass es durchschnittlich nur dreier Bekannter bedarf, um jeden der 200.000 Schauspieler, die in der Movie-Data-Base abgelegt sind, mit jedem anderen zu verbinden. Doch nicht nur beim Film gibt es kleine Welten, auch in der Wirtschaft: Die Ökonomen Bruce Kogut und Gordon Walker (1999) haben für Deutschland gezeigt, wie klein die Welt der 500 größten Unternehmen ist: Fünf Bekannte sind im Schnitt notwendig, um jedes beliebige deutsche Großunternehmen mit jedem anderen zu verbinden.

Schnittstellen und Inhalte

Die beschriebenen Forschungen sind ähnlich und doch trennt sie ein entscheidender Punkt. Travers und Milgram waren an der generellen Durchlässigkeit der Sozialstruktur, der generellen Verknüpfung der amerikanischen Gesellschaft interessiert und wählten nicht umsonst die größtmögliche räumliche Entfernung und variierten nicht umsonst die soziale Position ihrer  Ausgangspersonen im Vergleich zum Börsenmakler. Watts und Strogatz oder Kogut und Walker beschäftigen sich mit insofern „geschlossenen Gesellschaften“ als die Gruppen, die sie untersuchen, ein gemeinsames Merkmal aufweisen, das sie bereits innerhalb der Struktur ihrer Gesellschaft verortet. Sie geben somit das soziologische an der Forschung von Milgram auf und interessieren sich nur noch für den Verknüpfungsgrad.

New Beginning

SciencefilesWir auf ScienceFiles wollen die Forschung von Travers und Milgram wieder beleben, und zwar in ihrer ursprünglichen Version. Wir gehen davon aus, dass die Methode von Travers und Milgram eine geeignete Methode ist, um Netzwerke unterschiedlicher sowohl räumlicher als auch sozialer Distanz/Nähe aufzuspüren, Netzwerke ersten, zweiten und x-ten Grades. Wenn z.B. ein Angestellter im Bauamt der Stadt X, dem Schreiner Y, der ihm persönlich bekannt ist, einen Hinweis auf eine Ausschreibung gibt, dann ist dies ein Netzwerk ersten Grades. Wenn der Schreiner einem bekannten Maler den Tipp des Angestellten im Bauamt weitergibt, dann ist dies ein Netzwerk zweiten Grades usw. Wenn ein Leiter eines Fachbereichs einer politischen Stiftung einem Bekannten einen Tipp auf eine Veröffentlichung in seinem Fachbereich gibt, in der Erwartung, der Bekannte werde die Veröffentlichung weitertragen, sich, wie Dr. habil. Heike Diefenbach dies nennt, als Multiplikator betätigen, dann ist dies ein Netzwerk ersten Grades. Unsere Modellierung  hat zudem den Vorteil, dass man unabhängig von der Gradierung des Netzwerks, „Gedankenwelten“ erforschen kann, also nicht nur soziale und räumliche, sondern auch die Nähe im Hinblick auf das, was Philip E. Converse (1964) Überzeugungssysteme (belief systems) genannt hat.

Während die Bestimmung des Grades der Nähe zum Ausgangspunkt in einem Netzwerk ab einem bestimmten Punkt in der Zeit, problematisch wird, weil die Komplexität der Geflechte so groß geworden sein kann, dass man keine klare Trennung mehr zwischen den einzelnen Entfernungsgraden zum Ausgangspunkt herstellen kann, so kann man doch sagen, dass alle, die sich dem Netzwerk anschließen oder anschließen lassen, eine gewisse Gedankenwelt teilen.

Die Gedankenwelt der Genderisten und der Gender-Kritiker

Die letzte Veröffentlichung aus der ideologischen Schmiede der Heinrich-Böll-Stiftung (HB-Stiftung), dem Gunda-Werner-Institut, ist perfekt geeignet, um unsere neue Methode deutlich zu machen.

Die Veröffentlichung des Werkes:

Frey, Regina, Gärtner, Marc, Köhnen, Manfred & Scheele, Sebastian (2013). Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie. Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung, Gunda-Werner Institut.

hat eine Reihe von Reaktionen nach sich gezogen, und es hat auf Seiten der Genderismus-Kritiker eine recht schnelle Verbreitung gefunden.

Beiträge, die auf eine Vernetzung ersten Grades schließen lassen und einer gemeinsamen Gedankenwelt der Gender-Kritik entspringen, finden sich auf

  1. Alles Evolution
  2. Genderama
  3. ScienceFiles
  4. Danisch
  5. Zettels Raum
  6. Feuerbringer-Magazin
  7. Spiegel Online
  8. Telepolis

Die Blog-Betreiber und Redakteure finden sich in einer gemeinsamem Gedankenwelt zusammen und sind miteinander über bestimmte moralische Vorstellungen, wissenschaftliche Standards und methodische Kenntnisse verbunden. Wer sich die Mühe macht, die Links oben zu klicken, wird feststellen, dass alle Kritiker sich mit dem Werk aus der HB-Stifung argumentativ auseinandersetzen und in zumeist elaborierter Weise auf die vielen Fehler, Auslassungen und Fehlschlüsse im Werk der HB-Stiftung hinweisen. Ein deutlicher Beleg, der wissenschaftlichen Standards verpflichteten Gedankenwelt, die sie teilen.

Der Gedankenwelt der Kritiker der neuesten Veröffentlichung aus dem Hause Heinrich-Bölls, stehen diejenigen gegenüber, die das Werk nicht wegen seiner Mängel kritisieren, sondern im Gegenteil, die die darin vertretene Gedankenwelt teilen. Die Liste der Bekanntschaften ersten Grades, die eine gemeinsame Gedankenwelt teilen, ist jedoch recht kurz. Trotz einer intensiven Recherche ist es uns nicht gelungen, mehr als drei Bekannte ersten Grades zu finden, die mit dem Werk aus der HB-Stiftung in Verbindung gebracht werden wollen:

  1. GZ Uni PaderbornAuf der Seite des Zentrum für Geschlechterstudien der Universität Paderborn findet ich ein Verweis auf das Werk aus der HB-Stiftung als „Tipp der Woche“. Warum der Tipp der Woche, Tipp der Woche ist, wird nicht begründet. In der Gedankenwelt der Genderisten kommen Argumente und Begründungen nicht vor, sie werden durch affektive Bindungen, Emotionen und „Argumentationshilfen“ ersetzt.
  2. Legal Gender HBAuf den Seiten der Legal Gender Studies , die der Universität Hamburg zugeordnet sind, weist Dr. jur. Ulrike Lembke, Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Legal Gender Studies an der Universität Hamburg, auf die „lesenswerte Argumentationshilfe“ aus der HB-Stiftung hin und behauptet, die „lesenswerte Argumentationshilfe“ würde zeigen, wie sehr die Kritik des Genderismus als unwissenschaftlich auf „einem Doppelstandard“ basiere. Der Doppelstandard wird  leder nicht näher spezifiziert , ein Doppelstandard halt (Die Wirkung von Doppelstandard soll nach Ansicht von Juniorprofessorin Lembke wohl über die affektive Konnotation „Doppelstandard = schlecht“ erfolgen).
  3. neue WegeHBDie letzte Nennung des Werkes aus der HB-Stiftung, die letzten Bekannte ersten Grades der HB-Stiftung findet sich – ausgerechnet – auf den Seiten von neue Wege für Jungs.. Dort heißt es: „Die Publikation geht dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nach und gibt Argumente für eine Auseinandersetzung an die Hand. Im Schlagwort „Genderismus“ zum Beispiel werden unterschiedlichste Sachverhalte aus Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik vermischt. Mit dieser Publikation möchten wir OrganisationsvertreterInnen und AktivistInnen sowie Institutionen, die in diesem Bereich unterwegs sind, dabei unterstützen, in Kampagnen gegen (pro)feministische Veröffentlichungen die entsprechenden Anwürfe zu verorten und sachbezogen zu reagieren.“ Das sachliche Reagieren auf Anwürfe wäre sicher glaubwürdiger, wenn Kritik am Genderismus nicht generell als Anwürfe bezeichnet würde. Man kann eben nicht verbergen, wes‘ Geistes Kind man ist, und totalitäre Geister oder closed minds können eben nicht anders als Kritik am eigenen Glaubenssystem, eben weil sie affektiv und nicht rational daran hängen, als „Anwurf“ abzuwehren. Und wes‘ Geistes Kind hinter der Seite „Neue Wege für Jungs“ steht, wird auch mehr als deutlich. Fragt sich nur, wer hier wen bezahlt…

Die Liste derjenigen, die öffentlich mit der Gedankenwelt der HB-Stiftung in Verbindung gebracht werden wollen, ist nicht lang, aber die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich: Keine Argumente und weil man keine Argumente hat, erwartet man sich Hilfe von einer „Argumentationshilfe“  (oder wie Heike Diefenbach sagt: „Wer etwas argumentieren will, wofür ihm eine Argumentationshilfe zur Verfügung gestellt werden muss, dem ist  nicht mehr zu helfen), und weil man keine Argumente hat, gibt es nur affektive und keinerlei rationale Reaktionen oder den schlichten „Tipp“. Kurz: Genderisten zeigen wieder einmal deutlich, dass sie eine Sekte und nicht anderes als eine Sekte sind, die sich um einen gemeinsamen emotionalen Kern reiht, der vielleicht gefühlt wird, aber eines sicher nicht: rational argumentiert.

©ScienceFiles, 2013

Literatur

Converse, Philip E. (1964). The Nature of Belief Systems in Mass Public. In: Apter, David E. (ed.). Ideology and Discontent. London:  Free Press, pp.206-261.

Kogut, Bruce & Walker, Gordon (1999). The Small World of Firm Ownership in Germany. Social Capital and Structural Holes in Large Firm Acquisition – 1993-1997.

Travers, Jeffrey & Milgram, Stanley (1969). An Experimental Study of the Small World Problem. Sociometry 32(4): 425-443.

Watts, Duncan J. & Strogatz, Steven H. (1998). Collective Dynamics of ‚Small-World‘ Networks. Nature 393: 440-442.

Unsinn der Woche: Karin Priesters Gebrabbel

boohSie sind ein…
Populist!
Antifeminist!
Rechtspopulist!
Libertärer!
Ethno-nationalistischer Fremdenfeind!
Rechtsextremist!
Faschist!
Neoliberaler!
BUUH!

Sind Sie jetzt erschreckt? Zusammengefahren? Fühlen Sie sich jetzt schlecht? Sind Sie am Ende in sich gekehrt und denken gerade darüber nach, was Sie in Ihrem Leben so alles falsch gemacht haben? Finden Sie sich nicht so recht wieder, in diesen Begriffen? Oder sind Sie am Ende jemand, der nicht an die Magie von Worten glaubt? Jemand, der nicht auf die affektive Konnotation reagiert, die mit Begriffen, wie den zitierten angesprochen werden soll, sondern der immer noch denkt, Begriffe seien erfunden worden, um Informationen zu transportieren und sich zu verständigen? Dann gehören Sie entweder nicht auf die linke Seite des politischen Spektrums, sind nicht modern oder sie hängen noch einer veralteten und vor-konstruktivistischen Kommunikationstheorie an.

Das Problem, dass Begriffe Informationen transportieren sollen, kennt Karin Priester nicht. Für Priester sind Begriffe Vehikel, die das transportieren, was sie gerade fühlt bzw. an affektiver Ladung über andere ausgießen will. Sie kennen Karin Priester nicht? Macht nichts. Ich kenne Karin Priester auch nicht. Dr. habil. Heike Diefenbach kennt sie nicht. Wir und fast alle die wir gefragt haben, hatten noch nie etwas von Karin Priester gehört. Aber Karin Priester scheint eine Anhängerschar in Wikipedia zu unterhalten, die immer wieder gerne auf einen Artikel zurückgreift, den Priester in APuZ veröffentlicht hat und den man immer dann gebrauchen kann, wenn man BUUH machen und Leser mit Begriffen erschrecken will.

Oh No!APuZ, das ist das Blättchen, das der Wochenzeitschrift „Das Parlament“ beigelegt wird, und in dem eine wechselnde Schar von – wie auch immer ausgewählten – Autoren zu bestimmten Themen etwas schreiben darf. APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, hat keinen wissenschaftlichen Anspruch wie man leicht der Tatsache entnehmen kann, dass selbst Karin Priester dort ein Forum findet. So hat sie im Heft 44/2010 einen mit „Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa?“ überschriebenen Text veröffentlicht.

Man muss den Text nicht lesen. Er ist eine Ansammlung von Begriffen wie „ethno-nationalistische Fremdenfeindlichkeit“, „nationalsozialistische Traditionalisten“, „anti-Establishment Rhetorik“ und so weiter. Der Text besteht geradezu aus derartigen Klassifizierungen, die Priester oder ein Autor, der das auch gesagt hat und den Priester zitiert, angemessen findet und mit denen er/sie BUHH machen, seine/ihre Leser erschrecken will und mit denen natürlich die so Bezeichneten als böse identifizieren werden sollen. Warum Priester die entsprechenden Benennungen angemessen findet, was damit beschrieben wird und warum es so beschrieben werden kann, wie es beschrieben wird, das alles bleibt Priesters Geheimnis, denn das, was einen ernstzunehmenden Text auszeichnet, die Nachvollziehbarkeit von Bewertungen, der Beleg mit Quellenmaterial, dies alles fehlt. Der Nachname, Priester, ist offensichtlich Programm (Es findet nicht einmal eine Doppelnamen-Relativierung statt).

blurred bordersDie fließenden Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, die Priester sieht, verlangen entsprechend nicht viel intellektuelle Fähigkeit, um bestimmt zu werden: Rechtsextremismus ist dann, wenn die Wähler einer Partei „unterdurchschnittlich gebildet sind“ (35), rechtspopulistisch ist eine Partei dann, wenn sie in „ehemals linke Wählerschichten“ eindringt (35). Das Weltbild von Priester ist recht schlicht: Die entsprechenden Wähler sind entweder dumm oder sie werden verführt, nur eines sind die entsprechenden Wähler von Parteien, die Priester rechtsextrem oder rechtspopulistisch findet nicht, Individuen mit eigenem Willen, die Respekt verdienen. Die Missachtung individueller Freiheit und das schlichte Weltbild von Karin Priester findet seine Verdichtung in dem im Folgenden zitierten Absatz:

RE [Rechtsextremismus] spricht unterdurchschnittlich formal gebildete Schichten an, mit denen sich das Bürgertum nicht gemein macht. Anti-Establishment-Protest artikuliert sich hier als Kampf für einen staatsfreien Kapitalismus. … In Deutschland findet er ein Forum in der Zeitschrift ‚eigentümlich frei‘, die sich als ‚Marktplatz für Liberalismus‘ versteht. Ihre ideologischen Leitfiguren sind Murray Rothbard und die Philosophin Ayn Rand, die Eigennutz und Egoismus moralphilosophisch als Tugenden legitimiert. Ziel ist die staatlich ungehinderte Nutzenmaximierung neuer ‚Leistungsträger‘ in Finanz-, Marketing-, Management- und Akademikerkreisen oder im PR- und IT-Bereich. … Als ideologisches Bindeglied zwischen Libertarismus und RE fungiert der Sozialdarwinismus als Ideologie der naturgewollten Überlegenheit der Starken gegenüber den Schwachen, der Eliten gegenüber der Masse“.

Ich habe noch selten etwas gelesen, das mich mehr erheitert hat. Der Unsinn, der aus diesen Zeilen trieft, wird nur dadurch übertroffen, dass es dieselbe Priester ist, die sich auf mehreren Seiten über die dummen Wähler rechtzsextremer Parteien ausgelassen hat, die nunmehr beklagt, dass Libertarismus eine Herrschaft der Elite über der Masse propagiert und die Verbindung zwischen Ayn Rand und Rechtsextremismus findet Priester dann auch im Sozialdarwinismus, der für sie vermutlich nur ein anderes Wort für Eigennutz und Egoismus ist, in ihrer engen Welt auch nichts anderes als die Herrschaft der Starken über die Schwachen.

Aber anhand dieses Absatzes kann man einiges über Karin Priester lernen: Sie scheint zu egoman, oder sollte ich egoistisch sagen, um auch nur einen Moment lang auf die Idee zu kommen, dass das, was sie sich unter „Egoismus und Eigennutz“ vorstellt, nicht das ist, was Ayn Rand damit bezeichnet. Priesters Streben nach Eigennutz und ihr Versuch, ihren eigenen ideologischen Nutzen zu maximieren, geht so weit, dass sie uns einen guten Einblick in ihre kleine Welt gibt, in der Freiheit gefürchtet wird, in der ein Kapitalismus ohne staatliche Umverteilung nicht vorstellbar ist, weil damit das Fundament der eigenen Heilslehre beseitigt wäre und der deutsche Mensch nicht mehr Sklave seines Staates, sondern umgekehrt, der Staat Dienstleister seiner Bürger wäre. Alles schreckliche Vorstellungen für staatsgläubige wie Priester.


Rand Virtue of Selfishness
Nun, was macht man mit derartigem Unsinn, mit einer Rabulistik, die vor lauter ideologischer Selbstsucht nicht bemerkt, dass Ayn Rand zwar im Titel eines Buches vom „virtue of selfishness“ schreibt, dass dahinter aber ein (moral)philosophisches Gebäude steht, das mit Sozialdarwinismus ungefähr soviel gemein hat, wie Karin Priester mit Anstand? Hätte Priester etwas gemein mit Anstand, sie hätte mehr als einen Buchtitel von Rand gelesen. Aber für ideologisch geschlossene, dogmatische Persönlichkeiten, wie Milton Rokeach derartige Persönlichkeiten genannt hat, geht es nicht darum, anderen gerecht zu werden, sondern ausschließlich darum, eine Folie zur Verbreitung der eigenen ideologischen Überzeugung zu finden und wie bei vielen Linken, so ist diese Folie bei Priester und in schöner verlogener Regelmäßigkeit die Folie der altruistischen guten Menschen, die sich voller Eigennutz um die Schwachen und Armen kümmern, um die Minderbemittelten, sofern diese nicht „RE“ wählen oder sind.

Und die guten Altruisten aus dem Reich der Linken sind natürlich auch aufgeschlossen genug, um sich mit Argumenten auseinanderzusetzen und können sofort angeben, warum Sozialismus keine Cliquenherrschaft ist, warum Sozialismus allen und nicht nur denen, die ihn propagieren, zu Gute kommt, und vor allem, warum Sozialismus nicht der Zwilling von Faschismus ist, der Menschen paternalisiert, bevormundet und als Mittel zum Zweck der Bereicherung der eigenen Günstlinge, der Nutzenmaximierung seiner Günstlinge ansieht. Dies alles sind übrigens Attribute, die dem Sozialismus von Ayn Rand ebenso zugeordnet werden, wie sie sie dem Faschismus zuordnet. Beide sind für Rand nämlich nur zwei Seiten der selben Medaille. Kein Wunder, dass Linke nicht gut zu sprechen sind auf Ayn Rand (Bitte erinnern Sie sich daran, dass man in linken Kreisen nicht argumentiert, sondern „affektiviert“, wie man sagen könnte, also nicht auf die Inhalte, sondern auf die vermeintliche affektive Konnotation reagiert). Aber vielleicht ist es bei den Anhängern sozialistischer Parteien auch einfach nur so, wie es Priester für die Anhänger rechtsextremer Parteien konstatiert: Sie sind zu dumm, um die entsprechenden Zusammenhänge zu verstehen (Das ist eine faktische und somit prüfbare Aussage, die man leicht widerlegen kann, in dem man nicht mit Ärger auf diesen Text reagiert, selbst wenn man sich als politisch links betrachtet!).

Bildnachweis
James Baird

Die Gegner der Meinungsfreiheit: autoritär, emotional, kollektivistisch und weiblich

Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen der US-Verfassung und dem deutschen Grundgesetz, nicht nur dann, wenn es um die Meinungsfreiheit geht, aber dann insbesondere. Amendment 1 der US-Constitution lautet kurz und bündig:

„Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof, or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances“.

Dem US-amerikanischen Gesetzgeber ist es somit untersagt, die Religions-, die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit oder die Versammlungsfreiheit einzuschränken. Die Meinungsfreiheit und alle anderen genannten Freiheiten sind in den USA sakrosankt, kein Gesetzgeber kann sie einschränken, hat über sie zu befinden, zu entscheiden, welche Meinungen ihm gerade passen bzw. welche er lieber nicht zulassen will. Auf diese Weise haben die Väter der US Constitution versucht, das aus ihrer Sicht höchste Gut der individuellen Freiheit, wie es sich in u.a. der Meinungsfreiheit ausdrückt, vor staatlicher Einflussnahme und Gängelung zu schützen. Damit nimmt die US-Constitution explizit in Kauf, dass so genannte Hassredner, Holocaust-Leugner, Rassisten, Abtreibungsgegener oder religiöse Eiferer in der Öffentlichkeit ihre Inhalte verbreiten. Das Gut der Meinungsfreiheit, so hat z.B. Bollinger (1986) argumentiert, sei wichtiger als der individuelle Schutz derer, die von Hassreden betroffen sind. Toleranz für z.B. Verbal-Extremisten, religiöse Eiferer und Holocaust-Leugner mache eine Gesellschaft stark, und Meiklejohn hat bereits 1948 (und somit im Angesicht des aufkommenden McCarthyism) festgestellt, dass es ohne Meinungsfreiheit für alle keine freie Gesellschaft geben kann.

Wie anders die Welt doch in Deutschland ist, zeigt bereits ein Blick auf Artikel 5 des Grundgesetzes, der lautet:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film sind gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Meinungsfreiheit gibt es in Deutschland also nicht unbedingt, sondern nur unter Bedingungen. Gesetze regeln, was als Meinungsfreiheit zu gelten hat, die Zensur von Film und Rundfunkt findet als freiwillige Selbstkontrolle statt, die Presse unterhält ihren Presserat zur Durchsetzung der richtigen Berichterstattung, und Gesetze verbieten die Verbreitung bestimmter Inhalte in „allgemein zugängliche Quellen“. Kurz: Meinungsfreiheit und die anderen in Artikel 5 genannten Freiheiten, sind keine Freiheiten, die das Individuum in Deutschland hat, es sind Freiheiten, die dem Individuum von seinem Staat gewährt werden und die jederzeit eingeschränkt werden können.

Das ist ein erheblicher Unterschied zur Verfassung der USA, der sich u.a. darin niederschlägt, dass in Deutschland politische Kontroversen häufig mit dem Ruf nach einer Zensur der missliebigen Meinung geführt werden. Rechte wollen „Linksextremisten“ die Meinungsfreiheit untersagen, Linke wollen „Rechtsextremisten“ die Meinungsfreiheit untersagen, Feministen versuchen, die Meinungsfreiheit für Mitglieder der Männerbewegung einzuschränken, in dem sie die Männerbewegung in die rechte Ecke rücken usw. Kurz: Die Meinungsfreiheit ist zum Einsatz geworden, um den sich Interessenvertreter balgen. Jeder versucht, sich einen Vorteil zu verschaffen, in dem er dem anderen den Mund verbietet. Es ist passiert, was die Väter der US Constitution vorhergesehen haben und was, wie Daniel M. Downs und Gloria Cowan (2012) schreiben, jeder vernünftige Mensch vorhersehen muss, nämlich dass dann, wenn man die Meinungsfreiheit einschränkt, langfristig gesellschaftlicher Schaden entsteht, dass langfristig eine frei Gesellschaft nicht möglich ist, schon weil diejenigen, die heute z.B. X den Mund verbieten, morgen nicht mehr an der Macht sein können und sich ihrerseits einem Meinungsverbot ausgesetzt sehen können. Dieser einfache Zusammenhang sollte z.B. Sozialdemokraten, deren Meinung im Dritten Reicht nicht die Freiheit öffentlicher Äußerung gewährt wurde, bekannt sein.

Dennoch kehren die Rufe danach, dem politischen Gegner den Mund zu verbieten, regelmäßig wieder, zuletzt im Zusammenhang mit Anders Breivig. Fast scheint es, als herrschte Angst vor der Meinung anderer, als siegte die Emotion, dass etwas gesagt wird, was einem nicht passt, über die Vernunft, die zu der Einsicht führt, dass wenn ich A den Mund verbiete, weil er etwas sagt, was mir nicht passt, es passieren kann, dass mir A den Mund verbietet, weil ich etwas sage, was ihm nicht passt. Dieses Grunddilemma beschreibt das Problem, das Daniel M. Downs und Gloria Cowan zum Ausgangspunkt einer Untersuchung genommen haben, die demnächst im Journal of Applied Social Psychology erscheinen wird. Wer ist bereit, eine Einschränkung der Meinungsfreiheit hinzunehmen? Wem ist es wichtiger, Hassreden zu unterbinden? Wer opfert die Meinungsfreiheit, weil ihm die eigenen Emotionen, angesichts von Hassreden wichtiger sind, als eine vernünftige Erwägung des Schadens, den ein Verbot von Hassreden dem Gut der Meinungsfreiheit zufügt? Diese Fragen finden bei Downs und Cowan und auf Basis einer quantitativen Untersuchung, an der 210 Studenten der California State University im Alter von 18 bis 58 Jahren teilgenommen haben.

Auf der Suche nach den Antworten auf die gestellten Fragen, haben die Autoren die theoretische Landschaft minutiös durchsucht und eine Reihe aussichstreicher Kandidaten zu Tage befördert, von denen angenommen werden kann, dass sie einen Hinweis auf die Beantwortung der untersuchten Fragen geben. Die meisten der Kandidaten wurden über Messinstrumente erhoben, die in der Sozialpsychologie über eine lange Tradition verfügen, darunter z.B. die Individualism-Collectivism-Scale, das Revised NEO Personality Inventory, die Attitudes Towards Thinking and Learning Scale oder die Right-Wing Authoritarianism Scale. Für alle Skalen ergeben Relibilitätstests einen guten bzw. sehr guten Wert für Cronbach’s Alpha, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die einzelnen Skalen nicht nur das messen, was sie messen sollen, sondern dass die entsprechende Messungen auch wiederholbar sind. Die im Folgenden berichteten Ergebnisse basieren auf Korrelations- und Regressionsanalysen, denen ein recht klares Bild darüber, wer nicht bereit ist, Meinungsfreiheit zu opfern und wer dazu bereit ist, entnommen werden kann:

  • Personen, die unter keinen Umständen bereit sind, die Meinungsfreiheit einzuschränken, können wie folgt beschrieben werden:
    • Sie sind Individualisten, d.h. sie gewichten die eigene Person höher als die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv;
    • Sie sind in der Lage, analytisch zu denken, separate knowing, wie Downs und Cowan das nennen: „Separate knowing, a form of intellect (i.e., critical thinking), requires one to be impersonal and to void feelings and emotions in the service of objectivity. … separate thinkers may be able to perceive the long-term benefits of freedom of speech and separate themselves from an emotional approach that emphasizes the immediate harm to an individual“ (1357);
    • Sie ordnen sich keiner Autorität unter, grenzen sich nicht aggressiv gegen andere Gruppen (Migranten oder Männer) ab und hängen keinen traditionellen Normen an
    • Sie sind mehrheitlich männlich;
  • Personen, die bereit sind, die Meinungsfreiheit zu opfern, um Hassreden, die ihnen nicht gefallen, zu unterbinden, können darüber hinaus wie folgt beschrieben werden:
    • Sie bezeichnen sich selbst als eher liberal;
    • Sie sind mehrheitlich weiblich, und Gleichheit ist ihnen wichtiger als Freiheit;

Was Downs und Cowan in ihren Ergebnisse beschreiben, ist ein Persönlichkeitssyndrom, das man dahingehend zusammenfassen kann, dass die Gegner von Meinungsfreiheit autoritärer Führung bedürfen, um zu wissen, wo sie hingehören. Entsprechend fühlen sie sich in Kollektiven wohl, die Zugehörigkeit zu „etwas“ ist ihnen wichtiger als die eigene Freiheit, die eigene Individualität, weshalb sie Freiheit auf dem Altar der Gleichheit zu opfern bereit sind. Sie sind des analytischen oder kritischen Denkens entweder nicht willens oder nicht dazu fähig und opfern die rationalen Erkenntnisse einer kurzfritigen Emotion, und sie sind in der Mehrzahl weiblich.

Dieses Syndrom ist nicht neu, es wurde bereits von Max Horkheimer in seinen theoretischen Entwürfen über die Autorität in der Familie beschrieben:„In doppelter Weise stärkt die familiale Rolle der Frau die Autorität des Bestehenden. Als abhängig von der Stellung und vom Verdienst des Mannes ist sie darauf angewiesen, dass der Hausvater sich den Verhältnissen fügt, unter keinen Umständen sich gegen die herrschende Gewalt auflehnt, sondern alles aufbietet, um in der Gegenwart vorwärts zu kommen. Ein tiefes ökonomisches, ja physiologisches Interesse verbindet die Frau mit dem Ehrgeiz des Mannes, vor allem ist es ihr jedoch um die eigene ökonomische Sicherheit und die ihrer Kinder zu tun. Die Einführung des Wahlrechts der Frau hat auch in den Staaten, wo eine Stärkung der Arbeitergruppen erwartet wurde, den konservativen Mächten Gewinn gebracht“ (Horkheimer, 1987, S.59).

Es ist eben dieses Syndrom, das sich im Staatsfeminismus wiederfindet, in dem durch schulische Indoktrination versucht wird, als falsch bewerteten Einstellungen und Verhaltensweisen wie z.B. einem Machogehabe entgegen zu wirken und in dem so großer Wert auf das politisch Korrekte und somit die Unterdrückung dessen, was als politisch nicht korrekt angesehen wird, also auf die Unterdrückung der Meinungsfreiheit gelegt wird. Es ist dieses Syndrom, das Dr. habil. Heike Diefenbach im dritten Teil ihrer Darstellung zum Patriarchat über den Staatsfeminismus beschrieben hat. Staatsfeminismus und die Unterdrückung von Meinungsfreiheit gehen derzeit Hand in Hand und wenn man sich die Unterschiede zwischen der US Constitution und der deutschen Verfassung, die oben berichtet wurden, in Erinnerung ruft, dann scheinen sich Staatsfeministen und Meinungsfreiheitseinschränker in Deutschland gesucht und gefunden zu haben.

Literatur

Downs, Daniel M. & Cowan, Gloria (2012). Predicting the Importance of Freedom of Speech and the Perceived Harm of Hate Speech. Journal of Applied Social Psychology 42(6): 1353-1375.

Bollinger, Lee C. (1986). The Tolerant Society: Freedom of Speech and Extremist Speech in America. New York: Oxford University Press.

Horkheimer, Max (1987 [1936]). Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil. In: Horkheimer, Max, Fromm, Erich & Marcuse, Herbert (Hrsg.): Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg: Dietrich zu Klampen Verlag, S. 3-76.

Meiklejohn, Alexander (1948). Free Speech and Its Relation to Self-Government. New York: Harper & Brothers.

Bildnachweis:
PI-News
ozpolitic
The Fireside Post