Die Pseudo-Moralität der Moderne

Wenn die derzeitige politische Klasse sich durch etwas auszeichnet, dann durch eine Regelungswut, die bis in die letzten Winkel des privaten Lebens der Regelungs-Opfer reicht. Die Regelungswut, deren Zweck nicht darin besteht, Dinge zum Besseren zu verändern, sondern darin, geregelt zu haben und über die Regelung einen Herrschaftsanspruch und eine moralische Überlegenheit zu reklamieren, greift dabei immer tiefer in individuelle Lebensentscheidungen ein und schafft eine Art der zugelassenen öffentlichen Pseudo-Moralität.

DiMaggio und Powell (1983) haben eine Entwicklung beschrieben, die die Legitimität eines administrativen Aktes nicht über die Wirkung bzw. das Ergebnis bestimmt, sondern den administrativen Akt selbst als Legitimität setzt, so dass nicht die Verbesserung eines als relevant belegten Mißstandes, sondern der Erlass eines Gesetzes zur Verbesserung eines lediglich von Lobbyisten als relevant behaupteten und durch keinerlei empirische Fakten belegten Mißstandes Legitimität verschafft und Aktivismus an die Stelle der Problemlösung tritt.

Wir wollen in diesem post untersuchen, was diese Pseudo-Legitimität trägt, was dazu führt, dass eine Pseudo-Legitimität an die Stelle von Legitimität tritt.

Bourdieu Theorie der PraxisUnter Rückgriff auf die Kapitalientheorie von Pierre Bourdieu (2009) stellen wir die These auf, dass das, was diese Pseudo-Legitimität ermöglicht, nicht der Austausch herkömmlicher Kapitalien zwischen Akteuren ist, dass soziale Differenzierung in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen entsprechend nicht über kulturelles Kapital (hohe Bildung) oder ökonomisches Kapital (Reichtum) erfolgt, sondern durch die Übernahme einer von uns als Pseudo-Moralität bezeichneten Haltung, die einen Selbstwert verspricht, der nicht auf Leistung oder Kompetenz gegründet ist. Wir entwickeln hier also unsere eigene Gesellschafsttheorie, unsere Beschreibung der Post-Moderne.

Die Pseudo-Moralität, die manche als politische Korrektheit beschreiben, zielt auf Wohlverhalten, definiert die Gruppe der guten Staatsbürger und dient als Integrationsklammer um eine Gruppe, die sich nicht mehr durch Leistung oder Kompetenz, sondern nur noch durch affektive Abgrenzung von anderen differenzieren kann. Die Kapitalien, die unter der Ägide dieser Pseudo-Moralität getauscht werden, zeichnen sich durch zweierlei aus: (1) Sie sind nicht materiell und (2) ihr Tausch findet nicht zwischen gleichberechtigten Individuen statt. Vielmehr ist es ein asymmetrischer Tausch der Individuen sich der vorgegebenen Pseudo-Moralität unterordnen sieht.

Aus diesem Grund greift die Bezeichnung “politische Korrektheit” zu kurz, denn es geht nicht nur darum, Sprache als Machtmittel einzusetzen, es geht auch darum, die richtige Sprachform als moralischen Kodex und Zuordnungsmerkmal der Gruppe der “Guten” zu etablieren, einen Schirm der Pseudo-Moralität bereitzustellen, unter dem sich die Guten sammeln, ein Schirm, der ihnen eine soziale Identität verleiht (und in vielen Fällen ein materielles Auskommen). Die Pseudo-Moralität offeriert entsprechend ein neues und immaterielles Kapital, das zugeschrieben wird, sich ausschließlich auf Wohlverhalten gründet und keinerlei Aspekte von Leistung und Kompetenz umfasst.

Sherif Robbers caveDas Angebot, Status durch bloße Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten, der Pseudo-Moralität zu erzielen, ist aus sozialpsychologischer Perspektive das Angebot, eine soziale Identität zu übernehmen. Wie Tajfel (1982) und Turner (1987) gezeigt haben, ist ein solches Angebot vor allem für Individuen interessant, die keine eigene personale Identität entwickelt haben. Ihnen bietet die Pseudo-Moralität eine aufwandlose Identität. Sie werden jemand, ohne etwas tun zu müssen und können die fehlende personale Identität durch die Übernahme der angebotenen sozialen Surrogat-Identität (Heitmeyer 1992) kompensieren.

Folgerichtig wird jeder Angriff auf die Pseudo-Moralität zum Angriff auf die übernehmenen Individuen, die nunmehr die Pseudo-Moralität mit Zähnen und Klauen und einer (vorst noch) verbalen Gewaltbereitschaft verteidigt, die sich im umgekehrt proportionalen Maß zur wahrgenommenen Fragilität der eigenen Persönlichkeit steigert (ganz so wie dies Sherif et al., 1961 in ihren Experimenten gezeigt haben).

Pseudo-Moralität gibt denen, die sie sich zu eigen machen, somit ein Zugehörigkeitsgefühl. Sie stehen auf der richtigen Seite, kämpfen für die richtige Sache. Der Kanon dessen, was das Richtige und Gute der Pseudo-Moralität ausmacht, kennt nur wenige Bestandteile: Zentraler Bestandteil ist eine überbewertete Sexualität, die seit Jahrhunderten das Kennzeichen fragiler Persönlichkeiten, die viel reden und wenig bis nichts erfahren, ist, ganz so, wie Frederic Perls dies beschrieben hat (Perls, Hefferline & Goodman, 1991).

Um diesen Kern lagern sich Themen wie der Mythos der Frauenbenachteiligung, die Feindschaft gegenüber dem Kapitalismus, oder die Technologiefeindschaft, vor allem gegen Kernkraft und Gentechnik an, deren zentrale Bedeutung für die Formung autoritärer Persönlichkeiten von Forschern wie Milton Rokeach (1980) gezeigt wurde.

Die so bestimmte Pseudo-Moralität bedarf ständiger öffentlicher Zelebrierung, um als affektives Bindeglied nutzbar zu sein, denn sie basiert auf nichts anderem als einem Gefühl, dem Gefühl “gut” zu sein, das die Pseudo-Moralität als einziges Angebot an ihre Jünger macht.

Gefühle sind rationalen Erwägungen generell unterlegen, da rationale Erwägungen nach außen gerichtet sind, während Gefühle nach innen gerichtet sind und somit höchstens Mitteilbarkeit aber keine Teilbarkeit mit sich bringen. Die Richtigkeit von Gefühlen kann im Gegensatz zur Richtigkeit von Argumenten nicht unabhängig und inter-individuell geprüft werden. Deshalb bedarf es der kollektiven und gegenseitigen Vergewisserung darüber, dass man das richtige Gefühl hat, dass man gut ist, wenn man schon sonst nichts ist.

triumph-will-leni-riefenstahlIm Dritten Reich leisteten Massenaufmärsche und die mediale Inszenierung derselben die Aufgabe, für Gruppenzusammenhalt unter der Herrschaft des richtigen Gefühls zu sorgen (Lüsebring & Riesz, 1984). Heute sind Massen-Aufregungen und Massen-Hysterien, wie sie unter Hashtags bei Twitter oder in öffentlich-rechtlichen Medien inszeniert werden, das Surrogat der in Verruf geratenen Massenaufmärsche. Die Funktion ist dieselbe.

Demenstprechend sehen wir regelrechte Kreuzzüge gegen alle, die als falsch, böse oder einfach nur von der Pseudo-Moralität abweichend wahrgenommen werden. Sie müssen aufgeklärt, erzogen oder bekämpft werden. Die Themen der Aufklärung, Erziehung oder des Kampfes sind durch den engen Kanon der Pseudo-Moralität vorgegeben. Sie richten sich entsprechend gegen alle, die einen Lebenstil bevorzugen, der von dem, was die Pseudo-Moralität vorgibt, abweicht. Sie richten sich gegen Kapitalismus, gegen Technik und mithin gegen Rationalität, so dass man den Kern der Pseudo-Moralität auch als Morbidität und Selbsthass beschreiben könnte, denn diejenigen, die ihr anhängen, sägen mit allen verfügbaren Mitteln an dem Ast, auf dem sie sitzen.

[Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Feinde des Kapitalismus erst durch den Erfolg des Kapitalismus möglich gemacht werden. Produzierte Letzterer nicht Überschüsse, es wäre schlicht unmöglich, seinen Lebensunterhalt nicht durch eigene Leistung, sondern durch Dritte bestreiten zu lassen. Dieses Phänomen hat bereits von Hayek in seinem Buch “Road to Serfdom” (1944 erstveröffentlicht) beschrieben.]

Diese Morbidität findet auch darin ihren Niederschlag, dass anerkannte Werte in ihr Gegenteil verkehrt werden. Gerechtigkeit wird durch die Ungerechtigkeit der gleichen Auszahlung bei unterschiedlichen Anstrengungen ersetzt, Toleranz wird in Intoleranz gegen alle Abweichung von der Pseudo-Moralität verkehrt, und Offenheit wird zu einem Synonym für Beschränktheit, für eine geistige Haltung, die schon alles weiß und den Zweifel nicht kennt.

Lebenssinn IndustriegesellschaftDie herrschende Pseudo-Moralität entlarvt sich somit selbst als Un-Moral, die dazu dient, ein psychologisches Eigenbedürfnis auf Kosten Anderer zu befriedigen und die dazu dient, die nicht vorhandene Achtung vor sich selbst durch Zuflucht zu einer kollektiven Idee des Besser-Seins zu überwinden. Dass bei dieser Zuflucht die Achtung vor Anderen auf der Strecke bleiben muss, ist zwangsläufig, denn die emotionale Zuflucht, die die Pseudo-Moralität anbietet, appelliert an Selbstsucht. Sie gedeiht nur, wenn die Rechte Anderer bestritten werden.

Die Pseudo-Moralität ist eine vorgegaukelte Moralität, die vor allem für Individuen attraktiv ist, die ihren Wert nicht aus sich heraus bestimmen können und die entsprechend auf die soziale Salbung angewiesen sind. Sie ist die Zuflucht der Mittelmäßigen, derjenigen, denen nur eine Gruppenbindung Persönlichkeit und Lebenssinn gibt, weil eigene Leistung und Selbstbewusstsein fehlen. Und weil Letztere fehlen, weil ihre Persönlichkeit daran hängt, dass ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Guten, ihre Untertänigkeit unter die entsprechende Pseudo-Moralität nicht in Frage gestellt ist, bekämpfen sie alles, was auch nur ansatzweise Kritik an ihrer Pseudo-Moralität darstellen könnte.

Hier nun schließt sich der Kreis, der mit DiMaggio und Powell und Bourdieu seinen Ausgang genommen hat:

  • Die herrschende Pseudo-Moralität bietet immaterielle Kapitalien für diejenigen, die selbst über keine eigenen Kapitalien verfügen, um sich zu differenzieren.
  • Das angebotene immaterielle Kapital gibt es anstrengungslos und durch Unterordnung, die zudem eine soziale Surrogat-Identität bereitstellt.
  • Der Zulauf von Individuen, für die das Angebot einer anstrengungslosen immateriellen Kapitalie nebst sozialer Identität attraktiv ist, legitimiert die Pseudo-Moralität in ihrem hegemonialen Anspruch und sorgt für eine Schließung der Gesellschaft.
  • Als Folge tritt affektives Freund-Feind-Denken an die Stelle rationaler oder wertrational begründerter, zivilisierter Interaktionsformen, die noch eine moralische Selbstbindung und Reziprozität zum Kern hatten.
  • Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine Verunmöglichung spontaner, nicht erzwungener oder unter der Ägide der Pseudo-Moralität vorgegebener Kooperation, also von Kooperation zur Lösung von Sachproblemen und somit eine Verunmöglichung von Gesellschaft.

©ScienceFiles, 2014

Zitierweise: Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2014). Die Pseudo-Moralität der Moderne. ScienceFiles: http://sciencefiles.org/die-pseudo-moralitat-der-moderne/

Literatur

Bourdieu, Pierre (2009). Entwurf einer Theorie der Praxis: auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter W. (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Heitmeyer, Wilhelm (1992). Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation. Weinheim: Juventa.

Lüsebrink, Hans-Jürgen & Riesz, Jánosz (1984). Feindbild und Faszination: Vermittlerfiguren und Wahrnehmungsprozesse in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen (1789-1983). Frankfurt a.M.: Diesterweg.

Perls, Frederic S., Hefferline, Ralph F. & Goodman, Paul (1991). Gestalttherapie. München: dtv.

Rokeach, Milton (1980). The Open and Closed Mind: Investigations Into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Sherif, Muzafer, Harvey, O.J., White, B. Jack, Hood, William R. & Sherif, Carolyn W. (1961). The Robbers Cave experiment : intergroup conflict and cooperation. Middleton: Harper & Row.

Tajfel, Henri (1982)(ed.). Social Identity and Intergroup Relations. London: Cambrigde University Press.

Turner, Jonathan (1987). Rediscovering the Social Group: A Self-Categorization Theory. Oxford: Basil Blackwell.

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