“Niggermusik”: Kein Platz für “entartete Künstler” in Hof?

Dummheit gepaart mit der Gewissheit, man vertrete die richtige Überzeugung, stehe auf der richtigen Seite, helfe der richtigen Sache zu Durchbruch, tue Gutes, sei ein Guter, ist die Geißel der Menschheit, die sich in vielen verschiedenen Formen Bahn gebrochen hat. Das Münden der französischen Revolution in willkürliches Morden von Menschen, die Hexenverfolgung im Mittelalter, die kommunistischen Säuberungswellen in China und Russland, die Killing Fields in Kambodscha, der Nationalsozialismus und der heutige linksidentitäre Totalitarismus, sie alle geben nicht nur ein Zeugnis von der Tödlichkeit und Menschenverachtung entsprechender Ideologien, sie geben vor allem ein Zeugnis von der geistigen Grundlage, auf der dieser Totalitarismus zu wachsen in der Lage ist.

Es ist, so sollte man denken, eigentlich ganz einfach.



Die Grundlage einer Gesellschaft, die demokratisch sein will, sie besteht darin, dass die Meinungen anderer akzeptiert werden, dass jeder sagen und denken kann, was er will. Die Grenze der Toleranz, die Karl Raimund Popper wie kein anderer exakt beschrieben hat, sie verläuft da, wo Toleranz missbraucht wird, um per Gewalt Intoleranz durchzusetzen. Das so genannte Toleranz-Paradox von Popper gehört zu den am meisten von Linken und Dummen missbrauchten Gegenständen der politischen Ideenlehre. Wir haben hier dargestellt, wie dieser Missbrauch aussieht.

Der aggressive Akt, der darin besteht, einem Menschen Schaden deshalb zuzufügen, weil er eine andere Meinung hat, dieser aggressive Akt ist für Popper der Anlass, die eigene Toleranz, die man dem Aggressor bislang entgegen gebracht hat, zu widerrufen und ab sofort mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Dummheit und eine geradezu bewundernswerte Unfähigkeit daran zu zweifeln, im Recht zu sein, sind die Markenzeichen derer, die man, je nach dem Zweig der Sozialwissenschaften, in dem man sich gerade befindet, als Fundamentalisten, Fanatiker oder autoritäre Persönlichkeiten beschreiben muss. Diese Dummheit äußert sich auch in der Unfähigkeit, formale Gemeinsamkeiten in empirischen Fakten zu erkennen. Das Erkennen dieser Gemeinsamkeiten ist die Grundqualifikation eines Wissenschaftler. Der Verlust dieser Fähigkeit, der in der heutigen Gesellschaft so umfassend ist, ist eine der größten Gefahren für die Freiheit.

Schon die erste PISA-Studie hat gezeigt, dass deutsche Schüler im Vergleich mit Schülern aus z.B. asiatischen oder angelsächsischen Ländern seltener in der Lage sind, Transferaufgaben zu lösen, also das in einem inhaltlichen Bereich Erlernte, über ein formale Eigenschaft auf einen anderen inhaltlichen Bereich zu übertragen. Da diese Unfähigkeit deutscher Schüler bei Lehrern erworben wurde, besteht kein Grund anzunehmen, dass sie auf Schüler beschränkt ist.



Machen wir doch ein Beispiel.
Der folgende Test stammt von der Deutschen Welle:

CC BY-SA 3.0

“Der “Rassenwahn” der Nationalsozialisten machte auch vor der Musik nicht halt. Die deutsche Musik sollte rein sein, frei von allem “Undeutschen”, “Nichtarischen”. Um der Bevölkerung diese Zielsetzung vor Augen zu führen, wurde am 24.Mai 1938 – während der ersten Reichsmusiktage in Düsseldorf – die Ausstellung “Entartete Musik. Eine Abrechnung” eröffnet. Alles, was in der musikalischen Kultur des NS-Staates keinen Platz mehr haben sollte, wurde den Besuchern durch Hörbeispiele, Bilder und Texte vorgeführt.

Am Pranger standen Schlager, Operette und atonale Musik, vor allem aber die Musik jüdischer Komponisten und die als “Niggermusik” diffamierte Jazzmusik. Die Ausstellung wurde Ausgangspunkt einer beispiellosen Verfolgungskampagne gegen Musiker und ihre Musik: Keiner der dort verunglimpften Musiker konnte seiner Tätigkeit im NS-Staat weiter nachgehen. Aufführungs- und Berufsverbot waren der Anfang, Verfolgung und Deportation bis hin zur Ermordung das Ende.

Eine abschreckende Schau sollte die Ausstellung “Entartete Musik” sein, so wollte es der Hitler-Verehrer Hans Severus Ziegler. Der NSDAP-Funktionär und damalige Intendant am Staatstheater in Weimar hatte die Ausstellung organisiert. In seiner Eröffnungsrede sagte er: “Was in der Ausstellung zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbat dar und ein Abbild arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung.”

Warum ist diese Art des Umgangs mit “Entarteter Musik” ein Problem?

Würde man diese Frage in deutschen Schulen oder Parlamenten oder Stadträten (der Niveauunterschied dürfte vernachlässigbar sein) stellen, man bekäme mit hoher Wahrscheinlichkeit eine inhaltliche Antwort, die Verunglimpfung von Künstler würde thematisiert, das Berufsverbot für Juden und diejenigen, die “Niggermusik”, wie es im Dritten Reich hieß, produzierten, würde als Ausdruck des Rassismus der Nazis ausgewiesen, die Verfolgung der Musiker, WEIL sie das herstellen, was im Dritten Reich als Entartete Musik galt, würde angesprochen und so manches mehr.

Das ist aber nicht der Punkt.

Der Punkt ist ein formaler:

(1) Nazis, machen wir es allgemeiner, Menschen in bestimmten Positionen schwingen sich zum Richter über den Wert dessen, was anderer herstellen auf.
(2) Das an sich ist kein Problem. Unterschiedliche Werturteile sind notwendiger Ausdruck einer diversen Gesellschaft, und wir wollen doch, wie uns die Sonntagsredner immer erzählen, eine diverse Gesellschaft.
(3) Das Problem besteht darin, dass das eigene Werturteil nicht nur ABSOLUT gesetzt wird, sondern zur Grundlage der SCHÄDIGUNG anderer gemacht wird.

Nationalsozialismus ist nicht wegen seiner Inhalte das Problem geworden, das er geworden ist, sondern weil Nazis ihre irre Lehre zur Grundlage des Zusammenlebens erklärt haben und jeden ermordet oder geschädigt haben, der diese Grundlage nicht teilen oder anerkennen wollte. Totalitarismus ist kein inhaltliches Problem. Niemand stirbt daran, dass seine Musik als “Niggermusik” bezeichnet wird. Gestorben wird, weil es Leute gibt, die keinerlei Zweifel daran haben, dass das Werturteil, auf das sie ihre gesamte Existenz gebaut haben, der Wahrheit entspricht, dass alles, was davon abweicht, bekämpft und zerstört werden muss.



Und jetzt wechseln wir die Baustelle und die Transferaufgabe beginnt.

Die Stadt Hof hat ein Konzert von Xavier Naidoo abgesagt, nicht etwa wegen SARS-CoV-2, sondern wegen Naidoo. Wie wir alle hinlänglich wissen, leistet sich Naidoo eine Reihe von abweichenden Meinungen. Er zweifelt die These vom menschengemachten Klimawandel an, behauptet, der Einsturz des World Trade Center sei auf eine kontrollierte Sprengung und nicht auf die beiden Flugzeuge, die von Anhängern Al Kaidas in die beiden Tower geflogen wurden, zurückzuführen und so manches andere mehr.

Der entscheidende Punkt hier: Naidoo schadet mit seinen Aussagen NIEMANDEM. Es mag sein, dass er Menschen mit seinen Aussagen verärgert. Aber Menschen die es nicht ertragen können, durch die Meinungen anderer verärgert zu werden, die sind in einer Demokratie ohnehin falsch, denn sie sind keine Demokraten: Sie sollten nach China gehen und sich dort die Einheitsmeinung der KPCh zulegen und bei den Volkskongressen den Katechismus der Partei aufsagen.

Und nun zitieren wir direkt aus einem Bericht des Bayerischen Rundfunks:

“Das ursprünglich für Freitag angesetzte Konzert von Xavier Naidoo auf dem Volksfestplatz in Hof ist nicht nur längst wegen der Corona-Pandemie verschoben, sondern inzwischen aus politischen Gründen abgesagt worden. Wie die Stadt Hof mitteilt, werde der Künstler auch dann nicht in Hof auftreten, wenn die Verordnungen zum Infektionsschutz Großveranstaltungen wieder erlauben. Die Entscheidung sei im Kulturbeirat der Stadt gefallen. Die Diskussion hatte zuvor ein Antrag des parteilosen Thomas Etzel ausgelöst, der für die Linkspartei im Stadtrat sitzt.

Hofs Oberbürgermeisterin Eva Döhla (SPD) sagt, dass sich die Stadt mit der Konzertabsage von Aussagen Naidoos distanziere. In der Stadt sei kein Platz für Menschen, die Ressentiments befeuerten, antisemitisches oder homophobes Gedankengut verbreiteten, Verschwörungstheoretikern nahe stünden oder sich von Extremisten vereinnahmen ließen. Aus der Pressestelle der Stadt heißt es auf Nachfrage des BR, man gehe davon aus, dass die Oberbürgermeisterin auch bei künftigen Anfragen bei ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Naidoo bleiben werde. Sie wolle ein Zeichen gegen rechts setzen. Einem Auftrittsverbot, oder einer Einschränkung der künstlerischen Freiheit komme das aber nicht gleich.”

Was man von einer Oberbürgermeisterin zu halten hat, die de facto ein Auftrittsverbot gegen einen Künstler verhängt (bzw. sich hinter der Entscheidung des Kulturbeirats, der auf Veranlassung eines Beirats-Mitglieds, das für die Mauermörder-Nachfolgepartei im Stadtrat sitzt, tätig geworden ist), um damit ein “Zeichen gegen rechts” zu setzen (also billiges virtue signalling zu betreiben) und dann behauptet, der verbotene Auftritt sein kein Auftrittsverbot, das ist eigentlich nicht schwierig zu entscheiden. Eklatante Widersprüche wie dieser weisen auf erhebliche kognitive Probleme hin, die man vielleicht einer genaueren psychiatrischen Prüfung unterziehen müssten.

Das ist für die Beantwortung unserer Tranferaufgabe aber unerheblich.



Zur Erinnerung: Popper setzt dann die Toleranzpflicht, die in demokratischen Gesellschaften herrscht, aus, wenn ein Aggressor die Toleranz missbraucht, um anderen durch Intoleranz zu schaden.
Während die Aussagen von Naidoo, wie wirr sie auch immer sein mögen, niemandem schaden, schadet die Konzertabsage Naidoo und seinen Fans.

Und abgesagt wurde das Konzert, weil Naidoo Aussagen trifft, die Herrn Etzel, ungenannten Mitgliedern des Kulturbeirats und Frau Döhla nicht gefallen. Gibt es einen formalen Unterschied zum Verbot von “Niggermusik” oder zum Auftrittsverbot von Juden im Dritten Reich, weil die Art der Musik den Nazis nicht gefallen hat und sie der felsenfesten Überzeugung waren, es zwar nicht mit entarteten Meinungen, aber mit entarteter Musik zu tun zu haben?

Wer die Frage richtig beantwortet, bekommt 100 Demokratiepunkte.



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