Reaktanz gegen Indoktrination: Schüler der Fridtjof Nansen Realschule als Avantgarde

junoirwahl_logoAn der Fridtjof Nansen Realschule in Gronau hängt der Haussegen schief. Ursache ist eine Wahl-Übung, die zum Anlass der Europawahl 2014 veranstaltete Juniorwahl. Ausrichter der Juniorwahl  ist der Verein Kumulus e.V., dessen Mitglieder  “eine sehr heterogene Masse” bilden, dessen Partner aber weit weniger heterogen vornehmlich aus Ministerien sowie Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung bestehen, und über dessen Finanzierung ebenso wenig Informationen auf der Homepage des Vereins aufzufinden sind, wie darüber, wer die fördernden und wer die sonstigen Mitglieder sind, geschweige denn, dass Angaben über den Vorstand gemacht werden, der nach Satzung vorgesehen ist.

Immerhin wird im Hinblick auf die Juniorwahl gesagt, wozu sie dienen soll:

“Das Hauptziel der Juniorwahl ist es, einen Beitrag zur politischen Sozialisation von Jugendlichen zu leisten. Das Projekt möchte Schülerinnen und Schüler an Prozesse der demokratischen Willensbildung heranführen und sie auf die künftige Partizipation innerhalb des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland vorbereiten.”

Damit zukünftige Generationen also wissen, dass Sie wählen zu gehen haben, steht mit der Juniorwahl ein Übungsmittel bereit, das einer richtigen Wahl im Hinblick auf den Effekt der Wahl kaum nachstehen dürfte. Im Rahmen der Juniorwahl ist nicht nur vorgehesen, dass gewählt wird, sondern auch, dass die Schüler der teilnehmenden Schulen von ihren Lehrern auf die richtige Wahl vorbereitet werden. Und das ist an der Realschule Gronau, der Fridtjof Nansen Realschule, reichlich in die Hose gegangen (darauf hat uns ein Leser von ScienceFiles hingewiesen, dem wir an dieser Stelle herzlich danken).

Lassen wir zunächst die Schulleiterin, Hedwig Poll-Wolbeck, (noch bevor wir wussten, dass die Schule eine LeiterIN haben wird, haben wir getippt, dass sie eine LeiterIN haben wird) den beklagenswerten Zustand bejammern:

Fridtjof Nansen Realschule“… Wir sind betroffen über die Meinungsäußerung unserer Schülerinnen und Schüler des zehnten Jahrganges“, heißt es dazu in einer Stellungnahme der Schule. „Wir akzeptieren natürlich die Wahlfreiheit. Wir schränken diese in keinster Weise ein. Jeder darf die Partei wählen, durch die er vertreten werden möchte. Doch haben auch Lehrer die Freiheit, ihre Meinung zu äußern. Wir möchten mit unserer Reaktion ein deutliches Zeichen gegen Rechts setzen… “

Der beklagenswerte Zustand herrscht in der 10. Klasse der Realschule Gronau, in der doch tatsächlich 25% der Schüler die Freiheit der Wahl dazu genutzt haben, NPD zu wählen. Wer Wahlfreiheit derart ausnutzt, der muss sanktioniert werden, doch lassen wir zunächst die SchulleiterIN weiterjammern und ihr Unverständnis und ihr Unwissen über demokratische Gepflogenheiten kundtun.

Getroffen, so berichten die Westfälischen Nachrichten, fühlten sich die Schulleitung und die Lehrer,”weil die Schule seit vielen Jahren mit Projekttagen und der Teilnahme an Gedenkveranstaltungen ein Zeichen gegen Rechts setzt. Das Thema werde zudem im Unterricht behandelt. ‘Und wir sind eine Europaschule’, betont Poll-Wolbeck”.

Das sind alles sehr gewichtige Argumente, die Hedwig Poll-Wolbeck hier anführt: Wenn Zeichen gegen Rechts gesetzt werden und Gedenkveranstaltungen durchgeführt werden und, besonders wichtig, die Fridtjof Nansen Realschule eine “Europaschule” ist, dann wird hier gefälligst nicht rechts gewählt. Wer könnte angesichts einer Europaschule darauf bestehen, NPD zu wählen, in einer Juniorwahl, für die die gewählten Parteien nicht einmal Wahlkampfkostenerstattung erhalten? Undenkbar. Aber es kommt noch besser:

Die ‘Juniorwahl 2014’ wurde nämlich zudem nicht einfach so durchgeführt, nein, über das Thema wurde im Unterricht gesprochen und die Programme der Parteien waren Thema. Und dennoch haben die Schüler aus “Spass oder Überzeugung”, beides findet Poll-Wolbeck gleich schlimm, für die NPD gestimmt.

Independent studentsTrotz aller Versuche, den Schülern darzulegen, welche Parteien ein richtiger Demokrat bei einer richtigen Wahl wählt, haben die Schüler die Wahl zum Anlass genommen, um von der Wahlfreiheit Gebrauch zu machen und die falsche Partei zu wählen! Eine Provokation wie Poll-Wolbeck auch findet, was bedeutet, dass sie nicht von Überzeugung, sondern von Spass auf Seiten der Schüler ausgeht (oder konfus ist). Und für Provokationen durch 25% der Schüler der 10. Klasse der Realschule Gronau gibt es Sippenhaft: Der geplante Klassenausflug ins Phantasialand wurde abgesagt.

Wer weiß, vielleich war es ja das Ziel der Schüler, um diesen Ausflug herum zu kommen. Möglicherweise ist das Phantasialand für 16jährige nicht mehr so attraktiv wie für ihre Lehrer. Oder, die Schüler haben nicht trotz aller Versuche, sie zur Wahl der richtigen Parteien zu indoktrinieren, sondern wegen dieser Versuche ein Zeichen gesetzt, ein Zeichen das Mut gibt und Hoffnung auf die nächste Generation, die sich nicht einfach von ihren Lehrern mit Inhalten abfüllen und auf das angeblich richtige Gleis setzen lässt, sondern Reaktanz zeigt, Reaktanz gegen politische Korrektheit, und das ist dann ein wichtiges und zu bewahrendes Gut, ist es doch der Grundstock kritischen Denkens und der Meinungsfreiheit.

Reaktanz bei Jugendlichen ist darüber hinaus bereits seit den 1970er Jahren ein vielerforschtes Phänomen, und das Ergebnis, das bei diesen Forschungen immer und immer wieder herauskommt, lautet: Wenn man Jugendlichen vorschreibt, was sie zu tun haben und ihnen das Gefühl gibt, sie hätten keine Wahl, dann erreicht man das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen will. Hier ein paar Beispiele, die wir zusammengestellt haben und die wir vor allem der Schulleiterin und ihren Lehrern der Fridtjof Nansen Realschule in Gronau zur Kenntnisnahme empfehlen, vielleicht ändern sie dann ja etwas an ihrem offensichtlich gar zu verbissenen Ansatz, mit dem sie ein totales Zeichen gegen Rechts setzen wollen.

  • Engs und Hanson (1989) zeigen, dass der Versuch, das gemeinsame Betrinken von Schülern an US-Colleges zu verhinden, durch Verbot und Aufklärung, zur Folge hatte, dass gemeinsames Trinken unter Schülern noch populärer geworden ist, als es vor Verbot und Aufklärungsmaßnahmen war.
  • Allen, Sprenkel und Vitale (1994) zeigen die selbe Reaktanz bei minderjährigen College-Schülern, die einem Alkoholverbot unterliegen und für die die Autoren einen im Vergleich zu nicht minderjährigen College-Schülern höheren Alkoholkonsum als Reaktion auf das Verbot festgestellt haben.
  • Goodstadt (1980) zeigt, dass Dorgenerziehung ähnlich wie Alkoholerziehung dieselben negativen Konsequenzen bei Jugendliche, also Reaktanz zur Folge hat.
  • Bushman (2006) zeigt, dass Warnhinweise, die Sendungen im Fernsehen als besonders gewalttätig und für Minderjährige nicht geeignet ausweisen, sicherstellten, dass Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 21 Jahren die entsprechenden Sendungen nicht nur ansahen, sondern mit besonderem Interesse verfolgten.
  • Beijvank et al. (2009) kommen für entsprechende Warnhinweise auf Videospielen und für Kinder und Jugendlichen im Alter von 7 bis 17 Jahren zum selben Ergebnis wie Bushman (2007).
  • usk-jugendschutzQuick und Stephenson (2007) zeigten in ihrer Untersuchung, dass Kondomwerbung, die das Ziel hatte, die Nutzung von Kondomen zu befördern, das Gegenteil bei der Mehrzahl der Betrachter erreichte, wobei die Reaktanz vornehmlich von Ärger über die erfolgte Bevormundung getrieben war. Sie konnten zudem zeigen, dass Reaktanz regelmäßig auf Ärger und einer wahrgenommenen Verletzung eigener Persönlichkeitsrechte basiert.
  • Plax et al. (1986) untersuchen Strategien, mit denen Lehrer versuchen, Schüler und Unterrischt zu kontrollieren. Sie können zeigen, dass vor allem der Versuch von Lehrern, Peerdruck oder Zwang zu nutzen, um den Unterricht und die Schüler oder deren Verhalten zu steuern, Reaktanz bei den entsprechenden Schülern zur Folge hatte.
  • Vrugt (1992) hat gezeigt, dass Programme zur Förderung von Frauen an Universitäten, bei männlichen Akademikern Reaktanz auslösten, wobei die Stärke der Reaktanz vom Ausmaß der Bevorzugung von Frauen in den einzelnen Maßnahmen abhing.

Man könnte die Ergebnisse auch als spezifische Form des Gutmenschen-Elends bezeichnen. Indoktrination hat eben ihre Grenzen, und zwar da, wo sie die Persönlichkeitsrechte von Individuen, Schülern im vorliegenden Fall verletzt. Reaktanz wird nicht umsonst von Brehm (1972) als Reaktion auf einen wahrgenommenen Verlust an Freiheit definiert, woraus man schließen muss, dass die Schüler der 10. Klasse der Fridtjof Nansen Realschule in Gronau in Notwehr gehandelt haben.

Es ist daher kein Wunder, wenn Schüler, die regelmäßig mit dem Klagelied des guten Demokraten abgefüllt werden und denen der Singsang der Wahl der richtigen Partei eingetrichtert werden soll, der Klage und des Singsangs überdrüssig werden. Als Pädagoge sollte man eigentlich die Forschung zu Reaktanz kennen und somit wissen, welche Folgen Indoktrinationsversuche haben können. Aber wie es halt so ist, mit der Überzeugung, ein richtig Guter, ein Lehrer an einer Europaschule zu sein, schwindet das Wissen.

REAKTANZ THEORIE (Brehm, 1972):
Die Reaktanz Theorie basiert auf zwei Annahmen:

  • STone throwEin Objekt, ein Ereignis, eine Überzeugung ist umso attraktiver, je weniger es erreicht werden kann bzw. sie als legitim vertretbar oder äußerbar gilt.
  • Wenn eine Person Versuche wahrnimmt, ihr den Zugang zu einem Objekt/einem Ereignis zu versperren oder zu erschweren oder ihr den Ausdruck einer Überzeugung zu erschweren oder zu verunmögilchen, d.h. ihre persönliche Wahl- oder Handlungsfreiheit einzuschränken, wird sie sich diesem Druck dadurch widersetzten, dass sie verstärkt oppositionelles Verhalten zeigt.

Wie so vieles wird auch die Reaktanztheorie in Deutschland häufig fehlrezipiert, und zwar dahingehend, dass Reaktanz generell als negatives und zu bekämpfendes Verhalten gilt. Wie gewöhnlich basiert die Fehlrezeption auf einem Essentialismus, der Reaktanz durchweg als Fehlreaktion auf eine gute Intention definiert (häufig wird es schlicht als Widerstand gegen Veränderung diskreditiert).

 

Literatur

Allen, Daniel N., Sprenkel, David G. & Vitale, Patrick A. (1994). Reactance Theory and Alcohol Consumption Laws: Further Confirmation among Collegiate Alcohol Consumers. Journal of Studies on Alcohol and Drugs 55(2): 34.

Bijvank, Marije Nihe, Konijn, Elly A., Bushman, Brad J. & Roelofsma, Peter H. M. P. (2009). Age and Violent-Content Labels Make Video Games Forbidden Fruits for Youth. Pediatrics 123(3): 870-876.

Brehm, Jack W. (1972). Responses to the Loss of Freedom. A Theory of Psychological Reactance. Morristown: General Learning Press.

Bushman, Brad J. (2006). Effects of Warning and Information Labels on Attraction to Television Violence in Viewers of Different Ages. Journal of Applied Social Psychology 36(9): 2073-2078.

Engs, Ruth & Hanson, David J. (1989). Reactance Theory: A Test With Collegiate Drinking. Psychological Reports 64(3): 1083-1086.

Goodstadt, Michael S. (1980). Drug Education – A Turn On or a Turn Off? Journal of Drug Education 10(2): 89-99.

Plax, Timothy G., Kearney, Patricia, Downs, Timothy M. & Stewart, Robert A. (1986). College Students Resistance Toward Teachers’ Use of Selective Control Strategies. Communication Research Reports 3(1): 20-27.

Quick, Brian L. & Stephenson, Michael T. (2007). Further Evidence That Psychological Reactance Can be Modeled as a Combination of Anger and Negative Cognitions. Communication Research 34(3): 255-276.

Vrugt, Anneke (1992). Preferential Treatment of Women and Psychological Reactance Theory: An Experiment. European Journal of Social Psychology 22(3): 303-307.

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24 Responses to Reaktanz gegen Indoktrination: Schüler der Fridtjof Nansen Realschule als Avantgarde

  1. Meier, Hans (Kempten) says:

    Das ist ja das Elend unserer Pädagogixe (in dem Fall halte ich das jüngst verkündete gender-x sogar für treffend!): Sie betrachten Schüler wie Gefäße, in die man beliebige Inhalte – sprich: die Überzeugung der Pädagogixe – einfach so einfüllen kann und am Ende wird der Schüler zur Kopie des Pädagogix.

    Das Schüler auch was Eigenes sind????

    Die gender-Theorie widerspricht dem ja so schön: Jeder gender ist nur Konstruktion senier kulturellen Umgebung. Und selbst wenn dem so wäre: Konsturktion setzt voraus, dass man mit dem “Material” (schrecklich sprechendes Wort!) auch umgehen, eben “konstruieren” kann. As Wackelpudding kann man kein Flugzeug konstruieren, aus Stahl kein Daunenbett. Ich weiß nicht, was Pädagogik ist und habe es nie verstanden, aber sicher keine Kunst im Umgang mit Mitmenschen – eher eine Abschreckkunst. (Überhaupt: wer kennt ein jüngeres pädagogisches Buch, in dem Schüler nicht als Material, sondern als Mitmenschen betrachtet werden, also als dem Pädagogix gleichwertig?)

    ÜBRIGENS: Auch das Wort “Reaktanz” riecht so – es beschreibt aus Sicht der Pädagogixe die von einer Minderheit unter ihnen immerhin noch getätigte Wahrnehmung, dass Schüler sich anders verhalten, als Pädagogix es sich wünscht.

    Man stelle sich eine Welt vor, in der es nicht so wäre…

    SCHRECKLICH!

  2. politische Kultur says:

    Das schlimme daran ist aber, das der “Vorgang” wiederum als Beleg genommen wird, um neue Mittel (Geld/Macht/Pöstchen) in der “gegen Rechts”-Industrie zu akquirieren. Was natürlich auch die anderen “Gutmensch”-Lobbies auf den Plan ruft. Um ihrerseits die eigne Wichtigkeit zu unterstreichen und den “erkämpften” Einfluss zu verteidigen. Die oft gewalttätig auftretenen Truppen der “Industrie” sorgen schon für eine “demokratische” Hegomonie. Für alles andere sorgt der “Lanz” (z.B. Markus Lanz #Petition ZDF, u.a.)

  3. AgeSeptimum says:

    Die Sache mit der Reaktanz kann ich bestätigen.
    Schon zu meiner Zeit (das ist jetzt wirklich ein paar Jährchen her, milde ausgedrückt)
    versuchte man uns, insbesondere im Deutschunterricht, die typische
    linke Literatur schmackhaft zu machen.

    Bei einem weiteren Büchner Text riß dann einem aus unserer
    Klassenintelligenz engültig der Geduldsfaden und er pinselte
    vor Unterrichtsbeginn an die Tafel:
    “Krieg den Hütten, Paläste für alle”.

    Die Reaktion des Lehrkörpers darauf kann man
    unter der Rubrik “Lerne fürs Leben” verbuchen:
    Ideologie, Scheinheiligkeit und wie einfach man
    die Masken zu Fall bringen kann.

    Man konnte ganz wundervoll beobachten, daß der
    Kaiser nackt ist…

    • Lesen Darstellen Begreifen, das große Leiden einer Generation!

      • Vielleicht sollten wir für diejenigen, die nicht unserer Generation angehören bzw. das Buch nicht kennen (ich weiß, dass noch am Anfang der 1990er-Jahre Schüler damit malträtiert wurden!) ergänzen, dass es sich bei “Lesen, Darstellen, Begreifen” um ein Unterrichtsbuch für den Deutsch-Unterricht handelt, das es unter weiten Teilen der Schülerschaft, die es Jahrgangsstufe um Jahrgangsstufe durchleiden mussten (von 5 bis 9 oder 10; ich erinnere mich jetzt nicht mehr genau bzw. habe es so gut wie möglich verdrängt), zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat.

        Warum, erschließt sich wohl fast jedem sehr schnell, wenn er in das Buch hineinsieht, ist aber gar nicht so einfach jemandem zu erklären, der es nicht kennt oder nicht einsehen kann. Es war eben, wie soll man sagen: sehr modern in dem Sinn dessen, was man damals mit “modern” verband, folgte keinem erkennbar sinnvollen Aufbau und die ausgewählten Texte wirkten, als hätte man sie wegen ihrer Skurrilität ausgesucht – frei nach dem Motto: didaktisch wertvoll, weil die Schüler dann gezwungen sind, darüber nachzudenken, ob sich mit ihnen nicht doch irgendein Sinn verbinden lässt; immerhin steht es im Unterrichtsbuch … Das Ganze wurde in Boxen, Auszügen, sozusagen “in Splittern” präsentiert (“Gedankensplitter” würde ich in diesem Zusammenhang nicht sagen wollen), so dass das Buch den Eindruck vermittelte, es sei irgendwo zwischen einem Happening, Surrealismus und Konstruktivismus zu verorten.

        Es scheint, dass sich viele mit dem Buch in der Schule gequälte Leute besonders an die Geschichte vom Mann erinnern, der alle Dinge anders benannte als alle anderen Leute – und siehe da: er wurde kommunikationsunfähig! Diese Geschichte steht programmatisch für “Lesen, Darstellen, Begreifen”. Von Sinn-Stiftung ist hier schließlich nicht die Rede, nur von Lesen und Darstellen, und mit “Begreifen” kann nur der physische Akt des Begreifens des Buches bzw. des Aufschlagens und Umschlagens der Seiten und vor allem des Zuschlagens des Buches gemeint gewesen sein.

        Michael und ich und eine ganze Reihe anderer Leute, die wir kennen, haben eine echte Hass-Liebe zu diesem Buch entwickelt; es ist unser am liebsten gehasstes Buch aus unserer Schulzeit (dicht gefolgt vom Erdkunde-Buch, das einschlägige Themen wie “Schichtwechsel auf der Zeche” und irgendetwas mit der Überflutungsgefahr oder der Versaltzung im Punjab behandelt hat, dies allerdings so furchtbar vorhersagbar!) Irgendwie wäre der Reiz unserer Schulzeit ohne dieses Monstrum nicht derselbe gewesen.

        Ach ja, die gute alte Schulzeit …!

    • rjb says:

      Wie hat denn der Lehrkörper die (vermute ich mal) Ablehnung der Forderung, jeder sollte in einem Palast wohnen, begründet? Durch ein Hohelied auf die Diversität, die daraus resultiert, daß manche auch in Elendsquartieren hausen, die doch aber trotzdem auf Fotos interessant und malerisch aussehen können?

  4. ThFuegner says:

    Nicht, gar nicht streng wissenschaftlich, dafür leichter und unterhaltsamer zu lesen, der Essay von Harald Martenstein über Reaktanz in der ZEIT! Einer meiner liebsten Artikel überhaupt:
    http://www.zeit.de/2011/46/DOS-Mainstream

  5. Striesen says:

    Danke für die Aufklärung; Reaktanz war mir bisher kein Begriff.

    Der Rückgriff auf den NS scheint eine beliebte derartige Schülerstrategie zu sein. Man erinnere sich an die Abschlussfeier mehrerer Klassen in Kirchberg vor zwei Jahren. Zum Programm gehörte die Aufführung einer Ballade der rechtsextremen Band “Sleipnir”. Die mediale Entrüstung (eine gespiegelte Version hier:
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/kirchberg-schueler-singen-sleipnir-rechtsrock-bei-abschlussfeier-a-846552.html )
    machte auch die Hilflosigkeit aller Empörten deutlich. Das Stück “Verlorene Träume” war, für sich betrachtet, über jeden Verdacht erhaben und die Band nicht verboten. Die Organisatoren hatten sogar “für den Abend selbst eine Moderatorin mit Migrationshintergrund aus ihrer Mitte ausgewählt”.

    Chapeau! So führt man Lehrer, Schulverwaltung, Politik und Medien vor. Und vielleicht, wenn das nicht zuviel hineininterpretiert ist, wahrten die Schüler so auch ihre eigene Würde. Gestern wie heute.

    Den Kreis noch weiter gezogen, kann man sogar mit Brecht enden. Die “Teppichweber von Kujan-Bulak” verwenden ihr für eine Lenin-Büste gesammeltes Geld statt dessen zur Stechmücken- und Fieberbekämpfung (“und ehrten ihn, indem sie sich nützten”).

  6. A.S. says:

    Manchmal sag ich zu meinen Schüler aus Spaß: „Jetzt mache ich einen Meinungsaustausch. Ich nehme eure Ansicht und tausche sie gegen meine Meinung aus.“ Das haben die an der Schule evtl. ernst genommen.
    Das 25% der Schüler tatsächlich NPD wählen würden in einer echten Wahl wage ich einfach mal zu bezweifeln. Aber Schüler nehmen diese tollen durch pädagogisierten Symbolaktionen einfach nicht so ernst wie die Lehrer. Es ist völlig schnuppe was in so eine depperten Aktion gewählt wird, und entsprechend werden sich viele Schüler verhalten haben. Jugendliche können i.d.R. sehr gut zwischen Spiel und Ernst unterscheiden. Erwachsene haben damit Probleme, verwechseln Symbole mit der Realität und neigen dazu (wenn es sich um entsprechende Pädagogen handelt) ihre Schwäche auf die Schüler zu projizieren. Im Extremfall soweit, dass jede Abweichung als Mangel betrachtet wird. Da wird auch schon mal einem Schüler, der sich in seiner Freizeit bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz, beim Kriseninterventionsteam und in einem Sportverein engagiert, allgemeine Interessenlosigkeit unterstellt, weil der betreffende Schüler als bereits ausgebildeter Sanitäter keine Lust auf die „Ausbildung“ als Schulsanitäter hatte (real passiert……). Oder ein anderer Fall (den ich von einem Prof gehört habe aus dessen Zeit als Schulpsychologe): Ein Schule hatten einen deutschen Jugendmeister im Tischtennis als Schüler und der Sportlehrer gab dem jungen Mann eine 5, da der Schüler sich weigerte Sportarten zu machen, bei denen er sein Handgelenk verletzten könnte.
    Was das mit dem Artikel zu tun hat? Beides sind Situationen in denen die Angebote der Schule unpassend sind. Die Schüler merken die fehlende Passung, aber die Lehrer setzen ihre Angebote quasi heilig und interpretieren fehlendes Interesse nur als Renitenz. Ohne es belegen zu können bin ich mir sicher, dass die Schüler der oben genannten Schule auch einfach genervt waren von der sog. Aufklärung und einfach nen Punkt setzen wollten. Genau deshalb mag ich Jugendliche.

  7. Pingback: Gronau: Die Antidemorkatische “Führeretage” der Nansen-Realschule bestraft Schüler wegen Wahlergebniss | LW-Freiheit

  8. Markus says:

    LDB ist ein absolut anspruchsvolles Lesebuch, verglichen mit dem, was an Schildchen und Sinnfähnchen schwingenden Murats und Mias in Schulbüchern nach dem Motto “Bloss nichts fordern, das führt nur zu Enttäuschungen bei Lehrern und Schülern” zum Zeittotschlagen eingesetzt wird.

  9. Shir Khan III says:

    Natürlich machen Sie dort das Kreuzchen wo es die ganze spießige Lehrermischpoche am meisten ärgert. Wer außer dem ganzen Streberpack hätte das nicht gemacht? 25% sind da eher lau.

    Daraus jetzt so’n dickes Ding zu machen können wohl nur weltfremde Theoretiker die man beim Fußball immer als letzte “gewählt” hat, Wenn Sie überhaupt mitspielen durften.

  10. Martin says:

    Tragisch ist ja auch, das die auch noch immer *genau* so aussehen, wie man sie sich vorgestellt hat.
    Insbesondere die gute Frau Hedwig Voll-Vollspeck oder wie sie heißt…

    http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Borken/Gronau/2012/08/Sanierung-der-Realschul-Turnhalle-ist-in-vollem-Gange-Die-Turnringe-tanzen-im-Wind

  11. stefanolix says:

    Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie diese PädagogiXe herausgefunden haben, aus welcher Klasse die Stimmen gekommen sind.

    Normalerweise gibt es doch eine Wahlurne pro Schule und man kann die Stimmen gerade nicht den einzelnen Klassen zuordnen. Da muss doch jemand jede Klasse einzeln kontrolliert haben – was natürlich gegen den Sinn einer freien und geheimen Wahl spricht.

    Das wird die jungen Leute sicher enorm motivieren, zur ihrer ersten echten Wahl zu gehen …

  12. dentix07 says:

    Auweia!

    Welch hochqualifizierte Pädagogixe müssen an der FN-Realschule (Nein, das ist NICHT die Abkürzung für Front National!) das Sagen haben!

    10. Jahrgang, heißt Schüler im Alter von 15/16, also Pubertät, wo alles was die „Alten“ sagen sowieso Quatsch ist, wo Widerspruch, Quertreiben, Nonkonformität, Abgrenzen, das Gegenteil von dem tun was die „Alten“ wollen, sozusagen Entwicklungsprogramm ist!
    Und da erwarten die Pädagogixe ihrer Ideologie entsprechende Wahlergebnisse? Nachdem man ausgerechnet diese Jugendlichen wahrscheinlich mit Rechts, Braun, Rechts und nochmal Faschismus geradezu gefoltert hat?

    Hätten die echte Lehrer, und (wahrscheinlich) nicht nur Volksbeglücker und Menschen die den Lehrerberuf nicht bloß als Job, sondern als Berufung ansehen, hätten sie dieses Ergebnis vorhergesehen!

    Ich wußte nicht, daß es dafür den Begriff Reaktanz gibt, aber bekannt ist mir das Phänomen nur zu gut!

    Bei uns war das Thema damals Drogen, Drogen und nochmal Drogen, + natürlich die braune Zeit!
    Drogen im Deutschunterricht, in Religion, in Bio, in Chemie, in Englisch, in Geschichte, in Sozialwissenschaften, usw., und immer wieder Adolf, Adolf, Adolf!
    Das es nicht auch in Mathe und Physik behandelt wurde, hat uns echt gewundert!

    Uns hing das Thema zuletzt bis sonstwo zum Halse raus!
    Und ich gehe jede Wette ein, daß so mancher meiner Mitschüler genau deshalb Drogen wenigsten mal versucht hat!

    Und es tauchten hin und wieder auch mal Hakenkreuze auf und der rechte Arm wurde auch mal zum Gruß erhoben; aus purem Frust, als Widerstandsgeste gegen den – man muß es so nennen – Dauerbeschuß mit immer denselben Themen!
    (Glücklicherweise waren unsere Lehrer damals verständiger. Es gab zwar Ärger, aber zu einem Riesenskandal mit evtl. Schulverweisen, wie das heute leicht geschieht, wurde es nicht hochgekocht! Es wurde darüber gesprochen, die Schüler hielten sich zurück und der Lehrer wusste: Es ist mehr als genug mit dem Thema!)

    Aber ein Gutes hat die Sache: Traktiert die Schüler/Menschen nur lange und intensiv genug mit Gender, Quoten, überholten Geschlechterrollen, LSBTTI, PC etc. und ihr werdet das Gegenteil des Gewünschten erreichen.

    Der Nachteil ist bloß, daß die Vertreter dieses Quatsches genau die eintretende Reaktanz als Beleg für die Notwendigkeit von NOCH MEHR Geld für den Kampf gegen Rechts, Männer, Familien, Diskriminierung usw. deuten werden!
    Alles andere lassen die Bretter vorm Kopf ja nicht zu!

  13. Pingback: Kondom geplatzt? › Kondomwerbung fördert Kondomnutzung … nicht.

  14. Julius Schnorr says:

    Man müßte da mal die Antifa einschalten: Zufällige Ranzen- und Handykontrollen auf abweichende Inhalte, vielleicht auch eine aus Bundesmitteln kostenfreie anonyme Mitschülerdenunziationshotline (“Kennst Du jemand, der schlecht über Ausländer spricht? Ruf an unter 0800 – INDIEFRESSE”).
    So würden die Kinder schnell lernen, ihr asoziales und gegen die Errungenschaften der Arbeiterklasse gerichtetes Verhalten zu überdenken.

  15. Pingback: War es Notwehr? 25% einer 10. Klasse wählen NPD « Ampelmännchen und Todesschüsse

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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