Der geplante Bürger: Eine Dystopie von Wissenschafts-Verwaltern

Was kommt dabei heraus, wenn Österreicher, Finnen, Deutsche, Polen, Dänen, Schweden und Schweizer, die sich als Vertreter einer jeweiligen Akademie der Wissenschaften bezeichnen, zusammentun und über den demographischen Wandel sinnieren?

Eine Dystopie.

LeopoldinaDen Wissenschafts-Akademielern schwebt eine Welt vor, in der Staaten für ihre Bürger von der Wiege bis zur Bahre planen, eine Welt, in der ab Geburt alles bereit steht, was der normale Bürger so benötigt, eine Welt, in der kein Platz ist, um Individualität und Abweichung zu leben. Letzteres gibt es dann vermutlich nur noch als Diversität, also als staatlich anerkanntes Anderssein, ein Titel, der gesellschaftlichen Gruppen verliehen wird, die gezeigt haben, dass ihre Abweichung innerhalb der staatliche Planung stattfindet.

Doch der Reihe nach.

Die Mitglieder der acht Akademien der Wissenschaft haben sich getroffen, um über den demographischen Wandel zu reden und die Anforderungen zu formulieren, die der demographische Wandel an die Politik stellt. Angesichts der Tatsache, dass der demographische Wandel bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, ist es erfreulich, dass auch Akademien der Wissenschaft die Zeichen der Zeit sehen, und es ist erfreulich, dass sie den Rückgang der Bevölkerung und das längere Leben für die meisten der Bevölkerung (im Vergleich zu früher) als Chance und nicht als Katastrophe sehen.

Damit endet alles, was erfreulich ist, denn Wissenschafts-Akademieler treffen sich nicht einfach so, um über den alten demographischen Wandel zu reden, einen Wandel, der einem über die Jahre richtig ans Herz gewachsen ist, nein, voll des Bewusstseins ihrer selbst-askribierte Wichtigkeit geben die Wissenschafts-Akademieler Empfehlungen, 14 an der Zahl und an die europäische Politik, also niemand im Besonderen gerichtet.

sanctimoniousLassen wir den einleitenden Hinweis auf den Ressourcenverbrauch und die Erderwärmung beseite und glauben wir den Wissenschafts-Akademielern einfach, dass sie gerne gute Menschen sein würden, wenn sie nicht diesen immensen Drang verspürten, andere zu beherrschen und zu regulieren bzw. anderen Empfehlungen zu geben, wie man wieder andere (nicht-Wissenschafts-Akademieler) reguliert und beherrscht, 14 an der Zahl.

Und wir berichten sie fast alle und eine nach der anderen und übersetzen die scheinheiligen Empfehlungen in das, was wirklich damit gemeint ist:

  • Das Management natürlicher Ressourcen erfordert es, Menschen entlang ihrers Lebens zu verfolgen, um für Gesundheit, Bildung, Arbeit und gute Lebensbedingungen zu sorgen.

In Deutsch: Von der Wiege bis zur Bahre sollen Menschen von staatlichen Vorgaben traktiert werden, damit sie Zeit ihres Lebens nicht zu viel Ressourcen verbrauchen, eben nur so viel, wie ihnen von der Politik zugestanden wird.

  • Materieller Konsum muss reduziert werden und ein hoher Bildungsstandard, ein hoher Lebenstandard und gute Gesundheit (für die Bevölkerung) muss produziert werden.

In Deutsch: Da ein hoher Lebensstandard nun einmal mit materiellem Konsum zusammenhängt, scheint den Wissenschafts-Akademielern hier der Höhleneremit vorzuschweben, der sich einem Leben in Askese verschrieben hat und Studien, z.B. in Hölenmalerei treibt. Fragt sich nur, wer die zukünftigen Asketen füttert.

  • Die Dynamik von Bevölkerungsentwicklung und Ressourcenverbrauch machen es notwendig, neue Indikatoren zu entwicklen, um die Produktivität der Bevölkerung, insbesondere eventuelle kognitive und physische Verbesserungen bei Alten zu überwachen.

In Deutsch: Hier wird nicht mehr zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt in Rente gegangen, nicht einmal bei Erreichen eines bestimmten Renteneintrittsalters, denn wenn sich kognitive und physische Anzeichen finden, die eine weitere Erwerbstätigkeit zulassen, dann wird die weitere Erwerbstätigkeit zugelassen. Der Mensch lebt für Staat und Arbeit, um seinen Staat zu finanzieren, nicht etwa, um sich ein Auskommen zu erwirtschaften.

  • Die Domänen menschlichen Funktionierens müssen mit Daten im Zeitverlauf erfasst werden.

In Deutsch: Nicht dass uns noch jemand durch die Lappen geht, der weiterhin staatsdienlich sein könnte, aber nicht will, z.B. weil ihn ein unbändiger Egoismus mit 60 an sich und nicht an die Gemeinschaft denken lässt.

  • Unterschiede im Hinblick auf Lebensumstände, die für die Aufrechterhaltung und Verbesserung von Gesundheit und Produktivität relevant sind, müssen beseitigt werden. Da Zugang zu Bildung, zu Arbeit und die Lebensbedingungen für diese Unterschiede verantwortlich sind, müssen diese Zugänge und Lebensumstände gleich verteilt werden.Anthem

In Deutsch: Wir werden entweder ein Volk der Verwaltungsbeamten oder ein Volk der Müllfahrer, und während Verwaltungsbeamte nicht ohne Müllfahrer leben können, wird es sich zeigen, ob Müllfahrer ohne Verwaltungsbeamte auskommen. Die Gleichschaltung der Bevölkerung, die den Wissenschafts-Akademielern hier vorschwebt, erfordert es jedenfalls, dass niemand mehr oder weniger hat als jemand anderes. Entsprechend wird wohl eine Bodenreform notwendig sein, um Großbauern zu enteignen und Land gerecht und gleich zu verteilen, eine Verstaatlichung der Unternehmen ist geboten, das geplante Leben der Bevölkerung hält gleiche Auszahlungen im Lebensverlauf (siehe oben) vor und sieht Einkommensdeckel und Lebensumstandsgleichheit (50 qm Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küchenzeile für Singles, 75qm für Paare) vor. Ayn Rand hat eine entsprechende Situation in “Anthem” beschrieben, aber Anthem hat ein positives Ende…

  • Eine Flexibilisierung der Lebensverlaufsmuster ist notwendig. Die Politik muss einen Wechsel zwischen Bildung, Arbeit und Reproduktion in unterschiedlichen Lebensphasen ermöglichen.

In Deutsch: Wer mit 50 nicht mehr auf dem Bau arbeiten kann, wird zum Fensterputzer umgeschult. Wer mit 65 nicht mehr Akten über seinen Schreibtisch schieben kann, wird zum Systemgastronomiefachmann umgeschult und muss ab sofort Hamburger bei McMerkels wenden. Flexibilität im Lebensverlauf!

  • Europäische Politik muss Arbeitsmobilität, die eine Herausforderung für das Familienleben darstellt und das Familienleben unterstützen.

In Deutsch: Arbeitsmigranten erhalten einen Wohnwagen, um ihre Familie mit an den neuen Arbeitsort nehmen zu können, immer vorausgesetzt, die Familie besteht aus Arbeitslosen.

  • Die zunehmende Vielfalt der Familienformen verlangt flexible Sozialpolitiken und eine Umverteilung von Arbeit und Pflege zwischen Männern und Frauen, Familien, Staat und Markt.

In Deutsch: Wer wann wen pflegt, entscheidet der Staat. Am Monatsanfang werden vom Arbeitsamt Stundenpläne ausgegeben, auf denen die Pflege- und Arbeitspflichten für auch die diverseste Form von Familie gleichverteilt aufgeschlüsselt sind. Die Einhaltung der Stundenpläne wird durch die nationalen Akademien der Wissenschaft kontrolliert. Auf diese Weise machen selbst nationale Akademien der Wissenschaft noch etwas Sinnvolles. Natürlich gilt der Ausgleich zwischen Arbeit und Pflege und Familienangehörigen und Staat und Markt auch für Mitglieder der Akademien.

  • nanny state 2Kognitive Ressourcen, Qualität, nicht Quantität der Bevölkerung muss das Ziel sein, weshalb es einer höheren Investition in die Bildung des Einzelnen bedarf, um die knappen Humanressourcen auch besser einsetzen zu können.

In Deutsch: Schluss mit der Benachteiligung von Jungen in der Schule. Das war ein netter Spass, so lange es noch genug Menschenmaterial gegeben hat und man auf die Jungen, die durch den Rost fallen, verzichten konnte bzw. die nachfolgende Kriminalität der gescheiterten Existenzen nutzen konnte, um Therapie- und Resozialisierungseinrichtungen zu errichten und zu unterhalten. Zurückgehende Geburtenraten lassen dies nicht mehr praktikabel erscheinen. Damit das knappe Menschematerial effizient für den Staat ausgenutzt werden kann, ist es notwendig, die Gleichstellung der Vergangenheit durch eine Leistungsförderung mit dem Ziel einer optimalen Verwendung auch von Jungenmaterial im Lebensverlauf aufzugeben.

  • Schließlich müssen europäische Standards entwickelt werden, die das Design für das korrekte europäische Arbeitsumfeld, die entsprechende Karriere und die notwendige Weiterbildung festlegen, um physische und mentale Erschöpfung zu vermeiden.

In Deutsch: Damit niemand denkt, durch Auswandern könnte er sich staatlichen Vorgaben entziehen, müssen die Vorgaben an die Art des Arbeitsplatzes, die Art der Karriere, die notwendige Weiterbildung und vor allem die Länge der Arbeitskarriere europaweit gelten. Nur so ist gewährleistet, dass der Staat das Leben seiner Bürger von der Wiege bis zur Bahre durchdringen, strukturieren und planen kann.

Brave New World!

Wer solche Wissenschafts-Akademieler hat, der braucht keine Feinde mehr und angesichts solcher Wissenschafts-Akademie-Empfehlungen sieht selbst der letzte Liberale und Freiheitsliebende ein, dass in mindestens acht Ländern Europas für ihn und diese Akademieler nicht gleichzeitig Platz ist.

 

 

 

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10 Responses to Der geplante Bürger: Eine Dystopie von Wissenschafts-Verwaltern

  1. SalvaVenia says:

    Und immer wenn man denkt, schlimmer geht’s nimmer …

  2. FDominicus says:

    Ich glaube den grauen Kästen ehre als dem was darüber steht. Muß ich mir nun sorgen machen?
    Kann ich sozialwissenschaftliche nicht denken? Was kann ich tun um nicht Deutsch zu verstehen?

  3. lernender says:

    “Das Management natürlicher Ressourcen erfordert es, Menschen entlang ihrers Lebens zu verfolgen, um für Gesundheit, Bildung, Arbeit und gute Lebensbedingungen zu sorgen.”

    Allein das Wort “verfolgen” löst bei mir einen leichten Anfall von Wahn an.

    “Materieller Konsum muss reduziert werden und ein hoher Bildungsstandard, ein hoher Lebenstandard und gute Gesundheit (für die Bevölkerung) muss produziert werden.”

    Ähh..ja, klar

    “Die Dynamik von Bevölkerungsentwicklung und Ressourcenverbrauch machen es notwendig, neue Indikatoren zu entwicklen, um die Produktivität der Bevölkerung, insbesondere eventuelle kognitive und physische Verbesserungen bei Alten zu überwachen.”

    “Überwachen” – könnte ja sein, einer schleicht sich klammheimlich in die Armutsrente

    “Die zunehmende Vielfalt der Familienformen verlangt flexible Sozialpolitiken und eine Umverteilung von Arbeit und Pflege zwischen Männern und Frauen, Familien, Staat und Markt.”

    Ok, zuerst mal gibt es keine “Familienformen” sondern nur noch “Lebensgemeinschaften” inkl. “sozialer Konstrukte” die nach belieben austauschbar und wechselbar sind. Reproduzieren, Verantwortung übernehmen, klassische Rollenverteilungen sind gestern, das heute wird bestimmt, welche “Vielfalt der Familienform” das größte Subventions – und Lobbypotential hat.

    Ich höre hier auf, das ist alles nur noch extrem krank und selbstzerstörerisch was hier gefordert wird. Menschen werden durch den ökonomischen und ökologischen Fleischwolf gedreht, entmündigt, der Individualität beraubt, deren Selbstentwicklung und Entfaltung als auch Motivation und Antriebskräfte beschnitten.

    Fortschritt ist nicht mehr das Wirken vieler Individuen auf einem Markt, sondern das was eine größere Instanz für “Fortschritt” genehmigt.

    Alles da gewesen, alles gescheitert.

  4. AgeSeptimum says:

    Keine Sorge.
    Die letzten verzweifelten Versuche von ‘Mario Tragisch’
    den G7 Club der ‘Worlds-most-indebted-nations’ (Quote by ‘zerohedge’)
    zwangsweise weiterzubeatmen werden in absehbarer Zukunft
    ein recht ‘tragisches’ Ende finden.

    Es ist ziemlich deutlich absehbar, das dann
    auch das Zeitalter der ‘zentral planenden Dampfplauderer’
    ein recht ‘tragisches’ Ende nehmen wird…

    (lmao)

  5. AgeSeptimum says:

    Ach ja, der muß jetzt einfach noch sein.
    Heute gefunden in einem user comment auf ‘zerohedge’.

    Passt insofern hierher, als er den kompletten Gegenpol
    zur neuen etatistischen Dressurelite darstellt:

    “I hate to advocate drugs, alcohol, violence, or insanity to anyone, but they’ve always worked for me.”

    Hunter S. Thompson

  6. dentix07 says:

    Den Punkt “Die Domänen menschlichen Funktionierens müssen mit Daten im Zeitverlauf erfasst werden.” hätte ich übersetzt mit:
    Totale Erfassung und Überwachung jedes Menschen, wobei auch “Domänen” (sprich die privatesten Punkte “menschlichen Funktionierens” (!) wie Sexualität, Ernährung, soziale Kontakte, Meinungen, politische Einstellung, Krankheiten, Gesundheitszustand etc.) nicht ausgeschlossen werden dürfen!

  7. Pingback: Halle: Leopoldina Akademie publiziert Aufruf zum Totalitarismus | LW-Freiheit

  8. Die Entwicklung funktioniert, weil sie Unterschiede erzeugt und deren Erfolg in der realen Welt ausprobiert. Diesem Mechanismus verdanken wir unser Leben!
    Was sind das für Wissenschaftler, die nichtmal die Grundlagen begriffen haben? Es sind Ideologen, die sich eine kleine realitätsferne Welt zusammengestrickt haben. Schlimmer noch, sie singen das Lied der Unterdrücker, der Feinde der Freiheit. Sie singen das Lied derer, die von der Leistung anderer leben wollen.

    Carsten

    Mehr Licht!

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