Zu wenig Herz: Transplantationsmediziner leiden

Der Tag der Organspende wirft seine Schatten voraus. Kein Tag ohne Pressemeldung, in der beklagt wird, dass die Spendebereitschaft nicht groß genug sei, dass der „Mangel an Spenderherzen weiterhin alarmierend“ sei und so weiter. Wir befinden uns im Bereich der moralischen Erpressung.

human organ tradeDie moralische Erpressung, sie beginnt damit, dass man eine leidende Gruppe konstruiert, die Gruppe derer, die auf ein Spenderorgan warten. Bilder von Kindern sind hier sehr beliebt. Der nächste Schritt in der moralischen Erpressungskampagne besteht darin, die große Zahl der auf ein Spenderorgan Wartenden mit der kleinen Zahl der Spenderorgane zu kontrastieren. Gerne auch gewürzt mit einem Hinweis der Art, jede Stunde sterben X Menschen, weil sie kein Spenderorgan erhalten. Wenn das alles nicht reicht, wird dringend an die Bevölkerung appelliert, sich mit „dem Thema Organspende auseinanderzusetzen“ und mit den „schwerkranken Patienten“, für die eine Transplantation „häufig die einzige Chance für das Langzeitüberleben“ bedeutet.

Eine solche moralische Erpressungskampagne, die nicht nur im Bereich der Transplantationsmedizin angewendet wird, sondern auch im Bereich z.B. des Gender Pay Gaps, hier allerdings mit erfundenen Zahlen, benutzt wird, basiert auf einer Reihe von Annahmen über die menschliche Natur, die man wie folgt zusammenstellen kann:

  • Menschen sind mitfühlend und lassen sich entsprechend über Empathie steuern und ausnutzen.
  • Man kann manchen Menschen einreden, sie hätten eine Verpflichtung, anderen zu helfen.
  • Man kann manchen Menschen sogar einreden, dass Altruismus etwas ist, was sie zu besseren Menschen macht und in den Himmel bringt.

Zunächst ist festzustellen, dass es weder ein moralisches Recht auf ein Spenderorgan noch eine Verpflichtung dazu, ein Organ zu spenden, gibt. Das Spenden eines Organes ist eine Art Caritas, die dem Euro, der dem Bettler gegeben wird, gleichkommt. Es ist eine individuelle Entscheidung, die der Spender für sich treffen muss. Entsprechend gibt es auch keine Rechtfertigung für den Versuch, die entsprechende Entscheidung beeinflussen zu wollen.

Diese Rechtfertigung erwächst auch nicht aus der (geheuchelten) Sorge um die vielen, die auf ein Spenderorgane warten. Wäre diese Sorge real, der Sorgende würde seine Organe spenden und sich umbringen, um dem Organmangel Abhilfe zu verschaffen. Offensichtlich geht niemand der Sorgenden soweit. Also kann man feststellen, dass sie sich nicht um die sorgen, die auf Spenderorgane warten, sondern ein anderes Motiv für ihre Sorge haben.

TK Organspende Schule

Moralische Erpressung beginnt in der Schule: Unterrichtsmaterialien der Techniker-Krankenkasse

Dieses Motiv ist so alt wie die Menschheit und lautet: Profit. Die Sorgenden zeichnen sich nämlich ausnahmslos dadurch aus, dass sie an Transplantationen verdienen. Wie viel sie daran verdienen, ist in Deutschland eine Art Staatsgeheimnis. Aus der Schweiz ist bekannt, dass bei der Transplantation von Herz-, Lunge oder Dünndarm Kosten zwischen 150.000 Franken und 250.000 Franken, also umgerechnet 135.000 Euro bis 225.000 Euro anfallen. Dass die Kosten in Deutschland geringer sind, ist nicht zu erwarten. Entsprechend ist eine Transplantation für Kliniken und Ärzte ein großes Geschäft. Ärzte erhalten darüber hinaus häufig eine Transplantationsprämie von z.B. 2000 Euro pro Transplantation, bei 56 Transplantationen pro Jahr ein nettes Zuverdienst.

Trotz all dieser ökonomischen Vorteile für Kliniken und Ärzte, die sich aus einer Transplantation ergeben, sind die entsprechenden Kliniken und Ärzte natürlich nur am Wohl der auf ein Spenderorgan Wartenden interessiert und nicht am eigenen Verdienst, wenn sie daran appellieren, dass Menschen, andere Menschen als sie selbst, ihre Organe spenden.

Gibt es jemanden, der das glaubt?

Allein die Tatsache, dass man in Deutschland umsonst nach offiziellen Statistiken zu den Kosten sucht, die mit Transplantation verbunden sind, zeigt schon, dass hier etwas im Busch ist, etwas, das nicht herauskommen soll, um nicht noch die wenigen Spender abzuschrecken, die sich bislang nicht haben abschrecken lassen.

Sicher sind ökonomische Vorgänge wie Prämienzahlungen für versierte Ärzte und Kostenerstattungen für Kliniken nicht von den Tätigkeiten, für die sie erstattet werden, zu trennen. Aus Sicht einer praktischen Ethik wäre es jedoch notwendig, den Prozess der Organtransplantation transparent zu machen: Wer verdient was, woran? Wie hoch ist die Überlebenswahrscheinlichkeit für diejenigen, die ein neues Organ verpasst bekommen? Und jenseits aller Gefühlsduselei: Stehen die Kosten einer Transplantation und die immensen Folgekosten, die von der Gemeinschaft der Versicherten zu tragen sind, in einem auch nur ansatzweise zu rechtfertigenden Verhältnis zur Überlebensdauer und zur Lebensfreude derer, die im Besitz eines fremden Organs (noch) leben?

„Für die Krankenkassen sind besonders die medikamentösen Nachbehandlungen teuer. Die Folgekosten für einen Nierenpatienten liegen im Jahr bei etwa 14.000 Euro. Die Pharmaunternehmen erwirtschaften jährlich Milliarden Euro mit dem Verkauf ihrer Präparate. Das Schweizer Unternehmen Novartis etwa soll im vergangenen Jahr mit einem Medikament mehr als 900 Millionen Dollar erwirtschaftet haben. Konkurrent Roche setzte 2011 mit einem ähnlichen Arzneimittel beinahe eine Milliarde Schweizer Franken um.“

Vultures_in_the_nestAnstatt zu appellieren und moralische Erpressungsversuche zu unternehmen, wäre es an der Zeit, in Deutschland eine offene Diskussion darüber zu führen, welche Kosten und welche Chancen mit Transplantationen verbunden sind, welche Interessen sich mit Transplantationen verbinden, und wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, dann ist es gut, dann gibt es keine Appelle und keine Mitleidsorgien mehr, keine Bildchen von lachenden Kindern, die mit neuer Niere leben und mit Medikamenten von morgens bis abends. Dann gibt es ausschließlich individuelle Entscheidungen auf einer ausreichenden Informationsgrundlage darüber, ob jemand ein Organ spenden will oder nicht, und es gibt niemanden, der sich anmaßt, vorzugeben, was moralisch wünschenswert wäre. Und auf Grundlage der Fakten kann man natürlich auch darüber eine Entscheidung treffen, ob es gerechtfertigt ist, teure Eingriffe wie Transplantationen von allen Versicherten finanzieren zu lassen, eine Frage, deren Antwort vornehmlich damit zusammenhängt, wie erfolgreich Transplantationen denn nun wirklich sind – und schon sind wir beim nächsten deutschen Staatsgeheimnis.

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Pauschale Herabwürdigung von Flüchtlingen: Ist der Werberat noch logisch vertretbar?

Kennen Sie eigentlich den Roman „Berge des Wahnsinns“ von HP Lovecraft? Nein? Dann sollten Sie ihn lesen. Er ist nicht nur spannend, er enthält auch eine der besten Beschreibungen kultureller Degeneration einer Gesellschaft, die wir kennen und somit eine der besten Darstellungen des Zyklus von Gesellschaften, wie ihn Ibn Khaldun beschrieben hat.

Berge des WahnsinnsDas Bild, das Lovecraft für die Degeneration einer Gesellschaft findet, kann man am besten damit zusammenfassen, dass im Zeitverlauf die Mitglieder einer Gesellschaft nicht mehr in der Lage sind, die Leistungen, die ihre Vorgängergenerationen ganz selbstverständlich erbracht haben, zu erbringen. War es z.B. noch in den 1970er und 1980er Jahren an deutschen Hochschulen undenkbar, dass ein Student der Sozialwissenschaften nicht weiß, was Methode, Erkenntnisinteresse und wissenschaftstheoretische Grundlage seines Faches sind, so hat sich das mit dem Einzug der Gender Studies geändert. Nunmehr wird an Hochschulen etwas gemacht, das deshalb Wissenschaft sein soll, weil es an Hochschulen gemacht wird, wenn auch niemand weiß, warum und wozu es gemacht wird.

Das selbe Phänomen findet sich im Hinblick auf die deutsche Sprache, die eine Form der Bedeutungs-Entkernung erlebt. Im Ergebnis kennen Deutschsprecher, obwohl sie das deutsche Schulsystem durchlaufen haben, die Bedeutung von Worten nicht mehr (zeichnen eine Kurve in ein Koordinatenkreuz, obwohl die Aufgabe darin bestand, den ungefähren Verlauf der RegressionsGERADEN anzugeben) und sind insgesamt mit der Verwendung ihrer eigenen Sprache in Sätzen, die aus mehr als drei Worten bestehen (Ich will …, Ich habe… ) überfordert.

So überfordert wie der deutsche Werberat, der gerade eine Werbung der Sicherheitsfirma EEG Wermann aus Leipzig beanstandet hat. EEG Wermann wirbt für die eigenen Alarmanlagen unter anderen mit dem folgenden Hinweis:

EEG Wermann“Schützen Sie Ihr Heim! Ihre Sicherheit ist unser Anspruch! Viele neue Mitbürger reisen in unser Land und leider werden uns nicht alle wohlgesonnen sein, darum sollten auch Sie nicht zögern, ihr Eigentum, Gesundheit oder gar ihr Leben zu schützen. Wir bieten Ihnen eine preiswerte, komfortable und effiziente Alarmanlage“.

Deutsche Verbraucher sind ja, wie Sie vielleicht wissen, aus Sicht derer, die sich als Edel-Verbraucher oder Ober-Verbraucher oder besondere Verbraucher ansehen, ziemlich dumm, weshalb man sie schützen muss, vor „diskriminierender und angsterregender Werbung“ zum Beispiel. Und das haben die 15 Hanseln vom Werberat, der auf Denunziationsbasis tätigt wird, dann im Hinblick auf die soeben dargestellte Werbung aus Leipzig auch getan. Damit Leipziger nicht hinter den Flötentönen der Alarmanlagenkäufer-Fänger von EEG Wermann herlaufen, wurde die Werbung gerügt, und zwar mit folgendem Wortlaut:

“‘Die Werbung suggeriert absichtlich, dass Flüchtlinge kriminell und gefährlich sind. Solche Firmenpropaganda würdigt Flüchtlinge pauschal herab und stellt einen eklatanten Verstoß gegen die Standesregeln der Werbewirtschaft dar‘“, sagte eine Sprecherin des 15-köpfigen Expertengremiums, das als Beschwerdeinstanz für Bürger gegen unangemessene Werbung vorgeht.“

Offensichtlich sind weder die Sprecherin noch die 15-köpfige-Expertenhydra der deutschen Sprache mächtig. Denn im Werbetext heißt es ausdrücklich: „leider werden uns nicht alle wohlgesonnen sein“. Nicht alle sind nicht alle. Und weil nicht alle nicht alle sind, deshalb gibt es auch weder die Aussage, „dass Flüchtlinge kriminell und gefährlich sind“ noch werden „Flüchtlinge pauschal herab“gewürdigt, wie die Experten für logische Fehlschlüsse mit ihren 15 Köpfen behaupten.

Die Rüge des Werberates ist somit ein Beispiel für die Degeneration einer Gesellschaft in der es offensichtlich passieren kann, dass ein Stadion bis zum letzten Platz gefüllt ist und dennoch als halb leer bezeichnet wird, und es ist ein Beispiel für die Infantilität der 15-Köpfigen-Werbewächterhydra, die sich trotz ihrer 15 Köpfe nicht vorstellen kann, dass Flüchtlinge nicht die edlen Wilden sind, die schon Karl May verherrlicht hat, sondern ganz normale Menschen. Sie sind nicht besser und nicht schlechter als der Durchschnitt der Deutschen, und da es unter den Deutschen doch tatsächlich Kriminelle gibt, gibt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch unter Flüchtlingen Kriminelle oder wie EEG Wermann werbend schreibt: „leider werden uns nicht alle wohlgesonnen sein“. Nicht alle!

Das einzige rügenswerte Pauschalurteil, das Flüchtlinge dadurch herabwürdigt, dass es ihnen menschliche Normalität verweigert, in dem sie zu edlen Wilden, die gar nicht wissen, was Kriminalität ist, gemacht werden, stammt aus den 15-Köpfen der Werbewächter-Hydra, so dass man sagen kann: Nicht alle dieser 15 Köpfe haben nicht alle Tassen im Schrank. Ob das ein Kopf der Hydra versteht?

Ansonsten wird EEG Wermann vorgeworden, dass durch die Aussagen der Werbung „bei den Umworbenen Angst erzeugt“ werde. Die 15-köpfige Hydra des Werberats ist also der Meinung, wer das liest bekommt Angst. Einmal davon abgesehen, dass die Werbewirkungsforschung wenn es darum geht, die Wirkung von Werbung zu bestimmen, eher bescheidene Ergebnisse zu Tage fördert und gar keine Ergebnisse, die eine derartige Stimulus-Response-Wirkung zeigen würden, wie man sie beim Werberat phantasiert, ist die Aussage schlicht falsch, denn die Angst muss nicht erzeugt werden, sie ist bereits vorhanden. Das zeigt eine eine Umfrage von Infratest Dimap, bei der 59% der Befragten angeben, sie würden eine Zunahme der Kriminalität durch den Zuzug von Flüchtlingen befürchten und je 53% angeben, vor einem Taschendiebstahl oder einem Einbruch in ihre Wohnung Angst haben. Vielleicht sollte die 15-köpfige Werbewächter-Hydra sich etwas mit der Realität befassen und Nachhilfe in Deutsch und in Logik nehmen. Vielleicht führt dies ja in einem der 15 Köpfe zu einer nachhaltigen Einsicht.

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Volkserziehung: Deutsche sollen die richtige Zivilcourage lernen

Vor einigen Tagen haben wir über die neue Online-Stasi berichtet, deren Ziel darin besteht, Deutschen Zivilcourage und Counterspeech beizubringen. Bereits diese Beschreibung macht deutlich, dass es nur eine richtige Form von Zivilcourage gibt, die Zivilcourage, die von den Online-IMs als einzig richtige Zivilcourage vorgegeben werden soll, die Zivilcourage, die bestimmte ideologische Inhalte umfasst und andere geiselt. Ein Mensch, der in aller Öffentlichkeit Stellung gegen politisch-korrekten Unsinn bezieht, der sich z.B. namentlich bei seiner Universität darüber beschwert, dass Genderismus betrieben, Wissenschaft verunmöglicht und Männer benachteiligt werden, hat entsprechend keine Zivilcourage.

Online Civil CourageDieser Versuch, Zivilcourage vor einen ideologischen Karren zu spannen, rechtfertigt einen genaueren Blick darauf, was Zivilcourage eigentlich sein soll. Und wenn man diesen Blick in vermeintlich wissenschaftliche Texte richtet, dann landet man schnell bei Gerd Meyer und einer Gattung von Text, einem Genre, das man nicht mehr als wissenschaftlichen Text beschreiben kann, vielmehr dem Genre der Volkserziehung zurechnen muss, jenem Genre, zu dem Wissenschaft in Teilen verkommen ist.

So wie sich manche, die es auf wissenschaftliche Positionen geschafft haben, immer noch einbilden, sie hätten eine statushohe Position erreicht, so bilden sich manche ein, weil sie diese angeblich statushohe Position erreicht hätten, könnten sie andere belehren, erziehen, nudgen oder in welcher Form auch immer die Volkserziehung daherkommt.

Gerd Meyer gehört dazu. Er hat seine Bestimmung von „Zivilcourage“ in einem Sammelband veröffentlicht, der unter dem Titel „Demokratie-Kompetenz“ veröffentlicht wurde – ein Titel, der schon Schlimmes ahnen lässt. Man kann sich die Möchtegern Volkserzieher, wie sie dem dummen Mann von der Straße und seinen Kindern „Demokratie-Kompetenz“ beibringen wollen, richtig bildlich vorstellen. Sie, die keinerlei Toleranz dafür haben, dass in einem demokratischen System unterschiedliche Meinungen vorhanden sind (hätten sie diese Toleranz, sie müssten nicht von „Demokratie-Kompetenz“ reden). Die Erzieher zur Demokratie, sie entpuppen sich regelmäßig als Autokraten, die keinerlei Abweichung von ihrer Vorstellung davon, was Demokratie ist, zulassen – denn merke: Es gibt nur eine wahre Form von Demokratie, die Form, die ich vorgebe – wodurch Demokratie zu Totalitarismus wird, aber das nur nebenbei.

Gerd Meyer hat eine Definition von Zivilcourage vorgelegt, der man Anhaltspunkte dafür entnehmen kann, warum es Organisationen wie die neue Online-Stasi gibt, die von sich denken, sie könnten Menschen die einzig richtige Zivilcourage beibringen:

Für Meyer ist Zivilcourage ein „Typus sozialen Handelns“, aber „keine Eigenschaft einer Person“ (Meyer, 2005: 52).

Zivilcourage hat also für Meyer nichts mit Mut oder mit Engagement eines Einzelnen zu tun. Zivilcourage ist eine Form kollektiver Körperertüchtigung, die man im Zivilcourage-Studio erlernen kann, direkt von Big Brother mit den großen Zivilcourage-Muskeln.

Und so wie Zivilcourage keine Eigenschaft eines Individuums ist, sondern ein frei flottierendes Agens, das sich über Big Brother auch dem letzten Feigling mitteilt, so ist Zivilcourage inhaltlich sehr eng bestimmt und liegt nur dann vor, wenn – wie Meyer weiter ausführt – die folgende Bedingung erfüllt ist:

„Eine Person (oder seltener eine Gruppe) tritt – orientiert an humanen und demokratischen Prinzipien – ein für die legitimen, primär nicht-materiellen Interessen und die Integrität vor allem anderer Personen, aber auch des Handelnden selbst“ (Meyer, 2005: 52-53).

Ein vom frei flottierenden Agens der Zivilcourage (zuweilen auch gegen seinen Willen) besetzter Akteur, er ist nach der seltsamen Vorstellung von Meyer das wandelnde Gute, voller reiner Motive, voller demokratischer Absicht, er ist ein St.Martinesker Altruist, der mit gezogenem Mantel durch die Welt zieht, um Letzteren zu teilen und „humane und demokratische Prinzipien“ zu verteidigen – gegen Angreifer.

Die inhaltliche Bindung von Zivilcourage an demokratische und humane Prinzipien, die unbestimmt bleiben, sie macht es möglich, Zivilcourage als kollektive Eigenschaft, die sich dem korrekt lernenden Menschen mitteilt, als adelnden Agens der Richtigkeit und des Guten zu bestimmen, als Mittel, mit dem man – schwubs – einen Teil der Bevölkerung von der Tischkante stoßen kann.

Zivilcourage gibt es nur, wenn die Motive des Zivilcouragierten, die richtigen sind, wenn er human und demokratisch ist, wobei z.B. Online-Wächter bestimmen, was human und demokratisch und was nicht human und demokratisch ist, was von einem Monster gesprochene Hassrede ist. Und damit auch ganz klar ist, dass die so beschriebenen Zivilcouragierten die richtigen, die wahren, reinen und einzig demokratisch-humanen Zivilcouragierten sind, darf natürlich der Verweis auf die „nicht-materiellen Interessen“ nicht fehlen.

Willkommen im Kindergarten der Phantasie.

Zunächst: Zivilcourage ist natürlich eine individuelle Eigenschaft. Was sonst sollte es sein? Wer kann Courage haben und im täglichen Leben zeigen? Wer handelt, wenn nicht der Einzelne? Die Zivilcourage handelt sicher nicht.

Dann: Handeln gibt es nur als soziales Handeln, denn Handeln setzt voraus, dass es auf andere gerichtet ist. Ist es nicht auf andere gerichtet, dann ist es Verhalten und nicht Handeln. Von einem Sozialwissenschaftler sollte man verlangen können, dass ihm diese in der Soziologie verbreitete Unterscheidung bekannt ist – er sein Handwerkszeug also beherrscht.

Wenn Handeln immer auf andere gerichtet ist und nur Einzelne, nur Individuen handeln können, dann ist klar, dass die Motive des Handelns keine kollektiven, sondern nur individuelle Motive sein können. Man kann Menschen vielleicht einreden, dass sie zivilcouragiert sind und dass sie dann zivilcouragiert sind, wenn sie böse Rechte hauen und arme Linke beklatschen, aber man wird nicht für die entsprechenden Menschen zuhauen oder klatschen können. Das müssen diese schon selbst tun. Entsprechend ist die Vorstellung davon, dass Zivilcourage ein kollektives Agens sei, das sich denen mitteilt, die auf dem richtigen Pfad von Humanismus und Demokratie, also auf dem sind, den z.B. Online-Wächter wie Kahane und Konsorten weisen wollen, vollkommener Unsinn – vollkommener ideologisch motivierter Unsinn.

Denn natürlich hat die Vorstellung, man könne Menschen zu bestimmten Handlungen manipulieren, sie zu Marionetten an der Schnur richtig vorgegebenen Humanismus‘ oder richtiger vermeintlich demokratischer Werte machen, etwas. Wer möchte nicht der Zampano sein, der sagt, was Zivilcourage ist und woran man sie erkennt. Wer möchte nicht Macht über andere ausüben, altruistische Macht natürlich, so wie sie die Mitarbeiter der Amadeu-Antonio-Stiftung jeden Tag auszuüben versuchen, wenn sie die Welt der Aussagen in richtige und falsche teilen und andere dazu bringen wollen, ihre Einteilung, ihre vollkommen undemokratische, weil totalitär verordnete, weil nicht begründete Einteilung zu teilen.

Es ist schon verständlich, dass Menschen, die sonst nichts haben, keine Zivilcourage z.B., um etwas anderes als Abhängiger von staatlichen Zuwendungen zu werden, davon träumen, Macht über Dritte ausüben zu können, ihnen den Mund verbieten zu können, sie zu Zombies der politischen Korrektheit machen zu können, die Zivilcourage unnötig macht. Es mag gelingen, manchen, vielleicht auch vielen einzureden, dass sie bessere Menschen und zivilcouragierte Menschen sind, wenn sie Büros der AfD beschädigen und die vorgegebene Bestimmung von Humanismus und Demokratie inhalieren.

Maehlert kleine GeschichteEs wird aber immer Menschen wie uns geben, die die Zivilcourage aufbringen darauf hinzuweisen, dass Online-Wächter die Totengräber von Demokratie sind, weil sie nämlich zerstören, was sie angeblich schützen wollen; die darauf hinweisen, dass ein materiell motivierter Zivilcouragierter, der sich gegen die Beseitigung von Meinungsfreiheit stellt, für der Erhalt einer Demokratie mehr wert ist als 1000 ideologische Zombies, die sich als Kämpfer für das zivilcouragierte Paradies fühlen und ihr Mütchen in so herausragenden Aktionen wie Denunziation und Verleumdung zur Schau stellen.

Versuche, wie der von uns vor einigen Tagen beschriebene Versuch, eine Online-Stasi zu etablieren, sind umsonst, denn sie ziehen nur die Claqueure an, diejenigen, die auf Führung gewartet haben und darauf angewiesen sind, von anderen bestätigt zu bekommen, dass sie gute Menschen sind, die auf der richtigen Seite stehen, Menschen also, denen jede Zivilcourage fehlt.

Zivilcourage erfordert es, eigenen Prinzipien zu folgen und zuweilen oder oft gegen den politisch-korrekten Mainstream zu kämpfen, weil der politisch-korrekte Mainstream intolerant ist, Andersdenkende nicht akzeptiert und weder human noch demokratisch ist. Er ist nicht demokratisch, weil er denen demokratische Rechte verweigern will, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. Er ist nicht human, weil er die eigenen Anhänger enthumanisiert, sie zu Zombies macht, die hinter Vorgaben hertrotten, ihnen das Recht abspricht, eigene Entscheidungen zu treffen und alle, die von den Vorgaben abweichen, als Feinde zum zivilcouragierten Abschuss freigibt.

Der Versuch, den Begriff „Zivilcourage“ zu hijacken, er ist ein weiterer Versuch in der zwischenzeitlich schon längeren Reihe der Versuche, die Gesellschaft in zwei Teile zu spalten, in Wutbürger und Gutbürger, Problembürger und Bravbürger, in Fieslinge und Zivilcouragierte. Insofern der Versuch, eine Gesellschaft zu zerteilen und Teile von Ressourcen und Mitsprache auszuschließen, ein anti-demokratisches, totalitäres Unterfangen ist, erweisen sich die Prediger der Zivilcourage, die Online-Wächter als würdige Nachfolger des letzten deutschen Versuches, eine Gesellschaft in ein Gefängnis zu verwandeln und ihre Mitglieder mit gegenseitigem Misstrauen zu infizieren.

Insofern Pamphlete wie das von Gerd Meyer in wissenschaftlichen Verlagen erscheinen und in Büchern, die den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, muss man zudem konstatieren, dass einmal mehr der Versuch, gesellschaftlichen Widerspruch durch eine Instrumentalisierung der Wissenschaft, dieses Mal nicht im Namen von Marx und Lenin, sondern im Namen von vermeintlich Humanismus und Demokratie zu unterbinden, im Gange ist. Ist am Ende Zivilcourage notwendig, Zivilcourage, zu der sich auch oder gerade Wissenschaftler aufraffen müssen?

 
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Vorabdruck: „Mein Kampf“

Seit Wochen steigert sich anscheinend die Vorfreude bei all denen, die auf das Erlöschen eines bestimmten Urheberrechts warten, jenes Urheberrecht, das der Bayerisches Freistaat seit 70 Jahren anwendet, um begierige Leser vom Bestseller nationalsozialistischer Propaganda fernzuhalten.

Nun ist es bald soweit: Ab 2016 darf „Mein Kampf“ in Deutschland wieder gedruckt werden. Schlimmer noch: Ab 2016 kann sich in Deutschland (theoretisch) jeder Bürger ein eigenes Urteil über den Hitlerschen Kampf oder Krampf, je nach Auffassung, bilden: Seinen „Werdegang zum Antisemiten“ nachvollziehen, nachdem ihm nach eigener Aussage bis zum zarten Alter von 14 Jahren, das Wort „Jude“ unbekannt war und seine seltsamen Ausführungen über die „weiße Rasse“ lesen (und vielleicht mit den ebenso seltsamen Ausführungen über „weiße Männer“ vergleichen, die heute aus Ecken kommen, die sich für emanzipiert halten).

Kurz: in wenigen Tagen könnten Deutsche tatsächlich der Ansicht sein, sie würden wie mündige Bürger behandelt.

Könnten!
Konjunktiv!

Denn das werden sie natürlich nicht.

Getreu dem Motto: Deutsche darf man mit „Mein Kampf“ nicht alleine lassen, „haben im Münchener Institut für Zeitgeschichte ein gutes Dutzend Historiker mehr als drei Jahre an einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe von ‚Mein Kampf‘ gearbeitet.“ Vermutlich haben sie sich dieser Mühsal nicht ohne pekuniäre Gegenleistung oder im Schwange altruistischer Hingabe zur Volkserziehung unterzogen. Eine Mühsal muss es gewesen sein, denn die nunmehr „kommentierte Version“ von „Mein Kampf“ hat die 781 teilweise nur mit Mühe lesbaren Seiten vom originalen „Mein Kampf“ zu nicht mehr lesbaren 1.948 Seiten aufgebläht.

1.167 Seiten haben die Historiker aus München zu den 781 ursprünglichen Seiten ergänzt, um deutlich zu machen, was sowieso offensichtlich ist: Hitler war ein Rassist, ein Antisemit, ein sozialistischer Nationalist und darüber hinaus ein wenig begabter Autor, der es nicht schafft, seine Leser in den Bann seiner Worte zu schlagen.

Wieso sind 1.167 Seiten notwendig, um 781 Seiten zu kommentieren, die Offensichtlichkeiten, persönliche Betrachtungen und Ansichten beinhalten?

Zwei Antworten drängen sich auf:

  1. Die Finanzierung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte musste für drei Jahre sichergestellt werden.
  2. Unter Historikern hält sich ein irrationaler Glaube an die mystische Wirkung von „Mein Kampf“, eine Wirkung, die darin zu bestehen scheint, dass ein Leser vom eben noch Demokraten per Lektüre von „Mein Kampf“ zum Rassisten und Anti-Demokraten mutiert, allein, aufgrund der mystischen Wirkung dieses deutschen Schriftgutes.

Wenn (1) der Fall ist, dann wurde diese Finanzierung damit erkauft, dass einem Buch, das seine Bedeutung vornehmlich aus der Zuschreibung von Symbolik entnimmt, einer Symbolik, die das Buch zum Alpha und Omega Nationalsozialistischer Verbrechen, zum Ausgangspunkt allen Übels macht, weitere Bedeutung verliehen wird.

Wenn (2) der Fall ist, dann sollten sich die entsprechenden Historiker in ärztliche Behandlung begeben, denn sie glauben daran, dass Menschen von Büchern gesteuert werden können – andere Menschen natürlich, nicht die Historiker. Menschen wie Sie und wir, denen bislang „Mein Kampf“ vorenthalten wurde, um uns zu schützen, zu schützen vor der magischen Wirkung jenes Werkes, das der Teufel mit den magischen Augen, wie ihn Albert Speer beschrieben hat, geschrieben hat.

Nicht, dass man diesen Historikern, ob der Art und Weise, in der sie Bürger zu Menschen ohne Urteilsvermögen erklären, ihre Weltsicht gerade rücken müsste …

Denn selbstverständlich kann man dem tumben Volk, diesen vom mystischen „Mein Kampf“ Verführbaren, dieses Werk nicht unkommentiert zugänglich machen. Am Ende lesen sie Passagen wie die folgende vollkommen unkritisch, bar jeder Einordnung und bar jeglichen Hinweises auf deren historische Abartigkeit und Einmaligkeit:

mein kampf(aus Mein Kampf, S.410-413): „So treten die Kommissionen zusammen und „revidieren“ das alte Programm und verfassen ein neues (die Herrschaften wechseln dabei ihre Überzeugungen wie der Soldat im Felde das Hemd, nämlich immer dann, wenn das alte verlaust ist!), in dem jedem das Seine gegeben wird. Der Bauer erhält den Schutz seiner Landwirtschaft, der Industrielle den Schutz seiner Ware, der Konsument den Schutz seines Einkaufs, den Lehrern werden die Gehälter erhöht, den Beamten die Pensionen aufgebessert, Witwen und Waisen soll in reichlichstem Umfang der Staat versorgen, der Verkehr wird gefördert, die Tarife (…) sollen erniedrigt und gar die Steuern, wenn auch nicht ganz, aber doch so ziemlich abgeschafft werden.

Manches Mal passiert es, daß man doch einen Stand vergessen oder von einer im Volk umlaufenden Forderung nichts gehört hat. Dann wird in letzter Eile noch hineingeflickt, was Platz hat, so lange, bis man mit gutem Gewissen hoffen darf, das Heer der normalen Spießer samt ihren Weibern wieder beruhigt zu haben und hochbefriedigt zu sehen. So kann man innerlich also gerüstet im Vertrauen auf den lieben Gott und die unerschütterliche Dummheit der wahlberechtigten Bürger den Kampf um die „neue Gestaltung“ des Reiches, wie man sagt, beginnen.

Wenn dann der Wahltag vorbei ist, die Parlamentarier für fünf Jahre ihre legte Volksversammlung abgehalten haben, um sich von der Dressur des Plebs hinweg zur Erfüllung ihrer höheren und angenehmeren Aufgaben zu begeben, löst sich die Programm-Kommission wieder auf, und der Kampf um die Neugestaltung der Dinge erhält wieder die Formen des Ringens um das liebe tägliche Brot: Dieses heißt aber beim Parlamentarier Diäten.

Jeden Morgen begibt sich der Herr Volksvertreter in das Hohe Haus, und wenn schon nicht ganz hinein, so doch wenigstens bis in den Vorraum, in dem die Anwesenheitslisten auf liegen. Im angreifenden Dienste für das Volk trägt er dort seinen Namen ein und nimmt als wohlverdienten Lohn eine kleine Entschädigung für diese fortgesetzten zermürbenden Anstrengungen entgegen.

Nach vier Jahren oder in sonstigen kritischen Wochen, wenn die Auflösung der parlamentarischen Körperschaften wieder näher und näher zu rücken beginnt, beschleicht die Herren plötzlich ein unbezähmbarer Drang. So wie der Engerling nicht anders kann, als sich zum Maikäfer zu verwandeln, so verlassen diese parlamentarischen Raupen das große gemeinsame Puppenhaus und flattern flügelbegabt hinaus zum lieben Volk.

Sie reden wieder zu ihren Wählern, erzählen von der eigenen
enormen Arbeit und der böswilligen Verstocktheit der anderen, bekommen aber von der unverständigen Masse statt dankbaren Beifalls manches Mal rohe, ja gehässige Ausdrücke an den Kopf geworfen. Wenn sich diese Undankbarkeit des Volkes bis zu einem gewissen Grade steigert, kann nur ein einziges Mittel helfen: der Glanz der Partei muß wieder aufgebügelt werden, das Programm ist verbesserungsbedürftig, die Kommission tritt erneut ins Leben, und der Schwindel beginnt von vorne.

Bei der granitenen Dummheit unserer Menschheit wundere man sich nicht über den Erfolg. Geleitet durch seine Presse und geblendet vom neuen verlockenden Programm, kehrt das ‚bürgerliche‘ wie das Äproletarische‘ Stimmvieh wieder in den gemeinsamen Stall zurück und wählt seine alten Betrüger.

Damit verwandelt sich der Volksmann und Kandidat der schaffenden Stände wieder in die parlamentarische Raupe und frißt sich am Gezweig des staatlichen Lebens weiter dick und fett, um sich nach vier Jahren wieder in den schillernden Schmetterling zu verwandeln.

Es gibt kaum etwas Deprimierenderes, als diesen ganzen Vorgang in der nüchternen Wirklichkeit zu beobachten, diesem sich immer wiederholenden Betrug zusehen zu müssen. Aus solchem geistigen Nährboden schöpft man im bürgerlichen Lager freilich nicht die Kraft, den Kampf mit der organisierten Macht des Marxismus auszufechten.
Ernstlich denken die Herrschaften auch nie daran. Bei aller zugegebenen Beschränktheit und geistigen Inferiorität dieser parlamentarischen Medizinmänner der weißen Rasse können sie selber sich nicht im Ernste einbilden, auf dem Wege einer westlichen Demokratie gegen eine Lehre anzukämpfen, für welche die Demokratie samt allem, was drum und dran hängt, im besten Falle ein Mittel zum Zweck ist, das man anwendet, um den Gegner zu lähmen und dem eigenen Handeln freie Bahn zu schaffen. Wenn nämlich ein Teil des Marxismus zur Zeit auch in äußerst kluger Weise die unzertrennliche Verbindung mit den Grundsätzen der Demokratie vorzutäuschen versucht, dann möge man doch gefälligst nicht vergessen, daß in der kritischen Stunde diese Herrschaften sich um eine Majoritätsentscheidung nach westlich-demokratischer Auffassung einen Pfifferling kümmerten!“

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Kaufnix-Tag: Noch ein Paternalismus

Als Deutscher hat man es nicht leicht.

Immer gibt es einen, dem nicht passt, was man tut, einen, der sagt, wie es eigentlich und richtig geht.

Dickens_ScroogeZeigt man ziviles Engagement und geht zu Demonstrationen, z.B. in Dresden, ist es nicht recht, dann sind es die falschen Demonstrationen.

Hört man auf zu rauchen, der eigenen Gesundheit zuliebe und geht auseinander, wie ein Hefeklops, dann, weil man das falsche Substitut für Nikotin eingesetzt hat und sich nicht genug bewegt.

Setzt man sich ins Auto, um ins nächstgelegene Jogging-Reservat zu fahren, dann gibt es bestimmt einen, der darauf hinweist, dass öffentlicher Nahverkehr oder das Fahrrad besser für die Umwelt sind.

Kauft man nur noch Fair Trade und grüne Produkte, der Umwelt zuliebe, dann gibt es bestimmt einen Schlaumeier, der den Konsum als solchen verurteilt.

Was man auch tut, immer macht man etwas falsch.

Das bringt uns zur neuesten paternalistischen Intervention, dem Kaufnix-Tag. Was klingt, wie ein Festtag zu Ehren des Gallischen Pendant von Ebenezer Scrooge, ist eine ernstgemeinte paternalistische Intervention, mit der uns u.a. der Umweltökonom Niko Paech von der Universität Oldenburg dazu bringen wollen, „eine neue Balance zu finden“.

Der Kaufnix-Tag, er dümpelt schon seit Jahren unbemerkt als Gegenentwurf zum Black Friday vor sich hin, dem Tag, an dem man im angelsächsischen Ausland einen Deal macht, 30% off oder 75% off vom Ladenpreis.

kaufnixtagUnd dieses Jahr haben sich die deutschen Mainstream-Medien entschieden, das zu ändern. Welt, Spiegel oder n-tv bringen einen weitgehend gleichlautenden Beitrag, der mit „Konsumkritiker werben für Kauf-nix-Tag„, „Schoppen oder verzichten? Der Kauf-nix-Tag ist umstritten“ bzw. „Pause vom Einkaufsterror. Das Schnäppchenfest mal ignorieren„, überschrieben sind (So viel zur Frage, ob deutsche Medien gleichgeschaltet sind oder nicht.).

Und sie sind voller weiser Einsichten diese Beiträge.

Etwa:

„Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-out“ sagt Umweltökonom Niko Paech von der Universität Oldenburg“ im online Spiegel.

Oder:

„Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out“, sagt er [Paech]. Ladenöffnungszeiten zu verringern bedeute ja nicht die Abschaffung des Konsums. „Man fängt sogar an, den Konsum wieder zu genießen“, meint Paech in der Welt.

Und:

„‚Wir leben brutal über unseren Verhältnisse, vor allem ökologisch‘, sagt der Umweltökonom Niko Paech von der Uni Oldenburg“ bei n-tv und legt dann los:
„Die Konsum-Kritiker wissen, dass sie gegen Windmühlen kämpfen. Umweltökonom Paech ist realistisch. Es gehe ihm nicht darum, Konsum abzuschaffen. Gestresste Verbraucher lockt er vielmehr mit dem Versprechen, sie würden profitieren, wenn die Ladenöffnungszeiten reduziert, verkaufsoffene Adventssonntage zum Beispiel abgeschafft würden. Der Käufer fange dann wieder an, Konsum zu genießen, wirbt Paech. „Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out.“ Wovon er dringend abrät, ist Konsum einfach einen Tag zu verschieben, das sei keine Lösung. Dadurch könnte der Einkaufsstress tags drauf sogar noch größer werden.“

Fassen wir die Einsichten, die der Umweltökonomen Paech über uns hat, zusammen:

  1. Wir leben brutal über unsere Verhältnisse.
  2. Wir sind reizüberflutet.
  3. Wir würden profitieren, wenn verkaufsoffene Adventssonntage abgeschafft würden.
  4. Wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out.

Prüfen wir, ob zutrifft, was Paech über uns sagt.

  1. black fridayStimmt. Wir leisten uns immer noch Umweltökonomen, wie Niko Paech. Eine Konsumausgabe, denn Konsum ist definiert als Verbrauch von Ressourcen ohne Mehrwert, die man überdenken sollte. Das mag brutal klingen, aber Zeiten wie diese, die Paech zeichnet, erfordern brutale Maßnahmen, z.B. die Entfernung von Umweltökonomen wie Paech von Universitäten.
  2. Stimmt. Wir bekommen viel zu viel Unsinn zugemutet, Unsinn, der z.B. darin besteht, dass irgendein Umweltökonom meint, er könne Aussagen über uns machen, darüber, was wir sind. Seinsaussagen über Dritte machen zu wollen, ist etwas verwegen, zumal das einzige, was derartige Seins-Aussagen hervorrufen andere Seins-Aussagen sind, wie z.B.: Ich bin ärgerlich über Leute, die denken, sie könnten mir sagen, was und wie ich bin.
  3. Wir würden mitnichten profitieren, wenn wir uns an noch weniger Tagen mit noch mehr anderen durch die Innenstädte drücken und dort um die letzten Schnäppchen schlagen müssten. Es mag sein, dass sich Umweltökonomen wie Herr Paech, einfach während der Arbeitszeit in die Innenstadt von Oldenburg absetzen, und dort in Ruhe einkaufen können, weil die meisten anderen bei der Arbeit sind. Schön für ihn, aber nicht schön für uns.
  4. Wenn wir an Konsum-Verstopfung leiden und uns ein Konsum-Burn-Out plagt, was ist dann Paechs Problem? Wenn dem so wäre, dann würden wir ja gerade nicht in Massen durch Innenstädte wandern, immer auf der Suche nach dem Deal, dem Schnäppchen oder Stunden gebannt vor dem Rechner sitzen und warten, dass der Amazon-Deal endlich aktiv wird.

Uns scheint, der Herr Paech hat nicht so richtig durchdacht, was er hier behauptet. Insofern sich Herr Paech diametral widerspricht, wenn er Konsumwut anprangert und Konsum-Burn-Out feststellt, scheint er zu der Garde von Paternalisten zu gehören, die Gefallen daran finden, anderen etwas vorzuschreiben, zu denen, deren Selbstwert nur dann intakt ist, wenn sie kopfschüttelnd über das Verhalten anderer sinnieren und Verbesserungsvorschläge machen können. Das hat mehr mit Psychopathologie als mit Umweltökonomie zu tun.

Deshalb schlagen wir Herrn Paech vor, dass er andere in Ruhe lässt und dafür sein eigenes Verhalten zum Gegenstand seiner Betrachtungen macht. Wie wäre es, er spendet sein Dezembergehalt an die Flüchtlingshilfe, gibt seine Arbeit auf und zieht sich in eine Hütte in den bayerischen Bergen zurück, um dort zu meditieren und zu versuchen, seinen Carbon Imprint auf Null zu reduzieren, z.B. dadurch, dass er nicht heizt und sich auch andere Formen des verzichtbaren Konsums verkneift, der Umwelt zuliebe und um seinen Konsum-Burn-Out zu kurieren.

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Feminisierung der Politik: Aufschwung für Paternalismus – Abschwung für Freiheit

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Politiker nach dem 2. Weltkrieg entdeckt haben, dass Bürger prinzipiell Unfähige sind, denen Politiker das richtige Leben beibringen müssen?

lebensrisikoMan muss sie bereits im Kindergarten vom Rechtsextremismus entwöhnen, in der Schule an die Homosexualität gewöhnen, ihnen den richtigen Beruf suchen, sie nach Geschlecht und sexueller Orientierung steuern, damit sie nicht aus Versehen die falsche Toilette aufsuchen. Sie brauchen Unterstützung in Arbeitslosigkeit, man muss ihnen beibringen, was sie essen und trinken und was sie nicht essen und trinken sollen. Rauchen muss man ihnen abgewöhnen, Zucker vorenthalten, die Fetten zum Dauerlauf abordnen und die Schlanken zur stetigen Fitness ermahnen. Zur Investition in staatliche Kassen muss man sie verpflichten, nur um ihretwillen versteht sich, die zusätzliche Alterssicherung ihnen förmlich aufzwingen, sie von der Wiege bis zur Bahre begleiten, damit sie nicht aus dem vorgesehenen Mainstream herausfallen.

Nun, wir haben uns diese Lust an der Bevormundung, am Paternalismus und der Übernahme von Verantwortung für Hinz und Kunz zu erklären versucht. Z.B. damit, haben wir sie zu erklären versucht, dass Politikern kaum etwas an Möglichkeit bleibt, sich zu profilieren. Von Wirtschaft verstehen sie nichts. Politik macht das Bundesverfassungsgericht. Krieg und Verteidigung sind schlecht angesehen und Umweltschutz hat sich verbraucht, es sei denn, man kann Packungsgrößen verordnen und Bürgern den richtigen Umgang mit Müll beibringen. Alle Wege der Selbstwirksamkeit von Politikern scheinen auf die Bevormundung ihrer Bürger hinauszulaufen. Ist die Bevormundung, der Paternalismus somit der Kern aller Politik?`

Offensichtlich nicht. Früher gab es andere politische Inhalte, Gestaltungsspielräume, Visionen, selbst umgesetzte Visionen wie die von Wilhelm Marx, der dachte, man könne Deutschland, die Weimarer Republik, wie man damals gesagt hat, zu einem prosperierenden und friedlichen Land machen: Vom 30. November 1923 bis zum 29. Juni 1928, mit einer kurzen Unterbrechung, hielt die Vision.

Wenn es also früher Politiker gab, die gestaltet haben, Politiker, die Entscheidungen getroffen hatten, die nicht die Menge von Softdrinks, die ein Bürger ungestraft zu sich nehmen darf, zum Gegenstand hatten, dann stellt sich die Frage, wo dieser politische Hang zum Bevormunden, zu Paternalisierung, zum Bemuttern heute herkommt.

Bemuttern, das ist es, das ist der Durchbruch!

Mit der Zunahme des Bemutterns, geht eine Zunahme der weiblichen Politiker, eine Feminisierung der Politik einher. Wie ein Virus greift das Bemuttern um sich, erfasst selbst biologisch der männlichen Seite der Geschlechtsverteilung Zuzuordnende und feiert täglich neue Feste in Abstrusität.

Die Hypothese, dass die Zunahme an Bevormundung und Paternalismus tatsächlich eine Zunahme von Bemutterung ist, die durch den weiblichen Zulauf in die Reihen der Politiker ausgelöst wurde (und durch die Tatsache, dass Politiker kein Ausbildungsberuf ist, sondern allen und somit auch im wirklichen Leben gescheiterten Existenzen offensteht, befördert wird), wir stellen sie hiermit in den Raum und unterfüttern sie damit, dass die Verbindung zwischen weiblichem Busybody und Bemutterung bzw. Bevormundung der Umgebung ein Phänomen ist, das sich in der Weltliteratur regelmäßig und wiederkehrend findet, z.B. in Gestalt von Mrs. Jellyby, einem „telescopic philanthropist“ aus Charles Dickens‘ Bleak House.

Der weibliche Busybody, der Bevormunder und Paternalist, dessen Lebenszweck darin besteht, andere zu bemuttern, ob sie es nun wollen oder nicht, er findet sich auch bei Agatha Christie und hier in Reinkultur:

Halloween Party„All these things – women’s institutes and teas and various societies and all the rest of it. Runs a lot of things, she does. Runs a bit too many for some people. Bossy, you know. Bossy and interfering, some people say. But the vicar relies on her. She starts things. Women’s activities and all the rest of it. Gets up tours and outings. Ah yes. Often thought myself, though I wouldn’t like to say it to my wife, that all these good works that ladies does, doesn’t make you any fonder of the ladies themselves. Always know best, they do. Always telling you what you should do and what you shouldn’t do. No freedom. Not much freedom anywhere nowadays. (Agatha Christie, 2001, Hallowe’en Party, S.210).

Die Hypothese, sie steht zur Prüfung bereit:

Der Rückgang der Freiheit, die Zunahme des Paternalismus, die Bevormundung der Bürger durch Politiker, sie ist eine Folge der Feminisierung der Politik, der steigenden Anzahl weiblicher Politiker.

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Der Bayerische Rundfunk weiß: Der Bürger ist ein kleines, dummes Ferkel

Im Hitchhiker’s Guide through the Galaxy steht geschrieben, dass es im weiten Universum einen Planten gibt, auf dem die Bewohner einer Vielzahl von überflüssigen Busybodys leidig geworden sind. Unter einem Vorwand haben sie die überflüssigen Existenzen in ein eigens konstruiertes Raumschiff gelockt und auf die Reise in die unermesslichen Weiten des Weltalls geschickt.

Sie sind auf der Erde gelandet, und haben diese besiedelt.

Das mag erklären, warum in der modernen Belehrungskultur eine Horde von Gutmenschen Amok läuft und derzeit noch tolerante Mitmenschen mit absurden Ratschlägen, beleidigenden Belehrungen und hysterischem Paternalismus überzieht.

So wie heute, denn heute, für alle die es nicht wissen, heute ich Welttag des Händewaschens.

BR HaendewaschenNun, Sie, die sie gerade lesen, was wir geschrieben haben: Wie oft haben Sie heute schon die Hände gewaschen? Und haben sie die Hände auch richtig gewaschen, nicht einfach unter Wasser gehalten, sondern „mindestens 20 Sekunden lang„? Nicht 19 oder 18, nein, mindestens 20 Sekunden müssen Hände gewachsen werden, um eklige kleine Mikroorganismen zu töten.

Für den Genozid an Mikroorganismen ist es zudem notwendig, „Flüssigseife oder Waschlotion“ zum Einsatz zu bringen, denn: „Wasser allein tötet keine Keime“. Und weil der Genozid an Mikroorganismen durch Händewachsen zu wichtig ist, als dass man ihn den kleinen dummen Ferkeln von Bürgern überlassen könnte, von denen der Bayerische Rundfunk aus nicht bekannten Quellen weiß, dass nur „jeder Dritte vor dem Kochen oder nach dem Toilettengang“ die Hände wäscht, deshalb gibt es die Anleitung für die bürgerlichen Ferkel:

„Und so geht’s: Hände nassmachen, einseifen – dabei Handrücken, Fingerzwischenräume und Daumen nicht vergessen – und dann ordentlich reiben und rubbeln. Anschließend unter fließendem Wasser gut abwaschen. … Wichtig ist auch, sich nach dem Waschen die Hände gut abzutrocknen … Waschen Sie ihre Hände mehrmals am Tag, beispielsweise nach dem Toilettenbesuch, vor dem Kochen und Essen, nach dem Naseputzen oder wenn man nach Hause kommt.“

Das schreiben wir jetzt alle mindestens 100 Mal auf die Schiefertafel, die man beim Bayerischen Rundfunk vermutlich unter den Stichwort „bürgerliche Ferkel“ anfordern kann und lernen es auswendig.

Aber nicht, dass jetzt einige zu Händewaschfetischisten werden, denn die positiven Effekte von Händewaschen werden nicht einfach dadurch maximiert, dass man alle 5 Minuten die Hände wäscht. Nein, denn:

„Eine wenig erfreuliche Nebenwirkung hat das häufige Händewaschen allerdings: Die Haut trocknet aus. Deshalb am besten ab und zu Hände eincremen. Tun Sie das aber nicht zu oft, denn auf fettigen Belägen an Tisch und Tastaturen tummeln sich gerne Bakterien“.

Das richtige Eincremen von Händern wird zum Welt Händeeincremetag thematisiert. Bis dahin lautet die Aufgabe für die Bürgerferkel mehr Bakterien durch Händewaschen zu vernichten als durch das anschließende Händeeincremen wieder produziert werden.

Wer die Aufgabe löst erhält vom Bayerischen Rundfunk vermutlich das Zertifikat, öffentlich-rechtlich zertifizierter Händewascher, ein Zertifikat, das ihm vor allem in Parteien, Gewerkschaften und politischen Stiftungen und bis hin zum Gesundheitsministerium den Weg nach oben ebnen wird. Außerdem darf sich jeder zertifizierte Händewascher darüber freuen, dass er tote Kinder vermieden hat, denn:

„Nicht einmal jeder Dritte tut es: Händewaschen … In zahlreichen Ländern könnte es sogar Kinderleben retten.“

HitchhikerWas gibt es wichtigeres auf dieser Welt, als Kinderleben zu retten – ein Erwachsenenleben retten? Sicher nicht! – Vermutlich könnte man mehr Kinderleben retten, wenn man Zugang zu sauberem Trinkwasser sichern würde – aber lassen wir das und retten Kinderleben und mit so wenig Einsatz, einfach nur mehrmals die Hände waschen und eincremen (nicht zu heftig). Ein Kinderleben sollte uns dieses kleine Opfer und die Entwicklung vom bürgerlichen Ferkel zum öffentlich-rechtlich zertifizierten Händewascher doch wert sein – oder?

Das Gerücht, dass Douglas Adams die Idee zur Besiedlung der Erde, die oben dargestellt wurde, am Welttag des Händewaschens gekommen ist, ist übrigens falsch. Es war vermutlich der Welttag der Telefondesinfizierer.

Die Spinnen, die Franzosen – Gutmenschen und ihre Vorurteile

Langsam gehen den guten Menschen die Gruppen aus, die man benutzen kann, um sie in paternalistischer Überheblichkeit vor Diskriminierung und vermeintlichen Hassreden in Schutz nehmen zu wollen.

Frauen waren vorvorgestern.

Migranten waren vorgestern.

Homosexuelle waren gestern.

Wer kommt heute?

Na?

Die Armen!

Obelix spinnenDie Times berichtet von einer Gesetzesvorlage, für die Yannick Vaugrenard, ein französischer Sozialist, verantwortlich zeichnet. Die Gesetzesvorlage hat die ersten Hürden zum Gesetz in der französischen Nationalversammlung bereits genommen. Entsprechend droht demjenigen, der in Frankreich Arme beleidigt, der ihnen Arbeit, Unterkunft oder ärztliche Versorgung verweigert, eine Geldbuße bis 45.000 Euro (Was das für die französischen Arbeitsämter bedeutet, ist bislang noch unklar…).

Warum auch nicht?

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Arme an die Reihe kommen.

Bleibt nur zu klären, wer als arm gilt, und dann sind da noch ein paar Nebensächlichkeiten:

Ab wann ist ein Armer als beleidigt anzusehen?

Ist es eine Stereotypisierung, die als Beleidigung zu werten ist, wenn man einen Armen vor Beleidigung als Armer in Schutz nehmen will?

Wie beleidigt man eigentlich einen Armen? Was ist die spezielle Form der Armenbeleidigung? Ist „Du Armer“, eine Beleidigung?

Ab wann wird aus der Beleidigung eine Aussage über die Realität – ab Unterschreitung eines Nettoeinkommens von 1000 Euro?

Ist ein armer Arbeiter eher beleidigungsfähig als ein armer Bauer oder ein armer Sozialist? Was ist, wenn der Arme ein Migrant oder schlimmer noch: eine Frau ist? Zählt die Beleidigung dann doppelt?

Was wird aus Francois Hollande, der Arme nach Zeitungsberichten als „Zahnlose“ bezeichnet? Wie hoch ist sein Bußgeld?

Fragen über Fragen.

Und dann interessiert uns noch in Bezug auf die Armen, ob sie demnächst auch im Louvre ausgestellt werden, unter einer gemalten Brücke und in Zeitungspapier gewickelt.

Unsere Einschätzung zu all dem: Die spinnen, die Franzosen – und in bestem Asterix-Latein: Beati Pauperes Spiritu.

Reiche darf man in Frankreich übrigens gefahrlos beleidigen – Sozialisten haben ihre eigene Un-Moral.

Interessant ist aus wissenschaftlicher Sicht, wie Gutmenschen hier wieder einmal ihre eigenen Vorurteile erstens anderen unterschieben wollen und zweitens zur essentialistischen Wahrheit erklären.

Dazu ein kurzer Ausflug in die Sozialpsychologie.

Dort hat sich die Unterscheidung zwischen nützlichen Stereotypen und unnützen Vorurteilen eingebürgert:

Social psych“One way to conceptualize prejudice is as a stereotype gone awry. A stereotype can be thought of as the cognitive component of an attitude or the knowledge you have stored in memory about some group of people. Stereotypes become problematic when we generally apply them to all members of a group without regard to those individuals’ unique characteristics. Furthermore, when a stereotype contains biased and negative information about a particular group of people, the stereotype begins to look like a prejudice. Finally, when a biased negative stereotype becomes coupled with a negative affect or emotional reaction towards all (or most) people belonging to that group, a prejudice results” (Pastorino & Doyle-Portillo, 2010, S.375).

Stereotype sind demnach nützliche Shortcuts, um sich in der Realität zurechzufinden. Der Witz an einem Stereotyp ist, dass derjenige, der es an z.B. eine andere Person heranträgt, bereit ist sich zu korrigieren, wenn er bemerkt, dass seine stereotypisierte Erwartung nicht mit der Realität vereinbar ist.

Bei Vorurteilen ist dies anderes. Vorurteile sind denen, die sie haben, so wichtig, dass sie keiner Veränderung offen stehen: Sie bestehen, obwohl es in der Realität falsifizierende Beobachtungen gibt. Sie werden entgegen der Realität aufrecht erhalten.

„Prejudice cannot be explained – as stereotype can – on a cognitive basis alone; it is charged with collective emotions together with norms that are hidden behind values and taboos. It is not a tool for understanding the world, but a weapon in power and identity politics. This explains one characteristic of the prejudice: It is incorrigible. It can, on the contrary, be defined as a mental strategy to block the process of learning, which involves constant readjustment and reconstruction of preconceived ideas in the light of new experience and information. Instead of reconstructing the stereotype to accommodate the new evidence, the prejudice is constructed to block and destroy evidence. While the stereotype is adapted to the world, prejudice adapts the world to itself” (Assmann, 2009, S.9).

Das Vorurteil der Gutmenschen aus Frankreich – wie aller Gutmenschen besteht darin, dass sie das Subjekt, das sie sich für ihren Paternalismus auserkoren haben, zunächst zum unveränderlichen Objekt degradieren, dem sie dann einen Essentialismus unterstellen der Art: Einmal arm, immer arm. Arm wird also vom momentanen Zustand zur unveränderlichen Persönlichkeitseigenschaft, und da die Gutmenschen Armut negativ bewerten, übertragen sie nunmehr diese negative Bewertung auf die Armen, denn deren Persönlichkeitseigenschaft ist ja die Armut.

Die entsprechende Abneigung gegenüber Armen, die Verachtung für Arme oder für all die anderen von ihnen als schützenswert ausgewählten gesellschaftlichen Gruppen, steht hinter Vorschlägen wie dem aus Paris. Denn man muss nur Personen schützen, die man einerseits als grundsätzlich unfähig ansieht, sich selbst zu schützen und von denen man andererseits überzeugt ist, dass sie unveränderlich und für alle Zukunft in der grundlegenden Eigenschaft, die ihre Minderwertigkeit gegenüber anderen ausmacht, schutzbedürftig sind.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach auf einen Aspekt hingewiesen, den wir bislang noch gar nicht thematisiert haben, nämlich die Schaffung einer amtlichen Form von Neusprech, deren Worte und Begriffe nach Gusto einer sich zur sprachlichen Elite erklärenden Vorurteils-Gemeinschaft gestaltet sind. Erlaubt ist die Sprache, die vom amtlichen Sprachkanon umfasst ist, verboten ist und verfolgt wird die Sprache, die nicht vom amtlichen Sprachkanon umfasst ist.

problems with lordsAuf diese Weise entsteht nicht nur ein Neusprech, sondern eine Form der Sprachwelt, die die Realität ersetzen soll und von der gehofft wird, dass sie die Denkfähigkeit derer, die diesem Sprachkorsett unterworfen werden, beeinträchtigt und sie innerhalb der Welt hält, die Gutmenschen für sie vorgesehen haben. Dies ist wichtig, damit sie nicht merken, wenn sie benutzt und beleidigt werden, wie dies z.B. mit Bildungsfernen der Fall ist. Bildungsfern ist eine weitere der oben genannten essentialistischen Persönlichkeitseigenschaften, die ein Individuum nach Ansicht der Gutmenschen so definiert, dass ihm ein für alleMal die Teilhabe in der Welt der Bildungsnahen verwehrt bleibt.

Bildungsfern ist für die Gutmenschen, die diesen Begriff benutzen, einerseits eine sprudelnde Einnahmequelle, denn man muss den Bildungsfernen intensiv helfen, sie entsprechende stigmatisieren und dafür sorgen, dass sie bildungsfern bleiben. Andererseits erfüllt der Begriff „bildungsfern“ die Funktion, die die meisten Beleidigungen erfüllen, er grenzt ab. Und so kann noch der letzte Gutmensch, der das Kreuzworträtsel in seiner Tageszeitung nicht zu lösen im Stande ist, von sich denken, er sei besser als der Bildungsferne, was zeigt, dass bildungsfern nur die neue Variante im amtlichen Sprachkanon einer alten Form der Beleidigung ist: dumm.

Auch im Zuge der französischen Revolution wurde versucht, eine Neusprech für Insider zu etablieren, um diejenigen, die nicht dazugehören und entsprechend auf die Guillotine verfrachtet wurden, ausdeuten zu können. Geholfen hat es denen, die sich an die Sprachekonvention gehalten haben, wenig. Auch ihr Kopf ist früher oder später gerollt – in einer der blutigsten Politik-Orgien, die die französische Welt je gefeiert hat – bis heute. Insofern ist der Vorschlag von Yannick Vaugrenard gar nicht so verwunderlich.

Und nach so viel gutem Menschentum von links, brauchen wir erst einmal Erholung.

Der neueste Gag: Paternalismus-Steuern

Christopher Snowdon verdanken wir den Hinweis auf einen illustrious article, wie er es in feinem britischen Sarkasmus ausgedrückt hat.

Der Artikel trägt den Titel: „Calorie Offsets: Environmental Policy for the Food Environment„, ist gerade im American Journal of Public Health erschienen und wurde von Abdulrahman M. El-Sayed und Sandro Galea verfasst.

Health in all policiesIn diesem Artikel lösen die Autoren eben einmal das Problem, wie man die schnell wachsende Paternalismus-Industrie finanzieren kann.

Sie kennen die Paternalismus-Industrie?

Das sind die vielen guten Menschen, die so besorgt um Ihre Gesundheit sind, dass sie Ihnen das Essen bestimmter Speisen, das Trinken bestimmter Getränke, das Rauchen, das Naschen und vieles mehr verbieten wollen – weil es für Sie gut ist. Statt fett sollen Sie fit werden, jeden Tag ein Dauerlauf von 30 Minuten vor dem Brennnessel-Saft zum Frühstück und jeden Abend, vor dem zu Bett gehen, 45 Minuten Gymnastik.

Das hält fit, vermeidet, dass sie der Krankenkasse zur Last fallen, reduziert ihre Konfektionsgröße und, wichtiger noch: Versorgt die guten Menschen mit einem regelmäßigen Einkommen, denn auch gute Menschen müssen leben, gut leben.

Das rasante Wachstum der Paternalismus-Industrie hat nun zu einem Engpass geführt: Es gibt einfach nicht genug staatliche Zuwendungen an diejenigen, die sich um die Kleidergröße anderer kümmern wollen, als dass es möglich wäre, all die Berater des täglichen Lebens, die vom Zähneputzen bis zum Abendessen darüber wachen, dass Sie sich auch richtig verhalten, also richtig nach Meinung der Berater, zu finanzieren.

Das war bislang ein Problem. Arbeitslosigkeit drohte selbst den guten Menschen, die die Paternalismus-Industrie bevölkern.

Die Gefahr scheint gebannt.

El-Sayed und Galea haben die Lösung.

Da man nicht etwa deshalb dick wird, weil man z.B. zuviel Süssigkeiten und Fette und Alkohol zu sich nimmt (und nicht mehr rauchen darf) und weil man Süssigkeiten, Fette und Alkohol nicht einfach verbieten kann, obwohl man es gerne würde, deshalb haben sich die beiden Ärzte aus den USA etwas Besonderes ausgedacht: Eine Ausgleichszahlung für die Unternehmen, die Fettmacher herstellen und deshalb nach Ansicht der Ärzte für die endemisch um sich greifende Adipositas verantwortlich sind.

Um diese Adipositas Ausgleichszahlung argumentieren zu können, haben El-Sayed und Galea eben einmal den freien Willen von Menschen weggekürzt und sich und uns alle zu fresswilligen Manipulationsopfern der Zucker-, Alkohol- und Fettindustrie erklärt. Wenn Sie gerade einen Marsriegel in den Mund stecken wollen: Denken Sie zweimal. Das machen Sie nicht, weil der Marsriegel schmeckt, sondern weil Mars-Viersen sie mit aggressiver Werbung dazu verleitet hat.

Nanny state 3Das jedenfalls glauben El-Sayed und Galea, die es schaffen, in einem Beitrag von zwei Seiten die menschliche Entwicklung weit hinter die Aufklärung zurückzuwerfen und uns alle zu Deppen zu erklären. Beides ist jedoch notwendig, denn die Lösung für die Adipositas-Epidemie, die El-Sayed und Galea verkaufen wollen, braucht die Bösewichte der Industrie, die die Deppen zum Fressen verleiten, auf dass sie aufgehen wie ein Hefeklops.

Die Lösung besteht darin, dass die als Adipositas-Bösewicht identifizierten Unternehmen Projekte, die der Adipositas vorbeugen wollen, die z.B. Essberatung und Kochkurse umfassen, finanzieren sollen, kurz: Sie sollen die Paternalismus-Industrie finanzieren und die Gefahr der Arbeitslosigkeit der vielen Helfer und ihrer Helfers-Helfer beseitigen.

Fast genial die Idee, hätte sie nicht den Schönheitsfehler, dass Dicke, die es langsam satt haben, von einer Beratungs-Mafia verfolgt zu werden, auf die Idee kommen könnten, eine Beratungs-Ausgleichzahlung zu fordern, zahlbar von all denen, die in der Paternalismus-Industrie tätig sind. Verwendungszweck: Kauf von Snickers, Mars, Cadbury-Riegeln, Coca und Pepsi Cola in zwei Liter Flaschen, Fertiggerichte aller Art und alles wird einmal im Monat in einem Adipositas-Festival bei McDonalds im Binge-Essen und -Trinken niedergemacht.

Pseudo-Diskussionen: Geheuchelte Bürgerbeteiligung und opportunistische Schubser

Das Markenzeichen einer Diskussion über ein Thema besteht darin, dass zu Beginn der Diskussion nicht feststeht, was das Ergebnis der Diskussion sein wird. Deshalb ist eine Diskussion ein Austausch von Argumenten mit dem Ziel, das beste Argument, das am besten belegte Argument, das am besten mit Fakten belegte Argument zu finden und sich auf dieses Argument zu einigen.

discussionPseudo-Diskussionen sind Diskussionen, deren Ergebnis bereits im Vorfeld feststeht. Pseudo-Diskussionen sind inszenierte Diskussionen, mit denen den Adressaten das Gefühl gegeben werden soll, sie hätten etwas mit zu entscheiden. Pseudo-Diskussionen sind Formen der Persuasion, die eingesetzt werden, um durchzusetzen, was man sowieso beabsichtigt hat, dabei aber so zu tun, als wären Dritte an der Entscheidungsfindung beteiligt worden. Pseudo-Diskussionen werden immer häufiger Bestandteil der öffentlichen Inszenierung von Demokratie, wenn es z.B. darum geht, Anwohnern das Gefühlt zu geben, sie wären an der längst getroffenen Entscheidung, Windräder an die Stelle von Wald zu setzen, in irgend einer Weise beteiligt worden.

„Nudging: Die Kunst der Entscheidungshilfe, so lautet der Titel einer Veranstaltung, die das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz gerade durchgeführt hat. Dabei ging es um:

[d]ie Idee des „Nudgings“ und die Frage, ob das Konzept des kleinen „Schubsers“ in die vermeintlich richtige Richtung auch in der deutschen Verbraucherpolitik Erfolg haben kann…“.

Spannend ist hier das „vermeintlich“, das dem Autor der Pressemeldung in den Text gerutscht ist. Bei dieser Pseudo-Diskussion sollten die folgenden Fragen beantwortet werden, und zwar von dem Pseudo-Wissenschaftler und Handelsreisenden in Sachen Nudging Cass Sunstein und Heiko Maas, der scheinbar seine Märchenwoche noch nicht abgeschlossen hat:

„Ist Nudging nicht undemokratisch? Warum tut sich Deutschland so schwer mit Nudging? Wann eignen sich Nudges besonders gut? Wie unterscheidet man gute von schlechten Nudges?“

no discussionAngeblich wird also darüber diskutiert, ob die „Kunst der Entscheidungshilfe“, ein unglaublicher Euphemismus, undemokratisch ist, was eigentlich keine Frage ist, denn Deutschland tut sich „schwer mit Nudging“, wobei sich „Nudges“ doch besonder gut eignen und man sogar „gute von schlechten Nudges“ unterscheiden kann.

Glaubt wirklich jemand, hier würde grundsätzlich über die Frage, ob ge-nudged werden soll/darf oder nicht, diskutiert?

Zunächst zum Nudging:

Nudging fusst auf einem grundsätzlichen Missverständnis. In den 1970er Jahren haben Amos Tversky und Daniel Kahneman gezeigt, dass das tatsächliche Verhalten von Menschen von den Modellannahmen eines rationalen Akteurs abweicht. Im Modell das rationalen Akteurs wird angenommen, dass immer die Handlungsalternative gewählt wird, die unter gegebenen Bedingungen mit dem größten Nutzen verbunden ist – wobei die Alternative erreichbar sein muss und gegen anderen Alternativen abgewogen worden sein muss.

Die meisten Menschen machen das nicht. Das ist nichts Neues, war auch nichts Neues, als Tversky und Kahneman ihre Studie veröffentlicht haben. Max Weber hat schon Anfang des 20. Jahrhunderts darauf verwiesen, dass nur die wenigsten Handlungen zweckrational sind. Tversky und Kahneman haben nun zum ersten Mal gezeigt, dass die Handlungen, die Menschen wie Sie oder wir in bestimmten Situationen ausführen, sehr stark vom Modell des objektiv rationalen Akteurs abweichen.

Das „objektiv“ ist hier der entscheidende Punkt: Es bezieht sich auf die rationale Entscheidung, die ein informierter und der rationalen Entscheidung kundiger Beobachter getroffen hätte, einer wie Cass Sunstein versteht sich. Wenn Sie also die Wahl haben, zwischen Gammelfleisch und vegetarischer Kost, dann erwartet ein objektiver Beobachter, dass Sie vegetarische Kost zu sich nehmen. Wenn Sie die Wahl haben zwischen einem überteuerten Designerhemd und einem identischen, aber deutlich billigeren Noname-Hemd, dann erwartet ein objektiver Beobachter, dass Sie das billige Noname-Hemd kaufen.

Und genau das tun viele nicht – weil sie, aus Sicht des objektiven Beobachters falsche Heuristiken benutzen, um sich im täglichen Leben zurecht zu finden. Und das will Cass Sunstein ändern. Durch: Nudgen, Schubsen in Deutsch. Und damit hat er die Herzen der Politiker, die ihre Aufgabe darin sehen, die dummen Wähler, denen sie ihr Amt verdanken, zu erziehen, im Sturm erobert.

Nudgen für den guten Zweck wird bereits als „Kunst der Entscheidungshilfe“ verkauft, die Sie oder uns in die richtige, die wie es im Text so verräterisch heißt „gute“ Richtung schubsen soll. Dumm an Begriffen wie „gut“ ist, dass das, was gut sein soll, bestimmt werden muss, was voraussetzt, dass ein gutes Endziel bestimmt wird, auf das hin Gutes getan werden soll.

In einer Demokratie würde man eigentlich erwarten, dass eine Diskussion darüber stattfindet, was als „gut“ gelten soll. Im Zeitalter des Schubsens tritt an die Stelle der Diskussion das Dekret der Politiker, die vorgeben, was als gut zu gelten hat.

Nehmen wir z.B. Organspende. Organspende ist gut. Warum? Weil Organspende gelebte Solidarität ist, wie ein deutscher Minister einmal festgestellt hat, obwohl Organspende in der Regel post-hume Solidarität ist. Es ist eine Solidarität, die einen altruistischen Spender vorsieht, einen dankbaren Empfänger und dazwischen eine große Zahl von Personen, die mit dem Organhandel, dem Ausweiden von Spendern und dem Einsetzen von Recycling-Ware in Aufnehmer, viel, sehr viel Geld verdienen – natürlich im Dienste der Nächsten und auf Grundlagen eigener Solidarität – nicht, um die eigene Villa zu finanzieren.

Nehmen wir weiter an, Manche Deutsche wollen einfach nicht einsehen, dass Organspende „gut“ ist, dass es gut ist, seine Niere zu geben, seine Leber, seine Augen, was immer verwendbar ist….

Wenn manche Deutsche also widerspenstig sind und einfach nichts Gutes tun wollen mit ihren Organen, dann muss man sie schubsen, in dem man die Organspende obligatorisch macht und nur denen erlaubt, keine Organe zu spenden, die dies explizit und im Beisein eines Vasallen des Staates erklären. Und schon hat man viele Menschen glücklich gemacht und viele in die richtige, die gute Richtung geschubst.

Die Möglichkeiten, die sich für Politiker durch das Schubsen zum Guten auftun, sind immens: Fehlverhalten, also solche, die von Politikern als nicht gut befunden werden (dazu gehören nachweislich keine Kinderpornos auf Dienstcomputern), werden durch Schubsen in die richtige Richtung korrigiert, was in der Regel eine Verteuerung bedeuten wird: (noch höhere) Steuern auf Zucker, Steuern auf Alkohol, Steuern auf Tabak, Steuern auf Nichtbewegung, obligatorische Bewegungskurse, morgens um 8 auf dem Dorfplatz, weil Bewegung gesund ist und viele sich einfach nicht genug bewegen wollen, obligatorische Teilnahme an „Feminismus ist gut“-Veranstaltungen, weil Feminismus gut ist und es immer noch welche gibt, die das nicht einsehen wollen und und und.

Schubsen in den Totalitarismus, so lange, bis die Herumgeschubsten gar nicht mehr wissen, was eine unabhängige, eine autonome Existenz ist.

Doch zurück zur angeblichen Diskussion im Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Warum handelt es sich dabei um eine Pseudo-Diskussion? Die Frage ist einfach zu beantworten, und zwar durch Verweis auf eine der Fragen, die durch Heiko Maas und Cass Sunstein vom Tisch gewischt werden sollen: „Ist Nudging nicht undemokratisch?“ Schon die Art, die Frage zu stellen, ist verräterisch: Da gibt es tatsächlich welche, die nicht auf der Höhe der Zeit sind, ewiggestrige Rechte, die denken, Nudging sei undemokratisch. Kann man so blöd sein?

Die erste Frage die sich aufdrängt ist: Wer schubst wen?

Offensichtlich sind Politiker der Meinung, sie schubsen ihre Bevölkerung. War es in Demokratien nicht umgekehrt, waren nicht die Wähler die Souveräne und die Politiker die Repräsentanten? Wie können Politiker dann Wähler schubsen wollen?

Stellen wir uns vor, Karl T. raucht und ist überzeugter Misanthrop, Organspende kommt für ihn nicht in Frage und nichtrauchen auch nicht. Haben Politiker das Recht, ihn nun in Richtung Organspende zu schubsen und zum Nichtraucher zu konvertieren? Oder ist seine Wahl zu respektieren? Offensichtlich sieht eine Demokratie vor, die Wahl von Individuen zu akzeptieren. Die Selbstbestimmung ist ein zentraler Wert in Demokratien, Schubsen ist nicht mit Selbstbestimmung zu vereinbaren.

Schließlich: Was ist der Endzustand, der mit dem „guten Schubsen“ erreicht werden soll? Offensichtlich kann der Endzustand nur ein kollektives Gutes sein, was notwendig zur Folge hat, dass individuelle Interessen zu Gunsten des kollektiven Guten geopfert werden. Das zeigt deutlich, dass Schubsen nichts anderes als ein totalitäres Instrument zur Beseitigung individueller Freiheit ist.

Die Pseudo-Diskussion um das Schubsen dient also einzig dazu, das Geschubse, das folgen wird, zu legitimieren und dazu, behaupten zu können, man habe darüber, ob geschubst werden soll, ja schließlich diskutiert, so wie man es derzeit praktiziert, wenn Bürgern in entsprechenden Veranstaltungen erklärt wird, warum sie Windenergie oder sonstige Spleens, die Politiker auf die Kosten der Bürger umsetzen wollen, zu schlucken haben.

Wie kann man Politikern ihrer Freude an der Volkserziehung, die heute Volksschubsen heißt, vergällen?

Wie wäre es, wir schubsen zurück:

true powerViele ökonomische Untersuchungen (und Schubsen kommt zumindest aus einem Randbereich der Ökonomie) haben gezeigt, dass Menschen dazu tendieren, opportunistisch zu handeln, also ihren Vorteil über z.B. einen vereinbarten Vertrag zu stellen. Politiker sind Menschen und schließen mit ihren Wählern einen Vertrag, den man gemeinhin als Parteiprogramm bezeichnet. Um auszuschließen, dass Politiker ihren eigenen Vorteil über den Vertrag mit ihren Wählern stellen, schlagen wir folgendes Schubsen vor: Die Honorierung von Politikern erfolgt auf Darlehensbasis. Zum Ende eines Jahres legt jeder Politiker einen Rechenschaftsbericht vor, und im Internet findet unter den Wählern, die sich in seinem Wahlkreis befinden, eine Abstimmung darüber statt, ob seine Leistung die Gewährung des gesamten Honorars, eines Teil oder gar kein Honorar rechtfertigt. Je nach Ergebnis der Abstimmung, muss der Politiker sein Honorar zurückzahlen oder kann es (zum Teil) behalten.

Oder wie wäre es damit:

Damit Politiker keine unverantwortlichen Entscheidungen im Bundestag treffen, werden per Zufallsauswahl fünf Gesetze einer Legislaturperiode ausgewählt und es wird geprüft, wer von dem Gesetz profitiert, welche positiven und negativen Folgen davon ausgehen. Ergeben sich mehr negative als positive Folgen, so haften die Abgeordneten gemeinsam für die entstandenen Kosten. Sie haben ein Jahr Zeit, um aus den Kosten einen Nutzen zu machen. Gelingt ihnen das nicht, werden die Zuwendungen an die Parteien um den entstandenen Schaden reduziert.

Wer eigene Vorschläge machen will, um Politikern das Schubsen zu vergällen, die Kommentarfunktion ist wie immer offen.