Unsinn der Woche: Darmstädter Wortfetischisten in Aktion

Jedes Jahr trifft sich ein Häuflein von Wortfetischisten, um das Unwort des Jahres zu küren. Das Unterfangen, an dem eine Reihe von Wissenschaftlern oder vielmehr Positionsinhabern an Universitäten beteiligt sind, soll “auf öffentliche Sprachgebrauchsweisen aufmerksam machen und dadurch das Sprachbewusstsein in der Bevölkerung fördern. Sie lenkt den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen, um damit zu sprachkritischer Reflexion aufzufordern”.

Im Jahr 2012 hat es nun drei Worte getroffen, die das Missfallen der Jury aus “vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten” sowie von Dr. Heiner Geißler erregt haben: Döner-Morde, Gutmensch und marktkonforme Demokratie. Döner-Morde, so die Kommission, stelle eine sachlich unangemessene, folkloristisch-stereotype Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie” dar und grenze “ganze Bevölkerungsgruppen aus”. Gutmensch, so die Jury, greife vor allem in Internetforen das ethische Ideal des ‘guten Menschen’ in hämischer Weise auf und “marktkonforme Demokratie” relativiere das Prinzip, nachdem die Demokratie eine absolute Norm sei in unzulässiger Weise.

Es ist schon erstaunlich, dass Positionsinhaber an Universitäten zum einen davon ausgehen, Begriffe seien ewige Entitäten, deren Bedeutung ein und für alle Mal im heiligen Buch der deutschen Sprache eingepunzt sei und noch erstaunlicher ist die Unverschämtheit, mit der sich die Mitglieder der Jury nicht nur die vollumfassende Kenntnis über die richtige Verwendung von Begriffen anmaßen, sondern auch der Überzeugung sind, sie hätten die Moral mit Löffeln gefressen und dürften deshalb ihr Unverdautes anderen vorsetzen.

Eigentlich ist es unter Wissenschaftlern feststehendes Wissen, dass Worte oder Begriffe keine Entitäten sind, die im luftleeren, ewigen Raum bestehen und in ihrer Bedeutung unabänderlich sind, Begriffe sind Beschreibungen für Konzepte, die sich in der Zeit ändern können. So hat das, was früher mit dem Begriff “Schlitzohr” bezeichnet wurde, sich in der Zwischenzeit erheblich gewandelt, und aus dem unehrenhaft aus der Zunft entlassenen Handwerksburschen ist zwischenzeitlich fast ein bewunderter Trickster geworden. Aber, man soll starre Geister wie diejenigen, die sich in der Unwort-Jury versammelt haben, nicht mit Begriffsdynamiken überfordern. Entsprechend wechsle ich nunmehr von der formalen auf die inhaltliche Ebene.

Die Jury-Mitglieder denken bei Döner-Morden offensichtlich sofort an Türken, was voraussetzt, dass sie in erheblicher Weise das tun, was sie anderen vorwerfen: Stereotypisieren, wenn sie nicht gar dem Vorurteil aufsitzen, dass Döner vornehmlich von Türken betrieben und besucht werden. Nun, hätten die Jury-Mitglieder
jemals den Italiener gegen die Dönerbude getauscht, sie hätten bemerkt, die Kundschaft ist in erster Linie deutscher Abstammung, und entsprechend hätte ihnen beim Begriff “Döner-Morde” nicht unbedingt einfallen müssen, dass damit eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet wird (die sie sich zu benennen nicht trauen). Übrigens ist es überraschend, dass die Sprachreinheitsapostel Dönerbuden immer noch mit einer benennbaren Bevölkerungsgruppe in Verbindung bringen, die nicht deutsch, sondern fremd ist. Sicherlich sind gute Menschen wie die Jury-Mitglieder doch der Ansicht, dass Migranten, die sich seit Jahrzehnten in Deutschland aufhalten, die in vielen Fällen in Deutschland geboren sind, keine von der eigentlichen Bevölkerung getrennte “Bevölkerungsgruppe” darstellen.

Nun zu den Gutmenschen. Wie ich bereits an anderer Stelle gezeigt habe, geht der Inhalt von “Gutmensch” weit über das hinaus, was sich die Mitglieder der Jury in ihrer kleinen Welt so alles vorstellen können. Dass die Bezeichnung Gutmensch das Ideal des guten Menschen in hämischer Weise aufgreife, ist genau nicht der Inhalt von Gutmensch. Gutmensch richtet sich vielmehr gegen Menschen, die andere missionieren, sie mit ihrer eigenen Gutheit verfolgen wollen, Menschen wie die Jurymitglieder, die zum korrekten Sprachgebrauch bekehren wollen, nicht etwa zum  grammatikalisch korrekten Sprachgebrauch, wie man es von Sprachwissenschatlern, auch von -Innen erwarten würde, sondern zu dem, was aus Jurysicht der ideologisch erwünschte Sprachgebrauch ist.

Und dass “marktkonforme Demokratie” die absolute Norm der Demokratie relativiert, ist für mich der Schocker unter den Begründungen. Eine Demokratie, eine sich ständig verändernde Staatsverfassung als “absolute Norm” zu bezeichnen und damit gegen jede Kritik und Verbesserung zu immunisieren, ist blanker Totalitarismus. Wer in seinem Denken nicht in der Lage ist, Veränderung und Wandel als etwas Notwendiges anzusehen und denkt, man könne den heiligen Kern der Demokratie gegen die sich wandelnde Umgebung bewahren, der hat entweder zu keinem Zeitpunkt verstanden, dass es gerade die Anpassungsfähigkeit ist, die eine Demokratie vom Totalitarismus unterscheidet, oder er ist eine autoritäre Persönlichkeit, die nach festem und unverrückbarem Halt sucht und entsprechend zu keinem Zeitpunkt Hort demokratischer Ideale war.

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10 Responses to Unsinn der Woche: Darmstädter Wortfetischisten in Aktion

  1. Ramona Kuhla says:

    Es sind keine Sprachfetischisten, sondern es ist natürlich, dass unsere Sprache eine gewisse Säubernis benötigt, d.h. denglisch und unangemessene Wortgebilde herausfiltern muss. Ich finde es auch absolut normal, wenn Dönerbuden kritisiert werden. Wenn Sie als Vergleich die italienische Kultur benennen, so muss einfach auch genannt werden, dass die italienische Lebensart sich nicht so sehr von unserer unterscheidet. Die muslimische dagegen hat nichts mit uns zu tun. auch Demokratie braucht m.E. Regeln und Authorität. Als Gutmensch bezeichne ich all die Bürger, die dem Mainstream und dem gedankenlosen Gebrauch von Sprache und Handlungen folgen. Es ist richtig, dass wir uns kaum trauen, Ethnien namentlech zu benennen: Juden, Neger, Türke. Das finde ich bedenklich, ja sogar gefährlich.
    Dieses mangelnde Selbstbewusstsein haben wir genau diesen Gutmenschen zu verdanken, die Demokratie mit Toleranz verwechseln. Zum Selbstbewusstsein gehört auch “unsere” Sprache. Da sind uns die Franzosen voraus.
    Als Mitglied des Vereins deutscher Sprache in Darmstadt habe ich die Freiheit des Denkens und des Handelns, frei nach Voltaire “ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, werde aber alles dafür tun, damit Sie diese Meinung äußern dürfen”.
    Ich kritisiere Sie daher: lassen Sie die Belehrung und Bekehrung anderen Bürgern und vor allem die lächerliche Darstellung von Menschen, die sich um die deutsche Sprache bemühen.

    • Das ist wirklich starker Tobak und ich will Ihnen zu Gute halten, dass Sie sich offensichtlich über meinen Beitrag geärgert haben und im entsprechenden Affekt reagieren. Dennoch kann ich vieles so nicht stehen lassen:

      (1) Wenn Sie von der “Sauberkeit der Sprache” reden, dann haben Sie sicher auch eine Vorstellung davon, wer festlegt, was eine saubere Sprache ist und wer für die Sauberkaut der Sprache sorgt, und mit dieser Vorstellung haben Sie bereits beide Füsse im Totalitarismus, denn damit geht nun einmal einher, dass man eine unverrückbare, ewig gültige Norm definiert und anderen zum Fressen vorsetzt, und ich vermute, Sie nehmen auch in Anspruch, dass natürlich Sie es sind, der die Norm setzen muss, kann, darf. Warum Sie das für sich in Anspruch nehmen, ist mir allerdings nicht nachvollziehbar.

      (2) Ich glaube nicht, dass sie vor allem im Süden Italiens viele Italiener finden werden, die der Ansicht sind, die eigene “Lebensart” unterscheide sich nicht sonderlich von der deutschen Lebensart. Im übrigen finde ich Ihre Patronalisierung von Italienern nicht unbedingt schmeichelhaft für letztere.

      (3) Weder Juden noch Neger sind Ethnien. Juden sind eine Religionsgemeinschaft und Neger sind Menschen schwarzer Hautfarbe, mehr nicht.

      (4) Selbstbewusstsein kann nur eine Person haben. Es speist sich aus Leistung. Sprache an sich, ist keine besondere Leistung, denn Sprache kann fast jeder lernen. Sprache zu einem Kollektivgut zu stilisieren, wie Sie das tun und Sprache gleich noch eine nationale Qualität zuzuschreiben, ist abstrus, wenn man bedenkt, dass der Zweck von Sprache darin besteht, sich verständlich zu machen, nicht darin, sich mit Selbstbewusstsein auszustatten. Das ist als wollte man dem aufrechten Gang eine besondere Bedeutung zuweisen.

      (5) Das Zitat von Voltaire sollten Sie sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen, denn es scheint mir dem letzten Satz Ihres Kommentars diametral zu widersprechen! Valtaires Zitat ist ein liberales Credo, das sich gegen alle richtet, die anderen kritische Aussagen oder Zweifel verbieten wollen, also genau das, was Sie im letzten Satz ihres Kommentars tun.

      (6) Trinken Sie eigentlich Kaffee? Wenn ja, dann sollten Sie dieses muslimische Kulturgut schnell aus Ihrem Bestand entfernen.

  2. An sich guter Beitrag, besonders die Ausführungen zum Döner-Mord. Daß es der Gutmensch geschafft hat, liegt vermutlich an der Jury eigenem Gutmenschentum, um mich mal einer hochkultivierten Ausdrucksweise zu bedienen.

    Das kennen wir ja vom Feminismus: Es werden tausend Sachen völlig subjektivistisch in eine Wendung hineininterpretiert, die nicht notwendig damit in Verbindung stehen.

    Man könnte gehässig von Spracheugenik sprechen. Wenn z.B. Begriffe wie “Farbiger” kritisiert werden. Die ja selbst ihren Ursprung in politisch korrektem Kadavergehorsam haben. Sie kennen ja bestimmt Nadine Lantzsch. Die ist eigentlich ein perfekter Nazi.

    Es sind halt linke Nazis, progressive Nazis. Es gibt nicht nur konservative Pathologien, sondern eben auch progressive. Wir erleben heute sozusagen ein zweites 68, das sich dieser progressiven Pathologien annimmt. Ein schlimmer “Rollback”.

    Ich muß Ihnen aber in bezug auf “marktkonforme Demokratie” widersprechen. Sie verwechseln hier die Demokratie als politischen Rahmen, als tatsächliche absolute Norm, mit den sich wandelnden politischen Inhalten und Gesetzesbestimmungen. Der absolute Rahmen Demokratie wird hier aber nicht berührt, höchstens leicht abgewandelt bzw. verbessert (direkte Demokratie), ohne aber den Rahmen als solchen infrage zu stellen.

    Das einzige Unwort ist tatsächlich marktkonforme Demokratie. Ähnlich wie Entlassungsproduktivität. Es ist kein Zufall, daß diese Unworte aus dem ökonomischen Bereich kommen. Unser Ökonomismus wird zu recht kritisiert und ist tatsächlich pathologisch.

    Ich finde die Unwortkür an sich eine gute Sache.

    PS:

    „marktkonforme Demokratie“ relativiere das Prinzip, nach dem die Demokratie eine absolute Norm sei in unzulässiger Weise.

    Das ist natürlich auch eine dämliche und herrliche Ausdrucksweise. Wahrscheinlich kann man dieses Prinzip auch in zulässiger Weise relativieren. Ziemlich gestelzte, sterile Sprache. Warum sagen sie nicht, daß sich die Demokratie nicht für den Markt prostituieren darf?

    Vermutlich weil dann die ehrenvolle Arbeit eines beträchtlichen Teils von Frauen in menschenverachtender Weise verunglimpft wird.

    Also Vorsicht mit der Verwendung von Wörtern!

    • “Ich muß Ihnen aber in bezug auf „marktkonforme Demokratie“ widersprechen. Sie verwechseln hier die Demokratie als politischen Rahmen, als tatsächliche absolute Norm, mit den sich wandelnden politischen Inhalten und Gesetzesbestimmungen. Der absolute Rahmen Demokratie wird hier aber nicht berührt, höchstens leicht abgewandelt bzw. verbessert (direkte Demokratie), ohne aber den Rahmen als solchen infrage zu stellen.

      Das einzige Unwort ist tatsächlich marktkonforme Demokratie. Ähnlich wie Entlassungsproduktivität. Es ist kein Zufall, daß diese Unworte aus dem ökonomischen Bereich kommen. Unser Ökonomismus wird zu recht kritisiert und ist tatsächlich pathologisch.”

      Das ist eine interessante Unterscheidung, die Sie da machen. Das erinnert mich irgendwie an den deutschen Idealismus, etwas Vorgestelltes schwebt über allem, als hehres Prinzip und dann gibt es nocht die krude Wirklichkeit, die vom Ideal abweicht. Das halte ich für deutschen Schwulst, denn selbst wenn etwas im luftleeren Raum schwebt, welche Relevanz hat es für das tägliche Leben? Dass die Demokratie die Beteiligung von Bürgern verlangt, nutzt wenig, wenn keine Volksabstimmung zu welchem Thema auch immer stattfindet – oder? Derart romantizierende Vorstellungen über eine schöne heile Welt im Jenseits oder im Weltall löst nicht nur keine Probleme, sie macht den Missbrauch im Dieseits, den man ja immer mit Verweis auf die hehren Ideale rechtfertigen kann, salonfähig. Das ist logisch, würde Mr. Spock jetzt vermutlich ergänzen.

      Zum “Ökonomismus” habe ich eine Frage: Ist nicht das Wirtschaften die Grundlage der Existenz, seit es aufgehört hat, Manna vom Himmel zu regnen? Wenn Wirtschaften die Grundlage aller Existenz ist, dann sollten wir langsam damit aufhören, es zum extra-sozialen Bereich zu stempeln, denn alles Soziale hat seine Grundlage im Ökonomischen.

  3. Pingback: Unsinn der Woche: Die „WIE“ « Kritische Wissenschaft – critical science

  4. @Michael Klein

    Ich verstehe Ihre Antwort nicht wirklich. Was genau kritisieren Sie?

    Ich bin der Meinung, daß es eine unmenschliche Ökonomisierung des Lebens gibt, in der soziale und ökologische Aspekte vernachlässigt werden. Es geschieht eine teils extreme Kostenexternalisierung, nur um um jeden Preis Profit zu erwirtschaften.

    Deshalb Ökonomismus. Dies ändert nichts daran, daß die Ökonomie eine der Grundlagen unseres Lebens ist. Es gibt auch andere Grundlagen wie das soziale Miteinander, ohne welches wiederum die Ökonomie nicht wirklich funktionieren würde. Eine Unterteilung und Hierarchisierung ist weltfremd. Die verschiedenen Apekte bilden eine Ganzheit.

    Ich kann gerne auf den materiellen Überfluß, das Übermaß an Risiko und Innovationsgeschwindigkeit, die pathologische Leistungs- und Konkurrenzorientierung, die psychische Umweltverschmutzung durch Werbung in unserer Ökonomie verzichten.

    Diese pathologische Qualität unserer Ökonomie tritt sehr deutlich in den letzten Krisen zutage.

    • Ich teile Ihre Ansicht über die Auswüchse in Werbung und zum Teil auch im Hinblick auf die Kostenexternalisierung, aber nur insoweit als ich diese beiden Probleme als ein Resultat der Abkehr von einer Gewinnmaximierung und somit als eine Abkehr vom Ziel des effizienten Wirtschaftens sehe – als Ergebnis einer Verbetriebswirtschaftlichung der Unternehmensführung, die zu einer Legion von Büchern geführt hat, in denen auch noch die letzte Selbstverständlichkeit hinterfragt wird und zum “Kommunikationsproblem” stilisiert wird.

      Wo sehen Sie denn eine pathologisierte Leistungs- und Konkurrenzorientiertung. Wenn ich überhaupt etwas in dieser Hinsicht erkennen kann, dann eine Erosion der Leistungsidee, wie sie in den ganzen Gleichmachungsansätzen z.B. im Staatsfeminismus zum Ausdruck kommt.

      Eine Ökonomisierung des Lebens kann es nach meiner Philosophie nicht geben, da alles Leben Ökonomie ist. Soziale Kompetenz ist ein Ergebnis davon. Sie sind deshalb nett zu ihrem Bäcker, weil Sie etwas von ihm wollen, nicht weil es Ihnen ein Bedürfnis ist, nett zu Ihrem Bäcker zu sein. Insofern ist die Hierarchisierung, die Sie ablehnen, aus meiner Sicht die Grundlage allen Zusammenlebens. Das sehen Sie ganz deutlich da, wo Menschen durch den Sozialstaat von der Notwendig entbunden werden, sich sozial anderen gegenüber zu verhalten. Warum soll z.B. eine Alleinerziehende ihre Kinder erziehen und zur Ordnung und Ruhe in der Öffentlichkeit anhalten, wenn sie keinerlei SOZIALE Sanktionen zu erwarten hat, da die ökonomische Basis der entsprechenden sozialen Sanktionen durch den Wohlfahrtsstaat beseitigt wurde?

  5. Sie sind deshalb nett zu ihrem Bäcker, weil Sie etwas von ihm wollen, nicht weil es Ihnen ein Bedürfnis ist, nett zu Ihrem Bäcker zu sein. Insofern ist die Hierarchisierung, die Sie ablehnen, aus meiner Sicht die Grundlage allen Zusammenlebens.

    Ich bin nett zu anderen Menschen, wenn ich sie sympathisch finde, sie seit längerem kenne etc., nicht weil ich etwas von ihnen will. Das bekomme ich auch, wenn ich unfreundlich bin, zumindest bei Marktverhältnissen.

    Sie betrachten die Dinge meiner Meinung nach zu abstrakt und losgelöst von der emotionalen Erfahrung.

    Sehen Sie denn nicht die Virtualisierung des Wirtschaftslebens auf den Finanzmärkten? Das pathologische Eingehen von Risiken seitens der Banken, aber auch der Verbraucher als Hauskäufer? Man nennt es schlicht Gier. Es geht mir nicht um die Wirtschaftsordnung, sondern um pathologisches, inhumanes Verhalten in ihr.

    Rücksichtslosigkeit, Materialismus, maßloses Profit- und Geltungsstreben. Dies alles kann man ohne Probleme finden. Deshalb Ökonomisierung, Ökonomismus. Ich bin nicht der Meinung, daß alle Bereiche der Gesellschaft strikten Marktgesetzen unterworfen werden sollten.

    Lustiges Bonmot: Marktismus statt Marxismus.

    Ich lehne einen Wirtschaftsliberalismus ab und favorisiere die soziale Marktwirtschaft. Also eine Eingrenzung und Regulierung der Marktgesetze.

    Das sehen Sie ganz deutlich da, wo Menschen durch den Sozialstaat von der Notwendig entbunden werden, sich sozial anderen gegenüber zu verhalten. Warum soll z.B. eine Alleinerziehende ihre Kinder erziehen und zur Ordnung und Ruhe in der Öffentlichkeit anhalten, wenn sie keinerlei SOZIALE Sanktionen zu erwarten hat, da die ökonomische Basis der entsprechenden sozialen Sanktionen durch den Wohlfahrtsstaat beseitigt wurde?

    Woher nehmen Sie die Gewißheit, daß zwischen Sozialstaat und mangelndem sozialen Verhalten ein zwingender Zusammenhang besteht? Der Zusammenhang mit der alleinerziehenden Mutter ist offensichtlich konstruiert. Was sind denn das für soziale Sanktionen, wenn sie ihre Kinder nicht zu sozialem Verhalten animiert, aber berufstätig ist und ordentlich Geld verdient?

    Es tut mir leid, aber das sind die üblichen Konstruktionen, die getätigt werden, wenn man ein bestimmtes Weltbild – in diesem Fall den Marktliberalismus – nicht infrage stellen möchte.

    Es geht nicht um den Markt, sondern um die konkrete Anordnung desselbigen. Ob er sozial eingehegt ist oder nicht.

    Vertrauen und Unterstützung sollten die Basis unseres Zusammenlebens sein, kein unbarmherziges und gnadenloses Konkurrenzstreben, das man mit schönen Worten wie Leistung, Freiheit und Wettbewerb bemänteln kann.

    Natürlich wird dies nicht von heute auf morgen so entstehen, wie ich es hier schreibe. Das ist ein sehr langsamer Prozeß, bis man merkt, daß alle am besten fahren, je mehr man sich hilft, kooperiert und einander vertraut. (Diesen Prozeß sehen Sie übrigens auch in den internationalen Beziehungen der Länder.)

    Nehmen Sie’s mit Humor. Ich setze Sie jetzt schon mal davon in Kenntnis, daß diese Entwicklung in jedem Fall stattfinden wird. Es ist nur eine Frage der Zeit.

    Wenn man sich die letzten 150 Jahre anschaut, so ist eine konsequente Regulierung und Humanisierung des Marktes am Gange (Sozialgesetze, Gewerkschaften, Umweltgesetze). Und das wird auch so weitergehen. (Zerschlagung und Regulierung von Großbanken, Finanztransaktionssteuer usw.)

    Wir brauchen also nicht auf Karl Marx zurückzugreifen. Das geht auch so.

    Es bringt nichts, einer Ideologie des Nicht-Marktes (Kommunismus) eine Ideologie des totalen Marktes entgegenzusetzen (“Freie Marktwirtschaft”, Neoliberalismus).

    • Ich bin nett zu anderen Menschen, wenn ich sie sympathisch finde, sie seit längerem kenne etc., nicht weil ich etwas von ihnen will. Das bekomme ich auch, wenn ich unfreundlich bin, zumindest bei Marktverhältnissen.

      Das ist ein Irrtum, dem viele Deutsche aufsitzen. Wenn Sie sich auf einem wirklichen Markt bewegen, dann werden Sie über kurz oder lang ohne Tauschpartner dastehen, wenn Sie nicht nett sind, denn es gibt zu viele nette Tauschpartner, die man Ihnen vorziehen kann.

      “Ich lehne einen Wirtschaftsliberalismus ab und favorisiere die soziale Marktwirtschaft. Also eine Eingrenzung und Regulierung der Marktgesetze”

      Und warum? Alle Fehlentwicklungen, auf die Sie sich beziehen, gibt es in freier, sozialer Markt- und in Planwirtschaft. Menschen, die versuchen, auf Kosten anderer einen Vorteil zu erheischen, wird es immer geben, dafür ist nicht die Wirtschaftsordnung verantwortlich. Man kann allerdings die Wirtschaftsordnung so gestalten, dass es einzelnen Akteuren schwer gemacht wird, andere auszunutzen, oder so, dass die Kosten für eine Defektion sehr hoch sind. Hier sind sowohl die soziale Marktwirtschaft als auch die Planwirtschaft der freien Marktwirtschaft unterlegen. Während in der freien Marktwirtschaft moral hazard, also das Ausnutzen von anderen, z.B. dadurch, dass niemand so blöd ist, sich zweimal ausnutzen zu lassen oder dadurch, dass Unternehmen, die sich verkalkuliert haben, Pleite gehen, vergibt die soziale Marktwirtschaft Privilegien fürs Wohlverhalten an Bauern, Kohle- und Stromproduzenten, an Anwälte, an Banker, an Frauen uvm. und sagt den entsprechenden Gruppenmitgliedern, ihr könnt’ Euch am Markt verhalten, wie ihr wollt, müsst keine Konkurrenten fürchten und wenn ihr in Probleme kommt, dann haue ich euch raus und die Planwirtschaft, naja, nichts blüht so sehr wie der Diebstahl sozialistischen Eigentums, der Mangel und die Schattenwirtschaft in der Planwirtschaft.

      Woher nehmen Sie die Gewißheit, daß zwischen Sozialstaat und mangelndem sozialen Verhalten ein zwingender Zusammenhang besteht? Der Zusammenhang mit der alleinerziehenden Mutter ist offensichtlich konstruiert. Was sind denn das für soziale Sanktionen, wenn sie ihre Kinder nicht zu sozialem Verhalten animiert, aber berufstätig ist und ordentlich Geld verdient?

      Das ist eine einfache logische Deduktion. Ein rationaler Akteur, der seine Ressourcen effizient einsetzen will, wird sich genau so lange um die Interessen seiner Nachbarn kümmern, so lange er ein Interesse an guten Beziehungen zu seinen Nachbarn hat. Wenn ein Sozialstaat die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Nachbarn voneinander aufhebt und Nachbar 1 unabhängig von Nachbar 2 ein Auskommen hat, warum soll Nachbar 1 noch einmal Rücksicht auf Nachbar 2 nehmen. Niemand hat dieses Problem besser formuliert wie Sie selbst:

      Ich bin nett zu anderen Menschen, wenn ich sie sympathisch finde

      Das genau ist das Problem, eine Wirtschaft und ein Sozialgefüge funktioniert nur, wenn man auch zu denen nett ist, die man nicht sympathisch findet. Wenn Ihr Bäcker seine Brötchen nur noch an Kunden verkauft, die ihm sympathisch sind, dann wird eine große Zahl seiner Kunden nicht bedient werden.

      Darauf:

      Vertrauen und Unterstützung sollten die Basis unseres Zusammenlebens sein, kein unbarmherziges und gnadenloses Konkurrenzstreben, das man mit schönen Worten wie Leistung, Freiheit und Wettbewerb bemänteln kann.

      könnte ich jetzt Sie antworten lassen:

      Es tut mir leid, aber das sind die üblichen Konstruktionen, die getätigt werden, wenn man ein bestimmtes Weltbild – in diesem Fall den Marktliberalismus – nicht infrage stellen möchte.

      aber das hilft nicht viel weiter. Dass etwas die Basis sein soll, hilft in der Realität wenig weiter, so wenig wie die 10 Gebote vor Ehebruch schützen. Vertrauen und Unterstützung fallen nicht vom Himmel, sie müssen wachsen, und am besten wachsen Vertrauen und Unterstützung wie eine Unzahl von Studien zeigt (nicht zuletzt der von mir mehrfach zitierte Axelrod (1997)), wenn eine Austauschbeziehung zwischen zwei Partnern etabliert wird, die auf Reziprozität basiert und von der jeder von beiden weiß, was er davon hat. Womit wir zum einen wieder bei der freien Marktwirtschaft wären, denn nur hier ist ein reziproker Tausch zwischen Akteuren möglich, in den kein sozial gesinnter Staat interveniert, zum anderen bei der Erkenntnis, dass Vertrauen und Unterstützung nachgeordnet sind, so wie Ihre Nettigkeit zu anderen, ihrer Sympathie nachgeordnet ist.

  6. Pingback: Hitliste der Sprachonanie: Was ist das am häufigsten missbrauchte Wort? | Kritische Wissenschaft - critical science

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