Die Diagnose der Störung umfasst aus wissenschaftlicher Sicht vier Kategorien, an denen sich die Anamnese des Vomitismus orientieren sollte:
- Emotionale Hysteria;
- Anmaßung und Egomanie;
- übersteigerte Irrationalität;
- körperliche Ausscheidungen vor allem in der Mundgegend (bekannt als Schäumen);
Prävalenz
Vomitismus als Störung ist bislang unerforscht. Prävalenzraten liegen entsprechend noch nicht vor. Erste Schätzungen gehen von 1,5% bis 3% Vomiteuren in der Bevölkerung aus. Wie viele psychische Störungen, so sind die Opfer von Vomitismus vornehmlich in der Mittelschicht zu finden. Vor allem unter Medienschaffenden liegen die Prävalenzraten deutlich über dem vermuteten gesellschaftlichen Durchschnitt. Vomitismus in seiner gesteigerten Form wird als Ralphismus bezeichnet.
Emotionale Hysteria
Vomitismus äußert sich in einer hassgesteuerten Sprache, deren Zweck die Erniedrigung ist. Abweichungen von der eigenen Meinung oder der eigenen Lebensweise werden von Vomiteuren als bedrohlich empfunden und müssen entsprechend abgewertet werden.
Ein gutes Beispiel liefert Stefan Lauer:
„Es gibt diese Themen da draußen, von denen man zwar weiß, dass sie existieren, aber trotzdem ist man froh, dass man nicht darüber berichten muss. Unter anderem einfach deswegen, weil die Protagonisten schon von weitem wie die ärmsten Loser wirken, die man sich nur vorstellen kann. Und irgendwie ist es einem ja auch unangenehm in diese Verlierer-Biotope einzubrechen und auf der kleinen, widerlichen Welt rumzuhacken, die sich die Leute da aufgebaut haben. Lässt man sie halt lieber in ihrem hasserfüllten, niemals endenden Circle-Jerk gewähren …“
Die Passage macht Diagnosekriterium 1 sehr deutlich. Die eigene Welt wird absolut gesetzt und von der Außenwelt („da draußen“) abgeschotten. Abgegrenzt von der als fremd und gefährlich empfundenen Außenwelt, fristet der Vomiteur sein Dasein, das er gegen jeden Versuch, die Außenwelt („da draußen“) an ihn heranzutragen, verteidigt. Allerdings ist seine Beziehung zu dem „da draußen“ ambivalent, denn einerseits ist das „da draußen“ gefährlich, andererseits ist es anziehend und interessant, was in offenen Widersprüchen zum Ausdruck kommt, wie z.B. dem, dass über etwas berichtet wird, über das man eigentlich froh ist, nicht berichten zu müssen, was nur damit erklärt werden kann, dass das „da draußen“ einen so großen Reiz auf den Vomiteur ausübt, dass er, obwohl er es nicht muss, nicht anders kann als sich damit zu beschäftigen. Damit erfüllt er das Kriterium des Kontrollverlusts, denn nicht mehr der Vomiteur steuert sein Handeln, sondern das, was ihm angeblich zuwider ist.
Anmaßung und Egomanie
Kern dieses Essentialismus ist es, dass nicht Leistung und Fähigkeit als definierende Kriterien zur Bestimmung herangezogen werden, sondern die schlichte Besetzung einer Position, ein Phänomen, auf das die international renommierte Bildungsforscherin Dr. habil. Heike Diefenbach bereits mehrfach hingewiesen hat. Die Egomanie, die Grundlage dieses Essentialismus ist, lässt es nicht zu, dass Vomiteure an ihren Fähigkeiten zweifeln, denn dass es jemanden geben könne, der sie anhand ihrer Fähigkeiten beurteilt, ist ihnen unvorstellbar, während es für sie völlig normal ist, durch die Welt zu schwanken und andere zu beurteilen.
Und so ist Stefan Lauer, der die Position „Redakteur“ bei deutschen Ableger von Vice.com besetzt, der Ansicht, er sei ein Redakteur und als solcher in der Lage, Beiträge von allgemeinem Wert und allgemeinem Interesse zu schreiben. Entsprechend werden seine Befindlichkeiten zu einem journalistischen Text, entsprechend werden die Beschimpfungen, die er gerne mag, zu einem journalistischen Text, entsprechend werden alle Standards, die man normalerweise, als „normaldenkender Mensch“, wie Lauer wohl sagen würde, an einen journalistischen Text heranträgt, dem Vergessen anheim gestellt: Es findet keine Weitergabe von Information statt. Es gibt keine Argumentation. Es gibt keine Begründung. Es gibt keinen roten Faden im Text. Alles geht unter im überstarken Drang, ein als Gegener empfundenes Gegenüber vor aller Welt zu erniedrigen und der Lächerlichkeit preis zu geben, ein Bemühen, das mehr über den Vomiteur als über seine Gegner aussagt.
Denn: wie Garfinkel bereits am Beispiel von Agnes, einem Transsexuellen, dargestellt hat, das soziale Geschlecht ebenso wie die soziale Position wird an Ansprüchen und Erwartungen gemessen. Entsprechend muss Agnes lernen, wie sie sich nunmehr als sozial weiblich verhält, angefangen von der Art zu gehen und sich zu kleiden, bis hin zur Art zu sprechen. Gleiches gilt für die soziale Position des Journalisten: Nicht jeder, der Worte zu Papier bringen oder in den Monitor eintippen kann, ist ein Journalist. Nur der, der die sozialen Erwartungen erfüllt, die an Inhaber von entsprechenden Positionen gestellt werden, ist Journalist.
Es zeichnet Vomiteure aus, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen und soziale Ansprüche, die an sie und ihre Position gerichtet sind, nicht zur Kenntnis nehmen. Sie zeichnen sich entsprechend durch eine eindeutige a-Sozialität aus.
Übersteigerte Irrationalität
Wieder liefert uns Stefan Lauer hervorragendes Anschauungsmaterial:
„Man kann es sich bildlich vorstellen: deutsche, heterosexuelle Männer, die vom Leben und ihren geschiedenen Frauen enttäuscht sind, sitzen am Rechner und liefern sich hasserfüllte Diskussionen auf Wikipedia. Vermutlich im Unterhemd und mit Bierflasche und Chipstüte in Reichweite. … Aber bei Männerrechstaktivisten wird es innerhalb kürzester Zeit dermaßen unappetitlich und strohdumm, dass man nach einer halben Stunde surfen auf ihren Websites am liebsten den Bildschirm mit Scheuermilch abreiben würde. … Gott sei Dank hat man es hier größtenteils mit traurigen Trollen zu tun, deren Leben ganz anders geworden ist, als sie es sich damals ausgemalt hatten, als sie noch keine Bierbäuche hatten und ihre dritte Scheidung noch in weiter Ferne lag.“
Wie am Beispiel deutlich wird, ist der Vomiteur nicht in der Lage, seine Gedanken und seine Sprache zu kontrollieren. Entsprechend gibt er seine Phantasien von Gruppen, deren Mitglieder (Mehrzahl) er nicht kennt, ab, obwohl er keine Daten über die von ihm gehasste Gruppe hat. Der Realitätsverlust des Vomiteurs ist so ausgeprägt, dass er sich aufschwingt, auf der Basis von sehr begrenzten Informationen eine ganze Gruppe zu diffamieren, ein Vorgang, den man gewöhnlich unter dem Begriff des Rassismus fasst, der ja nichts anderes beschreibt als die negativ stereotypisierte Darstellung einer gesellschaftlichen Gruppe (alle sind: „strohdumm“, „unappetitlich“, „im Unterhemd“, „mit Bierfalsche“, „mit Chipstüte“, „mit Bierbauch“ und geschieden).
Auch hier weiß der Vomiteur nicht, dass seine Aussagen mehr über das, was ihm normal vorkommt, deutlich machen als über diejenigen, die er mit seiner Emotionalität verfolgen will. So kann man z.B. über Stefan Lauer sagen, dass er aus einer Mittelschichtsfamilie kommt, in seinem Leben noch keine körperliche Arbeit ausgeübt hat, den Genußfaktor, der davon ausgeht, ein Rugby-Spiel mit Bier und Chips zu verfolgen, nicht kennt. Die Unfähigkeit, die „da draußen“ anders als in derart plumpen Vorurteilen wahrzunehmen, die Unfähigkeit zum looking class self, wie es George Herbert Mead genannt hat, ist ein weiteres Charakteristikum der Vomiteure, ein weiterer Beleg für ihre a-Sozialität.
Körperliche Ausscheidungen
Alles in allem muss man feststellen, dass Vomiteure die Welt mit ihrer traurigen Existenz heimsuchen und aufgrund ihrer a-Sozialität und ihrer Angst vor denen „da draußen“ nicht anders können als Vomiteur zu sein, andere zu beschimpfen und dazu aufzurufen, die „da draußen“ zu „dissen“, wie das heute heißt, also: „jemanden herabwürdigen, verächtlich machen, heruntermachen, diskreditieren, diskriminieren“, womit das Bild einer dissoziativen Störung, die sich als Vomitismus äußert, abgerundet wäre.
Nachtrag:
Ein letztes Kriterium, das wir bislang noch nicht angesprochen haben, hat die moralische Entwicklung von Vomiteuren zum Gegenstand. So hat Stefan Lauer seine Beleidigungs-Orgie unter dem Titel „Die traurige Welt der Antifeministen“ veröffentlicht und mit einem Gorilla bebildert. Man stelle sich das entsprechende Bild in einem Text über Schwarze vor, man stelle sich die vielen derogativen Adjektive im Text in einem Beitrag über Frauen vor. Wer diese Vorstellung bilden kann und zudem in der Lage ist, eine Verbindung zu moralischer Integrität herzustellen, wird schnell bei der Erkenntnis landen, dass man sich nicht auf ein hohes moralisches Ross setzen und mit Dreck um sich werfen kann, wenn man andere als Dreckschleudern diffamieren will. Dieser letzte Punkt rundet das Bild des Vomitisten als egomanem a-Sozialen ab, der nur in seiner Schutzwelt, die vor denen „da draußen“ gesichert ist, existieren kann und der keinerlei moralische Urteilfähigkeit entwickelt hat, wie es nach Ansicht von Piaget bereits Kinder im Alter von rund 10 Jahren zu bilden in der Lage sein sollten.
