Fern-Sadismus: Die Lust, anderen zu schaden

Im letzten Post haben wir eine rationale Erklärung dafür angeboten, dass ein Marketing-Hensel aus Hamburg offensichtlichen Spaß daran hat, Dritten aus der Ferne zu schaden. Nun befassen sich die Sozialwissenschaften mit menschlichem Verhalten und menschliches Verhalten ist bekanntermaßen nicht immer rational. Folglich kann man das Zufügen eines Schadens aus der Ferne auch über die Lust, anderen zu schaden, erklären.

Sozialwissenschaftler sind mit gesellschaftlichen Phänomenen beschäftigt, und zwar damit, die entsprechenden Phänomene zu erklären. Eines der Phänomene, das in den letzten Jahrzehnten immer mehr zum Problem geworden ist, ist die Fern-Emotionalität. Fern-Emotionalität lässt Menschen behaupten, der Tod eines Dritten, den sie weder persönlich kannten, noch je in ihrem Leben tatsächlich gesehen haben, habe sie psychisch so leiden lassen, dass sie zu normalen Verrichtungen des Lebens nicht mehr fähig gewesen seien.

In seiner negativen Variante wird die Fern-Emotionalität zum Fern-Sadismus. Der vom Fern-Sadismus Befallene findet Gefallen daran, Dritten, die er weder persönlich kennt noch jemals persönlich gesehen hat, zu schaden. Dieser Fern-Sadismus hat Eingang in das DSM III-R gefunden, das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, und zwar als Sadistic Personality Disorder.

Eine Sadistische Persönlichkeit erfreut sich am Leid anderer und findet Befriedigung darin, anderen zu schaden. Dabei sieht die Definition nach DSM III-R vor, dass die sadistische Persönlichkeit ihren Opfern direktes Leid zufügt. Dazu ist jedoch Mut erforderlich und wenn die Moderne und ihre Tertiarisierung durch etwas ausgezeichnet ist, dann dadurch, dass Mut sich vielfach nur noch verbal, nicht mehr in Handlungen niederschlägt.

Entsprechend schlagen wir vor, die Sadistischen Persönlichkeitsstörung dadurch zu ergänzen, dass die Möglichkeit aufgenommen wird, dass ein Gestörter seine Befriedigung allein daraus gewinnt, dass er Dritten, die von ihm räumlich getrennt sind und deren Reaktion er sich nur einbilden, die er jedoch nicht beobachten kann, um sich daran zu weiden, aus der Ferne Leid zufügt.

dsm-iii-rWie bereits im DSM ausgeführt ist, ist die Sadistische Persönlichkeitsstörung eine der Störungen, die in der Regel mit einer Reihe von Ko-Morbiditäten einhergehen. Schizophrenie ist hier eine der häufigsten Ko-Morbiditäten. Schizophrenie, die sich im Zusammenhang mit einer Sadistischen Persönlichkeitsstörung als Dr. Jekyll and Mr. Hyde Syndrom äußert, führt dazu, dass der Gestörte der Ansicht ist, wenn er (Fern-)Leid zufüge, wenn er Dritten schade, dann werde er dadurch erhöht, transzendiere auf eine höhere moralische Stufe, werde quasi zum besonderen zum guten Menschen. Das Bild der Störung entspricht hier dem KZ-Wächter, der den Gashahn aufdreht und dabei denkt, er tue dem deutschen Volk einen Gefallen oder dem Inquisitor, der den Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennt, um dessen Seele zu befreien.

Wie die Beispiele zeigen, ist die (Fern-)Sadistische Persönlichkeitsstörung in Verbindung mit einer Schizophrenie kein neues Krankheitsbild. Heute äußert sich das Krankheitsbild vor allem im Zusammenhang mit dem Syndrom der „Weltverbesserung“. In diesem Syndrom sind von der Störung Befallene der Ansicht, sie würden die Gesellschaft von Parasiten oder von schlechten Menschen, von Rechten oder Antifeministen oder von Antisemiten reinigen, purifizieren und sich auf diese Weise als besonderer Mensch verdient machen.

Auch moderne Formen der (Fern-)Sadistischen Persönlichkeitsstörung mit der Ko-Morbidität Schizophrenie zeichnen sich dadurch aus, dass sich für die Gestörten gemäß der von George C. Homans formulierten Deprivations-Sättigungs-Hypothese die Befriedigung, die sie daraus, dass sie Dritten Schaden zufügen, zu gewinnen im Stande sind, mit jedem Mal, mit dem sie Dritten einen Schaden zufügen, geringer wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den Sadismus entweder immer häufiger oder immer intensiver auszuleben. So erklärt es sich, dass z.B. aus dem Verbot einer Gesinnung, der Internierung von Menschen mit dieser nunmehr falschen Gesinnung letztlich die Vernichtung der Menschen mit dieser falschen Gesinnung wird.

Insofern ist es an der Zeit, den Anfängen zu wehren und die Versuche, durch Schaden, der Dritten aus der Ferne zugefügt wird, Befriedigung zu gewinnen, im Keim zu ersticken.

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