Leser von Tageszeitungen oder Leser der entsprechenden Online-Ausgaben können sich heute an einer mehr oder weniger redigierten, zuweilen auch wortgleich oder etwas gekürzten Fassung einer Pressemeldung von OECD Deutschland erfreuen. Die Pressemeldung ist in ihrem Original mit „Soziale und ökonomische Teilhabe durch Bildung: Deutschland muss seine Chancen nutzen“ betitelt, woraus bei der ARD der Titel wurde: „OECD-Bildungsstudie: Deutschland fällt zurück„. Da die Studie „Bildung auf einen Blick“ keine Verlaufsdaten berücksichtigt, sondern eine Querschnittsanalyse auf Basis der Daten für das Jahr 2012 darstellt, die Länder der OECD also zu einem Zeitpunkt mit einander vergleicht, wäre es interessant zu wissen, woher der zuständige Redakteur der ARD seine Eingebung über das „Zurückfallen Deutschlands“ hat. Aber vermutlich hat der zuständige Redakteur keine Ahnung, worin der Unterschied zwischen einem und mehreren Zeitpunkten besteht, und „Deutschland fällt zurück“ klingt eben besser als der sperrige Originaltitel.
Die neue Untersuchung der OECD bringt nichts wirklich Neues:
28% der 25- bis 64jährigen Deutschen verfügen über einen Abschluss, der dem Bereich der tertiären Bildung (also mindestens ein (Fach-)Hochschulabschluss) zuzurechnen ist. Damit liegt Deutschland unter dem OECD-Durchschnitt, der 33% beträgt.
Deutschland, die USA und Israel zeigen im Generationenvergleich keine graviederenden Unterschiede im Anteil höher Gebildeter. Der Anteil an Personen mit einem Abschluss im Bereich der tertiären Bildung bei 25 bis 34jährigen weicht kaum vom entsprechenden Anteil unter Personen im Alter von 55- bis 64 Jahren ab.
Die Gehaltsunterschiede zwischen Personen, die ein Abitur erreicht haben und solchen, die einen geringeren Abschluss der sekundären Bildung erreicht haben, betragen 26%. Hochqualifizierte mit tertiärer Bildung erreichen Löhne, die im Durchschnitt um 74% höher sind als die entsprechenden durchschnittlichen Löhne Niedrigqualifizierter (also z.B. von Personen mit Hauptschulabschluss).
Und, das Evergreen zum Schluss: Das deutsche Schulsystem ist vertikal nicht durchlässig. Kinder aus der Arbeiterschicht finden sich kaum auf Gymnasien und noch seltener auf Hochschulen. Oder wie Heino von Meyer, der Leiter des OECD Berlin Centres sagt: „Gerade für Schüler aus sozial schwachen Familien bleibt das Versprechen, ‚Aufstieg durch Bildung‘ häufig in weiter Ferne. Dabei kann kaum etwas Menschen besser aus Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung herauführen als Bildung“.
Es ist interessant, wie bei Heino von Meyer die Tatsache, dass Kinder aus der Arbeiterschicht seltener auf Gymnasien und Anstalten der tertiären Bildung gesichtet werden, mit etwas ganz anderem verschmilzt, nämlich der Behauptung, Kinder aus der Arbeiterschicht seien Kinder aus sozial schwachen Familien. Und sozial schwache Familien sind zudem bildungsferne Familien, ein weiterer Bestandteil des Gospels, der in der Mittelschicht so beliebt ist und der zum einen den Fehlschluss beinhaltet, Bildungsabschlüsse (als Zertifikate formaler Bildung) seien mit Bildung identisch, zum anderen den Fehlschluss, dass formale Bildung etwas mit sozialer Kompetenz gemein habe.
Wer z.B. Vomiteure bei ihrer Arbeit betrachtet, Vomiteure in Medien z.B., die über einen Abschluss der tertiären Bildung verfügen, der kommt nicht umhin festzustellen, dass hier lediglich formale Bildungsnähe gepaart mit inhaltlicher Bildungsimagination vorliegt, der Irrtum, mit dem eigenen formalen Bildungsabschluss ginge auch Bildung einher, weshalb es an der Zeit ist, die bildungsferne Schicht, die der Bildung nur nicht so nahe ist, wie wer auch immer dies für nötig befindet, von der bildungsimaginierenden Schicht zu unterscheiden, in der Bildung aus einem Bildungsabschluss und der Vorstellung von Bildung derselben besteht.
Doch zurück zur Bildung auf einen Blick der OECD, einem umfassenden Werk, das mit Sicherheit mehr als einen Blick voraussetzt, um erfasst zu werden. Dieses Werk zeigt abermals, dass Kinder aus der Arbeiterschicht in deutschen Bildungsinstitutionen Nachteile haben. Ebenso wie Jungen in deutschen Bildungsinstitutionen Nachteile haben. Erstere haben ihre Nachteile gegenüber Kindern aus Mittel- und Oberschicht, Letztere haben ihre Nachteile gegenüber Mädchen. Jungen aus der Arbeiterschicht sind entsprechend die Loser des gesamten Systems, denn sie haben gleich einen doppelten Nachteil, wie diese kurze intersektionale Analyse zeigt.
Gewöhnlich werden Nachteile bestimmter gesellschaftlicher Gruppen von Lobbygruppen aufgenommen und zu Forderungen nach dies und jenem umgewidmet, die den entsprechenden gesellschaftlichen Gruppen helfen sollen. Nur für die Arbeiterschicht und für die Jungen hat sich bislang keine Lobbygruppe gefunden, die über ein ausreichendes Maß an Einfluss verfügt, um das Los der Kindern aus der Arbeiterschicht zu verbessern und das der Jungen aus der Arbeietrschicht gleich doppelt.
Vielmehr haben wir uns an die entsprechenden Meldungen, die im Jahrestakt und vermutlich seit Dezember 1960 als die OECD gegründet wurde, auf uns niederprasseln, gewöhnt. Arbeiterkinder, also die aus den sozial schwachen Familien, also den bildungsfernen Familien kommen so gut wie nicht auf Gymnasien und Hochschulen an. So regelmäßig wie diese Meldung ist die geheuchelte Aufregung darüber, dass dies immer noch so ist. Die Aufregung geht dann ebenso regelmäßig in ein profundes Schweigen über, das regelmäßig vom Nichtstun abgelöst wird.
Natürlich gibt es Programme und Maßnahmen, die von Ministerien finanziert und von vielen Pädagogen durchgeführt werden, deren Ziel offiziell darin besteht, bildunsferne, also sozial Schwache, also eben die Kinder mit dem Vater im Unterhemd, der säuft, an die Schule heranzuführen und mindestens zu Bildungsimaginieren zu machen. Tatsächlich kann man an der kompletten Erfolglosigkeit dieser Programme jedoch ablesen, dass sie nichts anderes als eine ABM für Pädagogen aus der Mittelschicht sind, die ansonsten arbeitslos wären.
Entsprechend müssen wir feststellen, dass alle Aufregung, alle Maßnahmen, alle freiwillige Selbstverpflichtung der staatlichen Bildungsinstitutionen dahingehend, den Anteil von Kindern aus der Arbeiterschicht (oder aus sozial schwachen oder aus bildungsfernen Familien) an Gymnasien und Hochschulen zu erhöhen, bislang ohne Ergebnis geblieben ist. Die entsprechende Erfolglosigkeit, die sich nun schon über Jahrzehnte zieht, zeigt, dass die Bildungsinstitutionen und ihre Angehörigen die entsprechende Selbstverpflichtung nicht einhalten wollen.
Deshalb sehen wir uns gezwungen, dem Beispiel von Staatsfeministen zu folgen und eine Quote für Kinder aus Arbeiterfamilien in den Führungsetagen deutscher Bildung, also an Gymnasien und Hochschulen ins Spiel zu bringen: zunächst 30% der Plätze an Gymnasien und Hochschulen sind demnach für Kinder aus der Arbeiterschicht zu reservieren. Die Quote gilt ab 2018 und wird bis 2025 und schrittweise auf 40% erhöht. Gleiches gilt für die Anteile von Kindern aus Familien der sozial schwachen Bildungsferne unter den Absolventen und Doktoranden.
Über alles weitere bestimmt die Statistik der OECD.
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Der letzte ironisch gemeinte Abschnitt ist von der Wirklichkeit in Baden-Württemberg schon eingeholt. Das Zauberwort heißt Inklusion. Die Mutter mit dem IQ-65-Sohn besteht auf einer Beschulung in einem Gymnasium. Sie frönt der Überzeugung, dass mit erhöhtem Aufwand an Zeit und Personal ihr Hans-Jochen das schon packen würde. Die Schule ringt hilflos die Hände…
Ein IQ-65 sagt indes nichts über die Schichtzugehörigkeit aus. Er findet sich in der Mittelschicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit wie in der Arbeiterschicht…
Die Mutter ist keineswegs der Ansicht, daß ihr Sohn das packen würde, wenn damit ein Abitur gemeint ist. Ihren eigenen Äußerungen bei Talkshowauftritten nach hält sie bereits einen Hauptschulabschluß für unerreichbar. Ihr Sohn soll auf das Gymnasium, weil auch seine Freunde aus der Grundschule da hingingen. Dort könne für ihn ja ein, wie das neue Zauberwort heißt, „zieldifferenter Unterricht“ veranstaltet werden.
Mit anderen Worten, das bisherige System verschiedener Schularten und Klassenstufen, in denen dann aber einheitliche Anforderungen gestellt wurden, wird ersetzt durch ein System, das geprägt ist von
1) „zieldifferentem Unterricht“,
2) „Gemeinsamem Lernen“ (in Großschreibung; eine Idee von stupender Blödigkeit: Wo sich Menschen eigenständig zu Aktivitäten welcher Art auch immer
zusammenfinden, sind Teilnehmer, die gewisse Voraussetzungen nicht erfüllen, selbstverständlich unerwünscht. Das kann man bedauerlich finden, aber was soll man z.B. in einer Fußballmannschaft mit Leuten anfangen, die über die eigenen Füße stolpern, oder in einer Hackercommunity mit solchen, die den any-key nicht finden?)
3) „Nachteilsausgleich“: Wer einen IQ von 65 hat, kriegt einen Notenbonus, denn er ist an seinem Zustand ja selbst nicht schuld. Wer einen IQ von 90 hat, ist nur ein bißchen weniger intelligent, aber nicht behindert, und das scheint dann eigene Schuld zu sein und berechtigt zum Sitzenbleiben.
Siehe etwa http://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulsystem/Inklusion/FAQ/FAQSonstige/FAQ1/
Man muß das traditionelle Schulsystem nicht für ein Nonplusultra halten. Aber es ist wohl möglich, alles noch um Größenordnungen blöder zu machen.
Tja. Quoten für Arbeiterkinder? So absurd es ist, so lautstark sollte diese Forderung erhoben werden – nicht weil sie sie richtig wäre, sondern weil sie der perfekte Zerrspiegel dessen ist, was sozialdemokratische Politik heute ist – nur dass die Sozis nicht mehr für Arbeiter eintreten, sondern für die gehobene Mittelschichtsfrau.
Ich kann mich nicht erinnern, dass es in der klassischen, noch arbeiterzentrierten SPD je Quotierungsforderungen gegeben hätte. Der jetzige Quotierungswahn freilich überdeckt mit seiner leidenschaftlichen Penetranz, dass der SPD irgendwo irgendwas verlorenen gegangen ist: Der Arbeiter.
Ich schrieb mal die SPD direkt an und fragte nach der Arbeiterquote in ihrer Fraktion. Die Antwort: Man muss kein Arbeiter sein, um Arbeiterinteressen zu vertreten.
Deshalb: Verlangt eine Arbeiterquote! Diese Forderung führt die real existierende SPD vor in all ihrer Erbärmlichkeit.
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[…] http://sciencefiles.org/2014/09/09/eine-bildungs-quote-fur-kinder-aus-der-arbeiterschicht/ […]
Konsequente Anwendung feministischer Logik führt zur Extermination derselben.
Der letzte ironisch gemeinte Abschnitt ist von der Wirklichkeit in Baden-Württemberg schon eingeholt. Das Zauberwort heißt Inklusion. Die Mutter mit dem IQ-65-Sohn besteht auf einer Beschulung in einem Gymnasium. Sie frönt der Überzeugung, dass mit erhöhtem Aufwand an Zeit und Personal ihr Hans-Jochen das schon packen würde. Die Schule ringt hilflos die Hände…
Ein IQ-65 sagt indes nichts über die Schichtzugehörigkeit aus. Er findet sich in der Mittelschicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit wie in der Arbeiterschicht…
Die Mutter ist keineswegs der Ansicht, daß ihr Sohn das packen würde, wenn damit ein Abitur gemeint ist. Ihren eigenen Äußerungen bei Talkshowauftritten nach hält sie bereits einen Hauptschulabschluß für unerreichbar. Ihr Sohn soll auf das Gymnasium, weil auch seine Freunde aus der Grundschule da hingingen. Dort könne für ihn ja ein, wie das neue Zauberwort heißt, „zieldifferenter Unterricht“ veranstaltet werden.
Mit anderen Worten, das bisherige System verschiedener Schularten und Klassenstufen, in denen dann aber einheitliche Anforderungen gestellt wurden, wird ersetzt durch ein System, das geprägt ist von
1) „zieldifferentem Unterricht“,
2) „Gemeinsamem Lernen“ (in Großschreibung; eine Idee von stupender Blödigkeit: Wo sich Menschen eigenständig zu Aktivitäten welcher Art auch immer
zusammenfinden, sind Teilnehmer, die gewisse Voraussetzungen nicht erfüllen, selbstverständlich unerwünscht. Das kann man bedauerlich finden, aber was soll man z.B. in einer Fußballmannschaft mit Leuten anfangen, die über die eigenen Füße stolpern, oder in einer Hackercommunity mit solchen, die den any-key nicht finden?)
3) „Nachteilsausgleich“: Wer einen IQ von 65 hat, kriegt einen Notenbonus, denn er ist an seinem Zustand ja selbst nicht schuld. Wer einen IQ von 90 hat, ist nur ein bißchen weniger intelligent, aber nicht behindert, und das scheint dann eigene Schuld zu sein und berechtigt zum Sitzenbleiben.
Siehe etwa
http://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulsystem/Inklusion/FAQ/FAQSonstige/FAQ1/
Man muß das traditionelle Schulsystem nicht für ein Nonplusultra halten. Aber es ist wohl möglich, alles noch um Größenordnungen blöder zu machen.
Tja. Quoten für Arbeiterkinder? So absurd es ist, so lautstark sollte diese Forderung erhoben werden – nicht weil sie sie richtig wäre, sondern weil sie der perfekte Zerrspiegel dessen ist, was sozialdemokratische Politik heute ist – nur dass die Sozis nicht mehr für Arbeiter eintreten, sondern für die gehobene Mittelschichtsfrau.
Ich kann mich nicht erinnern, dass es in der klassischen, noch arbeiterzentrierten SPD je Quotierungsforderungen gegeben hätte. Der jetzige Quotierungswahn freilich überdeckt mit seiner leidenschaftlichen Penetranz, dass der SPD irgendwo irgendwas verlorenen gegangen ist: Der Arbeiter.
Ich schrieb mal die SPD direkt an und fragte nach der Arbeiterquote in ihrer Fraktion. Die Antwort: Man muss kein Arbeiter sein, um Arbeiterinteressen zu vertreten.
Deshalb: Verlangt eine Arbeiterquote! Diese Forderung führt die real existierende SPD vor in all ihrer Erbärmlichkeit.