Allein die Überschrift wird manche schon verärgern. Menschen kann man nicht nach Wert bemessen. Ihren Nutzen kann man nicht in Zahlen angeben. Menschen sind ein Wert an sich, so wird behauptet und mit dieser Behauptung auf den Lippen wird um jeden Menschen, geboren oder ungeboren, gekämpft – oder auch nicht.
Aber: Der Wert eines Menschen variiert massiv mit dem Verwendungszusammenhang.
Und das, obwohl die UN angeblich um jedes Menschenleben kämpft, sich UNICEF weltweit für die Rechte und das Leben von Kindern stark macht. Nur: Sind die Kinder einmal erwachsen, werden die Menschen z.B. zu Palästinensern, die in ihrem Staatsgefägnis aufbegehren, werden sie zu Menschen, über die man nicht mehr so einfach Mitleid ausgießen kann, wie dies bei Kindern noch möglich ist, dann reduziert sich augenscheinlich ihr Wert: Dann werden sie zu Hamas-Extremisten, Islamisten, Terroristen, sie werden Ewiggestrige, die der Moderne im Weg stehen.
Den Möglichkeiten zur Objektivierung von Menschen sind keine Grenzen gesetzt. Immer funktioniert die Objektivierung über Gruppenbildung: Wenn Individuen einer Gruppe zugeordnet werden, werden sie ent-menschlicht, sie sind ab sofort nicht mehr Ahmed Al-Nur, der im Gaza-Streifen wohnt, sondern Hamas-Terroristen, sie sind nicht mehr Arne Hoffmann, der Kritik am Genderismus übt, sondern Männerrechtler, linke Männerrechtler in seinem Fall, sie sind nicht mehr Kevin Preis, dem die Grundschulempfehlung verweigert wird, weil sein Vater als Hilfsarbeiter tätig ist, sondern Kinder aus bildungsfernen Schichten.
Die Objektivierung in Gruppen hat den Vorteil, dass man die individuellen Unterschiede nunmehr ignorieren kann, so tun kann, als wären alle Männer gleich, als wollten alle Frauen nur das eine, als wären alle AfD-Wähler Rechtsextremisten und alle Türken in Deutschland verhinderte IS-Kämpfer. Die entsprechenden psychologischen und sozialpsychologischen Vorteile, die sich mit dieser Form der Objektivierung verbinden, sind unter den Stichworten Stereotype und Vorurteile gut erforscht, sie sollen uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren.
Uns geht es um den Wert von Menschen, und wie die Ausführungen bislang zeigen, ist der Wert von Menschen Gegenstand einer Askription. Trotz aller Bekundungen von der Gleichheit der Menschen, trotz aller Lippenbekenntnisse über den Wert an sich, den jedes menschliche Leben darstellt. Zudem haben Menschen einen inkorporierten Wert, der sich als Summe ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten darstellt –
Aber diese Routine, die Tote nach Wert unterscheidet, denn wollte man nicht behaupten tote Kinder seien mehr Wert als tote Erwachsene, man müsste die Toten nicht in entsprechende Altersgruppen zerlegen, diese Routine, sie hat ihren Sinn, sie wirkt über Objektivierung und Gruppenbildung und vermittelt den Eindruck, dass bestimmten Gruppen von Dritten ein höherer Wert zugeschrieben wird als anderen Gruppen. Dieses soziale Ranking des Wertes von Menschen funktioniert ausschließlich über Gruppen, Gruppen, die mit einer positiven Konnotation versehen sind.
Die Litanei der deutschen Wertzuschreibung beginnt bei Frauen, die höheren Wert haben als Männer, und zwar über eine Opfer-Erzählung, die genutzt wird, Frauen, also solche, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren lassen wollen, in allen Lebenslagen zu fördern. Frauen und Kinder stehen in etwa auf einer Stufe. Auch Kinder sind der Gegenstand vielfältiger Förderung und natürlich der Gegenstand von Erziehung, was heute die Vermittlung der Inhalte bedeutet, die die politisch-korrekte Erzählung in Deutschlands umfasst. Weiter sind die Gruppen der Altruisten und zivil Engagierte und Ehrenamtliche und Organspender gut angesehen, bieten den Willigen die Möglichkeit, sich von ihrer Individualität zu transzendieren und einen Wert zugewiesen zu bekommen.
Wie die Sirenen es mit Odysseus versucht haben, so versuchen moderne Profiteure Menschen zu ködern und zu fangen, ihnen etwa ein Leben nach dem Tod zu versprechen, z.B. durch Organspende. Organspende ist nicht nur ein Beispiel dafür, wie der Platz, der nach der vermeintlichen Säkularisierung und dem damit verbundenen Verschwinden des Lebens nach dem Tod freigeworden ist, gefüllt wird, sie ist auch ein Beispiel dafür, wie man Menschen objektiviert, als Organspender in diesem Fall, um sie dann in aller Gemützsruhe ausnehmen zu können, und zwar im doppelten Sinne.
Organspende appelliert an die Menschenliebe, gibt es doch so viele, die auf ein Spenderorgan warten, damit sie weiterleben können. Organspende macht sich das Mitleid von Menschen zunutze und verspricht Ihnen eine soziale Aufwertung, wenn sie ihre nach dem Tod unnützen Organe spenden. Lebendspendern wird, wie z.B. Selbstmordattentätern, eine Art Märtyrerdasein versprochen, wenn sie sich von einer Niere trennen, um einem Dritten das Überleben zu ermöglichen.
Soweit, so gut.
Ganz nebenbei wird über die Organspende eine Hierarchisierung vorgenommen, Organspender sind besondere Menschen, aber das ist nicht ihr einziger Wert, denn Organe, die gespendet werden, haben einen besonderen Wert, werden aufgrund der Nachfrage nach ihnen hoch gehandelt. Eine neue Niere kostet in Ungarn 30.000 Euro, Einbau inklusive. Der Wert von Menschen, von organspendenden Menschen ist demnach ein handfester Wert, er materialisiert sich für alle, die an der Produktkette beteiligt sind: Der Spender erhält einen kleinen Obolus für seine Niere, der Mittelsmann, der die Niere an einen Nachfrager vermittelt hat, erhält einen größeren Obolus und der Arzt, der die Niere entnimmt und einbaut, erhält einen mittelgroßen Obolus. Die Wertschöpfung des Handels mit Organen ist offensichtlich.
Nicht nur im Rahmen der beschriebenen Formen des Organ-Handels, auch in Deutschland haben Organe einen Wert – für Krankenhäuser und Ärzte, sie werden abgerechnet und finanziert, eine Organtransplantation ist eine Operation, die dem durchführenden Krankenhaus Umsatz und Reputation verschafft und oft genug verdienen alle Beteiligten noch ein bißchen oder ein bißchen mehr nebenher. Entsprechend haben Spenderorgane auch in Deutschland für die an der Wertschöpfungskette Beteiligten einen Wert, ist Organspende ein Geschäft.
Im Gegensatz zur Organspende im Beispiel aus Ungarn, bei der ein Spender als Verkäufer seiner Niere auftritt und somit etwas mit seiner Organspende verdient, geht der deutsche Spender leer aus: Weder können die Angehörigen nach Tod eines erklärten Spenders seine Spendeprodukte gewinnbringend verkaufen noch können Lebendspender einen Profit aus ihrer Veräußerung gewinnen. Ihr Lohn besteht darin, sich einbilden zu können, sie seien ein guter Mensch und andere würden das auch so sehen, sie dafür schätzen, der Lohn der post-hum Ausgenommenen besteht darin, zu Lebzeiten stolz den Spendeausweis vorzeigen zu können.
Den Profit mit den Organen machen andere, das Gesundheitssystem, die an der Wertschöpfungskette Beteiligten, diejenigen, die davon profitieren, dass andere eine (Organ-)Leistung erbracht haben. Das nennen manche gelebte Solidarität oder wahren Altruismus, und es erfüllt auch alle Kriterien, die man an Sklaverei anlegt, in diesem Fall eine Form freiwilliger Sklaverei, bei der man Menschen einen psychologischen Wertzuwachs verspricht, wenn sie sich in die Gruppe der Organspender einfügen, die wiederum von denjenigen, die in der Wertschöpfungskette erst noch kommen, genutzt werden kann, um ihrerseits unter dem Mantel der Hilfe für Menschen in Organnot, zu profitieren. Die psychologische Werterhöhung des Organspenders entspricht demnach der monetären Werterhöhung bei professionellen Organverwertern.
