Zu wenig Herz: Transplantationsmediziner leiden

Der Tag der Organspende wirft seine Schatten voraus. Kein Tag ohne Pressemeldung, in der beklagt wird, dass die Spendebereitschaft nicht groß genug sei, dass der „Mangel an Spenderherzen weiterhin alarmierend“ sei und so weiter. Wir befinden uns im Bereich der moralischen Erpressung.

human organ tradeDie moralische Erpressung, sie beginnt damit, dass man eine leidende Gruppe konstruiert, die Gruppe derer, die auf ein Spenderorgan warten. Bilder von Kindern sind hier sehr beliebt. Der nächste Schritt in der moralischen Erpressungskampagne besteht darin, die große Zahl der auf ein Spenderorgan Wartenden mit der kleinen Zahl der Spenderorgane zu kontrastieren. Gerne auch gewürzt mit einem Hinweis der Art, jede Stunde sterben X Menschen, weil sie kein Spenderorgan erhalten. Wenn das alles nicht reicht, wird dringend an die Bevölkerung appelliert, sich mit „dem Thema Organspende auseinanderzusetzen“ und mit den „schwerkranken Patienten“, für die eine Transplantation „häufig die einzige Chance für das Langzeitüberleben“ bedeutet.

Eine solche moralische Erpressungskampagne, die nicht nur im Bereich der Transplantationsmedizin angewendet wird, sondern auch im Bereich z.B. des Gender Pay Gaps, hier allerdings mit erfundenen Zahlen, benutzt wird, basiert auf einer Reihe von Annahmen über die menschliche Natur, die man wie folgt zusammenstellen kann:

  • Menschen sind mitfühlend und lassen sich entsprechend über Empathie steuern und ausnutzen.
  • Man kann manchen Menschen einreden, sie hätten eine Verpflichtung, anderen zu helfen.
  • Man kann manchen Menschen sogar einreden, dass Altruismus etwas ist, was sie zu besseren Menschen macht und in den Himmel bringt.

Zunächst ist festzustellen, dass es weder ein moralisches Recht auf ein Spenderorgan noch eine Verpflichtung dazu, ein Organ zu spenden, gibt. Das Spenden eines Organes ist eine Art Caritas, die dem Euro, der dem Bettler gegeben wird, gleichkommt. Es ist eine individuelle Entscheidung, die der Spender für sich treffen muss. Entsprechend gibt es auch keine Rechtfertigung für den Versuch, die entsprechende Entscheidung beeinflussen zu wollen.

Diese Rechtfertigung erwächst auch nicht aus der (geheuchelten) Sorge um die vielen, die auf ein Spenderorgane warten. Wäre diese Sorge real, der Sorgende würde seine Organe spenden und sich umbringen, um dem Organmangel Abhilfe zu verschaffen. Offensichtlich geht niemand der Sorgenden soweit. Also kann man feststellen, dass sie sich nicht um die sorgen, die auf Spenderorgane warten, sondern ein anderes Motiv für ihre Sorge haben.

TK Organspende Schule

Moralische Erpressung beginnt in der Schule: Unterrichtsmaterialien der Techniker-Krankenkasse

Dieses Motiv ist so alt wie die Menschheit und lautet: Profit. Die Sorgenden zeichnen sich nämlich ausnahmslos dadurch aus, dass sie an Transplantationen verdienen. Wie viel sie daran verdienen, ist in Deutschland eine Art Staatsgeheimnis. Aus der Schweiz ist bekannt, dass bei der Transplantation von Herz-, Lunge oder Dünndarm Kosten zwischen 150.000 Franken und 250.000 Franken, also umgerechnet 135.000 Euro bis 225.000 Euro anfallen. Dass die Kosten in Deutschland geringer sind, ist nicht zu erwarten. Entsprechend ist eine Transplantation für Kliniken und Ärzte ein großes Geschäft. Ärzte erhalten darüber hinaus häufig eine Transplantationsprämie von z.B. 2000 Euro pro Transplantation, bei 56 Transplantationen pro Jahr ein nettes Zuverdienst.

Trotz all dieser ökonomischen Vorteile für Kliniken und Ärzte, die sich aus einer Transplantation ergeben, sind die entsprechenden Kliniken und Ärzte natürlich nur am Wohl der auf ein Spenderorgan Wartenden interessiert und nicht am eigenen Verdienst, wenn sie daran appellieren, dass Menschen, andere Menschen als sie selbst, ihre Organe spenden.

Gibt es jemanden, der das glaubt?

Allein die Tatsache, dass man in Deutschland umsonst nach offiziellen Statistiken zu den Kosten sucht, die mit Transplantation verbunden sind, zeigt schon, dass hier etwas im Busch ist, etwas, das nicht herauskommen soll, um nicht noch die wenigen Spender abzuschrecken, die sich bislang nicht haben abschrecken lassen.

Sicher sind ökonomische Vorgänge wie Prämienzahlungen für versierte Ärzte und Kostenerstattungen für Kliniken nicht von den Tätigkeiten, für die sie erstattet werden, zu trennen. Aus Sicht einer praktischen Ethik wäre es jedoch notwendig, den Prozess der Organtransplantation transparent zu machen: Wer verdient was, woran? Wie hoch ist die Überlebenswahrscheinlichkeit für diejenigen, die ein neues Organ verpasst bekommen? Und jenseits aller Gefühlsduselei: Stehen die Kosten einer Transplantation und die immensen Folgekosten, die von der Gemeinschaft der Versicherten zu tragen sind, in einem auch nur ansatzweise zu rechtfertigenden Verhältnis zur Überlebensdauer und zur Lebensfreude derer, die im Besitz eines fremden Organs (noch) leben?

„Für die Krankenkassen sind besonders die medikamentösen Nachbehandlungen teuer. Die Folgekosten für einen Nierenpatienten liegen im Jahr bei etwa 14.000 Euro. Die Pharmaunternehmen erwirtschaften jährlich Milliarden Euro mit dem Verkauf ihrer Präparate. Das Schweizer Unternehmen Novartis etwa soll im vergangenen Jahr mit einem Medikament mehr als 900 Millionen Dollar erwirtschaftet haben. Konkurrent Roche setzte 2011 mit einem ähnlichen Arzneimittel beinahe eine Milliarde Schweizer Franken um.“

Vultures_in_the_nestAnstatt zu appellieren und moralische Erpressungsversuche zu unternehmen, wäre es an der Zeit, in Deutschland eine offene Diskussion darüber zu führen, welche Kosten und welche Chancen mit Transplantationen verbunden sind, welche Interessen sich mit Transplantationen verbinden, und wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, dann ist es gut, dann gibt es keine Appelle und keine Mitleidsorgien mehr, keine Bildchen von lachenden Kindern, die mit neuer Niere leben und mit Medikamenten von morgens bis abends. Dann gibt es ausschließlich individuelle Entscheidungen auf einer ausreichenden Informationsgrundlage darüber, ob jemand ein Organ spenden will oder nicht, und es gibt niemanden, der sich anmaßt, vorzugeben, was moralisch wünschenswert wäre. Und auf Grundlage der Fakten kann man natürlich auch darüber eine Entscheidung treffen, ob es gerechtfertigt ist, teure Eingriffe wie Transplantationen von allen Versicherten finanzieren zu lassen, eine Frage, deren Antwort vornehmlich damit zusammenhängt, wie erfolgreich Transplantationen denn nun wirklich sind – und schon sind wir beim nächsten deutschen Staatsgeheimnis.

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8 Responses to Zu wenig Herz: Transplantationsmediziner leiden

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  2. Norbert G. says:

    Richtig erkannt:
    Der Empfänger bekommt einige Jahre zusätzlich, die Transplantationsindustrie macht den Rebbach und die Masse der Zwangs-Solidarischen ist der Dumme, der die Kosten berappen darf.
    Und wenn’s “dumm” läuft, hat der Spender zudem einen grausamen langsamen Tod. (Lies hierzu Gerhard Wisnewskis Artikel, wie z.B. “info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/gerhard-wisnewski/organspende-vorsicht-mord-.html” !)

    Allein daran, daß die Frage der Gegenseitigkeit nicht die geringste Rolle spielt, sieht man bereits die totale sittliche Verkommenheit der Gesetzeslage. Beim Zuteilungsrang spielt es also keine Rolle, ob jemand sein ganzes Leben lang mit einem Spenderausweis unterwegs war oder nur eine Woche oder aus „religiösen Gründen“, leider, leider, nur nehmen aber nicht geben möchte. Es spielt auch keine Rolle, ob jemand mutwillig sein Organ durch Drogen zerstört hat oder durch einen Unfall. Usw.

    Schon zwischen den Angehörigen der diversen Religionen gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen, wer zu geben und wer zu empfangen hat. Das Christentum hier wohl eine Ausnahme, da es jegliches Sich-Hingeben für Fremde als fromme Tat anrechnet. Da bietet sich das Ausschlachten ja geradezu an.
    Ob auch jene, die Ihresgleichen als „Gottes Auserwähltes Volk“ und den Rest der Menschheit als „Tiere in Menschengestalt“ definieren, die gleiche Ausgewogenheit pflegen, wage ich zu bezweifeln. Schon bei den Muselmanen soll es mit den interreligösen organischen Liebesgaben nicht so ganz klappen. Mit dem Nehmen jedenfalls klappt es schon ganz gut.

    Das Diskriminieren ist also im Organspendegesetz durchaus eingebaut. Es sollen „die Richtigen“ begünstigt und „die Richtigen“ benachteiligt werden.
    Nur sehen und benennen sollte man es nicht.
    Und ein Riesengeschäft ist es allemal – anonym „gerecht“ oder „ungerecht“ verteilt.
    (Ach Gottchen! Wer Geld hat, tut sich halt man in Isarel oder Saudi-Arabien um!)
    Nur die Masse der dummen-dummen Schweine soll nicht sehen, daß sie allein für alles bluten müssen, das könnte geschäftsschädlich sein.

    Kurz: Die geltende Organspenderegelung ist so verkommen wie die ganze BRD. Da paßt det Janze ja wieder hervorragend zusammen!

  3. Th. Körner says:

    wer spendet dann für den spender, soll jetzt im kreis verpflanzt werden, klingt schon wie UMLAGEVERFAHREN.

  4. Ich (selber Mediziner) trage schon seit 30 Jahren immer einen Organspendeausweis mit mir herum. Und zwar nicht bloß aus Altruismus, sondern auch in der Hoffnung, dass so nach einem Unfall oder schwerem Hirninfarkt die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass man mich noch jahrelang als wehrlose, teilbewußt (wenn bewußtlos, wär’s ja egal) lebende Halbleiche künstlich ans Leben kettet. Deshalb habe ich meinen Organspendeausweis zusätzlich um ein Dokument ergänzt, in dem ich lebensverlängernde Maßnahmen für mich ablehne, wenn ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr oder nur noch mit geringer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist.

    Dass gewisse Kreise mit Organspenden unseriös Geld machen, mag sein. Dasselbe trifft dann aber sicherlich auch auf Intensivmedizin und Intensivpflege zu; das kommt nur weniger in die Schlagzeilen, weil’s nicht den Grusel-Touch der Leichenfledderei hat. Mir als potentiellem Opfer ist da jedenfalls ein Ende mit Schrecken lieber als ein Schrecken ohne Ende.

  5. Gernot Meyer says:

    Organspende? Nur über meine Leiche! -;)

  6. Dirk says:

    Und das tolle ist, das per Gesetz alle Krankenkassen verpflichtet sind, im Abstand von 2 Jahren alle Ihre Versicherten (ja, nicht nur die zahlenden Mitglieder) zum Thema Organspende anzuschreiben. Dabei ist völlig egal – weil ja nicht bekannt – ob derjenige schon einen Ausweis in der Tasche hat oder nicht.
    Bei über 70 Millionen GKV-Versicherten freuen sich darüber wohl vor allem die Zustelldienste.
    Ich habe, da mein alter Ausweis durch das ständige Dabeihaben schon etwas unleserlich wurde, beim vorerst letzten Schreiben meiner Krankenkasse die Gelegenheit genutzt. Seitdem habe ich einen schönen neuen Organspendeausweis dabei, aber diesmal ist das Kreuz beim “Nein”.

  7. Katrin Fischer says:

    Ich stimme der Aussage des Artikels zu: hier handelt es sich um moralische Erpressung bei überhaupt nicht ausreichender Informationsgrundlage. Das Informationsdefizit wird umso deutlicher, wenn sogar Mediziner (s. o.) Zustände wie den irreversiblen Hirnfunktionsausfall (Hirntod) mit Zuständen wie dem, was man subsummierend als Apallisches Syndrom bezeichnet, zusammenwerfen.
    Bevor man sich in der Eigenschaft als Mediziner äußert, empfehle ich das Studium der kürzlich zum vierten Mal überarbeiteten Richtlinie der Bundesärztekammer zur Feststellung des Hirntodes. Bei aller manchmal notwendigen Kritik an der BÄK müsste der Kundige zu der Überzeugung kommen, dass diese Richtlinie bestes Wissen und Gewissen widerspiegelt. Was sich sonst um den Hirntod herum abspielt, steht auf einem anderen Blatt.

  8. St. Elmo says:

    Unabhängig davon ob Transplantation bei begrenzten Ressourcen sinnvoll ist oder nicht kotzt mich dieses moralisierende “zu wenig Spender” an.

    Um zu “Spenden” muss man tot sein!

    Wenn man mehr Spender will, dann sollte man Airbags, Zebrastreifen, Fußgängerampel, Tempo 30 Zonen, Helmpflicht, Anschnallpflicht u.ä. abschaffen, dann gäb es auch wieder mehr Spender.

    Ansonsten muss man nunmal akzeptieren das Aufgrund der hohen Sicherheitsstandards und -vorschriften immer weniger Menschen schwer verunglücken und einen Hirntod erleiden und daher die Anzahl der Spender auch in Zukunft niedrig bleiben wird.

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