Zu wenig Herz: Transplantationsmediziner leiden

Der Tag der Organspende wirft seine Schatten voraus. Kein Tag ohne Pressemeldung, in der beklagt wird, dass die Spendebereitschaft nicht groß genug sei, dass der „Mangel an Spenderherzen weiterhin alarmierend“ sei und so weiter. Wir befinden uns im Bereich der moralischen Erpressung.

human organ tradeDie moralische Erpressung, sie beginnt damit, dass man eine leidende Gruppe konstruiert, die Gruppe derer, die auf ein Spenderorgan warten. Bilder von Kindern sind hier sehr beliebt. Der nächste Schritt in der moralischen Erpressungskampagne besteht darin, die große Zahl der auf ein Spenderorgan Wartenden mit der kleinen Zahl der Spenderorgane zu kontrastieren. Gerne auch gewürzt mit einem Hinweis der Art, jede Stunde sterben X Menschen, weil sie kein Spenderorgan erhalten. Wenn das alles nicht reicht, wird dringend an die Bevölkerung appelliert, sich mit „dem Thema Organspende auseinanderzusetzen“ und mit den „schwerkranken Patienten“, für die eine Transplantation „häufig die einzige Chance für das Langzeitüberleben“ bedeutet.

Eine solche moralische Erpressungskampagne, die nicht nur im Bereich der Transplantationsmedizin angewendet wird, sondern auch im Bereich z.B. des Gender Pay Gaps, hier allerdings mit erfundenen Zahlen, benutzt wird, basiert auf einer Reihe von Annahmen über die menschliche Natur, die man wie folgt zusammenstellen kann:

  • Menschen sind mitfühlend und lassen sich entsprechend über Empathie steuern und ausnutzen.
  • Man kann manchen Menschen einreden, sie hätten eine Verpflichtung, anderen zu helfen.
  • Man kann manchen Menschen sogar einreden, dass Altruismus etwas ist, was sie zu besseren Menschen macht und in den Himmel bringt.

Zunächst ist festzustellen, dass es weder ein moralisches Recht auf ein Spenderorgan noch eine Verpflichtung dazu, ein Organ zu spenden, gibt. Das Spenden eines Organes ist eine Art Caritas, die dem Euro, der dem Bettler gegeben wird, gleichkommt. Es ist eine individuelle Entscheidung, die der Spender für sich treffen muss. Entsprechend gibt es auch keine Rechtfertigung für den Versuch, die entsprechende Entscheidung beeinflussen zu wollen.

Diese Rechtfertigung erwächst auch nicht aus der (geheuchelten) Sorge um die vielen, die auf ein Spenderorgane warten. Wäre diese Sorge real, der Sorgende würde seine Organe spenden und sich umbringen, um dem Organmangel Abhilfe zu verschaffen. Offensichtlich geht niemand der Sorgenden soweit. Also kann man feststellen, dass sie sich nicht um die sorgen, die auf Spenderorgane warten, sondern ein anderes Motiv für ihre Sorge haben.

TK Organspende Schule

Moralische Erpressung beginnt in der Schule: Unterrichtsmaterialien der Techniker-Krankenkasse

Dieses Motiv ist so alt wie die Menschheit und lautet: Profit. Die Sorgenden zeichnen sich nämlich ausnahmslos dadurch aus, dass sie an Transplantationen verdienen. Wie viel sie daran verdienen, ist in Deutschland eine Art Staatsgeheimnis. Aus der Schweiz ist bekannt, dass bei der Transplantation von Herz-, Lunge oder Dünndarm Kosten zwischen 150.000 Franken und 250.000 Franken, also umgerechnet 135.000 Euro bis 225.000 Euro anfallen. Dass die Kosten in Deutschland geringer sind, ist nicht zu erwarten. Entsprechend ist eine Transplantation für Kliniken und Ärzte ein großes Geschäft. Ärzte erhalten darüber hinaus häufig eine Transplantationsprämie von z.B. 2000 Euro pro Transplantation, bei 56 Transplantationen pro Jahr ein nettes Zuverdienst.

Trotz all dieser ökonomischen Vorteile für Kliniken und Ärzte, die sich aus einer Transplantation ergeben, sind die entsprechenden Kliniken und Ärzte natürlich nur am Wohl der auf ein Spenderorgan Wartenden interessiert und nicht am eigenen Verdienst, wenn sie daran appellieren, dass Menschen, andere Menschen als sie selbst, ihre Organe spenden.

Gibt es jemanden, der das glaubt?

Allein die Tatsache, dass man in Deutschland umsonst nach offiziellen Statistiken zu den Kosten sucht, die mit Transplantation verbunden sind, zeigt schon, dass hier etwas im Busch ist, etwas, das nicht herauskommen soll, um nicht noch die wenigen Spender abzuschrecken, die sich bislang nicht haben abschrecken lassen.

Sicher sind ökonomische Vorgänge wie Prämienzahlungen für versierte Ärzte und Kostenerstattungen für Kliniken nicht von den Tätigkeiten, für die sie erstattet werden, zu trennen. Aus Sicht einer praktischen Ethik wäre es jedoch notwendig, den Prozess der Organtransplantation transparent zu machen: Wer verdient was, woran? Wie hoch ist die Überlebenswahrscheinlichkeit für diejenigen, die ein neues Organ verpasst bekommen? Und jenseits aller Gefühlsduselei: Stehen die Kosten einer Transplantation und die immensen Folgekosten, die von der Gemeinschaft der Versicherten zu tragen sind, in einem auch nur ansatzweise zu rechtfertigenden Verhältnis zur Überlebensdauer und zur Lebensfreude derer, die im Besitz eines fremden Organs (noch) leben?

„Für die Krankenkassen sind besonders die medikamentösen Nachbehandlungen teuer. Die Folgekosten für einen Nierenpatienten liegen im Jahr bei etwa 14.000 Euro. Die Pharmaunternehmen erwirtschaften jährlich Milliarden Euro mit dem Verkauf ihrer Präparate. Das Schweizer Unternehmen Novartis etwa soll im vergangenen Jahr mit einem Medikament mehr als 900 Millionen Dollar erwirtschaftet haben. Konkurrent Roche setzte 2011 mit einem ähnlichen Arzneimittel beinahe eine Milliarde Schweizer Franken um.“

Vultures_in_the_nestAnstatt zu appellieren und moralische Erpressungsversuche zu unternehmen, wäre es an der Zeit, in Deutschland eine offene Diskussion darüber zu führen, welche Kosten und welche Chancen mit Transplantationen verbunden sind, welche Interessen sich mit Transplantationen verbinden, und wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, dann ist es gut, dann gibt es keine Appelle und keine Mitleidsorgien mehr, keine Bildchen von lachenden Kindern, die mit neuer Niere leben und mit Medikamenten von morgens bis abends. Dann gibt es ausschließlich individuelle Entscheidungen auf einer ausreichenden Informationsgrundlage darüber, ob jemand ein Organ spenden will oder nicht, und es gibt niemanden, der sich anmaßt, vorzugeben, was moralisch wünschenswert wäre. Und auf Grundlage der Fakten kann man natürlich auch darüber eine Entscheidung treffen, ob es gerechtfertigt ist, teure Eingriffe wie Transplantationen von allen Versicherten finanzieren zu lassen, eine Frage, deren Antwort vornehmlich damit zusammenhängt, wie erfolgreich Transplantationen denn nun wirklich sind – und schon sind wir beim nächsten deutschen Staatsgeheimnis.

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Wir wollen nur Ihr Bestes: Ihre Leber, Ihre Nieren, Ihr Herz, Ihre Augen, Ihre Lunge…

Morgen ist Tag der Organspende. Seit 1983 wird der Tag der Organspende jeweils am ersten Samstag im Juni begangen. Samstags deshalb, weil Organspenden außerhalb der Arbeitszeit erfolgen sollen, schon weil eine Organspende nur dann möglich ist, wenn „der Tod … festgestellt ist“, wie man beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages weiß. Das macht Sinn, denn ohne Herz lebt es sich nicht so gut und nach Erfahrungsberichten ist auch ein Leben ohne Leber ziemlich saftlos.

Morgen ist also Tag der Organspende. Nie war Organspende so einfach und sicher wie heute: Dafür sorgt das Transplantationsgesetz (TPG). Dass es dennoch Organhandel durch Ärzte gegeben hat, kleine Unregelmäßigkeiten, die Ihr Vertrauen darin, dass Ihr Tod von diesen Ärzten korrekt festgestellt wurde, nicht dass man Sie aus Versehen lebend ausnimmt und tot und ausgeweidet zurücklässt, sollte Sie nicht in Ihrer Spendenfreude erschüttern. Es ist kein Grund zum Verzagen, denn: Nie war Nächstenliebe so einfach wie heute. Organspende ist gelebte Nächstenliebe wie Heiko Maas, Minister für … – war es Justiz?- weiß. Also leben Sie Nächstenliebe. Spenden Sie. Spenden Sie Organe. Sie spenden die Organe, wir kümmern uns um den Nächsten.

Die Zahl der Spendenfreudigen ist in Deutschland von 1.296 Organspendern im Jahr 2010 auf 864 Organspender 2014 zurückgegangen.

Was ist ein Mensch wert?

Allein die Überschrift wird manche schon verärgern. Menschen kann man nicht nach Wert bemessen. Ihren Nutzen kann man nicht in Zahlen angeben. Menschen sind ein Wert an sich, so wird behauptet und mit dieser Behauptung auf den Lippen wird um jeden Menschen, geboren oder ungeboren, gekämpft – oder auch nicht.

Aber: Der Wert eines Menschen variiert massiv mit dem Verwendungszusammenhang.

carnageMenschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, unterliegen einer seltsamen Metamorphose. Sie werden zu Extremisten und Zivilisten, die bei einem Militärschlag getötet wurden. Die Objektivierung der ehemligen menschlichen Subjekte findet sich nicht nur bei kriegersichen Auseinandersetzung, auch bei ideologischen Auseinandersetungen: politische Gegner werden zu Populisten, Extremisten, Kritiker werden zu prekären Existenzen, zu ärgerlichen weißen Männern. Ziel der Objektivierungen: Den Wert der entsprechend bezeichneten Menschen in Frage stellen.

Und das, obwohl die UN angeblich um jedes Menschenleben kämpft, sich UNICEF weltweit für die Rechte und das Leben von Kindern stark macht. Nur: Sind die Kinder einmal erwachsen, werden die Menschen z.B. zu Palästinensern, die in ihrem Staatsgefägnis aufbegehren, werden sie zu Menschen, über die man nicht mehr so einfach Mitleid ausgießen kann, wie dies bei Kindern noch möglich ist, dann reduziert sich augenscheinlich ihr Wert: Dann werden sie zu Hamas-Extremisten, Islamisten, Terroristen, sie werden Ewiggestrige, die der Moderne im Weg stehen.

Den Möglichkeiten zur Objektivierung von Menschen sind keine Grenzen gesetzt. Immer funktioniert die Objektivierung über Gruppenbildung: Wenn Individuen einer Gruppe zugeordnet werden, werden sie ent-menschlicht, sie sind ab sofort nicht mehr Ahmed Al-Nur, der im Gaza-Streifen wohnt, sondern Hamas-Terroristen, sie sind nicht mehr Arne Hoffmann, der Kritik am Genderismus übt, sondern Männerrechtler, linke Männerrechtler in seinem Fall, sie sind nicht mehr Kevin Preis, dem die Grundschulempfehlung verweigert wird, weil sein Vater als Hilfsarbeiter tätig ist, sondern Kinder aus bildungsfernen Schichten.

Die Objektivierung in Gruppen hat den Vorteil, dass man die individuellen Unterschiede nunmehr ignorieren kann, so tun kann, als wären alle Männer gleich, als wollten alle Frauen nur das eine, als wären alle AfD-Wähler Rechtsextremisten und alle Türken in Deutschland verhinderte IS-Kämpfer. Die entsprechenden psychologischen und sozialpsychologischen Vorteile, die sich mit dieser Form der Objektivierung verbinden, sind unter den Stichworten Stereotype und Vorurteile gut erforscht, sie sollen uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren.

Uns geht es um den Wert von Menschen, und wie die Ausführungen bislang zeigen, ist der Wert von Menschen Gegenstand einer Askription. Trotz aller Bekundungen von der Gleichheit der Menschen, trotz aller Lippenbekenntnisse über den Wert an sich, den jedes menschliche Leben darstellt. Zudem haben Menschen einen inkorporierten Wert, der sich als Summe ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten darstellt –

Brown prejudicez.B: im Hinblick auf ihr Humankapital: Spezialisierte Arbeiter, die in der Lage sind, nachgefragte Leistungen zu erbringen, haben einen höheren Wert als Personen, die es in ihrem Leben nie für notwendig gefunden haben, sich in irgend etwas zu bilden und zu entwickeln. Erwachsene Menschen, die am gesellschaftlichen Leben z.B. durch Arbeit teilhaben, haben einen höheren Wert als Kinder, Letztere kosten die Gesellschaft, erstere bringen einen Beitrag für die Gesellschaft. Entsprechend lächerlich ist die politisch korrekte Routine, die in öffentlich rechtlichen Anstalten die Insassen verpflichtet, die Toten bei einem Flugzeugabsturz nach Alter zu differenzieren.

Aber diese Routine, die Tote nach Wert unterscheidet, denn wollte man nicht behaupten tote Kinder seien mehr Wert als tote Erwachsene, man müsste die Toten nicht in entsprechende Altersgruppen zerlegen, diese Routine, sie hat ihren Sinn, sie wirkt über Objektivierung und Gruppenbildung und vermittelt den Eindruck, dass bestimmten Gruppen von Dritten ein höherer Wert zugeschrieben wird als anderen Gruppen. Dieses soziale Ranking des Wertes von Menschen funktioniert ausschließlich über Gruppen, Gruppen, die mit einer positiven Konnotation versehen sind.

Die Litanei der deutschen Wertzuschreibung beginnt bei Frauen, die höheren Wert haben als Männer, und zwar über eine Opfer-Erzählung, die genutzt wird, Frauen, also solche, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren lassen wollen, in allen Lebenslagen zu fördern. Frauen und Kinder stehen in etwa auf einer Stufe. Auch Kinder sind der Gegenstand vielfältiger Förderung und natürlich der Gegenstand von Erziehung, was heute die Vermittlung der Inhalte bedeutet, die die politisch-korrekte Erzählung in Deutschlands umfasst. Weiter sind die Gruppen der Altruisten und zivil Engagierte und Ehrenamtliche und Organspender gut angesehen, bieten den Willigen die Möglichkeit, sich von ihrer Individualität zu transzendieren und einen Wert zugewiesen zu bekommen.

Wie die Sirenen es mit Odysseus versucht haben, so versuchen moderne Profiteure Menschen zu ködern und zu fangen, ihnen etwa ein Leben nach dem Tod zu versprechen, z.B. durch Organspende. Organspende ist nicht nur ein Beispiel dafür, wie der Platz, der nach der vermeintlichen Säkularisierung und dem damit verbundenen Verschwinden des Lebens nach dem Tod freigeworden ist, gefüllt wird, sie ist auch ein Beispiel dafür, wie man Menschen objektiviert, als Organspender in diesem Fall, um sie dann in aller Gemützsruhe ausnehmen zu können, und zwar im doppelten Sinne.

Organspende appelliert an die Menschenliebe, gibt es doch so viele, die auf ein Spenderorgan warten, damit sie weiterleben können. Organspende macht sich das Mitleid von Menschen zunutze und verspricht Ihnen eine soziale Aufwertung, wenn sie ihre nach dem Tod unnützen Organe spenden. Lebendspendern wird, wie z.B. Selbstmordattentätern, eine Art Märtyrerdasein versprochen, wenn sie sich von einer Niere trennen, um einem Dritten das Überleben zu ermöglichen.

Soweit, so gut.

Ganz nebenbei wird über die Organspende eine Hierarchisierung vorgenommen, Organspender sind besondere Menschen, aber das ist nicht ihr einziger Wert, denn Organe, die gespendet werden, haben einen besonderen Wert, werden aufgrund der Nachfrage nach ihnen hoch gehandelt. Eine neue Niere kostet in Ungarn 30.000 Euro, Einbau inklusive. Der Wert von Menschen, von organspendenden Menschen ist demnach ein handfester Wert, er materialisiert sich für alle, die an der Produktkette beteiligt sind: Der Spender erhält einen kleinen Obolus für seine Niere, der Mittelsmann, der die Niere an einen Nachfrager vermittelt hat, erhält einen größeren Obolus und der Arzt, der die Niere entnimmt und einbaut, erhält einen mittelgroßen Obolus. Die Wertschöpfung des Handels mit Organen ist offensichtlich.

human organ tradeDrastisch wird diese Wertschöpfungskette im häufig beklagten “Organ Trafficking”, dessen Geschichte um kriminelle Banden rankt, die Arme in den Ländern Asiens und Afrikas oder Kriegsgefangene ausnehmen, um mit deren Organen einen hohen Profit zu erzielen. Seltsamer Weise bricht die Erzählung vom Organ Trafficking immer auf der Angebotsseite ab und berücksichtigt diejenigen, die auf der Nachfrageseite profitieren, die Ärzte, die sich für Transplantationen hergeben ebenso wie die Empfänger der Organe in keiner Weise, schon um nicht die Mitleids-Erzählung zu ruinieren, nach der Organempfänger arme und auf Hilfe angewiesene Menschen sind, die mit dem Tode ringen und nicht den Eindruck zu erwecken, es gebe eine Hierarche des menschlichen Werts, die die Organ-Lieferanten auf der untersten Stufe sieht.

Nicht nur im Rahmen der beschriebenen Formen des Organ-Handels, auch in Deutschland haben Organe einen Wert – für Krankenhäuser und Ärzte, sie werden abgerechnet und finanziert, eine Organtransplantation ist eine Operation, die dem durchführenden Krankenhaus Umsatz und Reputation verschafft und oft genug verdienen alle Beteiligten noch ein bißchen oder ein bißchen mehr nebenher. Entsprechend haben Spenderorgane auch in Deutschland für die an der Wertschöpfungskette Beteiligten einen Wert, ist Organspende ein Geschäft.

Im Gegensatz zur Organspende im Beispiel aus Ungarn, bei der ein Spender als Verkäufer seiner Niere auftritt und somit etwas mit seiner Organspende verdient, geht der deutsche Spender leer aus: Weder können die Angehörigen nach Tod eines erklärten Spenders seine Spendeprodukte gewinnbringend verkaufen noch können Lebendspender einen Profit aus ihrer Veräußerung gewinnen. Ihr Lohn besteht darin, sich einbilden zu können, sie seien ein guter Mensch und andere würden das auch so sehen, sie dafür schätzen, der Lohn der post-hum Ausgenommenen besteht darin, zu Lebzeiten stolz den Spendeausweis vorzeigen zu können.

Den Profit mit den Organen machen andere, das Gesundheitssystem, die an der Wertschöpfungskette Beteiligten, diejenigen, die davon profitieren, dass andere eine (Organ-)Leistung erbracht haben. Das nennen manche gelebte Solidarität oder wahren Altruismus, und es erfüllt auch alle Kriterien, die man an Sklaverei anlegt, in diesem Fall eine Form freiwilliger Sklaverei, bei der man Menschen einen psychologischen Wertzuwachs verspricht, wenn sie sich in die Gruppe der Organspender einfügen, die wiederum von denjenigen, die in der Wertschöpfungskette erst noch kommen, genutzt werden kann, um ihrerseits unter dem Mantel der Hilfe für Menschen in Organnot, zu profitieren. Die psychologische Werterhöhung des Organspenders entspricht demnach der monetären Werterhöhung bei professionellen Organverwertern.

 

 

Organgeschacher: Wie kommt ein Spenderorgan zum “richtigen” Nehmer?

Organspende steht, aus welchen Gründen auch immer, bei einer Reihe von Lobbyisten ganz oben auf der Agenda. Ob dies damit zu tun hat, dass mit Transplantationen viel Geld zu verdienen ist,  sei – obwohl es die wahrscheinlichste aller Erklärungen ist – einmal dahingestellt. Natürlich kommt Organhandel nicht als großes Geschäft daher, sondern als mildtätige Veranstaltung, mit der die Leben von ansonsten zum Tode Verdammten, zunächst vielleicht gerettet und dann vielleicht verlängert werden können – vielleicht auch nicht.

Vultures_in_the_nestMit dem schönen Märchen von der Gabe, für den Spender zwischenzeitlich unnütz gewordener Organe, an einen Empfänger, dem selbst Gebrauchtorgane ein neues Leben ermöglichen, verbinden sich jedoch einige Probleme: Transplantationen sind mehr oder weniger erfolgreich, wobei die Erfolgsquote von der Frische und der Art des transplantierten Organs abhängig ist. Transplantationen ermöglichen kein neues Leben, sondern ein Leben mit gebrauchtem Organ, das in den meisten Fällen nur durch die dauerhafte Einnahme das Immunsystem schwächender Medikamente möglich ist.

Zu diesen rein materiellen Fragen des Transplantationsergebnisses gesellt sich eine Frage, die unlängst der Deutsche Ethikrat (ja, es gibt ihn noch) gestellt hat: Wie kommt das gespendete Organ zum richtigen Empfänger? Oder besser: Wie wird gewährleistet, dass die Verteilung der Organe nicht nach dem, “wer am besten zahlt gewinnt” oder “wer mich am besten schmiert gewinnt” Kriterium verteilt werden oder, in den Worten des Deutschen Ethikrats: Wie müssen die Verteilungskriterien für Spenderorgane beschaffen sein, damit sie nicht anstößig sind.

Dazu hat der Deutsche Ethikrat wie immer eine Reihe von Personen eingeladen, ihre Position vorzutragen und unter denen, die der Einladung gefolgt sind, ist Prof. Dr. Micha Werner vom Institut für Philosophie der Universität Greifswald. Er hat seinen Vortrag mit “Kriterien gerechter Organallokation (innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)” überschrieben, wobei der Untertitel Fragen aufwirft, die man besser nicht an Philosophen richtet, obwohl es mich schon interessiert hätte, mich welcher sonstigen Vernunft Werner zu denken im Stande ist.

deutscherethikratEgal. Werner beschäftigt sich also mit der Frage, wie teilt man eigentlich Gebrauchtorgane an Organsuchende zu, nach welchem Kriterium?: Nach der Erfolgswahrscheinlichkeit, also der Wahrscheinlichkeit, dass der Organsuchende das transplantierte Organ auch in sich behält?; Nach der Dringlichkeit, also der Überlebenswahrscheinlichkeit, bei der die Frage des Transplantationserfolgs zunächst außen vor bleibt? Nun, diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, vor allem, wenn man die Fragen noch mit Ansprüchen wie: Es darf keine soziale Diskriminierung stattfinden, verkompliziert.

Ein kleiner Einschub: Was fällt unter soziale Diskrminierung? so fragt Micha Werner im Verlauf seines Vortrags und beantwortet seine Frage mit: “religiöse und ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Bildungsgrad, Zahlungsfähigkeit? Staatsbürgerschaft?”. Na, fällt jemandem etwas auf? Dass etwas fehlt zum Beispiel? Wem nichts auffällt, der betrachte das Kriterium, das Wikipedia als allererstes Kriterium einfällt, wenn es um soziale Diskriminierung geht: … na? … Geschlecht! Richtig! Micha Werner hat Geschlecht vergessen. Ich habe einen neuen Helden, einen Philosophen aus Greifswald, dem nicht wie einem Sprechautomaten immer und überall “Geschlecht” einfällt. Überhaupt kommt Geschlecht in seinem Vortrag überhaupt nicht vor. Schon deshalb ist es ein guter Vortrag, aber nicht nur deshalb:

Keine Diskriminierung dürfe es geben und transparent müsse das Verfahren sein, stellt Werner fest und legt beide Kriterien an den Paragraphen 12 des Transplantationsgesetzes an, dort heißt es:

“Die vermittlungspflichtigen Organe sind von der Vermittlungsstelle nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, insbesondere nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit für geeignete Patienten zu vermitteln”. (“vermittlungspflichtige Organe”: eine interessante Formulierung; Gespendete Organe sind die einzigen Subjekte, denen eine Metamorphose vom Subjekt zum Objekt und zurück gelingt, wobei an der Metamorphose eine ganze Reihe von Günstlingen verdient…).

Handbuch EthikZurück zu Werner, der sich fragt, was von dieser Passage im Gesetzestext zu halten ist und seine Frage mit: nichts in meiner Sprache beantwortet. Der Gesetzestext sei uneindeutig (Was sind geeignte Patienten? Wie bemisst sich die Erfolgsaussicht?), er stelle die Anwendung weiterer, nicht genannter Verteilungsregeln anheim, (z.B. Politiker bekommen immer sofort ein Organ und zwar so lange, bis eines gefunden ist, das selbst in einem Politiker bleiben will), eine Legitimation von Erfolgsaussicht und Dringlichkeit finde nicht statt und zudem vermittle der Gesetzestext den Eindruck, als seien die Kriterien der Dringlichkeit und der Erfolgsaussicht ausschließlich medizinische Kriterien, was sie jedoch dezidiert nicht sind.

Letzteres kann leicht nachvollzogen werden, wenn man sich fragt, wie sich z.B. Erfolgsaussicht bemisst:

  • Als Annahme der transplantierten Organe durch den Körper des Empfängers der Organe?
  • Als Maximimierung des Anteils aller angenommenen transplantierten Organe?
  • Als menschenwürdiges Leben nach der Transplantation? (Was zwangsläufig die Frage aufwirft, was ein menschenwürdiges Leben ist).
  • Als Wahrscheinlichkeit, mindestens 5 Jahre mit dem Organ zu überleben oder als Wahrscheinlichkeit, dass mindestens 90% der Organempfänger mindestens 5 Jahre mit dem transplantierten Organ überleben?
  • Oder muss man am Ende die Kosten für das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem berücksichtigen und fordern, dass die Kosten für die Beitragszahler so gering wie möglich gehalten werden, was letztlich dazu führt, dass nur dann Organe transplantiert werden, wenn die Aussichten einer erfolgreichen Transplantation besonders hoch sind?
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Das sagt nicht nur der Honigmann

Im Gutheitstaumel, der die Organspende umgibt, sind alle die genannten Fragen und noch viel mehr Fragen, die hier nicht genannt wurden, untergegangen bzw. nie gefragt worden. Insofern gebührt Micha Werner Hochachtung, Hochachtung dafür, dass er diese Fragen in die Diskussion beim Deutschen Ethikrat eingebracht hat (wenngleich ich den Eindruck habe, dass die Funktion des Deutschen Ethikrats darin besteht, die Möglichkeit zu schaffen, dass Fragen wie die von Micha Werner gestellt und dann vergessen werden können).

Was die Organspendepraxis in Deutschland angeht, so muss festgestellt werden, dass derzeit viel Geld mit Transplantationen verdient wird, es keinerlei transparente oder gar feste und regelgeleitete Form der Organverteilung gibt, dass alle moralischen und ethischen Fragen, die man an eine Organtransplantation stellen kann, weder gestellt noch beantwortet sind und dass es vor diesem Hintergrund nur eine vernünftige Entscheidung gibt, nämlich seine Organe für sich zu behalten, auch posthum.

liver on boardUnd selbst Micha Werner hat nicht gefragt, ob es eigentlich statthaft ist, Spenderorgane als “vermittlungspflichtige” Sachen zu behandeln, die nach Entnahme zu einer Art Gemeingut in staatlicher Verwaltung geworden sind, mit dem Dritte einen Verdienst erwirtschaften können. Und er hat sich nicht gefragt, ob es nicht moralisch notwendig wäre, Organspendern eine Mitsprache bei der weiteren Verwendung ihrer Organe einzuräumen, eine Art Widmung per Testament: Meine Niere geht nur an Männer über 50, oder: meine Organe dürfen nicht in Personen unter 15 Jahren eingebaut werden oder so. Ganz davon abgesehen, suggeriert der Begriff “Vermittlungspflicht” Menschen seien nach ihrem Tod (im besten Fall) ein Recyclinggegenstand, ein Gegenstand zum Ausschlachten und hätten mit ihrem Tod eine Metamorphose vom Individuum zum Allgemeingut vorgenommen, dessen sich Dritte nach Lust und Laune bedienen können (wie eine leerstehende Sozialwohnung) – eine moderne Form des Kannibalismus gewissermaßen.

Aber bis derartige Fragen in Deutschland diskutiert werden, wird es wohl noch einen Jahrtausendwechsel brauchen.

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Sozialpaternalismus: Herrschaft durch Entmündigung

Sozialpaternalismus ist eine Wortschöpfung, die ich gerade vorgenommen habe. Ja, und wo ich gerade dabei bin, den Begriff zu reklamieren, muss ich einräumen, dass ich zu schnell gewesen bin, mit meinem Innovations-Anspruch: Eine Suche in Google Scholar bringt für Deutschland immerhin 31 Einträge, eine Suche nach dem englischen Korrespondenten “social paternalism” erbingt immerhin 421 Einträge. Es gibt also schon einige Wissenschaftler vor mir, denen dieser Begriff in den Sinn gekommen ist. Das ist schön, da fühlt man sich nicht so alleine.

free to chooseUnter Sozialpaternalismus verstehe ich den Versuch, andere Menschen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie nicht gezeigt hätten, hätte man sie ihrem freien Willen entsprechend handeln lassen. In anderen Worten, Sozialpaternalismus ist für mich eine bewusste Manipulation der Willensfreiheit anderer mit dem Ziel, diese anderen zu einem Verhalten zu bewegen, das man selbst für “besser”, “günstiger” oder “nützlicher” hält, wobei noch zu klären wäre für wen das entsprechende Verhalten dann “besser”, “günstiger” oder “nützlicher” ist. Soweit ich sehe, ist die Betonung der Willensfreiheit eine Zutat, die bei den meisten anderen, die den Begriff benutzen, fehlt oder zumindest nicht betont wird. So betrachtet ist Sozialpaternalismus ein aggressiver Akt der Beeinträchtigung der Willensfreiheit anderer.

Unter Sozialpaternalismus fallen Versuche, Menschen zu gesundem Essen zu bewegen, also zu dem, was der “Versucher” als gesundes Essen ansieht. Darunter fallen Aufrufe, wie der der Bundesärztekammer, die Werbung für Tabakprodukte zu verbieten. Darunter fallen Steuern, wie die dänische Fettsteuer, die, nachdem sie von der Versucher-Lobby nach ihrer Einführung gefeiert wurde (Oktober 2011), nach gut einem Jahr, in dem die Steuer weitgehend nichts als Kosten verursacht hat, im November 2012 wieder abgeschafft wurde. Kurz: Sozialpaternalismus beschreibt jede Form eines Versuches, autonome Individuen zu einem Verhalten zu bewegen, das sie von sich aus nicht gezeigt hätten.

nudgeAusgerechnet Ökonomen, Richard Thaler und Cass Sunstein, haben sich zu Anwälten eines Sozialpaternalismus gemacht. Dabei bauen Sie nach ihrer Ansicht auf Forschungsergebnissen auf, die weitgehend von Amos Tversky und Daniel Kahneman produziert wurden. Demnach handeln Menschen nicht, wie die klassische Ökonomie dies in ihrem Ideal des “economic man” angenommen hat, rational und voll-informiert. Vielmehr, so hat Herbert Simon argumentiert, in einem Zustand, der mehr oder minder Informiertheit, der ihnen nur rationale Entscheidungen (einer bounded rationality) im Rahmen ihres Wissens ermöglicht. Und ganz so als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Menschen, also z.B. Politiker und Ärzte, die sozialpaternatlistisch anderen vorschreiben wollen, was gut und richtig für sie ist, auf Grundlage von Halb- oder Viertelinformation Entscheidungen treffen, nein, Tversky und Kahneman haben zudem gezeigt, dass die dann getroffenen Entscheidungen oftmals nicht optimal sind, nicht den Rationalitätsannahmen entsprechen, die Ökonomen Menschen zu Gute halten.

Z.B. kann man durch negative oder positive Formulierung Ergebnisse beeinflussen, wie Tversky und Kahneman am Beispiel einer Behandlungsmethode gezeigt haben. In zwei völlig identischen Szenarien betonen sie einmal, dass die Behandlungsmethode z.B. 320 von 400 Menschen rettet, einmal 80 von 400 Menschen sterben werden. In der ersten Formulierung findet die Behandlungsmethode weite Akzeptanz, in der zweiten Formulierung nicht.

Aus diesem Beleg dafür, dass man Menschen mit der Art und Weise, in der man Dinge formuliert, beeinflussen kann,  sowie aus der Tatsache, dass viele Menschen uninformierte und wenig rationale Entscheidungen treffen, leiten Thaler und Sunstein die Berechtigung ab, einen Sozialpaternalismus zu predigen, dessen Ziel darin besteht, die “dummen” und “irrationalen” Menschen in die richtige Richtung zu “nudgen”, zu drängen, also etwa zum Verzicht auf den Schokoriegel, weil er dick macht, zum Verzicht auf die Zigarette, weil das Krebsrisiko steigt, zum Verzicht auf das dritte Bier, weil es die Leber schädigt, zur Organspende, zur Riester-Rente, zum Verzicht auf Konsum und vieles anderes mehr, was gerade als opportun gilt.

Die Mittel zur Durchsetung des Sozialpaternalismus sind mannigfaltig. Sie beginnen bei Steuern und Abgaben, mit denen ein Verhalten wie z.B. das Rauchen von Zigaretten verteuert wird, und sie reichen bis zu Verboten von Werbung für ein Produkt oder von bestimmten Verhaltensweisen, wie z.B. dem Rauchen von Cannabis.

Gegen Thaler und Sunstein sind schon viele Argumente vorgebracht worden, auch auf ScienceFiles haben wir uns zu beider Paternalismus schon geäußert. Ich will deshalb den Punkt machen, den ich oben angsprochen habe und der mir in der bisherigen Diskussion untergegangen zu sein scheint (sofern er überhaupt gemacht wurde): Sozialpaternalismus ist ein aggressiver Akt der Einschränkung der Willensfreiheit anderer.

Diese Kritik gliedert sich in zwei Teile:

  • Sozialpaternalismus basiert auf einer usurpierten moralischen und Informationshoheit, für die es keinerlei Begründung gibt. Und er basiert auf einer Entmündigung anderer, die als unterlegen und sich selbst gegenüber unverwantwortlich etikettiert werden.
  • Sozialpaternalismus enthält Individuen gerade die Informationen vor, die sie benötigen würden, wollten sie eine informierte Entscheidung treffen.

Mir ist keine Argumentation bekannt, in der Sozialpaternalisten, die sich darin gefallen, anderen zu sagen, was gut für sie ist, die Grundlage ihrer vermeintlichen Informations-Überlegenheit offenlegen. So warte ich immer noch darauf, dass die Befürworter von Organspenden auf die Schwierigkeiten hinweisen, den Eintritt des Todes zweifelsfrei festzustellen, darauf, dass sie offen erklären, warum Organe von jungen Menschen nachgefragter und besser zu verwerten sind als Organe von alten Menschen, und vor allem warte ich darauf, dass jemand die Verdienstkette bei Organtransplantationen offenlegt: Wer verdient was und wie an gespendeten Organen?

Medical paternalismDiese Informationen wären notwendig, damit Individuen eine informierte Entscheidung, eine rationale Entscheidung darüber fällen können, ob sie Organe spenden wollen oder nicht. Dennoch werden die Informationen nicht bereitgestellt. Warum nicht? Weil es Sozialpaternalisten opportuner erscheint, Menschen zu erzählen, es sei in ihrem Interesse, Organe zu spenden? Weil man verhindern will, dass sie informierte Entscheidungen treffen? Weil es dann nicht so einfach wäre, eigene Interessen durchzusetzen? Sozialpaternalismus erweist sich hier als Mittel, um eigene Interessen unter dem Deckmantel des, “ich will nur Dein Bestes” durchzusetzen und wie sich zeigt, ist die Ignoranz derjenigen, die dem Sozialpaternalismus unterzogen werden sollen, die Voraussetzung für den Erfolg dieses Vorhabens.

Damit bin ich beim entscheidenden Punkt angelangt: Sozialpaternalismus ist eine Herrschaftsform, die davon lebt, Menschen in Unmündigkeit zu halten bzw. sie zu entmündigen, ihre Willensfreiheit zu ignorieren und sie zu abhängigen, nicht zur eigenständigen Führung ihres Lebens fähigen dahin vegetierenden Lebensformen zu machen, deren Wohl und Wehe davon abhängig ist, was Sozialpaternalisten gerade als zu behandelnden Gegenstand ansehen. Wohin man andere “nudged”, wo man anderen notwendige Informationen vorenthält, ist dann eine Frage des eigenen Vorteils . Warum fordert die Bundesärztekammer z.B. ein Verbot der Tabakwerbung, aber keine Pflicht zur umfänglichen Information über die Risiken einer Organspende? Warum will die deutsche Regierung so vehement gegen Dicke vorgehen und hat kein Problem damit, wenn jährlich Tausende von Jungen in deutschen Schulen benachteiligt werden? Warum dieser Versuch, Bürger zu entmündigen und ihre Willensfreiheit zu missachten, wenn man durch die Bereitstellung von Informationen dazu beitragen könnte, dass Bürger eine informierte Entscheidung treffen, die dann natürlich auch darin bestehen kann, eventuell ein paar Lebensjahre gegen vergnüglichen Tabakkonsum zu tauschen oder mehr Schokoladenriegel zu essen, als politisch korrekt?

Sozialpaternalismus ist Herrschaft durch Entmündigung, informierte Bürger stören dabei.

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