Organspende ist “gelebte Solidarität”!?

Wann immer Politiker unisono über ein und dasselbe Thema jammern, stellt sich bei mir der Verdacht ein, dass ich manipuliert werden soll, dass ich zu einer Handlung “veranlasst” oder “bewegt” werden soll, auf die ich von mir aus nicht gekommen wäre. Wenn nicht nur Politiker unisono über ein Thema reden, sondern sich auch Kirchen und Verbände anschließen, um das propagierte Handeln als “gesellschaftlich besonders wünschenswert” erscheinen zu lassen, dann gesellt sich zu dem bereits vorhandenen Verdacht ein beklemmendes Gefühl in der Magengrube und die Frage: “Warum sind die so versessen darauf, dass ich tue, was sie wollen?”

Organspende ist ein solches Thema. Politiker sind einig darin, dass es zu wenige Organspender gibt. Kirchen sind der Ansicht, dass Organspende ein “Akt der Nächstenliebe über den Tod hinaus” ist. Das Thema wird beherrscht von Mitleidsappellen, wie dem Verweis darauf, dass 12.000 Deutsche auf ein Spenderorgan warten, durchschnittlich 21 Deutsche pro Woche und während der Wartezeit sterben. Die Mitleidsappelle werden durch leichte Drohungen ergänzt: “Sie selbst können durch einen Unfall oder eine Krankheit jederzeit in die Situation geraten auf eine Organ- oder Gewebespende angewiesen zu sein”, droht etwa das Bundesministerium für Gesundheit. Stimmen aus der Ärztezunft, die so gerne mit Transplantationen helfen wollen, aber leider nicht genug transplantierbares Material haben, drängen auf eine “massive Aufklärungskampagne” und machen für die mangelnde Organspendenbereitschaft “Horrogeschichten” verantwortlich. Was wiederum dazu führt, dass sich alle Beteiligten darin einig sind, dass die Bevölkerung aufgeklärt, informiert und mit dem Gang der Explantation, wie die Ausweidung oder Entnahme von Organen heißt, vertraut gemacht werden. Und weil Information nie umsonst zu haben ist, wird im Rahmen der Information, regelmäßig und mit Nachdruck die Spendenbereitschaft der Bürger abgefragt, etwa so: “Sind Sie immer noch nicht bereit, sich solidarisch zu verhalten und im Falle Ihres Hirntodes sich von allem zu trennen, was Sie sowieso nicht mehr brauchen können?”

Kurz: Das Thema Organspende zeichnet sich derzeit dadurch aus, dass ein normativer Druck aufgebaut werden soll und wird, der Organspende zur sozialen Norm machen soll, die zu brechen in etwa dem Einbruch in den Kindergarten und der Entwendung der Nikolaussparbüchse entsprechen würde. Anders formuliert: Politiker, Kirchen und Verbände sind derzeit heftig damit beschäftigt, die Entscheidungsfreiheit von Individuen einzuschränken und ihnen die Organspende als soziale Norm zu setzen.

Über all der Setzung sozialer Normen und über allen Versuchen, die Organspende aus Nächstenliebe, Solidarität und allem, was sonst noch positiv konnotiert ist, salonfähig zu machen, ist den Beteiligten jedoch ihr Konsens darüber, dass “die Bürger” oder wahlweise “die Menschen” informiert werden müssten, etwas aus dem Blick geraten. Deshalb habe ich mich entschlossen, an dieser Stelle einige Stellen aus einem bemerkenswerten Artikel von Anna Bergmann (2011) zu zitieren, der es erstaunlicherweise in “Aus Politik und Zeitgeschichte” geschafft hat, obwohl er ein kritischer Artikel ist.

Die Voraussetzung für eine Organentnahme ist der festgestellte Hirntot des Spenders, wie im Transplantationsgesetz festgeschrieben. Hirntod ist jedoch nicht gleich Herztod:

“Für die Organentnahme wird der Körper des Spenders mit einem Schnitt vom Brust- bis zum Schambein geöffnet. Erst jetzt erleidet der Hirntote durch systematisches medizinisches Handeln jenen Tod, der uns durch seine Zeichen als Herztod bekannt ist – beispielsweise indem vor der Entnahme des Herzens mehrere Liter der kardioplegischen (herzlähmenden) Lösung in die große Körperschlagader (Aorta) gegeben wird und so der Herzstillstand herbeigeführt wird. Wenn der Herztod eingetreten ist, wird in der Regel noch Gewebe entnommen: Augen, Knochen und selbst eine Häutung kann erfolgen”. (11)

Die Feststellung des Hirntodes ist zu einer juristischen Handlung geworden, die die Unterschrift von zwei Ärzten erfordert. Entsprechend kann sich der juristische Hirntod durch die Einwirkung von Feier- und Urlaubstagen und damit verbundener Personalknappheit öfter einmal um ein paar Tage hinausschieben.

“Trotz der juristischen Festschreibung als Leichnam ist nach wie vor der Umgang mit Hirntoten von Unsicherheit beherrscht, insbesondere bei Operationsschwestern und Anästhesisten. Sie sehen, wie der ‘überlebende Körper auf seine Öffnung und auf die kalte Nähr- und Konservierungslösung reagiert, die dem Spender vor der Organentnahme gegen Verwesungsprozesse eingeflößt wird und das Blut ausschwemmt. Um irritierende Reaktionen auf diese Eingriffe (wie Bewegungen, Hautrötungen, Schwitzen, steigender Puls und Blutdruck) zu unterdrücken, werden dem Hirntoten Schmerzmittel und muskelentspannende Medikamente verabreicht. Ein Großteil der Explantation findet unter Narkose statt” (12)

Da zwischen Hirntod und Herztod der ärztliche Eingriff der Organentnahme steht, sind es Ärzte, die den “eigentlichen” Tod des Patienten herbeiführen.

“Die Hirntoddefinition erfordert den kompletten Ausfall aller Funktionen des gesamten Gehirns, dennoch bleiben bei vielen dieser Patienten wesentliche neurologische Funktionen erhalten. … Es sei nicht ganz falsch, im Zusammenhang mit der Organgewinnung von einem ‘justified killing’ zu sprechen. … Sich daraus ergebende juristische Fragen, bis wann ein Mensch Objekt eines Tötungsdelikts ist, und bis wann er das Grundrecht auf Leben mit all seinen Schutzwirkungen genießt, scheinen unter der Prämisse des aus therapeutischen Gründen gerechtfertigten Tötens hinfällig zu werden” (13)

Die geschilderten Verfahrensweisen, die mit einer Organentnahme nun einmal einhergehen, reichern die Moralrhetorik von Politikern und Kirchen mit einem Schuß Realität an und zeigen, dass es keine Frage der Solidarität mit wartenden Kranken ist, die bei einer Entscheidung für oder gegen Organspende zu beantworten ist, sondern die Frage, was Individuen als pietätvollen und würdevollen Umgang mit ihrem Körper auch nach ihrem Tod ansehen. Letztlich muss auch jeder für sich die Frage entscheiden, ob er der ärztlichen Feststellung seines Hirntodes vertraut oder nicht vielleicht doch lieber eines natürlichen Herztodes sterben will – einfach um sicher zu gehen.

Insofern wirken Aussagen des Bundesgesundheitsministeriums wie: “Organ- und Gewebespende ist gelebte Solidarität” nicht nur makaber, angesichts der Tatsache, dass die gelebte Solidarität den eigenen Tod erfordert, sondern zynisch, da sie individuelle Bedürfnisse auf dem Altar einer propagierten Gemeinschafts-Solidarität opfern, denn wie heißt es so schön im nämlichen Artikel aus dem Bundesgesundheitsministeriums: “Dabei kann ein einzelner Organspender bis zu sieben schwerkranken Menschen helfen”.

Vielleicht hat das Bundesgesundheitsministerium einfach die falsche Marketingstrategie. Entsprechend schlage ich die folgenden Slogans zur Verbesserung der Organspendeverpflichtungs-Akzeptanz vor:

“Organspende: Letzte Chance der partiellen Fortpflanzung für Kinderlose.”

“Organspende, denn die Hoffnung stirbt zuletzt.”

“Wozu auf das Paradies warten, wenn ein Weiterleben im Diesseits so nahe liegt? Daher: Organspende!”.

Bergmann, Anna (2011). Organspende – tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? Aus Politik und Zeitgeschichte 21-21/2011: 10-15.

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8 Responses to Organspende ist “gelebte Solidarität”!?

  1. Manifold says:

    Es wäre wohl besser, die Millionen von Euros in die Vorantreibung der Organzüchtung und Stammzellenforschung zu investieren, statt in das Bewerben ums Recyclen bereits angebrauchter Organe.

    Aber Stammzellenforschung ist ja im Westen “nicht ethisch vertretbar” – im Gegensatz zu Abtreibung und dem von dir ausgeführten “justified killing” zur Organentnahme.

    Maskulistische Grüsse,
    Manifold

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  4. Hat dies auf Gedanken rebloggt und kommentierte:
    Guter Artikel…

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