Die Entdeckung der Langzeitarbeitslosen

Arbeitslosigkeit ist ein Kümmergegenstand, und zwar für all diejenigen, die mit Arbeitslosigkeit ihr Geld verdienen, die Mitarbeiter in den Jobcentern, die die Arbeitslosen verwalten, die Weiterbilder, die die Arbeitslosen mit Fähigkeiten ausstatten, die Letztere nur in den seltensten Fällen einsetzen können, uvm.

Als Kümmergegenstand ist Arbeitslosigkeit negativ besetzt. Die affektive Konnotation ist eindeutig: Arbeitslosigkeit ist schlecht, ungewollt, ein Problem für die Arbeitslosen, eine gesellschaftliche Schande, und in jedem Fall ist Arbeitslosigkeit ein Gegenstand, aus dem sich trefflich politisches Kapital schlagen lässt und mit dem sich trefflich heucheln lässt, z.B. wenn man beim DGB durch Tarifverhandlungen Arbeitslose vom Arbeitsmarkt fernhält oder bei politischen Parteien durch die Einführung eines Mindestlohns dafür sorgt, dass Langzeitarbeitslose auch langzeitarbeitslos bleiben – entgegen aller gewerkschaflichen und politischen Rhetorik.

Deutsche DepressionUnd so ganz schlecht ist es ja nicht, wenn Langzeitarbeitslose langzeitarbeitslos sind, denn sie stellen eine Ressource dar, an der all die oben bereits genannten, verdienen können, und die von immer mehr Berufszweigen als ebensolche entdeckt wird. Das jüngste Beispiel ist die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die in einer Pressemeldung vom Leipziger Modellprojekt “Pschychosoziales Coaching” berichtet.

Was “Psychosoziales Coaching” ist, wie man sich psychosoziales Coaching konkret vorzustellen hat, ist wie immer, wenn Therapien angepriesen werden, nicht herauszufinden. Klar ist nur, dass es etwas mit Gruppenprogrammen, “Entspannung, Stressbewältigung, aktivem Alltag, Kontakt und Kommunikation” zu tun hat. Warum es nichts mit Diversität und gutem Essen zu tun hat, war ebenso wenig zu klären.

Psychosoziales Coaching ist wichtig, so steht es in der Pressemeldung, weil “die Mehrheit der älteren Langzeitarbeitslosen (66%) …an psychischen Erkrankungen, die bisher nicht erkannt oder nicht optimal behandelt wurden”, leidet. Wer als älterer Langzeitarbeitsloser gilt – 40jährige, 50jährige oder 60jährige – ist vollkommen unklar, aber dass sie psychosoziales Choaching benötigen, dass ist sicher.

Denn: die Mehrzahl der älteren Langzeitarbeitlosen ist nicht psychisch krank als Folge der Arbeitslosigkeit, sondern arbeitslos wegen der psychischen Erkrankung:

„Viele glauben, dass Langzeitarbeitslose durch die Arbeitslosigkeit psychisch erkranken. Häufig besteht eher ein umgekehrter Zusammenhang: Depressionen aber auch andere psychische Erkrankungen führen zu Arbeitslosigkeit und erschweren den Weg zurück in die Arbeit. Hier setzen wir mit dem Psychosozialen Coaching an: Wir sorgen dafür, dass die psychischen Erkrankungen gut behandelt werden und steigern damit die Chancen für den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben.“ sagt Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Projektleiter und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

chickencoachOb Ulrich Hegerl neben der Plausibilität, dass Depressive arbeitslos werden, und dem Wunsch, die Ressource “Langzeitarbeitslose” für die Therapeutenmeute anzuzapfen, die derzeit an deutschen Universitäten und Fachhochschulen ausgebildet wird und der das Schicksal depressiver Langzeitarbeitsloser zu werden, erspart werden soll, auch einen empirischen Beleg für seine Behauptung hat, ist abermals unklar.

Aber: Wenn z.B. Depression zu Langzeitarbeitslosigkeit führt und entsprechend das größte Hindernis für eine Arbeitsaufnahme darstellt, dann muss die Depression beseitigt werden, durch psychosoziales Coaching, von dem wir immer noch nicht wissen, was genau bei psychosozialem Coaching gemacht wird:

“24% der Teilnehmenden am Psychosozialen Coaching haben inzwischen wieder eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufgenommen, was eine unerwartet hohe Reintegrationsrate darstellt. ‘Das Psychosoziale Coaching ist damit ein wirkungsvoller Baustein, der Barrieren für die Vermittlung in den Arbeitsmarkt abbaut.’ so Prof. Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Die 24% sind ein hervorragendes Beispiel, um versteckte Prämissen aufzuzeigen:
Hätte Ulrich Hegerl die versteckte Prämisse, dass psychosoziales Coaching eine Hochleistungstherapie darstellt, 24% wären ihm zu mager, er würde sie als Misserfolg unerwähnt lassen, denn von einer Hochleistungstherapie wie dem psychosozialen Coaching würde man eine Erfolgsquote von mindestes 51% erwarten.

Also hat Ulrich Hegerl eine andere Prämisse, nämlich die, dass psychosoziales Coaching eine wirkungslose Zeitverschwendung darstellt, für die es “unerwartet” ist, wenn 24% der Teilnehmer tatsächlich anschließend eine Arbeit aufnehmen, was ja bedeutet, dass das Coaching an 76% der Teilnehmer spurlos vorbei gegangen ist.

Geht man davon aus, dass eine Intervention eine 50:50 Chance hat, etwas zu bewirken, dann würde man abermals erwarten, dass mindestens 51% der Teilnehmer eine Arbeit aufnehmen, nur dann wäre die Therapie als wirkungsvoll beschrieben. Entsprechend wäre eine Wirkung von 24% deutlich unter dem Ergebnis, das durch Zufall erreicht werden sollte, was bedeutet: Wenn psychosoziales Coaching einen Effekt hat, dann einen negativen: Es schreckt die Langzeitarbeitslosen noch mehr von Arbeit ab als sie sowieso schon abgeschreckt sind.

Wie es der Zufall so will oder: just zu dem Zeitpunkt, da die Depressionshilfe ihren Anspruch auf die Ressource “Lanzeitarbeitslose” anmeldet, wird beim IAB, dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, ein Kurzbericht veröffentlich, der mit: ALG-II-Bezieher schätzen ihre Gesundheit schlechter ein, überschrieben ist. Schlechter als was oder wer ist eine offene Frage, die verdeutlich, dass die Zeiten, in denen Komparative auch in Überschriften ausgeführt wurden, vorbei sind.

Die Lektüre des Kurzberichts zeigt, dass Langzeitarbeitslose ihre Gesundheit schlechter einschätzen als Nicht-Arbeitslose, dass sie häufiger rauchen und dicker sind als Nicht-Arbeitslose, dafür weniger trinken und mehr Sport treiben als Nicht-Arbeitslose. Die Ergebnisse, so stellen seine Autoren explizit fest, zeigen nicht, ob die schlechtere Gesunheit, die Langzeitarbeitslose für sich und im Vergleich zu Nicht-Arbeitslosen reklamieren, Folge oder Ursache der Arbeitslosigkeit ist.

Entsprechend bleibt der Kurzbericht hinter dem Leipziger Modellprojekt zurück, denn dort weiß man, dass psychische Krankheit die Ursache von Arbeitslosigkeit ist. Aber in einem sind sich Depressionshilfe und die Autoren des IAB-Kurzberichtes einig: Langzeitarbeitslose sind eine Ressource, die die beratenden Kümmerzunft nicht länger ungenutzt am Rande der Gesellschaft liegen lassen darf.

Kümmern ist angesagt, auf dass die Umkümmerten in die Arbeit flüchten, um den Bekümmerten zu entgehen:

IAB KB23“Daher wird es bei der Vermittlung darauf ankommen, die speziellen Bedürfnisse gesundheitlich Beeinträchtigter noch stärker einzubeziehen [als dies bisher der Fall ist]. Ein erster Schritt ist die gesondere Thematisierung gesundheitlicher Einschränkungen in den Beratungsgesprächen. So können möglicherweise nötige Unterstützungsleistungen erreicht werden. Dabei ist es sinnvoll, einen Teil der Mitarbeiter in Jobcentern speziell im Hinblick auf die Bedarfe gesundheitlich eingeschränkter Leistungsempfänger weiterzubilden …”

Der Glaube an die Sozialtechnologie ist unglaublich: Wir haben zwar keinerlei Indizien oder Anhaltspunkte dafür, dass es eine Hilfestellung gibt, die Jobcentermitarbeiter positiv im Hinblick auf die gesundheitliche Beeinträchtigung von Arbeitslosen geben könnten, aber wir geben sie dessen ungeachtet. Wir haben zwar keinerlei Idee, welche Maßnahme für die Arbeitslosen hilfreich und nützlich sein könnte, welche Maßnahme, sie in eine Arbeit vermitteln könnte, trotz ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung, aber wir machen schon einmal.

Derart ignorant gegenüber den Erfolgsaussichten seiner Bemühungen kann nur sein, wem es nicht um den Erfolg seiner Bemühungen, sondern um die Bemühungen als solche geht. Wer mit 24% Erfolgsquote und 76% Misserfolgsquote zufrieden ist, dem reichen Bemühungen. Wer Langzeitarbeitslose als Ressource anzapfen will, an der er verdienen kann, dem reicht das Bemühen. Wer Langzeitarbeitlose mit seiner Kümmerrhetorik belegen will, damit nicht auffällt, dass sie nur missbraucht werden sollen, dem reicht das Bemühen. Wer Langzeitarbeitslose darüber hinwegtäuschen will, dass nicht ihnen geholfen werden soll, sondern dass den Helfern geholfen werden soll, dem reicht das Bemühen. Wer in der Kümmerindustrie sein Geld verdient, dem reicht das Kümmern, das Bemühen, das auch ohne Erfolg mit selbstgerechter und selbstverliehener Gutheit geadelt und mit einem üppigen Auskommen versüsst wird.

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7 Responses to Die Entdeckung der Langzeitarbeitslosen

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  2. Erich says:

    Der Artikel spricht mir aus der Seele, aber in einem Punkt ist die Argumentation nicht stimmig.

    “Geht man davon aus, dass eine Intervention eine 50:50 Chance hat, etwas zu bewirken, dann würde man abermals erwarten, dass mindestens 51% der Teilnehmer eine Arbeit aufnehmen, nur dann wäre die Therapie als wirkungsvoll beschrieben”

    Das ist aus therapeutischer Sicht (pharmakologisch, chirurgisch, psychologisch etc.) keine sinnvolle Annahme. Irgendeine Intervention hat natürlich keine 50% Chance, etwas positiv zu beeinflussen. Um den Erfolg einer Maßnahme beurteilen zu können, müsste man wissen, wie viele der Arbeitslosen auch ganz ohne Intervention wieder eine Arbeit aufnehmen. Bei 0% wären 24% kein schlechtes Ergebnis (abhängig von Aufwand, Kosten etc). Wenn 23.9% auch ohne Hilfe wieder eine Arbeiten finden, gehen 24% im statistischen Rauschen unter.

    Noch besser wäre ein klassischer Einfachblindversuch (doppelt verblindet ist in diesem Fall leider kaum machbar). Eine Gruppe bekommt eine “echte” Therapie, die andere Gruppe erhält eine Phantasietherapie. Hier könnte man dann auch das ganze Arsenal der Statistik anwenden (mit allen Einschränkungen bei einfacher Verblindung).

    Die Annahme einer 50% Chance hilft in diesem Kontext aber ebenso wenig wie die Angabe einer 24% Erfolgsrate ohne Kontrollgruppe.

    • “Das ist aus therapeutischer Sicht (pharmakologisch, chirurgisch, psychologisch etc.) keine sinnvolle Annahme. Irgendeine Intervention hat natürlich keine 50% Chance, etwas positiv zu beeinflussen. Um den Erfolg einer Maßnahme beurteilen zu können, müsste man wissen, wie viele der Arbeitslosen auch ganz ohne Intervention wieder eine Arbeit aufnehmen. Bei 0% wären 24% kein schlechtes Ergebnis (abhängig von Aufwand, Kosten etc). Wenn 23.9% auch ohne Hilfe wieder eine Arbeiten finden, gehen 24% im statistischen Rauschen unter.”

      Das stimmt nur, wenn man annimmt, dass Langzeitarbeitslose eine negative Auswahl aus der Bevölkerung sind.

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      @Erich

      Sie haben sicherlich Recht damit, darauf hinzuweisen, dass sich gegen das 51%-Kriterium einiges einwenden lässt und dass es eine ganze Menge anderer Kriterien gibt, die man anlegen könnte.

      Wir haben uns mit dem Verweis auf das 51%-Kriterium über die Bescheidenheit gewundert, die plötzlich Einzug hält, wenn etwas kräftig finanziell gefördert werden soll, was dieses Kriterium aller Voraussicht nach nicht erfüllen kann – und das in Zeiten der Anbetung der 50%, die sich im Zuge des Gleichstellungswahns als magische Formel auf alles und jeden angewendet wird.

      Für die Sache wichtiger ist aber m.E., festzuhalten, dass es überhaupt keine mehr oder weniger anerkannten, geteilten Kriterien für den Erfolg einer therapeutischen Maßnahme gibt, auch nicht unter Therapeuten. Und das Problem stellt sich nicht nur mit Bezug auf Erfolgsquoten, also Kriterien für quantifizierbaren Erfolg, sondern es beginnt bei der Frage, was als Erfolg gelten soll. Was z.B. im Rahmen vieler mainstream-Therapien als Erfolg gilt (z.B. Anpassung des Klienten an die bestehenden Verhältnisse) könnte aus gestalttherapeutischer Sicht eine Niederlage darstellen.

      Mit Bezug auf die Frage, wo “Depression” beginnt und wo sie aufhört, herrscht auch nicht unbedingt Klarheit, und noch weniger ist klar ,ob depressive Langzeitarbeitslose eine Therapie oder eine Arbeit brauchen bzw. ob eine Therapie etwas anderes erzielen kann als eine emotionale Ruhigstellung, die sowohl die Arbeitsfähigkeit eines Langzeitarbeitslosen wiederherstellen als auch endgültig zerstören kann. Eine Evaluation, die diesen Namen verdient, müsste beide mögliche Ergebnisse in den Blick nehmen, und aus Sicht des Steuerzahlers müsste – gerade angesichts der verschiedenen möglichen Folgen von Depressions- (und anderen) Therapien – jedenfalls versucht werden, das Verhältnis zwischen Nutzen und Kosten wenigstens annähernd zu bestimmen.

  3. Henrik Leiner says:

    Der Erfolg einer Maßnahme lässt sich auch nicht mit der prozentualen Angabe der Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit belegen. Das Jobcenter kann die Kursteilnehmer kurzzeitig in die prekäre Zeitarbeit bringen um so einen Erfolg zu suggerieren. Dafür hat man dann einfach andere welche den Job sonst bekommen hätten in der Arbeitslosigkeit belassen. Die Kursteilnehmer also bevorzugt mit prekären Jobs beglückt aus denen sie dann nach einigen Monaten wieder freigesetzt werden. Da ist man dann realiter schnell bei der völligen Sinnlosigkeit der Maßnahme angelangt. Skandalös ist hier, dass solche Maßnahmen unter Drohung von Sanktionen erfolgen. Hier schiebt eine Politkaste, welche selbst nicht mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln ist, die von bezahlter Arbeit ausgeschlossenen vor um sich Posten zu bauen. Die Arbeitslosen müssen also ihrer eigenen Pathologisierung zustimmen und teilnehmen, wenn sie nicht riskieren wollen sanktioniert zu werden. So deutlich wird es natürlich von denen keiner zugeben.

    • cource says:

      dieses system verfährt nach wie vor nach dem adolfschen prinzip der V e r w e r t b a r k e i t
      und der Vernichtung der so genannten: “nicht lebenswerten” Geschöpfe

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