Haben Journalisten kein Urteilsvermögen? Idiotentest Teil II

Aus den Redaktionsräumen der Neuen Züricher Zeitung hat uns ein Hinweis auf wiederum einen Beitrag in der Wiener Zeitung erreicht, einen Beitrag von Eva Stanzl und Heiner Boberski. Die zwei Journalisten waren offensichtlich notwendig, um einen Beitrag zu verfassen, dem man das Elend des deutschsprachigen Journalismus, wie es im Idiotentest deutlich geworden ist, sehr klar entnehmen kann.

Das Elend lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:

  • Viele Journalisten haben keinerlei Urteilsvermögen.
  • Viele Journalisten ersetzen ihr fehlendes Urteilsvermögen durch einen manischen Glauben an eine Wahrheit, die sich an Positionen festmachen lassen soll.

Vorgeschichte

Unser Beitrag “Idiotentest für Journalisten fordert die ersten Opfer“, gehört mit zwischenzeitlich mehr als 22.000 Lesern zu den am meisten gelesenen Beiträgen auf ScienceFiles. Der Idiotentest wurde in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journal veröffentlicht, und zwar von u.a. Dennis Lendrem, den, wie wir aus dem Beitrag in der Wiener Zeitung erfahren, sein Sohn auf den Darwin Award aufmerksam gemacht hat, jenen Spass-Award, den Studenten der Universitäten Berkeley und Stanford ins Leben gerufen haben und seit Mitte der 1980er Jahre an Personen vergeben, die sich durch eine besonders idotische Weise aus dem Genpool entfernt haben.

Lendrem et al., haben die Preisträger nach Geschlecht ausgezählt und deutlich mehr Männer als Frauen gefunden. Eine Auszählung macht noch keine Wissenschaft, so haben sie sich gedacht, und deshalb eine Theory, namentlich die “Male Idiot Theory” erfunden. Und weil eine bloße Erfindung ohne Quellenangabe schnell die Leser misstrauisch gemacht haben, haben sie der Tautologie, die sie als Male Idiot Theory bezeichnen, noch eine Fussnote spendiert, wohlwissend, dass die wenigsten Leser den entsprechenden Verweis am Ende des Textes lesen werden. Die mittlerweile berühmte Beschreibung der Male Idiot Theory lautet:

“According to “male idiot theory” (MIT) many of the differences in risk seeking behaviour, emergency department admissions, and mortality may be explained by the observation that men are idiots and idiots do stupid things.”

Einen solchen Blödsinn wird natürlich kein Wissenschaftler von sich geben und würde man ihn willkürlich mit der Arbeit eines Wissenschaftlers belegen, er oder im Falle seines Todes seine Kollegen würden verärgert reagieren. Also brauchten Lendrem et al. jemanden, who would not mind, being the alleged author of Male Idiot Theory. Wer wäre besser geeignet als ein Satiriker, einer, der es gewohnt ist, andere zu veralbern:

McPherson

Das ist die Publikation, in der James McPherson angebliche die von vielen Journalisten für wissenschaftlich gehaltene “Male Idiot Theory” entwickelt hat.

Muss man jetzt wirklich noch die Frage stellen, ob die angebliche Studie, die eine willkürlich zu Stande gekommene Grundgesamtheit nach Geschlecht auszählt und mit einer erfundenen Male Idiot Theory begründet, auch nur einen Funken Ernst gemeint ist?

Eigentlich nicht – jedenfalls dann nicht, wenn man über ein eigenes Urteilsvermögen verfügt.

Das bringt uns zum Beitrag in der Wiener Zeitung, den Eva Stanzl und Heiner Bobarski verfasst und mit “Vorsicht britischer Humor” betitelt haben.

Fehlendes Urteilsvermögen und Positionsgläubigkeit

Wiener Zeitung
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Der Beitrag beginnt mit einer Herabwürdigung all der Preisträger des Darwin Awards, die sich um ihr Leben oder ihre Fortpflanzungsfähigkeit gebracht haben, “da sie ihr Hirn nicht einschalten”. Eine merkenswerte Formulierung, die Formulierung mit dem Hirn, das nicht eingeschaltet wird.

Es folgt die folgende Passage:

“Die Medienberichte über diese ‘Beweisstudie’ sind durchaus von Bewusstsein für Skurrilität getragen. Immerhin ist der Herausgeber das renommierte “British Medical Journal” (BMJ), das in seiner “Christmas Edition” auch heuer humorigen Fragestellungen mit standardisierten wissenschaftlichen Methoden zu Leibe rückt, inklusive korrekter Peer Reviews.”

Hier hat man zum ersten Mal den Verdacht, Stanzl und Boberski sind immer noch der Ansicht, das, was Lendrem et al. unter dem Titel “The Darwin Awards: sex difference in idiotic behaviour” veröffentlicht haben, sei in irgend einer Weise ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung und habe auch nur einen minimalen Gehalt.

Der Schrecken, dass dem so ist, wird im Verlauf des Textes noch größer, zitieren die Autoren doch Sätze wie: “Die Studie ist echt und auf der Webseite der Darwin Awards nachprüfbar”, oder “Mein Sohn, Ben, ist ein großer Fan dieses Preises. … Um sie [die Studie] in der BMJ Christmas Edition veröffentlichen zu können, brauchten wir noch einen Risikoforscher und einen Experten für Notfallaufnahmen. … Das BMJ verlangte dann von uns, die Datengrundlage zu erweitern”. Alle diese Zitate stammen von Dennis Lendrem und man muss ihm wirklich zugestehen, dass er sich in die Reihe der britischen Schelme, die wir sehr gut kennengelernt haben, seit wir auf der Insel leben, bestens einreiht. Statt den armen Opfern seines Pranks Erleichterung und Erkenntnis zu verschaffen, macht er das, was Henry James als “turn of the screw” bezeichnet hat, er setzt noch einen drauf.

rechenschieberMuss man wirklich darauf hinweisen, dass eine einfache Auszählung nach Geschlecht auf Basis einer willkürlich zusammengestellten Grundgesamtheit wie dem Darwin Award keinerlei Schluss über diese Grundgesamtheit hinaus zulässt, d.h. mehr Preisträger des Darwin Awards sind männlich als weiblich wäre die einzige Meldung, die verantworliche Zeitungsredakteure, die auch nur rudimentäre Ahnung von Wissenschaft haben, veröffentlichen könnten.

Es ist eigentlich ganz einfach: Eva Stanzl und Heiner Boberski sind Vertreter der Wiener Zeitung. Beide verfügen – wie man ihrem Beitrag entnehmen kann – über kein Urteilsvermögen. Wie die Datenerhebung im Rahmen des Beitrags “Idiotentest für Journalisten …” zeigt, ist das fehlende Urteilsvermögen ein Problem in vielen Redaktionen, was die Basis der JlJ-Theory – Journalists lack Judgement Theory – ist, die wiederum, wenn sie mit den emprischen Daten, die der Beitrag von Stanzl und Boberski darstellt, zu dem Schluss führen muss: Alle Redakteure der Wiener Zeitung haben keinerlei Urteilsvermögen. Richtig oder falsch? Tipp: Mit dem Beitrag von Lendrem et al. verhält es sich ganz genau so.

Doch zurück zu Stanzl und Boberski, die im Anschluss an die Zitate von Lendrem, die man als Journalist nur bringen kann, wenn man nicht merkt, dass man veralbert wird, folgendes fragen:

“Kämpfen Wissenschaftsjournale mit frivolen Mitteln um Leser? Wollen sie Forschung mit seichten Themen popularisieren, damit mehr öffentliche Gelder fließen? Beides ist denkbar. Allerdings gibt es weitaus dümmere Partygespräche als skurrile Studien – und warum soll Wissenschaft nicht auch mal bei Weihnachtsfeiern besprochen werden?”

Dazu muss man wissen, dass Lendrem et al. angekündigt haben, ihre vermeintlichen Studienergebnisse nach Veröffentlichung und während ihrer Teilnahme an Weihnachtsparties zu prüfen, was seltsam ist, da Lendrem ja behauptet hat, dass die Erweiterung der Datenbasis über den Darwin-Award hinaus vom BMJ angeblich gefordert wurde, was nur im Zusammenhang mit der Erstveröffentlichung Sinn macht, die aber bereits erfolgt ist, was Lendrem abermals als jemanden auszeichnet, der sich auf Kosten leichtgläubiger und mit keinem Urteilsvermögen ausgestatteter Journalisten lustig macht.

Offensichtlich kann er es so wenig wie wir glauben, dass es, angesichts der theoretischen Fundierung seiner Studie immer noch Journalisten gibt, die bei ihm nachfragen, die nicht selbst zu dem Schluss fähig sind, dass es keine wissenschaftliche Theorie gibt, die als Kartoon veröffentlicht wurde, so wie man den Begriff “idiotic” in wissenschaftlichen Veröffentlichungen umsonst sucht. Aber: Nichts ist offensichtlich so schwer zu beseitigen, wie das, woran Menschen partout glauben wollen, und Stanzl und Boberski wollen glauben, dass an der Studie etwas dran ist.

Der einzige Fehler an er Studie, den sie ausmachen können, besteht darin, dass sie mutmaßen, es handle sich dabei um ein seichtes Thema, mit dem das BMJ versuche, öffentliche Gelder zu sichern. Wer einmal auf der Homepage des BMJ war, der kringelt sich jetzt vor lachen. Es ist schon lustig, wenn ausgerechnet Journalisten, die nachweislich jeden Unsinn abdrucken, wenn er Auflage bringt, andere in der Weise kritisieren, in der Stanzl und Boberski dies hier tun.

Aber damit nicht genug. Es gibt noch eine denkwürdige Stelle im Text:

rofl“Kann es sein, dass jeder Mensch jede wissenschaftliche Studie nachprüfen muss? Dürfen wir uns auf renommierte Journale nicht verlassen? Schlagen Forscher sich tatsächlich in böser Absicht mit der Erstellung von Studien herum, nur um Schreiberlinge aufs Glatteis zu führen und – aus dem Hinterhalt – zu schauen, ob sie wirklich kritische Geister sind?”

Was glauben Stanzl und Boberski eigentlich, ist die Aufgabe von Journalisten? Natürlich haben Journalisten das, was sie ihren Lesern vorsetzen, zu prüfen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein Ergebnis, das mit gesundem Menschenverstand als Fake erkennbar ist, das auf zwei Seiten publiziert ist und das mit genau einer Recherche als offensichtlicher Fake erkennbar ist. Insgesamt dauert es rund 10 Minuten, um die Indizien für den Fake zusammenzutragen. Und das ist eine Leistung, die Journalisten nicht mehr erbringen können?

Es ist noch erbärmlicher als wir gedacht haben.

Und natürlich macht es Spass, die von Stanzl und Boberski als Schreiberlinge titulierten Journalisten, die ihre Leser von morgens bis abends belehren wollen, aufs Glatteis zu führen, schon weil es dadurch möglich ist, die fähigen von den unfähigen Journalisten zu trennen. Die fähigen Journalisten, das sind die mit dem Urteilsvermögen.

Und Urteilsvermögen setzt voraus, dass man nicht Positionsgläubig ist und meint, ein Text sei deshalb gut und richtig, weil ihn ein Positionsinhaber oder eine Institution veröffentlicht haben. Ein Text ist richtig, weil er mit den Fakten übereinstimmt und Urteilsvermögen setzt es voraus, dass man die Fakten zur Kenntnis nimmt und prüft, ob sie die Behauptungen, die sie stützen sollen, auch stützen. Das ist eine Grundqualifikation von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu leben.

Wissenschaftswächter2Im Text von Stanzl und Boberski werden ScienceFiles, nein ScienceWatch, das sind auch irgendwie wir, als “selbsternannte Wahrheitspolizei” bezeichnet. Das ehrt uns. Wir wären nie soweit gegangen, uns als Wahrheitspolizei zu bezeichnen, aber wenn Stanzl und Boberski uns in entsprechenden Ehren halten wollen, dann soll uns das recht sein. Das Adjektiv “selbsternannt” zeigt abermals die Positionsgläubigkeit der Autoren. Wie sonst, wenn nicht selbsternannt? Wie soll man ein Urteilsvermögen entwickeln, wenn nicht aus eigenem Antrieb heraus? Dass die Position “Journalist”, die Ernennung von X zum Journalisten Urteilsvermögen nicht miteinschließt, das hat die Berichterstattung unter der Überschrift “Männer sind Idioten” eindrücklich und hinlänglich belegt.

Übrigens unterscheidet es Wissenschaftler von Journalisten, dass Wissenschaftler natürlich Watchdogs sind, denn im Gegensatz zu Journalisten sind sie in der Regel keine Wasserträger bestimmter (ideologischer) Interessen und verfügen im Gegensatz zu vielen Journalisten, wie der Idiotentest zeigt, über die Qualifikationen, die es ermöglichen, Unsinn zu erkennen – sie haben schlicht Urteilsvermögen.

Wir stellen entsprechend fest, dass selbstbestimmtes und selbstverantworliches Arbeiten in Teilen der Jorunalie nicht mehr vorhanden ist, nicht einmal der Anspruch hierauf und das – um mit Stanzl und Boberski zu sprechen, es viele gibt, die “ihr Hirn nicht einschalten” (können).

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