Wirtschaft, Wirtschaft ist schlecht. An Wirtschaft macht man sich besser nicht die Hände schmutzig. Wirtschaft, das sind Bonzen, egoistische Bonzen, multinationale Konzerne, multinationale Umweltverschmutzer, multinationale Arbeiterausnutzer und egoistisch und nutzenmaximierend sind sie obendrein.
Der Staat und seine Funktionäre, die Parteien, die Gewerrkschaften, das sind die Reinen, die Guten, die Gesegneten, die Wohlwollenden, die, die im Auftrag des Wählers unterwegs sind, um Gutes zu tun, um reine und altruistische Werte in der Gesellschaft durchzusetzen, frei von Eigeninteresse und Nebenwirkungen aller Art.
Es droht das Verderben: die Ökonomisierung!
Diese Gefahr haben schon vor geraumer Zeit die GEW und deren Vize Andreas Keller erkannt. Und mutig, im rein-weißen Hemd des Kämpfers für das deutsche Reinheitsgebot der Bildung, ist Keller dem Wolf der Wirtschaft entgegengetreten und hat gefodert: “Ausverkauf von Forschung und Lehre stoppen„.
Alles, was er sonst noch gefordert hat, findet sich heute in einem Beitrag auf Tagesschau.de, in dem eine Sandra Stalin_ski unter der Überschrift „Die Wirtschaft mischt sich ein“, zunächst das Horrorszenario entwickelt, dass Studenten bald an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena keine vedischen Schriften mehr übersetzen können.
Warum?
Wegen der Ökonomisierung. Die Ökonomisierung verlangt nämlich von Hochschulen, dass an ihnen verwendbares Wissen vermittelt wird, dass das Angebot der Hochschulen auf den Bedarf der Gesellschaft, nein, der Wirtschaft ausgerichtet wird, und dort braucht man keine Veden-Übersetzer – das jedenfalls meint Frau Stalinski – und die muss es wissen.
Ganz im Gegensatz zu staatlichen Institutionen, die natürlich ebenso wenig wie Gewerkschaften oder Parteien versuchen, Einfluss auf Hochschulen zu nehmen. Dass Bundesministerien Professuren mit zweifelhafter Denomination und mehr als zweifelhaftem Wert, z.B. die Professur von Heinz-Jürgen Voss für „die nachhaltige Verankerung und die Fortentwicklung der Forschung zum Thema ‘Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung'“ an der Fachhochschule Merseburg finanzieren, ganze Studiengänge wie die Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin eingerichtet haben und mit dem Professorinnenprogramm nicht schamlos einen finanziellen Köder vor die Nase der finanziell klammen Hochschulen halten, den die meisten Rektoren nur zu gerne aportieren, das ist natürlich keine Einflussnahme. Es entspringt einem reinen Geist, einem reinen Interesse, reinen Motiven, die direkt aus dem ministerialen Paradies stammen, kurz: es ist reiner Unsinn.
Das alles ist vollkommen unbedenklich, denn es ist rein und pur und gut und schön und vor allem nicht Wirtschaft.
Wirtschaft dagegen, Wirtschaft ist schlecht, ist böse. Wenn Unternehmen Stiftungsprofessuren einrichten, um auf die Ausbildung an Hochschulen Einfluss zu nehmen und zu verhindern, dass die Absolventen so gar überhaupt keine Ahnung von dem haben, was in Unternehmen gefodert wird, dann ist das egoistisches Selbstinteresse von Unternehmen und nicht zu vergleichen damit, dass die Netzwerker aus politischen Stiftungen und Genderlehrstühlen sich regelmäßig zum Netzwerken am kalten Buffet der Klageveranstaltung treffen, bei der über den Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft lamentiert wird, während das Buffet von Steuerzahlern finanziert ist.
Gleiches gilt für die Unternehmen, die teure Gerätschaften finanzieren und im Gegenzug von Hochschulen erwarten, dass auch Interessen der finanzierenden Unternehmen in den Forschungsgegenstand einfließen. Wie egoistisch und schmutzig, die reine Lehre und Forschung zerstörend diese Unternehmen doch sind.
Ganz anders die Finanzierung von Legitimationsstudien durch öffentlich-rechtliche Institutionen, die bereits durch die Vorgabe der Fragestellung Einfluss auf das Ergebnis nehmen. Natürlich nur, damit die Ergebnisse auch wissenschaftlich rein und richtig und pur und ohne Einflussnahme von außen durch die reinen Mägde der Wissenschaft gewonnen werden können.
Sandra Stalinski hat es gerade wieder bewiesen, dass dieser Unsinn funktioniert. „Die Wirtschaft mischt sich ein.“ Ja, sowas auch. Die Wirtschaft hat Interessen, eigene Interessen, wirtschaftliche Interessen, egoistische Interessen, pfui. Wie gut, dass es die interesselosen, guten und altruistischen Parteien, Gewerkschaften und staatlichen Institutionen gibt, sonst wäre man als Deutscher den Wölfen aus der Wirtschaft schutzlos ausgeliefert und müsste mit ansehen, wie sie die Hochschulen kapern und das Professorinnenprogramm durch Informatiklehrstühle und Genforschung und Astrophysik-Lehrstühle ersetzen.
Nicht auszudenken.
