Die westliche Tradition des Totalitarismus

Die westliche Zivilisation sie soll ihre Anfänge in Griechenland nehmen, in den Ideen der Vertreter jener neuen Wissenschaft der Philosophie und in den Versuchen, eine Athenische Demokratie zu leben.

Das ist die Tradition, die immer wieder gerne bemüht wird, wenn es darum geht, die Demokratie und die westliche Zivilisation zu feiern. Sie wird gefeiert, ungeachtet der Tatsache, dass die Athener Demokratie eine Demokratie war, die rund 90% der Bevölkerung von der Teilnahme ausgeschlossen hat – also ein kaum mit dem heutigen Verständnis der Vier-Jahres-Instant-Wahl-Demokratie zu vereinbarendes Verständnis von Demokratie.

Offene GesellschaftDie westliche Tradition der Demokratie, diese gedachte ideale Linie, die Perikles direkt mit Angela Merkel zu verbinden scheint, sie ist eine ungetrübte Verbindungslinie, ein historisches Band des Reinen und Hervorragenden, ein Band, das vergessen machen oder übertünchen soll, dass die westliche Tradition auch den Totalitarismus umfasst, und dass dieser Totalitarismus ebenfalls seine (formulierten) Anfänge in Griechenland nimmt, in der Philosophie von Platon, der seinem Lehrer Sokrates damit wenig Ehre gemacht hat.

Karl Raimund Popper hat den gesamten ersten Bank der Offenen Gesellschaft der Darstellung totalitärer Tendenzen bei Platon gewidmet, einen Band, den er als historische Spurensuche betrieben hat, wie er im Vorwort zur siebten deutschen Auflage im Jahre 1992 geschrieben hat:

“So ging ich auf Spurensuche in der Geschichte; von Hitler zurück zu Platon: dem ersten großen politischen Ideologen, der in Klassen und Rassen dachte und Konzentrationslager vorschlug.” (ix)

Die totalitäre Tradition, die Platon begründet hat, ist ebenso Bestandteil der westlichen Zivilisation wie die demokratische Tradition, wenn nicht gar ein stärker Bestandteil…

Die Verbindung zwischen Platons Totalitarismus und dem heutigen Totalitarismus, der in vielen Formen seinen Ausdruck findet, kann man am besten am Höhlengleichnis von Platon deutlich machen.

In der von Platon beschriebenen Höhle sind die Menschen mit Ketten an eine Wand geschmiedet. Vor sich sehen sie die flickernden Schemen dessen, was sie als reale Dinge ansehen, die das aber nicht sind. Sie sehen Schatten von Objekten, die vor ein Feuer gehalten werden, das sich hinter den Menschen befindet. Entsprechend verbringen die Menschen ihr ganzes Leben in dem Glauben, die Schatten spiegelten das reale Leben wider. Dann befreit sich einer der Menschen von seinen Ketten und wendet sich in Richtung Feuer. Zunächst sieht er nur verschwommen, dann sieht er, was wirklich ist und stolpert aus der Höhle in das Sonnenlicht des Tages. Der Mensch, der sich befreit hat, ist ein Philosoph. Er kann hinter die Erscheinungen blicken, die Realität hinter den Erscheinungen erkennen. Ordinäre Menschen haben keine Ahnung von der Welt hinter der Welt der Erscheinungen. Sie sehen nur Schatten anstelle von Realität. Doch wenn der Philosoph den ordinären Menschen seine Erkenntnis über die Realität vermitteln will, wenden sie sich ab. Sie glauben ihm nicht.

Im Höhlengleichnis gibt es drei Punkte, die man herausheben muss:

  • Nur Philosophen sind in der Lage, die Realität zu erkennen.
  • Ordinäre Menschen verbringen ihr Leben in der Welt der Schatten.
  • Die Erkenntnis der Realität ist nicht zu vermitteln, sie bleibt Philosophen vorbehalten.

Aus diesen drei Punkten hat Platon in seiner Schrift “Der Staat” drei Konsequenzen gezogen:

  • Platon StaatPhilosophen müssen Gesellschaften führen. Gesellschaften können nur unter der Herrschaft von Philosophen erfolgreich sein.
  • Ordinäre Mitglieder der Gesellschaft, die die Erkenntnis von Philosophen nicht haben können und denen die Erkenntnis von Philosophen nicht zu vermitteln ist, müssen von der Herrschaft in einer Gesellschaft ausgeschlossen werden.
  • Um die ordinären Mitglieder der Gesellschaft zu ihrem Glück zu zwingen, das nur die erleuchteten Philosophen kennen, ist es statthaft, die ordinären Mitglieder zu belügen und mit Tricks zu ihrem Glück zu bringen. Um zu verhindern, dass die tumbe Masse sich gegen ihre Philosophen-Herrscher wendet, sind Gesellschaften durch einen intermediären Stand der Krieger zu sichern, der im Status nach den Philosophen, aber vor den ordinären Menschen kommt.

Diese, von Platon begründete totalitäre Tradition, sie lebt in den unterschiedlichsten Facetten in den heutigen, vermeintlich demokratischen Gesellschaften fort.

Z.B. in Gutmenschen, denen eine Erkenntnis, von der sie im Einklang mit dem Zeitgeist behauptem, sie sei wissenschaftlich begründet, offenbart wurde, eine Erkenntnis, die ihnen aus ihrer Sicht die Legitimation verschafft in die Leben anderer Menschen zu intervenieren, jener Mitglieder der ordinären tumben Masse, die immer noch an die Wand in der Höhle angeschmiedet sind. Ganz im Gegensatz zu den Gutmenschen, die die Höhle verlassen haben und denen die Wahrheit offenbart wurde.

Z.B. die ideologischen Krieger in den politischen Vereinen der Parteien oder in den unzähligen Instituten, die sich der Aufgabe widmen, Widerstand in der tumben ordinären Masse, Widerstand gegen die Verkündungen der politisch korrekten Orakel zu bekämpfen, entweder dadurch, dass der tumbe ordinäre Nachwuchs Erziehungsprogrammen unterworfen wird, die ihn von üblen Einflüssen reinigen sollen oder dadurch, dass der üble Einfluss, der die tumbe ordinäre Masse verseucht hat, mit linksextrem-gesegneten Molotowcocktails bekämpft wird.

Die Versuche, totalitäre Strukturen durchzusetzen und anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, sie sind mannigfaltig, und wenn es in der deutschen Gesellschaft einen Sport der Pseudo-Intellektuellen gibt, dann wohl den, anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und lassen haben:

Pseudo-Intellektuelle Sprachverstümmler wollen anderen das richtige Sprechend und Schreiben vorschreiben.

Pseudo-Intellektuelle Lebensverlängerer wollen andere vom schädlichen Konsum von Zigaretten und Alkohol abhalten und lassen sich ständig neue Schikanen einfallen, um Rauchern und Trinkern ihr Hobby zu vergällen.

Pseudo-Intellektuelle Schlankheitsfanatiker ächten alles, was dick ist, und versuchen, ihr Body-Mass-Index-Ideal durchzusetzen.

Der Totalitarimus lebt!
Das, was den Totalitarismus auszeichnet, der Glaube, man sei im Besitz der Warheit und der darin begründete Übergriff auf andere, von denen man glaubt, die Wahrheit sei ihnen verschlossen, er ist so lebendig, wie nie.

Entsprechend ist die Liste der modernen Totalitarismen beliebig verlängerbar. Wer sie verlängern mag, die Kommentarfunktion steht bereit.

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… concerned with and about science

14 Responses to Die westliche Tradition des Totalitarismus

  1. MURAT O. says:

    Hat dies auf MURAT O. rebloggt.

  2. rote_pille says:

    Sehen Sie Demokratie und Totalitarismus als Gegensätze? Ich sehe bei beiden gute Möglichkeiten für eine Koexistenz.

  3. caruso says:

    Kurz, bündig und richtig! Danke!
    lg
    caruso

  4. A.S. says:

    Aktuell beansprucht Deutschland ja mal wieder Lebensraum im Osten. Zwar nicht für sich selber, aber für diejenigen, die man zwar aufnehmen will ohne sie ins eigenen Land zu lassen. Die Bewohner vor Ort, z.B. in Ungarn, werden nicht gefragt wie sie das halten wollen. Und inzwischen auch die Regierung nicht mehr, zumindest wenn man Steinmeier wirklich glauben mag.
    Anspruch auf das Land der Nachbarn ist auch eine Konstante der westlichen Tradition. Nicht nur im “Westen”, aber eben auch da.

  5. Horst Walter says:

    “Pseudo-Intellektuelle Schlankheitsfanatiker ächten alles, was dick ist, und versuchen, ihr Body-Mass-Index-Ideal durchzusetzen”.

    Können Sie ein Beispiel geben?

  6. Peter Merbitz says:

    Totalitarismus in der Wissenschaft ist etwas, das die Wissenschaftsgeschichte ständig begleitet. Allerdings gab es selten Situationen, in denen Gegner der wissenschaftlichen Dogmen physisch vernichtet wurden.
    Als Beispiel in der Geologie das Dogma des Asteroideneinschlages als Ursache für das Massensterben an der KT-Grenze, welches bis heute festgemauert in den Köpfen steht. Geschaffen unter anderen von Luis und Walter Alvarez dominierte diese Theorie so weit, dass andere Erklärungsansätze als schierer Unsinn und Spinnerei abgetan wurden.
    Die Freudsche Psychoanalyse mit der Kernneurose als Dreh- und Angelpunkt, ausgelöst durch frühkindliche Sexualtraumata, geistert bis heute durch die Köpfe und nahm zu Hochzeiten totalitäre Züge an, insofern, dass Gegner der Psychoanalyse als selbst betroffen angesehen wurden (H.v.Ditfurt: Innenansichten eines Artgenossen).
    Derzeit leidet die Wissenschaftswelt unter dem Dogma des anthropogen generierten Klimawandels (AGW). Seine Propheten genießen höchstes Ansehen bei Politik und Medien. Offenbare Fälschungen (Klimategate und derzeit die Adjustierung von Daten) werden verdrängt oder als wissenschaftliche Methoden dargestellt.

    Bezeichnend in allen Fällen ist, dass einzelne, wichtige Fakten ja real sind. Es gab den Asteroideneinschlag und die meisten Dinos sind ausgestorben. Es gibt psychische Störungen und es gibt wohl auch frühkindliche Sexualerlebnisse. Und natürlich gibt es einen ständigen Klimawandel und ein Ansteigen des atmosphärischen CO2-Gehaltes. In allen diesen Fällen werden Theorien, die diese Erscheinungen verbinden, zu Dogmen, wenn keine anderen Theorien zugelassen werden und deren Vertretern ad hominem begegnet wird.

  7. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Die westliche Tradition des Totalitarismus

  8. Gustav Hornung says:

    Man kann zu allem und jedem Verbindungen zu Hitler knüpfen, wenn man das vorhat.
    Im übrigen: das Höhlengleichnis ist eine der tiefgründigsten Parabeln, die je ersonnen wurden. Hätte Hitler (und viele andere) es nur kapiert!

  9. zrwd2 says:

    die Erziehungsdiktatur der Philosophen strebte der junge ‘humanistische’ Karl Marx in der ‘Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie’ an. Im kommunistischen Manifest wurden die Philosophen von Engels und Marx Kommunisten genannt, welche selbst dem auserwählten Volk der Arbeiterklasse noch die Einsicht in die Gesetze und das Ziel der mit naturwissenschaftlicher Notwendigkeit gedachten Geschichte haben und damit ebenso die Aufgabe haben der Arbeiterklasse zum Kommunismus zu verhelfen. Bei Lenin und mehr noch dem Heidegerianer Marcuse übernahmen dann die Intelligenz bzw. die Intellektuellen diese Aufgabe, während Habermas die folgenden Jahrzehnte damit verbrachte, die Überlegenheit der Intellektuellen durch allerlei eklektizistische Anleihen bei anderen Philosophen zu fundieren. Währenddessen meuchelten die Intellektuellen unschuldige Bürger.

    Das ist der Kern des Totalitarismus. Man sieht es handelt sich dabei um einen rein deutschen Kern. Von daher ist es unverschämt die Europäer für die rein deutschen Totalitarismen verantwortlich zu machen. Der von Popper bemühte Platon ist seit Jahrtausenden tot; Marx lebt dagegen noch an der deutschen Universität, der Brutstätte des Totalitarismus der einstmals auch der nationalsozialistische Zwillingsbruder entstieg. Zwar wesentlich auf Kosten des Steuerzahlers aber immerhin.

    • Ich kann mich nur über die Totalität, mit der Sie die Richtigkeit ihrer Behauptung, ohne auch nur einen Beleg behaupten, wundern. Vielleicht haben Sie ja Recht und Totalitarismus hat einen rein deutschen Kern. Wer käme auch auf die Idee, nicht-Deutsche wären zu einer vergleichbaren Boshaftigkeit fähig …

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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