Bundesministerium für Bildung eliminiert Arbeiterkinder

Aus irgendwelchen Gründen finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung zwei aufwändige Berichte, die Studenten zum Gegenstand haben:

  • Der Studierendensurvey, der zwischenzeitlich in seiner 12. Runde stattgefunden hat, wird rund alle drei Jahre durchgeführt und hat “Studiensituation und studentische Orientierungen” zum Gegenstand.
  • Die Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks, die es auf 20 Erhebungen gebracht hat, wird ebenfalls alle drei Jahre durchgeführt und hat die “wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden” zum Gegenstand.

StudierendensurveyDie beiden Berichte haben einige Überlappungen und unterscheiden sich im Wesentlichen darin, dass die Sozialerhebung harte Daten erfragt, also verfügbares Einkommen, Zeitaufwand für das Studium, während der Studentensurvey Einstellungen zu Studienqualität oder Arbeitsmarkt bzw. die politische Orientierung erfragt.

In vielen Teilen sind beide Berichte einfach nur deckungsgleich. Beide enthalten sozio-demographische Daten, beide erfragen die finanzielle Situation im Studium, beide analysieren den Ablauf des Studiums, die Sozialerhebung unter dem Stichwort “Zeitbudget”, der Studierendensurvey unter der Überschrift “Studieneffizienz”. Kurz: Warum es zwei Berichte geben muss, wenn einer problemlos die in beiden Berichten zu findenen Informationen bündeln kann, warum einmal gut 15.000 Studenten (in der Sozialerhebung) und dann noch einmal rund 5.000 Studenten im Studierendensurvey befragt werden müssen, ist das Geheimnis des BMBF.

Vielleicht hat man es beim BMBF nicht so mit der effizienten Verwendung von Steuergeldern. Vielleicht hat man noch alte Netzwerke zu pflegen, in Konstanz oder in Hannover. Vielleicht geht es auch darum, sich im Bedarfsfall Daten aussuchen zu können, z.B. die Daten, die am besten passen. Vielleicht geht es auch schlicht darum, Informationen zu manipulieren, z.B. dadurch, dass man sie komplett unterschlägt.

So enthält der 12. Studierendensurvey die folgenden Ausführungen zur sozialen Herkunft von Studenten:

“Die soziale Herkunft, bestimmt über den höchsten Bildungsabschluss der Eltern, verweist auf eine unterschiedliche Verteilung der Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen. An den Universitäten überwiegt immer noch die akademische Herkunft, denn 58% der Studierenden haben Eltern mit Studienerfahrungen, entweder an einer Universität (47%) oder an einer Fachhochschule (11%). Die sogenannten „Bildungsaufsteiger“, d. h. Studierende mit Eltern ohne Hochschulerfahrung, sind mit 63% an Fachhochschulen weit häufiger vertreten als an den Universitäten mit 42%.” (57)

Jonglieren mit Prozentzahlen, zum Zwecke der Leserverwirrung.
Zunächst zur Klärung:

Sozialerhebung 20Im Rahmen des 12. Studierendensurvey wurden 4.671 Studenten befragt, davon finden sich 3.594 an Universitäten (77%) und 1.077 (23%) an Fachhochschulen. Von diesen 4.671 Studenten haben 58%, also 2.709 Studenten mindestens ein Elternteil mit einem Hochschulabschluss, was 42% (1.962 Studenten) übrig lässt, die kein Elternteil mit einem Hochschulabschluss haben. Von den 2.709 Studenten mit mindestens einem Elternteil, das einen Hochschulabschluss hat, haben 2.195 Studenten mindestens ein Elternteil mit einem Universitätsabschluss, 514 Studenten mindestens ein Elternteil mit einem Fachhochschulabschluss.

Jetzt wechselt die Prozentuierungsbasis im Text, denn die 63% Bildungsaufsteiger, bei denen es sich um Studenten handelt, die kein Elternteil mit Hochschlabschluss haben, beziehen sich auf Studenten an Fachhochschulen, also 63% von 1.077. Ergibt 679 Studenten. Die 42% Bildungsaufsteiger an Universitäten summieren sich auf 1.661 Studenten (von 3.594 Studenten, die an Universitäten studieren und im Studierendensurvey befragt wurden).

Nun, nachdem klar ist, was hier dargestellt ist, zu den Fragen, die die Darstellung aufwirft.

Der Begriff “Bildungsaufsteiger” wird auch dadurch nicht besser, dass er im Studierendensurvey generell von Hochkommata eingefasst wird. Die Annahme, die diesem Begriff innewohnt, lautet: Facharbeiter oder Filialleiter bei der Sparkasse mit Abitur, aber ohne Studium sind dümmer als Akademiker, weshalb die Kinder dieser dümmeren Facharbeiter und Filialleiter dann, wenn sie in den akademischen Olymp vordringen, Bildungsaufsteiger sind.

Dagegen vererbt sich bei Akademikern scheinbar die Kapazität des Gehirns, weshalb im selben Bericht von “akademischer Reproduktion” geschrieben wird. Akademische Reproduktion zeichnet sich durch “Bildungsvererbung” aus, wie man dem selben Bericht entnehmen kann. Wer also einen Hochschulabschluss hat, egal, wie er ihn erreicht hat, egal, wie wenig sein Abschluss Ausweis von Intelligenz ist, gilt als Akademiker und gibt seine entsprechenden Fähigkeiten an seine Kinder weiter, die somit schon von Geburt an, den Kindern, die erst noch in die Bildung aufsteigen müssen, überlegen sind.

Man könnte auch Bildungsober- und Bildungsuntermenschen sagen, aber das wäre politisch nicht korrekt. Also schreiben wir: Bildungsaufsteiger und akademisch Reproduzierte oder Bildungserben.

Neben dem, was im Studierendensurvey geschrieben steht, ist noch interessant, was nicht geschrieben steht. Die oben zitierte Passage ist weitgehend das, was es zur sozialen “Herkunft der Studierenden” im Bericht zu sagen gibt.

Fehlt Ihnen etwas?

Nun, man könnte einwenden, dass die deutsche Sozialstruktur nicht nur akademisch Reproduzierte und Bildungsaufsteiger kennt, Akademiker also nicht der Nabel der Gesellschaft sind. Man könnte darauf hinweisen, dass die deutsche Gesellschaft auch Angestellte und Arbeiter, ups, jetzt ist es raus, also Arbeiter kennt, jene Bildungsfernen, deren Kinder erst aufsteigen müssen, damit sie das geistige Niveau erreichen, das die Kinder von Akademikern, die mit Intelligenz und nicht mit Sperma gezeugt wurden, bereits von Geburt an haben.

Sozialerhebung soziale Herkunft StudentenDiese Arbeiter, sie sind in Deutschland ein Problem, Anlass nicht enden wollender Hinweise von Wissenschaftlern bei der OECD, dass das deutsche Bildungssystem zu sehr auffällig sozial stratifiziert, dass diese Arbeiter, jene Bildungsfernen ohne reproduzierte Intelligenz, es zu selten schaffen, Kinder zu Bildungsaufsteigern zu erziehen. Manche sagen sogar, dass Kinder aus Arbeiterfamilien es nicht an Hochschulen schaffen, das sei Ergebnis des Bildungssystems. Das muss man sich einmal vorstellen, wo doch klar ist, dass das System nur die Unterschiede in der reproduzierten Intelligenz, die nun einmal unter Arbeiterkindern nicht vorhanden ist, reproduziert.

Es ist ärgerlich im höchsten Maße, dass sich die deutsche Bildungspolitik regelmäßig mit diesem Vorwurf der sozialen Selektion auseinandersetzen muss, mehr als ärgerlich angesichts der Tatsache, dass man in Deutschland in eine Intelligenzschicht geboren wird oder eben nicht. Also hat man beim BMBF wohl beschlossen, den Begriff Arbeiter gar nicht mehr zu verwenden. Im gesamten Studierendensurvey kommt er nicht vor.

Arbeiter werden zu bildungspolitischen personea non gratae erklärt und kommen einfach nicht mehr vor, bestenfalls als Bildungsaufsteiger, ein positiver Begriff, der für das Bildungssystem spricht, ganz im Gegensatz zu soziale Selegierung. Am Ende kommt noch jemand auf die Idee, dass Kinder von Eltern, die einen Hauptschulabschluss erreicht haben oder Kinder, denen man einen niedrige Bildungsherkunft attestieren muss, im deutschen Bildungssystem diskriminiert werden, wo doch klar ist, dass die Intelligenz der Akademiker von Generation zu Generation vererbt wird.

Ignorieren wir also, dass der Anteil von Studenten aus einem Elternhaus, dem im 20. Sozialbericht eine niedrige Bildungsherkunft bescheinigt wurde, gerade einmal 9% der Studenten ausmachen, die an Hochschulen ankommen. Denn: Das deutsche Bildungssystem ist gerecht: Wer intelligent ist und das sind die Kinder von Akademikern per Geburt, der schafft es auch bis zur Universität. Wer es trotz seiner nicht-intelligenten Herkunft an Hochschulen schafft, muss Bildungsaufsteiger sein, der Intelligenz nur im Bildungssystem erworben haben kann und schon haben wir diese dumme Diskussion um die soziale Selegierung des deutschen Bildungssystems beseitigt.

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5 Responses to Bundesministerium für Bildung eliminiert Arbeiterkinder

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  2. Heiner says:

    Seien wir ehrlich:

    Die Bildungsministerien eliminieren durch ihre Schulpolitik (“jahrgangsübergreifendes Lernen”, “Schreiben, wie man spricht”, Schaffung von Fächern wie “Naturphänomene” ( statt klassischer naturwissenschaftlicher und humanistischer Bildung) und ähnlichen pädagogischen Unsinn) vor allem die Bildung. Unabhängig von der sozialen Herkunft.

  3. rote_pille says:

    Ganz ehrlich: man kann froh sein, dass sie die Arbeiter nicht erwähnen. Nicht weil das System so gut oder der Sachverhalt unbedeutend wäre, sondern weil die “Lösung” der Politiker leicht vohersehbar ist: sie würden sofort eine (Sozial-?)Quote vorschlagen und Leistungskriterien würden nur noch unbedeutender werden. Das wahre Problem ist, dass wir in einem falschen System ohne Wettbewerb sind, weshalb die Voraussetzung fehlt um die Lösung feststellen zu können.

    • Ich glaube, Sie verkennen die Situation in Deutschland etwas. Niemand schlägt eine Quote vor, von der er nichts hat oder warum gibt es wohl eine Frauenquote, die ausschließlich Mittelschichtsfrauen zu Gute kommt? Eine Sozial-Quote brächte über kurz oder lang die Positionen der Mittelschicht in Gefahr, die in ihrer Mehrheit sowieso schon prekär lebt. Entsprechend wird es keine “Sozial-Quote” geben. Die Wette halte ich ab heute!

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