Verbitterung und Zuwanderung: Wenn Meinungsforscher zu Meinungsmachern werden wollen

Wissenschaft zerfällt derzeit in fünf Gruppen:

  • Legitimationsbeschaffer, die politische Vorhaben, Moden oder Trends befüttern;
  • Möchte-Gern-Manipulateure, die sich bei Regierungen damit andienen wollen, dass sie auf Grundlage von fragwürdiger Forschung herausgefunden haben wollen, wie man Bürger traktieren muss, damit sie tun, was sie nach Ansicht Dritter tun sollen;
  • Akademisiserte Beleidiger, die das wissenschaftliche Idiom missbrauchen, um krude Beleidigungen zu verpacken;
  • Wissenschaftler, die sich nicht an die Öffentlichkeit trauen;
  • Eine handvoll Wissenschaftler, die versuchen, in der Öffentlichkeit Gehör für Wissenschaft und Bewusstsein für ihre Methoden, Methodologie und Ergebnisse zu schaffen.

Wohin die Studie gehört, über die wir im Folgenden berichten, das ist eine Beurteilung, die wir unseren Lesern überlassen.

Beginnen wir mit der PR.
Die folgende Beschreibung findet sich in der Pressemeldung des DIW:

diw_logo„Je verbitterter Menschen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich wegen Zuwanderung nach Deutschland Sorgen machen. Das gilt für Frauen und Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten. So lauten die zentralen Ergebnisse einer Studie auf der Basis von Daten der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), die Ökonomen des Ifo Instituts in München und der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg erstellt haben. Die Studie wurde jetzt als 800. SOEPpaper veröffentlicht.“

Problem- und Wutbürger sind also Verbitterungsbürger, verbitterte Bürger, so das zentrale Ergebnis des 800. SOEP-Papers, dem wir uns nun etwas Genauer widmen. Um das zu tun, messen wir das SOEP-Paper am Anspruch, den es nach Ansicht des DIW erfüllt:

„Das Gefühl von Verbitterung wird in der Psychologie als eine Mischung aus Ärger und Hoffnungslosigkeit beschrieben, die daraus resultiert, dass Menschen sich von anderen Menschen oder vom Schicksal benachteiligt fühlen.“

Das ist die SOLL-Beschreibung. Das, was gemessen werden soll. Verbitterung = Ärger und Hoffnunglosigkeit als Ergebnis von Benachteiligung.

Nun zur IST-Beschreibung, denn die Autoren des 800. SOEP-Papers, die gezeigt haben wollen, dass Verbitterung mit Sorgen über die Zuwanderung verbunden ist, deren Ursache ist, wie die Autoren in ihrem Paper suggerieren wollen, diese Autoren, Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt, sie haben Verbitterung bei Befragten wie folgt erhoben:

SOEP FP Equity„Die folgenden Aussagen kennzeichnen verschiedene Einstellungen zum Leben und zur Zukunft. In welchem Maße stimmen Sie persönlich den einzelnen Aussagen zu? Im Vergleich mit anderen habe ich nicht das erreicht,
was ich verdient habe.“ Die Befragten haben die Möglichkeit, Ihre Zustimmung zu dieser Aussage auf einer siebenstufigen Skala von „Stimme überhaupt nicht zu“ bis „Stimme voll zu“ abzugeben.“

Und das soll Verbitterung messen.

Wer also der Ansicht ist, dass seine Anstrengungen nicht angemessen honoriert werden, weil er z.B. als Mann gegenüber Frauen bei der Rente benachteiligt wird oder weil sein Verdienst als Müllfahrer, ohne den das öffentliche Leben in Deutschland zusammenbrechen würde, hinter dem eines Politikers zurückbleibt, ohne den das öffentliche Leben in Deutschland weiterlaufen würde wie mit ihm, der ist also verbittert. Das behaupten die beiden Autoren des 800. SOEP-Papers.

Und deshalb haben sie die Aussage aus der Skala, in der sie sich befunden hat (siehe Abbildung oben), herausgelöst und dies damit begründet, dass die Aussage nicht mit Aussagen übereinstimmt, die Julian Rotter im Jahre 1966 zusammengestellt hat, um das von ihm entwickelte Konzept „Locus of Control“ zu messen. Und weil es nicht mit diesen Aussagen übereinstimmt, deshalb sind die Autoren der Überzeugung, dass es sich bei der oben genannten Aussage um ein gutes Maß für Verbitterung handelt. Warum auch nicht?

Die Aussage, dass man im Vergleich zu anderen nicht das erreicht habe, was man verdient hätte, ist übrigens ein Lehrbuchbeispiel für Equität, für Fairness in der Behandlung. Offensichtlich sind die Befragten der Ansicht, die Auszahlung, die sie für ihre Anstrengungen erhalten, sei im Vergleich zur Auszahlung, die Vergleichspersonen für ihre Anstrengungen erhalten, nicht fair. Eine Ansicht, die man gut nachvollziehen kann, wenn man sich ansieht, wer heute alles Lehrstühle besetzen darf, sich als Politiker aufführen darf und was die entsprechenden Darsteller im Vergleich zu unserem Müllfahrer verdienen.

SOEP 800Was das mit Verbitterung zu tun hat? Wir wissen es nicht. Dafür wissen wir, dass es etwas mit der Wahrnehmung von Fairness zu tun hat, und wir wissen, dass die Antwort auf die Aussage keinerlei Hinweis darauf gibt, wem der entsprechende Befragte die Schuld dafür gibt, dass er nicht erreicht hat, was er verdient, ob er den Nachbarn, seine Ehefrau, den Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz oder den lieben Gott oder sich selbst verantwortlich macht, das weiß niemand. Man hätte einen Hinweis darauf gewinnen können, wenn man die restlichen Aussagen, die in der Skala vorhanden sind, berücksichtigt hätte. Aber genau das haben Panu Poutvaara und Max Friedrich Steinhardt nicht getan. Warum wohl?

Sie wollen lieber logistische Regressionen, was sonst, geordnete logistische Regressionen berechnen, bei denen dann herauskommt, dass mit steigender Zustimmung zu der Aussage, man habe nicht erreicht, was man verdient habe, die Sorgen über Zuwanderung größer werden. Und das ist quer durch die Sozialstruktur so, wie die Autoren zeigen, ohne sich zu wundern. Es ist für Gering- und Besserverdiener der Fall, für Angestellte, Rentner und nicht-Erwerbstätige (also z.B. Studenten), es ist für Gering- und Hochqualifizierte der Fall, für Männer wie Frauen, Junge und Alte, Ostdeutsche und Westdeutsche.

Und alles, weil die Befragten verbittert sind, wie die Autoren behaupten – eine wahre Volksverbitterung. Verbitterung, nur zur Erinnerung, soll eine Mischung aus Ärger und Hoffnungslosigkeit beschreiben, die daraus resultiert, dass Menschen sich von anderen Menschen oder vom Schicksal benachteiligt fühlen. Poutvaara und Steinhardt messen, dass jemand denkt, er sei nicht fair behandelt worden, unterstellen ihm er fühle sich deshalb benachteiligt und phantasieren, dass derjenige, dem sie unterstellen, er sei der Ansicht, benachteiligt worden zu sein, bestimmt ärgerlich und hoffnungslos ist.

Warum Autoren wie Poutvaara und Steinhardt überhaupt noch Umfragen auswerten, ist eine Frage, deren Antwort sich uns nicht erschließt. Weder hindern sie die Daten daran, das zu interpretieren, was sie phantasieren, noch haben sie Probleme damit, Befragten Dinge zu unterstellen, die die Befragten nie gesagt haben. Forschung als freies Phantasieren.

Was haben die Autoren gezeigt?

Sie zeigen, dass Menschen, die der Ansicht sind, sie seien nicht fair behandelt worden, sich mehr Sorgen „über die Zuwanderung nach Deutschland“ machen. Vermutlich machen sich die entsprechenden Menschen auch mehr Sorgen über ihre Gesundheit und den globalen Terrorismus, nur haben Poutvaara und Steinhardt das nicht untersucht.

Eine weitere phantastische Glanzleistung vollbringen die Autoren, wenn sie „sich Sorgen machen“ mit „negativer Einstellung“ gleichsetzen. Wer sich also Sorgen über Zuwanderung macht, der hat ihrer Ansicht nach eine negative Einstellung zu Zuwanderern, was logisch zu dem Schluss führt, dass Eltern, die sich Sorgen über ihre Kinder machen, eine negative Einstellung gegenüber ihren Kindern haben müssen. Wer sich Sorgen über die Gesundheit seines Erbonkels macht, ist entsprechend als Erbschleicher enttarnt! Machen Sie sich eigentlich Sorgen über das, was alles als SOEP-Paper veröffentlicht wird?

Mit ihrer Phantasie wollen Poutvaara und Steinhard es jedoch nicht bewenden lassen. Ein wenig Unterstellung muss schon auch noch sein:

„Increasing bitterness is associated with growing worries about
immigration. One explanation is that those who are bitter have spiteful or envious preferences (Falk et al. 2005). They are deeply disappointed from life and wish to deny opportunities to improve one’s life also to others, including immigrants. An alternative interpretation behind the link between bitterness and attitudes towards immigration is that opportunities and potential success of others could make own failure hurt even more.“

Wer also denkt, er sei in seinem Leben hinter seinen Möglichkeiten geblieben, weil er nicht fair behandelt wurde, wer sich zudem Sorgen über die Zuwanderung nach Deutschland macht, der ist entweder eine gescheiterte Existent, die verhindern will, mit erfolgreichen Migranten konfrontiert zu werden oder ein bösartiger (spiteful) Neidhammel, der alles daran setzt, Zuwanderern die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu verbessern, zu verbauen.

Sind diese Unterstellungen, die auf keinerlei empirischer Basis vorgenommen werden, nun erschreckend, erstaunlich oder schlicht der Ausdruck wissenschaftlicher Boshaftigkeit, die von Neidhammeln ausgeht, die andere verunglimpfen, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie es im Leben an keine oder nur eine drittklassige Hochschule geschafft haben, obwohl Hochschulen derzeit mangels Angebot so ziemlich jeden als wissenschaftlichen Mitarbeiter rekrutieren, sofern er seinen Namen richtig schreiben kann?

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7 Responses to Verbitterung und Zuwanderung: Wenn Meinungsforscher zu Meinungsmachern werden wollen

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Verbitterung und Zuwanderung: Wenn Meinungsforscher zu Meinungsmachern werden wollen

  2. hgb says:

    Sehe ich die Entwicklung der Renten müsste es wohl heissen:
    “Increasing bitterness is associated with growing worries about increased living costs. One explanation is that those who are bitter have more and more costs by increased taxes and energy costs, which grows faster than their pension. They are deeply disappointed from the low level performance of politicians and wish to get opportunities to improve life for all people in a peaceful world.“

  3. Berliner says:

    Zu Martin Luther es ist schon sehr eigenartig das eine Schrift die seid 1543 im Umlauf ist erst jetzt im Jahr 2015 bekannt wird. Mir kommen doch da erhebliche Zweifel. Die Judenfeindlichkeit gab es schon lange vor Luther. Ich denke bloss an die Zeit der Kreuzzuege zurueck.Liebe EKD wir feiern 2017 500 Jahre Reformation also euren Geburstag Der erst durch Martin Luther und nicht MartIna oder Martinx Luther und seine 95 Thesen erst moeglich ist. Aber Ich kann mir sehr gut vorstellen das in den Reihen der EKD genug Personen gibt die Luther fuer immer verbannen wollen. Frei nach dem Motto keine Lutherstaedte mehr und Martin Luther Strassen sofort umbenennen

    • Hans Hartz says:

      Wer weiß, ob es 2017 noch etwas zu feiern gibt! Ich kann nur hoffen, dass viele anständige Menschen, nun aus der Kirche austreten. Glauben kann man noch viel besser ohne Kirche! Man soll die Kirchen in Moscheen umbauen. Diese Moscheen werden uns ohnehin nicht erspart bleiben! Ich brauche keine Kirche mehr, die uns Gläubigen feindlich gesinnt ist!

  4. Wird verlinkt unter Politische Meinungsbildung bei uns.
    http://www.DDRZweiPunktNull.de

  5. Pingback: Verbitterung und Zuwanderung: Wenn Meinungsforscher zu Meinungsmachern werden wollen | psychosputnik

  6. Martin says:

    Der Grund für die in der Studie gemachten Unterstellungen, bzw. die Studie überhaupt ist schlicht und einfach, das das DIW als komplett staatlich finanzierte Organisation das abgeliefert hat, was seine Geldgeber haben wollten.
    Es ist reine Propaganda, nichts mehr.

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