Aktion reine Medizin? Säuberungswelle erreicht Bundesärztekammer

Clauberg-Test;
Reiter-Syndrom;
Hallervorden-Spatz-Syndrom;
Van-Bogaert-Scherer-Epstein-Syndrom,
Beck-Ibrahim-Syndrom;
Cauchols-Eppinger-Frugoni-Syndrom;

Das sind Beschreibungen von Krankheitsbildern, reaktive Arthritis, Neurodegeneration mit Eisenablagerung, zerebrotendinöse Xanthomatose, Dermatomykose, chronisch-rezidivierende Entzündungen und eines Tests zur Bestimmung der biologischen Aktivität von Progesteron. Verschiedene Krankheitsbilder und ein Test und doch haben sie etwas gemeinsam.

Was wohl?

Hat jemand eine Idee?

Man muss kein Arzt sein, um auf die Gemeinsamkeit zu kommen. Es reicht, an das politisch-korrekte Zeitalter zu denken, in dem Reinheitsfanatiker durch die Lande ziehen, um Restbestände eines braunen Erbes zu finden.

Dämmert es nun?

Nazi-SyndromeGenau. Die fünf Krankheitsbilder und der eine Test, sie haben eine braune Vergangenheit. Carl Clauberg hat im KZ Auschwitz-Birkenau an Menschen experimentiert. Hans Reiter „schloss sich schon 1933 der NSDAP an“. Julius Hallervorden und Hugo Spatz haben mit Gehirnen von Behinderten gearbeitet, die im Nazi-Euthanasie-Programm umgebracht wurden. Des gleichen Vergehens hat sich Hans Joachim Scherer schuldig gemacht. Jussuf Ibrahim hat „schwerstgeschädigte kleine Patienten an die ‚Kinderfachabteilung‘ des Landeskrankenhauses Stadtroda“ weitergeleitet, obwohl er vom Euthanasie-Programm wusste. Und Hans Eppinger hat im KZ Dachau Menschenversuche durchgeführt.

Der, der diese Informationen  fast schon liebevoll zusammengetragen hat, ist Michael van den Heuvel. Er hat die Informationen zusammengetragen, weil er den von ihm zum Vorbild erklärten studentischen Horden, die ihre Universitäten von dem säubern wollen, was sie für „rassistisches Gedankengut“ halten, folgen will und die Bundesärztekammer anhält, die Namen der Nazi-Ärzte aus den von ihnen entdeckten Syndromen bzw. von ihnen entwickelten Tests zu tilgen.

Van den Heuvel ist offensichtlich ein besonders guter Mensch, der für sich ausschließen kann, dass er in einer vergleichbaren Situation so gehandelt hätte, wie dies die Ärzte getan haben, die er nun posthum enteignen will. Doch damit ist die Heuchelei noch nicht am Ende. Natürlich wird der Test weiterbenutzt und die von den Nazi-Ärzten entdeckten Syndrome werden nicht aus den medizinischen Lehrbüchern gestrichen. Nur die Namen der Entwickler bzw. Entdecker. Es handelt sich also um eine neue Variante des Diebstahls geistigen Eigentums, die Enteignung von Leistungen mit dem Verweis, dass der Leister ein Nazi gewesen sei (Juden hat man übrigens mit dem Verweis enteignet, dass sie Juden seien).

Ist der Clauberg-Test entsprechend gereinigt und zum Beispiel zum Sauber-Heuvel-Test umbenannt, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Wir nutzen zwar weiterhin einen Test mit NS-Geschichte, aber das stört nicht, denn der namentliche Bezug ist getilgt. Gleiches gilt für das Reiter-Syndrom oder das Hallervorden-Spatz-Syndrom, die man vielleicht in van-Heuvel-Syndrom1 und Syndrom2 umbenennen kann. Damit wird zwar nichts an der Tatsache geändert, dass die Syndrome durch die Untersuchung von Gehirnen entdeckt wurden, deren einstige Besitzer von anderen Nazi-Ärzten ermordet wurden, aber wir fühlen uns besser, besser in unserer neuen und heilen, weil NS-Namensfreien van-Heuvel-Welt, in der wir die Entdeckungen anderer enteignen können, uns ihrer Arbeit bemächtigen können, in ganz a-historischer, die Geschichte verfälschender Weise und so tun können, als wäre alles auf der Welt nur eitel Freude und Sonnenschein und medizinischer Fortschritt immer ohne Leid und Missbrauch zu erreichen (angesichts des Missbrauchs von Tieren durch Tierversuche eine Absurdität sondergleichen). Sie ist eine schöne neue Welt die van-Heuvel-Welt, eine Welt, in der die Heuchelei auf ganz neue Höhen geführt wurde.

Wir danken einem Leser von ScienceFiles für den Hinweis auf van Heuvels Text.

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5 Responses to Aktion reine Medizin? Säuberungswelle erreicht Bundesärztekammer

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  2. Chaeremon sagt:

    Diese Heuchelei kenne ich seit meiner Kindheit (sorry, soll nicht tl;dr werden). Mein Sandkastenfreund wohnte am Rand eines Bombenkraters in einem als Baracke bezeichneten ausgedienten Bahnwaggon. Der Krater wurde von einer Seite mit Müll gefüllt und die andere Seite diente uns als Abfahrtshang im Winter.

    Wir kannten jeden Stein, jeden Haufen, etc, im Krater, und fanden üppig WWII Orden, Leder Gurtzeug, Jacken, Ausweise, Handwaffen, etc.

    Als dann „Erwachsene“ unsere Sammlung entdeckten, wurden wir zwei Vorschulkinder hart bestraft.

    Daran hat sich bis heute nichts geändert: der Finder wird bestraft oder verunglimpft, die Verursacher sind totzuschweigen.

  3. Gernot Meyer sagt:

    Bedauerlicherweise werden wohl viele dieser zahllosen einfältigen Gestalten das Urteil der Nachwelt über sie nicht mehr erleben.

  4. Frank Möller sagt:

    Versuchen wir es doch einfach mal mit Logik:
    – Etwas was entdeckt wird, gibt es auch ohne Entdecker (im Unterschied zu Erfindungen).
    – Die Namensgebung einer Entdeckung ist völlig beliebig. (Reiter hat als einer der ersten 1916 reaktive Athritis beschrieben, also hat man es nach ihm benannt. Robert Koch hat den Typhus erfolgreich bekämpft, der hatte aber schon einen Namen. Pech gehabt.)
    – Die Leistung des Entdeckers ist mal mehr, mal weniger groß – aber ihm gehört das Entdeckte nicht.
    – Also müssen wir heute entscheiden, wie wir etwas benennen, was jemand irgendwann mal entdeckt hat. (Die reaktive Athritis wurde 1916 zeitgleich auch von Fiessinger und Leroy beschrieben, sie heißt daher auch manchmal Fiessinger-Leroy-Syndrome. Es ist also unsere Entscheidung, ob wir sie lieber Reiter- oder F-L-Synrome nennen.)
    – Eine Benennung hat meistens auch einen (leicht) ehrenden Charakter. Es ist also auch logisch, sie nicht zu verwenden, bzw. zu ändern, wenn aus heutiger Sicht keine Ehrung vorhanden ist.
    – Grundsätzlich sind bei der Frage einer Namensänderung folgende Argumente irrelevant:
    — Der die Änderung vorschlägt, ist ein linker Heuchler (denn Wissenschaft fragt nicht nach dem Hintergrund eines Arguments).
    — Wir wissen nicht, wie wir uns damals verhalten hätten (denn es geht nicht um eine unhistorische Verurteilung der Person, sondern um unsere Benennung heute – und wir wissen, wie wir uns verhalten wollen, also z.B. keine behinderten Kinder ermorden).

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