Deutschland: Von der demokratischen Despotie zur normativen Diktatur

Demokratischer Despotismus, so schreibt Alexis de Tocqueville,

“would resemble paternal power if, like that, it had for its object to prepare men for manhood; but on the contrary, it seeks only to keep them fixed irrevocably in childhood; it likes citizens to enjoy themselves provided that they think only of enjoying themselves. . . . It willingly works for their happiness; but it wants to be the unique agent and sole arbiter of that; it provides for their security, foresees and secures their needs, facilitates their pleasures, conducts their principal affairs, directs their industry, regulates their estates, divides their inheritances; can it not take away from them entirely the trouble of thinking and the pain of living? . . . [This power] extends its arms over society as a whole; it covers its surface with a network of small, complicated, painstaking, uniform rules through which the most original minds and the most vigorous souls cannot clear a way to surpass the crowd; . . . it does not tyrannize, it hinders, compromises, enervates, extinguishes, dazes, and finally reduces each nation to being nothing more than a herd of timid and industrious animals of which the government is the shepherd”.

Freiheit Tocqueville )Geschrieben wurden diese Zeilen vor rund 175 Jahren von Alexis de Tocqueville einem intensiven Beobachter und Kommentator der US-amerikanischen Demokratie. Die Tendenz des demokratischen Staates zu einem paternalistischen Ungeheuer zu werden, das sich nur wenig, wenn überhaupt von einem totalitären System unterscheidet, de Tocqueville hat sie bereits in demokratischen Anfängen gesehen, in denen es außer einer Administration und einem mehr oder weniger gelegentlich tagenden Parlament keine Strukturen zur Etablierung der demokratischen Herrschaft gegeben hat, denn mit dem US-amerikanischen Projekt der Demokratie hat sich das Ziel verbunden, Menschen einerseits die größtmögliche Sicherheit zu bieten, andererseits das Maximum an Freiheit zu garantieren. Anders formuliert: Eine Demokratie dient eigentlich den Zielen, der Freiheit und Sicherheit.

Nun stehen beide Ziele in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander, denn die Schaffung von Sicherheit setzt zwangsläufig die Aufgabe von Freiheit voraus. Wenn sich ein Bürger dem Gesetz unterwirft, gibt er damit die Freiheit auf, sich nach seinem Belieben zu verhalten. Wenn ein Bürger akzeptiert, dass für staatliche Leistungen wie den Schutz des Eigentums, Steuern zu entrichten sind, dann gibt er damit die Freiheit auf, über sein Einkommen vollständig zu verfügen. Wenn ein Bürger akzeptiert, dass ein gewähltes Parlament Gesetze in seinem Namen erlässt, dann gibt er damit die Freiheit auf, sein Leben in allen Punkten nach eigener Fasson zu leben. Entsprechend ist es für das Überleben einer Demokratie, dafür, dass sie nicht in die demokratische Despotie abgleitet, die de Tocqueville in seinem Zitat oben beschreibt, von größter Wichtigkeit, dass eine Balance zwischen der Freiheit der Bürger und dem Ziel der Sicherheit gefunden und gesichert wird.

Zu Zeiten von de Tocqueville wurde diese Balance durch eine Administration und Institutionen, die die Einhaltung der Gesetze kontrollieren und Verstöße ahnden, sowie durch gelegentliche Anpassungen, die vom Parlament vorzunehmen waren, gewährleistet. Trotz dieses rudimentären Staates hat de Tocqueville die Gefahr demokratischer Despotie gesehen.

Was würde er wohl heute sehen?

Moderne Versuche, demokratische Systeme zu erhalten, intervenieren in jeden Bereich des menschlichen Lebens. Um angeblich Sicherheit zu gewährleisten, wird immer mehr Freiheit geopfert und immer mehr Überwachung eingeführt. Und dass dem so ist, hat nicht etwa seine Ursache in einer erheblichen Bedrohungslage. Es hat seine Ursache in nepotistischen Verflechtungen, die sich daraus ergeben, dass Staaten immer mehr Aufgaben erfunden haben, für die sie Zuständigkeit reklamieren und Steuern kassieren können. Und dass Staaten immer mehr Aufgaben erfunden haben, von der Regulation der Inhaltsstoffe von Zahnpasta bis zur Überwachung der Ausdrucksweise im Internet, hat seine Ursache im Berufspolitikertum.

Berufspolitiker haben nichts gelernt, zeichnen sich durch keine besonderen Fähigkeiten aus, wie sie z.B. einen Tischler auszeichnen. Fragt man willkürlich Personen auf der Straße, dann wird man sehr genaue Tätigkeitsbeschreibungen für Zimmermänner, Dachdecker, Maurer, ja selbst für Finanzbeamte und Universitätsprofessoren erhalten. Aber was machen Politiker?

Im günstigsten Fall erhält man Aussagen wie: Im Parlament sitzen und Gesetze verabschieden. Der Tätigkeitsnachweis für Politiker, er besteht also darin, dass sie Gesetze verabschieden, dass sie das Leben in der Gesellschaft regeln, und zwar mit dem normativen Anspruch, das Leben richtig zu regeln, wobei richtig nicht das größte Glück für alle bedeutet, wie dies Jeremy Bentham noch gedacht hat, sondern richtig im Hinblick auf die herrschende Ideologie und die darin formulierte Überzeugung von gut und böse. Das hat mit dem größtmöglichen Glück für alle erst einmal nichts zu tun. Eher mit dem größtmöglichen Einkommen für die eigene Klientel. Nun haben Demokratien eigentlich keine Verwendung für Berufspolitiker, denn – wie gesagt – die Gewährung von Sicherheit und Eigentum, die zentralen Aufgaben eines demokratischen Regierungssystems, sie erfordern entsprechende Institutionen, eine funktionierende Administration und gelegentliche Anpassung in Parlamenten. Sie erfordert keine Berufspolitiker.

Ergo müssen Berufspolitiker sich eine Betätigung erfinden. Und welche Form von Betätigung kann ein Berufspolitiker für sich wohl finden? Den Bundestag streichen oder Bauarbeiten an Gebäuden des Staates durchführen? Wohl kaum. Die einzige Tätigkeit, die Berufspolitiker für sich erfinden können, sind Tätigkeiten, die Gesetzgebung umfassen. Und die entsprechenden Gesetzgebungstätigkeiten gibt es in genau zwei Weisen: Gesetzgebung, die die eigene Klientel bevorteilt, die von feindlicher Klientel nimmt und freundlicher Klientel gibt, und Gesetzgebung, die neue Interventionsbereiche und mit ihnen gleich die Notwendigkeit der Regulation erfindet.

Das gesamte Thema „Hate Speech“, das Mode-Thema, das die einfallslosen Tage von Heiko Maas mit Sinn gefüllt hat, es ist ein Beispiel für die Erfindung von gesetzlichen Interventionsmöglichkeiten, die einerseits als Legitimationsnachweis für Politiker dienen und andererseits als Versorgungsmöglichkeit für die eigene Klientel. Auf der Strecke bleibt die Freiheit, in diesem Fall die Meinungsfreiheit. Die Freiheit wird der Notwendigkeit geopfert, die Sprache, die z.B. im Internet gepflegt wird, zu kontrollieren. Es ist ja nicht so, dass in einer freien Gesellschaft jeder sagen darf, was er will. Nein, denn wenn jeder sagt, was er will, dann gefährdet dies die Sicherheit, so lautet die absurde Behauptung, die einen Zusammenhang zwischen Sprache am Ort x und Handlung am Ort y annimmt (Wenn im Internet das erlaubt ist, was Maas für Hasskommentare hält, dann wird in Wanne Eickel ein free Hate speechFlüchtlingsheim angesteckt). Für all diese Erfindungen gibt es keinerlei Belege. Die sind auch nicht notwendig, denn die Schar der Nutznießerclaqueure, sie steht schon bereit, um die Verschärfung der Gesetzgebung und weitere Beseitigung von Freiheit eifrig zu beklatschen und dann die Hände aufzuhalten, um die Steuergroschen zu empfangen, dafür, dass man sich zum willfährigen Blockwart im Auftrag von Berufspolitikern macht, die den Staat geentert haben und derzeit dabei sind, ihn in eine normative Diktatur zu verwandeln.

Denn die despotische Demokratie, von der de Tocqueville gesprochen hat, sie setzt rudimentäre Formen demokratischer Kontrolle und Einflussmöglichkeit, voraus und sie setzt vor allem die Möglichkeit voraus, die getroffenen Entscheidungen, die die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit gar zu sehr in Richtung Sicherheit verschoben haben, rückgängig zu machen. Können Sie sich an ein Gesetz erinnern, das in Deutschland jemals rückgängig gemacht wurde?

Wir auch nicht. Und deshalb wird das Netz immer enger. Deshalb wird die normative Diktatur immer umfassender, immer umfassender in ihren Vorgaben darüber, was man denken, sprechen, essen, trinken soll, wie man sich zu verhalten hat, die Freiheit immer geringer und die Steuern und Abgaben immer höher. Die einzige Hoffnung, die in der normativen Diktatur verbleibt ist die, dass die Anzahl derjenigen, die am System nutznießen schneller wächst als die Anzahl derer, die das erwirtschaften, was erstere vernutznießen, so dass am Ende geschieht, was zum Ende der Französischen Revolution geschehen ist: Die Revolution frisst ihre Kinder oder, in aktualisierter Variante: Die Nutznießer der normativen Diktatur haben den Baum erdrosselt, der sie ernährt hat.

 

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15 Responses to Deutschland: Von der demokratischen Despotie zur normativen Diktatur

  1. fdominicus says:

    Ein Kracher. In einem bestimmten Bereich habe ich mich fast genauso ausgelassen:
    https://www.q-software-solutions.de/blog/2016/04/wahrscheinliche-entwicklung/

    Sie beziehen sich auf Ideologie die zwingend Kontrolle voraussetzt, und zwar in allen Bereichen, nichts darf mehr “unüberwacht” bleiben und jeder Ausweg muß versperrt werden. Ich bezog mich auf einen wichtigen Bereich in dem es noch keine Totalüberwachung gibt – aber wo alles getan wird um hier zu einer Totalüberwachung zu kommen.

    Vielleicht sollten Sie “concerned with and about science” erweitern auf concerend with and about freedom ?

    Sie erkennen ja speziel auch das das Gegengewicht nur Liberalismus sein kann, das ist auch die einzige Waffe die mir einfällt….

  2. rote_pille says:

    Wer sitzt denn in den Parlamenten, wenn die Berufspolitiker erst mal gefeuert wurden? Und vor allem: mit welchem Anreiz sitzt er da?

  3. hwludwig says:

    Im Kern geht es darum, wie Macht von Menschen über Menschen ausgeschlossen werden kann. Denn Macht macht untertan, was mit dem Freiheits- und Selbstbestimmungsanspruch des Menschen nicht vereinbar ist.

    Es war ein langer Weg, die Usurpatoren der Macht vom angemaßten Thron zu stoßen, der in der Französischen Revolution eine Kulmination erreichte. Aber Freiheit wurde nur als Freiheit vom Joch der Königs- und Adelsherrschaft verstanden, und an deren Stelle trat die „Herrschaft des Volkes“ bzw. die Herrschaft einer gewählten Mehrheit von Volksvertretern. Damit ist die Befreiung des Menschen auf halbem Wege stecken geblieben, bis heute. Denn es geht doch darum, „die Alleinherrschaft eines Einzelnen in eine Herrschaft aller Einzelnen umzuwandeln, d. h., das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Bürgers sollte den absoluten Herrschaftsanspruch überhaupt ablösen.“ Es kommt nicht darauf an, „den Machtstaat in den Händen eines Einzelnen und einer gesellschaftlichen Oberschicht durch den Machtstaat in den Händen einer ´demokratischen´ Mehrheit abzulösen, sondern die Macht von Menschen über Menschen überhaupt zu beseitigen.“
    Grundsätzliche Gedanken:
    http://fassadenkratzer.wordpress.com/2014/10/03/macht-macht-untertan-die-unvereinbarkeit-von-staatlicher-macht-und-demokratie/

    • rote_pille says:

      Warum so um den heißen Brei herumreden? Der einzige Weg das zu erreichen ist den Staat gänzlich aufzulösen und jede Verfassung zu beseitigen. Vor allem aus dem Kopf. Wenn Sie denen das Recht zugestehen von Ihnen Geld zu nehmen und Sie einzusperren wenn Sie sich weigern zu zahlen, ist es nur eine Frage der Zeit bis wir wieder in der gleichen Situation sind wie heute. Problematisch sind die Mittel, die der Staat einsetzt und die sich niemals ändern, egal wie nobel die Ziele sind.

      • rolandtluk says:

        Willkür ist keine Alternative, sondern eine Tyrannis.
        Das geschriebene Wort, also die rechtliche Verfassung, ist der Weg zum Frieden immer gewesen.
        Nur wurde der junge Sproß der Bürgerbeteiligung von der Berufspolitikerklientel gekappert, weil die ehemalige Besatzung die Strukturen zum herrschen geschafft hatte. Als die Besatzungsmacht sich zurückzog, hat die Berufspolitik sich in dessen Hierachien eingenistet. Sie bedienen sich der gleichen Wege und Instrumente.
        Was wir brauchen ist eine Reformation hin zu einer Bürgerdemokratie, anders gesagt: Eine systematische Entmachtung der Berufspolitik.
        Weg von einer einzelnen allmächtigen Person, wie Bürgermeister, hin zu Gemeinderäten. Entmachtung durch direkte Abstimmung durch das Souverän.

        Das ist der Weg, der einzige Weg.

        • rote_pille says:

          Also alle Macht den Gemeinden? Und wie bringen Sie die dazu Ihrer Reformation zuzustimmen? Sie sagen Volksabstimmung und die sagen “Nö”…

  4. Bernhard says:

    Ein Systhem,welches diese “Mächtigen” jederzeit zur Verantwortung ziehen kann,würde dem Mißbrauch der Macht einen mächtigen Riegel vorlegen.
    Diktadoren wurden auch schon mal aufgehängt,wenn sie ihre Aufgabe nicht richtig erledigten. Und Massenmörder wie Bush,Obama,Schröder und Scharping würden maximal mit Hartz IV in den Ruhestand gehen.Leider nur ein Traum von mir.

  5. Detlef Dechant says:

    In der Tendenz findet der Artikel meinen Beifall. Aber wenn man einen “wissenschaftlichen” Anspruch erfüllt, so sollten Allgemeinplätze doch vorsichtig benutzt werden, bzw. es sollte besser recherchiert werden. Selbst das Grundgesetz wurde schon geändert und es wurden auch Absätze gestrichen. Und erinnert sich noch jemand an §218 StGB, den Kuppeleiparagrafen oder das “Kranzgeld”? Alles abgeschafft!
    Und auch die Qualifikation von Politikern ist im Großen und Ganzen noch durchaus angemessen, sinkt aber stetig. Sicher gibt es bestimmte Milieus in vorherrschend nach links ausgerichteten Parteien, in denen es Steinewerfer und Hausbesetzer ohne Ausbildung zu beträchtlicher staatlicher Alimentation schaffen – leider.
    Auch die zunehmende Skandalisierung von kleinsten “Vergehen”, der Verlust des Privaten und die Auslieferung an die Journaille lassen viele potentielle hochqulifizierte Kandidaten zurückschrecken nach dem Motto: Das muss ich mir nicht antun! Diese Lücke wird dann rasch gefüllt von Kandidaten, die wenig können, sich aber alles zutrauen (Studien in der USA haben übrigens bestätigt, dass gerade beim Mittelmaß eine erhebliche Selbstüberschätzung besteht!)
    Und so kommt es, dass in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr das Mittelmaß den Ton angegibt. Und da sich nur erstklassige Chefs erstklassige Mitarbeiter suchen, während zweitklassige Chefs vorzugweise auf drittklassige Mitarbeiter zurückgreifen (Ausschaltung der Konkurrenz), haben wir heute in verantwortlichen Positionen viele solche Personen sitzen.

  6. Der Ausnahmezustand in Frankreich zeigt, wo die Reise hingeht. Da der Islam weder plötzlich die Friedensposaunen anstimmen wird, noch die Moslems qua unreinem Leben in Europa in die Länder ihres Glaubens abwandern werden, und wir ja täglich neue Moslems als neue Nachbarn begrüssen dürfen (und böse Nazis mittlerweile auch in Frankreich unter PEGIDA firmierend Proteste abhalten), bleiben die Gründe für den Ausnahmezustand mindestens erhalten.

    Die Ausnahmesituation bar jeglicher bürgerlicher Rechte ist der neue Normalzustand. Weder Sarkozi und erst recht nicht LePen werden daran etwas ändern, wenn sie nacheinander das Regierungsamt übernehmen werden. Die republikanischen Werte sind damit erfolgreich und endgültig geschliffen.

    Die Abhaltung von weiteren Wahlen ist eigentlich eine Farce und ich habe keinerlei Zweifel, dass dies intern in den parteilichen Denkfabriken links und rechts des Rheins, wie auch Brüssel aktiv so gedacht wird. Und zwar in allen Facetten, Variationen und Konsequenzen. Die Eliten haben sich meinem Eindruck nach durch die zu indirekte Machtvertretung in den Parlamenten so weit abgenabelt, dass sie inzwischen an ihrer eigenen Sorte Demokratie herumbasteln und dank ihrer Netzwerke (und ich vermute auch durch die Installation schwacher Persönlichkeiten [Merkel!] in entscheidenden Positionen) auch durchdrücken können.

    Das plakative wie schwache Multikulti wird zum Steigbügelhalter des Autoritarismus, der im Hintergrund die “Notwendigkeiten” erledigt. Also uns vor der Vertretung unserer Interessen zu schützen.

    Was mir allerdings bei all der dissidentischen Diskussionen, die es dazu gibt, fehlt ist die technologische Komponente. Es ist anzunehmen, dass die Veränderungen in Relation zu den Möglichkeiten der Technik diskutiert werden. Und diese sind absehbar – für unsere Vorstellungskraft – unendlich:

    – Das Gedächnislöschen a la Men in Black ist Realität (wobei das Gerät etwas sperriger ist)
    – Die neuro-technologische Integration steht vor dem Durchbruch (Gerätesteuerung per Hirnstrom)
    – Eine Genuntersuchung wird in ca 10 Jahren unter 100$ kosten, gleichezeitig steht die gezielte Genmanipulation (CRISPR) vor dem Durchbruch
    – künstliche Intelligenz schlägt Mensch (kürzlich der Go-Computer, der “geniale” Züge machte und das in einem – ich kenne das Spiel nicht vermute aber – Logistikspiel)
    – und noch ein Beispiel aus dem eigenen Leben: Mein erster das gesamte Konfirmandengeld verzehrende PC, den ich Mitte der 90er kaufte und an dem ich alles gemacht habe was ich heute am PC noch immer mache hatte die selben Leistungsmerkmale, wie heute ein 10 Euro Handy

    Daraus folgt:
    – in 20 Jahren gibt es keine Krankheiten mehr
    – demnächst wird man Menschen (theoretisch) nach belieben steuern können
    – die Virtualität wird die Realität bis zur Jahrhundertmite größtenteils ersetzen; wir werden möglicherweise mehrere volle Existenzen gleichzeitig leben können
    – die technologische Produktivität ist hoch genug, um alle “normalen” Bedürfnisse mehr als zu decken
    – das Wirtschaftswachstum wird nicht stagnieren, sondern explodieren, sobald die KIs als Ratgeber zur Verfügung stehen (da die ganzen Smartphones so überzüchtet sind: bekommt vielleicht bald jeder eine Gini-App installiert?)

    Für mich sind das alles klare Indikatoren, dass Politik, Freiheit, Selbstbestimmung und Souveränität bald sehr, sehr unwichtig werden könnten. Ich vermute mal, unsere Enkel (vielleicht auch wir) werden uns nicht mehr allzu sehr für Politik interessieren, da sie im Hintergrund gemacht wird – oder gar nicht mehr und Großrechner die Aufgabe übernehmen, da kein Mensch mehr durchblickt und sowieso nur Fehler produzieren würde.

    Um das ganze in ein Bild zu pressen: Beim Auto gibt es mittlerweile allerlei Hilfsmittel, die einem das Fahren erleichtern und jedes Mal wenn sie eingreifen, blinkt etwas am Armaturenbrett auf. Vielleicht werden wir das irgendwann eingebaut haben und jedes Mal, wenn wir etwas dummes machen wollen blinkt vor dem geistigen Auge eine Warnanzeige auf und teilt mit, dass der innere Leviathan gerade einen neuro-chemischen Eingriff vorgenommen und die Hand mit dem Messer darin zum stehen gebracht hat.

    Dies wäre eine bei den tatsächlichen Eliten (nicht den Marionetten) Intelligenz voraussetzende Erklärung dessen, was gerade abläuft. Hinterfotzig wäre es trotzdem.

    • rote_pille says:

      Sie kommen definitiv nicht aus dem technischen Bereich lmao…

      • Nein, aber ich habe zufällig einen Direktzugang zu einem der beschriebenen Bereiche, weis also zumindest in Teilen, worum es geht und was möglich ist. Wo hakt es denn in meiner Einschätzung?

        • rote_pille says:

          Das wird ein ziemlich langer Text, sende ich später…

        • rote_pille says:

          “in 20 Jahren gibt es keine Krankheiten mehr”
          Ein bisschen zu optimistisch nicht wahr? Die haben es noch nicht geschafft die Pflanzen allein durch Gentechnik resistent gegen Schädlinge zu machen…

          “demnächst wird man Menschen (theoretisch) nach belieben steuern können”
          Extrem unwahrscheinlich, denn es gibt noch nicht einmal eine Methode um herauszufinden was jemand genau denkt. Also man Gedanken erst recht nicht gezielt manipulieren können – außer natürlich mit irgendwelchen Drogen, was aber der beliebigen Steuerung nicht einmal nahekommt, sondern höchstens Stimmungschwankungen (und Schäden) erzeugt. Außerdem kommt man an das Gehirn ohne eine komplizierte Operation nicht heran.

          “das Wirtschaftswachstum wird nicht stagnieren, sondern explodieren, sobald die KIs als Ratgeber zur Verfügung stehen”
          Totale Fehleinschätzung der Bedeutung der Technologie für das Wirtschaftswachstum einerseits – das Wichtigste sind wirtschaftliche Freiheit und unbehinderte Kapitalakkumulation, sonst wird niemand Anreize haben diese Technologien überhaupt zu entwickeln – andererseits ist nicht einmal klar was Sie sagen wollen, denn ich weiß nicht wann für Sie eine Maschine so weit entwickelt ist, dass Sie sie als KI-Einheit bezeichnen würden. Was das Ratgeben angeht: schon heute wird alles Machbare in der Richtung ausgeschöpft: an den Finanzmärkten durch Computer, die nach irgendwelchen wirtschaftlichen Modellen handeln und im Internet wo sie durch Data Mining versuchen herauszufinden, welche Produkte ein Kunde am ehesten kaufen würde. Irgendein ungeahntes Potenzial ist da nicht mehr vorhanden.
          Mehr als irgendwelche Muster in Daten zu suchen wird eine KI nicht leisten können. Und auch die mathematischen Modelle die die Maschine benutzt “versteht” sie nicht wirklich, sondern speichert nur ihre Koeffizienten und rechnet mit ihnen. Und die KIs, die Menschen bei irgendwelchen spielen schlagen, brauchen eigentlich nur eine genügend große Teilmenge an Möglichkeiten durchzugehen, um eine suboptimale Lösung zu finden, die der Mensch nicht findet, weil er in nicht in der Lage ist in genügend kurzer Zeit eine so große Menge an Möglichkeiten durchzugehen. Menschen wären zu so was natürlich in der Lage, denn wie hätten sie sonst den Algorithmus schreiben können?

          “die Virtualität wird die Realität bis zur Jahrhundertmite größtenteils ersetzen; wir werden möglicherweise mehrere volle Existenzen gleichzeitig leben können”
          – Es ist logisch unmöglich, gleichzeitig mehrere virtuelle Existenzen – ich verstehe darunter übrigens nur eine etwas ausgefeiltere Version von Second Life – zu steuern.

          “Ich vermute mal, unsere Enkel (vielleicht auch wir) werden uns nicht mehr allzu sehr für Politik interessieren, da sie im Hintergrund gemacht wird – oder gar nicht mehr und Großrechner die Aufgabe übernehmen, da kein Mensch mehr durchblickt und sowieso nur Fehler produzieren würde.”
          Der einzige Grund wieso Politik überhaupt gemacht wird ist um anderen seine private Interessen mit Gewalt aufzuzwingen. Aus diesem Grund werden KIs vielleicht bei der Überprüfung der Steuererklärungen eingesetzt, aber niemals so, dass sie mithelfen, Politikinhalte, die an objektiven Kriterien gemessen ideal sind, zu erfinden. Denn es interessiert die Herrschenden schlicht und einfach nicht, ob ihre Politik sinnvoll ist oder nicht. Sie versuchen im eigenen Interesse zu handeln, und deshalb werden sie das System niemals auf die Art und Weise ändern, dass sie danach nicht mehr dazu in der Lage sind. Wenn ein Politiker Geld von einem Unternehmen bekommen hat, dann wird es ihn nicht interessieren ob eine Maschine die Wirtschaftsdaten des Landes ausgewertet und gemerkt hat, dass die Subventionen an dieses Unternehmen sich negativ auf das BIP ausgewirkt haben.

          Vor der Technologie brauchen Sie keine Angst zu haben. Die Probleme verursachen allein die Menschen.

          • Danke für die Antwort.

            >>“in 20 Jahren gibt es keine Krankheiten mehr”
            >”Ein bisschen zu optimistisch nicht wahr?”

            Nicht wirklich meine ich. Die Gentechnik sitzt gerade auf einer Blase die bald platzen wird. Zum einen wegen der erwähnten gezielten Genmanipulation, die in 5-10 Jahren Standard sein wird und zum anderen, weil die Genomentschlüsselung zunehmend in einen Bereich kommt, in dem das Durchführen von Massengentests Sinn macht. Das wird der Fall sein, sobald ein Test unter 100$ fällt – in ebenfalls in 5-10 Jahren. Danach kommt eine kurze Zeit des Gengesundheitsharakiri, bei dem sich die Investoren auf alle möglichen Krankheiten die Genreparatur patentieren lassen. Diese goldene Pharmaphase dauert dann weitere 5-10 Jahre, dann kommen die Generika auf den Markt und danach ist das Krankheitsthema ein für alle Mal gegessen. Spätestens 2050 wird der Weihnachtsbaumwohnungsbrandtod die häufigste Todesursache sein – im verbliebenen christlichen Teil der Welt..

            >>“demnächst wird man Menschen (theoretisch) nach belieben steuern können”
            >”.. es gibt noch nicht einmal eine Methode um herauszufinden was jemand genau denkt.”

            Da wäre ich mir nicht mehr so sicher. Zur Zeit laufen laufen ein paar ziemlich abgefahrene Programme, bei denen die neuronalen Verbindungen direkt rauskopiert werden, war sogar in den Medien. http://www.focus.de/wissen/bild-der-wissenschaft/tid-15530/hirnforschung-der-heidelberger-hirnhobel_aid_436093.html

            >”Außerdem kommt man an das Gehirn ohne eine komplizierte Operation nicht heran.”

            Es gibt da einen Teil des Gehirns, der von außen direkt zugänglich ist: Die Augen. Da diese sind unmittelbar mit dem Gehirn verbunden sind gibt es keine physische Schranke, die durchgeschickte Signale aufhält oder sie verfälscht. Beispielsweise können epileptische Anfälle ausgelöst werden durch Lichtblitze. Etwas feiner eingestellt lassen sich auch andere Sachen anstellen. Etwa Kurzzeiterinnerungen löschen, aber auch (nicht visuelle) Informationen einpflanzen. Man muss nur die richtige Frequenz finden. Ich würde sogar wetten, dass es möglich wäre “visuelles Heroin” herzustellen. Also einen Lichtpuls, der im Gehirn die selben Symptome hervorruft, wie ein Schuss Heroin. Insgesamt sind bei der Sache kaum Grenzen gesetzt.

            >> “das Wirtschaftswachstum wird nicht stagnieren, sondern explodieren, sobald die KIs als Ratgeber zur Verfügung stehen”
            > “Totale Fehleinschätzung der Bedeutung der Technologie für das Wirtschaftswachstum einerseits.. schon heute wird alles Machbare in der Richtung ausgeschöpft: an den Finanzmärkten durch Computer.. Data Mining .. Irgendein ungeahntes Potenzial ist da nicht mehr vorhanden.”

            Natürlich spielen viele Faktoren mit rein. Nur, Technologie ermöglicht Produktivitätssteigerungen und krasse Technologie ermöglicht krasse Produktivitätssteigerungen. Und wir haben die Schwelle zu “krass” bereits überschritten. Das bedeutendste Defizit liegt im Mitteleinsatz der Möglichkeiten. Hier werden KIs einen großen Anteil haben, das zu optimieren. Das Beispiel mit dem Go-Logistik-Computer zeigt wo die Reise hingeht. Ich vermute, allein auf dem Produktivitätsniveau von 30.000 Euro im Jahr lassen sich schnell >100% rausholen, sobald das ganze per KI durchplanbar ist. Logistik ist dabei das Hauptoptimierungsproblem, aber ich kann mir auch Ratgeber vorstellen, die im wissenschaftlich-technischen Bereich optimale Entwicklungspfade aufzeigen können.

            > “andererseits ist nicht einmal klar was Sie sagen wollen, denn ich weiß nicht wann für Sie eine Maschine so weit entwickelt ist, dass Sie sie als KI-Einheit bezeichnen würden.”

            Stellen Sie sich Computer vor als binäre Entscheider für komplexe Prozesse. Heute liegen sie bei vielleicht 60% der Entscheidungen richtig (3 von 5 richtig angezeigten Produktempfehlungen) und bald werden es 99% sein. Niemand wird mehr bei irgendwas darauf verzichten wollen. Im kleinen wie im großen.

            >>“die Virtualität wird die Realität bis zur Jahrhundertmite größtenteils ersetzen; wir werden möglicherweise mehrere volle Existenzen gleichzeitig leben können”
            >”– Es ist logisch unmöglich, gleichzeitig mehrere virtuelle Existenzen – ich verstehe darunter übrigens nur eine etwas ausgefeiltere Version von Second Life – zu steuern.”

            Sobald das Kabel über dem Atlas eingesteckt ist wird unsere Wahrnehmung von Realität eine völlig andere werden. Wir werden in eine Art Traumzustand abgleiten und durch die Virtualität schweben. Gleichzeitigkeit wird keine Rolle mehr spielen, da wir virtuell alles sofort und überall anzapfen können. Die einzelnen Merkmale die uns definieren (Interessen, Intelligenz, Geschmack, Launen etc), müssen nicht mehr in eine Persönlichkeit zusammengefasst werden, da wir nicht mehr auf einen Körper angewiesen sein werden, sondern darüber hinaus wahrnehmen können. Die einzelnen Ausprägungen werden sich verselbstständigen, ausdefinieren und anfangen ein Eigenleben zu führen. Ich halte es für möglich, dass wir irgendwann ein eigene Technologie bekommen werden, um im realen Leben die Gesamtkomposition des individuellen Charakters zusammenhalten zu können. Wir alle werden schizophren sein. Und süchtig nach dem Hypernet.

            Mindestens das las sich jetzt auch für mich ziemlich verrückt. Sie dürfen aber nie vergessen, dass selbst bei einem konstanten technischen Fortschritt von 5% im Jahr in 15 Jahren das doppelte des heutigen möglich sein wird und bis 2050 gut das Fünffache. Sollte der Fortschritt ab 2030 sich beschleunigen auf 10% im Jahr aufgrund intelligenter technischer Entscheidungshilfen, dann werden wir 2050 beim dreizehnfachen des jetzigen stehen. Das ist aus heutiger Sicht ebenso unvorstellbar.

            Noch was zur Politik: Ich meine, diese könnte insofern unwichtig werden, als dass unsere Bedürfnisse trotz Machtintrigen und politischer Gier so gut befriedigt werden, dass es uns egal sein wird, wer im Hintergrund den Leviathan spielt. Es könnte sogar so weit kommen, dass die Politk keine Entscheidungen mehr treffen muss und noch nichteinmal mehr als Störfaktor taugt, weil die Sachen von den KIs im Lot gehalten werden, also die Interessenvertretung und Interessenverteidigung ohne die Politarena zur Zufriedenheit aller funktionieren.

            Politik gäbe es natürlich trotzdem noch, aber nur noch als purer Kropf. Ab einem gewissen Punkt wird Politik auch nicht mehr die technische Entwicklung stoppen können, da die KIs zu intelligent sind und einfach niemand mehr weis, was getan werden muss, um eine Änderung hervorzurufen. Also so wie heute, nur mit weniger Krisen, da der Politik die Hände gebunden sein werden. Am Ende wirds dann zwar einen Riesenknall geben und alles auf Null setzen, aber das ist eine andere Geschichte;-)

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