Unsinn der Woche: Butterwegges Wissenschaftlichkeit – Bilanz verheerend

So manchem Lehrstuhlbesetzer scheint der Unterschied zwischen Wissenschaft und ideologischer Agitation vollkommen unbekannt zu sein. Dass Ideologie aus unbelegten Behauptungen besteht, eben das macht sie zur Ideologie, und zudem an niedrigste Instinkte (z.B. Neid) oder vermeintlich gute Gefühle (z.B. Solidarität) appelliert, während Wissenschaft aus prüfbaren Aussagen über die Wirklichkeit besteht, die entsprechend an die Rationalität von Menschen gerichtet sind, ist diesen Lehrstuhlbesetzern vollkommen unbekannt. Zu finden sind diese Vertreter eines modernen Agitprop nicht mehr auf den Lehrstühlen für Marxismus-Leninismus oder – in anderer Variante – auf den Lehrstühlen für institutionalisierte Technikfeindlichkeit und Phantasien des kulturellen Identitätsverlusts, heute findet man die entsprechenden Ideologen auf Lehrstühlen für Gender… [passendes Nomen bitte ergänzen] oder, was mir als u.a. studiertem Politikwissenschaftler besonders weh tut, auf Lehrstühlen für Politikwissenschaft.

Christoph Budderwegge ist so ein Ideologe, der an einer Universität einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft besetzt hält, ohne daraus die Verpflichtung abzuleiten, auch nur ansatzweise wissenschaftliche Aussagen von sich zu geben. Ein sehr gelungenes, weil entlarvendes Beispiel, das als Beleg für die von mir gerade gemachte Aussage dient, ist ein Interview, das Butterwegge als “Armutsforscher” dem Sender n-tv unter der Überschrift “Butterwegge: Bilanz verheerend” zu Hartz IV gegeben hat. In diesem Interview “behauptet” Butterwegge, er “glaubt”, und er ist der “Ansicht”, nur eines ist er nicht: Forscher.

Butterwegge behauptet, dass Hartz IV, das unter dem Motto “Fordern und Fördern” steht, mit der geheimen Intention des nur Forderns und des gar nicht Förderns verbunden gewesen sei. Warum er das behauptet, bleibt Butterwegges Geheimnis, denn er liefert keinerlei Belege für seine Behauptung. Möglicherweise ist Peter Hartz Butterwegge im Traum erschienen und hat ihm die Wahrheit hinter Hartz IV eingeflüstert oder der Beichtvater von Hartz ist gleichzeitig der Beichtvater von Butterwegge und hat sich einer Indiskretion schuldig gemacht. Wie auch immer, was Butterwegge behauptet, kann nicht belegt werden, entsprechend gehöhrt es ins Reich der Mythologie, nicht in die Wissenschaft.

political cartoons by Eric Allie

Butterwegge glaubt, dass die Belegschaft unter Druck nicht kreativer und  produktiver werde, wobei er mit Druck den Wettbewerb um Arbeitsplätze meint, weil er es vermutlich als Druck empfinden würde, müsste er mit anderen um einen Lehrstuhl konkurrieren. Indes, nicht alle sind so veranlagt, wie Herr Butterwegge, nein, es gibt gar Menschen, die wollen konkurrieren, zeigen, dass sie in einem bestimmten Bereich mehr leisten können als andere. Dies mag für Butterwegge unvorstellbar sein, dennoch könnte er es wissen, wäre er Wissenschaftler und würde sich z.B. mit der sehr umfangreichen Litertaur zum Thema “Human Resource Management” befassen. Da gibt es zum Beispiel einen Edward P. Lazear, den mittlerweile gealterten Jack Steel Parker Professor of Human Resources Management and Economics an der Stanford University in den USA, der sich seit Jahrzehnten mit Fragen der Mitarbeitermotivation befassst und der aufgrund seiner empirischen Forschung immer und immer wieder zu dem Ergebnis gelangt ist, dass Arbeitnehmer konkurrieren wollen, um die mit einer besseren Leistung verbundenen extrinsischen Belohnungen, in Form von Status, höherem Einkommen, Lob oder Unternehmensbeteiligungen zu erzielen.  Ein solches Menschenbild ist Butterwegge offensichtlich fremd. Dass Menschen ihr Leben in die Hand nehmen wollen und nicht von Lehrstuhlinhabern wie ihm paternalisiert und zum Gegenstand von Sorge und Aufregung gemacht werden wollen, ist ihm völlig unnachvollziehbar. Solche Erkenntnisse kann man auch nur haben, wenn man offen für die Realität ist, die Empirie nicht der eigenen Ideologie anpasst, wenn man Wissenschaftler ist, was Butterwegge offensichtlich nicht ist.

Butterwegge hat auch Ansichten. Ansichten wie die folgende: “Die Zahl psychischer Erkrankungen ist meiner Ansicht nach auch ein Resultat von Hartz IV.” Warum Hartz IV? Warum nicht der Sonnenwind, die Qualität des öffentlich-rechtlichen Programmangebots? Warum nicht Bluthochdruck als Folge von Butterwegges Interview? Warum nicht die Einwirkung von falsch aufgehängten Feng Shui Devotionalien? Warum nicht das Wirken eines bösen kapitalistischen Mephisto, der den Menschen Hartz IV gibt und psychische Gesundheit im Gegenzug als Bezahlung nimmt (denn mit psychischer Gesundheit lässt sich im Andromeda Nebel ein hoher Gewinn erzielen)? Die Antwort auf diese Fragen werden wir nie erfahren, denn Butterwegges Ansicht ist eben eine Ansicht, man kann sie haben oder auch nicht. Belege für diese Ansicht Butterwegges gibt es nicht. Abermals befinden wir uns somit im Bereich der Mythologie, abermals nicht im Bereich der Wissenschaft.

Was passiert, wenn sich Ideologen auf das für sie brüchige Eis konkreter Aussagen begeben, also Aussagen machen, die man prüfen kann, wird im Interview von Butterwegge mehr als deutlich. Nachdem er sinniert hat, dass die Arbeitslosenstatistik “frisiert” wird, belegt er diesen Gedanken mit der folgenden Aussage: “Da wird mit statistischen Taschenspielertricks gearbeitet, um das Elend zu beschönigen. Aufschlussreich ist die Tatsache, dass es fast doppelt so viele Bezieher von Arbeitslosengeld I und II gibt wie Menschen, die offiziell als arbeitslos gelten.” Es mag dem Armutsforscher Butterwegge entgangen sein, dass Arbeitslosengeld II aus der ehemaligen Sozialhilfe und der Arbeitslosenhilfe zusammengebaut wurde. Entsprechend erhalten nicht nur Arbeitslose Hartz IV, vielmehr umfasst der Kreis der Hartz-IV-Empfänger folgende Gruppen:

§ 7 SGB II: “(1) Leistungen nach diesem Buche erhalten Personen, die 1. das 15. Lebensjahr vollendet und die Altersgrenze nach § 7 a noch nicht erreicht haben, 2. erwerbsfähig sind, 3. hilfsbedürftig sind und 4. ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland haben”.

Damit nicht genug:

§ 7 Abs. 2 SGB II: “Leistungen erhalten auch Personen, die mit erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in einer Bedarfsgemeinschaft leben”.

Und weiter:

§ 7 Abs. 3 SGB II: Zur Bedarfsgemeinschaft gehören 1. die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, 2. die im Haushalt lebenden Eltern oder der im Haushalt lebende Elternteil des unverheirateten erwerbsfähigen Kindes, welches das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, und die im Haushalt lebende Partnerin oder der im Haushalt lebende Partner des Elternteils, 3. als … Partner der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten a) die nicht dauernd getrennt lebende Ehegattin oder der nicht dauernd getrennt lebende Ehegatte, b) die nicht dauernd getrennt lebende Lebenspartnerin oder der nicht dauernd getrennt lebende Lebenspartner, c) eine Person, die mit der erwerbsfähigen leistungsberechtigten Person in einem gmeinsamen Haushalt so zusammenlebt, dass nach verständiger Würdigung der wechselseitige Wille anzunehmen ist, Verantwortung füreinander zu tragen und füreinander einzustehen.”

Kurz: Es ist nicht notwendig, arbeitslos zu sein, um Hartz-IV-Empfänger zu sein. Einem “Armutsforscher” , der sich mit Hartz IV beschäftigt haben will, sollte dies bekannt sein.

Ein letztes Kriterium, das geeignet ist, Ideologen von Wissenschaftlern zu trennen, ist die Logik. Ideologen haben es nicht so mit Logik, um genau zu sein, sie hassen Logik und scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Lassen Sie sich dennoch einmal auf Logik ein, dann wird es verheerend: “Ja, es stimme, heute gebe es deutlich weniger Arbeitslose als damals [vor der Einführung von Hartz IV], die Arbeitslosenquote sei deutlich gesunken, so Butterwegge weiter. Berücksichtige man allerdings die derzeitige Weltkonjunktur, handele es sich eher um einen Scheinerfolg”.

Vermutlich alle Ökonomen werden den folgenden logischen Zusammenhang als richtig ansehen: Je besser die wirtschaftliche Konjunktur, desto geringer die Arbeitslosigkeit. Wenn somit der Rückgang der Arbeitslosigkeit ein Scheinerfolg ist, der mit der Weltkonjunktur begründet wird, und man annimmt, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit eine gute Weltkonjunktur vorraussetzt, dann wirft dies die Frage auf, was daran ein Scheinerfolg sein soll, denn die Arbeitslosigkeit ist ja offensichtlich und nicht nur scheinbar zurückgegangen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Weltkonjunktur seit der Finanzkrise und mitten in der Krise der Eurozone nicht rosig ist, denn stellt sich die Frage nach der Bedeutung des “Scheins” vor dem Erfolg noch dringlicher.

Die einzige Auflösung für diesen logischen Widerspruch zwischen dem vermeintlichen Schein und der realen Entwicklung “scheint” mir Leon Festinger mit seiner Theorie kognitiver Dissonanz zu liefern: Wenn man sich seit Jahrzehnten so sehr wie  Christoph Butterwegge das getan zu haben scheint, im Kampf gegen den ideologischen Feind Kapitalismus und alle seine Institutionen engagiert hat, dann kann es einfach nicht sein, dass die Realität zeigt, dass der Feind so schlecht gar nicht ist, das passt nicht zur eigenen Ideologie und muss deshalb ein Schein sein. Eine derartige Vorgehensweise, mag den ideologischen Seelenfrieden des Herrn Butterwegge wieder herstellen, sie steht jedoch im Widerspruch zur Realität und ist gänzlich unwissenschaftlich.

Deshalb und aus den oben genannten Gründen, ist das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme im Hinblick auf Butterwegges Wissenschaftlichkeit auch einfach nur verheerend. Dies mag ihn zum Bundespräsidentschaftskandidaten der Linken qualifizieren, aber nicht zum Wissenschaftler.

Bildnachweis:
Eric Allie

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